WEBVTT

00:00:02.650 --> 00:00:04.480
<v Michael>Bei Anruf Wein.

00:00:06.070 --> 00:00:07.690
<v Michael>Der Weinfreunde-Podcast.

00:00:09.960 --> 00:00:11.900
<v Tobias>Ich grüße euch, liebe Weinfreunde.

00:00:11.900 --> 00:00:13.140
<v Tobias>Mein Name ist Tobias.

00:00:13.140 --> 00:00:15.120
<v Tobias>Willkommen Bei Anruf Wein.

00:00:15.750 --> 00:00:22.140
<v Tobias>Die heutige Folge bildet den Auftakt einer Serie über die Jahreszeiten im
Weinberg, jetzt beginnend mit dem Winter.

00:00:22.860 --> 00:00:29.490
<v Tobias>Wer glaubt, dass die kalte Jahreszeit für Winzerinnen und Winzer bedeutet, mal
so richtig schön auszuspannen, liegt gänzlich falsch.

00:00:30.000 --> 00:00:36.690
<v Tobias>Das wissen Michael und ich, seitdem wir Reiner Flick vom VDP-Weingut Flick im
Rheingau für diese Podcastfolge besuchen durften.

00:00:37.260 --> 00:00:42.300
<v Tobias>Er ist hochdekorierter Rieslingspezialist und ein wahrer Weinphilosoph, wie wir
feststellen durften.

00:00:42.720 --> 00:00:48.060
<v Tobias>Und bei ihm heißt Winter im Weinberg auch gleichzeitig: Winter in Monopollagen.

00:00:48.720 --> 00:00:55.450
<v Tobias>Bevor wir gleich mit Reiner durch die winterlichen Weinberge stapfen und auch
im Keller unterwegs sind, abonniert doch bitte noch schnell den Bei Anruf

00:00:55.450 --> 00:00:57.960
<v Tobias>Wein-Podcast und lasst auch eine Bewertung da.

00:00:58.140 --> 00:01:01.260
<v Tobias>Danke! Also bleibt mal dran.

00:01:01.470 --> 00:01:02.820
<v Tobias>Wir fangen direkt an!

00:01:04.400 --> 00:01:05.720
<v Tobias>Ja, ich grüße dich, Reiner.

00:01:05.750 --> 00:01:11.600
<v Tobias>Vielen Dank, dass wir hier sein dürfen, um mit dir über den Winter im Weinberg
zu sprechen.

00:01:11.630 --> 00:01:15.290
<v Tobias>Ehrlich gesagt, habe ich ja gedacht, hier ist gar nichts los, weil es ist ja
Winter.

00:01:15.770 --> 00:01:16.940
<v Tobias>Es wird nicht geerntet.

00:01:16.940 --> 00:01:18.590
<v Tobias>Es hängen keine Trauben am Stock.

00:01:18.920 --> 00:01:25.010
<v Tobias>Ich habe dich eigentlich irgendwie im verlängerten Winterurlaub vermutet, aber
ich glaube, damit liege ich falsch.

00:01:25.040 --> 00:01:28.760
<v Tobias>Erzähl uns doch mal, warum auch im Winter jede Menge zu tun ist.

00:01:29.120 --> 00:01:35.720
<v Reiner>Na ja, man unterschätzt das immer, welche Tätigkeiten so das ganze Jahr über bei
uns im Weingut auflaufen.

00:01:35.720 --> 00:01:39.200
<v Reiner>Und es ist ein Fulltime-Job und er geht über das ganze Jahr.

00:01:39.200 --> 00:01:49.190
<v Reiner>Und momentan sind wir dabei, uns schon auf den Jahrgang 2023 vorzubereiten und
legen jetzt dafür eigentlich schon den

00:01:49.190 --> 00:01:50.180
<v Reiner>Grundstein.

00:01:50.180 --> 00:01:59.360
<v Tobias>Ja, aber bevor wir jetzt loslaufen in Richtung Weinkeller, gucke ich dem Michael
in die Augen und dem liegen vorab noch ein paar Fragen auf dem Herzen, die wir

00:01:59.360 --> 00:02:01.430
<v Tobias>jetzt noch mal an Reiner stellen möchten.

00:02:01.430 --> 00:02:09.890
<v Michael>Ja, mich würde noch mal interessieren: Winter im Weinberg, ist es eigentlich
besser, wenn es kalt ist oder wenn es nicht ganz so kalt ist?

00:02:09.890 --> 00:02:12.200
<v Michael>Was tut den Reben eigentlich gut?

00:02:13.340 --> 00:02:18.680
<v Reiner>Ja, für mich ist der Winter dann ein Winter, wenn wir tatsächlich Frost haben,
wenn es kalt ist.

00:02:18.710 --> 00:02:21.050
<v Reiner>Es darf ruhig auch mal ein bisschen klirrend sein.

00:02:21.230 --> 00:02:30.140
<v Reiner>Und je wärmer die Winter sind, umso früher ist der Austrieb, umso höher ist die
Gefahr, dass wir mit einem Spätfrost noch Schäden bekommen.

00:02:30.140 --> 00:02:34.790
<v Reiner>Und das ist so immer unsere große Angst dann im Frühjahr, dass es so weit
kommt.

00:02:36.350 --> 00:02:40.220
<v Michael>Muss man denn Rücksicht nehmen auf die unterschiedlichen Lagen?

00:02:40.220 --> 00:02:44.030
<v Michael>Und muss man vielleicht auch Rücksicht nehmen auf verschiedene Rebsorten?

00:02:44.990 --> 00:02:52.430
<v Reiner>Na ja, also da wir ja also Rieslingwinzer sind, ist es bei uns eine relativ
einfache Geschichte.

00:02:52.700 --> 00:03:01.160
<v Reiner>Wenn du aber verschiedene Rebsorten oder viele verschiedene Rebsorten hast,
dann achtet man schon ein bisschen drauf, dass man erst mit den frosthärteren

00:03:01.160 --> 00:03:02.270
<v Reiner>Sorten beginnt.

00:03:02.300 --> 00:03:03.530
<v Reiner>Riesling gehört dazu.

00:03:04.070 --> 00:03:13.310
<v Reiner>Empfindlichere Sorten wie Silvaner, die schneidet man dann ein bisschen
später, um gegebenenfalls dann, wenn es wirklich sehr, sehr kalt noch wäre, ein

00:03:13.310 --> 00:03:19.760
<v Reiner>bisschen vorsichtiger zu sein, um abzusehen, was ist tatsächlich vielleicht
schon durch Frost geschädigt oder nicht.

00:03:19.760 --> 00:03:28.550
<v Michael>Wenn wir jetzt über das Schneiden im Weinberg reden, damit lege ich ja auch
fest, was gibt es an Ertrag, oder zumindest teilweise lege ich das damit fest.

00:03:28.970 --> 00:03:36.230
<v Michael>Woher weiß ich denn das jetzt schon, was richtig ist für ein Jahr, was kommt,
und wir wissen noch nicht, wie das Jahr werden wird?

00:03:36.560 --> 00:03:43.100
<v Reiner>Ja, tendenziell gehen wir natürlich so vor, dass wir das Thema Qualität über
alles stellen.

00:03:43.100 --> 00:03:50.690
<v Reiner>Also wir wollen tolle Trauben im Herbst haben, die aromatisch sind, die gesund
sind, die goldgelb sind, die ausgereift sind.

00:03:50.840 --> 00:03:55.700
<v Reiner>Und da legt man natürlich schon mit dem Rebschnitt das erste Fundament.

00:03:55.700 --> 00:03:57.320
<v Reiner>Aber das ist nur ein Teil.

00:03:57.320 --> 00:04:01.340
<v Reiner>Das ganze Weinwerden ist für mich immer ein Mosaik.

00:04:01.340 --> 00:04:04.160
<v Reiner>Das besteht aus vielen, vielen, vielen Bausteinen.

00:04:04.160 --> 00:04:14.120
<v Reiner>Und wir legen Tag für Tag 365 Tage im Jahr diese einzelnen Bausteine, die
Puzzleteilchen ein,

00:04:14.120 --> 00:04:18.170
<v Reiner>um am Ende ein Gesamtbild eines Weines zu erhalten.

00:04:18.170 --> 00:04:24.020
<v Reiner>Und je komplexer ein Wein ist, umso mehr Teilchen müssen wir einsetzen.

