WEBVTT

00:00:02.650 --> 00:00:04.480
<v Michael>Bei Anruf Wein.

00:00:06.070 --> 00:00:07.660
<v Michael>Der Weinfreunde-Podcast.

00:00:10.250 --> 00:00:12.080
<v Tobias>Ich grüße euch, liebe Weinfreunde.

00:00:12.080 --> 00:00:13.430
<v Tobias>Mein Name ist Tobias.

00:00:13.430 --> 00:00:15.530
<v Tobias>Willkommen Bei Anruf Wein.

00:00:16.250 --> 00:00:22.040
<v Tobias>Von der Reblaus haben bestimmt schon viele gehört, sich aber noch nie so recht
mit dem Thema beschäftigt.

00:00:22.400 --> 00:00:26.690
<v Tobias>Was klingt wie ein ungefährliches Krabbeltierchen, hätte Ende des 19.

00:00:26.690 --> 00:00:30.590
<v Tobias>Jahrhunderts fast den Weinbau in ganz Europa ausgelöscht.

00:00:31.040 --> 00:00:38.780
<v Tobias>Aus welchem Grund dies nur fast geschah, warum die Reblaus heute noch eine
Bedrohung darstellt und was es in diesem Zusammenhang mit dem Begriff

00:00:38.780 --> 00:00:43.250
<v Tobias>„Wurzelecht" auf sich hat, kläre ich mit Michael in folgendem Telefonat.

00:00:43.580 --> 00:00:46.580
<v Tobias>Also bleibt mal dran. Ich ruf den mal an!

00:00:52.690 --> 00:00:54.910
<v Michael>Hm, hallo Tobias, da bist du ja schon.

00:00:55.030 --> 00:00:58.480
<v Michael>Hör mal, magst du eigentlich gruselige Geschichten?

00:00:59.020 --> 00:00:59.680
<v Tobias>Weiß ich nicht.

00:00:59.890 --> 00:01:03.100
<v Michael>Nee, ich muss ja heute aber was Gruseliges erzählen.

00:01:03.100 --> 00:01:13.000
<v Michael>Also eigentlich ist das so eine Story mit einer echten Bestie, mit viel
Katastrophe und Zerstörung und ähnlich wie bei

00:01:13.000 --> 00:01:16.870
<v Michael>Godzilla und Tarantula kann man sich das vorstellen.

00:01:16.870 --> 00:01:26.740
<v Michael>Denn dieses Ungeheuer, von dem ich rede, hätte fast eine komplette Branche, ach
was, Branche, eine jahrtausendealte Kultur

00:01:26.830 --> 00:01:29.170
<v Michael>erwischt, dahingefegt.

00:01:29.320 --> 00:01:37.270
<v Michael>Ja, also tatsächlich ein regelrechtes Monstermovie, aber überraschenderweise
bis heute noch nicht verfilmt.

00:01:37.630 --> 00:01:42.040
<v Tobias>Monstermovie? Was für einen Film fährst du denn jetzt?

00:01:42.400 --> 00:01:47.140
<v Tobias>Sind wir jetzt noch Bei Anruf Wein oder schon in irgendeinem Hollywood B-Movie?

00:01:47.320 --> 00:01:52.450
<v Tobias>Also ich muss jetzt mal hier ein bisschen Sachlichkeit für die lieben
Zuhörerinnen und Zuhörer reinbringen.

00:01:52.450 --> 00:02:02.320
<v Tobias>Ja? Also, sehr geehrte Damen und Herren, heute geht es um die Reblaus und den
riesigen Schaden, den sie weltweit, aber vor allem in den

00:02:02.320 --> 00:02:05.170
<v Tobias>europäischen Weinanbaugebieten angerichtet hat.

00:02:05.560 --> 00:02:15.370
<v Tobias>Also um ein Insekt namens Phylloxera alias Daktulosphaira vitifoliae, die
vernichtende Reblaus.

00:02:15.400 --> 00:02:22.990
<v Tobias>Ja, daher geht es jetzt erst einmal um eine Expedition ins Tierreich und damit
auch um das Thema Schädlinge.

00:02:23.440 --> 00:02:26.290
<v Michael>Oh, vielen Dank jetzt für deine Einführung.

00:02:26.290 --> 00:02:30.460
<v Michael>Und ich habe gar nicht geahnt, dass du so eine Art Grzimek-Talent jetzt hier
hast.

00:02:31.600 --> 00:02:38.650
<v Michael>Aber ich muss dann doch noch mal - Monstermovie - darauf hinweisen, es geht
jetzt nicht um irgendeinen Schädling.

00:02:38.770 --> 00:02:41.350
<v Michael>Es heißt ja tatsächlich Reblauskatastrophe.

