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    <title>Orte. Menschen. Geschichten. Kulturhistorische Reportagen</title>
    <description>„Orte.Menschen.Geschichten: Kulturhistorische Reportagen“ ist ein Podcast des Radiojournalisten Bernd Geisen, der vor allem für den Deutschlandfunk gearbeitet hat. Jede Folge widmet sich einem Thema, das mit einem konkreten Ort oder mit besonderen Personen verbunden ist – in Deutschland und weltweit. Die Themen reichen von historischen Rätseln über überraschende kulturelle Zusammenhänge bis hin zu persönlichen Erinnerungen und Zeitgeschichte. Dabei kommen stets Menschen vor Ort, Zeitzeugen und Expertinnen und Experten zu Wort. </description>
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      <title>Wo der Kaiser Urlaub macht: Sehnsuchtsort Schlesien  OMG 14</title>
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        <![CDATA[<div>&nbsp;Das „Schlesische Elysium“, das Land der Seligen: So schwärmen seit dem 19. Jahrhundert Reisende vom Hirschberger Tal in Niederschlesien. Die Folge schildert, wie die preußische Königsfamilie und der Berliner Adel hier jahrzehntelang ihre Sommerfrische verbracht haben, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Seitdem gehört Niederschlesien zu Polen. Seit einigen Jahren werden die verlassenen Schlösser wieder instandgesetzt und sind in Schlosshotels verwandelt worden. Wie beispielsweise das der Familie von Küster. <br><br><strong>„Schlesisches Elysium“</strong><br><strong>Das Hirschberger Tal in Niederschlesien</strong><br><br>Das Hirschberger Tal liegt gute 300 Kilometer südlich von Berlin in Polen, im ehemaligen Niederschlesien. Die Eiszeit hat hier eine sanft geschwungene Landschaft hinterlassen, mit Wiesen, Feldern, Fischteichen, dazu mäandernde Bäche, Gräben und Wege. Gerahmt ist das Ganze im Osten und im Westen von den Höhenzügen der Sudeten, im Süden vom Riesengebirge mit seinem höchsten Berg, der Schneekoppe. In der Hochzeit der Romantik, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, war das Tal deutschlandweit Sehnsuchtsort, mehr noch als der Rhein. Übrigens auch für Caspar-David-Friedrich. Der hat sich hier Motive für seine Malerei erwandert. Entstanden ist dabei eines seiner berühmtesten Bilder: „Morgen im Riesengebirge“. <br><br>Das „Schlesische Elysium“, also das Land der Seligen: So wurde das Tal bald genannt. Mit den Seligen waren dabei weniger die Einheimischen als vor allem der Berliner Adel gemeint und auch das preußische Königshaus. In Mode kam das Tal nämlich, nachdem der damalige preußische König Friedrich Wilhelm III den Grafen und die Gräfin von Reden auf ihrem Landsitz in Buchwald besucht hatte, das heißt heute Bukowiec. Erzählt Elisabeth von Küster, die im Hirschberger Tal und in Berlin lebt. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Weil sie als Erste einen Park im englischen Landschaftsstil angelegt haben. Auf einem Gut mit Blick auf die Schneekoppe, was damals den Leuten den Atem geraubt hat. Auch der preußische König hat diesen Park gesehen, und das war der Grund, warum er sich dann so spontan und bis zu seinem Lebensende in das Hirschberger Tal verliebt hat.</strong><br><br>Der König kaufte sich also ein Schloss im Tal, in Erdmannsdorf, heute Mysłakowice. Und er blieb nicht lange der einzige Berliner Schlossherr: Um die 45 herrschaftliche Sommersitze entstanden in seiner Nachbarschaft<br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Es war zu dieser Zeit so, dort, wo der König weilte, wollten alle sein. Und so hat jeder, der von Stand und Rang war, versucht, sich in diesem Tal irgendwie zumindest ein kleines Plätzchen zu sichern. Es waren die großen Familien der preußischen Hocharistokratie, wie z.B. die Czartoryskis und Radziwills. Aber es waren auch ehrgeizige Menschen, wie z.B. ein junger Adliger mit dem Namen von Küster, dessen Vater gerade erst in den Adelstand versetzt worden war im Jahre 1806.</strong><br><br>Der junge Carl Gustav Ernst von Küster, ein Vorfahr also von Elisabeth von Küster, wollte so unbedingt im Hirschberger Tal dazugehören, dass er das Schloss in Lomnitz kaufte, ohne es vorher gesehen zu haben. Dieses Lomnitz heißt heute Łomnica. Dass es für jeden Interessenten eine Sommerresidenz in der Nähe des Königs gab, lag daran, dass zu der Zeit jede Menge auf dem Markt waren. Sie hatten vorher Leinenhändlern gehört, die man hier Schleierherren nannte und die mit dem Verkauf des Leinens der schlesischen Weber zu viel Geld gekommen waren. Als dann die moderne Maschinenweberei und die Konkurrenz der Baumwolle aufkamen, verloren die Weber in Schlesien ihre Existenzgrundlage. Der berühmte Weberaufstand von 1844 war die Folge. König Friedrich Wilhelm IV, der Sohn des ins Hirschberger Tal verliebten Vaters, schickte Soldaten, um den Weberauftand niederzuschlagen. Das Schlesische Elysium war gerettet. Für die Schleierherren war das gute Geschäft allerdings vorbei. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Und wenn man keine Mittel mehr hat, kann man sich so ein Schlösschen nicht mehr leisten. Und es gibt ja&nbsp; diesen Spruch, des einen Leid, des anderen Freud. So, wie diese Familien verkaufen mussten, freuten sich andere, kaufen zu können. </strong><br><br>Die hohen Herrschaften aus Berlin ließen ihre Häuser und vor allem auch die Parks drumherum nach dem letzten Schrei der Romantik herausputzen, wie heute wieder gut zu besichtigen ist. Der König beispielsweise hatte sein Schloss im englischen Tudorstil herrichten lassen. Zu dem gehören vor allem die Zinnen, die die Dachränder der drei Gebäudeteile wie eine Bordüre abschließen. Zur eigentlichen Tudorzeit dienten solche Zinnen auf englischen Burgen dem Schutz der Bogenschützen, die Angreifer abwehren mussten. Angreifer gab es in Erdmannsdorf damals keine, nicht einmal mehr schlesische Weber. <br><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><br>Ganz tief in die romantische Werkzeugkiste hatte man beim Schloss in Schildau gegriffen, heute Wojanów. Es liegt sozusagen um die Ecke von Schloss Lomnitz: ein hoher quadratischer Bau in hellem Weiß, mit Türmen an allen vier Ecken plus leuchtend roten Dachziegeln. Wie ein Zuckerbäckerwerk aus Buttercreme und glasierten Möhrenscheiben. Ein Märchenschloss, denkt man unwillkürlich, und auch&nbsp; an Dornröschen. Es war übrigens ein Geschenk des Königs an seine Tochter Luise. Wobei Luise nicht mehr wachgeküsst werden musste. Sie war beim Einzug schon verheiratet, selbstverständlich mit einem Prinzen, und zwar dem von Oranien-Nassau.<br><br><strong>Atmo: Dampflok pfeift, klingt aus</strong><br><br>Vergleichsweise bescheiden wirkt immer noch das Haus in Buchwald, in dem seinerzeit die von Redens wohnten, da, wo den König sich in das Tal verliebt hatte. Das war zu einem schlichten klassizistischen Landsitz umgebaut worden, der barocke Turm musste dabei dran glauben. Hier war auch einmal Caspar David Friedrich zu Gast, nachdem 1842 die Eisenbahnstrecke von Berlin nach Breslau eröffnet worden war und auch normal sterbliche Reisende ins Tal kamen. Friedrich schrieb später darüber, dass die von Redens zwar wirklich ganz allerliebst wohnen, die Zimmer allerdings etwas klein und niedrig seien, wenn auch geschmackvoll möbliert. <br><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><br>Mit der märchenhaften Seligkeit war es 1945 erst einmal vorbei. Schlesien gehörte nun zu Polen, und die preußischen Schlossherrschaften mussten das Hirschberger Tal verlassen. Aber: Viele der Adelsfamilien sind mittlerweile zurückgekehrt. Elisabeth von Küster und ihr damaliger Mann waren die ersten, sie hatten 1991 in Berlin davon erfahren, dass das Küster-Schloss verkauft werden sollte und sich auf den Weg nach Lomnitz gemacht. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Wir hatten das Gefühl, wir sind die Einzigen, die gen Osten fahren. Es war eine einspurige Autobahn mit Holperplatten aus der Vorkriegszeit. Ich erinnere mich noch genau, faszinierend war für mich das erste Verkehrsschild auf polnischer Seite. Da stand ein Zeichen Pferdefuhrwerke auf der Autobahn verboten. Und das fand ich irgendwie sehr berührend. </strong><br><br>Pferdefuhrwerke auf der Autobahn gab es damals keine. Der erste Blick auf das Familienschloss war dann auch berührend: ernüchternd war er.<br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Das Schloss war eine totale Ruine. Es wuchsen schon die Bäume aus dem Inneren des Gebäudes in den Himmel, weil große Teile des Daches fehlten. Und vor dem Schloss war leider eine übel riechende Mülldeponie.</strong><br><br>Die jungen von Küsters aus Berlin beschlossen erst nur, das Schloss zu kaufen, um es vor dem Abriss zu retten. Und wenig später dann, es wieder aufzubauen. Das Geld dafür hatten sie nicht, sie mussten es sich leihen. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Selbst meine Großmutter hier in Berlin-Lichterfelde hat ihr Sterbegeldkonto geräumt und hat beschlossen, sie muss jetzt mindestens 20 Jahre noch leben, damit sie wieder das Geld für ihre Beerdigung zusammengespart hat, weil sie uns das ganze Konto geschenkt hat. Und so begannen wir dann mit sehr einfachen Mitteln einen sehr provisorischen Wiederaufbau, der sich dann im Laufe der Jahre immer mehr verbesserte und professioneller wurde, weil auch Vereine, Stiftungen und viele Privatpersonen, die große Sympathie für unser Unternehmen hatten, sich uns angeschlossen haben und gespendet haben.&nbsp; </strong><br><br>Bis das Schloss wieder vorzeigbar war und ein Schlosshotel Lomnitz seine Türen öffnete, hat es allerdings ein wenig gedauert. Auch, bis sie die ersten Einnahmen verbuchen konnten. <br>&nbsp;<br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Aus einer mehr als provisorischen Gastronomie. Wir haben einfach mit Sperrmüllmobiliar und einfachsten Ausstattungen ein kleines Café eröffnet und dieses Café systematisch immer weiter aufgebaut, sodass dann immer wieder eine kleine finanzielle Spritze kam, die das Ganze vorangebracht hat. Ab 1998/99 gab es ein kleines Hotel mit einem Zimmer am Anfang – Hotel Schloss Lomnitz. Es regnete auch gleich prompt beim ersten Gast in der ersten Nacht in das Zimmer hinein. Das war schrecklich, unser Anfang. Aber trotzdem haben wir uns nicht kleinkriegen lassen und immer weitergemacht.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Heute steht Schloss Lomnitz wieder da wie zur Zeit des jungen von Küster vor gut 200 Jahren: eine elegante zweigeschossige Erscheinung in strahlendem Habsburgergelb, der Eingang mit je einer Säule links und rechts, darüber viele hohe Fenster. Ein fast schon neu-sachlicher Baustil nach dem angeblich bräsigen Barock des Vorgängerhauses. Keine hundert Meter weiter im selben Baustil das sogenannte Witwenhaus, heute das Schlosshotel.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik</strong><br><br>Schloss und Schlosshotel Lomnitz sind mittlerweile gut besucht. Genauso wie die allermeisten der anderen Schlösser im Hirschberger Tal, die ein ähnliches Schicksal hinter sich haben und heute als Schlosshotels wieder in altem Glanz strahlen. Vor allem deutsche Touristen kommen, wegen der schlesischen Vergangenheit und der guten schlesischen und polnischen Küche - und wegen der Landschaft natürlich: Das Schlesische Elysium ist wieder zum Leben erwacht. Und, ach ja: Auf der Autobahn muss auch heute nicht mehr mit Pferdefuhrwerken gerechnet werden.&nbsp; <br><br><strong>Musik klingt aus</strong></div>]]>
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      <pubDate>Fri, 07 Aug 2026 12:00:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>&nbsp;Das „Schlesische Elysium“, das Land der Seligen: So schwärmen seit dem 19. Jahrhundert Reisende vom Hirschberger Tal in Niederschlesien. Die Folge schildert, wie die preußische Königsfamilie und der Berliner Adel hier jahrzehntelang ihre Sommerfrische verbracht haben, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Seitdem gehört Niederschlesien zu Polen. Seit einigen Jahren werden die verlassenen Schlösser wieder instandgesetzt und sind in Schlosshotels verwandelt worden. Wie beispielsweise das der Familie von Küster. <br><br><strong>„Schlesisches Elysium“</strong><br><strong>Das Hirschberger Tal in Niederschlesien</strong><br><br>Das Hirschberger Tal liegt gute 300 Kilometer südlich von Berlin in Polen, im ehemaligen Niederschlesien. Die Eiszeit hat hier eine sanft geschwungene Landschaft hinterlassen, mit Wiesen, Feldern, Fischteichen, dazu mäandernde Bäche, Gräben und Wege. Gerahmt ist das Ganze im Osten und im Westen von den Höhenzügen der Sudeten, im Süden vom Riesengebirge mit seinem höchsten Berg, der Schneekoppe. In der Hochzeit der Romantik, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, war das Tal deutschlandweit Sehnsuchtsort, mehr noch als der Rhein. Übrigens auch für Caspar-David-Friedrich. Der hat sich hier Motive für seine Malerei erwandert. Entstanden ist dabei eines seiner berühmtesten Bilder: „Morgen im Riesengebirge“. <br><br>Das „Schlesische Elysium“, also das Land der Seligen: So wurde das Tal bald genannt. Mit den Seligen waren dabei weniger die Einheimischen als vor allem der Berliner Adel gemeint und auch das preußische Königshaus. In Mode kam das Tal nämlich, nachdem der damalige preußische König Friedrich Wilhelm III den Grafen und die Gräfin von Reden auf ihrem Landsitz in Buchwald besucht hatte, das heißt heute Bukowiec. Erzählt Elisabeth von Küster, die im Hirschberger Tal und in Berlin lebt. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Weil sie als Erste einen Park im englischen Landschaftsstil angelegt haben. Auf einem Gut mit Blick auf die Schneekoppe, was damals den Leuten den Atem geraubt hat. Auch der preußische König hat diesen Park gesehen, und das war der Grund, warum er sich dann so spontan und bis zu seinem Lebensende in das Hirschberger Tal verliebt hat.</strong><br><br>Der König kaufte sich also ein Schloss im Tal, in Erdmannsdorf, heute Mysłakowice. Und er blieb nicht lange der einzige Berliner Schlossherr: Um die 45 herrschaftliche Sommersitze entstanden in seiner Nachbarschaft<br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Es war zu dieser Zeit so, dort, wo der König weilte, wollten alle sein. Und so hat jeder, der von Stand und Rang war, versucht, sich in diesem Tal irgendwie zumindest ein kleines Plätzchen zu sichern. Es waren die großen Familien der preußischen Hocharistokratie, wie z.B. die Czartoryskis und Radziwills. Aber es waren auch ehrgeizige Menschen, wie z.B. ein junger Adliger mit dem Namen von Küster, dessen Vater gerade erst in den Adelstand versetzt worden war im Jahre 1806.</strong><br><br>Der junge Carl Gustav Ernst von Küster, ein Vorfahr also von Elisabeth von Küster, wollte so unbedingt im Hirschberger Tal dazugehören, dass er das Schloss in Lomnitz kaufte, ohne es vorher gesehen zu haben. Dieses Lomnitz heißt heute Łomnica. Dass es für jeden Interessenten eine Sommerresidenz in der Nähe des Königs gab, lag daran, dass zu der Zeit jede Menge auf dem Markt waren. Sie hatten vorher Leinenhändlern gehört, die man hier Schleierherren nannte und die mit dem Verkauf des Leinens der schlesischen Weber zu viel Geld gekommen waren. Als dann die moderne Maschinenweberei und die Konkurrenz der Baumwolle aufkamen, verloren die Weber in Schlesien ihre Existenzgrundlage. Der berühmte Weberaufstand von 1844 war die Folge. König Friedrich Wilhelm IV, der Sohn des ins Hirschberger Tal verliebten Vaters, schickte Soldaten, um den Weberauftand niederzuschlagen. Das Schlesische Elysium war gerettet. Für die Schleierherren war das gute Geschäft allerdings vorbei. