WEBVTT

00:00:00.020 --> 00:00:11.220
<v Voiceover>Der Klassikerklärer. Sinfonien, Konzerte und Opern verstehen. Ein RONDO-Podcast mit Dariusz Szymanski.

00:01:22.020 --> 00:01:29.100
<v Dariusz Szymanski>Liebeskummer wurde überhaupt erst erfunden, damit man sich dann bei dieser Art von Musik beruhigen kann.

00:01:29.360 --> 00:01:30.560
<v Dariusz Szymanski>So geht es mir jedenfalls.

00:01:31.620 --> 00:01:39.540
<v Dariusz Szymanski>Das war der Beginn des sehr, sehr schönen Klarinettenkonzertes von Aaron Copland, eines amerikanischen Komponisten.

00:01:40.780 --> 00:01:48.480
<v Dariusz Szymanski>Und das Stück möchte ich Ihnen heute so ein bisschen nahe bringen und da Ihnen so ein bisschen auch etwas über die klassische Moderne erzählen.

00:01:48.520 --> 00:01:51.980
<v Dariusz Szymanski>Hier ist es die klassische amerikanische Moderne.

00:01:52.440 --> 00:01:54.500
<v Dariusz Szymanski>Copland war ein amerikanischer Komponist.

00:01:55.080 --> 00:01:59.260
<v Dariusz Szymanski>Er hat das für einen amerikanischen Klarinettisten, Benny Goodman, komponiert.

00:02:00.220 --> 00:02:03.800
<v Dariusz Szymanski>Copland hatte nicht wirklich Liebeskummer, als er das Stück schrieb.

00:02:04.700 --> 00:02:33.660
<v Dariusz Szymanski>Aber er hat es mal dann gesagt, zu dem ersten Satz, er war in der Zeit sehr melancholisch drauf, weil das waren so späte 40er Jahre, 48, 47, 48 ist das Stück komponiert worden, weil Copland fand sich immer so ein bisschen nicht dazugehörig in der amerikanischen Gesellschaft als Homosexueller auf der einen Seite und auf der anderen Seite als jüdischer Komponist.

00:02:34.440 --> 00:02:51.820
<v Dariusz Szymanski>Er fühlte sich ein bisschen ausgegrenzt, ausgeschlossen und dieses Gefühl des Alleinseins, das hat er immer wieder versucht in Musik zu fassen, in Noten zu fassen und er sagt das nun ganz speziell auch in diesem Klarinettenkonzert, gerade in dem ersten Satz.

00:02:52.160 --> 00:02:55.540
<v Dariusz Szymanski>Dieses Klarinettenkonzert hat überhaupt nur zwei Sätze.

00:02:56.160 --> 00:03:00.740
<v Dariusz Szymanski>Der erste Satz ist ein melancholischer, schöner, langsamer Satz, den werde ich Ihnen vor allem vorstellen.

00:03:01.140 --> 00:03:05.640
<v Dariusz Szymanski>Und dann gibt es noch so ein bisschen jazzy den letzten Satz, den zweiten Satz.

00:03:06.320 --> 00:03:08.980
<v Dariusz Szymanski>Den können Sie sich dann alleine anhören, zu Hause.

00:03:09.820 --> 00:03:15.760
<v Dariusz Szymanski>Und zwischen dem ersten und dem zweiten Satz gibt es noch eine Solo-Kadenz des Klarinettisten.

00:03:16.000 --> 00:03:20.180
<v Dariusz Szymanski>und der erste Satz ist eine Art Lied ohne Worte.

00:03:20.420 --> 00:03:28.120
<v Dariusz Szymanski>Am Anfang begleitet das Orchester die Klarinette und plötzlich begleitet dann die Klarinette ein bisschen das Orchester.

00:03:28.460 --> 00:03:29.760
<v Dariusz Szymanski>Plötzlich spielen sie zu zweit.

00:03:30.240 --> 00:03:31.480
<v Dariusz Szymanski>Es wird dann so ein bisschen zum Duett.

00:03:32.260 --> 00:03:33.860
<v Dariusz Szymanski>Nun, wir hören das noch einmal an.

00:03:50.980 --> 00:03:53.780
<v Dariusz Szymanski>Hier ist klar Melodie und Begleitung.

00:04:24.000 --> 00:04:26.380
<v Dariusz Szymanski>Musik Und jetzt wird es zum Duett.

00:04:29.880 --> 00:04:30.540
<v Dariusz Szymanski>Jetzt.