00:02:41.350 --> 00:02:47.350
<v Michael>Und nur mal so kurz und knapp für das Szenario und das zukünftige Drehbuch.

00:02:47.350 --> 00:02:55.900
<v Michael>Also bis heute gibt es keine Therapie, kein Pflanzenschutzmittel oder gar
nichts, das gegen diese Reblaus hilft.

00:02:56.440 --> 00:03:04.000
<v Michael>Und dieses Ungeziefer, entschuldige bitte den Ausdruck, überfällt uns immerhin
schon um 1860.

00:03:04.150 --> 00:03:08.860
<v Michael>Also noch mal übersetzt, das sind jetzt 160 Jahre her.

00:03:08.860 --> 00:03:17.230
<v Michael>Übrigens, jetzt muss ich den Historiker doch noch mal raushängen lassen,
wahrscheinlich gelangen die Eier der Reblaus von der amerikanischen Ostküste

00:03:17.440 --> 00:03:20.650
<v Michael>nach London und von dort nach Frankreich.

00:03:21.100 --> 00:03:28.270
<v Michael>Ja, und da nimmt dann das ganze Malheur seinen Anfang und das Monster schlägt
gnadenlos zu.

00:03:29.320 --> 00:03:37.360
<v Tobias>Uiuiui. Ja, und da muss man ja auch mal sagen, meines Wissens nach hat man sogar
unsere geliebte Côtes-du-Rhône in Verdacht, ja, wenn es um den ersten Nachweis

00:03:37.360 --> 00:03:39.250
<v Tobias>der Reblaus in Europa geht.

00:03:39.250 --> 00:03:48.910
<v Tobias>Und jetzt überlegt nur noch mal, was das eigentlich für eine Ironie des
Schicksals ist, wenn du an das Jahr 1855 denkst, weil da wird ja die

00:03:48.910 --> 00:03:53.830
<v Tobias>heute noch gültige Klassifizierung der Médoc-Spitzenweingüter vorgenommen.

00:03:53.830 --> 00:03:54.520
<v Michael>Guter Hinweis, ja.

00:03:54.520 --> 00:03:57.940
<v Tobias>Wir erinnern uns ja an unsere Bordeaux-Folge mit Cédric Garraud.

00:03:58.390 --> 00:04:03.520
<v Tobias>Und keine 10 Jahre später macht die Reblaus alles zunichte.

00:04:03.700 --> 00:04:08.590
<v Tobias>Da gab es einfach keine Trauben mehr, die in den klassischen Cuvées hätten
landen können.

00:04:08.830 --> 00:04:13.300
<v Tobias>Der Großteil der Rebstöcke ist nach und nach einfach abgestorben.

00:04:13.600 --> 00:04:15.190
<v Michael>Das muss man auch dazu sagen.

00:04:15.370 --> 00:04:19.690
<v Michael>Das ist jetzt ein kleines Monster, aber ein sehr tückisches Monster.

00:04:20.200 --> 00:04:30.190
<v Michael>Denn zunächst befällt die Reblaus erst mal, in Anführungszeichen bitte zu
verstehen, nur die Blätter, dann ist das Biest in seiner, jetzt mache ich mal

00:04:30.190 --> 00:04:32.710
<v Michael>den Grzimek Fortpflanzungsphase.

00:04:33.250 --> 00:04:37.300
<v Michael>Ja, und der Schaden am Blattwerk ist sogar noch verkraftbar für die Rebe.

00:04:37.540 --> 00:04:45.430
<v Michael>Doch anschließend greift die Reblaus auch die Wurzeln des Weinstocks an und
damit ist dann tatsächlich das Todesurteil gefällt.

00:04:46.060 --> 00:04:53.170
<v Michael>Der Schädling sorgt nämlich dafür, dass die Wurzeln nicht mehr richtig Wasser
und Nährstoffe aufnehmen können.

00:04:53.170 --> 00:04:54.730
<v Michael>Die verhungern quasi.

00:04:55.270 --> 00:05:04.270
<v Michael>Und jetzt einfach eine neue Rebe zu pflanzen, die alte herauszureißen, eine
neue zu pflanzen, ist ja keine Lösung, denn es gibt ja keine Lösung.

00:05:04.990 --> 00:05:12.640
<v Michael>Also für viele Winzerinnen und Winzer damals in Europa schien die Lage
tatsächlich ausweglos.

00:05:12.730 --> 00:05:15.220
<v Tobias>Ja, das mag man sich heute gar nicht mehr so vorstellen können.

00:05:15.310 --> 00:05:21.730
<v Tobias>Und ich kenne Zahlen, die von einem Ausfall von über 70 % in den europäischen
Weinregionen reden.