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Und wenn man keine Mittel mehr hat, kann man sich so ein Schlösschen nicht mehr leisten. Und es gibt ja&nbsp; diesen Spruch, des einen Leid, des anderen Freud. So, wie diese Familien verkaufen mussten, freuten sich andere, kaufen zu können. </strong><br><br>Die hohen Herrschaften aus Berlin ließen ihre Häuser und vor allem auch die Parks drumherum nach dem letzten Schrei der Romantik herausputzen, wie heute wieder gut zu besichtigen ist. Der König beispielsweise hatte sein Schloss im englischen Tudorstil herrichten lassen. Zu dem gehören vor allem die Zinnen, die die Dachränder der drei Gebäudeteile wie eine Bordüre abschließen. Zur eigentlichen Tudorzeit dienten solche Zinnen auf englischen Burgen dem Schutz der Bogenschützen, die Angreifer abwehren mussten. Angreifer gab es in Erdmannsdorf damals keine, nicht einmal mehr schlesische Weber. <br><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><br>Ganz tief in die romantische Werkzeugkiste hatte man beim Schloss in Schildau gegriffen, heute Wojanów. Es liegt sozusagen um die Ecke von Schloss Lomnitz: ein hoher quadratischer Bau in hellem Weiß, mit Türmen an allen vier Ecken plus leuchtend roten Dachziegeln. Wie ein Zuckerbäckerwerk aus Buttercreme und glasierten Möhrenscheiben. Ein Märchenschloss, denkt man unwillkürlich, und auch&nbsp; an Dornröschen. Es war übrigens ein Geschenk des Königs an seine Tochter Luise. Wobei Luise nicht mehr wachgeküsst werden musste. Sie war beim Einzug schon verheiratet, selbstverständlich mit einem Prinzen, und zwar dem von Oranien-Nassau.<br><br><strong>Atmo: Dampflok pfeift, klingt aus</strong><br><br>Vergleichsweise bescheiden wirkt immer noch das Haus in Buchwald, in dem seinerzeit die von Redens wohnten, da, wo den König sich in das Tal verliebt hatte. Das war zu einem schlichten klassizistischen Landsitz umgebaut worden, der barocke Turm musste dabei dran glauben. Hier war auch einmal Caspar David Friedrich zu Gast, nachdem 1842 die Eisenbahnstrecke von Berlin nach Breslau eröffnet worden war und auch normal sterbliche Reisende ins Tal kamen. Friedrich schrieb später darüber, dass die von Redens zwar wirklich ganz allerliebst wohnen, die Zimmer allerdings etwas klein und niedrig seien, wenn auch geschmackvoll möbliert. <br><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><br>Mit der märchenhaften Seligkeit war es 1945 erst einmal vorbei. Schlesien gehörte nun zu Polen, und die preußischen Schlossherrschaften mussten das Hirschberger Tal verlassen. Aber: Viele der Adelsfamilien sind mittlerweile zurückgekehrt. Elisabeth von Küster und ihr damaliger Mann waren die ersten, sie hatten 1991 in Berlin davon erfahren, dass das Küster-Schloss verkauft werden sollte und sich auf den Weg nach Lomnitz gemacht. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Wir hatten das Gefühl, wir sind die Einzigen, die gen Osten fahren. Es war eine einspurige Autobahn mit Holperplatten aus der Vorkriegszeit. Ich erinnere mich noch genau, faszinierend war für mich das erste Verkehrsschild auf polnischer Seite. Da stand ein Zeichen Pferdefuhrwerke auf der Autobahn verboten. Und das fand ich irgendwie sehr berührend. </strong><br><br>Pferdefuhrwerke auf der Autobahn gab es damals keine. Der erste Blick auf das Familienschloss war dann auch berührend: ernüchternd war er.<br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Das Schloss war eine totale Ruine. Es wuchsen schon die Bäume aus dem Inneren des Gebäudes in den Himmel, weil große Teile des Daches fehlten. Und vor dem Schloss war leider eine übel riechende Mülldeponie.</strong><br><br>Die jungen von Küsters aus Berlin beschlossen erst nur, das Schloss zu kaufen, um es vor dem Abriss zu retten. Und wenig später dann, es wieder aufzubauen. Das Geld dafür hatten sie nicht, sie mussten es sich leihen. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Selbst meine Großmutter hier in Berlin-Lichterfelde hat ihr Sterbegeldkonto geräumt und hat beschlossen, sie muss jetzt mindestens 20 Jahre noch leben, damit sie wieder das Geld für ihre Beerdigung zusammengespart hat, weil sie uns das ganze Konto geschenkt hat. Und so begannen wir dann mit sehr einfachen Mitteln einen sehr provisorischen Wiederaufbau, der sich dann im Laufe der Jahre immer mehr verbesserte und professioneller wurde, weil auch Vereine, Stiftungen und viele Privatpersonen, die große Sympathie für unser Unternehmen hatten, sich uns angeschlossen haben und gespendet haben.&nbsp; </strong><br><br>Bis das Schloss wieder vorzeigbar war und ein Schlosshotel Lomnitz seine Türen öffnete, hat es allerdings ein wenig gedauert. Auch, bis sie die ersten Einnahmen verbuchen konnten. <br>&nbsp;<br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Aus einer mehr als provisorischen Gastronomie. Wir haben einfach mit Sperrmüllmobiliar und einfachsten Ausstattungen ein kleines Café eröffnet und dieses Café systematisch immer weiter aufgebaut, sodass dann immer wieder eine kleine finanzielle Spritze kam, die das Ganze vorangebracht hat. Ab 1998/99 gab es ein kleines Hotel mit einem Zimmer am Anfang – Hotel Schloss Lomnitz. Es regnete auch gleich prompt beim ersten Gast in der ersten Nacht in das Zimmer hinein. Das war schrecklich, unser Anfang. Aber trotzdem haben wir uns nicht kleinkriegen lassen und immer weitergemacht.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Heute steht Schloss Lomnitz wieder da wie zur Zeit des jungen von Küster vor gut 200 Jahren: eine elegante zweigeschossige Erscheinung in strahlendem Habsburgergelb, der Eingang mit je einer Säule links und rechts, darüber viele hohe Fenster. Ein fast schon neu-sachlicher Baustil nach dem angeblich bräsigen Barock des Vorgängerhauses. Keine hundert Meter weiter im selben Baustil das sogenannte Witwenhaus, heute das Schlosshotel.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik</strong><br><br>Schloss und Schlosshotel Lomnitz sind mittlerweile gut besucht. Genauso wie die allermeisten der anderen Schlösser im Hirschberger Tal, die ein ähnliches Schicksal hinter sich haben und heute als Schlosshotels wieder in altem Glanz strahlen. Vor allem deutsche Touristen kommen, wegen der schlesischen Vergangenheit und der guten schlesischen und polnischen Küche - und wegen der Landschaft natürlich: Das Schlesische Elysium ist wieder zum Leben erwacht. Und, ach ja: Auf der Autobahn muss auch heute nicht mehr mit Pferdefuhrwerken gerechnet werden.&nbsp; <br><br><strong>Musik klingt aus</strong></div>]]>
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Gerahmt ist das Ganze im Osten und im Westen von den Höhenzügen der Sudeten, im Süden vom Riesengebirge mit seinem höchsten Berg, der Schneekoppe. In der Hochzeit der Romantik, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, war das Tal deutschlandweit Sehnsuchtsort, mehr noch als der Rhein. Übrigens auch für Caspar-David-Friedrich. Der hat sich hier Motive für seine Malerei erwandert. Entstanden ist dabei eines seiner berühmtesten Bilder: „Morgen im Riesengebirge“. <br><br>Das „Schlesische Elysium“, also das Land der Seligen: So wurde das Tal bald genannt. Mit den Seligen waren dabei weniger die Einheimischen als vor allem der Berliner Adel gemeint und auch das preußische Königshaus. In Mode kam das Tal nämlich, nachdem der damalige preußische König Friedrich Wilhelm III den Grafen und die Gräfin von Reden auf ihrem Landsitz in Buchwald besucht hatte, das heißt heute Bukowiec. Erzählt Elisabeth von Küster, die im Hirschberger Tal und in Berlin lebt. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Weil sie als Erste einen Park im englischen Landschaftsstil angelegt haben. Auf einem Gut mit Blick auf die Schneekoppe, was damals den Leuten den Atem geraubt hat. Auch der preußische König hat diesen Park gesehen, und das war der Grund, warum er sich dann so spontan und bis zu seinem Lebensende in das Hirschberger Tal verliebt hat.</strong><br><br>Der König kaufte sich also ein Schloss im Tal, in Erdmannsdorf, heute Mysłakowice. Und er blieb nicht lange der einzige Berliner Schlossherr: Um die 45 herrschaftliche Sommersitze entstanden in seiner Nachbarschaft<br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Es war zu dieser Zeit so, dort, wo der König weilte, wollten alle sein. Und so hat jeder, der von Stand und Rang war, versucht, sich in diesem Tal irgendwie zumindest ein kleines Plätzchen zu sichern. Es waren die großen Familien der preußischen Hocharistokratie, wie z.B. die Czartoryskis und Radziwills. Aber es waren auch ehrgeizige Menschen, wie z.B. ein junger Adliger mit dem Namen von Küster, dessen Vater gerade erst in den Adelstand versetzt worden war im Jahre 1806.</strong><br><br>Der junge Carl Gustav Ernst von Küster, ein Vorfahr also von Elisabeth von Küster, wollte so unbedingt im Hirschberger Tal dazugehören, dass er das Schloss in Lomnitz kaufte, ohne es vorher gesehen zu haben. Dieses Lomnitz heißt heute Łomnica. Dass es für jeden Interessenten eine Sommerresidenz in der Nähe des Königs gab, lag daran, dass zu der Zeit jede Menge auf dem Markt waren. Sie hatten vorher Leinenhändlern gehört, die man hier Schleierherren nannte und die mit dem Verkauf des Leinens der schlesischen Weber zu viel Geld gekommen waren. Als dann die moderne Maschinenweberei und die Konkurrenz der Baumwolle aufkamen, verloren die Weber in Schlesien ihre Existenzgrundlage. Der berühmte Weberaufstand von 1844 war die Folge. König Friedrich Wilhelm IV, der Sohn des ins Hirschberger Tal verliebten Vaters, schickte Soldaten, um den Weberauftand niederzuschlagen. Das Schlesische Elysium war gerettet. Für die Schleierherren war das gute Geschäft allerdings vorbei. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Und wenn man keine Mittel mehr hat, kann man sich so ein Schlösschen nicht mehr leisten. Und es gibt ja&nbsp; diesen Spruch, des einen Leid, des anderen Freud. So, wie diese Familien verkaufen mussten, freuten sich andere, kaufen zu können. </strong><br><br>Die hohen Herrschaften aus Berlin ließen ihre Häuser und vor allem auch die Parks drumherum nach dem letzten Schrei der Romantik herausputzen, wie heute wieder gut zu besichtigen ist. Der König beispielsweise hatte sein Schloss im englischen Tudorstil herrichten lassen. Zu dem gehören vor allem die Zinnen, die die Dachränder der drei Gebäudeteile wie eine Bordüre abschließen. Zur eigentlichen Tudorzeit dienten solche Zinnen auf englischen Burgen dem Schutz der Bogenschützen, die Angreifer abwehren mussten. Angreifer gab es in Erdmannsdorf damals keine, nicht einmal mehr schlesische Weber. <br><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><br>Ganz tief in die romantische Werkzeugkiste hatte man beim Schloss in Schildau gegriffen, heute Wojanów. Es liegt sozusagen um die Ecke von Schloss Lomnitz: ein hoher quadratischer Bau in hellem Weiß, mit Türmen an allen vier Ecken plus leuchtend roten Dachziegeln. Wie ein Zuckerbäckerwerk aus Buttercreme und glasierten Möhrenscheiben. Ein Märchenschloss, denkt man unwillkürlich, und auch&nbsp; an Dornröschen. Es war übrigens ein Geschenk des Königs an seine Tochter Luise. Wobei Luise nicht mehr wachgeküsst werden musste. Sie war beim Einzug schon verheiratet, selbstverständlich mit einem Prinzen, und zwar dem von Oranien-Nassau.<br><br><strong>Atmo: Dampflok pfeift, klingt aus</strong><br><br>Vergleichsweise bescheiden wirkt immer noch das Haus in Buchwald, in dem seinerzeit die von Redens wohnten, da, wo den König sich in das Tal verliebt hatte. Das war zu einem schlichten klassizistischen Landsitz umgebaut worden, der barocke Turm musste dabei dran glauben. Hier war auch einmal Caspar David Friedrich zu Gast, nachdem 1842 die Eisenbahnstrecke von Berlin nach Breslau eröffnet worden war und auch normal sterbliche Reisende ins Tal kamen. Friedrich schrieb später darüber, dass die von Redens zwar wirklich ganz allerliebst wohnen, die Zimmer allerdings etwas klein und niedrig seien, wenn auch geschmackvoll möbliert. <br><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><br>Mit der märchenhaften Seligkeit war es 1945 erst einmal vorbei. Schlesien gehörte nun zu Polen, und die preußischen Schlossherrschaften mussten das Hirschberger Tal verlassen. Aber: Viele der Adelsfamilien sind mittlerweile zurückgekehrt. Elisabeth von Küster und ihr damaliger Mann waren die ersten, sie hatten 1991 in Berlin davon erfahren, dass das Küster-Schloss verkauft werden sollte und sich auf den Weg nach Lomnitz gemacht. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Wir hatten das Gefühl, wir sind die Einzigen, die gen Osten fahren. Es war eine einspurige Autobahn mit Holperplatten aus der Vorkriegszeit. Ich erinnere mich noch genau, faszinierend war für mich das erste Verkehrsschild auf polnischer Seite. Da stand ein Zeichen Pferdefuhrwerke auf der Autobahn verboten. Und das fand ich irgendwie sehr berührend. </strong><br><br>Pferdefuhrwerke auf der Autobahn gab es damals keine. Der erste Blick auf das Familienschloss war dann auch berührend: ernüchternd war er.<br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Das Schloss war eine totale Ruine. Es wuchsen schon die Bäume aus dem Inneren des Gebäudes in den Himmel, weil große Teile des Daches fehlten. Und vor dem Schloss war leider eine übel riechende Mülldeponie.</strong><br><br>Die jungen von Küsters aus Berlin beschlossen erst nur, das Schloss zu kaufen, um es vor dem Abriss zu retten. Und wenig später dann, es wieder aufzubauen. Das Geld dafür hatten sie nicht, sie mussten es sich leihen. <br><br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Selbst meine Großmutter hier in Berlin-Lichterfelde hat ihr Sterbegeldkonto geräumt und hat beschlossen, sie muss jetzt mindestens 20 Jahre noch leben, damit sie wieder das Geld für ihre Beerdigung zusammengespart hat, weil sie uns das ganze Konto geschenkt hat. Und so begannen wir dann mit sehr einfachen Mitteln einen sehr provisorischen Wiederaufbau, der sich dann im Laufe der Jahre immer mehr verbesserte und professioneller wurde, weil auch Vereine, Stiftungen und viele Privatpersonen, die große Sympathie für unser Unternehmen hatten, sich uns angeschlossen haben und gespendet haben.&nbsp; </strong><br><br>Bis das Schloss wieder vorzeigbar war und ein Schlosshotel Lomnitz seine Türen öffnete, hat es allerdings ein wenig gedauert. Auch, bis sie die ersten Einnahmen verbuchen konnten. <br>&nbsp;<br><strong>O-Ton Elisabeth von Küster</strong><br><strong>Aus einer mehr als provisorischen Gastronomie. Wir haben einfach mit Sperrmüllmobiliar und einfachsten Ausstattungen ein kleines Café eröffnet und dieses Café systematisch immer weiter aufgebaut, sodass dann immer wieder eine kleine finanzielle Spritze kam, die das Ganze vorangebracht hat. Ab 1998/99 gab es ein kleines Hotel mit einem Zimmer am Anfang – Hotel Schloss Lomnitz. Es regnete auch gleich prompt beim ersten Gast in der ersten Nacht in das Zimmer hinein. Das war schrecklich, unser Anfang. Aber trotzdem haben wir uns nicht kleinkriegen lassen und immer weitergemacht.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Heute steht Schloss Lomnitz wieder da wie zur Zeit des jungen von Küster vor gut 200 Jahren: eine elegante zweigeschossige Erscheinung in strahlendem Habsburgergelb, der Eingang mit je einer Säule links und rechts, darüber viele hohe Fenster. Ein fast schon neu-sachlicher Baustil nach dem angeblich bräsigen Barock des Vorgängerhauses. Keine hundert Meter weiter im selben Baustil das sogenannte Witwenhaus, heute das Schlosshotel.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik</strong><br><br>Schloss und Schlosshotel Lomnitz sind mittlerweile gut besucht. Genauso wie die allermeisten der anderen Schlösser im Hirschberger Tal, die ein ähnliches Schicksal hinter sich haben und heute als Schlosshotels wieder in altem Glanz strahlen. Vor allem deutsche Touristen kommen, wegen der schlesischen Vergangenheit und der guten schlesischen und polnischen Küche - und wegen der Landschaft natürlich: Das Schlesische Elysium ist wieder zum Leben erwacht. Und, ach ja: Auf der Autobahn muss auch heute nicht mehr mit Pferdefuhrwerken gerechnet werden.&nbsp; <br><br><strong>Musik klingt aus</strong></div>]]>
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        <title>Wo der Kaiser Urlaub macht: Sehnsuchtsort Schlesien  OMG 14</title>
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      <itunes:keywords>Schlesien, Krieg, Polen, Osterweiterung, Wiederaufbau, Berliner Adel</itunes:keywords>
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      <title>Warum kommen Weltklassemusiker in eine kleine Berliner Kirche? OMG 13</title>