00:04:24.410 --> 00:04:31.220
<v Reiner>Aber beim Rebschnitt legen wir tatsächlich schon ungefähr das Ertragsniveau
fest.

00:04:31.880 --> 00:04:37.010
<v Reiner>Ich kann eine lange Fruchtroute anschneiden, dann habe ich viele Augen pro
Stock.

00:04:37.520 --> 00:04:40.340
<v Reiner>Aus jedem Auge entsteht ein Trieb.

00:04:40.340 --> 00:04:43.280
<v Reiner>An jedem Trieb hängen 2 bis 3 Trauben.

00:04:43.550 --> 00:04:52.880
<v Reiner>Schneide ich 5 Augen mehr an, habe ich theoretisch 15 Trauben mehr an einem
Stock und den entsprechenden

00:04:52.880 --> 00:05:02.780
<v Reiner>Mehrertrag. Schneide ich eine kürzere Fruchtroute an, habe ich weniger Ertrag,
aber natürlich schon vielleicht dann wiederum das Problem, dass die Trauben

00:05:02.780 --> 00:05:05.000
<v Reiner>dann zu dick werden, wenn ich zu wenig anschneide.

00:05:05.090 --> 00:05:13.490
<v Reiner>Das heißt, es ist immer ein Abwägen in Abhängigkeit von der Lage, in
Abhängigkeit von der Rebsorte, in Abhängigkeit auch vom Alter der Rebstöcke, wie

00:05:13.490 --> 00:05:14.660
<v Reiner>viel man anschneidet.

00:05:14.660 --> 00:05:24.140
<v Reiner>Und als ich vor vielen Jahrzehnten auch den Beruf des Winzers von der Pike auf
erlernt habe, hat mein alter Meister immer gesagt: Der Rebstock

00:05:24.140 --> 00:05:27.020
<v Reiner>zeigt dir, wie er geschnitten werden möchte.

00:05:27.020 --> 00:05:32.780
<v Reiner>Das heißt, man guckt sich den an und dann überlegt man was ist gut für diesen
Stock?

00:05:33.560 --> 00:05:39.770
<v Reiner>Um tatsächlich dann nahe am Optimum der Weinqualität am Ende des Herbstes zu
sein.

00:05:40.640 --> 00:05:43.370
<v Michael>Und man lernt von Jahr zu Jahr dazu, hoffe ich doch dann.

00:05:43.370 --> 00:05:46.460
<v Michael>Oder ist es jedes Jahr erneut eine schwierige Frage?

00:05:46.640 --> 00:05:52.730
<v Reiner>Na ja, der Rebschnitt ist schon eigentlich eine Konstante in einem Betrieb.

00:05:52.730 --> 00:05:59.750
<v Reiner>Also viele andere Dinge sind keine Konstante, wo man permanent entscheiden
muss, mache ich das jetzt so oder mache ich das vielleicht anders?

00:06:00.290 --> 00:06:01.940
<v Reiner>Wie schaut es mit dem Wetter aus?

00:06:01.940 --> 00:06:04.390
<v Reiner>Wie sehen die Prognosen in den nächsten 2, 3 Wochen aus?

00:06:04.390 --> 00:06:09.730
<v Reiner>Also muss schon oft rekapitulieren, man muss sich informieren.

00:06:09.730 --> 00:06:19.660
<v Reiner>Also es gibt natürlich immer so ein Inner Circle, es gibt die Mitarbeiter, mit
denen man sich bespricht, man man holt externe Informationen und man telefoniert

00:06:19.660 --> 00:06:22.960
<v Reiner>auch mit guten Freunden und Kollegen, wie sie die Lage einschätzen.

00:06:22.960 --> 00:06:24.490
<v Reiner>Und dann trifft man halt eine Entscheidung.

00:06:25.060 --> 00:06:31.930
<v Reiner>Und ob das alles dann richtig war am Ende, das sehen wir erst, wenn wir die
Trauben zu Hause haben und wenn es dann hoffentlich gut geworden ist.

00:06:32.080 --> 00:06:34.450
<v Michael>Welche Rolle spielt denn im Winter der Boden?

00:06:34.450 --> 00:06:37.900
<v Michael>Muss ich da auch irgendwas tun oder lasse ich den einfach ruhen?

00:06:38.410 --> 00:06:43.060
<v Reiner>Naja, im Winter ruht der Boden generell erstmal.

00:06:43.060 --> 00:06:50.350
<v Reiner>Also jeder Eingriff in den Boden über den Winter, der wäre massiv mit einer
Auswaschung von Nährstoffen verbunden.

00:06:51.460 --> 00:07:01.420
<v Reiner>Das wollen wir nicht. Deswegen bereiten wir den Boden schon auf den Winter vor,
indem wir ab Ende Juli eigentlich die Bodenbearbeitung einstellen,

00:07:01.420 --> 00:07:04.930
<v Reiner>komplett einstellen, damit der Boden zur Ruhe kommt.

00:07:05.290 --> 00:07:15.220
<v Reiner>Es wird parallel dann eine Begrünung in der Regel eingesät, dass der Boden
nicht nackt den Winter verbringen muss, die unter dem

00:07:15.220 --> 00:07:17.740
<v Reiner>Aspekt Biodiversität angelegt ist.

00:07:17.740 --> 00:07:27.670
<v Reiner>Das heißt, wir säen 30 verschiedene Samen aus, also eine Pflanzenmischung von
Klee bis Phacelia und

00:07:27.670 --> 00:07:37.480
<v Reiner>Ringelblumen und was weiß ich was, um dann auch im Spätherbst nicht nur eine
Bienenweide zu haben, sondern um beim Klee zum Beispiel noch

00:07:37.480 --> 00:07:46.600
<v Reiner>Stickstoff zu sammeln. Also Klee sammelt mit den Wurzeln Luftstickstoff und den
können wir dann im nächsten Jahr wieder quasi zur Ernährung der Reben nutzen,

00:07:46.600 --> 00:07:51.340
<v Reiner>wenn die Begrünung gegebenenfalls rumgebrochen wird oder gemulcht wird oder
gewalzt wird.

00:07:51.790 --> 00:07:54.400
<v Reiner>Also wir bereiten den Boden auf den Winter vor.

00:07:54.700 --> 00:07:58.750
<v Reiner>Gut ist natürlich, wenn man im Winter auch ein bisschen Frost hat.

00:07:58.750 --> 00:08:00.940
<v Reiner>Das fördert die Bodengare.

00:08:00.940 --> 00:08:08.200
<v Reiner>Das heißt, wenn der Boden mal so richtig durchfriert, wird er wieder schön
locker und Verkrustungen platzen auf.

00:08:08.380 --> 00:08:17.010
<v Reiner>Man kann ja mit Eis und Wasser große Felsbrocken absprengen und so ähnlich
passiert das im Boden dann im Kleinen auch.

00:08:17.010 --> 00:08:19.840
<v Reiner>Wasser friert aus und lockert den Boden im Prinzip auf.

00:08:19.870 --> 00:08:24.280
<v Reiner>Das gibt eine gute Bodengare, das ist das, was im Winter im Boden passiert.

00:08:24.280 --> 00:08:33.880
<v Reiner>Aber wir schauen schon, dass der Boden gut vorbereitet mit einer schönen
Begrünung, mit schön gut eingedeckt, warm eingepackt in den Winter

00:08:33.880 --> 00:08:43.060
<v Reiner>geht und starten dann im Frühjahr so ab etwa Ende März, Anfang April erst
wieder mit der Bodenbearbeitung, die dann aber schon im Juli wieder endet.

00:08:43.600 --> 00:08:49.720
<v Tobias>Wer den Bei Anruf Wein-Podcast schon ein bisschen länger verfolgt, der weiß,
mein Lieblingsthema ist immer irgendwie so das Thema Klimawandel.

00:08:50.320 --> 00:08:54.970
<v Tobias>Jetzt wissen wir ja, du hast schon jahrzehntelange Erfahrung als Winzer.

00:08:55.390 --> 00:09:03.520
<v Tobias>Wir haben aber vorhin, da waren die Mikrofone noch nicht an, darüber
gesprochen, so einen richtigen Winter, den gab es eigentlich schon seit vielen

00:09:03.520 --> 00:09:04.750
<v Tobias>Jahren nicht mehr.