00:04:35.620 --> 00:04:37.820
<v Dariusz Szymanski>Sogar ein Trio.

00:04:40.040 --> 00:04:41.980
<v Dariusz Szymanski>Jetzt ein Duett.

00:05:06.200 --> 00:05:19.560
<v Dariusz Szymanski>Dieses Ta-Da-Da-Da in der Klarinette sind stilisierte Jodler, weil die Klarinette ja aus Europa kommt und durchaus aus dem böhmisch-österreichischen Raum.

00:05:20.160 --> 00:05:26.960
<v Dariusz Szymanski>Und zu der Klarinette gehören immer so ein bisschen auch Jodelmusik und das haben Sie ja auch ein bisschen gehört in diesem Ba-Ba-Ba-Bam.

00:05:27.680 --> 00:05:36.680
<v Dariusz Szymanski>Bevor wir uns das Stück, also den ersten Satz ganz anhören, kommen wir uns das ein bisschen genauer an, wie ist das Stück eigentlich komponiert.

00:05:36.780 --> 00:06:00.420
<v Dariusz Szymanski>Das ist jetzt nun moderne Musik und es ist ein Stück, das typisch für die klassische Moderne ist. Und Sie müssen, wenn Sie über die klassische Moderne nachdenken, vom Folgenden ausgehen. Es gibt ein berühmtes Gedicht von Stefan George, das hat auch Schönberg auskomponiert. Und dieses Gedicht heißt, ich fühle Luft vom anderen Planeten.

00:06:01.120 --> 00:06:18.580
<v Dariusz Szymanski>Das heißt, sie sind auf einem anderen Planeten, sie kennen sich auf diesem Planeten nicht aus und alles ist ganz anders als in ihrem normalen Leben. Und mit diesem fremden Planeten kann man sich die Welt der Moderne vorstellen.

00:06:19.200 --> 00:06:37.980
<v Dariusz Szymanski>Was ist denn der andere Planet in Wirklichkeit? Das ist auf der einen Seite die Entdeckung des Unterbewussten. Wir haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Freud die Entdeckung, es gibt noch eine andere Welt, nicht nur die sichtbare Welt, sondern die Welt des Unterbewusstseins. Das ist ein fremder Planet.

00:06:38.600 --> 00:07:01.340
<v Dariusz Szymanski>Und dann haben sie aber auch in der Physik zum Beispiel so etwas wie Relativitätstheorie oder wie Quantenphysik, wo sie auch merken, die Welt, die wir hier sehen, der Planet, den wir hier sehen, das ist gar nicht die Wirklichkeit. Hinter dieser Wirklichkeit gibt es noch eine ganz andere Wirklichkeit, die wir kaum begreifen können.

00:07:01.440 --> 00:07:16.280
<v Dariusz Szymanski>Und das ist eigentlich der andere Planet. Und auch die Künstler versuchten, diesen anderen Planeten, diesen modernen anderen Planeten zu erkunden. Unter anderem auch unser Aaron Copland.

00:07:16.800 --> 00:07:34.460
<v Dariusz Szymanski>Wie erkundet man einen Planeten? Nun, man macht möglichst kleine Schritte. Denn Sie wissen ja gar nicht, ob der Boden hält. Also angenommen, wenn Sie jetzt drauf losstürmen, kann es sein, dass Sie gleich in irgendeinem Eis, das Sie gar nicht gemerkt haben, hineinbrechen. Also man macht nur ganz kleine Schritte von A nach B.

00:07:34.640 --> 00:07:57.280
<v Dariusz Szymanski>Wenn man beim B angekommen ist, versucht man vom B zum C, von C zu D zu gehen. Ganz, ganz kleine Schritte. Und genau so ist das Stück aufgebaut. Wenn ich mir die Melodie angucke, beginnt diese Melodie mit einem ganz kleinen Schritt, einer sogenannten Sekunde. Eine Sekunde ist ta-da, ta-da.

00:07:57.920 --> 00:08:02.000
<v Dariusz Szymanski>Also noch ein kleinerer Schritt wäre es, wenn ich einen Ton wiederholen würde.

00:08:02.540 --> 00:08:03.960
<v Dariusz Szymanski>Da würde ich aber gar nicht losgehen.

00:08:04.520 --> 00:08:06.500
<v Dariusz Szymanski>Aber wir wollen ja losgehen. Also nur ein Schritt.

00:08:08.580 --> 00:08:10.060
<v Dariusz Szymanski>Gut, oder das auf den Kopf.