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        <![CDATA[<div>Die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem wurde in den 1930er-Jahren errichtet und ist eng mit der Geschichte der Bekennenden Kirche verbunden. Gleichzeitig wurde sie durch ihre außergewöhnliche Akustik zu einem wichtigen Aufnahmeort für klassische Musik. Internationale Dirigenten und Orchester nutzen den Raum für Einspielungen. Diese Folge verbindet Architekturgeschichte, Kirchengeschichte und Musikproduktion an einem besonderen Ort.<br><br><strong>Die weltberühmte Akustik in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem</strong><br><br>Wer nach Berlin kommt und dabei auch den Ortsteil Dahlem besucht, wird feststellen: Es gibt hier zwei protestantische Pfarrkirchen. Einmal die kleine St. Annenkirche. Sie war lange Zeit die Kirche des alten Dorfes Dahlems und ist schon im Mittelalter gebaut worden, aus Feldsteinen und Ziegelsteinen, der Kirchturm ist sogar noch aus Holz. Und dann ist da noch die neue Jesus-Christus-Kirche, ungefähr einen Kilometer entfernt. Deren Mauern sind nur aus Backstein. Sie wurde 1931 eingeweiht und steht seither inmitten der Dahlemer Villen, ein schlichtes und schmuckloses hohes Kirchenschiff mit einem seitlich angesetzten Glockenturm plus Kreuz obendrauf.&nbsp; An der Giebelfront über den Eingangstüren hängt eine Bronzefigur, ein segnender Christus. Gebaut worden sei die Kirche im Geist des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit, sagt Cornelia Kulawik. Sie ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. Und dass sie deutlich größer ausgefallen ist als die alte Dorfkirche, sagt sie, sei damals dringend nötig gewesen. Denn Dahlem war in einem rasanten Tempo gewachsen: 100 Menschen lebten hier um das Jahr 1900, 20 Jahre später waren es schon über 7.000.<br><br><strong>O-Ton Cornelia Kulawik </strong><br><strong>Besonders war das an Weihnachten spürbar. (…) Da kann man sich vorstellen, dass eine kleine Dorfkirche mit 200 Plätzen nicht mehr für Weihnachtsgottesdienste ausreicht. Da gab es echt zum Teil handgreifliche Szenen und Beschwerden: Wer kriegt da überhaupt einen Platz? Es war völlig klar, dass man eine größere Kirche braucht.</strong><br><br>In die neue&nbsp; Kirche kamen dann seit den frühen 1930er Jahren nicht nur einheimische Dahlemer Kirchenbesucher, sondern auch immer mehr auswärtige. Grund dafür war, dass hier Martin Niemöller der Dahlemer Gemeindepfarrer war. Er war Mitbegründer der Bekennenden Kirche, der Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die nationalsozialistischen Machthaber. Man erzählt sich, dass schon eine Stunde vor Beginn seiner Gottesdienste am Sonntagmorgen die U-Bahn Richtung Dahlem überfüllt war. Und dass der Schaffner extra durchrief: „Thielplatz! Zu Niemöllers Gottesdienst hier aussteigen!“<br><br>Zur Pilgerstätte ist die Jesus-Christus-Kirche auch für Musiker geworden. Das begann kurz nach Ende des 2. Weltkriegs. Auslöser war ein Besuch von Wilhelm Furtwängler und seinen Berliner Philharmonikern, die im zerbombten Berlin nicht wussten wohin, erzählt Jan Sören Fölster. Er ist der Kirchenmusiker der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. <br><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 1</strong><br><strong>Die Philharmoniker suchten Proberäume und waren zunächst in unserem großen Gemeindesaal in der Thielallee und haben da lange Zeit gut geprobt und irgendwann mal als Dank ein Konzert in unserer Jesus-Christus-Kirche machen wollen. Und dabei wurde es aufgenommen. Und da fiel allen auf, wie phantastisch durchhörbar und rund diese Aufnahmen geworden sind. Das (…) haben sie sich sofort zunutze gemacht und schon unter Furtwängler angefangen, die ersten Aufnahmen hier zu machen.</strong><br><br><strong>Musik Furthwängler von 1945, , klingt aus</strong><br><br>Bis heute ist die Jesus-Christus-Kirche für viele klassische Musiker weltweit begehrter als jedes professionelle Aufnahmestudio. Dabei ist die besondere Akustik&nbsp; eigentlich eher durch Zufall entstanden. Bei der Planung des Kirchenbaus ging es eigentlich nur darum, dass die Besucher den Pfarrer vorn überall in der Kirche gut hören können. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 2</strong><br><strong>Die haben einen Akustiker eingeschaltet, (…)&nbsp; der gesagt hat: Gemessen an der Anzahl der Sitzplätze ist die Akustik und der Nachhall viel zu lang. </strong><br><strong>(…) Wenn der Nachhall zu lang ist, dann verschwimmt alles, und da gibt es Reflexionen überall, und dann ist es nicht gut zu verstehen</strong><br><strong>(…) Und dann hat man in diesen wahnsinnig hohen Raum, der bis zu 22 Meter in der Höhe ist, eine Holzlamellendecke eingebaut, (…) also, die sollte eigentlich einfach den Nachhall dämpfen.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Das tat die erwähnte Holzlamellendecke auch, und zwar durch die vielen Holzbalken, die hoch oben von links nach rechts verlaufen und das Dach tragen: Sie dämpfen den Nachhall. Diese Konstruktion hatte aber noch einen zweiten Effekt, mit dem niemand gerechnet hatte. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Wir sind mittlerweile in der Kirche. Was ist das Wunderbare an dieser Akustik hier in diesem Raum?</strong><br><em>&nbsp;</em><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 3&nbsp; &nbsp; </strong><br><strong>Sie können vielleicht mal hören, wenn ich klatsche (klatscht). Gut drei Sekunden Nachhall. Gleichzeitig ist aber durch die Konstruktion der Holzlamellendecke dafür gesorgt, dass die tiefen Frequenzen, die in anderen Räumen ähnlicher Größe alles vermulmen und unklar machen, dass just diese Frequenzen herausgefiltert werden und dadurch wunderbare, rund klingende Aufnahmen in einer unglaublichen Brillanz entstehen. Und das ist das, was alle hier Aufnehmenden lieben, von dem Sologeiger bis zum Pianisten bis zum großen Symphonieorchester oder Chor und Orchester, die hier auch aufgenommen werden.</strong><br><br><strong>Oboenmusik Albrecht Meyer, wird leiser&nbsp; (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:10:00)</strong><br><br>Dazu kommt, dass in der Jesus-Christus-Kirche auch die genannten Geiger und Pianisten beim Spielen in den Genuss der besonderen Akustik kommen. Das ist nicht immer so, wie Albrecht Meyer sagt. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und hier zu hören in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, und zwar in einem Film der Deutschen Grammophon, die die Jesus-Christus-Kirche seit vielen Jahren für ihre Aufnahmen nutzt.. <br><br><strong>Musik klingt aus. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Meyer (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:32:00)</strong><br><strong>Ha ha ha. Man hört schon hier etwa so 4 Sekunden Nachhall. (…) . Du brauchst für eine Aufnahme eine Resonanz. In der Philharmonie am Potsdamer Platz hast du zwar eine Resonanz. Aber du hörst sie nicht. Die hören nur die Zuhörer. Befriedigender ist natürlich, hier zu spielen. </strong><br><br><strong>Musik klingt aus. </strong><br><br>Der Hall in professionellen Aufnahmestudios reicht hinten und vorn nicht aus. Und selbst in der Jesus-Christus-Kirche noch nicht. Darum müssen Musikaufnahmen auch von hier in aller Regel nachverhallt werden, wie Jan-Sören Fölster das nennt:<br><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 4</strong><br><strong>Man denkt, es wäre gar nicht nötig, weil hier eigentlich der Raum ausreichend Hall hat. Aber für ein rundes und noch angenehmeres Klanggefühl ist eine Verhallung selbst in dieser Kirche noch notwendig. </strong><br><strong>(…) Heutzutage gibt es computergenerierten sogenannten Faltungshall. </strong><br><strong>(…) Aber in früheren Zeiten, als des den noch nicht gab, hat man einfach Aufnahmen aus dieser Kirche lustigerweise hier das Treppenhaus geschafft, da abgespielt und mit dem Hall des Treppenhauses nachverhallt und dadurch noch schönere und rundere Klangergebnisse produziert</strong>.<br><br>Das heißt: Man hat eine Aufnahme im weiten Treppenhaus der Jesus-Christus-Kirche abgespielt und dort einfach noch einmal neu aufgenommen hat. Hat gereicht. Das waren noch Zeiten. <br><br>Für alles, was für Musikaufnahmen nötig ist, gibt es heute zwei moderne Tonstudios im Vorraum der Kirche, eines gehört übrigens dem Deutschlandradio. Die Deutsche Grammophon spendierte sogar eine Pausenküche für die Musiker. Und so kommt heute alles, was Rang und Namen in der klassischen Musik hat, für Tonträgeraufnahmen in die Jesus-Christus-Kirche. Einer der letzen war der chinesische Pianist Lang Lang, der hier die Bach’schen Goldberg-Variationen aufgenommen hat. Und legendär ist die frühe Zeit der 1960er und 1970er Jahre, in denen Herbert von Karajan in dieser Kirche alle seine Musikprojekte mit den Berliner Philharmonikern eingespielt hat. Nochmal ein kurzer Ausschnitt aus dem Film der Deutschen Grammophon:<br><br><strong>Karajan Probe (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:16:00)</strong><br><br>Dass Karajan die protestantische Jesus-Christus-Kirche für seine Aufnahmen immer wieder nutzen wollte, hat ihr übrigens den Beinamen „Karajans Kathedrale“ eingebracht. Ob ihm das gefallen hat, ist nicht überliefert. Interessant ist dabei nur:&nbsp; Karajan war praktizierender Katholik.&nbsp;<br><br></div>]]>
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      <pubDate>Fri, 17 Jul 2026 12:00:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem wurde in den 1930er-Jahren errichtet und ist eng mit der Geschichte der Bekennenden Kirche verbunden. Gleichzeitig wurde sie durch ihre außergewöhnliche Akustik zu einem wichtigen Aufnahmeort für klassische Musik. Internationale Dirigenten und Orchester nutzen den Raum für Einspielungen. Diese Folge verbindet Architekturgeschichte, Kirchengeschichte und Musikproduktion an einem besonderen Ort.<br><br><strong>Die weltberühmte Akustik in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem</strong><br><br>Wer nach Berlin kommt und dabei auch den Ortsteil Dahlem besucht, wird feststellen: Es gibt hier zwei protestantische Pfarrkirchen. Einmal die kleine St. Annenkirche. Sie war lange Zeit die Kirche des alten Dorfes Dahlems und ist schon im Mittelalter gebaut worden, aus Feldsteinen und Ziegelsteinen, der Kirchturm ist sogar noch aus Holz. Und dann ist da noch die neue Jesus-Christus-Kirche, ungefähr einen Kilometer entfernt. Deren Mauern sind nur aus Backstein. Sie wurde 1931 eingeweiht und steht seither inmitten der Dahlemer Villen, ein schlichtes und schmuckloses hohes Kirchenschiff mit einem seitlich angesetzten Glockenturm plus Kreuz obendrauf.&nbsp; An der Giebelfront über den Eingangstüren hängt eine Bronzefigur, ein segnender Christus. Gebaut worden sei die Kirche im Geist des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit, sagt Cornelia Kulawik. Sie ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. Und dass sie deutlich größer ausgefallen ist als die alte Dorfkirche, sagt sie, sei damals dringend nötig gewesen. Denn Dahlem war in einem rasanten Tempo gewachsen: 100 Menschen lebten hier um das Jahr 1900, 20 Jahre später waren es schon über 7.000.<br><br><strong>O-Ton Cornelia Kulawik </strong><br><strong>Besonders war das an Weihnachten spürbar. (…) Da kann man sich vorstellen, dass eine kleine Dorfkirche mit 200 Plätzen nicht mehr für Weihnachtsgottesdienste ausreicht. Da gab es echt zum Teil handgreifliche Szenen und Beschwerden: Wer kriegt da überhaupt einen Platz? Es war völlig klar, dass man eine größere Kirche braucht.</strong><br><br>In die neue&nbsp; Kirche kamen dann seit den frühen 1930er Jahren nicht nur einheimische Dahlemer Kirchenbesucher, sondern auch immer mehr auswärtige. Grund dafür war, dass hier Martin Niemöller der Dahlemer Gemeindepfarrer war. Er war Mitbegründer der Bekennenden Kirche, der Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die nationalsozialistischen Machthaber. Man erzählt sich, dass schon eine Stunde vor Beginn seiner Gottesdienste am Sonntagmorgen die U-Bahn Richtung Dahlem überfüllt war. Und dass der Schaffner extra durchrief: „Thielplatz! Zu Niemöllers Gottesdienst hier aussteigen!“<br><br>Zur Pilgerstätte ist die Jesus-Christus-Kirche auch für Musiker geworden. Das begann kurz nach Ende des 2. Weltkriegs. Auslöser war ein Besuch von Wilhelm Furtwängler und seinen Berliner Philharmonikern, die im zerbombten Berlin nicht wussten wohin, erzählt Jan Sören Fölster. Er ist der Kirchenmusiker der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. <br><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 1</strong><br><strong>Die Philharmoniker suchten Proberäume und waren zunächst in unserem großen Gemeindesaal in der Thielallee und haben da lange Zeit gut geprobt und irgendwann mal als Dank ein Konzert in unserer Jesus-Christus-Kirche machen wollen. Und dabei wurde es aufgenommen. Und da fiel allen auf, wie phantastisch durchhörbar und rund diese Aufnahmen geworden sind. Das (…) haben sie sich sofort zunutze gemacht und schon unter Furtwängler angefangen, die ersten Aufnahmen hier zu machen.</strong><br><br><strong>Musik Furthwängler von 1945, , klingt aus</strong><br><br>Bis heute ist die Jesus-Christus-Kirche für viele klassische Musiker weltweit begehrter als jedes professionelle Aufnahmestudio. Dabei ist die besondere Akustik&nbsp; eigentlich eher durch Zufall entstanden. Bei der Planung des Kirchenbaus ging es eigentlich nur darum, dass die Besucher den Pfarrer vorn überall in der Kirche gut hören können. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 2</strong><br><strong>Die haben einen Akustiker eingeschaltet, (…)&nbsp; der gesagt hat: Gemessen an der Anzahl der Sitzplätze ist die Akustik und der Nachhall viel zu lang. </strong><br><strong>(…) Wenn der Nachhall zu lang ist, dann verschwimmt alles, und da gibt es Reflexionen überall, und dann ist es nicht gut zu verstehen</strong><br><strong>(…) Und dann hat man in diesen wahnsinnig hohen Raum, der bis zu 22 Meter in der Höhe ist, eine Holzlamellendecke eingebaut, (…) also, die sollte eigentlich einfach den Nachhall dämpfen.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Das tat die erwähnte Holzlamellendecke auch, und zwar durch die vielen Holzbalken, die hoch oben von links nach rechts verlaufen und das Dach tragen: Sie dämpfen den Nachhall. Diese Konstruktion hatte aber noch einen zweiten Effekt, mit dem niemand gerechnet hatte. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Wir sind mittlerweile in der Kirche. Was ist das Wunderbare an dieser Akustik hier in diesem Raum?</strong><br><em>&nbsp;</em><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 3&nbsp; &nbsp; </strong><br><strong>Sie können vielleicht mal hören, wenn ich klatsche (klatscht). Gut drei Sekunden Nachhall. Gleichzeitig ist aber durch die Konstruktion der Holzlamellendecke dafür gesorgt, dass die tiefen Frequenzen, die in anderen Räumen ähnlicher Größe alles vermulmen und unklar machen, dass just diese Frequenzen herausgefiltert werden und dadurch wunderbare, rund klingende Aufnahmen in einer unglaublichen Brillanz entstehen. Und das ist das, was alle hier Aufnehmenden lieben, von dem Sologeiger bis zum Pianisten bis zum großen Symphonieorchester oder Chor und Orchester, die hier auch aufgenommen werden.</strong><br><br><strong>Oboenmusik Albrecht Meyer, wird leiser&nbsp; (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:10:00)</strong><br><br>Dazu kommt, dass in der Jesus-Christus-Kirche auch die genannten Geiger und Pianisten beim Spielen in den Genuss der besonderen Akustik kommen. Das ist nicht immer so, wie Albrecht Meyer sagt. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und hier zu hören in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, und zwar in einem Film der Deutschen Grammophon, die die Jesus-Christus-Kirche seit vielen Jahren für ihre Aufnahmen nutzt.. <br><br><strong>Musik klingt aus. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Meyer (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:32:00)</strong><br><strong>Ha ha ha. Man hört schon hier etwa so 4 Sekunden Nachhall. (…) . Du brauchst für eine Aufnahme eine Resonanz. In der Philharmonie am Potsdamer Platz hast du zwar eine Resonanz. Aber du hörst sie nicht. Die hören nur die Zuhörer. Befriedigender ist natürlich, hier zu spielen. </strong><br><br><strong>Musik klingt aus. </strong><br><br>Der Hall in professionellen Aufnahmestudios reicht hinten und vorn nicht aus. Und selbst in der Jesus-Christus-Kirche noch nicht. Darum müssen Musikaufnahmen auch von hier in aller Regel nachverhallt werden, wie Jan-Sören Fölster das nennt:<br><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 4</strong><br><strong>Man denkt, es wäre gar nicht nötig, weil hier eigentlich der Raum ausreichend Hall hat. Aber für ein rundes und noch angenehmeres Klanggefühl ist eine Verhallung selbst in dieser Kirche noch notwendig. </strong><br><strong>(…) Heutzutage gibt es computergenerierten sogenannten Faltungshall. </strong><br><strong>(…) Aber in früheren Zeiten, als des den noch nicht gab, hat man einfach Aufnahmen aus dieser Kirche lustigerweise hier das Treppenhaus geschafft, da abgespielt und mit dem Hall des Treppenhauses nachverhallt und dadurch noch schönere und rundere Klangergebnisse produziert</strong>.<br><br>Das heißt: Man hat eine Aufnahme im weiten Treppenhaus der Jesus-Christus-Kirche abgespielt und dort einfach noch einmal neu aufgenommen hat. Hat gereicht. Das waren noch Zeiten. <br><br>Für alles, was für Musikaufnahmen nötig ist, gibt es heute zwei moderne Tonstudios im Vorraum der Kirche, eines gehört übrigens dem Deutschlandradio. Die Deutsche Grammophon spendierte sogar eine Pausenküche für die Musiker. Und so kommt heute alles, was Rang und Namen in der klassischen Musik hat, für Tonträgeraufnahmen in die Jesus-Christus-Kirche. Einer der letzen war der chinesische Pianist Lang Lang, der hier die Bach’schen Goldberg-Variationen aufgenommen hat. Und legendär ist die frühe Zeit der 1960er und 1970er Jahre, in denen Herbert von Karajan in dieser Kirche alle seine Musikprojekte mit den Berliner Philharmonikern eingespielt hat. Nochmal ein kurzer Ausschnitt aus dem Film der Deutschen Grammophon:<br><br><strong>Karajan Probe (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:16:00)</strong><br><br>Dass Karajan die protestantische Jesus-Christus-Kirche für seine Aufnahmen immer wieder nutzen wollte, hat ihr übrigens den Beinamen „Karajans Kathedrale“ eingebracht. Ob ihm das gefallen hat, ist nicht überliefert. Interessant ist dabei nur:&nbsp; Karajan war praktizierender Katholik.&nbsp;<br><br></div>]]>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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Deren Mauern sind nur aus Backstein. Sie wurde 1931 eingeweiht und steht seither inmitten der Dahlemer Villen, ein schlichtes und schmuckloses hohes Kirchenschiff mit einem seitlich angesetzten Glockenturm plus Kreuz obendrauf.&nbsp; An der Giebelfront über den Eingangstüren hängt eine Bronzefigur, ein segnender Christus. Gebaut worden sei die Kirche im Geist des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit, sagt Cornelia Kulawik. Sie ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. Und dass sie deutlich größer ausgefallen ist als die alte Dorfkirche, sagt sie, sei damals dringend nötig gewesen. Denn Dahlem war in einem rasanten Tempo gewachsen: 100 Menschen lebten hier um das Jahr 1900, 20 Jahre später waren es schon über 7.000.<br><br><strong>O-Ton Cornelia Kulawik </strong><br><strong>Besonders war das an Weihnachten spürbar. (…) Da kann man sich vorstellen, dass eine kleine Dorfkirche mit 200 Plätzen nicht mehr für Weihnachtsgottesdienste ausreicht. Da gab es echt zum Teil handgreifliche Szenen und Beschwerden: Wer kriegt da überhaupt einen Platz? Es war völlig klar, dass man eine größere Kirche braucht.</strong><br><br>In die neue&nbsp; Kirche kamen dann seit den frühen 1930er Jahren nicht nur einheimische Dahlemer Kirchenbesucher, sondern auch immer mehr auswärtige. Grund dafür war, dass hier Martin Niemöller der Dahlemer Gemeindepfarrer war. Er war Mitbegründer der Bekennenden Kirche, der Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die nationalsozialistischen Machthaber. Man erzählt sich, dass schon eine Stunde vor Beginn seiner Gottesdienste am Sonntagmorgen die U-Bahn Richtung Dahlem überfüllt war. Und dass der Schaffner extra durchrief: „Thielplatz! Zu Niemöllers Gottesdienst hier aussteigen!“<br><br>Zur Pilgerstätte ist die Jesus-Christus-Kirche auch für Musiker geworden. Das begann kurz nach Ende des 2. Weltkriegs. Auslöser war ein Besuch von Wilhelm Furtwängler und seinen Berliner Philharmonikern, die im zerbombten Berlin nicht wussten wohin, erzählt Jan Sören Fölster. Er ist der Kirchenmusiker der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. <br><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 1</strong><br><strong>Die Philharmoniker suchten Proberäume und waren zunächst in unserem großen Gemeindesaal in der Thielallee und haben da lange Zeit gut geprobt und irgendwann mal als Dank ein Konzert in unserer Jesus-Christus-Kirche machen wollen. Und dabei wurde es aufgenommen. Und da fiel allen auf, wie phantastisch durchhörbar und rund diese Aufnahmen geworden sind. Das (…) haben sie sich sofort zunutze gemacht und schon unter Furtwängler angefangen, die ersten Aufnahmen hier zu machen.</strong><br><br><strong>Musik Furthwängler von 1945, , klingt aus</strong><br><br>Bis heute ist die Jesus-Christus-Kirche für viele klassische Musiker weltweit begehrter als jedes professionelle Aufnahmestudio. Dabei ist die besondere Akustik&nbsp; eigentlich eher durch Zufall entstanden. Bei der Planung des Kirchenbaus ging es eigentlich nur darum, dass die Besucher den Pfarrer vorn überall in der Kirche gut hören können. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 2</strong><br><strong>Die haben einen Akustiker eingeschaltet, (…)&nbsp; der gesagt hat: Gemessen an der Anzahl der Sitzplätze ist die Akustik und der Nachhall viel zu lang. </strong><br><strong>(…) Wenn der Nachhall zu lang ist, dann verschwimmt alles, und da gibt es Reflexionen überall, und dann ist es nicht gut zu verstehen</strong><br><strong>(…) Und dann hat man in diesen wahnsinnig hohen Raum, der bis zu 22 Meter in der Höhe ist, eine Holzlamellendecke eingebaut, (…) also, die sollte eigentlich einfach den Nachhall dämpfen.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Das tat die erwähnte Holzlamellendecke auch, und zwar durch die vielen Holzbalken, die hoch oben von links nach rechts verlaufen und das Dach tragen: Sie dämpfen den Nachhall. Diese Konstruktion hatte aber noch einen zweiten Effekt, mit dem niemand gerechnet hatte. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Wir sind mittlerweile in der Kirche. Was ist das Wunderbare an dieser Akustik hier in diesem Raum?</strong><br><em>&nbsp;</em><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 3&nbsp; &nbsp; </strong><br><strong>Sie können vielleicht mal hören, wenn ich klatsche (klatscht). Gut drei Sekunden Nachhall. Gleichzeitig ist aber durch die Konstruktion der Holzlamellendecke dafür gesorgt, dass die tiefen Frequenzen, die in anderen Räumen ähnlicher Größe alles vermulmen und unklar machen, dass just diese Frequenzen herausgefiltert werden und dadurch wunderbare, rund klingende Aufnahmen in einer unglaublichen Brillanz entstehen. Und das ist das, was alle hier Aufnehmenden lieben, von dem Sologeiger bis zum Pianisten bis zum großen Symphonieorchester oder Chor und Orchester, die hier auch aufgenommen werden.</strong><br><br><strong>Oboenmusik Albrecht Meyer, wird leiser&nbsp; (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:10:00)</strong><br><br>Dazu kommt, dass in der Jesus-Christus-Kirche auch die genannten Geiger und Pianisten beim Spielen in den Genuss der besonderen Akustik kommen. Das ist nicht immer so, wie Albrecht Meyer sagt. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und hier zu hören in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, und zwar in einem Film der Deutschen Grammophon, die die Jesus-Christus-Kirche seit vielen Jahren für ihre Aufnahmen nutzt.. <br><br><strong>Musik klingt aus. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Meyer (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:32:00)</strong><br><strong>Ha ha ha. Man hört schon hier etwa so 4 Sekunden Nachhall. (…) . Du brauchst für eine Aufnahme eine Resonanz. In der Philharmonie am Potsdamer Platz hast du zwar eine Resonanz. Aber du hörst sie nicht. Die hören nur die Zuhörer. Befriedigender ist natürlich, hier zu spielen. </strong><br><br><strong>Musik klingt aus. </strong><br><br>Der Hall in professionellen Aufnahmestudios reicht hinten und vorn nicht aus. Und selbst in der Jesus-Christus-Kirche noch nicht. Darum müssen Musikaufnahmen auch von hier in aller Regel nachverhallt werden, wie Jan-Sören Fölster das nennt:<br><br><strong>O-Ton Jan Sören Fölster 4</strong><br><strong>Man denkt, es wäre gar nicht nötig, weil hier eigentlich der Raum ausreichend Hall hat. Aber für ein rundes und noch angenehmeres Klanggefühl ist eine Verhallung selbst in dieser Kirche noch notwendig. </strong><br><strong>(…) Heutzutage gibt es computergenerierten sogenannten Faltungshall. </strong><br><strong>(…) Aber in früheren Zeiten, als des den noch nicht gab, hat man einfach Aufnahmen aus dieser Kirche lustigerweise hier das Treppenhaus geschafft, da abgespielt und mit dem Hall des Treppenhauses nachverhallt und dadurch noch schönere und rundere Klangergebnisse produziert</strong>.<br><br>Das heißt: Man hat eine Aufnahme im weiten Treppenhaus der Jesus-Christus-Kirche abgespielt und dort einfach noch einmal neu aufgenommen hat. Hat gereicht. Das waren noch Zeiten. <br><br>Für alles, was für Musikaufnahmen nötig ist, gibt es heute zwei moderne Tonstudios im Vorraum der Kirche, eines gehört übrigens dem Deutschlandradio. Die Deutsche Grammophon spendierte sogar eine Pausenküche für die Musiker. Und so kommt heute alles, was Rang und Namen in der klassischen Musik hat, für Tonträgeraufnahmen in die Jesus-Christus-Kirche. Einer der letzen war der chinesische Pianist Lang Lang, der hier die Bach’schen Goldberg-Variationen aufgenommen hat. Und legendär ist die frühe Zeit der 1960er und 1970er Jahre, in denen Herbert von Karajan in dieser Kirche alle seine Musikprojekte mit den Berliner Philharmonikern eingespielt hat. Nochmal ein kurzer Ausschnitt aus dem Film der Deutschen Grammophon:<br><br><strong>Karajan Probe (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:16:00)</strong><br><br>Dass Karajan die protestantische Jesus-Christus-Kirche für seine Aufnahmen immer wieder nutzen wollte, hat ihr übrigens den Beinamen „Karajans Kathedrale“ eingebracht. Ob ihm das gefallen hat, ist nicht überliefert. Interessant ist dabei nur:&nbsp; Karajan war praktizierender Katholik.&nbsp;<br><br></div>]]>
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        <title>Warum kommen Weltklassemusiker in eine kleine Berliner Kirche? OMG 13</title>
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      <title>Peinlicher Knutschfleck: Das Deutsche Eck in Koblenz OMG 12</title>
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        <![CDATA[<div>Das Deutsche Eck in Koblenz gehört seit 2002 zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Bekannt ist es als Schnittpunkt von Rhein und Mosel – und als touristischer Ausgangspunkt für Schifffahrten.<br>Im Zentrum dieser Folge steht jedoch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das die Wahrnehmung des Ortes bis heute prägt. Es wirft Fragen nach Erinnerungskultur, historischer Symbolik und dem Umgang mit nationaler Geschichte im öffentlichen Raum auf. Eine Einordnung eines viel besuchten, aber auch kontrovers diskutierten Ortes.<br><br><strong>Peinlicher Knutschfleck. Das Deutsche Eck in Koblenz und sein Kaiser-Wilhelm-Denkmal</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Das Deutsche Eck. Für die meisten Reisenden ist es Ausgangspunkt oder Endhaltestelle einer Bootsfahrt auf dem Rhein oder auf der Mosel: eine weit herausgestreckte Landzunge zwischen Rhein und Moselmündung. Die Stelle, wo Vater Rhein Mutter Mosel küsst, wie man hier in Koblenz so schön sagt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese Stelle allerdings auch als peinlicher Knutschfleck. Genau: das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. Seit 2002 gehört das Deutsche Eck als German Corner trotzdem zur UNESCO-Welterbestätte Oberes Mittelrheintal.<br><br><strong>Beitrag<br><br>Marschmusik<br></strong><br><br>Ach ja, das Deutsche Eck. Seinen Namen verdankt es übrigens dem Deutschen Orden. Dessen Ritter kamen im 13. Jahrhundert zu Pferd hierhin und gründeten eine Niederlassung: die Deutschordenskommende. Das Gebäude gibt es immer noch. Es dauerte dann aber noch rund 600 Jahre, bis die Ecke, an der Vater Rhein Mutter Mosel so romantisch küsst,&nbsp; zur Touristenattraktion wurde. Bis zum Jahr 1888. In dem Jahr war nämlich der deutsche Kaiser Wilhelm I. gestorben, der Vater des Vaterlandes, der vor allem auch für seine väterliche Güte verehrt wurde. Manche hielten ihn angeblich sogar für den auferstandenen Friedrich Barbarossa. Dass er wahrscheinlich bei der Niederschlagung der Freiheits- und Nationalbewegung 1848 auf seine aufständischen Kinder hat schießen lassen, hatte man irgendwie vergessen. Und so summte seither so mancher Volksmund, wenn man das so sagen darf, dieses Lied:<br><br><strong>Musik: „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“. </strong><br><br>In ganz Deutsch­land wurden nach dessen Tod über 300 Kaiser-Denk­mä­ler errichtet. Auch am Mittelrhein sollte unbedingt eines her. Nur wohin damit? Peter Glasner ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität und außerdem in unmittelbarer Nähe von Koblenz aufgewachsen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 1</strong><br><strong>Man suchte halt einen geografisch herausragenden Ort für dieses Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Königswinter war auch im Gespräch. Und Kaiser Wilhelm II. höchstselbst hat sich dann dafür eingesetzt, dass eben dieses Denkmal für seinen Großvater in Koblenz platziert wird. </strong><br><br>Der Deutsche Kaiser am Deutschen Eck. Das passte für den eher säbelrasselnden Enkel Wilhelm II. wie die Faust aufs Auge. Und auch deshalb, weil der Großvater in jüngeren Jahren als Militärgouverneur in Koblenz gewirkt und bei dieser Gelegenheit der Stadt die Rheinanlagen spendiert hatte, einen Park am Rheinufer. Im Jahr 1897 wurde also auf Wunsch von allerhöchster Stelle mit dem Bau des Denkmals begonnen. Architekt war Bruno Schmitz, der auch das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen und das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig entworfen hatte: <del>also </del>Er war also von Hause aus Spezialist für das ganz große deutsche Kino. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Das Denkmal war dann auch ein echter Schmitz: Am Fuße dicke Steinpöller mit Löwenköpfen, dahinter eine riesige Pfeilerhalle mit einem Zitat des Dichters Max von Schenkendorf, der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte.: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn Ihr einig seid und treu.“ Das stand übrigens 1933 auch auf einem Wahlplakat der Nationalsozialisten. Auf dem Denkmalssockel schließlich obendrauf der Kaiser in Generalsuniform zu Pferde, das Ganze an die 40 Meter hoch vom Sockel bis zur Pickelhaube. Alles mindestens eine Nummer zu groß: So hat das auch Kurt Tucholsky seinerzeit empfunden. Peter Glasner zitiert. <br><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>„Oben jener auf einem Pferd – was? Pferd? Auf einem Ross. Auf einem riesigen Gefechtshengst, wie aus einer Wagner-Oper, joho hotteho. Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat. Er dräut in die Lande.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Dräut will sagen: Er blickt unheilvoll in die Lande.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>Das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgendeine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar.“</strong><br><br>Er hat sich recht erinnert. Diese Frauenfigur ist die römische Siegesgöttin Viktoria, die dem alten Herrn womöglich etwas darbietet, vor allem aber dessen Pferd am Zügel zu führen scheint. Deswegen hatte der Fürst zu Wied bei der Einweihung des Denkmals Bedenken. Witzblätter könnten dem Kaiser oben im Sattel ja in den Mund legen: „Kind, lass mein Pferd los – ich kann allein reiten!