00:09:04.930 --> 00:09:12.580
<v Tobias>Wird da nicht auch, sage ich mal, eine langjährige Erfahrung auf die Probe
gestellt bei dem ganzen Thema Klimawandel und dass man sich auf so was wie wie

00:09:12.580 --> 00:09:14.560
<v Tobias>einen ordentlichen Winter gar nicht mehr verlassen kann?

00:09:15.400 --> 00:09:18.090
<v Reiner>Na ja, es ist ja alles irgendwie im Fluss.

00:09:18.090 --> 00:09:20.290
<v Reiner>So, und auch Erfahrung fließt.

00:09:20.290 --> 00:09:29.770
<v Reiner>Also ich kann auf die Vergangenheit zurückblicken, kann daraus Rückschlüsse
ziehen und versuchen, sozusagen so eine Art Transformation meiner

00:09:29.770 --> 00:09:33.700
<v Reiner>Erfahrung von der Vergangenheit in die Zukunft zu gestalten.

00:09:33.700 --> 00:09:37.810
<v Reiner>Das ist das, was ich jeden Tag versuche, das hinzukriegen.

00:09:37.990 --> 00:09:44.020
<v Reiner>Und klar, als ich in den Beruf gegangen bin, ich bin leider in der Lage, dass
ich schon von früher reden kann.

00:09:44.020 --> 00:09:49.450
<v Reiner>Also irgendwann ist mir das mal mit, habe ich das mit Entsetzen festgestellt,
ich kann von früher erzählen.

00:09:49.750 --> 00:09:56.860
<v Reiner>Also ich habe eine Lehre als Winzer begonnen, das war Anfang der 80er Jahre,
1981, da gab es tatsächlich noch Winter.

00:09:56.860 --> 00:10:02.230
<v Reiner>Ich habe mir im Winter 1981, 1982 mal die Ohrläppchen in meinem Lehrbetrieb
beim Rebschnitt erfroren.

00:10:02.230 --> 00:10:04.390
<v Reiner>Damit hatte ich dann lange noch zu tun.

00:10:04.390 --> 00:10:06.040
<v Reiner>Das war echt schmerzhaft.

00:10:06.430 --> 00:10:12.910
<v Reiner>Na ja, und wir sehen natürlich den Klimawandel, der ist für uns, den kriegen
wir jeden Tag vor Augen geführt.

00:10:13.390 --> 00:10:20.920
<v Reiner>Der Austrieb ist mittlerweile der Reben nicht Anfang Mai, sondern der ist
teilweise schon Anfang April.

00:10:20.920 --> 00:10:22.240
<v Reiner>Der ist um 3 Wochen früher.

00:10:22.240 --> 00:10:23.320
<v Reiner>Die Lese ist früher.

00:10:23.320 --> 00:10:26.500
<v Reiner>Früher war die klassische Rieslinglese im Oktober, die hat sich bis November
hingezogen.

00:10:27.760 --> 00:10:37.180
<v Reiner>Mittlerweile starten wir in der Regel schon mit dem Riesling Mitte September
und sind in der ersten Oktoberwoche so gut wie fertig.

00:10:37.480 --> 00:10:40.210
<v Reiner>Das bedeutet natürlich auch massive Veränderungen.

00:10:40.210 --> 00:10:44.470
<v Reiner>Man muss das Lesefenster, das Zeitfenster, das wird kleiner.

00:10:45.100 --> 00:10:49.660
<v Reiner>Wir haben die zunehmende Gefahr von Spätfrösten, weil einfach alles früher
austreibt.

00:10:50.290 --> 00:10:54.580
<v Reiner>Und wir haben 3 Wochen länger Zeit, um durch Frost einen Schaden zu bekommen.

00:10:54.790 --> 00:10:56.440
<v Reiner>Also das muss man einfach so sehen.

00:10:57.370 --> 00:11:06.940
<v Reiner>Ja, das ist halt so, man versucht sich dann halt ein Bild zu machen und aus dem
ganzen Mix der Vergangenheit und der Erwartung der Zukunft, halt für das

00:11:06.940 --> 00:11:08.620
<v Reiner>Jahr etwas zu planen.

00:11:08.620 --> 00:11:12.100
<v Reiner>Und am Ende hofft man, dass man nichts falsch gemacht hat.

00:11:12.100 --> 00:11:15.700
<v Tobias>Ja, ich hatte es ja eben schon mal angesprochen, draußen regnet es in Strömen.

00:11:16.390 --> 00:11:20.530
<v Tobias>Also tatsächlich nicht so das wirklich winterliche Gefühl.

00:11:20.530 --> 00:11:24.410
<v Tobias>Aber Niederschlag ist ja jetzt, sage ich mal, eigentlich auch eine ziemlich
gute Sache.

00:11:24.410 --> 00:11:31.930
<v Tobias>Auch, glaube ich, wenn er im Winter fällt, weil es so ein bisschen den Boden
schon rüstet mit Wasservorkommen, oder?

00:11:31.930 --> 00:11:38.770
<v Reiner>Genau. Winterniederschläge sind für uns sehr, sehr wichtig, weil sie füllen
quasi das Depot im Boden auf.

00:11:38.890 --> 00:11:45.130
<v Reiner>Was wir natürlich auch sehen, ist, dass wir eine zunehmend ungleiche Verteilung
der Niederschläge haben.

00:11:45.130 --> 00:11:51.730
<v Reiner>Wir haben jetzt natürlich mit dem Jahrgang 2022 auch ein sehr extremes Jahr
hinter uns.

00:11:51.730 --> 00:11:59.530
<v Reiner>Wir haben über fast 12 Wochen im Sommer überhaupt keine Niederschläge gehabt
und es war extrem heiß, es war extrem trocken.

00:11:59.740 --> 00:12:09.250
<v Reiner>Trotzdem haben wir im Jahr 2022 über 600 mm Niederschlag, also bedeutet 600
Liter pro Quadratmeter Regen, die eben

00:12:09.250 --> 00:12:11.710
<v Reiner>2022 gefallen sind.

00:12:11.710 --> 00:12:14.470
<v Reiner>Das ist durchaus nicht wenig für eine Weinbauregion.

00:12:14.470 --> 00:12:17.050
<v Reiner>Also es gibt Regionen, die haben das doppelt an Niederschlag.

00:12:17.050 --> 00:12:24.430
<v Reiner>Aber in Weinbaugegenden liegt man normalerweise zwischen 550 und 650 Liter
Regen pro Jahr.

00:12:24.430 --> 00:12:30.880
<v Reiner>Aber wir sehen natürlich auch, dass die Niederschläge mittlerweile ungleich
verteilt sind.

00:12:31.330 --> 00:12:34.090
<v Reiner>Wir haben also im Winter natürlich hohe Niederschläge.

00:12:34.090 --> 00:12:42.880
<v Reiner>Wir haben teilweise auch dann Niederschläge, wenn wir sie nicht haben wollen,
nämlich während der Weinlese und im Sommer, wenn die Pflanze wächst, haben wir

00:12:42.880 --> 00:12:51.610
<v Reiner>keine. Und Stuart Pigott hat mal 2003, das war auch ein sehr trockenes, heißes
Jahr, mal in der FAZ-Kolumne geschrieben: der Riesling ist kein

00:12:51.610 --> 00:12:57.070
<v Reiner>Kaktus. Und das ist schon einfach so, der Riesling ist kein Kaktus.

00:12:57.070 --> 00:12:58.630
<v Reiner>Wir brauchen ab und zu Wasser.

00:12:59.110 --> 00:13:08.110
<v Reiner>Wir brauchen Wasser, damit das Kraftwerk der Pflanze arbeitet, nämlich das
Blatt, damit Assimilate gebildet werden, damit Aromen auch gebildet werden.

00:13:08.110 --> 00:13:11.290
<v Reiner>Es geht nicht alleine um Zucker, sondern es geht einfach um Aroma.

00:13:11.290 --> 00:13:14.980
<v Reiner>Das ist sowieso das oberste Ziel, die Aromareife.

00:13:14.980 --> 00:13:17.360
<v Reiner>Zucker ist sekundär.

00:13:17.360 --> 00:13:20.710
<v Reiner>Und dazu braucht die Rebe einfach auch Wasser.

00:13:20.920 --> 00:13:27.100
<v Reiner>Ja, das verteilt sich mittlerweile ungleich und ist nicht so schön.

00:13:28.150 --> 00:13:33.130
<v Reiner>Ich war im Sommer im Urlaub, in Südtirol, da war es einfach ein Traum.