00:05:22.000 --> 00:05:29.470
<v Tobias>Und über dem Rest hing ja dann das Damoklesschwert bereits, denn die
Verbreitung, die war nicht mehr aufzuhalten.

00:05:29.710 --> 00:05:33.100
<v Tobias>Und du hast es ja schon gesagt, man fand einfach kein Mittel gegen diesen
Schädling.

00:05:34.360 --> 00:05:41.740
<v Tobias>Ende der 1860er-Jahre tauchte die Reblaus in Österreich auf und dann war es im
Grunde genommen schon klar.

00:05:41.740 --> 00:05:46.000
<v Tobias>In Deutschland war sie dann Mitte der 1870er angekommen.

00:05:46.000 --> 00:05:47.950
<v Tobias>Da ging es dann richtig los.

00:05:48.520 --> 00:05:51.730
<v Tobias>Aber man muss auch dazu sagen, es gibt schon deutliche Unterschiede.

00:05:52.170 --> 00:05:56.010
<v Tobias>Auch je nach Land und selbst nach Regionen.

00:05:56.340 --> 00:06:01.770
<v Tobias>Denn wir wissen auch, 1900 ungefähr landete die Reblaus sogar in Südafrika und
Südamerika.

00:06:02.820 --> 00:06:05.990
<v Tobias>Aber eben nicht überall, sondern nur sehr partiell.

00:06:05.990 --> 00:06:07.020
<v Michael>Chile, Chile, Chile!

00:06:07.020 --> 00:06:08.180
<v Michael>Ich weiß es.

00:06:08.180 --> 00:06:08.940
<v Tobias>Chile, Chile?

00:06:09.180 --> 00:06:18.540
<v Michael>Ja, in Chile gibt es Anbaugebiete, die bis heute reblausfrei sind und dann mit
sogenannten wurzelechten Reben auch bestückt sind.

00:06:19.110 --> 00:06:21.210
<v Tobias>Ja, Chile, okay.

00:06:21.210 --> 00:06:25.830
<v Tobias>Also ich hatte jetzt eher Argentinien im Kopf, aber na ja, das können wir jetzt
noch mal irgendwie überprüfen.

00:06:26.520 --> 00:06:35.850
<v Tobias>Noch so eine Ironie des Wein-Schicksals in dem Zusammenhang übrigens, wenn wir
an die klassischen Bordeauxsorten denken, Cabernet Sauvignon, Merlot, aber

00:06:35.850 --> 00:06:45.630
<v Tobias>natürlich auch Malbec, dann gibt es heutzutage sozusagen wurzelechte Exemplare
dieser Rebsorten nur in, na ja, sagen wir jetzt

00:06:45.630 --> 00:06:47.910
<v Tobias>mal Südamerika, auf jeden Fall.

00:06:47.910 --> 00:06:56.820
<v Tobias>Ja, die sind quasi originaler als die heutigen Reben in Frankreich, denn die
wurden einfach vor der Reblauskatastrophe schon

00:06:57.060 --> 00:07:01.620
<v Tobias>exportiert. Ja, und darin steckt jetzt auch noch mal ein ganz wichtiger
Hinweis.

00:07:02.150 --> 00:07:11.580
<v Michael>Genau. Man muss sich nämlich mal genau anschauen, in welchen Regionen taucht die
Reblaus nicht auf und was haben diese Regionen uns zu erzählen?

00:07:11.850 --> 00:07:17.580
<v Michael>Also zum Beispiel wissen wir jetzt, die Reblaus mag keine Höhenlagen.

00:07:18.180 --> 00:07:22.260
<v Michael>Ja, die Reblaus mag aber auch keine sandigen Böden.

00:07:22.590 --> 00:07:27.330
<v Michael>Und die Reblaus mag keine schiefergeprägten Böden.

00:07:27.330 --> 00:07:28.470
<v Michael>Stichwort Mosel.

00:07:28.470 --> 00:07:32.700
<v Michael>Kommen wir mal dazu. Und bei Chile...

00:07:33.420 --> 00:07:34.380
<v Tobias>Argentinien, mhm.

00:07:34.380 --> 00:07:44.040
<v Michael>...kommt jetzt noch hinzu, dass auf der einen Seite die hohen, kalten Bergketten
alles abschotten und auf der anderen Seite der große, weite Pazifik,

00:07:44.040 --> 00:07:47.430
<v Michael>also die Insel der Wurzel echten Glückseligen.

00:07:47.460 --> 00:07:52.200
<v Tobias>Ja, also sehr schön Argentinien jetzt beschrieben, aber das lassen wir jetzt
mal.

00:07:53.370 --> 00:08:01.980
<v Tobias>Aber wir müssen jetzt ja langsamer an den Punkt kommen, wo wir den Hörerinnen
und Hörern auch verraten, wie es dann eigentlich doch der europäische Weinbau

00:08:01.980 --> 00:08:05.430
<v Tobias>noch geschafft hat, also sozusagen das Happy End.

