WEBVTT

00:00:02.300 --> 00:00:07.340
<v Michael>Bei Anruf Wein. Der Weinfreunde-Podcast.

00:00:09.590 --> 00:00:11.610
<v Tobias>Ich grüße euch, liebe Weinfreunde.

00:00:11.610 --> 00:00:12.890
<v Tobias>Mein Name ist Tobias.

00:00:12.890 --> 00:00:14.960
<v Tobias>Willkommen Bei Anruf Wein.

00:00:15.560 --> 00:00:22.040
<v Tobias>Den sperrigen Begriff autochthon hat der ein oder andere sicher schon im
Zusammenhang mit Rebsorten gehört.

00:00:22.340 --> 00:00:24.530
<v Tobias>Aber was meint dieser Begriff genau?

00:00:24.530 --> 00:00:27.290
<v Tobias>Und hilft er bei der Suche nach einem guten Wein?

00:00:27.830 --> 00:00:33.290
<v Tobias>Wo diese Bezeichnung überhaupt herkommt, hat Michael bestimmt wieder ganz
hervorragend recherchiert.

00:00:33.680 --> 00:00:40.130
<v Tobias>Apropos, hervorragend recherchiert hat man übrigens auch, wenn man Bei Anruf
Wein entdeckt hat.

00:00:40.550 --> 00:00:44.690
<v Tobias>Jetzt heißt es nur noch den Podcast abonnieren und ihn bewerten.

00:00:45.170 --> 00:00:49.640
<v Tobias>Das würde mich und den autochthonen Michael extrem freuen.

00:00:50.360 --> 00:00:52.130
<v Tobias>Also bleibt mal dran.

00:00:52.340 --> 00:00:53.600
<v Tobias>Ich ruf den mal an!

00:00:59.630 --> 00:01:01.680
<v Michael>Hallo, mein lieber Tobias.

00:01:01.680 --> 00:01:02.570
<v Tobias>Grüß dich.

00:01:02.570 --> 00:01:07.170
<v Michael>So, bevor wir jetzt hier richtig einsteigen, möchte ich noch eines vorab
schicken, ja?

00:01:07.170 --> 00:01:09.110
<v Michael>Es ist noch nichts entschieden.

00:01:09.110 --> 00:01:10.750
<v Michael>Noch gar nichts, Herr Weinlakai.

00:01:10.750 --> 00:01:11.290
<v Tobias>Was?

00:01:11.290 --> 00:01:13.790
<v Michael>50 zu 50 lautet das Ergebnis.

00:01:13.820 --> 00:01:14.900
<v Tobias>Was für ein Ergebnis?

00:01:14.900 --> 00:01:17.390
<v Michael>Und das nach nur einer Folge über Spirituosen.

00:01:17.390 --> 00:01:20.630
<v Michael>Also ich sehe das jetzt als eine klare Ermutigung.

00:01:20.810 --> 00:01:30.140
<v Michael>Ja, also, vielen lieben Dank, ihr Abstimmerinnen und Abstimmer, verehrte
Pro-Spirituosen-Fraktion auf dem Instagram-Channel von Weinfreunde.

00:01:30.620 --> 00:01:34.190
<v Michael>Ich stehe schon in den Startlöchern für die nächste Folge.

00:01:34.520 --> 00:01:35.450
<v Michael>Versprochen.

00:01:35.600 --> 00:01:37.910
<v Tobias>Ja, ja, ja, Das ist ja schon wieder mal eine Begrüßung.

00:01:38.150 --> 00:01:47.450
<v Tobias>Toll, wirklich. Also ich dachte ja, du fragst mich, wie meine Reise nach Kreta
war und ich erzähle dir von meinen spannenden Weinentdeckungen auf der Insel und

00:01:47.450 --> 00:01:50.900
<v Tobias>dass es dort jede Menge autochthone Rebsorten - Achtung - gibt.

00:01:51.200 --> 00:01:57.710
<v Tobias>Aber nein, du redest natürlich direkt über deine Pseudovolksabstimmung zur
vergangenen Folge über Gin.

00:01:58.100 --> 00:02:07.670
<v Tobias>Und nur mal so by the way, also 50 zu 50 in einem Abstimmungsergebnis ist
jetzt, sage ich mal, weniger gut als, na ja, so

00:02:07.670 --> 00:02:09.400
<v Tobias>90 zu 10 oder so.

00:02:09.400 --> 00:02:11.990
<v Tobias>Aber na ja, das jetzt nur mal so am Rande.

00:02:12.320 --> 00:02:17.960
<v Tobias>Aber entscheidender ist ja jetzt, dass es heute im Podcast endlich wieder um
ein Weinthema geht, ja.