“<br><br>Die Strömung der Mosel hinter dem Denkmal, erklärt Kurt Tucholsky noch, sei hier besonders stark, damit sie um möglichst schnell daran vorbei komme. <br><br>Das Denkmal kam aber auch an anderer Stelle nicht gut an. Vor allem auch beim sogenannten Erbfeind Frankreich. Kein Wunder: Der, Verzeihung, Pferdearsch zeigt Richtung Paris, der verlängerte Rücken des Kaisers auch. Eine Provokation. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire war schockiert. Er war eigentlich ein Rheinromantiker und 1901 auf einer Reise mit dem Zug den Rhein entlang nach Koblenz gefahren. Seine Eindrücke vom Deutschen Eck verarbeitete er in dem Gedicht Coblence. <br><br><strong>Musik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>„Die Mosel und der Rhein vereinigen sich still / unter den unschuldigen Augen der Töchter von Koblenz. / Makaber und gigantisch, ein schreckliches Denkmal / zeigt zu Ross und behandschuht den deutschen Kaiser.“<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und auch der schon erwähnte Kurt Tucholsky kann kaum glauben, was ihn an kaiserlichem Übermaß und nationalem Theaterdonner erwartet. Er beschreibt 1930 seine Ankunft am Deutschen Eck so: „Ein freier Platz, ich sah hoch, und fiel beinah um“. Peter Glasner liest weiter.<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 3</strong><br><strong>„Da stand, Tschingbumm, ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms I. Ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Der, so Tucholsky weiter, jenes Deutschland repräsentiere, das am Kriege schuld gewesen ist. Er meint den 1. Weltkrieg. Schwer zu ertragen. <br>Dabei hatte Tucholskys Anreise zum Deutschen Eck so schön begonnen, mit der Eisenbahn, die hier Saufbähnchen genannt wird, vorbei an den Weinbergen und den Weinschenken durch das Moseltal. Er schreibt:<br><br><strong>Musik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>„Der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren (…). Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken“.<br><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><br>Der Moselwein hat seinen Schrecken angesichts des Kaiserstandbildes nur wenig gemildert, wie wir gehört haben. Das Denkmal wurde dann erst kurz vor Ende des 2. Weltkrieges vom Sockel geholt, und zwar von Amerikanern. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 4</strong><br><strong>Im März 1945 kommt die 3. US-Armee von der Eifel her und beschießt mit der Artillerie Koblenz. Und dabei wurde eben auch das Reiterstandbild von einer amerikanischen Artilleriegranate beschädigt und hing dann eben an einer Seite spektakulär mit den Köpfen von Ross und Kaiser nach unten herab. Es ist unklar, ob das jetzt Absicht war, oder ob das Kollateralschaden bei der Beschießung der Stadt gewesen ist.</strong><br><br>Wie auch immer: Das Ergebnis zählt. Die Reste des Standbildes wurden dann ein­ge­la­gert und ver­schwanden dann spurlos. Bald machte das ge­flü­gel­te Wort vom „längs­ten Denk­mal der Welt" die Run­de: Das wertvolle Me­tall soll nämlich, wie es ge­rüch­te­wei­se hieß, zu Kup­fer­draht ver­ar­bei­tet wor­den sein, für die Ko­blen­zer Stra­ßen­bahn. Nur der Kopf des Kai­sers ist er­hal­ten geblieben und heute noch im Mit­tel­rhein-Mu­se­um in Koblenz zu sehen. Und der Rest?<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 5</strong><br><strong>Der verbliebene Sockel wurde dann 1953 (…)&nbsp; zum Mahnmal der Deutschen Einheit erklärt, mit einem Fahnenmast und der Bundesflagge obendrauf. </strong><br><br>Das Mahnmal gibt es tatsächlich immer noch, nur 100 Meter entfernt, auch nach der deutschen Wiedervereinigung. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner</strong><br><strong>Ja, en miniature. Es gibt Versatzstücke der original Berliner Mauer (…) als Erinnerung an die deutsche Teilung.</strong><br><strong>(…). Man hätte ja auch, wie (…) die Gedächtniskirche in Berlin, </strong><br><strong>(…) übrigens derselbe Kaiser, </strong><br><strong>hätte man ja eben auch einen Torso stehen lassen können und das ausstellen können, dass hier mal was politisch Historisches passiert ist. </strong><br><br>Hat man aber nicht. Am Deutschen Eck steht stattdessen mittlerweile ein Kaiser-Nachfolge-Denkmal, und zwar seit dem 2. September 1993. Das war exakt der Tag, an dem sich 1871 im Deutsch-französischen Krieg die französische Armee den deutschen Truppen ergeben hatte. Sedanstag. Kurz darauf wurde Wilhelm I zum Deutschen Kaiser proklamiert, in Versailles. In Koblenz am Deutschen Eck wurde an diesem 2. September ein noch einmal neu gegossenes Kaiserstandbild auf den Sockel gehoben, und zwar „vom größten fahrbaren Gittermastkran Europas“, wie die Zeitungen berichteten. Das zeugt doch von einer gewissen europäischer Weitsicht, oder etwa nicht? Obwohl der Riesen-Kaiser nach wie vor nach Osten dräut und sein Rücken und der, noch einmal Verzeihung, Pferdearsch immer noch Richtung Frankreich zeigen. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Zur Einweihung, so ist im Archiv der Berliner tageszeitung, der TAZ, vom 27. September 1993 nachzulesen, hatte der Koblenzer Oberbürgermeister Willi Hörter nach allen Seiten weltoffen gesagt, hier ins Hochdeutsche übertragen: „Wer das Denkmal sehen will, soll kommen. Wer es nicht sehen will, soll zu Hause bleiben. Und wer kommt, um sich zu ärgern, dem können wir auch nicht helfen.“ Geholfen hat es vor allem dem Tourismus: Mittlerweile besuchen jedes Jahr zwei Millionen Menschen den Kaiser am Deutschen Eck. Was schreibt die TAZ zusammenfassend zu der Angelegenheit? Kaiserschmarrn. <br><br><strong>Musik klingt aus</strong></div>]]>
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      <pubDate>Fri, 26 Jun 2026 12:00:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Das Deutsche Eck in Koblenz gehört seit 2002 zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Bekannt ist es als Schnittpunkt von Rhein und Mosel – und als touristischer Ausgangspunkt für Schifffahrten.<br>Im Zentrum dieser Folge steht jedoch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das die Wahrnehmung des Ortes bis heute prägt. Es wirft Fragen nach Erinnerungskultur, historischer Symbolik und dem Umgang mit nationaler Geschichte im öffentlichen Raum auf. Eine Einordnung eines viel besuchten, aber auch kontrovers diskutierten Ortes.<br><br><strong>Peinlicher Knutschfleck. Das Deutsche Eck in Koblenz und sein Kaiser-Wilhelm-Denkmal</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Das Deutsche Eck. Für die meisten Reisenden ist es Ausgangspunkt oder Endhaltestelle einer Bootsfahrt auf dem Rhein oder auf der Mosel: eine weit herausgestreckte Landzunge zwischen Rhein und Moselmündung. Die Stelle, wo Vater Rhein Mutter Mosel küsst, wie man hier in Koblenz so schön sagt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese Stelle allerdings auch als peinlicher Knutschfleck. Genau: das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. Seit 2002 gehört das Deutsche Eck als German Corner trotzdem zur UNESCO-Welterbestätte Oberes Mittelrheintal.<br><br><strong>Beitrag<br><br>Marschmusik<br></strong><br><br>Ach ja, das Deutsche Eck. Seinen Namen verdankt es übrigens dem Deutschen Orden. Dessen Ritter kamen im 13. Jahrhundert zu Pferd hierhin und gründeten eine Niederlassung: die Deutschordenskommende. Das Gebäude gibt es immer noch. Es dauerte dann aber noch rund 600 Jahre, bis die Ecke, an der Vater Rhein Mutter Mosel so romantisch küsst,&nbsp; zur Touristenattraktion wurde. Bis zum Jahr 1888. In dem Jahr war nämlich der deutsche Kaiser Wilhelm I. gestorben, der Vater des Vaterlandes, der vor allem auch für seine väterliche Güte verehrt wurde. Manche hielten ihn angeblich sogar für den auferstandenen Friedrich Barbarossa. Dass er wahrscheinlich bei der Niederschlagung der Freiheits- und Nationalbewegung 1848 auf seine aufständischen Kinder hat schießen lassen, hatte man irgendwie vergessen. Und so summte seither so mancher Volksmund, wenn man das so sagen darf, dieses Lied:<br><br><strong>Musik: „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“. </strong><br><br>In ganz Deutsch­land wurden nach dessen Tod über 300 Kaiser-Denk­mä­ler errichtet. Auch am Mittelrhein sollte unbedingt eines her. Nur wohin damit? Peter Glasner ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität und außerdem in unmittelbarer Nähe von Koblenz aufgewachsen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 1</strong><br><strong>Man suchte halt einen geografisch herausragenden Ort für dieses Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Königswinter war auch im Gespräch. Und Kaiser Wilhelm II. höchstselbst hat sich dann dafür eingesetzt, dass eben dieses Denkmal für seinen Großvater in Koblenz platziert wird. </strong><br><br>Der Deutsche Kaiser am Deutschen Eck. Das passte für den eher säbelrasselnden Enkel Wilhelm II. wie die Faust aufs Auge. Und auch deshalb, weil der Großvater in jüngeren Jahren als Militärgouverneur in Koblenz gewirkt und bei dieser Gelegenheit der Stadt die Rheinanlagen spendiert hatte, einen Park am Rheinufer. Im Jahr 1897 wurde also auf Wunsch von allerhöchster Stelle mit dem Bau des Denkmals begonnen. Architekt war Bruno Schmitz, der auch das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen und das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig entworfen hatte: <del>also </del>Er war also von Hause aus Spezialist für das ganz große deutsche Kino. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Das Denkmal war dann auch ein echter Schmitz: Am Fuße dicke Steinpöller mit Löwenköpfen, dahinter eine riesige Pfeilerhalle mit einem Zitat des Dichters Max von Schenkendorf, der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte.: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn Ihr einig seid und treu.“ Das stand übrigens 1933 auch auf einem Wahlplakat der Nationalsozialisten. Auf dem Denkmalssockel schließlich obendrauf der Kaiser in Generalsuniform zu Pferde, das Ganze an die 40 Meter hoch vom Sockel bis zur Pickelhaube. Alles mindestens eine Nummer zu groß: So hat das auch Kurt Tucholsky seinerzeit empfunden. Peter Glasner zitiert. <br><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>„Oben jener auf einem Pferd – was? Pferd? Auf einem Ross. Auf einem riesigen Gefechtshengst, wie aus einer Wagner-Oper, joho hotteho. Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat. Er dräut in die Lande.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Dräut will sagen: Er blickt unheilvoll in die Lande.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>Das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgendeine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar.“</strong><br><br>Er hat sich recht erinnert. Diese Frauenfigur ist die römische Siegesgöttin Viktoria, die dem alten Herrn womöglich etwas darbietet, vor allem aber dessen Pferd am Zügel zu führen scheint. Deswegen hatte der Fürst zu Wied bei der Einweihung des Denkmals Bedenken. Witzblätter könnten dem Kaiser oben im Sattel ja in den Mund legen: „Kind, lass mein Pferd los – ich kann allein reiten!“<br><br>Die Strömung der Mosel hinter dem Denkmal, erklärt Kurt Tucholsky noch, sei hier besonders stark, damit sie um möglichst schnell daran vorbei komme. <br><br>Das Denkmal kam aber auch an anderer Stelle nicht gut an. Vor allem auch beim sogenannten Erbfeind Frankreich. Kein Wunder: Der, Verzeihung, Pferdearsch zeigt Richtung Paris, der verlängerte Rücken des Kaisers auch. Eine Provokation. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire war schockiert. Er war eigentlich ein Rheinromantiker und 1901 auf einer Reise mit dem Zug den Rhein entlang nach Koblenz gefahren. Seine Eindrücke vom Deutschen Eck verarbeitete er in dem Gedicht Coblence. <br><br><strong>Musik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>„Die Mosel und der Rhein vereinigen sich still / unter den unschuldigen Augen der Töchter von Koblenz. / Makaber und gigantisch, ein schreckliches Denkmal / zeigt zu Ross und behandschuht den deutschen Kaiser.“<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und auch der schon erwähnte Kurt Tucholsky kann kaum glauben, was ihn an kaiserlichem Übermaß und nationalem Theaterdonner erwartet. Er beschreibt 1930 seine Ankunft am Deutschen Eck so: „Ein freier Platz, ich sah hoch, und fiel beinah um“. Peter Glasner liest weiter.<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 3</strong><br><strong>„Da stand, Tschingbumm, ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms I. Ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Der, so Tucholsky weiter, jenes Deutschland repräsentiere, das am Kriege schuld gewesen ist. Er meint den 1. Weltkrieg. Schwer zu ertragen. <br>Dabei hatte Tucholskys Anreise zum Deutschen Eck so schön begonnen, mit der Eisenbahn, die hier Saufbähnchen genannt wird, vorbei an den Weinbergen und den Weinschenken durch das Moseltal. Er schreibt:<br><br><strong>Musik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>„Der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren (…). Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken“.<br><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><br>Der Moselwein hat seinen Schrecken angesichts des Kaiserstandbildes nur wenig gemildert, wie wir gehört haben. Das Denkmal wurde dann erst kurz vor Ende des 2. Weltkrieges vom Sockel geholt, und zwar von Amerikanern. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 4</strong><br><strong>Im März 1945 kommt die 3. US-Armee von der Eifel her und beschießt mit der Artillerie Koblenz. Und dabei wurde eben auch das Reiterstandbild von einer amerikanischen Artilleriegranate beschädigt und hing dann eben an einer Seite spektakulär mit den Köpfen von Ross und Kaiser nach unten herab. Es ist unklar, ob das jetzt Absicht war, oder ob das Kollateralschaden bei der Beschießung der Stadt gewesen ist.</strong><br><br>Wie auch immer: Das Ergebnis zählt. Die Reste des Standbildes wurden dann ein­ge­la­gert und ver­schwanden dann spurlos. Bald machte das ge­flü­gel­te Wort vom „längs­ten Denk­mal der Welt" die Run­de: Das wertvolle Me­tall soll nämlich, wie es ge­rüch­te­wei­se hieß, zu Kup­fer­draht ver­ar­bei­tet wor­den sein, für die Ko­blen­zer Stra­ßen­bahn. Nur der Kopf des Kai­sers ist er­hal­ten geblieben und heute noch im Mit­tel­rhein-Mu­se­um in Koblenz zu sehen. Und der Rest?<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 5</strong><br><strong>Der verbliebene Sockel wurde dann 1953 (…)&nbsp; zum Mahnmal der Deutschen Einheit erklärt, mit einem Fahnenmast und der Bundesflagge obendrauf. </strong><br><br>Das Mahnmal gibt es tatsächlich immer noch, nur 100 Meter entfernt, auch nach der deutschen Wiedervereinigung. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner</strong><br><strong>Ja, en miniature. Es gibt Versatzstücke der original Berliner Mauer (…) als Erinnerung an die deutsche Teilung.</strong><br><strong>(…). Man hätte ja auch, wie (…) die Gedächtniskirche in Berlin, </strong><br><strong>(…) übrigens derselbe Kaiser, </strong><br><strong>hätte man ja eben auch einen Torso stehen lassen können und das ausstellen können, dass hier mal was politisch Historisches passiert ist. </strong><br><br>Hat man aber nicht. Am Deutschen Eck steht stattdessen mittlerweile ein Kaiser-Nachfolge-Denkmal, und zwar seit dem 2. September 1993. Das war exakt der Tag, an dem sich 1871 im Deutsch-französischen Krieg die französische Armee den deutschen Truppen ergeben hatte. Sedanstag. Kurz darauf wurde Wilhelm I zum Deutschen Kaiser proklamiert, in Versailles. In Koblenz am Deutschen Eck wurde an diesem 2. September ein noch einmal neu gegossenes Kaiserstandbild auf den Sockel gehoben, und zwar „vom größten fahrbaren Gittermastkran Europas“, wie die Zeitungen berichteten. Das zeugt doch von einer gewissen europäischer Weitsicht, oder etwa nicht? Obwohl der Riesen-Kaiser nach wie vor nach Osten dräut und sein Rücken und der, noch einmal Verzeihung, Pferdearsch immer noch Richtung Frankreich zeigen. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Zur Einweihung, so ist im Archiv der Berliner tageszeitung, der TAZ, vom 27. September 1993 nachzulesen, hatte der Koblenzer Oberbürgermeister Willi Hörter nach allen Seiten weltoffen gesagt, hier ins Hochdeutsche übertragen: „Wer das Denkmal sehen will, soll kommen. Wer es nicht sehen will, soll zu Hause bleiben. Und wer kommt, um sich zu ärgern, dem können wir auch nicht helfen.“ Geholfen hat es vor allem dem Tourismus: Mittlerweile besuchen jedes Jahr zwei Millionen Menschen den Kaiser am Deutschen Eck. Was schreibt die TAZ zusammenfassend zu der Angelegenheit? Kaiserschmarrn. <br><br><strong>Musik klingt aus</strong></div>]]>
