WEBVTT

00:00:00.001 --> 00:00:06.180
Es ist kalt am Spiegelgrund.

00:00:06.180 --> 00:00:17.460
Ein Podcast-Feature über die sogenannte Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof,

00:00:17.460 --> 00:00:21.700
dem Zentrum der nationalsozialistischen Tötungsmedizin.

00:00:25.580 --> 00:00:31.880
Der Beitrag entstand infolge des Besuchs der Ausstellung Der Krieg gegen die Minderwertigen

00:00:31.880 --> 00:00:37.400
zur Geschichte der NS-Medizinverbrechen in Wien in der Gedenkstätte Steinhof

00:00:37.400 --> 00:00:44.160
im Rahmen der Exkursion Rot-Schwarz-Braun – Die Geschichte Wiens in ausgewählten,

00:00:44.160 --> 00:00:49.920
zeithistorischen Längsschnitten unter der Leitung von Doktorin Linda Erker.

00:00:51.160 --> 00:00:59.960
Es ist ein kalter Morgen im Dezember 2023.

00:00:59.960 --> 00:01:09.640
Gemeinsam mit einem Studienkollegen mache ich mich auf den Weg aus der Brigittenau zur Baumgartner Höhe.

00:01:13.840 --> 00:01:23.720
Wegen eines Rohrbruchs und einer engleisten Straßenbahngarnitur landen wir schließlich mit einem Taxi vor demnToren der Baumgartner Höhe.

00:01:23.720 --> 00:01:28.360
Ein älterer Herr hat uns im Taxi begleitet.

00:01:28.360 --> 00:01:31.160
Er hat Kontrolltermin, erzählt er uns.

00:01:31.160 --> 00:01:34.540
Irgendwas mit der Lunge, sagt er.

00:01:35.560 --> 00:01:40.360
Und er bedankt sich, dass wir ihn spontan in unserer Fahrgemeinschaft mitgenommen haben.

00:01:40.360 --> 00:01:46.980
Wir verabschieden uns von ihm und geben die wenigen Schritte zum Portier.

00:01:49.340 --> 00:01:53.120
In dem kleinen Portiershäuschen sitzt ein freundlicher Mann.

00:01:53.120 --> 00:02:00.740
Auf unsere Frage, wo es denn zum Pavillon 5 ginge, runzelt er die Stirn und meint, dass dieser doch leer sei.

00:02:00.740 --> 00:02:11.440
Auf unseren Hinweis, wir würden die Ausstellung des Dokumentationsarchivs suchen, erklärt er uns, das sei doch der Pavillon V und schildert uns den Weg.

00:02:14.940 --> 00:02:20.140
Unsere Schritte knirschen auf dem frisch gefallenen und über Nacht gefrorenen Schnee.

00:02:20.140 --> 00:02:26.160
Der Nebel hängt tief an diesem Morgen und unser Atem bildet kleine Wölkchen.

00:02:26.160 --> 00:02:36.880
Wir kommen bei einigen schmucken Pavillons des heutigen Otto-Wagner-Spitals vorbei

00:02:36.880 --> 00:02:42.120
und sehen durch die Bäume die berühmte Kuppel der Jugendstilkirche blitzen.

00:02:43.980 --> 00:02:45.620
Unser Atem geht schwer.

00:02:45.620 --> 00:02:49.480
Der Weg führt steil den Hügel hinauf zum Pavillon V,

00:02:49.480 --> 00:02:55.200
in dem sich heute eine Ausstellung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands

00:02:55.200 --> 00:02:58.200
zur Geschichte der NS-Medizin in Wien befindet.

00:02:58.200 --> 00:03:01.000
Es ist ein ruhiger Morgen.

00:03:01.000 --> 00:03:05.500
Nichts bewegt sich an diesem scheinbar idyllischen Ort,

00:03:05.500 --> 00:03:11.100
der zugleich eine der zentralen Stätten nationalsozialistischen Terrors war.

00:03:13.020 --> 00:03:24.660
Wir betreten die Ausstellung, die sich im Erdgeschoss des Pavillon V befindet.

00:03:25.140 --> 00:03:32.640
Der Kontrast zwischen dem lichtdurchfluteten, angenehm warmen Raum mit seinen schmucken Bodenkacheln

00:03:32.640 --> 00:03:36.560
und dem Inhalt der Ausstellung könnte stärker nicht sein.

00:03:36.560 --> 00:03:43.640
Unsere Gruppe wird von einer Mitarbeiterin der Gedenkstätten- und Ausstellungsvermittlung freundlich begrüßt.

00:03:44.640 --> 00:03:51.080
Das Summen und Hintergrundrauschen leiser und weniger leiser Gespräche verstummt.

00:03:51.080 --> 00:03:57.080
Wir kippen in die Geschichte dieses Ortes und die Biografien derer,

00:03:57.080 --> 00:04:00.700
die ihn nicht oder nur knapp überlebten.

00:04:02.300 --> 00:04:07.520
Ebenso wie in die der TäterInnen, die nicht nur keine Konsequenzen erfuhren,

00:04:07.520 --> 00:04:13.580
sondern deren Karrieren nach 1945 nahezu bruchlos weiterliefen.

00:04:13.580 --> 00:04:19.240
Begünstigt durch das dröhnende Schweigen einer Mehrheitsgesellschaft,

00:04:19.240 --> 00:04:25.380
die nichts wusste und nichts wissen wollte über die Ermordeten vom Steinhof

00:04:25.380 --> 00:04:28.360
und die Kinder vom Spiegelgrund.

00:04:28.360 --> 00:04:37.440
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung Wiens stetig an.

00:04:37.440 --> 00:04:41.660
Das war einer der Gründe für die Eröffnung der sogenannten

00:04:41.660 --> 00:04:49.720
"Niederösterreichischen Landesheil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke" am Steinhof im Jahr 1907.

00:04:49.720 --> 00:04:54.880
Zu diesem Zeitpunkt die größte und modernste Heil- und Pflegeanstalt Europas.

00:04:54.880 --> 00:05:04.140
Sie umfasste 2200 Betten, 34 Krankenpavillons, ein eigenes Gesellschaftshaus und eine Anstaltskirche.

00:05:04.140 --> 00:05:09.120
Mit der zentralen Verwahrung, denn etwas anderes war es nicht,

00:05:09.120 --> 00:05:14.740
von psychisch Kranken am Wiener Stadtrand wurde jedoch trotz vieler neuer Ansätze

00:05:14.740 --> 00:05:17.700
das Prinzip der gesellschaftlichen Ausgrenzung beibehalten.

00:05:17.700 --> 00:05:23.700
Zur gleichen Zeit entstand zwischen Anthropologie, Medizin und Biologie eine neue Disziplin.

00:05:23.700 --> 00:05:26.120
Die sogenannte Eugenik.

00:05:26.120 --> 00:05:32.140
Sie propagierte das Prinzip der Förderung angeblich wertvoller Individuen

00:05:32.140 --> 00:05:37.140
und die Ausschließung angeblich minderwertigen Erbgutes von der Fortpflanzung,

00:05:37.140 --> 00:05:41.160
um einen neuen, einen vermeintlich besseren Menschen zu schaffen.

00:05:41.160 --> 00:05:46.800
Politisch schuf die völkische Rechte die ideologischen Grundlagen für den Nationalsozialismus.

00:05:46.800 --> 00:05:53.200
Sie bediente sich dieser Eugenik und schuf daraus die besonders radikale Form Rassenhygiene.

00:05:53.200 --> 00:05:57.340
Die NS-Rassentheoretiker sahen das deutsche Volk bedroht,

00:05:57.340 --> 00:06:04.740
durch alle Menschen, die sie als fremd ansahen, wie Jüdinnen und Juden oder Romni*ja einerseits,

00:06:04.740 --> 00:06:12.580
und durch vermeintlich "Minderwertige", wie Menschen mit Behinderung oder soziale Randgruppen andererseits.

00:06:12.580 --> 00:06:19.720
Nach der Machtübernahme setzten die NationalsozialistInnen ihre Ausgrenzungs- und Vernichtungsfantasien in die Tat um.

00:06:19.720 --> 00:06:28.320
Schon 1933 durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und die sogenannten Nürnberger Gesetze von 1935.