00:08:12.159 --> 00:08:14.900
<v Dariusz Szymanski>Und genauso beginnt unser klarinettisches Stück.

00:08:17.299 --> 00:08:21.820
<v Dariusz Szymanski>Das zweite Motiv ist derselbe Motiv, nur anders betont.

00:08:26.240 --> 00:08:30.620
<v Dariusz Szymanski>Und der dritte Schritt ist das erste Motiv auf den Kopf gestellt.

00:08:32.020 --> 00:08:34.780
<v Dariusz Szymanski>Und am Anfang haben wir zwei Noten.

00:08:36.719 --> 00:08:41.300
<v Dariusz Szymanski>Und dann plötzlich haben Sie drei Noten.

00:08:41.719 --> 00:08:42.479
<v Dariusz Szymanski>Jetzt wiederholen Sie das.

00:08:47.960 --> 00:08:57.040
<v Dariusz Szymanski>So, das heißt am Anfang zwei Noten, zwei Noten, zwei Noten auf den Kopf gestellt und eine dritte Note kommt hinzu.

00:08:57.660 --> 00:09:01.620
<v Dariusz Szymanski>So, nachdem ich so viel theoretisch gequatscht habe, hören wir uns das Ganze an.

00:09:14.959 --> 00:09:16.900
<v Dariusz Szymanski>Und ich zähle die Noten.

00:10:28.160 --> 00:10:30.900
<v Dariusz Szymanski>und Jodler.

00:10:38.300 --> 00:10:47.220
<v Dariusz Szymanski>Ja, meine Damen und Herren, so haben Sie gemerkt, so arbeitet man in dieser abstrakten Welt des anderen Planeten.

00:10:47.960 --> 00:10:51.980
<v Dariusz Szymanski>So arbeiten Musiker von einem kleinen Schritt hin zum nächsten.

00:10:52.260 --> 00:10:56.680
<v Dariusz Szymanski>Man entwickelt immer den nächsten Schritt aus dem vorherigen.

00:10:57.240 --> 00:11:01.040
<v Dariusz Szymanski>So arbeiten aber auch Maler, die zum Beispiel ein abstraktes Bild malen.

00:11:01.580 --> 00:11:12.720
<v Dariusz Szymanski>Jede neue Form auf dem Bild, ob Quadrat oder Kreis oder was auch immer, ist aus dem vorherigen entnommen oder steht im Kontrast zu ihm, wird gespiegelt und so weiter.

00:11:12.860 --> 00:11:27.200
<v Dariusz Szymanski>So baut also auch unser Aaron Copland hier eine Melodie. Was allerdings an diesem Beispiel bis jetzt klassisch war, war der Rhythmus, war die Metrik. Das war ein ganz langsamer Walzer, wenn Sie so wollen.

00:11:27.280 --> 00:11:31.000
<v Dariusz Szymanski>Die können immer 1, 2, 3 – 1, 2, 3 zählen

00:11:31.800 --> 00:11:34.280
<v Dariusz Szymanski>So, und das wird jetzt in der Mitte ein bisschen anders.

00:11:35.060 --> 00:11:38.020
<v Dariusz Szymanski>In der Mitte befreit sich der Rhythmus.

00:11:38.500 --> 00:11:42.780
<v Dariusz Szymanski>Wir haben keinen festen Dreierrhythmus, aber auch keinen festen Viererrhythmus.

00:11:43.120 --> 00:11:47.760
<v Dariusz Szymanski>Wir haben etwas, was man eine musikalische Prosa nennt.

00:11:48.680 --> 00:11:50.280
<v Dariusz Szymanski>Lyrik und Prosa, das wissen Sie.

00:11:50.440 --> 00:11:53.900
<v Dariusz Szymanski>Auf der einen Seite haben Sie eine Sprache in Reimen.

00:11:54.080 --> 00:12:17.460
<v Dariusz Szymanski>Das würde ich hier diese drei Rhythmus, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Und dann haben Sie eine Sprache ohne Reimen, einfach eine freie Sprache, so wie ich jetzt rede. Ich rede einfach mit Ihnen, ohne dass sich etwas reimt. Das nennt man Prosa. Und so eine musikalische Prosa haben Sie jetzt auch im Mittelteil. Sie können keinen festen Rhythmus finden.

00:12:17.780 --> 00:12:36.980
<v Dariusz Szymanski>Was sie aber finden in den Streichern ist, dass es beginnt mit TADA. Also wieder mit der Sekunde, so beginnt der Prosa-Teil. Und hier in diesem Prosa-Teil, das ist ein Kommentar, was sie da hören. Und hier spricht eigentlich der Komponist mit ihnen selber.