00:08:05.580 --> 00:08:11.640
<v Tobias>Und dazu lass uns jetzt mal generell nach Amerika gehen, denn da liegt ja
sozusagen die Lösung.

00:08:11.640 --> 00:08:21.270
<v Tobias>Du hast ja schon berichtet, dass sozusagen die Wurzeln allen Reblaus-Übels aus
Amerika kommt und die

00:08:21.270 --> 00:08:28.590
<v Tobias>ersten Reblauseier wohl von dort, einfach an der Kleidung von Menschen
anhaftend, eingeschleppt wurden.

00:08:28.710 --> 00:08:38.550
<v Tobias>Doch während in Europa die Katastrophe bei denen zur Art Vitis vinifera
gehörenden Reben ihren Lauf nahmen, blieben die weniger edlen

00:08:38.550 --> 00:08:41.730
<v Tobias>amerikanischen Weinreben davon verschont.

00:08:41.880 --> 00:08:43.380
<v Tobias>Und zwar schon immer.

00:08:43.380 --> 00:08:53.310
<v Tobias>Man fand nämlich heraus, dass die Wurzeln der sogenannten Amerika-Reben sich an
den Einstichstellen ja mit so einer Art Korkbildung

00:08:53.310 --> 00:08:58.590
<v Tobias>helfen konnten und sich dadurch eben erfolgreich wehren konnten.

00:08:58.770 --> 00:09:08.250
<v Tobias>Und so kam quasi aus Amerika nicht nur die Reblaus zu uns, sondern dort lag
eben auch gewisser Weise die Rettung für die

00:09:08.250 --> 00:09:10.150
<v Tobias>Reblauskatastrophe in Europa.

00:09:10.150 --> 00:09:18.780
<v Michael>Okay, ich zögere jetzt das Happy End noch mal ein bisschen hinaus, weil das
nenne ich jetzt mal Ironie an dieser ganzen Geschichte, an diesem Monstermovie.

00:09:19.050 --> 00:09:28.800
<v Michael>Also der Kork, der irgendwann einmal den Wein in der Flasche beschützen wird,
wird schon ganz früh zum Hero gegen die Reblaus.

00:09:28.890 --> 00:09:29.940
<v Michael>Toll, oder?

00:09:30.510 --> 00:09:39.660
<v Michael>So, und damit ist eigentlich auch schon der Ausweg benannt, denn die gesamte
Weinwelt setzt angesichts der nach wie vor, bis heute gilt das,

00:09:39.660 --> 00:09:46.080
<v Michael>bestehenden Reblausdrohung, ja, eben auf diese amerikanische Wurzel.

00:09:46.500 --> 00:09:56.220
<v Michael>Man setzt seine edlen Weinreben, vitis vinifera einfach auf die resistenten
amerikanischen Wurzeln und nimmt so der

00:09:56.220 --> 00:10:03.060
<v Michael>Reblaus die Lebensgrundlage oder Unterlage, heißt es für alle Besucherinnen und
Besuchern der Rebschule.

00:10:03.060 --> 00:10:10.200
<v Michael>Ja, aber das erklärst du uns gleich noch mal, denn was ist denn jetzt
eigentlich wurzelecht, wie es immer so schön heißt?

00:10:10.200 --> 00:10:14.460
<v Michael>Und hat das Einfluss auf den Geschmack des Weines?

00:10:14.610 --> 00:10:18.090
<v Michael>Also, gib uns jetzt noch mal eine Unterlage.

00:10:18.090 --> 00:10:21.600
<v Tobias>Ja, aber jetzt lass mich das zuerst noch mal zusammenfassen, was du gesagt hast.

00:10:21.600 --> 00:10:23.250
<v Tobias>Ja, das muss man sich ja mal klar machen.

00:10:23.580 --> 00:10:33.540
<v Tobias>Man spricht heute davon, dass ungefähr 90 % aller Reben in Europa auf
amerikanischen Wurzeln stehen, also diesen sogenannten

00:10:33.540 --> 00:10:43.230
<v Tobias>Unterlagen. Das heißt, die Winzer haben diese Rebstöcke damals einfach auf
amerikanische Wurzeln gepfropft und dadurch ist es eigentlich

00:10:43.230 --> 00:10:51.570
<v Tobias>dann gelungen, zu diesem schon angekündigten Happy End zu kommen, dass es den
europäischen Weinbau überhaupt noch heute gibt.

00:10:52.510 --> 00:10:56.980
<v Tobias>So, und jetzt noch mal mit dem besseren Geschmack von Wein von wurzelechten
Reben.