00:06:28.320 --> 00:06:32.720
Dazu gehörten neben Eheverboten auch Zwangssterilisationen.

00:06:33.600 --> 00:06:38.320
Menschliches Leben wurde erbarmungslos einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterworfen.

00:06:38.320 --> 00:06:46.240
All jene, die als nicht wertvoll erachtet wurden und dem Mythos der Leistungsfähigkeit nicht entsprachen,

00:06:46.240 --> 00:06:51.580
galten als Belastung und wurden als Bedrohung für die nationalsozialistische Volksgemeinschaft angesehen.

00:06:51.580 --> 00:07:10.320
In Österreich war es vor allem die Wiener Gesellschaft für Rassenpflege, die entsprechende Ideen an den Universitäten und in der Öffentlichkeit verbreitete.

00:07:11.140 --> 00:07:19.420
Bereits lange vor dem sogenannten Anschluss 1938 handelte es sich bei der Gesellschaft um eine nationalsozialistische Tarnorganisation.

00:07:19.420 --> 00:07:27.480
Noch im Jahr 1938 begann der Umbau des Wiener Gesundheitssystems nach dem Vorbild des Altreiches.

00:07:27.480 --> 00:07:36.860
Den Grundsätzen der Rassenhygiene entsprechend setzte man alles daran, bestimmte Bevölkerungsgruppen als erbbiologisch minderwertig

00:07:36.860 --> 00:07:43.700
bzw. förderungsunwürdig von Leistungen der Sozial- und Gesundheitsfürsorge auszuschließen.

00:07:43.700 --> 00:07:52.000
Das NS-Terrorregime begann mit der Ermordung von Kindern im Rahmen der Aktion T4 ab Herbst 1939.

00:07:53.340 --> 00:07:59.020
Diese sogenannte T4-Aktion wurde aber rasch auch auf Erwachsene ausgeweitet.

00:07:59.020 --> 00:08:09.380
Die TäterInnen bezeichneten die systematische Ermordung von PatientInnen zynisch als Euthanasie, das griechische Wort für "schöner Tod".

00:08:09.380 --> 00:08:19.160
Bezahlte Gutachter sprachen Urteil darüber, wer leben durfte und wer in Tötungsanstalten, zum Beispiel im Schloss Hardheim in der Nähe von Linz, ermordet wurde.

00:08:20.200 --> 00:08:25.600
Rund 400 jüdische Patient*innen vom Steinhof wurden in Hartheim umgebracht.

00:08:25.880 --> 00:08:39.560
Die Verbliebenen waren dem anstaltsinternen Tötungsprogramm, der Kombination aus systematischer Unterernährung und Infektionskrankheiten, als Juden und als Psychiatriepatient*innen doppelt schutzlos ausgeliefert.

00:08:40.560 --> 00:08:47.140
Die Vorbereitungen für die systematische Erfassung und Vernichtung behinderter Kinder liefen seit dem Frühjahr 1939.

00:08:47.140 --> 00:08:54.540
Die Gesundheitsämter veranlassten die Einweisung der Betroffenen in sogenannte Kinderfachabteilungen.

00:08:55.240 --> 00:09:03.640
In Wien wurde im Juli 1940 auf dem Gelände der Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof eine eigene Fachabteilung errichtet.

00:09:03.640 --> 00:09:15.240
Sie war zunächst Teil der Wiener städtischen Jugendfürsorgeanstalt am Spiegelgrund und wurde 1942 als Wiener städtische Nervenklinik für Kinder am Spiegelgrund eine selbstständige Anstalt.

00:09:15.300 --> 00:09:32.580
Die dort beschäftigten ÄrztInnen, darunter Erwin Jekelius, Ernst Illing, Heinrich Gross, Marianne Türk und Margarethe Hübsch, untersuchten die Kinder mit zum Teil qualvollen Methoden und meldeten sie nach Berlin, wenn sie für eine Tötung in Frage kamen.

00:09:32.580 --> 00:09:35.140
Dort entschieden Gutachter über deren Schicksal.

00:09:35.140 --> 00:09:43.320
Die Kinder wurden mit hochdosierten Schlafmitteln langsam vergiftet, bis sie an Lungenentzündung oder einer anderen Infektionskrankheit starben.

00:09:44.420 --> 00:09:47.720
Einige der Kinder wurden für tödliche Experimente missbraucht.

00:09:47.720 --> 00:09:58.620
Zwischen 25. August 1940 und 3. Juni 1945 starben mindestens 789 Kinder und Jugendliche am Spiegelgrund.

00:09:58.620 --> 00:10:11.340
Am Spiegelgrund wurden nicht nur behinderte Kinder selektiert und getötet, sondern auch Jugendliche, die als "schwer erziehbar" oder "asozial" galten, eingesperrt.

00:10:11.700 --> 00:10:20.180
Als asozial wurde ein Verhalten eingestuft, das nicht den Dogmen der Volksgemeinschaft und dem Drill der militarisierten NS-Erziehung entsprach.

00:10:20.180 --> 00:10:24.400
Verfolgung und Gewalt richteten sich vor allem gegen soziale Randgruppen.

00:10:25.580 --> 00:10:43.400
Die Stadt Wien internierte in Zusammenarbeit mit den Jugendgerichten Hunderte von Kindern und Jugendlichen am Spiegelgrund,

00:10:43.400 --> 00:10:49.580
wo sie begutachtet, kategorisiert, misshandelt und missbraucht wurden.

00:10:49.580 --> 00:11:02.000
Ein dichtes Netz von ErziehungsberaterInnen, FürsorgerInnen, AmtsärztInnen, PsychiaterInnen und LehrerInnen sorgte für die ständige Überwachung der Wiener Jugendlichen.

00:11:02.000 --> 00:11:08.740
Wer den Normen der militarisierten NS-Jugenderziehung nicht entsprach, drohte auf den Spiegelgrund gebracht zu werden.

00:11:08.740 --> 00:11:27.900
Friedrich, kurz Fritz, Zawrel, wurde 1929 in Lyon geboren, wo seine Mutter, um der Arbeitslosigkeit in Wien zu entkommen, in einer Spinnerei tätig war.

00:11:28.060 --> 00:11:33.800
Nachdem sie auch dort ihre Arbeit verloren hatte, musste sie mit ihrem Sohn nach Wien-Kaisermühlen zurückkehren.

00:11:33.800 --> 00:11:38.100
Fritz wuchs in sozial- und ökonomisch prekären Verhältnissen auf.

00:11:38.100 --> 00:11:44.700
Der Vater war alkoholkrank, die Mutter wurde delogiert, weil sie die Miete nicht bezahlen konnte.

00:11:44.700 --> 00:11:51.460
So kamen Friedrich Zawrel und sein Bruder zu Pflegeeltern, dann ins Zentralkinderheim der Stadt Wien,

00:11:51.460 --> 00:11:54.580
bevor er wieder in die Obsorge der Mutter übergeben wurde.

00:11:54.720 --> 00:12:02.980
Nach dem sogenannten Anschluss 1938 kam Fritz Zawrel, punziert als schwer erziehbares Kind,

00:12:02.980 --> 00:12:06.740
in psychiatrische Kinderabteilungen verschiedener Krankenhäuser.

00:12:06.740 --> 00:12:15.180
Zwischen 1941 und 1944 war er in einer Einzelzelle der Kinderfachabteilung am Spiegelgrund eingesperrt.

00:12:15.180 --> 00:12:22.240
O-Ton Fritz Zawrel: "Und das Erste, was ich gehört habe, war, die Nazi, die drahn alle Depperten ham.

00:12:23.540 --> 00:12:24.220
Das war einer.

00:12:24.220 --> 00:12:27.520
Und ich habe mich noch geröstet, ich hab mir gedacht, ja deppert bin ich ja nicht.

00:12:27.520 --> 00:12:35.220
Das wird schon ein Ding, das wird schon seine Richtigkeit haben.

00:12:35.220 --> 00:12:40.140
Dass die Depperten hamdrahn, aber ich bin nicht deppert.

00:12:40.140 --> 00:12:43.040
Das war ein fataler Irrtum.