00:13:33.160 --> 00:13:34.510
<v Reiner>Bei uns war alles Steppe.

00:13:34.510 --> 00:13:41.230
<v Reiner>In Südtirol, die hatten dann ein paar Niederschläge zwischendurch, da war, es
war wunderbar, da habe ich mich richtig geärgert.

00:13:41.380 --> 00:13:43.990
<v Reiner>Ein bisschen war ich neidisch und habe mich geärgert.

00:13:44.320 --> 00:13:49.420
<v Reiner>Und dann habe ich einen Abend bei Reinhold Messner verbracht.

00:13:49.810 --> 00:13:52.780
<v Reiner>Das war total spannend.

00:13:53.530 --> 00:14:00.070
<v Reiner>Wir haben uns mit dem ein bisschen unterhalten dürfen, und der hat gesagt: Die
Natur ist absichtslos.

00:14:00.730 --> 00:14:05.890
<v Reiner>Und das habe ich mir erst mal so richtig durch den Kopf gehen lassen.

00:14:05.890 --> 00:14:08.740
<v Reiner>Tatsächlich ist die Natur absichtslos.

00:14:09.010 --> 00:14:14.680
<v Reiner>Ja, die Winde, Niederschläge sind gut, aber die sind, kommen ohne Absicht.

00:14:15.010 --> 00:14:24.790
<v Reiner>Ja, und wir, ja, wenn ich dann mal damit hadere, dann habe ich mir im letzten
Jahr dann schon, jetzt auch in der Weinlese, im Winter, immer wieder das vom

00:14:24.790 --> 00:14:28.330
<v Reiner>Reinhold Messner in Erinnerung gerufen: Die Natur ist absichtslos.

00:14:28.330 --> 00:14:32.560
<v Reiner>Aber was wir halt natürlich machen, wir nehmen erheblichen Einfluss auf die
Natur.

00:14:33.220 --> 00:14:42.130
<v Reiner>Wir greifen ein, wir sind dafür verantwortlich, dass es jetzt so ist, wie es
ist, weil wir über Jahrzehnte einfach zu viele fossile Brennstoffe verbrauchen,

00:14:42.130 --> 00:14:43.300
<v Reiner>verbraucht haben.

00:14:43.300 --> 00:14:49.540
<v Reiner>Und ja, da ist halt, das ist unsere Absicht gewesen, dass es uns gut geht.

00:14:49.540 --> 00:14:58.650
<v Reiner>Und das sind die Folgen, die wir jetzt da natürlich sehen, dass wir schon mit
dem Klimawandel eine starke Herausforderung haben.

00:14:58.980 --> 00:15:06.930
<v Tobias>Ja, mit den nachdenklichen Worten zum Schluss haben wir jetzt, glaube ich,
wirklich eine super erst mal theoretische Basis gelegt für diese Folge.

00:15:07.290 --> 00:15:14.640
<v Tobias>Aber ja, jetzt lasst uns doch einfach mal los in Richtung Weinkeller, da ein
bisschen in die Praxis eintauchen und dann hören wir uns gleich wieder.

00:15:19.330 --> 00:15:21.520
<v Michael>Ja, ich glaube, man hört es an unserem Ton.

00:15:21.520 --> 00:15:23.500
<v Michael>Wir stehen jetzt hier im Fasskeller.

00:15:23.830 --> 00:15:27.340
<v Michael>Was passiert denn gerade jetzt hier Entscheidendes?

00:15:27.730 --> 00:15:31.780
<v Reiner>Ja, also wir haben jetzt hier schon die ersten 2 Holzfässer geleert.

00:15:31.780 --> 00:15:33.220
<v Reiner>Da war Weißburgunder drin.

00:15:33.910 --> 00:15:38.860
<v Reiner>Der soll jetzt zuerst abgefüllt werden, irgendwann Mitte Februar soll es so
weit sein.

00:15:39.160 --> 00:15:45.790
<v Reiner>Und von unserem Weißburgunder waren jetzt 2 Partien hier im Holzfass drin, im
sogenannten Stückfass.

00:15:45.940 --> 00:15:48.820
<v Reiner>Ein Stückfass hat 1.200 Liter Inhalt.

00:15:48.820 --> 00:15:52.180
<v Reiner>Hier sind die Fasstürchen jetzt noch draußen.

00:15:52.180 --> 00:15:53.710
<v Reiner>Man kann ins Fass reingucken.

00:15:53.830 --> 00:15:59.170
<v Reiner>Ich bin immer total geflasht von so einem Fass innen, das ist für mich wie
Schiffsbodenparkett.

00:16:00.670 --> 00:16:02.680
<v Reiner>Das ist einfach ein Traum.

00:16:02.920 --> 00:16:12.700
<v Reiner>Und diese Holz Fässer sind aus Eiche hergestellt und die sind aus Taunus-Eiche
hergestellt, die wir selbst mit dem Förster

00:16:12.700 --> 00:16:14.020
<v Reiner>zusammen eingeschlagen haben.

00:16:14.020 --> 00:16:18.160
<v Reiner>Also wir sind nachhaltigkeitszertifiziert schon seit 2012.

00:16:18.160 --> 00:16:23.410
<v Reiner>Für uns ist so das Thema aus der Region, mit der Region ganz, ganz wichtig.

00:16:23.410 --> 00:16:32.950
<v Reiner>Und da haben wir schon sehr frühzeitig angefangen, 2010, nicht das Holz für
unsere Holzfässer von irgendwoher

00:16:32.950 --> 00:16:37.420
<v Reiner>einzukaufen, sondern tatsächlich hier aus der Region zu beziehen.

00:16:37.720 --> 00:16:42.430
<v Reiner>Hier haben wir jeden Baum selber gesehen, aus dem die Fassdauben dann
hergestellt wurden.

00:16:42.430 --> 00:16:50.920
<v Reiner>Wir sind mit unserem Küfer in den Wald gefahren und haben dann tatsächlich die
einzelnen Bäume mit dem Küfer, mit dem Förster zusammen ausgewählt.

00:16:50.920 --> 00:16:52.360
<v Reiner>Die wurden dann eingeschlagen.

00:16:52.360 --> 00:16:57.700
<v Reiner>2010 16 Eichen, 2013 dann noch mal 10, die wurden dann zu Fassdauben
verarbeitet.

00:16:58.960 --> 00:17:08.650
<v Reiner>Die Fassdauben müssen dann auch einige Jahre reifen und lagern, damit
tatsächlich also das Gewünschte draus wird, damit es

00:17:08.650 --> 00:17:12.100
<v Reiner>funktioniert. Also auch ein Fassholz braucht eine gewisse Reife.

00:17:12.460 --> 00:17:22.300
<v Reiner>Und dann haben wir also im Prinzip seit 2013, 2014 angefangen, die Fässer, die
wir neu dazu bekommen haben, aus eigenem Holz,

00:17:22.300 --> 00:17:24.280
<v Reiner>also selbst geschlagenem Holz herzustellen.

00:17:24.280 --> 00:17:34.150
<v Reiner>Mittlerweile haben wir hier 48.000 Liter Holzfasskapazität, das meiste davon in
den traditionellen Stückfässern, 1.200 Liter oder Doppelstück mit

00:17:34.150 --> 00:17:38.740
<v Reiner>2.400 Liter haben wir hier noch, und wir haben 3.000-Liter-Fässer.

00:17:38.950 --> 00:17:43.000
<v Michael>Was ist denn noch im Fass und wann kommt was aus dem Fass raus?

00:17:43.390 --> 00:17:53.080
<v Reiner>Also mehrheitlich im Fass ist natürlich jetzt noch Riesling hier unten natürlich
so die, eher die High-End-Premiumweine Nonnberg,

00:17:53.080 --> 00:17:59.530
<v Reiner>Victoriaberg, die Lagenweine, die bleiben auch noch eine ganze Weile auf der
Hefe liegen.

00:17:59.530 --> 00:18:01.060
<v Reiner>Also da ist noch gar nichts passiert.

00:18:01.060 --> 00:18:05.020
<v Reiner>Die sind hier, haben die Trauben geerntet gekeltert, dann sind.

00:18:05.170 --> 00:18:08.080
<v Michael>Wie entscheidest du das, wie lange die jetzt noch auf der Hefe bleiben?