00:02:18.200 --> 00:02:21.530
<v Tobias>Und zwar um die sogenannten autochthonen Rebsorten.

00:02:21.530 --> 00:02:28.820
<v Tobias>Das hat, glaube ich, mit Spirituosen so gar nichts zu tun, weckt aber bestimmt
in dir den Germanisten.

00:02:29.090 --> 00:02:37.220
<v Tobias>Also leg doch mal los und erzähle uns etwas über dieses, na ja, irgendwie
schrecklich schöne Wort, autochthon.

00:02:37.520 --> 00:02:38.900
<v Michael>Eieiei, Kreta.

00:02:38.900 --> 00:02:42.750
<v Michael>Klar, vergessen, aber dass du jetzt wieder so überempfindlich wirst?

00:02:42.750 --> 00:02:50.330
<v Michael>Als du in Kreta warst, hast du mich dreimal am Tag angerufen, um mich mit
irgendwelchen unaussprechlichen Weinen ja neidisch zu machen.

00:02:50.420 --> 00:02:54.590
<v Michael>Aber lassen wir das mal weg, bevor es hier zu einem zweiten Ribera del Duero
kommt.

00:02:54.950 --> 00:03:01.850
<v Michael>Also ich komme gerne meiner philologischen Pflicht nach, denn ich habe ja was
Anständiges gelernt.

00:03:01.850 --> 00:03:03.530
<v Michael>Ja, nur mal so am Rande.

00:03:03.710 --> 00:03:11.020
<v Tobias>Ja, ja, ja, ja. Jetzt komm endlich mal auf den Punkt, sonst wird das nämlich
nichts mit einer Rum-, Whisky- oder sonst was Folge.

00:03:11.020 --> 00:03:14.450
<v Tobias>Ja, also bitte: Was bedeutet autochthon?

00:03:14.450 --> 00:03:16.250
<v Tobias>Und jetzt reiß dich mal zusammen, ja?

00:03:16.250 --> 00:03:16.880
<v Tobias>Los geht's.

00:03:16.910 --> 00:03:19.070
<v Michael>Okay, Okay. Okay. Ist fast Erpressung, aber egal.

00:03:19.430 --> 00:03:22.370
<v Michael>Drängle bitte nicht so, ich mache das jetzt in aller Ruhe.

00:03:22.370 --> 00:03:26.270
<v Michael>Also, in dem Wort autochthon stecken 2 Bedeutungen.

00:03:26.270 --> 00:03:33.560
<v Michael>Einmal „selbst", wie das Wort „autos", und „Erde" wie „chthon", das kommt aus
dem Altgriechischen.

00:03:33.560 --> 00:03:43.550
<v Michael>Ja, in der Biologie bezeichnet man mit autochthonen Arten, damit auch
autochthone Rebsorten, Arten, die dort

00:03:43.550 --> 00:03:47.310
<v Michael>vor Ort, in der Erde selbst dort quasi entstanden sind.

00:03:47.310 --> 00:03:51.710
<v Michael>Also ich sage jetzt mal einheimisch oder zumindest alteingesessen sind.

00:03:51.710 --> 00:04:01.190
<v Michael>Und speziell für dich, lieber Blogger Tobias, das auf das Griechische
hinweisende H steht hinter dem zweiten T, also

00:04:01.190 --> 00:04:04.730
<v Michael>beim „thon", und auch nur dort.

00:04:05.390 --> 00:04:10.580
<v Tobias>Versuchst du mich jetzt irgendwie so als Weinwissen-Legastheniker darzustellen,
oder was?

00:04:10.610 --> 00:04:14.690
<v Tobias>Na, danke schön, Aber pass mal auf, ich kann nämlich auch anders.

00:04:15.260 --> 00:04:25.070
<v Tobias>Man muss nämlich entgegen deiner, ich sage jetzt mal Biologieversion
festhalten, dass autochthone Rebsorte überhaupt kein fix definierter Begriff

00:04:25.070 --> 00:04:29.390
<v Tobias>ist, und zwar innerhalb der - Achtung - Ampelografie.

00:04:29.690 --> 00:04:32.470
<v Tobias>Ja, und jetzt sperr mal wirklich deine Ohren auf, ja?

00:04:32.470 --> 00:04:42.080
<v Tobias>Nur für dich: Ampelografie ist die Wissenschaft von den Rebsorten und eng mit
der Pomologie, also der Obstbaumkunde, verwandt.

00:04:42.290 --> 00:04:44.000
<v Tobias>Jetzt staunst du aber, oder?