00:10:57.910 --> 00:11:00.460
<v Tobias>Ja, weil das ist wirklich so eine Gretchenfrage.

00:11:00.460 --> 00:11:04.690
<v Tobias>Und mir persönlich fällt es jetzt wirklich schwer, da Stellung zu beziehen.

00:11:05.080 --> 00:11:13.510
<v Tobias>Die, die da so ganz von überzeugt sind, die sagen natürlich, die wurzelechten
Reben, die brächten schon weniger Ertrag, der dafür aber hochwertiger ist.

00:11:14.110 --> 00:11:18.700
<v Tobias>Die Trauben, die sind locker, beeriger, die sind auch gesünder.

00:11:18.970 --> 00:11:28.810
<v Tobias>Und gerade die sozusagen wurzelechten Reben werden auch deshalb die besseren
Terroir-Einfänger, weil sie eben tief verwurzelten und so die ganze

00:11:28.810 --> 00:11:31.390
<v Tobias>Tiefe des Bodens auch aufnehmen könnten.

00:11:31.540 --> 00:11:33.910
<v Tobias>Also Stichwort Mineralität.

00:11:34.390 --> 00:11:42.610
<v Tobias>Ja, das hört sich jetzt für mich erstmal sehr plausibel an, aber mir persönlich
und damit bin ich bestimmt auch nicht ganz alleine fehlt da einfach der

00:11:42.610 --> 00:11:44.500
<v Tobias>sensorische Vergleich.

00:11:44.500 --> 00:11:46.450
<v Tobias>Ich kann das nicht wirklich beurteilen.

00:11:46.570 --> 00:11:55.210
<v Tobias>Und überhaupt, wie alt müssen diese Reben eigentlich sein, dass sie wirklich
aus der Zeit vor der Reblauskatastrophe stammen?

00:11:55.390 --> 00:12:05.200
<v Tobias>Also du sprachst ja mal von 160 Jahren, das ist jetzt schon sehr, sehr, sehr
alt, oder Vieilles Vignes oder alte

00:12:05.200 --> 00:12:06.820
<v Tobias>Reben, meinst du nicht?

00:12:07.030 --> 00:12:12.610
<v Michael>Ja, prinzipiell gebe ich dir da recht, aber es gibt natürlich diese Unterschiede
nach Regionen.

00:12:13.120 --> 00:12:16.450
<v Michael>Und jetzt mal ganz persönlich unter uns beiden.

00:12:16.450 --> 00:12:22.060
<v Michael>Also ich dachte ja immer, dass ich es sei, der die Gedächtnislücken hätte.

00:12:22.060 --> 00:12:23.020
<v Michael>Aber ja.

00:12:23.020 --> 00:12:23.770
<v Tobias>Stimmt ja auch.

00:12:24.070 --> 00:12:33.940
<v Michael>Ja, eben nicht. Jetzt pass mal auf, denn wir beide standen schon einmal vor
einem Rebstock, der, sagen wir mal, mindestens 120 Jahre

00:12:33.940 --> 00:12:42.970
<v Michael>alt war. Und das war, ich helfe dir jetzt mal an dieser Stelle, auf unserer
Reise nach Nordspanien im Anbaugebiet Valdeorras, war das.

00:12:44.170 --> 00:12:45.250
<v Michael>Oh, das reimt sich schön.

00:12:45.970 --> 00:12:55.300
<v Michael>Der Anblick war damals, ist wahrscheinlich immer noch, ungeheuer beeindruckend,
denn diese Arme der Rebe, ja, die waren schon wie die von einem

00:12:55.300 --> 00:13:01.750
<v Michael>Schwergewichtsboxweltmeister. Also erinnere dich mal, und die mussten ja
teilweise auch schon abgestützt werden.

00:13:01.930 --> 00:13:03.790
<v Tobias>Ja, da hast du natürlich recht.

00:13:04.060 --> 00:13:06.190
<v Tobias>Und Stichwort Gedächtnislücken.

00:13:06.190 --> 00:13:15.790
<v Tobias>Ich kann mich wenigstens jetzt noch dran erinnern, dass es die Rebsorte Godello
war, aus der diese wunderbaren Weißweine aus Nordspanien entstehen.

00:13:15.790 --> 00:13:21.610
<v Tobias>Und ich kann mich sogar noch an den Namen des Mannes erinnern, mit dem wir
damals durch die Weinberge gingen.

00:13:21.610 --> 00:13:24.760
<v Tobias>Ich brauchte jetzt nur so ein bisschen, bis das alles zurückkam.