00:18:08.080 --> 00:18:11.050
<v Michael>Weil das ist ja auch maßgeblich nachher, wie der Wein sich dann stellt.

00:18:11.230 --> 00:18:13.330
<v Reiner>Wir verkosten schon immer mal.

00:18:13.330 --> 00:18:17.380
<v Reiner>Wir haben, ich halte auch nichts von permanentem Verkosten.

00:18:17.380 --> 00:18:27.370
<v Reiner>Also ich bin auch so von der alten Schule, ich habe noch die alten Lehrmeister
der Kellerwirtschaft als Professoren und als Ausbilder gehabt, und da

00:18:27.370 --> 00:18:36.610
<v Reiner>hieß es immer, also die durchsoffenen oder durchzechten Weine, also wenn man
ständig an so einem Fass rumprobiert, glaube ich fest, das ist nichts.

00:18:36.610 --> 00:18:40.990
<v Reiner>Man stört den ganzen Entwicklungsprozess, man muss das Ganze in Ruhe lassen.

00:18:40.990 --> 00:18:44.950
<v Reiner>Aber man muss natürlich immer wissen: Was passiert jetzt hier gerade?

00:18:44.950 --> 00:18:52.930
<v Reiner>Deswegen, klar, gibt es Verkostungen, aber wir machen immer eher große,
vollumfängliche Verkostungen, als ständig irgendwie an so einem Wein da

00:18:52.930 --> 00:19:02.890
<v Reiner>rumzuzerren. Und wir haben jetzt Anfang Dezember einmal den Jahrgang komplett,
jedes Fass, jeder Tank, alles was wir haben, auf den Tisch gestellt und haben

00:19:02.890 --> 00:19:04.060
<v Reiner>es durchprobiert.

00:19:04.060 --> 00:19:06.700
<v Reiner>Da laden wir auch uns immer noch Gäste ein.

00:19:06.700 --> 00:19:15.910
<v Reiner>Also wir wollen nicht nur unsere eigenen Weine probieren und sagen: toll, toll,
toll, sondern wir holen auch Studienfreunde und andere

00:19:16.270 --> 00:19:19.780
<v Reiner>Kapazitäten quasi dazu und probieren durch.

00:19:19.780 --> 00:19:23.320
<v Reiner>Und dann wird das durchaus kritisch betrachtet.

00:19:23.500 --> 00:19:27.220
<v Reiner>Da wird jeder Wein auseinandergenommen, sensorisch.

00:19:27.430 --> 00:19:34.000
<v Reiner>Und dann gibt es natürlich Entscheidungen wann von der Hefe runter, wie lange
bleibt er von der Hefe?

00:19:34.000 --> 00:19:43.420
<v Reiner>Aber auch hier spielt natürlich die Erfahrung eine ganz große Rolle, weil wir
wissen natürlich, unser Nonnberg ist ein Wein, der lange

00:19:43.420 --> 00:19:47.500
<v Reiner>Hefelage nicht nur verträgt, sondern er braucht das.

00:19:47.500 --> 00:19:53.560
<v Reiner>So, und deswegen sind natürlich viele Entscheidungen schon im Kopf vorher
gefallen.

00:19:54.670 --> 00:19:58.450
<v Reiner>Die stehen schon fest und man bestätigt das letzten Endes nur.

00:19:58.840 --> 00:20:04.300
<v Reiner>Und so ist das, wir machen jetzt dann die nächste große Verkostung, die ist am
24.

00:20:05.030 --> 00:20:08.410
<v Reiner>Januar. Da kommt dann noch mal alles raus und auf den Tisch.

00:20:08.650 --> 00:20:17.470
<v Reiner>Und da wird dann tatsächlich geguckt, wie sind die Weine im Hinblick auf die
anstehenden Füllungen, welche zuerst, welche brauchen noch Zeit usw.

00:20:17.470 --> 00:20:27.360
<v Reiner>Aber klar ist, je weiter oben die Weine in der Qualitätspyramide angesiedelt
sind, umso länger bleiben sie hier im Holzfasskeller

00:20:27.660 --> 00:20:29.940
<v Reiner>und umso länger bleiben sie auch auf der Hefe.

00:20:30.090 --> 00:20:32.040
<v Tobias>Ja, ihr macht auch ein bisschen Rotwein.

00:20:32.040 --> 00:20:39.690
<v Tobias>Ist das auch sozusagen irgendwie so die Befriedigung der Konsumentennachfrage
oder gehört Spätburgunder auch unbedingt ins Rheingau?

00:20:40.290 --> 00:20:44.820
<v Reiner>Ja, also der Spätburgunder ist ja im Rheingau schon länger nachgewiesen als der
Riesling.

00:20:45.300 --> 00:20:52.390
<v Reiner>Der Riesling ist 1435 das erste Mal in Kellerbüchern im Rheingau aufgetaucht.

00:20:52.390 --> 00:21:01.620
<v Reiner>Der Spätburgunder bereits 1106, der kam ja mit den Benediktinern aus dem Burgund
in den Rheingau.

00:21:01.650 --> 00:21:03.840
<v Reiner>Die hatten den Spätburgunder mit im Gepäck.

00:21:03.930 --> 00:21:10.920
<v Reiner>Also deswegen gehört natürlich Spätburgunder auch in den Rheingau und er gehört
auch zu uns.

00:21:10.920 --> 00:21:20.550
<v Reiner>Und ich glaube auch, und das ist dann natürlich die eher positive Seite der
Medaille des

00:21:20.550 --> 00:21:28.380
<v Reiner>Klimawandels, dass wir gerade auch im Bereich Rotwein mittlerweile auch die
ganze Klaviatur spielen können.

00:21:28.830 --> 00:21:38.520
<v Reiner>Und ich glaube schon, dass viele Spätburgunder aus Deutschland, die guten, die
ambitionierten, es mit jedem Burgunder aus Burgund

00:21:38.550 --> 00:21:40.890
<v Reiner>aufnehmen können. Da bin ich mir ganz sicher.

00:21:40.920 --> 00:21:49.710
<v Reiner>Allerdings, und das sehe ich natürlich mit einem eher weinenden Auge des
Erzeugers, zu einem Drittel des Preises, den man in Burgund zahlt.

00:21:49.860 --> 00:21:53.940
<v Tobias>Ja, das ist jetzt mal eine klare Empfehlung in Richtung Spätburgunder aus dem
Rheingau.

00:21:54.780 --> 00:21:59.010
<v Tobias>Reiner Jetzt sind wir ja hier eine Etage unter dem Weinkeller, praktisch im
Fasskeller.

00:21:59.610 --> 00:22:06.210
<v Tobias>Gibt es denn noch eine Station, die jetzt hier im Winter im Keller noch eine
Rolle spielt, die wir uns angucken könnten?

00:22:06.240 --> 00:22:09.480
<v Reiner>Ja, klar. Also wir haben natürlich nicht nur Holzfässer.

00:22:10.170 --> 00:22:15.540
<v Reiner>Wir bauen ungefähr 20 bis 25 % unserer Weine im Holzfass aus.

00:22:15.900 --> 00:22:20.940
<v Reiner>Wir haben auch einen Edelstahlkeller, das ist aber ebenerdig.

00:22:20.940 --> 00:22:24.600
<v Reiner>Also die Bezeichnung „Keller" ist vielleicht da ein bisschen übertrieben.

00:22:25.170 --> 00:22:26.610
<v Reiner>Also wir haben auch Edelstahltanks.

00:22:26.610 --> 00:22:33.090
<v Reiner>Wir haben 200.000 Liter Volumen Potenzial für den Ausbau unserer Weine im
Edelstahl.

00:22:34.020 --> 00:22:36.920
<v Reiner>Und da können wir natürlich jetzt gerne mal hingehen, mal gucken.

00:22:36.920 --> 00:22:41.050
<v Reiner>Da wird filtriert, da wird auch abgestochen, da ist Hefe, da ist Matsche.

00:22:41.050 --> 00:22:46.440
<v Reiner>Also Weinmachen ist manchmal auch dirty und da ist jetzt voll Action.

00:22:47.910 --> 00:22:51.180
<v Tobias>Ja, jetzt sehe ich hier ganz viele Edelstahlfässer, wir sind angekommen.

00:22:51.720 --> 00:22:56.850
<v Tobias>Ja, erkläre uns doch mal was, was jetzt hier im Winter die Arbeiten sind, die
durchgeführt werden müssen.