00:04:44.270 --> 00:04:53.780
<v Tobias>Aber egal. Jetzt im Ernst mal, man muss ja sagen, dass es letztlich schwerfällt
zu entscheiden, ob eine Rebsorte wirklich ursprünglich in einer Region

00:04:53.780 --> 00:05:02.300
<v Tobias>entstanden ist. Denn in den meisten Fällen wird natürlich der Weinmensch,
sozusagen, schon seinen Teil dazu beigetragen haben.

00:05:02.300 --> 00:05:06.050
<v Michael>Ja, ja, ich verstehe, was du meinst, aber es ist halt eben nicht endemisch.

00:05:06.200 --> 00:05:11.420
<v Michael>Endemisch meint ja, eine Pflanze kommt von dort und die gibt es auch nur dort.

00:05:11.810 --> 00:05:16.850
<v Michael>Und das ist bei Rebsorten nun überhaupt nicht der Fall, wenn man sich das mal
richtig überlegt.

00:05:17.450 --> 00:05:21.350
<v Michael>Also diese Unterscheidung hilft irgendwie nicht richtig weiter.

00:05:21.350 --> 00:05:22.160
<v Tobias>Na gut.

00:05:22.160 --> 00:05:30.530
<v Michael>Und, das weißt du vielleicht besser als kein anderer, außer mir, denke nur mal
an meinen geliebten Grenache aka Garnacha.

00:05:30.800 --> 00:05:33.710
<v Michael>Dazu haben wir eine eigene Podcastfolge gemacht.

00:05:33.830 --> 00:05:43.700
<v Tobias>Ja, allerdings. Es ist auch wirklich ein gutes Beispiel, denn Grenache kennen
wir von der Rhône aus dem Languedoc und dort zählt die Rebsorte ohne Frage ja zu

00:05:43.700 --> 00:05:46.670
<v Tobias>den klar typischen Reben.

00:05:46.700 --> 00:05:51.350
<v Tobias>Ja, aber streng genommen ist Grenache gar keine autochthone Rebsorte
Südfrankreichs.

00:05:51.350 --> 00:05:57.080
<v Tobias>Heimat, ja, Ursprung sozusagen, ist nämlich Spanien, genauer gesagt Aragonien.

00:05:57.080 --> 00:06:01.740
<v Tobias>Und auf Sardinien gibt es diese Rebsorte ebenfalls schon lange.

00:06:01.770 --> 00:06:05.370
<v Tobias>Dort heißt sie dann nicht Garnacha oder Grenache, sondern Cannonau.

00:06:05.700 --> 00:06:09.780
<v Tobias>Und ja, zudem hat Grenache schon auf der ganzen Welt Karriere gemacht.

00:06:09.900 --> 00:06:13.860
<v Tobias>Also ich erinnere mich da immer gerne an die Rhône Ranger in Kalifornien.

00:06:13.860 --> 00:06:17.100
<v Tobias>Da spielt Grenache auch wirklich eine große Rolle.

00:06:17.130 --> 00:06:20.640
<v Tobias>Also die Rebsorte würde man nie als autochthon bezeichnen.

00:06:20.880 --> 00:06:24.480
<v Tobias>Und ich sage, noch mal zum Thema Ursprung in Spanien.

00:06:24.990 --> 00:06:34.020
<v Tobias>Sagt mal, sagt mal einem Châteauneuf-Winzer oder auch unserem gemeinsamen
Bekannten Louis Barruol in Gigondas, der ja Weine an der nördlichen und der

00:06:34.020 --> 00:06:43.650
<v Tobias>südlichen Rhône macht und ein absolut ausgewiesener Grenache-Flüsterer ist, ja,
dass es sich bei Grenache um eine fremde, ja, fremde Rebe

00:06:43.650 --> 00:06:50.960
<v Tobias>handelt. Da könnte ich mir vorstellen, dass man dich zu Garnachaverbot auf
Lebenszeit verurteilt.

00:06:50.960 --> 00:06:53.880
<v Tobias>Und das würde selbst ich dir dann doch nicht wünschen.

00:06:53.970 --> 00:06:56.640
<v Michael>Ja, danke. Das ist jetzt aber sehr nett von dir.

00:06:57.360 --> 00:07:06.600
<v Michael>Na ja, sowieso so ein bisschen realitätsfern, ja, denn dieser Begriff,
autochthone Rebsorten, der wird gar nicht so streng

00:07:06.600 --> 00:07:09.960
<v Michael>gehandhabt, wie wir das jetzt hier am Anfang angedeutet haben.

00:07:10.380 --> 00:07:13.860
<v Michael>Ich habe ja auch eben schon mal von alteingesessen gesprochen.

00:07:13.950 --> 00:07:20.190
<v Michael>Klingt irgendwie nach Old School, macht aber ein Phänomen deutlich, das
autochthon ebenso abdeckt.