00:13:24.760 --> 00:13:34.540
<v Tobias>Das, ne, das war nämlich, das war nämlich Luis, und der berichtete, dass man
sich diesem Exemplar nur sehr vorsichtig nähern

00:13:34.540 --> 00:13:44.470
<v Tobias>dürfte, denn der ebenfalls schon sehr betagte Weingut-Senior ich nehme jetzt
mal an, er war noch unter 120 der,

00:13:44.650 --> 00:13:52.450
<v Tobias>ja, der nehme das mit dem Schutz dieses Rebstockes sehr ernst und sei auch oft
mit dem Jagdgewehr unterwegs.

00:13:52.600 --> 00:13:56.650
<v Tobias>Das hat uns damals schon direkt ziemlich eingeschüchtert.

00:13:56.770 --> 00:14:00.430
<v Michael>Ja, stimmt, Aber ich muss dich jetzt auch noch mal einschüchtern.

00:14:00.430 --> 00:14:04.540
<v Michael>Und zwar, ich muss noch einmal an deine Gedächtnisleistung erinnern.

00:14:04.630 --> 00:14:05.440
<v Tobias>Oh, nicht schon wieder.

00:14:05.440 --> 00:14:07.330
<v Michael>Doch, du bist uns ja noch eine Antwort schuldig.

00:14:07.330 --> 00:14:14.500
<v Michael>Ich habe ja nach dem geschmacklichen Unterschied gefragt noch mal und da hast
du dich so ein bisschen gedrückt, weil dir der Vergleich fehlt.

00:14:14.800 --> 00:14:23.620
<v Michael>Wenn ich hier in meine Notizen schaue, dann steht hier, dass der Weinlakai mal
einen Wein des Weinguts

00:14:23.620 --> 00:14:29.050
<v Michael>Rebenhof empfohlen hat, und zwar heißt der von wurzelechten Reben.

00:14:29.650 --> 00:14:30.190
<v Tobias>Stimmt.

00:14:30.190 --> 00:14:33.880
<v Michael>Ein Riesling von Johannes Schmitz übrigens noch mal, um dir zu helfen.

00:14:33.880 --> 00:14:41.320
<v Michael>Und da du den Wein so empfohlen hast, kannst du uns doch auch bestimmt noch mal
ein bisschen mehr darüber erzählen.

00:14:41.320 --> 00:14:43.960
<v Michael>Was heißt denn jetzt da eigentlich wurzelechte Reben?

00:14:44.080 --> 00:14:51.010
<v Tobias>Ja, also erst mal muss ich mich wirklich fragen, was ich dir heute wohl getan
habe, dass du jetzt ständig auf meiner Gedächtnisleistung so rumhackst, gibt es

00:14:51.010 --> 00:14:52.180
<v Tobias>ja gar nicht.

00:14:52.180 --> 00:14:52.930
<v Michael>Ich mache meine Arbeit, nicht mehr.

00:14:53.050 --> 00:14:54.970
<v Tobias>Ja, ja, ja. Nee, Du willst nur ablenken.

00:14:54.970 --> 00:14:56.260
<v Tobias>Aber wir lassen das mal!

00:14:56.590 --> 00:14:58.870
<v Tobias>Du hast natürlich recht, ne?

00:14:58.870 --> 00:15:02.110
<v Tobias>Rebenhof riesling von wurzelechten Reben.

00:15:03.280 --> 00:15:05.140
<v Tobias>Das ist ein Riesling von der Mosel.

00:15:05.140 --> 00:15:09.940
<v Tobias>Genauer gesagt sogar aus der bekannten Steillage Ürziger Würzgarten.

00:15:10.870 --> 00:15:15.760
<v Tobias>Haben wir übrigens, glaube ich, in unserer Folge zu den kuriosen Namen von
Weinlagen vergessen, ne?

00:15:16.240 --> 00:15:20.290
<v Tobias>Da wurde nämlich früher viele Kräuter gepflanzt und daher eben der Name
Würzgarten.

00:15:22.150 --> 00:15:25.720
<v Tobias>Aber jetzt schweife ich schon so ab, wie du das eigentlich machst.

00:15:25.720 --> 00:15:35.710
<v Tobias>Also pass auf, auf jeden Fall ist der Boden, auf dem diese wurzelechten Reben
stehen, sehr gesteinsreich und zerklüftet und da

00:15:35.710 --> 00:15:38.680
<v Tobias>bekommt einfach die Reblaus keinen guten Halt.

00:15:38.710 --> 00:15:41.920
<v Tobias>Du hattest ja auch schon das Beispiel sandiger Boden genannt, da ist das
genauso.

00:15:42.910 --> 00:15:46.870
<v Tobias>Und daher experimentiert Johannes Schmitz hier schon lange mit wurzelechten
Reben.

00:15:47.470 --> 00:15:52.040
<v Tobias>Und ja, der empfohlene Riesling zeigt wirklich eine exzellente Qualität, finde
ich.