00:22:57.390 --> 00:23:01.020
<v Reiner>Na ja, also hier ist jetzt gerade der Weißburgunder aus dem Holzfasskeller
angekommen.

00:23:01.830 --> 00:23:09.690
<v Reiner>Der wurde umgelagert in einen Edelstahltank, weil es auch verschiedene Gebinde
waren, in denen der Wein vergoren wurde.

00:23:09.690 --> 00:23:18.630
<v Reiner>Jetzt kommt der, wird er quasi wiedervermählt, kommt wieder in einen
Edelstahltank zusammen, wird dann vorher filtriert.

00:23:18.630 --> 00:23:25.380
<v Reiner>Also wir versuchen halt möglichst wenig an den Weinen halt rumzudoktern,
eigentlich gar nichts zu machen.

00:23:25.380 --> 00:23:27.900
<v Reiner>Der Wein soll das alles für sich alleine machen.

00:23:28.200 --> 00:23:30.720
<v Reiner>Einer meiner alten Lehrmeister, der Prof.

00:23:30.720 --> 00:23:40.710
<v Reiner>Dr. Gerhard Troost, das war jemand, der hat mal die Bibel der Weintechnologie
geschrieben, war Geisenheimer Institutsleiter am Institut für

00:23:40.710 --> 00:23:44.640
<v Reiner>Kellerwirtschaft, und der hat gesagt: Die Gärung ist die Geburt des Weines.

00:23:45.030 --> 00:23:48.480
<v Reiner>Also wir sind quasi die Hebammen, die Geburtshelfer.

00:23:48.480 --> 00:23:52.800
<v Reiner>Wir helfen diesem Kind auf die Welt.

00:23:52.800 --> 00:23:59.070
<v Reiner>Wir gucken, dass das wohl erzogen wird, dass das eine gute Ausbildung bekommt.

00:23:59.070 --> 00:24:08.520
<v Reiner>Und irgendwann, wenn der Wein in die Flasche kommt und zum Kunden, dann ist die
Erziehung, die wir leisten können, unsere Geburtshilfe zu Ende.

00:24:08.820 --> 00:24:10.350
<v Reiner>Und nichts anderes machen wir hier.

00:24:10.380 --> 00:24:17.790
<v Tobias>Ja, sehr gut. Jetzt haben wir schon jede Menge gelernt und vor allem auch
feststellen müssen, untätig seid ihr tatsächlich im Winter nicht.

00:24:18.300 --> 00:24:24.660
<v Tobias>Aber jetzt fehlt uns natürlich noch ein ganz wichtiger Punkt, nämlich: Was
passiert eigentlich im Weinberg?

00:24:24.660 --> 00:24:26.430
<v Tobias>Was passiert im Wingert?

00:24:26.430 --> 00:24:31.680
<v Tobias>Und ja, vielleicht schwingen wir uns jetzt noch mal kurz ins Auto und du zeigst
uns da noch ein bisschen mehr.

00:24:31.710 --> 00:24:38.600
<v Reiner>Unbedingt. Hier fängt der Nonnberg an, der geht bis da hinten hin.

00:24:44.600 --> 00:24:47.930
<v Tobias>So, das war jetzt eine wirklich kurze Fahrt und jetzt stehen wir hier im
Wingert.

00:24:49.160 --> 00:24:57.200
<v Tobias>Ja, Reiner, erzähl uns doch bitte mal, was wir hier sehen, wo wir hier sind und
vor allem, was es hier wieder mal im Winter zu tun gibt.

00:24:57.200 --> 00:24:58.700
<v Tobias>Ist ja unser Dauerthema.

00:24:58.700 --> 00:25:00.800
<v Reiner>Ja, also hier sind wir im Nonnberg.

00:25:00.800 --> 00:25:03.410
<v Reiner>Das ist quasi mein Hausberg, mein Lieblingsweinberg.

00:25:04.100 --> 00:25:11.900
<v Reiner>Ein Weinberg, der 1281 erstmals urkundlich erwähnt wurde, der fast 500 Jahre
lang im Besitz eines Nonnenklosters war.

00:25:11.900 --> 00:25:19.370
<v Reiner>Deswegen heißt er auch Nonnberg, 1791 dann in die Hände des Mainzer Erzbischofs
übergegangen ist.

00:25:19.370 --> 00:25:21.870
<v Reiner>Dann kam Napoleon, Säkularisation.

00:25:21.870 --> 00:25:31.460
<v Reiner>Und heute sind wir die Eigentümer dieses kompletten Weinbergs, deswegen ist das
auch eine Monopollage, genauso wie der Hochheimer Königin Victoriaberg,

00:25:31.610 --> 00:25:33.860
<v Reiner>der auch zu unserem Weingut gehört.

00:25:33.860 --> 00:25:37.320
<v Reiner>Und hier kann man schön die Begrünung sehen, die Winterbegrünung.

00:25:37.320 --> 00:25:47.240
<v Reiner>Der Weinberg ist komplett, quasi der Boden zugewachsen, wobei wir alternierend
eine über die andere Reihe im Sommer offen halten, um

00:25:47.240 --> 00:25:49.400
<v Reiner>eine Wasserkonkurrenz zur Rebe zu vermeiden.

00:25:49.400 --> 00:25:54.080
<v Reiner>Also es ist wichtig, im Boden die sogenannten Kapillare zu brechen.

00:25:54.080 --> 00:26:03.950
<v Reiner>Das sind so quasi feine Äderchen, die Wasser von tieferen Bodenschichten in
obere Bodenschichten transportieren und

00:26:03.950 --> 00:26:07.850
<v Reiner>da auch für eine höhere Verdunstung am Ende verantwortlich sind.

00:26:08.000 --> 00:26:15.560
<v Reiner>Und wenn man den Boden ganz flach bearbeitet, da wird nur so ganz leicht oben
in den ersten 10 Zentimeter so ein bisschen rumgerührt, dann bricht man diese

00:26:15.560 --> 00:26:25.040
<v Reiner>Kapillare, das heißt also, dieser Wasserfluss von tieferen Bodenschichten nach
oben, der ist unterbrochen, der flach bearbeitete Boden oben, der liegt dann

00:26:25.040 --> 00:26:34.940
<v Reiner>quasi wie so eine Art Isolationsschicht oben drauf und wir erhalten in dem
Unterboden, da, wo die Reben mit ihren Wurzeln zu Hause sind, mehr Bodenfeuchte.

00:26:34.940 --> 00:26:43.670
<v Reiner>Und in den Reihen jetzt, die quasi im letzten Sommer offengehalten waren, kann
man also jetzt noch so die Reste der Begrünung sehen, der verschiedenen

00:26:43.670 --> 00:26:45.260
<v Reiner>Pflanzen, die wir da einsäen.

00:26:45.260 --> 00:26:47.900
<v Reiner>Das sind über 30 verschiedene Pflanzen.

00:26:47.900 --> 00:26:54.470
<v Reiner>Dazu zählen eben Phacelia, Ringelblume, Klee natürlich, Pimpernelle.

00:26:54.500 --> 00:27:01.610
<v Reiner>Also man kann auch für seinen Sommersalat, kann man hier auch im Weinberg sich
die Kräuter dazu zusammensuchen.

00:27:02.330 --> 00:27:05.900
<v Reiner>Ja, da ist Borretsch, ist da eingesät usw.

00:27:05.900 --> 00:27:09.470
<v Reiner>Und das ist natürlich jetzt vom letzten Frost vor Weihnachten ein bisschen
abgefroren.

00:27:10.220 --> 00:27:16.580
<v Reiner>Das, was man hier so ein bisschen müde, welk sieht, das sind Malven, die
abgefroren sind.

00:27:16.580 --> 00:27:20.870
<v Reiner>Aber das kommt alles im Frühjahr wieder und fängt dann relativ frühzeitig an zu
blühen.

00:27:21.710 --> 00:27:26.630
<v Tobias>Jetzt schauen wir doch mal vielleicht ein bisschen näher in Richtung Stock, in
Richtung Reben.

00:27:26.900 --> 00:27:29.990
<v Tobias>Logischerweise, hier hängt keine einzige Traube mehr.

00:27:30.950 --> 00:27:36.350
<v Tobias>Dafür sieht das jetzt irgendwie alles so ein bisschen gakelig aus, so ein
bisschen trocken aus.