00:12:43.460 --> 00:12:46.160
Ich habe mich in meinem Leben so oft geirrt.

00:12:46.160 --> 00:12:53.540
Aber der gehört dazu, das war ein Irrtum.

00:12:54.980 --> 00:13:01.280
Und ich bin auf eine Gruppe gebracht worden in Pavillon 7.

00:13:01.280 --> 00:13:04.220
Und dann wurde ich einem Arzt vorgestellt.

00:13:04.220 --> 00:13:15.720
Und der Arzt hat mich gemessen, hat mich gewogen, hat alles aufgenommen, Haarfarbe und Augenfarbe.

00:13:15.720 --> 00:13:18.840
Also fotografiert ein paar Mal und so.

00:13:18.840 --> 00:13:21.180
Er hat mit mir kein Wort gesprochen.

00:13:21.180 --> 00:13:25.220
Er hat alles nur der Schreibkraft dort angeordnet.

00:13:25.780 --> 00:13:33.560
Und eins weiß ich: wie er ganz deutlich gesagt hat: er wird in einer unterrichtslosen Gruppe untergebracht.

00:13:37.460 --> 00:13:38.860
Und wissen Sie, wer das war?

00:13:38.860 --> 00:13:42.580
Der Dr. Heinrich Gross.

00:13:42.580 --> 00:13:48.380
Das wird eigentlich mein Schicksals-Arzt werden."

00:13:48.380 --> 00:14:01.660
Nach Belieben der Ärzte wurde der im sogenannten Todespavillon 15 Schulungspersonal als Beispiel für einen lebensunwerten Fall vorgeführt.

00:14:02.520 --> 00:14:06.840
O-Ton: "Dann haben sie mich in einen kleinen Raum geführt, am Pavillon 15.

00:14:06.840 --> 00:14:09.580
Und da hat der Pfleger dann gesagt, ausziehen.

00:14:09.580 --> 00:14:13.620
Jetzt habe ich mich ausziehen müssen und bis auf die Unterhosen habe ich mich ausgezogen.

00:14:13.620 --> 00:14:19.180
Und wenn er dann gesagt hat, Unterhosen runter, dann ist das noch ärger geworden.

00:14:19.180 --> 00:14:27.000
Und ich weiß nicht mehr, als wie wenn du einen Schüttelfrost hättest.

00:14:27.000 --> 00:14:28.780
So auf die Art war das.

00:14:31.780 --> 00:14:35.200
Dann ist die Tür aufgegangen.

00:14:35.200 --> 00:14:43.380
Und der Primarius Illing, das ist eigentlich mein richtiger Quäler gewesen.

00:14:43.380 --> 00:14:51.120
Der Dr. Illing ist in der Tür gestanden.

00:14:51.120 --> 00:14:52.220
Komm rein.

00:14:52.540 --> 00:14:57.580
Und ich bin bei ihm immer so vorbeigegangen, den Kopf so eingezogen.

00:14:57.580 --> 00:14:59.760
Ich habe den Mann nicht anschauen können.

00:14:59.760 --> 00:15:01.880
So eine Angst habe ich von dem gehabt.

00:15:01.880 --> 00:15:04.380
Fürchterliche Angst hab ich vor dem gehabt.

00:15:04.380 --> 00:15:09.700
Und dann habe ich mich auf eine kleine Erhöhung hergestellt, so ein Kistl oder was das war.

00:15:09.700 --> 00:15:18.740
Und dann hat er zum Reden angefangen.

00:15:18.740 --> 00:15:24.540
Und da habe ich so einen Zeigestab auf dem Körper gespürt.

00:15:25.420 --> 00:15:28.560
Und da habe ich mir gesagt, das ist eigentlich dann noch nicht.

00:15:28.560 --> 00:15:33.140
Und ich war 14 Jahre damals alt.

00:15:33.140 --> 00:15:36.280
Ich war 14 Jahre damals alt.

00:15:37.640 --> 00:15:44.140
Und dann habe ich da so aufgemacht und hab mich aufgerichtet und habe reingeschaut und habe in einen Saal gesehen,

00:15:44.140 --> 00:15:51.240
da sind mindestens gesessen an die 25 angehende Krankenpflegerinnen.

00:15:51.900 --> 00:15:54.280
Keine älter als höchstens 18 Jahre alt.

00:15:54.280 --> 00:15:59.760
Und in einer Entfernung von da bis zu Ihnen sind die ersten Mädchen gesessen.

00:15:59.760 --> 00:16:03.220
Und du stehst splitternackt als 14-Jähriger.

00:16:03.220 --> 00:16:08.900
Als 14-Jähriger dort.

00:16:08.900 --> 00:16:13.920
Und ich weiß auch, damals habe ich auch schon gesagt,

00:16:13.920 --> 00:16:18.960
wenn jetzt die Erde aufgeht und ich weg bin, dann bin ich dankbar.

00:16:20.120 --> 00:16:22.500
Und so hab ich zu mir gesagt,

00:16:22.500 --> 00:16:26.160
bitte, das war alles das letzte Mal, das weiß ich ganz genau,

00:16:26.160 --> 00:16:31.080
bitte, lieber Gott, lass das vorbeigehen,

00:16:31.080 --> 00:16:32.460
weil das Leben,

00:16:32.460 --> 00:16:36.280
was du mir gegeben hast,

00:16:36.280 --> 00:16:37.800
das ist unerträglich.

00:16:37.800 --> 00:16:42.040
Aber nicht einmal

00:16:42.040 --> 00:16:45.500
diese Bitte hat er erfüllt.

00:16:45.500 --> 00:16:55.180
Und dann habe ich mich müssen umdrehen,

00:16:55.180 --> 00:16:58.880
dann hat er noch an meiner Rückenpartie erklärt

00:16:58.880 --> 00:17:00.660
und an der Kopfpartie,

00:17:00.660 --> 00:17:04.680
was bei mir schon die äußeren Kennzeichen sind,

00:17:04.680 --> 00:17:07.860
dass ich erblich schwerstens belastet bin

00:17:07.860 --> 00:17:18.260
und dass ich erbbiologisch und soziologisch belastet bin,

00:17:18.260 --> 00:17:21.820
erbbiologisch und soziologisch minderwertig bin.

00:17:23.320 --> 00:17:27.280
Und den letzten Satz,

00:17:27.280 --> 00:17:29.280
den tue ich mir,

00:17:29.280 --> 00:17:31.120
glaube ich, wenn ich einmal sterbe,

00:17:31.120 --> 00:17:33.960
schreibe ich mir vorher auf und stecke ihm irgendwo ein,

00:17:33.960 --> 00:17:34.600
und nehm ihn mit.

00:17:34.600 --> 00:17:37.700
Der hämmert in meinem Schädel,

00:17:37.700 --> 00:17:40.060
der bleibt.

00:17:40.060 --> 00:17:41.820
Überhaupt, wenn du so G'fraster hörst,

00:17:41.820 --> 00:17:43.140
die Heil Hitler schreien.

00:17:48.700 --> 00:17:52.100
'Die Fortpflanzung einer solchen Kreatur

00:17:52.100 --> 00:17:57.100
wäre die Verschmutzung des deutschen Blutes.'

00:18:07.100 --> 00:18:09.480
Dann hat er mir eine über den Hintern gehaut

00:18:09.480 --> 00:18:10.680
und hat geschrien,

00:18:10.680 --> 00:18:11.420
Anziehen!

00:18:11.420 --> 00:18:15.340
Der Schlag hat ein bisschen weh getan.

00:18:15.340 --> 00:18:18.740
Ich bin runtergesprungen von dem Stockerl

00:18:18.740 --> 00:18:20.780
und bin einen Augenblick stehen lassen,

00:18:20.780 --> 00:18:22.140
weil ich es nicht fassen habe können.

00:18:22.140 --> 00:18:24.100
Ich habe geglaubt,

00:18:24.100 --> 00:18:25.840
ich komme nicht mehr zur Tür hin.

00:18:25.840 --> 00:18:28.060
Wissen Sie, was weh getan hat?

00:18:28.060 --> 00:18:30.620
Jahre später noch,

00:18:30.620 --> 00:18:32.600
Jahre später noch,

00:18:32.600 --> 00:18:36.860
war das herzliche Lachen dieser Mädchen hinter mir.