00:07:20.190 --> 00:07:29.460
<v Michael>Also da geht es dann um eine Rebsorte, die schon sehr lange in einer Region
beheimatet ist, ohne aus dieser selbst zu stammen.

00:07:29.730 --> 00:07:32.190
<v Michael>Ja, man kann das ja auch oft schwer erklären.

00:07:32.370 --> 00:07:39.900
<v Michael>Also ich habe da Quellen gefunden, die sprechen von mindestens 200 Jahren,
sagen wir mal, Einbürgerungsfrist.

00:07:40.050 --> 00:07:41.700
<v Michael>Ja, so Pi mal Daumen.

00:07:41.910 --> 00:07:44.430
<v Tobias>Ja, das ist schon eine ordentliche Zeit.

00:07:44.430 --> 00:07:54.030
<v Tobias>Aber der Logik folgend müsste ja dann eigentlich Gewürztraminer auch in
Deutschland eine autochthone Rebsorte sein, obwohl ja der

00:07:54.030 --> 00:07:58.680
<v Tobias>Ursprung dieser Traminer-Familie häufig in Südtirol verortet wird.

00:07:59.790 --> 00:08:09.180
<v Tobias>Ich erinnere mich nämlich in der Aroma-Rebsorten-Folge hast du ja selbst davon
erzählt, dass es im südpfälzischen Rhodt einen Weinberg gibt, der schon über

00:08:09.180 --> 00:08:12.810
<v Tobias>400 Jahre lang mit Gewürztraminer bestückt sein soll.

00:08:12.930 --> 00:08:15.750
<v Tobias>Also ich finde, jetzt wird schon wieder so ein bisschen verwirrend.

00:08:16.020 --> 00:08:21.870
<v Michael>Ja, ja, zumal, dann wäre ja der Gewürztraminer quasi doppelt autochthon.

00:08:21.870 --> 00:08:25.170
<v Michael>Ja, einmal in der Pfalz und und einmal in Südtirol.

00:08:25.830 --> 00:08:34.260
<v Michael>Das ist ja nun auch total widersinnig und hebelt eigentlich diese Bedeutung
des, sagen wir mal, Ursprünglichen komplett aus.

00:08:34.920 --> 00:08:44.490
<v Michael>Andererseits lässt sich ja rein logisch ohne Weiteres behaupten, dass jede
Rebsorte irgendwo tatsächlich autochthon ist.

00:08:44.730 --> 00:08:47.040
<v Michael>Also sie kommt ja von irgendwo her.

00:08:47.040 --> 00:08:51.930
<v Michael>Nur wo? Und da fragt man sich jetzt: Hilft der Begriff überhaupt noch weiter?

00:08:52.380 --> 00:09:00.240
<v Tobias>Ja, also ich glaube, man sollte halt eben nicht den Fehler machen, und wir sind,
glaube ich, schon fast so ein bisschen dabei, das zu stark zu ergründen.

00:09:00.390 --> 00:09:02.730
<v Tobias>Ja, also ich habe es ja vorhin schon mal anklingen lassen.

00:09:02.730 --> 00:09:11.940
<v Tobias>Für mich sind autochthone Rebsorten eigentlich welche, die ihren Ursprung in
einer bestimmten Region haben, dort immer noch ganz typische Weine entstehen

00:09:11.940 --> 00:09:17.220
<v Tobias>lassen und eben nicht wirklich den Sprung in andere Weinländer und -regionen
geschafft haben.

00:09:17.340 --> 00:09:21.120
<v Tobias>Also eben kein Grenache aka Garnacha.

00:09:21.330 --> 00:09:31.050
<v Tobias>Aber dabei ist eines klar: Dass sich eine Rebsorte in ihrer Heimat überhaupt
sehr lange wohlfühlt, heißt doch zuallererst, dass sie gut dorthin passt, also

00:09:31.050 --> 00:09:37.620
<v Tobias>dass sie gut mit dem Terroir harmoniert, also bestens in diesem Klima und auf
diesem Boden gedeiht.

00:09:37.770 --> 00:09:41.010
<v Tobias>Es ist ja nun mal einfach auch eine Pflanze und da müssen die Rahmenbedingungen
stimmen.

00:09:41.490 --> 00:09:50.490
<v Tobias>Also mit anderen Worten: beste Voraussetzungen für guten Wein, sage ich mal,
zumal die Weinerzeuger in so einem Fall auch noch viel Erfahrung mit der Rebe

00:09:50.490 --> 00:09:54.660
<v Tobias>und ihren Eigenarten mitbringen, und ja, dann passt das doch irgendwie.

00:09:54.780 --> 00:10:02.550
<v Tobias>Und konkreter noch mal: Autochthone Rebsorte klingt für mich immer interessant
und per se nach Probieren.