00:27:36.350 --> 00:27:40.580
<v Tobias>Was ist denn jetzt hier die Aufgabe an der Rebe selber im Winter?

00:27:41.030 --> 00:27:50.480
<v Reiner>Ja, also beim Rebschnitt wollen wir jetzt hier in diesem Weinberg eine
Fruchtroute anschneiden, die dann quasi die

00:27:50.480 --> 00:27:54.380
<v Reiner>Basis bietet für den künftigen Jahrgang.

00:27:54.620 --> 00:27:58.580
<v Reiner>Also wir haben hier diesen Rebstock, der besteht aus einem Stamm.

00:27:58.790 --> 00:28:02.620
<v Reiner>Der Stamm ist etwa 60 bis 70 cm hoch.

00:28:02.620 --> 00:28:06.050
<v Reiner>Das ist das sogenannte Altholz.

00:28:06.350 --> 00:28:15.530
<v Reiner>Und aus diesem Altholz sieht man so einen etwas dünneren, so daumendicken
Stängel rauswachsen, der dann in der

00:28:15.530 --> 00:28:17.990
<v Reiner>Horizontalen gebogen ist.

00:28:17.990 --> 00:28:21.500
<v Reiner>Der ist also flach gebogen.

00:28:22.070 --> 00:28:31.850
<v Reiner>Und aus dieser ehemaligen Fruchtroute vom letzten Jahr kann man sehen, sind
lauter neue Triebe entstanden, die quasi jetzt für das kommende Jahr

00:28:32.300 --> 00:28:36.860
<v Reiner>Schnittholz sind, für die nächste neue Fruchtroute.

00:28:36.860 --> 00:28:39.950
<v Reiner>Wir sprechen hier von einjährigem Holz.

00:28:39.950 --> 00:28:42.800
<v Reiner>Also das sind die Triebe, die dieses Jahr entstanden sind.

00:28:43.100 --> 00:28:52.670
<v Reiner>Die sind verholzt im Oktober, November und das ist so ein bisschen wie eine
Weidenrute, ist so bleistiftdick, ist auch elastisch

00:28:52.670 --> 00:28:54.390
<v Reiner>und so.

00:28:54.390 --> 00:28:55.820
<v Reiner>Das ist das 1-jährige Holz.

00:28:55.820 --> 00:28:59.690
<v Reiner>Das 1-jährige Holz befindet sich auf dem 2-jährigen Holz.

00:28:59.690 --> 00:29:06.140
<v Reiner>Das 2-jährige Holz ist das, was quasi im letzten Jahr die Fruchtroute war, die
wir jetzt hier so vor uns sehen.

00:29:06.140 --> 00:29:14.330
<v Reiner>Und dieses 2-jährige Holz ist dann auf dem, kommt aus dem mehrjährigen Holz
also der Teil, der eigentlich der Stamm ist.

00:29:14.570 --> 00:29:17.930
<v Reiner>So, und wir stellen uns einfach vor, dass wir hier die Verlängerung haben zur
Wurzelachse.

00:29:18.740 --> 00:29:26.720
<v Reiner>Das heißt, wir versuchen so zu schneiden, dass das im Prinzip möglichst gerade
von der Wurzel aus weitergeht.

00:29:26.750 --> 00:29:30.800
<v Reiner>So, jetzt haben wir aber bei der Rebe ein Lianengewächs vor uns.

00:29:30.800 --> 00:29:40.550
<v Reiner>Die Rebe ist botanisch gesehen ein Lianengewächs und ist ursprünglich in den
Auenwäldern von Flussniederungen und Flussdeltas zu Hause

00:29:40.550 --> 00:29:45.090
<v Reiner>gewesen. Also von Eurasien angefangen, also Asien angefangen, bis zu uns.

00:29:45.120 --> 00:29:52.080
<v Reiner>Man kann noch Vitis Vinifera, Wildformen der Rebe, in den Auenwäldern des
Rheines finden.

00:29:52.380 --> 00:29:58.500
<v Reiner>Die Rebe wächst an den Stämmen der Bäume hoch und macht sich oben in der Krone
der Bäume breit.

00:29:58.500 --> 00:30:05.190
<v Reiner>So, da wir aber andere Ziele haben, haben wir hier eine sogenannte Drahtanlage.

00:30:05.190 --> 00:30:09.540
<v Reiner>Das heißt, überall sind Pfähle und zwischen dem Pfahl ist Draht.

00:30:09.540 --> 00:30:14.640
<v Reiner>Das ist quasi die Rankhilfe für die Rebe.

00:30:14.820 --> 00:30:19.050
<v Reiner>In diesem Draht wächst diese Rebe dann nach oben.

00:30:19.050 --> 00:30:27.540
<v Reiner>Die Triebe sollten sich möglichst gleichmäßig in der Laubwand verteilen, damit
wir überall Luft, Licht und Sonne haben, damit die Trauben nicht auf einem

00:30:27.540 --> 00:30:32.760
<v Reiner>Klumpen hängen, sondern sich schön in einer Rebzeile verteilen.

00:30:33.000 --> 00:30:40.720
<v Reiner>Und was ich eigentlich noch sagen wollte, wir waren beim Lianengewächs: Die
Rebe hat noch eine Besonderheit.

00:30:40.720 --> 00:30:44.100
<v Reiner>Die hat die sogenannte apikale Dominanz.

00:30:44.100 --> 00:30:44.940
<v Tobias>Oh Gott, Oh Gott!

00:30:44.940 --> 00:30:46.860
<v Reiner>Oh Gott, Oh Gott, genau, die apikale Dominanz.

00:30:46.860 --> 00:30:53.250
<v Reiner>Das heißt, die Rebe treibt an der Triebspitze bevorzugt aus.

00:30:53.670 --> 00:31:02.940
<v Reiner>Das kommt daher, weil die Rebe ursprünglich im Wald zu Hause war und möglichst
schnell nach oben wachsen musste, um sich oben im Lichtbereich der Krone der

00:31:02.940 --> 00:31:04.020
<v Reiner>Bäume breitzumachen.

00:31:04.770 --> 00:31:13.950
<v Reiner>So, wenn wir jetzt quasi die künftige Fruchtroute nicht in die Horizontale
bringen würden, hätten wir bei der apikalen Dominanz eine

00:31:13.950 --> 00:31:17.310
<v Reiner>Bevorzugung der oberen Spitze.

00:31:17.940 --> 00:31:24.300
<v Reiner>Diese Fruchtroute um die Rebe würde oben ganz dolle wachsen und unten total
scheiße wachsen.

00:31:24.810 --> 00:31:34.140
<v Reiner>Ja, weil wir aber wollen, dass alle Trauben gleichmäßig versorgt werden, alle
Trauben auch gleich gut sind, müssen wir diese apikale Dominanz brechen,

00:31:34.350 --> 00:31:39.720
<v Reiner>indem wir diese Fruchtroute nachher nehmen und biegen sie in die Horizontale.

00:31:40.380 --> 00:31:46.530
<v Reiner>Und durch dieses Biegen in der Horizontale erreichen wir, dass alle Augen auf
Augenhöhe sind.

00:31:46.740 --> 00:31:52.920
<v Reiner>Also die Augen sind alle gleichberechtigt auf einer Höhe, treiben alle
gleichmäßig aus.

00:31:52.920 --> 00:31:59.040
<v Reiner>Alle Trauben werden gleichmäßig mit Assimilaten versorgt und wir haben eine
homogene Qualität.

00:31:59.640 --> 00:32:05.100
<v Reiner>So, und das alles muss man ein bisschen im Hinterkopf behalten, wenn man Reben
schneidet.

00:32:06.480 --> 00:32:15.030
<v Tobias>Ja, gutes Stichwort, weil beim Begriff Rebschnitt bekomme ich direkt Angst, weil
man kann doch bestimmt auch ganz, ganz viel falsch machen und dann sozusagen den

00:32:15.030 --> 00:32:17.100
<v Tobias>kompletten Stock ruinieren.

00:32:18.210 --> 00:32:19.740
<v Tobias>Am besten zeigst du uns das einfach mal!

00:32:20.070 --> 00:32:21.350
<v Reiner>Ja, klar. Klar kann man es ruinieren.

00:32:21.350 --> 00:32:22.830
<v Tobias>So, wie es richtig geht, meine ich!

00:32:22.830 --> 00:32:29.880
<v Reiner>Klar kann man es ruinieren. Aber es gibt natürlich, ja, es gibt 5 Winzer, 5
Meinungen beim Rebschnitt.