00:18:36.860 --> 00:18:40.080
Die haben derart gelacht,

00:18:40.080 --> 00:18:41.260
als wie wenn das

00:18:41.260 --> 00:18:43.200
eine Zirkusvorstellung gewesen wäre.

00:18:43.200 --> 00:18:44.820
Über was haben sie denn gelacht?

00:18:44.820 --> 00:18:46.900
Weil ein Mächtiger

00:18:46.900 --> 00:18:50.460
mich als Objekt vorgestellt hat,

00:18:50.460 --> 00:18:54.180
als erblich minderwertig

00:18:54.180 --> 00:18:56.620
oder als was immer er ist,

00:18:56.620 --> 00:18:58.260
über meine Demütigung,

00:18:58.260 --> 00:19:02.060
über meine grausame Behandlung,

00:19:02.060 --> 00:19:03.720
über was haben sie denn eigentlich gelacht?

00:19:03.720 --> 00:19:05.460
Was war denn da zum Lachen?

00:19:06.460 --> 00:19:08.000
Ich möchte jetzt so gerne manche fragen,

00:19:08.000 --> 00:19:10.620
weil die waren höchstens um fünf Jahre älter oder was.

00:19:10.620 --> 00:19:11.560
Fünf Jahre,

00:19:11.560 --> 00:19:13.940
vielleicht lebt ja eine heute noch.

00:19:13.940 --> 00:19:15.320
Ich möchte jetzt gerne fragen,

00:19:15.320 --> 00:19:16.740
warum sie damals gelacht hat.

00:19:16.740 --> 00:19:19.380
Und das hat lang gedauert.

00:19:19.380 --> 00:19:22.140
Was glauben Sie, wie lang das angedauert hat,

00:19:22.140 --> 00:19:27.300
dass ich wieder ein Mädchen lachen habe hören können.

00:19:27.800 --> 00:19:33.160
Wenn ich mit meinen Arbeitskollegen oft in einem Gasthaus war und Frauen oder Mädchen haben gelacht,

00:19:33.160 --> 00:19:35.320
auf dem Nebentisch bin ich aufgestanden und fortgegangen.

00:19:35.320 --> 00:19:39.000
Und da haben die meisten Arbeitskollegen schon gesagt,

00:19:39.000 --> 00:19:40.640
bei dem pickt's bissl.

00:19:41.360 --> 00:19:43.840
Aber ich habe ihnen nie was über den Spiegelgrund erzählt.

00:19:43.840 --> 00:19:46.060
Die haben das alles nicht gewusst."

00:19:50.280 --> 00:19:57.120
Gross stufte Zawrel in einem Gutachten als "erbbiologisch und sozial minderwertig" ein,

00:19:57.120 --> 00:20:01.700
folterte, demütigte und quälte ihn mit Versuchen.

00:20:01.700 --> 00:20:07.140
Heinrich Gross, der schon vor dem sogenannten Anschluss in der SA aktiv war,

00:20:07.140 --> 00:20:11.640
promovierte am 15. Dezember 1939 zum Doktor der Medizin.

00:20:11.640 --> 00:20:16.120
Nach Stationen im Kaiserin-Elisabeth-Spital und in der Pflegeanstalt Ybbs

00:20:16.120 --> 00:20:22.780
kam er im November 1940 an die sogenannte Jugendfürsorgeanstalt am Spiegelgrund,

00:20:22.780 --> 00:20:28.080
wo er zunächst an der Misshandlung von Kindern durch "Speib-Injektionen"

00:20:28.080 --> 00:20:32.680
und dann auch am Euthanasieprogramm der NS-Machthaber beteiligt war.

00:20:32.680 --> 00:20:36.060
Gross wirkte an medizinischen Experimenten mit,

00:20:36.060 --> 00:20:38.940
die an den Kindern des Spiegelgrunds vorgenommen wurden

00:20:38.940 --> 00:20:43.220
und sehr oft tödlich für die kleinen Patient*innen endete.

00:20:43.220 --> 00:20:52.800
Friedrich Zawrel gelang entgegen jeder Wahrscheinlichkeit die Flucht.

00:20:52.800 --> 00:20:57.240
Eine Krankenschwester wies ihn auf eine offene Tür hin

00:20:57.240 --> 00:20:59.540
und ermöglichte ihm so zu fliehen.

00:20:59.540 --> 00:21:03.680
Als Zawrel ein Paket mit Lebensmitteln stehlen wollte,

00:21:03.680 --> 00:21:05.340
wurde er neuerlich verhaftet

00:21:05.340 --> 00:21:08.660
und in die Justizanstalt Kaiserebersdorf gebracht.

00:21:08.660 --> 00:21:14.380
Nach seiner Freilassung arbeitete er als Hilfsarbeiter.

00:21:14.380 --> 00:21:18.020
Ohne eine abgeschlossene Schulausbildung und stigmatisiert

00:21:18.020 --> 00:21:21.340
durch seine Verurteilung durch die NS-Justiz in einer Gesellschaft,

00:21:21.340 --> 00:21:25.500
die noch bis in die 80er und sogar darüber hinaus geprägt war

00:21:25.500 --> 00:21:28.640
von Personalien und Pädagogik der NS-Zeit,

00:21:28.640 --> 00:21:32.400
waren ihm Rehabilitation und eine sichere Lebensgrundlage

00:21:32.400 --> 00:21:34.060
auch weiterhin verwehrt geblieben.

00:21:34.060 --> 00:21:38.240
Verschiedene kleinere Eigentumsdelikte

00:21:38.240 --> 00:21:41.100
brachten Friedrich Zawrel immer wieder in Schwierigkeiten.

00:21:41.100 --> 00:21:44.820
1975 sollte ihn Heinrich Gross,

00:21:44.820 --> 00:21:47.440
der inzwischen als hoch angesehener Facharzt

00:21:47.440 --> 00:21:49.860
und Gerichtsgutachter Karriere gemacht hatte,

00:21:49.860 --> 00:21:52.880
im Gefängnis psychiatrisch untersuchen.

00:21:53.920 --> 00:22:05.640
O-Ton Zawrel: "Und dann 1975 hat sich das irgendwie ein bisschen geändert.

00:22:05.640 --> 00:22:10.260
Und ich bin ins Straflandesgericht gekommen

00:22:10.260 --> 00:22:16.320
und die genaue Begründung weiß ich nicht,

00:22:16.320 --> 00:22:19.260
aber die Gerichte oder die Staatsanwaltschaft,

00:22:19.260 --> 00:22:20.880
das weiß ich auch nicht ganz genau,

00:22:20.880 --> 00:22:25.480
die haben meine Psychiatrierung beantragt.

00:22:28.600 --> 00:22:37.880
Und ich habe den Herrn Dr. Gross verfolgt im Club 2.

00:22:37.880 --> 00:22:39.880
Ich habe ihn in der Zeitung gelesen.

00:22:39.880 --> 00:22:45.040
Ich bin eigentlich neben dem Heinrich Gross gegangen,

00:22:45.040 --> 00:22:46.740
als hätte ich ihn immer gesehen.

00:22:46.740 --> 00:22:49.260
Und ich habe auch darüber mit meiner Mutter geredet.

00:22:49.260 --> 00:22:52.120
Und ich habe gesagt, siehst du,

00:22:52.120 --> 00:22:55.380
das hätte man müssen machen, was der Gross gemacht hat,

00:22:55.380 --> 00:22:56.860
dann ginge es mir auch so gut.

00:22:57.860 --> 00:23:00.600
Und sie hat dann gesagt,

00:23:00.600 --> 00:23:02.600
aufgrund meiner zwei kleinen Schwestern,

00:23:02.600 --> 00:23:05.700
die noch dann geboren worden sind,

00:23:05.700 --> 00:23:09.980
bitte red nie mehr über den Spiegelgrund.

00:23:09.980 --> 00:23:12.580
Weil die wissen nichts aus der NS-Zeit.

00:23:12.580 --> 00:23:14.400
Und sie sollen es auch nicht wissen,

00:23:14.400 --> 00:23:18.040
dass die wenigstens in der Schule eine Ruhe haben.