00:15:52.430 --> 00:16:01.190
<v Tobias>Auch, das wiederhole ich jetzt noch mal, ich mir da doch nicht anmaße irgendwie
zu beurteilen, ob das auf diese Wurzelechtheit zurück zu vollziehen ist.

00:16:01.190 --> 00:16:02.150
<v Tobias>Aber wer weiß.

00:16:02.450 --> 00:16:03.980
<v Michael>Da hast du dich gut rausgeredet, finde ich jetzt.

00:16:04.190 --> 00:16:12.710
<v Michael>Das klang jetzt auch für mich plausibel, aber ich muss noch einmal am Drücker
bleiben, denn wir haben jetzt eben über 120 plus X Jahre gesprochen.

00:16:12.860 --> 00:16:22.760
<v Michael>Aber gerade das Beispiel Rebenhof und Johannes Schmitz zeigt doch aber, dass es
jenseits dieser ganz, ganz, ganz, ganz alten Reben und

00:16:22.760 --> 00:16:31.370
<v Michael>schießfreudigen Großgrundbesitzern, die diese Reben behüten, eben auch jüngere
wurzelechte Reben existieren.

00:16:31.370 --> 00:16:38.780
<v Michael>Und ich dachte immer, dass eigentlich jetzt alles auf amerikanische Unterlagen
gepflanzt werden muss, wie du das eben erzählt hast.

00:16:38.780 --> 00:16:41.000
<v Michael>Und damit wäre man ja nicht mehr echt.

00:16:41.030 --> 00:16:43.130
<v Michael>Ja, das ist doch ein Dilemma.

00:16:43.160 --> 00:16:45.050
<v Michael>Also Tobias, klär uns mal auf.

00:16:45.080 --> 00:16:46.040
<v Michael>wurzelecht oder nicht?

00:16:46.040 --> 00:16:55.340
<v Tobias>Ja, das ist natürlich ein delikates Kapitel, du hast recht, wenn man heute noch
irgendwie liest wurzelecht, das kann ja gar nicht von vor der Reblauskatastrophe

00:16:55.460 --> 00:17:00.290
<v Tobias>sein, denn 120 Jahre, wie eben schon erwähnt für einen Rebstock.

00:17:00.290 --> 00:17:07.940
<v Tobias>Ja, das ist eigentlich das ziemliche Maximum, denn irgendwann sterben die eben
auch aufgrund von Altersschwäche einfach ab.

00:17:08.720 --> 00:17:14.120
<v Tobias>So, und jetzt muss man halt eben sagen heute die wurzelechten Reben.

00:17:15.020 --> 00:17:17.120
<v Tobias>Es ist so ein bisschen delikates Kapitel.

00:17:17.540 --> 00:17:26.960
<v Tobias>Ja, und auch die Weinbehörden haben natürlich auf das Thema einen Blick
geworfen, denn wurzelechte Reben mit ihrer Anfälligkeit für die böse

00:17:26.960 --> 00:17:30.860
<v Tobias>Reblaus sollten natürlich eigentlich gar nicht mehr gepflanzt werden.

00:17:30.980 --> 00:17:36.350
<v Tobias>Und ich glaube sogar, ganz ehrlich gesagt, das ist erst einmal grundsätzlich
sogar verboten, ne?

00:17:36.740 --> 00:17:46.310
<v Tobias>Aber ich glaube, in genehmigten Ausnahmen geht es halt doch und vor allem in
ungenehmigten dann manchmal eben

00:17:46.310 --> 00:17:46.790
<v Tobias>auch.

00:17:48.320 --> 00:17:50.870
<v Michael>Pssst! Jetzt alle mal leise kurz durchatmen.

00:17:51.470 --> 00:17:52.820
<v Michael>Ganz besondere Stelle.

00:17:53.300 --> 00:18:00.120
<v Michael>Ich glaube, der Tobias möchte uns etwas über den mysteriösen Einleger erzählen.

00:18:00.120 --> 00:18:04.560
<v Michael>Also einfach mal zuhören, für euch behalten, nicht weitererzählen.

00:18:04.560 --> 00:18:08.580
<v Tobias>Und ja gut, also wollen wir es mal nicht übertreiben.

00:18:08.760 --> 00:18:18.630
<v Tobias>Aber ein Einleger funktioniert so: Man biegt eine der Ruten der Rebe zum Boden
herunter, fixiert sie

00:18:18.630 --> 00:18:22.380
<v Tobias>dort und lässt sie dann Wurzeln ausbilden.

00:18:22.380 --> 00:18:24.330
<v Tobias>Das passiert nämlich ganz automatisch.

00:18:24.570 --> 00:18:34.260
<v Tobias>Und ja, damit rüstet man eigentlich so eine Rute zu einer Wurzel um und man
produziert gleichzeitig dadurch eben auch

00:18:34.260 --> 00:18:40.320
<v Tobias>eine DNA-technisch völlig wurzelechte, aber eben dann auch ganz junge Rebe.