00:32:30.030 --> 00:32:39.600
<v Reiner>Aber wie gesagt, das oberste Ziel ist, den Stock zu erhalten, weil so ein
Rebstock soll ja 40, 50 Jahre lang in einem

00:32:39.600 --> 00:32:42.600
<v Reiner>Weinberg bleiben und soll vital bleiben.

00:32:42.600 --> 00:32:51.510
<v Reiner>Und natürlich das Ertragsniveau und damit auch ein bisschen die Qualität eines
jeden Jahrgangs legt man mit dem Rebschnitt fest.

00:32:51.750 --> 00:32:57.450
<v Reiner>So, wenn wir uns jetzt hier diesen Stock anschauen, also manchmal steht man
auch vor einem Stock und man denkt, das ist so verworren, was mache ich denn

00:32:57.450 --> 00:32:58.630
<v Reiner>jetzt? Oh Gott, oh Gott.

00:32:58.630 --> 00:33:01.050
<v Reiner>Und man darf auch nicht aus jedem Stock eine Doktorarbeit machen.

00:33:01.050 --> 00:33:05.040
<v Reiner>Also man muss sehen, wir haben 5.000 Stöcke pro Hektar im Schnitt.

00:33:05.040 --> 00:33:06.370
<v Reiner>Wir haben 20 Hektar.

00:33:06.370 --> 00:33:09.210
<v Reiner>Das heißt, wir haben ganz viele Stücke zu schneiden.

00:33:09.210 --> 00:33:15.510
<v Reiner>Und wenn ich an jedem Stock eine Stunde rumdoktore, dann werde ich nicht mehr
fertig.

00:33:15.960 --> 00:33:23.270
<v Reiner>Also das heißt, wir schauen, also bei uns schneidet eine Person ungefähr einen
Hektar pro Woche.

00:33:23.270 --> 00:33:27.840
<v Reiner>So, bei 20 Hektar sind wir im Schnitt 20 Wochen, würde einer alleine 20 Wochen
schneiden.

00:33:28.440 --> 00:33:32.910
<v Reiner>Also er kriegt natürlich ein bisschen Hilfe, aber im Schnitt dauert bei uns der
Rebschnitt vom 1.

00:33:32.910 --> 00:33:35.000
<v Reiner>Dezember an bis Ende Februar.

00:33:35.000 --> 00:33:35.500
<v Tobias>Wow.

00:33:35.500 --> 00:33:40.410
<v Reiner>Ja, und irgendwann muss man auch fertig werden, weil dann kommt ja der Austrieb
und das geht ja schon wieder weiter.

00:33:40.410 --> 00:33:42.960
<v Reiner>Und dann muss man vorbereitet sein und alle Arbeiten müssen fertig sein.

00:33:43.290 --> 00:33:53.100
<v Reiner>Also, wenn man nicht unbedingt weiß, was nimmt man jetzt für eine Route,
schneidet man erstmal alles weg, was einen stört und was einem nicht gefällt

00:33:53.100 --> 00:33:55.050
<v Reiner>oder was man garantiert nicht braucht.

00:33:55.050 --> 00:33:58.470
<v Reiner>Und dann wird irgendwann das Bild immer klarer.

00:33:58.470 --> 00:34:03.360
<v Reiner>Also irgendwann sieht man vor sich, okay, wie soll es sein?

00:34:03.360 --> 00:34:13.140
<v Reiner>So, wenn man jetzt also hier hergehen, schneidet man natürlich erst mal so ein
bisschen die alte Fruchtroute, also das 2-jährige Holz, ein

00:34:13.140 --> 00:34:18.990
<v Reiner>bisschen durch. So, hier hätten wir im Prinzip sogar 3 Möglichkeiten.

00:34:18.990 --> 00:34:22.340
<v Reiner>Also hier haben wir 3 wunderschöne Fruchtrouten, 1, 2, 3.

00:34:23.040 --> 00:34:32.400
<v Reiner>Ja, also hier schneiden wir natürlich erst mal aus der vorherigen Fruchtroute
erst mal alles so ein bisschen weg, was wir garantiert nicht

00:34:32.400 --> 00:34:41.970
<v Reiner>brauchen. Und so, wenn wird das ein bisschen klarer haben, so, hier aus dem
Stamm kommt noch was raus, das schneiden wir ab, das brauchen wir nicht.

00:34:41.970 --> 00:34:47.040
<v Reiner>Aber hier kann man sehr schön sehen, wir haben theoretisch 3 wunderbare
Fruchtrouten, die könnten wir alle nehmen.

00:34:47.880 --> 00:34:57.420
<v Reiner>Wir nehmen sozusagen die, die am nächsten zum Stamm angeordnet ist, machen
einen relativ geraden Schnitt

00:34:57.420 --> 00:35:02.970
<v Reiner>und haben jetzt hier unten drunter noch eine etwas kleinere Route.

00:35:03.870 --> 00:35:13.440
<v Reiner>Die schneiden wir auf 2 Augen an, dann haben wir im Prinzip in jedem Fall auch
nächstes Jahr, weil das muss das oberste Ziel sein, wieder ein gutes Schnittholz

00:35:13.440 --> 00:35:23.160
<v Reiner>zu haben, haben wir im nächsten Jahr ein gutes Schnittholz, wenn aus diesem
sogenannten Zapfen noch 2 Triebe rauskommen und der ist auch ganz nah am

00:35:23.160 --> 00:35:28.110
<v Reiner>Stammkopf. Das heißt, wir haben die maximale Verlängerung zur Wurzel runter.

00:35:29.730 --> 00:35:39.270
<v Reiner>Ja, und da wir den den Stock in einem gewissen Blatt-Frucht-Verhältnis halten
wollen, also muss man schauen, dass man

00:35:39.270 --> 00:35:44.970
<v Reiner>auch eine ausreichende Anzahl an Augen am Stock belässt.

00:35:46.560 --> 00:35:50.610
<v Reiner>Hier haben wir auch so 2, 2,2 m² Standraum pro Stock.

00:35:51.900 --> 00:35:59.910
<v Reiner>Da kann man davon ausgehen, dass man mit ungefähr 16 Augen qualitativ auf der
absolut guten Seite ist.

00:35:59.910 --> 00:36:09.730
<v Reiner>Wenn wir jetzt mal abzählen, was wir hier gemacht haben, wir haben hier unten
an dem Zapfen 1, 2, 3 Augen, dann haben wir hier an der Fruchtroute 1, 2,

00:36:09.730 --> 00:36:15.570
<v Reiner>3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12.

00:36:15.570 --> 00:36:17.910
<v Reiner>12 plus die 3, sind wir jetzt bei 15.

00:36:17.910 --> 00:36:21.660
<v Reiner>Also wir hätten ein Auge mehr anschneiden können.

00:36:21.780 --> 00:36:26.880
<v Reiner>Wäre jetzt kein Beinbruch, aber die 15 Augen, die wir jetzt hier haben, sind
auch kein Beinbruch.

00:36:27.630 --> 00:36:31.230
<v Michael>Ja, es fängt jetzt gerade schon wieder an zu nieseln und zu regnen.

00:36:31.440 --> 00:36:33.150
<v Michael>Aber wir haben eine Menge gelernt.

00:36:33.150 --> 00:36:35.910
<v Michael>Wir wissen, dass ihr nicht untätig seid im Winter.

00:36:36.210 --> 00:36:37.980
<v Michael>Und ja, vielen Dank für die Zeit.

00:36:37.980 --> 00:36:40.440
<v Michael>Ist doch ein bisschen mehr geworden, als du dir vielleicht vorgestellt hast.

00:36:40.440 --> 00:36:42.870
<v Michael>Ich bin jetzt ein ganzes Stückchen schlauer.

00:36:42.870 --> 00:36:45.120
<v Michael>Vielleicht komme ich irgendwann mal auch so ein bisschen zum Schneiden.

00:36:45.120 --> 00:36:46.920
<v Michael>Ich habe es eben verstanden, wie es geht.

00:36:47.490 --> 00:36:52.500
<v Michael>Ja, und wir beide, Tobias, wir freuen uns doch, wenn es das nächste Mal wieder
heißt.

00:36:54.570 --> 00:36:55.530
<v Tobias>Bei Anruf.

00:36:55.680 --> 00:36:56.220
<v Reiner>Wein.