00:23:18.040 --> 00:23:21.380
Und wenn sie lernen, dass sie auch dann eine Ruhe haben.

00:23:27.120 --> 00:23:28.260
An das habe ich mich auch gehalten.

00:23:28.260 --> 00:23:34.520
Im 75er Jahr, wie gesagt,

00:23:34.520 --> 00:23:38.480
ich habe dann den Dr. Groß schon ein bisschen aus den Augen verloren gehabt.

00:23:38.480 --> 00:23:41.240
Ich habe die Psychiatrierung beantragt.

00:23:41.240 --> 00:23:45.360
Und am Tag, wo ich vorgeführt worden bin zur Psychiatrierung,

00:23:45.360 --> 00:23:48.100
habe ich durch eine Justizwachebeamten erfahren,

00:23:48.800 --> 00:23:51.680
dass ich zum Dr. Heinrich Gross komme,

00:23:51.680 --> 00:23:54.540
zur Psychiatrie.

00:23:54.540 --> 00:23:59.180
Und ich bin dann hingekommen.

00:23:59.180 --> 00:24:01.940
Und wirklich nur in einem Abstand,

00:24:01.940 --> 00:24:03.520
so wie Sie da jetzt sitzen,

00:24:03.520 --> 00:24:05.400
sind wir uns an einem Tisch,

00:24:05.400 --> 00:24:06.880
vielleicht sogar näher,

00:24:06.880 --> 00:24:09.960
sind wir uns am Tisch gegenüber gesessen.

00:24:09.960 --> 00:24:12.940
Und er hat da eine ganze Menge Akten gehabt

00:24:12.940 --> 00:24:14.280
und hat geredet mit mir,

00:24:14.280 --> 00:24:18.220
dass ich mich sofort an den Spiegelgrund errinert habe.

00:24:18.220 --> 00:24:19.320
Weil ich habe gesagt,

00:24:19.320 --> 00:24:22.680
dort hast genauso geredet, Heinrich.

00:24:22.680 --> 00:24:24.660
Aber ich habe nichts gesagt.

00:24:24.660 --> 00:24:26.480
Ich habe immer gedacht an meine Mutter.

00:24:26.480 --> 00:24:28.160
Aber er ist immer ärger geworden.

00:24:28.400 --> 00:24:30.560
Und dann bin ich ein bisschen nervös geworden

00:24:30.560 --> 00:24:31.180
und habe gesagt,

00:24:31.180 --> 00:24:32.240
sage ich, Herr Doktor,

00:24:32.240 --> 00:24:33.660
jetzt bitte sagen Sie mir,

00:24:33.660 --> 00:24:36.760
sind Sie mein Arzt oder sind Sie mein Staatsanwalt

00:24:36.760 --> 00:24:37.620
oder mein Richter?

00:24:37.620 --> 00:24:39.860
'Sie werden mir nicht vorhalten

00:24:39.860 --> 00:24:41.660
und Sie werden mir nicht vorschreiben,

00:24:41.660 --> 00:24:44.380
wie ich die Exploration führe.

00:24:44.380 --> 00:24:45.860
Das wird meine Sache sein.'

00:24:45.860 --> 00:24:48.120
Und er hat eigentlich so geredet.

00:24:48.120 --> 00:24:49.380
Ich sage, ja,

00:24:49.380 --> 00:24:51.320
wegen dem brauchen Sie auch nicht zu schreien mit mir,

00:24:51.320 --> 00:24:53.540
weil derisch (schwerhörig) bin ich noch nicht.

00:24:53.540 --> 00:24:56.680
Und ich weiß nicht,

00:24:56.680 --> 00:24:57.980
wie das dann gekommen ist.

00:24:57.980 --> 00:25:02.860
Er hat weiter so herumgestichelt.

00:25:02.860 --> 00:25:04.640
'Wenn das jeder machen würde.'

00:25:04.640 --> 00:25:05.700
Da wollte ich schon sagen,

00:25:05.700 --> 00:25:08.060
wenn er jeder Arzt Kinder umgebracht hätte.

00:25:08.060 --> 00:25:09.760
Wo wären wir denn da hingekommen?

00:25:09.760 --> 00:25:12.560
'Wenn das jeder machen würde.'

00:25:12.560 --> 00:25:15.600
Und da habe ich noch gedacht,

00:25:15.600 --> 00:25:17.080
Mutter, nein, ich sage nichts.

00:25:17.080 --> 00:25:20.020
Und dann ist er selber gekommen

00:25:20.020 --> 00:25:22.300
und das ist dann schon so weit gegangen

00:25:22.300 --> 00:25:23.940
mit dieser,

00:25:23.940 --> 00:25:27.340
wie sagt man,

00:25:27.420 --> 00:25:28.640
mit dieser Exploration,

00:25:28.640 --> 00:25:31.540
dass das schon peinlich geworden ist eigentlich.

00:25:31.540 --> 00:25:34.400
Und da hat er dann gesagt,

00:25:34.400 --> 00:25:37.040
sind Sie schon einmal psychiatriert worden?

00:25:39.620 --> 00:25:47.900
Und da habe ich dann drauf gesagt,

00:25:47.900 --> 00:25:48.500
- ich weiß nicht,

00:25:48.500 --> 00:25:49.720
das ist mir so eingefallen -

00:25:49.720 --> 00:25:53.840
für einen Akademiker

00:25:53.840 --> 00:25:56.920
haben Sie ein sauschlechtes Gedächtnis.

00:25:58.520 --> 00:26:00.740
'Auf was soll ich mich denn erinnern können?'

00:26:00.740 --> 00:26:04.640
Und ich habe gesagt,

00:26:04.640 --> 00:26:07.480
Herr Dr. Gross,

00:26:07.480 --> 00:26:09.300
können Sie überhaupt noch ruhig schlafen?

00:26:10.300 --> 00:26:13.320
Stören Sie nicht die ermordeten Kinder von Pavillon 17?

00:26:14.040 --> 00:26:18.360
Stören Sie nicht die gemarterten Kinder von Pavillon 15,

00:26:18.360 --> 00:26:23.820
die ermordeten Kinder von Pavillon 17?

00:26:24.660 --> 00:26:26.080
Haben Sie den Illing vergessen,

00:26:26.080 --> 00:26:26.780
den Jockl,

00:26:26.780 --> 00:26:27.440
die Türk,

00:26:27.440 --> 00:26:27.960
den Grennig,

00:26:27.960 --> 00:26:29.980
und den Jekelius und so,

00:26:29.980 --> 00:26:32.480
haben Sie diese ganzen Ärzte schon vergessen?

00:26:32.480 --> 00:26:34.280
Der ist so bleich geworden

00:26:35.980 --> 00:26:36.900
ich hab geglaubt,

00:26:36.900 --> 00:26:38.640
den trifft der Schlag jetzt momentan.

00:26:38.640 --> 00:26:40.340
Und dann hat er sich wieder

00:26:40.340 --> 00:26:41.120
vorgebeugt

00:26:41.120 --> 00:26:42.100
und dann hat er gesagt

00:26:42.100 --> 00:26:44.800
'Was Sie waren da oben?'

00:26:44.800 --> 00:26:46.180
Sag ich Herr Doktor,

00:26:46.180 --> 00:26:49.880
von wo soll ich Sie sonst kennen?

00:26:49.880 --> 00:26:52.320
Von dort kenne ich Sie.

00:26:52.320 --> 00:26:56.620
'Und Sie haben nie darüber gesprochen?'

00:26:56.620 --> 00:26:57.540
Sage ich:

00:26:57.540 --> 00:26:58.800
erstens habe ich mir meiner Mutter

00:26:58.800 --> 00:26:59.720
das Ehrenwort gegeben,

00:26:59.720 --> 00:27:00.980
tut mir eh schon leid,

00:27:00.980 --> 00:27:01.960
dass ich es gebrochen habe.

00:27:01.960 --> 00:27:05.200
Aber Sie haben mich direkt gezwungen dazu

00:27:05.200 --> 00:27:06.840
und

00:27:06.840 --> 00:27:09.840
und außerdem

00:27:09.840 --> 00:27:12.020
war ich froh,

00:27:12.020 --> 00:27:14.000
dass diese ganze Sache hinter mir war.