00:18:40.320 --> 00:18:45.360
<v Tobias>Das ist also botanisch völlig einwandfrei rechtlich, aber eben so ein bisschen
problematisch.

00:18:46.200 --> 00:18:48.660
<v Michael>Ja, das hast du jetzt schön erzählt.

00:18:49.050 --> 00:18:54.120
<v Michael>Zumal ja wirklich kontrolliert wird, was in ,den Weingärten und Weinbergen
passiert.

00:18:55.200 --> 00:19:05.130
<v Michael>Das erzählen die Winzerinnen und Winzer ja auch mit so, ich sag mal, ironischen
Sorgenfalten und sind anschließend kurze Zeit später genauso stolz

00:19:05.130 --> 00:19:09.900
<v Michael>darauf, wenn sie die Tricks erzählen, mit denen sie die Kontrolleure getäuscht
haben.

00:19:10.710 --> 00:19:18.880
<v Michael>Aber dieses kleine Täuschungsmanöver werden wir jetzt nicht in diesem Podcast
verraten, jawohl.

00:19:18.880 --> 00:19:19.440
<v Tobias>Nein.

00:19:19.440 --> 00:19:25.350
<v Michael>An der Stelle muss ich mich jetzt mal grundsätzlich geben: Auch wir müssen
unsere Quellen schützen.

00:19:25.710 --> 00:19:35.310
<v Michael>Also ich wiederhole jetzt einfach mal, was du schon gesagt hast, nämlich nach
offiziellen Angaben sind es 90 % aller

00:19:35.310 --> 00:19:40.860
<v Michael>Rebflächen, die nicht mit wurzelechten Exemplaren bestückt werden.

00:19:42.120 --> 00:19:48.960
<v Michael>Ob es da jetzt so eine Grauzone gibt, das überlasse ich jetzt mal jedem
Einzelnen selber.

00:19:49.470 --> 00:19:51.420
<v Tobias>Ja, genau. So machen wir das jetzt mal lieber.

00:19:51.420 --> 00:19:58.080
<v Tobias>Und jetzt haben wir auch unter Beweis gestellt, an uns beide kann sich jeder
vertrauensvoll wenden.

00:19:58.080 --> 00:20:02.610
<v Tobias>Wir sind absolut diskret und natürlich nur dem Wein verpflichtet.

00:20:02.610 --> 00:20:12.390
<v Tobias>Also, liebe Wine-Whistleblower, liebe Wurzelechten und vor allem Zuhörerinnen
und Zuhörer, dieses Podcast: schreibt uns

00:20:12.390 --> 00:20:14.640
<v Tobias>einfach. Was für eine Überleitung, ne?

00:20:14.820 --> 00:20:24.090
<v Michael>Ja, ja, ja und bitte gern und viel und alle Mails landen eh direkt bei mir, wenn
ihr podcast@weinfreunde.de

00:20:24.360 --> 00:20:34.350
<v Michael>adressiert. Und Rückmeldungen zur aktuellen Podcastfolge, Vorschläge für neue
Themen oder einfach nur einen Gruß an Tobias und mich

00:20:34.350 --> 00:20:41.460
<v Michael>oder irgendwelche Erkenntnisse von Whistleblowern erreichen uns immer, wie
gesagt, unter podcast@weinfreunde.de.

00:20:41.460 --> 00:20:42.510
<v Michael>Das ist euer Kanal.

00:20:42.510 --> 00:20:49.410
<v Tobias>Ja und das mit den Likes und Daumen hoch, den Favoriten und dem Abonnieren
kennt ihr ja auch schon.

00:20:50.370 --> 00:20:54.150
<v Tobias>Das machen aber noch zu wenige von euch, muss ich ganz ehrlich mal sagen.

00:20:54.390 --> 00:20:57.090
<v Tobias>Also los, geht auch wirklich ganz einfach.

00:20:57.120 --> 00:21:00.300
<v Tobias>Bitte bewertet den Podcast und folgt ihm auch.

00:21:00.300 --> 00:21:01.590
<v Tobias>Danke sehr!

00:21:01.950 --> 00:21:03.240
<v Michael>Ja, danke sehr.

00:21:03.240 --> 00:21:05.400
<v Michael>Das finde ich ein schönes Ende für diese Folge.

00:21:05.400 --> 00:21:12.330
<v Michael>Also seid munter, bleibt gesund, habt Spaß am Wein, bis es bald wieder heißt.

00:21:13.080 --> 00:21:14.750
<v Tobias>Bei Anruf.

00:21:14.750 --> 00:21:15.750
<v Michael>Wein.