00:10:02.610 --> 00:10:08.070
<v Tobias>Ja, also man kann kaum besser seinen eigenen Horizont beständig erweitern.

00:10:08.970 --> 00:10:13.680
<v Tobias>Ja, und da sind so autochthone Rebsorten immer eine spannende Entdeckung, weißt
du?

00:10:13.980 --> 00:10:16.320
<v Michael>Ja, ja. Horizont beständig erweitern.

00:10:16.320 --> 00:10:20.400
<v Michael>Alles klar. Ich kenne doch deinen, sagen wir mal, Wissensdurst.

00:10:20.400 --> 00:10:26.080
<v Michael>Aber nein, im Ernst, bei deiner Einschätzung, da bin ich ganz Team Tobias.

00:10:26.080 --> 00:10:26.970
<v Tobias>Danke schön.

00:10:26.970 --> 00:10:36.390
<v Michael>Wenn wir schon uns auf die Suche machen nach Typizität, ja, dann können wir ja
an so einer traditionellen Verwurzelung einer Rebe in einer Region nicht

00:10:36.390 --> 00:10:39.930
<v Michael>vorbeigehen. Mal ganz blumig formuliert.

00:10:39.930 --> 00:10:47.130
<v Tobias>Ne, ne, ne, das ist, finde ich, gar nicht so blumig formuliert, weil es ist doch
spannend, wenn mal nicht die üblichen Haus- und Hof-Rebsorten aufgerufen werden

00:10:47.130 --> 00:10:52.650
<v Tobias>und Weine ins Glas kommen, die man so nicht auf dem, ich sag mal,
Weinkaufszettel hat, ja.

00:10:53.580 --> 00:10:58.440
<v Tobias>Warst du es nicht, der mir jetzt erst vor Kurzem vom Susomaniello vorgeschwärmt
hat?

00:10:58.930 --> 00:11:01.510
<v Tobias>Der in eurem Wein des Jahres zum Einsatz kommt.

00:11:01.540 --> 00:11:08.560
<v Tobias>Deshalb sage ich mal, ein Ausrufezeichen in Sachen Herkunft sind eben die
autochthonen Rebsorten allemal.

00:11:08.770 --> 00:11:11.860
<v Michael>Geschenkt. Aber ich bleibe immer noch an diesem Begriff hängen.

00:11:11.860 --> 00:11:15.610
<v Michael>Und tut mir leid, es wird jetzt noch etwas verwirrender.

00:11:15.610 --> 00:11:19.500
<v Michael>Ich gehe ja immer sehr gut vorbereitet in unsere Podcasttelefonate.

00:11:19.500 --> 00:11:20.380
<v Tobias>Das ist mir aber neu.

00:11:20.620 --> 00:11:30.340
<v Michael>Da möchte ich nur kurz anmerken, dass im Weinatlas der Grande Dame der
Weinkritik Jancis Robinson und des ebenso renommierten Hugh

00:11:30.340 --> 00:11:36.340
<v Michael>Johnson der Begriff autochthone Rebsorten gar nicht auftauchen.

00:11:36.640 --> 00:11:39.330
<v Michael>Ja, und die kennen sich aus mit Rebsorten.

00:11:39.330 --> 00:11:45.340
<v Michael>Die sprechen nämlich von regionalen Rebsorten versus internationalen Rebsorten.

00:11:45.430 --> 00:11:49.030
<v Tobias>Okay, also finde ich jetzt insofern ein gutes Stichwort.

00:11:49.150 --> 00:11:57.490
<v Tobias>Also internationale Rebsorten, weil für mich sind die immer so ein bisschen das
genaue Gegenstück zu den autochthonen Rebsorten, oder?

00:11:57.490 --> 00:12:03.880
<v Tobias>Also, wenn man über internationale Rebsorten spricht, dann denkt man an Merlot
und Cabernet Sauvignon.

00:12:03.880 --> 00:12:07.570
<v Tobias>Aber so was wie Grauburgunder natürlich auch, heißt ja dann auch gerne Pinot
Gris.

00:12:08.350 --> 00:12:13.810
<v Tobias>Genauso wie aber Sauvignon Blanc, das sind Rebsorten, die findet man auf der
ganzen Welt.

00:12:14.080 --> 00:12:17.140
<v Tobias>Das sind ganz andere Kaliber als dann Susumaniello.

00:12:17.140 --> 00:12:25.600
<v Tobias>Die haben zwar vielleicht dann auch individuelle Ausprägungen, je nachdem, wo
sie herkommen und welcher Winzer oder welche Winzerin sie eben dann auch auf die

00:12:25.600 --> 00:12:34.780
<v Tobias>Flasche bringt. Aber diese Weine findet man eben in Anbaugebieten rund um die
Welt und sind somit ein völlig anderes Kaliber als dein

00:12:34.780 --> 00:12:39.970
<v Tobias>Susumaniello. Und die Liste dieser Reben ließe sich ja noch deutlich erweitern.