00:27:14.000 --> 00:27:15.120
'Ja, das ist ja gut.'

00:27:15.120 --> 00:27:16.720
Und dann hat er noch gesagt zu mir:

00:27:16.720 --> 00:27:18.500
'Gibt es auch noch andere?'

00:27:18.500 --> 00:27:20.000
Habe ich gesagt,

00:27:20.000 --> 00:27:21.520
ja, andere gibt es schon noch,

00:27:21.520 --> 00:27:23.020
aber die Namen sage ich

00:27:23.020 --> 00:27:24.340
mit Sicherheit nicht.

00:27:24.340 --> 00:27:26.380
Und

00:27:26.380 --> 00:27:31.760
ja, und dann hat er mir versprochen,

00:27:31.760 --> 00:27:34.820
sämtliche gutachterliche Hilfe,

00:27:34.820 --> 00:27:38.460
sämtliche gutachterliche Hilfe

00:27:38.460 --> 00:27:40.720
hat er mir versprochen.

00:27:40.720 --> 00:27:50.300
Kurz nachdem er da war,

00:27:50.300 --> 00:27:52.720
und das war so eine gedrängte Zeit,

00:27:52.720 --> 00:27:54.420
im November war das,

00:27:54.420 --> 00:27:57.440
und im Dezember war schon die Verhandlung

00:27:57.440 --> 00:27:59.560
angeführt oder so,

00:27:59.560 --> 00:28:02.040
jedenfalls lauter kurze Intervalle,

00:28:02.040 --> 00:28:04.460
immer war ein Wochenende,

00:28:04.460 --> 00:28:05.800
dazwischen,

00:28:05.960 --> 00:28:07.900
so, dass du eigentlich fast nichts machen hast können,

00:28:07.900 --> 00:28:08.140
genau.

00:28:08.140 --> 00:28:10.460
Und der Richter,

00:28:10.460 --> 00:28:11.460
der Dr. Schertler,

00:28:11.460 --> 00:28:13.140
der hat mir dann die Abschrift

00:28:13.140 --> 00:28:13.420
von

00:28:13.420 --> 00:28:15.820
den Gutachten gegeben,

00:28:15.820 --> 00:28:20.100
also von den Gutachten gegeben,

00:28:20.100 --> 00:28:23.060
und da habe ich nicht geglaubt,

00:28:23.060 --> 00:28:24.260
dass das der Dr.

00:28:24.260 --> 00:28:25.360
Gross geschrieben hat."

00:28:27.320 --> 00:28:29.240
1981 wurde Friedrich Zawrel

00:28:29.240 --> 00:28:31.320
zum letzten Mal aus dem Gefängnis entlassen.

00:28:31.320 --> 00:28:34.280
Gross hatte Zavrel in einem Gutachten

00:28:34.280 --> 00:28:36.760
jegliche Fähigkeit zur Resozialisierung

00:28:36.760 --> 00:28:37.500
abgesprochen.

00:28:39.740 --> 00:28:42.980
Wie ging es mit Gross nach 1945 aber weiter,

00:28:42.980 --> 00:28:44.720
und wie war es überhaupt möglich,

00:28:44.720 --> 00:28:47.980
dass er und Zawrel sich so viele Jahre später

00:28:47.980 --> 00:28:49.440
auf diese Weise begegneten?

00:28:49.440 --> 00:28:53.180
Nach seiner Rückkehr aus der sowjetischen

00:28:53.180 --> 00:28:55.180
Kriegsgefangenschaft tauchte Gross zunächst

00:28:55.180 --> 00:28:56.120
in Köflach unter,

00:28:56.120 --> 00:28:58.720
wurde dann 1950 in Wien

00:28:58.720 --> 00:29:01.660
wegen Beteiligung am Totschlag eines Kindes

00:29:01.660 --> 00:29:02.960
vor Gericht gestellt,

00:29:02.960 --> 00:29:05.960
wobei Gross' Verurteilung zu zwei Jahren Haft

00:29:05.960 --> 00:29:08.960
vom Obersten Gerichtshof 1951 aufgehoben

00:29:08.960 --> 00:29:10.960
und das Verfahren eingestellt wurde.

00:29:10.960 --> 00:29:13.840
Gross konnte seine Karriere

00:29:13.840 --> 00:29:15.340
danach ungehindert weiterführen.

00:29:15.340 --> 00:29:17.260
Nach einer Facharztausbildung

00:29:17.260 --> 00:29:18.880
für Psychiatrie und Neurologie

00:29:18.880 --> 00:29:22.040
war Gross zunächst in der Nervenheilanstalt Rosenhügel

00:29:22.040 --> 00:29:25.680
und ab 1955 in der Heil- und Pflegeanstalt

00:29:25.680 --> 00:29:26.780
am Steinhof tätig,

00:29:26.780 --> 00:29:29.160
wo er 1957 Primarius

00:29:29.160 --> 00:29:31.160
der zweiten psychiatrischen Abteilung wurde.

00:29:31.160 --> 00:29:33.560
Der Grund, warum Zawrel ihm überhaupt

00:29:33.560 --> 00:29:34.760
wieder begegnen konnte,

00:29:34.760 --> 00:29:37.500
war Gross' Tätigkeit als Gerichtsgutachter.

00:29:37.500 --> 00:29:39.680
Zwischen 1960 und 1978

00:29:39.680 --> 00:29:42.120
war Gross der meistbeschäftigte

00:29:42.120 --> 00:29:44.000
Gerichtsgutachter Österreichs.

00:29:44.000 --> 00:29:46.000
Fritz Zawrel brachte gemeinsam

00:29:46.000 --> 00:29:47.460
mit seinen Unterstützer*innen

00:29:47.460 --> 00:29:48.960
die Aufarbeitung der sogenannten

00:29:48.960 --> 00:29:51.620
"Kinder-Euthanasie" am Spiegelgrund ins Rollen,

00:29:51.620 --> 00:29:53.920
die schließlich Ende 1997

00:29:53.920 --> 00:29:55.960
zu der Einleitung eines Strafverfahrens

00:29:55.960 --> 00:29:57.520
wegen Mordes gegen Gross

00:29:57.520 --> 00:29:58.860
und im März 2000

00:29:58.860 --> 00:30:01.400
zum Beginn eines Strafprozesses gegen ihn führte.

00:30:01.400 --> 00:30:03.340
Die Verhandlung wurde jedoch vertagt

00:30:03.340 --> 00:30:04.880
und nicht wieder aufgenommen,

00:30:04.880 --> 00:30:07.020
da ein psychiatrisches Gutachten

00:30:07.020 --> 00:30:08.760
Gross eine fortgeschrittene,

00:30:08.760 --> 00:30:11.180
vaskuläre Demenz bescheinigte.

00:30:11.180 --> 00:30:14.620
Bereits 1981 wurde Gross aus der SPÖ,

00:30:14.620 --> 00:30:17.280
der er seit 1953 angehört hatte,

00:30:17.280 --> 00:30:18.020
ausgeschlossen.

00:30:18.020 --> 00:30:20.760
Das Gross 1957 verliehende Ehrenkreuz

00:30:20.760 --> 00:30:24.040
für Wissenschaft und Kunst erster Klasse

00:30:24.040 --> 00:30:26.700
wurde ihm aber erst 2003 aberkannt.

00:30:26.700 --> 00:30:29.180
Fritz Zawrel spricht in einem Interview

00:30:29.180 --> 00:30:31.860
mit dem ORF-Report von 2002 darüber,

00:30:31.860 --> 00:30:34.140
wie mit ihm und anderen Jugendlichen

00:30:34.140 --> 00:30:36.080
vom Spiegelgrund nach 1945

00:30:36.080 --> 00:30:37.880
in der österreichischen Gesellschaft

00:30:37.880 --> 00:30:38.980
umgegangen wurde.

00:30:38.980 --> 00:30:40.800
O-Ton Interviewerin: "Jetzt hat der Herr Gross

00:30:40.800 --> 00:30:42.380
eine tolle Karriere gemacht.

00:30:42.380 --> 00:30:43.380
Sie haben mir vorher gesagt,

00:30:43.380 --> 00:30:45.340
Sie sind ja nicht in die Schule gegangen.