00:12:37.140 --> 00:13:00.900
<v Dariusz Szymanski>Also er kommentiert das, was sie gerade gehört haben. Er redet darüber, er gibt seinen Senf dazu. Und nachdem diese freie Prosa-Teil aufgehört hat, kommen wir wieder zu dem A-Teil, also wieder zu unserem Walzer, wieder zu musikalischer Lyrik. Also nicht musikalische Prosa, sondern musikalische Lyrik. Sie können immer schön bis drei zählen.

00:13:01.080 --> 00:13:08.380
<v Dariusz Szymanski>So, jetzt haben wir aber gleich den freien, sprechenden Teil. Der Komponist redet mit Ihnen.

00:13:23.599 --> 00:13:27.080
<v Dariusz Szymanski>So, jetzt hier löst sich das Metrum auf.

00:13:27.360 --> 00:13:35.240
<v Dariusz Szymanski>Es löst sich auf.

00:13:42.280 --> 00:13:43.640
<v Dariusz Szymanski>Gleich hören Sie: Ta-Da.

00:13:57.680 --> 00:13:59.840
<v Dariusz Szymanski>Musikalische Prosa.

00:14:05.059 --> 00:14:06.540
<v Dariusz Szymanski>Der Komponist redet.

00:14:19.680 --> 00:14:27.620
<v Dariusz Szymanski>Hier können Sie kaum ein Metrum schlagen. Kein Dreier-Rhythmus.

00:15:00.660 --> 00:15:03.780
<v Dariusz Szymanski>So, und wir finden wieder in den Walzer zurück.

00:15:16.680 --> 00:15:19.180
<v Dariusz Szymanski>Damit sind wir wieder beim A-Teil.

00:15:30.020 --> 00:15:34.520
<v Dariusz Szymanski>Ja, meine Damen und Herren, irgendwann geht diese schöne Satz zu Ende.

00:15:35.340 --> 00:15:37.180
<v Dariusz Szymanski>Wie gesagt, in eine Solo-Kadenz.

00:15:38.020 --> 00:15:40.760
<v Dariusz Szymanski>Und danach haben wir den zweiten Satz, den Schlusssatz.

00:15:41.260 --> 00:15:42.460
<v Dariusz Szymanski>Der ist ein bisschen jazziger.

00:15:43.100 --> 00:15:44.640
<v Dariusz Szymanski>Den können Sie sich aber alleine anhören.

00:15:45.180 --> 00:15:49.080
<v Dariusz Szymanski>Ich habe Ihnen heute einen neuen Komponisten, einen amerikanischen Komponisten vorgestellt.

00:15:49.760 --> 00:15:53.900
<v Dariusz Szymanski>Mit diesem wunderbaren Klarinettenkonzert, das so beliebt ist.

00:15:54.020 --> 00:15:57.320
<v Dariusz Szymanski>Es ist eigentlich das zweitbeliebteste Klarinettenkonzert.

00:15:57.820 --> 00:16:00.300
<v Dariusz Szymanski>Schlecht hin, das beliebteste ist ja das von Mozart.

00:16:01.180 --> 00:16:03.240
<v Dariusz Szymanski>Aber dazu kommen wir irgendwann auch nochmal.

00:16:03.840 --> 00:16:07.180
<v Dariusz Szymanski>Ich wünsche Ihnen erstmal einen wunderschönen Tag und bis zum nächsten Mal.

00:16:07.480 --> 00:16:13.460
<v Voiceover>Der Klassikerklärer ist ein Podcast von RONDO, dem Klassik- und Jazzmagazin.

00:16:13.460 --> 00:16:17.460
<v Voiceover>Ihr wollt die Musik des heutigen Podcasts noch am Herganz und in Ruhe hören?

00:16:17.460 --> 00:16:20.480
<v Voiceover>Die Tracklinks dafür findet ihr in den Shownotes.

00:16:20.480 --> 00:16:28.940
<v Voiceover>Informationen zum Magazin und weitere spannende Themen aus der Welt von Klassik und Jazz gibt es auf rondomagazin.de.

00:16:28.940 --> 00:16:31.800
<v Voiceover>Idee und Moderation: Dariusz Szymanski.

00:16:32.620 --> 00:16:39.300
<v Voiceover>Ausführende Produzentin: Verena von der Goltz. Aufnahme und Postproduktion: Robert Niemeyer.