00:12:39.970 --> 00:12:45.580
<v Tobias>Syrah, Chardonnay, Pinot Noir, gehört ja alles dazu und wahrscheinlich auch.

00:12:46.900 --> 00:12:48.940
<v Michael>Warte, warte, Riesling.

00:12:49.360 --> 00:12:59.170
<v Michael>Ja, unsere Vorzeige- und Paradeweißweinsorte, die Lichtgestalt deutscher
Weinkultur, dein so angebeteter Riesling wird in besagtem

00:12:59.170 --> 00:13:03.940
<v Michael>Weinatlas von Jancis Robinson und Hugh Johnson als internationale Rebsorte
geführt.

00:13:04.390 --> 00:13:05.560
<v Michael>Da bist du baff, was?

00:13:05.950 --> 00:13:07.120
<v Tobias>Ach nee, nee, nee.

00:13:07.120 --> 00:13:09.460
<v Tobias>Also es bestätigt eigentlich, was ich schon gesagt habe.

00:13:09.700 --> 00:13:18.760
<v Tobias>Es macht eben deutlich, dass sich diese internationalen Rebsorten und die so
ursprünglichen autochthonen Rebsorten nicht gegeneinander ausspielen lassen.

00:13:18.850 --> 00:13:23.110
<v Tobias>Also denk man an Australien beispielsweise, da ist ja Riesling auch schwer im
Kommen.

00:13:24.100 --> 00:13:31.780
<v Tobias>Ja, und dass irgendwann mal eben jede Rebsorte irgendwo autochthon war, ist
dabei, ja, logisch eigentlich.

00:13:32.170 --> 00:13:36.400
<v Tobias>Aber eben nicht alle haben sozusagen eine internationale Karriere hingelegt.

00:13:36.400 --> 00:13:41.230
<v Tobias>Also ein bisschen so wie der Weinlakai im Vergleich zu Robert Parker.

00:13:41.230 --> 00:13:51.070
<v Tobias>Aber na ja, davon mal abgesehen sollten wir mal festhalten, dass Rebsorten auch
unabhängig von ihrem Geburtsort ein wichtiger Bestandteil

00:13:51.070 --> 00:13:53.620
<v Tobias>der Identität einer Region sein können.

00:13:53.800 --> 00:14:00.610
<v Tobias>Also zum Beispiel, ich sag mal, an welche Reben denkst du, wenn ich Mosel oder
Franken sage?

00:14:00.820 --> 00:14:03.100
<v Michael>Klar, Riesling und Silvaner.

00:14:03.280 --> 00:14:07.990
<v Michael>Aber hier bei deiner Mosel, da fällt mir jetzt der Douro in Portugal ein.

00:14:08.380 --> 00:14:14.320
<v Michael>Die Mosel auf Anabolika, wie Axel Probst in unserer Portwein-Folge formuliert
hat.

00:14:15.460 --> 00:14:23.000
<v Michael>Da gibt es neben dem Portwein und dem Stillwein, jede Menge von Rebsorten, die
als autochthon bezeichnet werden.

00:14:23.000 --> 00:14:24.000
<v Tobias>Das stimmt.

00:14:24.000 --> 00:14:25.330
<v Michael>Also wie heißen die jetzt noch?

00:14:25.360 --> 00:14:30.070
<v Michael>Ich habe mir nur gemerkt, Touriga Nacional und Touriga Franca.

00:14:30.070 --> 00:14:32.950
<v Michael>Aber ich weiß noch nicht mal, ob die jetzt tatsächlich autochthon sind.

00:14:33.760 --> 00:14:35.320
<v Tobias>Ja, ich meine schon.

00:14:35.320 --> 00:14:43.690
<v Tobias>Also mir fällt dann so was ein wie Alfrocheiro Trincadeira und Tinto Cão, Ciao
oder so ähnlich.

00:14:44.080 --> 00:14:46.180
<v Tobias>Aber da gibt es ja noch viele, viele mehr.

00:14:46.330 --> 00:14:53.140
<v Tobias>Und ja, ich glaube, also zumindest die ein oder andere von denen jetzt gerade
aufgezählten sind auf jeden Fall autochthon.

00:14:53.410 --> 00:14:58.780
<v Tobias>Aber da müssten wir jetzt noch mal nachschauen und dann anscheinend nicht bei
Jancis Robinson und Hugh Johnson.