00:30:45.340 --> 00:30:46.520
Sie haben ja so viel Zeit,

00:30:46.520 --> 00:30:48.320
so viel wichtige Zeit verloren

00:30:48.320 --> 00:30:49.300
als junger Bursch.

00:30:50.520 --> 00:30:54.400
Das heißt, Ihre Karriere war eigentlich,

00:30:54.400 --> 00:30:56.180
kann man sagen, zerstört."

00:30:56.180 --> 00:30:57.160
O-Ton Fritz Zawrel: "Ja."

00:30:57.160 --> 00:30:58.360
Interviewerin: "Wie ist das für Sie,

00:30:58.360 --> 00:30:58.880
dass Sie wissen,

00:30:58.880 --> 00:31:02.240
der eine hat dann alles davon profitiert

00:31:02.240 --> 00:31:04.200
und Ihnen ist es nachher schlecht gegangen?"

00:31:04.200 --> 00:31:06.020
Zawrel: "Ich habe immer wieder gesagt,

00:31:06.020 --> 00:31:09.640
wenn mir nach 1945

00:31:09.640 --> 00:31:12.400
nur mit einem Prozent

00:31:12.400 --> 00:31:14.660
so viel geholfen worden wäre,

00:31:14.660 --> 00:31:18.580
als wie dem Herrn Primarius Gross

00:31:18.580 --> 00:31:19.720
geholfen worden ist,

00:31:19.720 --> 00:31:21.880
dann hätte ich bestimmt nicht

00:31:21.880 --> 00:31:24.100
diese fürchterliche,

00:31:24.100 --> 00:31:26.080
negative Laufbahn eingeschlagen gehabt.

00:31:26.080 --> 00:31:27.380
Aber schauen Sie,

00:31:27.380 --> 00:31:28.600
ich habe keine Schulzeugnisse gehabt,

00:31:28.600 --> 00:31:32.320
und ich habe zwar eine Lehre bekommen

00:31:32.320 --> 00:31:33.880
über Vermittlung von meinem Vater

00:31:33.880 --> 00:31:34.800
noch als Kellnerlehrling,

00:31:34.800 --> 00:31:36.460
aber in der Berufsschule

00:31:36.460 --> 00:31:37.800
habe ich Schwierigkeiten gehabt.

00:31:37.800 --> 00:31:38.440
Die haben gesagt,

00:31:38.440 --> 00:31:40.860
ich muss doch Schulzeugnisse

00:31:40.860 --> 00:31:42.920
und ich muss doch eine Schule besucht haben.

00:31:42.920 --> 00:31:44.480
Ich wollte aber niemandem sagen,

00:31:44.480 --> 00:31:45.740
nein, ich war auf dem Steinhof

00:31:45.740 --> 00:31:47.740
oder ich war auf dem Spiegelgrund.

00:31:48.040 --> 00:31:49.160
Das war ja entsetzlich

00:31:49.160 --> 00:31:50.340
und wenn sie ein bisschen

00:31:50.340 --> 00:31:52.960
eine bessere Arbeit haben wollten,

00:31:52.960 --> 00:31:55.840
haben die polizeiliche

00:31:55.840 --> 00:31:57.480
Sittenzeugnisse verlangt

00:31:57.480 --> 00:31:59.840
und das habe ich ja auch

00:31:59.840 --> 00:32:00.920
wieder nicht bringen können.

00:32:00.920 --> 00:32:03.300
Dann hätte ich einmal ein Glück gehabt

00:32:03.300 --> 00:32:05.060
und das war 1948.

00:32:05.060 --> 00:32:08.060
Ich habe das Zeugnis da noch irgendwo,

00:32:08.060 --> 00:32:09.640
was mir diese Firma geschrieben hat

00:32:09.640 --> 00:32:14.800
und da war ich dann ungefähr 15 Monate

00:32:14.800 --> 00:32:17.300
Lkw-Mitfahrer bei dieser Firma

00:32:17.300 --> 00:32:21.040
und da hat dann der Firmenchef

00:32:21.040 --> 00:32:21.540
haben wollen,

00:32:21.540 --> 00:32:24.900
dass ich den Führerschein mache.

00:32:24.900 --> 00:32:26.480
Und ich habe gewusst,

00:32:26.480 --> 00:32:29.100
die Vorstrafe von 1944,

00:32:29.100 --> 00:32:31.440
also während der NS-Zeit.

00:32:32.220 --> 00:32:33.340
ich habe gewusst,

00:32:33.340 --> 00:32:33.940
den kriege nicht."

00:32:33.940 --> 00:32:47.980
Fritz Zawrel wurde zu einem

00:32:47.980 --> 00:32:49.540
der wichtigsten Zeitzeugen

00:32:49.540 --> 00:32:50.600
der NS-Verbrechen

00:32:50.600 --> 00:32:51.720
auf dem Spiegelgrund.

00:32:52.580 --> 00:32:54.520
Trotz massiver Einschüchterungsversuche

00:32:54.520 --> 00:32:56.320
berichtete er in den letzten 20 Jahren

00:32:56.320 --> 00:32:57.080
seines Lebens

00:32:57.080 --> 00:32:58.400
in Mittelschulen,

00:32:58.400 --> 00:32:59.500
Berufsschulen,

00:32:59.500 --> 00:33:00.700
Pflegeanstalten,

00:33:00.700 --> 00:33:01.980
vor Richter*innen

00:33:01.980 --> 00:33:03.380
und Staatsanwält*innen

00:33:03.380 --> 00:33:05.180
und auf Psychiatriekongressen

00:33:05.180 --> 00:33:06.160
über seine Erlebnisse

00:33:06.160 --> 00:33:07.360
mit der NS-Psychiatrie,

00:33:07.360 --> 00:33:08.760
deren Einfluss

00:33:08.760 --> 00:33:10.800
und sozialdarwinistische Haltung

00:33:10.800 --> 00:33:14.320
weit über das Jahr 1945 hinaus wirkte.

00:33:14.320 --> 00:33:17.580
Zawrel wurde erst im Jahr 2002 rehabilitiert

00:33:17.580 --> 00:33:20.220
und als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt.

00:33:20.700 --> 00:33:23.140
2008 wurde mit dem goldenen Verdienstzeichen

00:33:23.140 --> 00:33:23.960
des Landes Wien,

00:33:23.960 --> 00:33:27.360
2013 mit dem goldenen Ehrenzeichen

00:33:27.360 --> 00:33:29.600
für Verdienste um die Republik Österreich geehrt.

00:33:29.600 --> 00:33:33.480
2016 beschloss der Gemeinderatsausschuss

00:33:33.480 --> 00:33:35.240
für Kultur, Wissenschaft und Sport

00:33:35.240 --> 00:33:37.360
die Umbenennung der NMS 3,

00:33:37.360 --> 00:33:38.640
Hörnesgasse 12,

00:33:38.640 --> 00:33:40.300
nach Friedrich Zawrel

00:33:40.300 --> 00:33:42.400
in Friedrich-Zawrel-Schule.

00:33:42.400 --> 00:33:44.200
An der Schule

00:33:44.200 --> 00:33:46.220
weist eine Gedenktafel

00:33:46.220 --> 00:33:48.020
auf ihren Namensgeber hin.

00:33:48.100 --> 00:33:50.920
Fritz Zawrel erlebte das allerdings nicht mehr.

00:33:50.920 --> 00:33:54.540
Er starb im Februar 2015.

00:34:04.380 --> 00:34:07.620
Der Spiegelgrund wirft bis heute lange Schatten

00:34:07.620 --> 00:34:08.560
auf die Gegenwart.

00:34:08.560 --> 00:34:11.100
Welches Leben

00:34:11.100 --> 00:34:13.020
ist wie viel wert?

00:34:13.020 --> 00:34:15.400
Diese Frage sollte tief vergraben

00:34:15.400 --> 00:34:16.540
und vergessen

00:34:16.540 --> 00:34:18.340
in der Vergangenheit ruhen.

00:34:18.340 --> 00:34:20.440
Tut sie aber nicht.