00:14:58.990 --> 00:15:07.810
<v Tobias>Aber klar, dass du jetzt natürlich wieder so ganz mir nichts dir nichts
versuchst, in Richtung verstärkte Weine abzubiegen, Stichwort

00:15:07.810 --> 00:15:10.420
<v Tobias>Portwein, das war ja wieder klar.

00:15:10.420 --> 00:15:13.810
<v Tobias>Aber wie sagst du immer: ruhig, Brauner.

00:15:13.840 --> 00:15:15.820
<v Tobias>Ja, oder in deinem Fall eher grauer.

00:15:15.820 --> 00:15:17.770
<v Tobias>Aber, ja, also bitte.

00:15:17.800 --> 00:15:19.960
<v Tobias>Ja, wir bleiben jetzt weiterhin beim Wein.

00:15:20.260 --> 00:15:29.620
<v Tobias>Ich denke nämlich da jetzt ganz spontan an unsere Reise in den Nordwesten
Spaniens, wo wir uns ja beide für Rebsorten wie Godello, Albariño und Mencía

00:15:29.620 --> 00:15:30.670
<v Tobias>begeistert haben.

00:15:31.330 --> 00:15:37.480
<v Tobias>Das sind jetzt aber zumindest regionale Rebsorten, um mal bei deinem
Weinatlas-Sprech zu bleiben.

00:15:37.660 --> 00:15:47.350
<v Tobias>Und ja, wie ich ja schon angedeutet habe, ich war gerade erst auf Kreta und da
hat man mir die Rebsorte Vidiano nähergebracht.

00:15:47.350 --> 00:15:57.160
<v Tobias>Die fand ich richtig gut und die stammt, ja, autochthon von dieser Insel und
ist stilistisch irgendwo zwischen Chardonnay und

00:15:57.160 --> 00:15:58.540
<v Tobias>Viognier anzusiedeln.

00:15:58.980 --> 00:16:07.170
<v Tobias>Das finde ich im Übrigen auch noch mal so ganz interessant bei autochthonen
Rebsorten, mit denen können ja die wenigsten etwas anfangen.

00:16:07.470 --> 00:16:15.900
<v Tobias>Und da kommen sehr, sehr häufig dann so Erklärungen von Winzern oder auch in
irgendwelchen Weinführern, die versuchen, eine gewisse Ähnlichkeit zu

00:16:15.900 --> 00:16:22.380
<v Tobias>internationalen Rebsorten herzustellen, damit man zumindest so ein bisschen
weiß, was man erwartet.

00:16:22.500 --> 00:16:25.590
<v Tobias>Und das war eben auf Kreta auch der Fall.

00:16:25.830 --> 00:16:29.850
<v Michael>Okay, okay, jetzt wird ein Kreta-Thema ja doch noch spannend.

00:16:29.850 --> 00:16:32.970
<v Michael>Ich verstehe jetzt auch, worauf du hinaus willst.

00:16:33.570 --> 00:16:37.560
<v Michael>Aber noch mal zurück. Nordwesten Spaniens liegt mir ja dann eher.

00:16:37.560 --> 00:16:40.650
<v Michael>Ich habe schon von Albariño aus Chile gehört.

00:16:40.800 --> 00:16:44.030
<v Michael>Tatsächlich, dass es den woanders dann auch noch gibt.

00:16:44.030 --> 00:16:50.610
<v Michael>Aber Mencía und Godello wüsste ich jetzt nicht, dass man noch anderswo auf diese
Reben setzt.

00:16:50.610 --> 00:16:52.200
<v Michael>Also wirklich regional, ne?

00:16:52.650 --> 00:16:58.200
<v Michael>Schönes Beispiel, aber ich habe da jetzt noch so ein Prinzipienreiterding.

00:16:58.200 --> 00:16:59.100
<v Tobias>Ich habe es befürchtet.

00:16:59.100 --> 00:17:06.330
<v Michael>Von Menschenhand gemachte Kreuzungen können per se keine autochthone Rebsorte
sein, oder?

00:17:06.450 --> 00:17:11.970
<v Michael>Also ich meine, das „SelbstS, dieses „autos", würde ja auf keinen Fall stimmen.

00:17:12.150 --> 00:17:15.360
<v Michael>Also für dich noch mal, also der Teil ohne H.

00:17:16.140 --> 00:17:21.690
<v Tobias>Das heißt du sprichst jetzt so was an wie wie Müller Thurgau oder wie Scheurebe?

00:17:21.870 --> 00:17:30.660
<v Tobias>Ja, ja, schon gut. Also ja, da würde ich jetzt mal ganz resolut sagen Nein, so
eine Kreuzung per Menschenhand würde ich persönlich nie als autochthon

00:17:30.840 --> 00:17:36.420
<v Tobias>akzeptieren. Das muss irgendwie das Land, die Erde ursprünglich hervorgebracht
haben.

00:17:37.680 --> 00:17:42.120
<v Tobias>Und da ist mir jetzt auch ehrlich gesagt völlig egal, wie da die offizielle
Auffassung sein mag.

00:17:42.270 --> 00:17:44.140
<v Michael>Okay, jetzt gibst du dich hier aber total resolut.

00:17:44.140 --> 00:17:45.000
<v Tobias>Ja, kann ich auch.

00:17:45.000 --> 00:17:53.130
<v Michael>Gefällt mir, ja. Aber bei dem ganzen Verwirrenden, was wir jetzt erzählt haben,
was geben wir denn da eigentlich unseren Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den

00:17:53.130 --> 00:18:01.380
<v Michael>Weg? Ja, außer dass man bei fremd klingenden Rebsorten einfach mal zugreifen
sollte und nicht immer nur nach den üblichen Verdächtigen?

00:18:01.500 --> 00:18:03.810
<v Tobias>Ja, aber ich finde, das bringt es schon ziemlich gut auf den Punkt.

00:18:03.960 --> 00:18:11.790
<v Tobias>Also, wenn man mal so einen Wein im Glas hat, finde ich die Beschäftigung mit
der Rebsorte und ihrer Herkunft dann auch noch mal besonders lohnenswert.

00:18:11.940 --> 00:18:21.510
<v Tobias>Also da kann man sich wirklich ganz, na ja, wie sagt man, single minded
sozusagen damit beschäftigen, ohne dass es quasi weltweit auch andere

00:18:21.510 --> 00:18:23.370
<v Tobias>Weine dieser Rebsorte gibt.

00:18:23.850 --> 00:18:33.300
<v Tobias>Und das macht das dann schon zu einer ziemlich einzigartigen Weinerfahrung und
auch wirklich zu so einer, ja, etwas spezifischeren Entdeckungsreise.

00:18:33.300 --> 00:18:34.560
<v Tobias>Und das finde ich toll.

00:18:34.560 --> 00:18:40.740
<v Michael>Ja, ja. Also eine einzigartige Erfahrung war jetzt auch ganz sicher wieder
unsere Folge von Bei Anruf Wein.

00:18:41.580 --> 00:18:45.630
<v Michael>Ob sie jetzt auch einzigartig gut ist, das können wir nicht entscheiden.

00:18:45.630 --> 00:18:49.500
<v Michael>Das müssen dann doch bitte unsere Hörerinnen und Hörer sagen, oder?

00:18:49.590 --> 00:18:51.450
<v Tobias>Ja genau, super Überleitung.

00:18:51.450 --> 00:19:01.110
<v Tobias>Und am besten eben als Bewertung bei Spotify, Apple Podcasts und Co., gerne aber
natürlich auch via E-Mail, wenn nicht einfach eine Sternebewertung

00:19:01.110 --> 00:19:10.200
<v Tobias>reicht, sondern ihr auch noch ein bisschen mehr dazu sagen wollt,
podcast@weinfreunde.de ist da genau die richtige Adresse.

00:19:10.200 --> 00:19:17.140
<v Tobias>Der Michael freut sich über jede E-Mail, insbesondere natürlich, wenn sie
eingeleitet wird durch „Lieber Michael".

00:19:17.140 --> 00:19:18.750
<v Tobias>Haben wir lange schon nicht mehr gesagt.

00:19:18.930 --> 00:19:26.940
<v Michael>Jo, danke. Und klar sollte ja auch mittlerweile sein, dass, wenn euch Bei Anruf
Wein gefällt, abonniert doch bitte auch den Podcast.

00:19:26.940 --> 00:19:29.220
<v Michael>So, Tobias, machen wir Schluss hier?

00:19:29.430 --> 00:19:29.910
<v Tobias>Ja.

00:19:29.910 --> 00:19:37.800
<v Michael>Du willst ja jetzt bestimmt direkt den Sven vom Weinfreunde-Einkauf anrufen,
damit du hier deine Kreta-Entdeckungen unterbringen kannst.

00:19:38.430 --> 00:19:39.480
<v Tobias>Ja, das stimmt eigentlich.

00:19:39.600 --> 00:19:42.330
<v Tobias>Also ich schubs dich jetzt mal aus der Leitung.

00:19:42.330 --> 00:19:44.760
<v Tobias>Sorry, aber du weißt ja trotzdem.

00:19:44.910 --> 00:19:49.950
<v Tobias>Also ich freue mich auf jeden Fall schon darauf, wenn es beim nächsten Mal dann
wieder heißt.

00:19:50.820 --> 00:19:51.980
<v Michael>Bei Anruf.

00:19:51.980 --> 00:19:52.980
<v Tobias>Wein.