00:34:20.440 --> 00:34:22.260
Wenn wir die Forderung

00:34:22.260 --> 00:34:23.920
nach einem Nie-Wieder stellen,

00:34:23.920 --> 00:34:26.040
müssen wir uns gleichzeitig

00:34:26.040 --> 00:34:27.320
dessen gewahr sein,

00:34:27.320 --> 00:34:28.640
dass ein

00:34:28.640 --> 00:34:29.500
Wieder

00:34:29.500 --> 00:34:31.140
möglich ist.

00:34:31.140 --> 00:34:32.920
Dass es schnell gehen kann

00:34:32.920 --> 00:34:34.440
mit der Umsetzung dessen,

00:34:34.440 --> 00:34:36.240
was so manche Köpfe denken

00:34:36.240 --> 00:34:37.260
und auch sagen.

00:34:37.260 --> 00:34:38.720
Dass ja irgendwie

00:34:38.720 --> 00:34:40.700
doch nicht alle Menschen

00:34:40.700 --> 00:34:43.780
so wirklich gleich viel wert sind.

00:34:43.780 --> 00:34:45.160
Dass Menschenrechte

00:34:45.160 --> 00:34:46.760
verhandelbar sind.

00:34:46.760 --> 00:34:48.300
Dass hässliche Bilder

00:34:48.300 --> 00:34:50.900
eine politische Notwendigkeit

00:34:50.900 --> 00:34:52.420
und selbsternannte

00:34:52.420 --> 00:34:53.460
Volkskanzler

00:34:53.460 --> 00:34:54.580
richtig seien,

00:34:54.580 --> 00:34:55.460
um es

00:34:55.460 --> 00:34:56.140
denen

00:34:56.140 --> 00:34:57.220
mal

00:34:57.220 --> 00:34:58.460
ordentlich

00:34:58.460 --> 00:34:59.320
zu zeigen.

00:34:59.320 --> 00:35:01.160
Es ist kalt

00:35:01.160 --> 00:35:02.160
am Spiegelgrund.

00:35:02.160 --> 00:35:03.840
Die Geschichte

00:35:03.840 --> 00:35:04.860
dieses Ortes

00:35:04.860 --> 00:35:05.740
und der Kinder,

00:35:05.740 --> 00:35:06.760
die hier gequält

00:35:06.760 --> 00:35:07.920
und getötet wurden,

00:35:07.920 --> 00:35:09.400
ist eingebrannt

00:35:09.400 --> 00:35:10.640
in die Geschichte Wiens.

00:35:10.640 --> 00:35:12.580
Sie gehört

00:35:12.580 --> 00:35:13.160
erzählt.

00:35:13.160 --> 00:35:14.720
Die,

00:35:14.720 --> 00:35:15.960
die quälten,

00:35:15.960 --> 00:35:17.860
waren keine Monster,

00:35:17.860 --> 00:35:18.600
auch wenn wir

00:35:18.600 --> 00:35:19.620
versucht sind,

00:35:19.620 --> 00:35:20.720
sie als solche

00:35:20.720 --> 00:35:21.280
zu sehen.

00:35:21.280 --> 00:35:22.360
Sie waren

00:35:22.360 --> 00:35:23.320
TäterInnen,

00:35:23.320 --> 00:35:24.560
die ihre Leben

00:35:24.560 --> 00:35:25.420
weiterführten,

00:35:25.420 --> 00:35:25.960
als wäre

00:35:25.960 --> 00:35:26.840
nichts gewesen.

00:35:27.880 --> 00:35:28.920
in einem Österreich

00:35:28.920 --> 00:35:29.940
des Herrn Karl,

00:35:29.940 --> 00:35:31.140
der zwar überall

00:35:31.140 --> 00:35:31.920
dabei war,

00:35:31.920 --> 00:35:32.860
aber eigentlich

00:35:32.860 --> 00:35:34.220
eh nicht so wirklich.

00:35:34.220 --> 00:35:35.660
Mich fröstelt.

00:35:35.660 --> 00:35:37.440
Meine Gedanken

00:35:37.440 --> 00:35:38.120
kreisen,

00:35:38.120 --> 00:35:39.400
stolpern,

00:35:39.400 --> 00:35:40.500
frieren fest

00:35:40.500 --> 00:35:41.360
an diesem Ort

00:35:41.360 --> 00:35:42.140
der gequälten

00:35:42.140 --> 00:35:43.360
und getöteten Kinder.

00:35:43.360 --> 00:35:44.520
Auch dann noch,

00:35:44.520 --> 00:35:46.540
als unsere Exkursionsgruppe

00:35:46.540 --> 00:35:47.100
mit dem Bus

00:35:47.100 --> 00:35:47.800
zurückfährt

00:35:47.800 --> 00:35:48.480
in die Stadt.

00:35:48.480 --> 00:35:50.280
Immer und immer wieder

00:35:50.280 --> 00:35:51.020
stelle ich mir

00:35:51.020 --> 00:35:51.880
die gleiche Frage.

00:35:51.880 --> 00:35:53.600
Was wäre ich gewesen?

00:35:53.600 --> 00:35:55.280
Opfer

00:35:55.280 --> 00:35:57.460
oder Täterin?

00:35:57.460 --> 00:36:05.740
Das war das Podcast

00:36:05.740 --> 00:36:06.300
Feature

00:36:06.300 --> 00:36:07.540
Es ist kalt

00:36:07.540 --> 00:36:08.580
am Spiegelgrund.

00:36:08.580 --> 00:36:10.340
Produktion,

00:36:10.340 --> 00:36:11.340
Konzept

00:36:11.340 --> 00:36:12.640
und Regie

00:36:12.640 --> 00:36:14.300
Kathrin Quatember.

00:36:14.300 --> 00:36:15.900
Als Recherchequellen

00:36:15.900 --> 00:36:16.560
zur Erstellung

00:36:16.560 --> 00:36:17.700
der Texte dienten

00:36:17.700 --> 00:36:19.560
die Ausstellung

00:36:19.560 --> 00:36:20.900
Gedenkstätte Steinhof

00:36:20.900 --> 00:36:21.500
zur Geschichte

00:36:21.500 --> 00:36:22.480
der NS-Medizin

00:36:22.480 --> 00:36:23.000
in Wien

00:36:23.000 --> 00:36:24.860
und deren Homepage

00:36:24.860 --> 00:36:25.900
gedenkstaettesteinhof.at.

00:36:27.580 --> 00:36:29.900
Das Wien-Geschichte-Wiki,

00:36:29.900 --> 00:36:31.220
ein Projekt

00:36:31.220 --> 00:36:33.700
des Wiener Stadt- und Landesarchivs

00:36:33.700 --> 00:36:35.620
und der Wien Bibliothek

00:36:35.620 --> 00:36:36.360
im Rathaus.

00:36:36.360 --> 00:36:37.640
Der Artikel

00:36:37.640 --> 00:36:39.560
Meine liebe Republik,

00:36:39.560 --> 00:36:41.500
als ob ich der letzte Dreck wäre

00:36:41.500 --> 00:36:43.800
auf derStandard.at.

00:36:43.800 --> 00:36:45.740
Die O-Töne aus Interviews

00:36:45.740 --> 00:36:46.740
mit Fritz Zawrel

00:36:46.740 --> 00:36:49.420
stammen aus der österreichischen Mediathek

00:36:49.420 --> 00:36:51.580
und wurden von Johannes Hofinger

00:36:51.580 --> 00:36:53.920
und Michael S. Mayer geführt.

00:36:53.920 --> 00:36:56.180
Die letzte O-Ton-Sequenz

00:36:56.180 --> 00:36:58.240
wurde aus der Report-Sendung

00:36:58.240 --> 00:37:00.220
"Opfer vom Spiegelgrund"

00:37:00.220 --> 00:37:01.900
von Sabine Zink

00:37:01.900 --> 00:37:02.900
und Heidi Frank

00:37:02.900 --> 00:37:05.020
aus dem Jahr 2002 übernommen.

00:37:05.020 --> 00:37:07.740
Sämtliche Musik- und Soundeffekte

00:37:07.740 --> 00:37:09.960
stehen unter Creative Commons Lizenzen.

00:37:09.960 --> 00:37:11.380
Die Details dazu

00:37:11.380 --> 00:37:12.940
findet ihr in den Shownotes.