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      <itunes:title>Peinlicher Knutschfleck: Das Deutsche Eck in Koblenz OMG 12</itunes:title>
      <itunes:subtitle>Kaiser-Wilhelm-Denkmal zwischen Erinnerung und Geschichtsbild</itunes:subtitle>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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        <![CDATA[<div>Das Deutsche Eck in Koblenz gehört seit 2002 zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Bekannt ist es als Schnittpunkt von Rhein und Mosel – und als touristischer Ausgangspunkt für Schifffahrten.<br>Im Zentrum dieser Folge steht jedoch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das die Wahrnehmung des Ortes bis heute prägt. Es wirft Fragen nach Erinnerungskultur, historischer Symbolik und dem Umgang mit nationaler Geschichte im öffentlichen Raum auf. Eine Einordnung eines viel besuchten, aber auch kontrovers diskutierten Ortes.<br><br><strong>Peinlicher Knutschfleck. Das Deutsche Eck in Koblenz und sein Kaiser-Wilhelm-Denkmal</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Das Deutsche Eck. Für die meisten Reisenden ist es Ausgangspunkt oder Endhaltestelle einer Bootsfahrt auf dem Rhein oder auf der Mosel: eine weit herausgestreckte Landzunge zwischen Rhein und Moselmündung. Die Stelle, wo Vater Rhein Mutter Mosel küsst, wie man hier in Koblenz so schön sagt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese Stelle allerdings auch als peinlicher Knutschfleck. Genau: das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. Seit 2002 gehört das Deutsche Eck als German Corner trotzdem zur UNESCO-Welterbestätte Oberes Mittelrheintal.<br><br><strong>Beitrag<br><br>Marschmusik<br></strong><br><br>Ach ja, das Deutsche Eck. Seinen Namen verdankt es übrigens dem Deutschen Orden. Dessen Ritter kamen im 13. Jahrhundert zu Pferd hierhin und gründeten eine Niederlassung: die Deutschordenskommende. Das Gebäude gibt es immer noch. Es dauerte dann aber noch rund 600 Jahre, bis die Ecke, an der Vater Rhein Mutter Mosel so romantisch küsst,&nbsp; zur Touristenattraktion wurde. Bis zum Jahr 1888. In dem Jahr war nämlich der deutsche Kaiser Wilhelm I. gestorben, der Vater des Vaterlandes, der vor allem auch für seine väterliche Güte verehrt wurde. Manche hielten ihn angeblich sogar für den auferstandenen Friedrich Barbarossa. Dass er wahrscheinlich bei der Niederschlagung der Freiheits- und Nationalbewegung 1848 auf seine aufständischen Kinder hat schießen lassen, hatte man irgendwie vergessen. Und so summte seither so mancher Volksmund, wenn man das so sagen darf, dieses Lied:<br><br><strong>Musik: „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“. </strong><br><br>In ganz Deutsch­land wurden nach dessen Tod über 300 Kaiser-Denk­mä­ler errichtet. Auch am Mittelrhein sollte unbedingt eines her. Nur wohin damit? Peter Glasner ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität und außerdem in unmittelbarer Nähe von Koblenz aufgewachsen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 1</strong><br><strong>Man suchte halt einen geografisch herausragenden Ort für dieses Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Königswinter war auch im Gespräch. Und Kaiser Wilhelm II. höchstselbst hat sich dann dafür eingesetzt, dass eben dieses Denkmal für seinen Großvater in Koblenz platziert wird. </strong><br><br>Der Deutsche Kaiser am Deutschen Eck. Das passte für den eher säbelrasselnden Enkel Wilhelm II. wie die Faust aufs Auge. Und auch deshalb, weil der Großvater in jüngeren Jahren als Militärgouverneur in Koblenz gewirkt und bei dieser Gelegenheit der Stadt die Rheinanlagen spendiert hatte, einen Park am Rheinufer. Im Jahr 1897 wurde also auf Wunsch von allerhöchster Stelle mit dem Bau des Denkmals begonnen. Architekt war Bruno Schmitz, der auch das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen und das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig entworfen hatte: <del>also </del>Er war also von Hause aus Spezialist für das ganz große deutsche Kino. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Das Denkmal war dann auch ein echter Schmitz: Am Fuße dicke Steinpöller mit Löwenköpfen, dahinter eine riesige Pfeilerhalle mit einem Zitat des Dichters Max von Schenkendorf, der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte.: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn Ihr einig seid und treu.“ Das stand übrigens 1933 auch auf einem Wahlplakat der Nationalsozialisten. Auf dem Denkmalssockel schließlich obendrauf der Kaiser in Generalsuniform zu Pferde, das Ganze an die 40 Meter hoch vom Sockel bis zur Pickelhaube. Alles mindestens eine Nummer zu groß: So hat das auch Kurt Tucholsky seinerzeit empfunden. Peter Glasner zitiert. <br><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>„Oben jener auf einem Pferd – was? Pferd? Auf einem Ross. Auf einem riesigen Gefechtshengst, wie aus einer Wagner-Oper, joho hotteho. Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat. Er dräut in die Lande.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Dräut will sagen: Er blickt unheilvoll in die Lande.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>Das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgendeine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar.“</strong><br><br>Er hat sich recht erinnert. Diese Frauenfigur ist die römische Siegesgöttin Viktoria, die dem alten Herrn womöglich etwas darbietet, vor allem aber dessen Pferd am Zügel zu führen scheint. Deswegen hatte der Fürst zu Wied bei der Einweihung des Denkmals Bedenken. Witzblätter könnten dem Kaiser oben im Sattel ja in den Mund legen: „Kind, lass mein Pferd los – ich kann allein reiten!“<br><br>Die Strömung der Mosel hinter dem Denkmal, erklärt Kurt Tucholsky noch, sei hier besonders stark, damit sie um möglichst schnell daran vorbei komme. <br><br>Das Denkmal kam aber auch an anderer Stelle nicht gut an. Vor allem auch beim sogenannten Erbfeind Frankreich. Kein Wunder: Der, Verzeihung, Pferdearsch zeigt Richtung Paris, der verlängerte Rücken des Kaisers auch. Eine Provokation. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire war schockiert. Er war eigentlich ein Rheinromantiker und 1901 auf einer Reise mit dem Zug den Rhein entlang nach Koblenz gefahren. Seine Eindrücke vom Deutschen Eck verarbeitete er in dem Gedicht Coblence. <br><br><strong>Musik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>„Die Mosel und der Rhein vereinigen sich still / unter den unschuldigen Augen der Töchter von Koblenz. / Makaber und gigantisch, ein schreckliches Denkmal / zeigt zu Ross und behandschuht den deutschen Kaiser.“<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und auch der schon erwähnte Kurt Tucholsky kann kaum glauben, was ihn an kaiserlichem Übermaß und nationalem Theaterdonner erwartet. Er beschreibt 1930 seine Ankunft am Deutschen Eck so: „Ein freier Platz, ich sah hoch, und fiel beinah um“. Peter Glasner liest weiter.<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 3</strong><br><strong>„Da stand, Tschingbumm, ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms I. Ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Der, so Tucholsky weiter, jenes Deutschland repräsentiere, das am Kriege schuld gewesen ist. Er meint den 1. Weltkrieg. Schwer zu ertragen. <br>Dabei hatte Tucholskys Anreise zum Deutschen Eck so schön begonnen, mit der Eisenbahn, die hier Saufbähnchen genannt wird, vorbei an den Weinbergen und den Weinschenken durch das Moseltal. Er schreibt:<br><br><strong>Musik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>„Der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren (…). Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken“.<br><br><strong>Musik klingt aus</strong><br><br>Der Moselwein hat seinen Schrecken angesichts des Kaiserstandbildes nur wenig gemildert, wie wir gehört haben. Das Denkmal wurde dann erst kurz vor Ende des 2. Weltkrieges vom Sockel geholt, und zwar von Amerikanern. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 4</strong><br><strong>Im März 1945 kommt die 3. US-Armee von der Eifel her und beschießt mit der Artillerie Koblenz. Und dabei wurde eben auch das Reiterstandbild von einer amerikanischen Artilleriegranate beschädigt und hing dann eben an einer Seite spektakulär mit den Köpfen von Ross und Kaiser nach unten herab. Es ist unklar, ob das jetzt Absicht war, oder ob das Kollateralschaden bei der Beschießung der Stadt gewesen ist.</strong><br><br>Wie auch immer: Das Ergebnis zählt. Die Reste des Standbildes wurden dann ein­ge­la­gert und ver­schwanden dann spurlos. Bald machte das ge­flü­gel­te Wort vom „längs­ten Denk­mal der Welt" die Run­de: Das wertvolle Me­tall soll nämlich, wie es ge­rüch­te­wei­se hieß, zu Kup­fer­draht ver­ar­bei­tet wor­den sein, für die Ko­blen­zer Stra­ßen­bahn. Nur der Kopf des Kai­sers ist er­hal­ten geblieben und heute noch im Mit­tel­rhein-Mu­se­um in Koblenz zu sehen. Und der Rest?<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 5</strong><br><strong>Der verbliebene Sockel wurde dann 1953 (…)&nbsp; zum Mahnmal der Deutschen Einheit erklärt, mit einem Fahnenmast und der Bundesflagge obendrauf. </strong><br><br>Das Mahnmal gibt es tatsächlich immer noch, nur 100 Meter entfernt, auch nach der deutschen Wiedervereinigung. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner</strong><br><strong>Ja, en miniature. Es gibt Versatzstücke der original Berliner Mauer (…) als Erinnerung an die deutsche Teilung.</strong><br><strong>(…). Man hätte ja auch, wie (…) die Gedächtniskirche in Berlin, </strong><br><strong>(…) übrigens derselbe Kaiser, </strong><br><strong>hätte man ja eben auch einen Torso stehen lassen können und das ausstellen können, dass hier mal was politisch Historisches passiert ist. </strong><br><br>Hat man aber nicht. Am Deutschen Eck steht stattdessen mittlerweile ein Kaiser-Nachfolge-Denkmal, und zwar seit dem 2. September 1993. Das war exakt der Tag, an dem sich 1871 im Deutsch-französischen Krieg die französische Armee den deutschen Truppen ergeben hatte. Sedanstag. Kurz darauf wurde Wilhelm I zum Deutschen Kaiser proklamiert, in Versailles. In Koblenz am Deutschen Eck wurde an diesem 2. September ein noch einmal neu gegossenes Kaiserstandbild auf den Sockel gehoben, und zwar „vom größten fahrbaren Gittermastkran Europas“, wie die Zeitungen berichteten. Das zeugt doch von einer gewissen europäischer Weitsicht, oder etwa nicht? Obwohl der Riesen-Kaiser nach wie vor nach Osten dräut und sein Rücken und der, noch einmal Verzeihung, Pferdearsch immer noch Richtung Frankreich zeigen. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Zur Einweihung, so ist im Archiv der Berliner tageszeitung, der TAZ, vom 27. September 1993 nachzulesen, hatte der Koblenzer Oberbürgermeister Willi Hörter nach allen Seiten weltoffen gesagt, hier ins Hochdeutsche übertragen: „Wer das Denkmal sehen will, soll kommen. Wer es nicht sehen will, soll zu Hause bleiben. Und wer kommt, um sich zu ärgern, dem können wir auch nicht helfen.“ Geholfen hat es vor allem dem Tourismus: Mittlerweile besuchen jedes Jahr zwei Millionen Menschen den Kaiser am Deutschen Eck. Was schreibt die TAZ zusammenfassend zu der Angelegenheit? Kaiserschmarrn. <br><br><strong>Musik klingt aus</strong></div>]]>
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        <title>Peinlicher Knutschfleck: Das Deutsche Eck in Koblenz OMG 12</title>
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      <title>Romantik pur: Malerkolonie Ferch am Schwielowsee OMG 11</title>
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        <![CDATA[<div>Ferch am Schwielowsee wurde vor über 100 Jahren für Künstler zu einem wichtigen Ort der Inspiration. Diese Folge erzählt die Geschichte der Havelländischen Malerkolonie in Ferch, der Suche nach Natur und die Abkehr vom hektischen Stadtleben. Eine Episode über Kunst, Naturbeobachtung und den bewussten Bruch mit Konventionen.<br><br><strong>Die Havelländische Malerkolonie in Ferch am Schwielowsee</strong><br><strong>&nbsp; </strong><br><strong>Atmo Vogelgezwitscher</strong><br><br>Ungefähr 30 Kilometer westlich von Berlin und am Ende des Schwielowsees liegt der kleine Ort Ferch. Am Ortsrand weiter nach Westen erhebt sich, ein wenig jedenfalls, eine hügelige, waldreiche Moränenlandschaft Richtung Havelland, mit der höchsten Erhebung weit und breit, dem Wietkiekenberg. „Wiet kieken“ heißt „weit sehen“ auf Hochdeutsch, so weit das eben bei einer Höhe von 125 Metern möglich ist. Was man dann sieht, ist schön. Wie gemalt, könnte man sagen. Und früher war es noch schöner, erzählt Steffie Marquardt bei einem Rundgang durch den Ort. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Na, Ferch war ein (…)&nbsp; kleines, armes Fischerdorf, und die Häuser waren sehr einfach. Die (…)&nbsp; Gartenzäune&nbsp; m Teil so ein bisschen zusammengefallen. Dahinter blüht es wild durcheinander. Und das waren eben schöne Motive für die Berliner Maler, die also die Idylle auch ein bisschen gesucht haben. Also (…)&nbsp; im Hintergrund eben immer wieder der See. Und ja, ich sag mal, also dieses einfache, diese hoppelige Dorfstraße, ein alter Sandweg, (…) die Backöfen, wo die Leute dann gemeinsam ihr Brot gebacken haben.</strong><br><br><strong>Atmo</strong><br><br>Diese Idylle zog irgendwann Maler und Malerinnen an, erst nur zwei, dann immer mehr. Es entstand das, was schon 1926 die Havelländische „Malerkolonie“ genannt wurde. Ein genaues Gründungsjahr wie bei manchen anderen Künstlerkolonien gibt es nicht. Die Kolonie war immer „nur“ eine lose Ansammlung von Künstlern. Die ersten kamen einfach irgendwann hierher, vorneweg Karl Hagemeister und sein Freund Carl Schuch<strong>. </strong>Erzählt Carola Pauly, die Fördervereins- Vorsitzende. <br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Die ersten Künstler, (…) Karl Hagemeister, Carl Schucht, die kamen 1878 hierher nach Ferch und alle anderen dann ab 1900 und verstärkt dann eben, seit es die Bahnanbindung und die Anbindung mit dem Dampfer hierher nach Ferch gab. Denn Ferch war sehr abgeschieden, war auch, wie es Karl Hagemeister beschreibt, etwas heruntergekommen. so dass es sicherlich nicht die erste Wahl war, um hier zu leben, aber die erste Wahl, um eben eine unberührte Natur zu finden.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Hagemeister ist im Grunde ein sehr bekannter Maler, der also auch schon zu Lebzeiten sehr bekannt war. Die Nationalgalerie hatte schon mein Bild von ihm schon erworben. Er war also war mit Bildern in Ausstellungen vertreten, sowohl in Berlin als auch in München im Glaspalast. Er hat aber selbst, also wenn er hier draußen war, also sehr zurückgezogen gelebt. Er wollte malen, wollte seine Ruhe haben. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und der Enge des akademischen Kunstbetriebs entkommen, ergänzt Steffie Marquardt. An der Preußischen Akademie der Künste in Berlin herrschten nämlich feste Regeln: gemalt wurde im Atelier, und zwar hauptsächlich Historienbilder oder mythologische und religiöse Themen. Und es gab genaue technische Vorgaben für die Komposition und den Stil von B ildern. Dieses akademische Korsett war vor allem vielen junge Künstlern zu eng. Sie wollten im Wortsinne raus aus dieser Enge und an die frische Luft. Übrigens nicht nur in Berlin, überall in Europa wurde Im späten 19. Jahrhundert die Freilichtmalerei populär. Künstlerkolonien entstanden, die erste in Barbizon südlich von Paris, die erste in Deutschland in Willingshausen im hessischen Rotkäppchenland, oder später die in Worpswede am Teufelsmoor. <br><br>Die meisten Maler der Fercher Kolonie hatten an Akademien studiert, oft in Berlin. Sie lehnten die Ausbildung nicht komplett ab. Sie wollten nur freier arbeiten, als die Akademien es erlaubten. Dass sie dabei in Ferch landeten, hatte verschiedene Gründe: Der Schwielowsee war nicht weit weg von Berlin und bot reichlich Motive für Landschaftsmalerei: Wasserflächen mit Spiegelungen, Kiefernwälder und märkische Hügel oder kleine Fischerhäuser und das Dorfleben. Außerdem war dieses Leben im Dorf günstiger und ruhiger als in der Stadt. Und man hatte reichlich Platz zum Arbeiten. Steffie Marquardt. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Und das war es eben, ne, also dieses, diese kleinen Dörfchen eben. , ne, die so, also wie,Na ja, also wie hinter den 7 Bergen, ne, nichtbei den 7 Zwergen. Also Zwerge waren es nicht, aber so, ne, dieses Abgeschiedene, wo es in Berlin ja schon, also die Industrialisierung ging voran, das boomte dort. Da wurden riesen Wohnsiedlungen gebaut, schöne Villenviertel, aber eben auch die Mietskasernen, und ja, hierher hat man sich dann auch gerne zurückgezogen.</strong><br><br>Karl Hagemeister, wie gesagt, als erster. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also geboren ist er ja in Werder, dann hat er zwischendurch ein paar Jahre in Ferch gewohnt, hatte mit Carl Schuch also sozusagen einen, ja, Briefwechsel und hat ihn nach Ferch eingeladen. So, Carl Schuch lebte ja in Süddeutschland und war bezaubert also von diesem Ort Ferch, von dieser ganzen Umgebung hier und kam zwei Sommer und hat also Karl Hagemeister sozusagen hier in Ferch besucht. </strong><br><br>Um mit seinem Freund ungestört und in Ruhe und gleichermaßen beseelt von der Schönheit des Ortes zu malen. Was sie malten?<br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Na, Landschaftsbilder, vorrangig eben, ne?. Also immer wieder mit dem Wasser verbunden, auch Wald. Dann waren Viele der Maler auch haben auch figürlich gemalt. Also die haben praktisch auch die die armen Leute, die hier lebten, gemalt, porträtiert eben, ne.</strong><br><br>Aber, wie gesagt: hauptsächlich das malerische Ambiente. Dazu gehörte immer wieder auch der Wiesensteg, eine Brücke am Ortsrand über einen feuchten Wiesengrund.&nbsp; &nbsp;<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Und wenn wir uns nach links drehen, ist hier der berühmte Wiesensteg. Also ich glaube, es gibt keinen Maler, der in Ferch war, der nicht diesen Wiesensteg gemalt hat. Interessant ist natürlich, weil man sich heute fragt: Wo ist denn hier die Wiese? Also, Schüler haben mich das gefragt. Die Wiese gibt es nicht mehr, sondern man hat es irgendwann der Natur überlassen, weil, die Wiesen waren sowieso morastig, also schwer zu bewirtschaften. Ja, und die Natur holt sich im Grunde genommen dann ihr Gebiet zurück, und jetzt ist hier ein schöner Erlenbruch entstanden. </strong><br><br>Auch schön. Weniger schön war, dass und wie die Freundschaft der Pioniere Hagemeister und Schuch den Bach runter ging. Der Grund war, dass Hagemeister angefangen hatte, sich beim Malen verstärkt den wechselnden Lichtstimmungen und Bewegungen in der Natur zu widmen. Statt mit den bisher üblichen erdigen Farbtönen arbeitete er jetzt mit lichten Farben. Das hatte nichts mehr mit Schuchs Kunstverständnis zu tun. Den beiden Pionieren folgten vor allem Landschafts-Malschüler an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin nach.<strong> </strong><br><br><strong>O-Ton Pauly 3 </strong><br><strong>Die nächsten Generationen, das waren die Malschüler von Eugen Bracht, die sich alle untereinander kannten, die hierher kamen regelmäßig zum Malen kamen. Einige kauften sich eben ihre Häuser und ließen sich hier nieder, andere fuhren eben einfach wieder zurück nach Berlin. (…) Auch die Mitglieder des Vereins Berliner Künstler haben regelmäßig Ausflüge hierher gemacht, und natürlich kannten sie sich alle. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Das war es allerdings auch schon. Die Fercher waren ein loser Haufen Farb- und Frischluftfreunde. Es gab beispielsweise keine Gaststätte oder ein einen anderen Ort, an dem sich die Maler selbstverständlich trafen. So wie beispielsweise das Künstlerstübchen in der ersten deutschen Malerkolonie in Willinghausen. Obwohl: Einen Ort gab es irgendwann schon, der für gemeinsame Treffen wie geschaffen war: Der war auf Initiative des Malers Wilhelm Weick entstanden. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Familie Weick hatte neben der Malerei (…) auch ein Restaurant betrieben. Weil, wie vorhin festgestellt, es kamen ja viele Berliner im Sommer, die Berliner fahren ja gerne ins Jrüne, So, und die kamen raus und da hat man sich gedacht, na, denen kann auch geholfen werden, so Kaffee und Kuchen, bisschen Restaurantbetrieb, also das ist schon ganz interessant, dass die oft mehrere Standbeine hatten.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Die Maler, meint Steffie Marquardt. Die hier in Ferch irgendwie finanziell über die Runden kommen mussten. Das Problem hatten sie hier wie die anderen Malerkolonien auch: nämlich die entstandenen Bilder zu verkaufen. Dabei half sozusagen die Nähe zum Publikum: Denn immer mehr Berliner Ausflügler kamen nach Ferch ins Grüne, auch um sich die Maler und ihre Bilder anzuschauen. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also das ging im Grunde genommen, ich sag mal so, um 1900 oder nach 1900 los, weil, die Eisenbahnlinie nach zwischen Berlin und Potsdam bestand ja schon, und 1908 wurde dann die Eisenbahnlinie von Potsdam nach, also heute geht sie nach Jüterbog, damals, glaube ich, ging es bis Beelitz, eröffnet, so dass man also Ferch gut erreichen konnte. Dann gab es schon im Sommer wirklich auch den Dampferverkehr. Also damals waren es ja noch richtig schöne Dampfer gewesen, so dass also die Leute aus Berlin dann kamen. Sie folgten auch den Malern nach, das hat sich rumgesprochen. </strong><br><br>Wobei Verkäufe an Ausflügler eher die Ausnahme waren. Verlässlicher waren dann doch die Kontakte zu Galeristen in Berlin. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Die Maler wollten malen. Sie waren also im Grunde genommen keine Verkäufer. Und wenn die nicht einen Galeristen in Berlin hatten, wie zum Beispiel Paul Cassirer, der dann also diese Bilder auch verkauft hat, war es schwierig. Er hat natürlich auch für die Maler das Thema vorgegeben, weil der wollte natürlich immer Bilder haben, die gut verkäuflich waren.</strong><br><br>Dazu kam, dass der schon erwähnte Maler Wilhelm Weick, der mit dem Café, ein Glücksfall für die Kolonie wurde. Der malte und wohnte nicht nur in Ferch. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Bei der Familie Weick war das Besondere, dass also der Maler Wilhelm Weick das elterliche Antiquitätengeschäft in Berlin-Schöneberg übernommen hat und dort auch Bilder aus Ferch verkauft hat, also von seinen Malerkollegen. Und das waren dann so die Quellen. Also, wo man die Bilder wirklich auch gut und sicher absetzen konnte, weil, viele Leute wollten gerne diese Idylle auch erleben und sich zu Hause ins Wohnzimmer hängen. </strong><br><br><strong>Atmo</strong><br><br>Bevor sie Bilder verkaufen konnten, mussten viele der genannten Malerkollegen ans Werk gehen. Das bedeutet für die, die nicht fest im Ferch wohnte, erst einmal, ein Quartier zu finden. Und ein bezahlbares dazu. So entstand die Idee einer Malerherberge. Die kam zwar nie zustande, aber das Gebäude dafür gibt es immer noch, heute das Restaurant und Gartenlokal Haus am See.<br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also wir stehen jetzt vor einem Haus, das ist das Haus am See, heute Hotel und Restaurant und das geht auf eine Idee von Max Arenz zurück, (…)</strong><br><strong>Mehrer Maler, unter ihnen Carl Goebel, planten hier dann im Grunde genommen auch, also ein Atelierhaus, in dem also Künstler auch Ateliers sozusagen anmieten konnten und dort im Sommer malen konnten. Und wie gesagt, also er hatte das damals eben dieses (…) Haus wohl gekauft, dieses ursprüngliche Haus, und das sollte erweitert werden. Und (…)&nbsp; es hat dann den einen Antrag eingereicht gegeben. Der wurde aber abgelehnt in dieser Sache. Und ja, Später, 1921, hat dann Carl Goebel also im Grunde das Haus weiter ausgebaut (…)&nbsp; für Ausflügler, Vereins- und Familienfeiern mit einer guten Küche und großem Gastgarten. Und ja, also dass man hier dann mehr oder weniger die Gäste aus Berlin dann also versorgen konnte und damit sie hier einen schönen Nachmittag erleben.</strong><br><br>Den kann man heute auch erleben heute bei einem Besuch des Museums der Havelländischen Malerkolonie. Eröffnet wurde das vor rund 20 Jahren, erzählt die Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie Carola Pauly:<br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Im Jahre 2002 gründete sich (…) der Förderverein Havelländische Malerkolonie mit dem Ziel, hier in Ferch ein Museum mit Kunstwerken der Künstler der Havelländischen Malerkolonie zu eröffnen. Im gleichen Jahr kaufte damals noch die Gemeinde Ferch dieses Haus (…)&nbsp; in sehr heruntergekommenem Zustand an und übergab es quasi dem Förderverein, um darin das Museum zu errichten.</strong><br><br>Zu sehen ist hier u. a. auch eine eigene Sammlung des Museums, die aus Dauerleihgaben besteht, aus Schenkungen, aus eigenen Ankäufen und Bildern, die dem Museum testamentarisch hinterlassen worden sind. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Auf jeden Fall, sie sind alle dem deutschen Impressionismus zuzurechnen, der sich ja so ein bisschen von dem sehr na ja, abstrakteren französischen Impressionismus dadurch unterscheidet, dass man wirklich die die Landschaften noch sehr deutlich erkennen kann.</strong><br><br>Und man erfährt etwas über die Maler und Malerkolonie selbst, die ja schon irgendwie anders war als die, die man sonst kennt. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Also das Besondere unserer Malerkolonie ist auch, dass sie über viele Jahrzehnte bestand. Anders als es in anderen Künstlerkolonien ist, wo es dann einen abgegrenzten Zeitraum gibt, kamen immer wieder Künstler hierher, und wir haben ja auch heute noch eine Künstlerszene hier in Schwielowsee, so dass man eben auch sagen kann: Unabhängig davon, wie viele Künstler wir hier nachweisen können, können wir sie auch über viele Jahrzehnte hier nachweisen. Und es gibt ja auch sozusagen Künstlernachwuchs, ja, natürlich. Also wir haben hier in Ferch mehrere Künstler, wir haben die Waldgalerie, wir haben in Caputh eine sehr, ja, agile Künstlerszene, (…)&nbsp; die gesamte Region bis nach Werder hin zieht auch heute die Künstler an. Und die Keimzelle ist natürlich Ferch, wer zweifelt daran.</strong><br><br>Niemand. Weil Ferch so schön war und ist, wie es die Orte Worspswede oder Willingshausen oder anderer Künstlerkolonien auch waren. <br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>ich denke, warum andere nicht so lange aktiv waren, liegt zum einen darin, dass sich da Künstler thematisch zusammengefunden haben. Also, wenn ich zum Beispiel an Murnau denke, an den Blauen Reiter, die wo die ja dann irgendwann die Künstler auseinander gegangen sind, weil sie eine andere Richtung eingeschlagen haben. Viele Künstlerkolonien sind auch mit dem, ich formulier es jetzt, also mit dem Deutschen Reich untergegangen, also ab 1930, (…) oder 1933, weil viele Künstler Berufsverbot hatten, die der eine oder andere ins Exil gegangen ist, oder sie sich halt einfach zurückgezogen haben. Und hier bei uns war es, glaube ich, ein bisschen anders. Dadurch, dass diese Künstlerkolonie so ein kleines bisschen unter dem Radar von denjenigen, die entscheiden wollten, was entartet ist oder nicht, gelaufen ist, konnten sich eben hier (…) Künstler einfach zurückziehen, für sich sein. Und dadurch ist sie nicht so ganz zum Erliegen gekommen. Und wahrscheinlich ist es dann auch einfach die Nähe zu Berlin, zur Akademie und zu dieser Künstlerszene, dass dann später eben die Künstler auch hierher zurückgekehrt sind. (…) Es ist weiterhin eben die Nähe zu Berlin, die die Künstler hierherzieht.</strong></div>]]>
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      <pubDate>Fri, 05 Jun 2026 10:35:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Ferch am Schwielowsee wurde vor über 100 Jahren für Künstler zu einem wichtigen Ort der Inspiration. Diese Folge erzählt die Geschichte der Havelländischen Malerkolonie in Ferch, der Suche nach Natur und die Abkehr vom hektischen Stadtleben. Eine Episode über Kunst, Naturbeobachtung und den bewussten Bruch mit Konventionen.<br><br><strong>Die Havelländische Malerkolonie in Ferch am Schwielowsee</strong><br><strong>&nbsp; </strong><br><strong>Atmo Vogelgezwitscher</strong><br><br>Ungefähr 30 Kilometer westlich von Berlin und am Ende des Schwielowsees liegt der kleine Ort Ferch. Am Ortsrand weiter nach Westen erhebt sich, ein wenig jedenfalls, eine hügelige, waldreiche Moränenlandschaft Richtung Havelland, mit der höchsten Erhebung weit und breit, dem Wietkiekenberg. „Wiet kieken“ heißt „weit sehen“ auf Hochdeutsch, so weit das eben bei einer Höhe von 125 Metern möglich ist. Was man dann sieht, ist schön. Wie gemalt, könnte man sagen. Und früher war es noch schöner, erzählt Steffie Marquardt bei einem Rundgang durch den Ort. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Na, Ferch war ein (…)&nbsp; kleines, armes Fischerdorf, und die Häuser waren sehr einfach. Die (…)&nbsp; Gartenzäune&nbsp; m Teil so ein bisschen zusammengefallen. Dahinter blüht es wild durcheinander. Und das waren eben schöne Motive für die Berliner Maler, die also die Idylle auch ein bisschen gesucht haben. Also (…)&nbsp; im Hintergrund eben immer wieder der See. Und ja, ich sag mal, also dieses einfache, diese hoppelige Dorfstraße, ein alter Sandweg, (…) die Backöfen, wo die Leute dann gemeinsam ihr Brot gebacken haben.</strong><br><br><strong>Atmo</strong><br><br>Diese Idylle zog irgendwann Maler und Malerinnen an, erst nur zwei, dann immer mehr. Es entstand das, was schon 1926 die Havelländische „Malerkolonie“ genannt wurde. Ein genaues Gründungsjahr wie bei manchen anderen Künstlerkolonien gibt es nicht. Die Kolonie war immer „nur“ eine lose Ansammlung von Künstlern. Die ersten kamen einfach irgendwann hierher, vorneweg Karl Hagemeister und sein Freund Carl Schuch<strong>. </strong>Erzählt Carola Pauly, die Fördervereins- Vorsitzende. <br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Die ersten Künstler, (…) Karl Hagemeister, Carl Schucht, die kamen 1878 hierher nach Ferch und alle anderen dann ab 1900 und verstärkt dann eben, seit es die Bahnanbindung und die Anbindung mit dem Dampfer hierher nach Ferch gab. Denn Ferch war sehr abgeschieden, war auch, wie es Karl Hagemeister beschreibt, etwas heruntergekommen. so dass es sicherlich nicht die erste Wahl war, um hier zu leben, aber die erste Wahl, um eben eine unberührte Natur zu finden.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Hagemeister ist im Grunde ein sehr bekannter Maler, der also auch schon zu Lebzeiten sehr bekannt war. Die Nationalgalerie hatte schon mein Bild von ihm schon erworben. Er war also war mit Bildern in Ausstellungen vertreten, sowohl in Berlin als auch in München im Glaspalast. Er hat aber selbst, also wenn er hier draußen war, also sehr zurückgezogen gelebt. Er wollte malen, wollte seine Ruhe haben. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und der Enge des akademischen Kunstbetriebs entkommen, ergänzt Steffie Marquardt. An der Preußischen Akademie der Künste in Berlin herrschten nämlich feste Regeln: gemalt wurde im Atelier, und zwar hauptsächlich Historienbilder oder mythologische und religiöse Themen. Und es gab genaue technische Vorgaben für die Komposition und den Stil von B ildern. Dieses akademische Korsett war vor allem vielen junge Künstlern zu eng. Sie wollten im Wortsinne raus aus dieser Enge und an die frische Luft. Übrigens nicht nur in Berlin, überall in Europa wurde Im späten 19. Jahrhundert die Freilichtmalerei populär. Künstlerkolonien entstanden, die erste in Barbizon südlich von Paris, die erste in Deutschland in Willingshausen im hessischen Rotkäppchenland, oder später die in Worpswede am Teufelsmoor. <br><br>Die meisten Maler der Fercher Kolonie hatten an Akademien studiert, oft in Berlin. Sie lehnten die Ausbildung nicht komplett ab. Sie wollten nur freier arbeiten, als die Akademien es erlaubten. Dass sie dabei in Ferch landeten, hatte verschiedene Gründe: Der Schwielowsee war nicht weit weg von Berlin und bot reichlich Motive für Landschaftsmalerei: Wasserflächen mit Spiegelungen, Kiefernwälder und märkische Hügel oder kleine Fischerhäuser und das Dorfleben. Außerdem war dieses Leben im Dorf günstiger und ruhiger als in der Stadt. Und man hatte reichlich Platz zum Arbeiten. Steffie Marquardt. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Und das war es eben, ne, also dieses, diese kleinen Dörfchen eben. , ne, die so, also wie,Na ja, also wie hinter den 7 Bergen, ne, nichtbei den 7 Zwergen. Also Zwerge waren es nicht, aber so, ne, dieses Abgeschiedene, wo es in Berlin ja schon, also die Industrialisierung ging voran, das boomte dort. Da wurden riesen Wohnsiedlungen gebaut, schöne Villenviertel, aber eben auch die Mietskasernen, und ja, hierher hat man sich dann auch gerne zurückgezogen.</strong><br><br>Karl Hagemeister, wie gesagt, als erster. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also geboren ist er ja in Werder, dann hat er zwischendurch ein paar Jahre in Ferch gewohnt, hatte mit Carl Schuch also sozusagen einen, ja, Briefwechsel und hat ihn nach Ferch eingeladen. So, Carl Schuch lebte ja in Süddeutschland und war bezaubert also von diesem Ort Ferch, von dieser ganzen Umgebung hier und kam zwei Sommer und hat also Karl Hagemeister sozusagen hier in Ferch besucht. </strong><br><br>Um mit seinem Freund ungestört und in Ruhe und gleichermaßen beseelt von der Schönheit des Ortes zu malen. Was sie malten?<br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Na, Landschaftsbilder, vorrangig eben, ne?. Also immer wieder mit dem Wasser verbunden, auch Wald. Dann waren Viele der Maler auch haben auch figürlich gemalt. Also die haben praktisch auch die die armen Leute, die hier lebten, gemalt, porträtiert eben, ne.</strong><br><br>Aber, wie gesagt: hauptsächlich das malerische Ambiente. Dazu gehörte immer wieder auch der Wiesensteg, eine Brücke am Ortsrand über einen feuchten Wiesengrund.&nbsp; &nbsp;<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Und wenn wir uns nach links drehen, ist hier der berühmte Wiesensteg. Also ich glaube, es gibt keinen Maler, der in Ferch war, der nicht diesen Wiesensteg gemalt hat. Interessant ist natürlich, weil man sich heute fragt: Wo ist denn hier die Wiese? Also, Schüler haben mich das gefragt. Die Wiese gibt es nicht mehr, sondern man hat es irgendwann der Natur überlassen, weil, die Wiesen waren sowieso morastig, also schwer zu bewirtschaften. Ja, und die Natur holt sich im Grunde genommen dann ihr Gebiet zurück, und jetzt ist hier ein schöner Erlenbruch entstanden. </strong><br><br>Auch schön. Weniger schön war, dass und wie die Freundschaft der Pioniere Hagemeister und Schuch den Bach runter ging. Der Grund war, dass Hagemeister angefangen hatte, sich beim Malen verstärkt den wechselnden Lichtstimmungen und Bewegungen in der Natur zu widmen. Statt mit den bisher üblichen erdigen Farbtönen arbeitete er jetzt mit lichten Farben. Das hatte nichts mehr mit Schuchs Kunstverständnis zu tun. Den beiden Pionieren folgten vor allem Landschafts-Malschüler an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin nach.<strong> </strong><br><br><strong>O-Ton Pauly 3 </strong><br><strong>Die nächsten Generationen, das waren die Malschüler von Eugen Bracht, die sich alle untereinander kannten, die hierher kamen regelmäßig zum Malen kamen. Einige kauften sich eben ihre Häuser und ließen sich hier nieder, andere fuhren eben einfach wieder zurück nach Berlin. (…) Auch die Mitglieder des Vereins Berliner Künstler haben regelmäßig Ausflüge hierher gemacht, und natürlich kannten sie sich alle. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Das war es allerdings auch schon. Die Fercher waren ein loser Haufen Farb- und Frischluftfreunde. Es gab beispielsweise keine Gaststätte oder ein einen anderen Ort, an dem sich die Maler selbstverständlich trafen. So wie beispielsweise das Künstlerstübchen in der ersten deutschen Malerkolonie in Willinghausen. Obwohl: Einen Ort gab es irgendwann schon, der für gemeinsame Treffen wie geschaffen war: Der war auf Initiative des Malers Wilhelm Weick entstanden. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Familie Weick hatte neben der Malerei (…) auch ein Restaurant betrieben. Weil, wie vorhin festgestellt, es kamen ja viele Berliner im Sommer, die Berliner fahren ja gerne ins Jrüne, So, und die kamen raus und da hat man sich gedacht, na, denen kann auch geholfen werden, so Kaffee und Kuchen, bisschen Restaurantbetrieb, also das ist schon ganz interessant, dass die oft mehrere Standbeine hatten.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Die Maler, meint Steffie Marquardt. Die hier in Ferch irgendwie finanziell über die Runden kommen mussten. Das Problem hatten sie hier wie die anderen Malerkolonien auch: nämlich die entstandenen Bilder zu verkaufen. Dabei half sozusagen die Nähe zum Publikum: Denn immer mehr Berliner Ausflügler kamen nach Ferch ins Grüne, auch um sich die Maler und ihre Bilder anzuschauen. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also das ging im Grunde genommen, ich sag mal so, um 1900 oder nach 1900 los, weil, die Eisenbahnlinie nach zwischen Berlin und Potsdam bestand ja schon, und 1908 wurde dann die Eisenbahnlinie von Potsdam nach, also heute geht sie nach Jüterbog, damals, glaube ich, ging es bis Beelitz, eröffnet, so dass man also Ferch gut erreichen konnte. Dann gab es schon im Sommer wirklich auch den Dampferverkehr. Also damals waren es ja noch richtig schöne Dampfer gewesen, so dass also die Leute aus Berlin dann kamen. Sie folgten auch den Malern nach, das hat sich rumgesprochen. </strong><br><br>Wobei Verkäufe an Ausflügler eher die Ausnahme waren. Verlässlicher waren dann doch die Kontakte zu Galeristen in Berlin. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Die Maler wollten malen. Sie waren also im Grunde genommen keine Verkäufer. Und wenn die nicht einen Galeristen in Berlin hatten, wie zum Beispiel Paul Cassirer, der dann also diese Bilder auch verkauft hat, war es schwierig. Er hat natürlich auch für die Maler das Thema vorgegeben, weil der wollte natürlich immer Bilder haben, die gut verkäuflich waren.</strong><br><br>Dazu kam, dass der schon erwähnte Maler Wilhelm Weick, der mit dem Café, ein Glücksfall für die Kolonie wurde. Der malte und wohnte nicht nur in Ferch. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Bei der Familie Weick war das Besondere, dass also der Maler Wilhelm Weick das elterliche Antiquitätengeschäft in Berlin-Schöneberg übernommen hat und dort auch Bilder aus Ferch verkauft hat, also von seinen Malerkollegen. Und das waren dann so die Quellen. Also, wo man die Bilder wirklich auch gut und sicher absetzen konnte, weil, viele Leute wollten gerne diese Idylle auch erleben und sich zu Hause ins Wohnzimmer hängen. </strong><br><br><strong>Atmo</strong><br><br>Bevor sie Bilder verkaufen konnten, mussten viele der genannten Malerkollegen ans Werk gehen. Das bedeutet für die, die nicht fest im Ferch wohnte, erst einmal, ein Quartier zu finden. Und ein bezahlbares dazu. So entstand die Idee einer Malerherberge. Die kam zwar nie zustande, aber das Gebäude dafür gibt es immer noch, heute das Restaurant und Gartenlokal Haus am See.<br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also wir stehen jetzt vor einem Haus, das ist das Haus am See, heute Hotel und Restaurant und das geht auf eine Idee von Max Arenz zurück, (…)</strong><br><strong>Mehrer Maler, unter ihnen Carl Goebel, planten hier dann im Grunde genommen auch, also ein Atelierhaus, in dem also Künstler auch Ateliers sozusagen anmieten konnten und dort im Sommer malen konnten. Und wie gesagt, also er hatte das damals eben dieses (…) Haus wohl gekauft, dieses ursprüngliche Haus, und das sollte erweitert werden. Und (…)&nbsp; es hat dann den einen Antrag eingereicht gegeben. Der wurde aber abgelehnt in dieser Sache. Und ja, Später, 1921, hat dann Carl Goebel also im Grunde das Haus weiter ausgebaut (…)&nbsp; für Ausflügler, Vereins- und Familienfeiern mit einer guten Küche und großem Gastgarten. Und ja, also dass man hier dann mehr oder weniger die Gäste aus Berlin dann also versorgen konnte und damit sie hier einen schönen Nachmittag erleben.</strong><br><br>Den kann man heute auch erleben heute bei einem Besuch des Museums der Havelländischen Malerkolonie. Eröffnet wurde das vor rund 20 Jahren, erzählt die Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie Carola Pauly:<br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Im Jahre 2002 gründete sich (…) der Förderverein Havelländische Malerkolonie mit dem Ziel, hier in Ferch ein Museum mit Kunstwerken der Künstler der Havelländischen Malerkolonie zu eröffnen. Im gleichen Jahr kaufte damals noch die Gemeinde Ferch dieses Haus (…)&nbsp; in sehr heruntergekommenem Zustand an und übergab es quasi dem Förderverein, um darin das Museum zu errichten.</strong><br><br>Zu sehen ist hier u. a. auch eine eigene Sammlung des Museums, die aus Dauerleihgaben besteht, aus Schenkungen, aus eigenen Ankäufen und Bildern, die dem Museum testamentarisch hinterlassen worden sind. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Auf jeden Fall, sie sind alle dem deutschen Impressionismus zuzurechnen, der sich ja so ein bisschen von dem sehr na ja, abstrakteren französischen Impressionismus dadurch unterscheidet, dass man wirklich die die Landschaften noch sehr deutlich erkennen kann.</strong><br><br>Und man erfährt etwas über die Maler und Malerkolonie selbst, die ja schon irgendwie anders war als die, die man sonst kennt. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Also das Besondere unserer Malerkolonie ist auch, dass sie über viele Jahrzehnte bestand. Anders als es in anderen Künstlerkolonien ist, wo es dann einen abgegrenzten Zeitraum gibt, kamen immer wieder Künstler hierher, und wir haben ja auch heute noch eine Künstlerszene hier in Schwielowsee, so dass man eben auch sagen kann: Unabhängig davon, wie viele Künstler wir hier nachweisen können, können wir sie auch über viele Jahrzehnte hier nachweisen. Und es gibt ja auch sozusagen Künstlernachwuchs, ja, natürlich. Also wir haben hier in Ferch mehrere Künstler, wir haben die Waldgalerie, wir haben in Caputh eine sehr, ja, agile Künstlerszene, (…)&nbsp; die gesamte Region bis nach Werder hin zieht auch heute die Künstler an. Und die Keimzelle ist natürlich Ferch, wer zweifelt daran.</strong><br><br>Niemand. Weil Ferch so schön war und ist, wie es die Orte Worspswede oder Willingshausen oder anderer Künstlerkolonien auch waren. <br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>ich denke, warum andere nicht so lange aktiv waren, liegt zum einen darin, dass sich da Künstler thematisch zusammengefunden haben. Also, wenn ich zum Beispiel an Murnau denke, an den Blauen Reiter, die wo die ja dann irgendwann die Künstler auseinander gegangen sind, weil sie eine andere Richtung eingeschlagen haben. Viele Künstlerkolonien sind auch mit dem, ich formulier es jetzt, also mit dem Deutschen Reich untergegangen, also ab 1930, (…) oder 1933, weil viele Künstler Berufsverbot hatten, die der eine oder andere ins Exil gegangen ist, oder sie sich halt einfach zurückgezogen haben. Und hier bei uns war es, glaube ich, ein bisschen anders. Dadurch, dass diese Künstlerkolonie so ein kleines bisschen unter dem Radar von denjenigen, die entscheiden wollten, was entartet ist oder nicht, gelaufen ist, konnten sich eben hier (…) Künstler einfach zurückziehen, für sich sein. Und dadurch ist sie nicht so ganz zum Erliegen gekommen. Und wahrscheinlich ist es dann auch einfach die Nähe zu Berlin, zur Akademie und zu dieser Künstlerszene, dass dann später eben die Künstler auch hierher zurückgekehrt sind. (…) Es ist weiterhin eben die Nähe zu Berlin, die die Künstler hierherzieht.</strong></div>]]>
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      <itunes:title>Romantik pur: Malerkolonie Ferch am Schwielowsee OMG 11</itunes:title>
      <itunes:subtitle>Kunst zwischen Natur und Rückzug vom Großstadtleben</itunes:subtitle>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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Und früher war es noch schöner, erzählt Steffie Marquardt bei einem Rundgang durch den Ort. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Na, Ferch war ein (…)&nbsp; kleines, armes Fischerdorf, und die Häuser waren sehr einfach. Die (…)&nbsp; Gartenzäune&nbsp; m Teil so ein bisschen zusammengefallen. Dahinter blüht es wild durcheinander. Und das waren eben schöne Motive für die Berliner Maler, die also die Idylle auch ein bisschen gesucht haben. Also (…)&nbsp; im Hintergrund eben immer wieder der See. Und ja, ich sag mal, also dieses einfache, diese hoppelige Dorfstraße, ein alter Sandweg, (…) die Backöfen, wo die Leute dann gemeinsam ihr Brot gebacken haben.</strong><br><br><strong>Atmo</strong><br><br>Diese Idylle zog irgendwann Maler und Malerinnen an, erst nur zwei, dann immer mehr. Es entstand das, was schon 1926 die Havelländische „Malerkolonie“ genannt wurde. Ein genaues Gründungsjahr wie bei manchen anderen Künstlerkolonien gibt es nicht. Die Kolonie war immer „nur“ eine lose Ansammlung von Künstlern. Die ersten kamen einfach irgendwann hierher, vorneweg Karl Hagemeister und sein Freund Carl Schuch<strong>. </strong>Erzählt Carola Pauly, die Fördervereins- Vorsitzende. <br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Die ersten Künstler, (…) Karl Hagemeister, Carl Schucht, die kamen 1878 hierher nach Ferch und alle anderen dann ab 1900 und verstärkt dann eben, seit es die Bahnanbindung und die Anbindung mit dem Dampfer hierher nach Ferch gab. Denn Ferch war sehr abgeschieden, war auch, wie es Karl Hagemeister beschreibt, etwas heruntergekommen. so dass es sicherlich nicht die erste Wahl war, um hier zu leben, aber die erste Wahl, um eben eine unberührte Natur zu finden.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Hagemeister ist im Grunde ein sehr bekannter Maler, der also auch schon zu Lebzeiten sehr bekannt war. Die Nationalgalerie hatte schon mein Bild von ihm schon erworben. Er war also war mit Bildern in Ausstellungen vertreten, sowohl in Berlin als auch in München im Glaspalast. Er hat aber selbst, also wenn er hier draußen war, also sehr zurückgezogen gelebt. Er wollte malen, wollte seine Ruhe haben. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und der Enge des akademischen Kunstbetriebs entkommen, ergänzt Steffie Marquardt. An der Preußischen Akademie der Künste in Berlin herrschten nämlich feste Regeln: gemalt wurde im Atelier, und zwar hauptsächlich Historienbilder oder mythologische und religiöse Themen. Und es gab genaue technische Vorgaben für die Komposition und den Stil von B ildern. Dieses akademische Korsett war vor allem vielen junge Künstlern zu eng. Sie wollten im Wortsinne raus aus dieser Enge und an die frische Luft. Übrigens nicht nur in Berlin, überall in Europa wurde Im späten 19. Jahrhundert die Freilichtmalerei populär. Künstlerkolonien entstanden, die erste in Barbizon südlich von Paris, die erste in Deutschland in Willingshausen im hessischen Rotkäppchenland, oder später die in Worpswede am Teufelsmoor. <br><br>Die meisten Maler der Fercher Kolonie hatten an Akademien studiert, oft in Berlin. Sie lehnten die Ausbildung nicht komplett ab. Sie wollten nur freier arbeiten, als die Akademien es erlaubten. Dass sie dabei in Ferch landeten, hatte verschiedene Gründe: Der Schwielowsee war nicht weit weg von Berlin und bot reichlich Motive für Landschaftsmalerei: Wasserflächen mit Spiegelungen, Kiefernwälder und märkische Hügel oder kleine Fischerhäuser und das Dorfleben. Außerdem war dieses Leben im Dorf günstiger und ruhiger als in der Stadt. Und man hatte reichlich Platz zum Arbeiten. Steffie Marquardt. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Und das war es eben, ne, also dieses, diese kleinen Dörfchen eben. , ne, die so, also wie,Na ja, also wie hinter den 7 Bergen, ne, nichtbei den 7 Zwergen. Also Zwerge waren es nicht, aber so, ne, dieses Abgeschiedene, wo es in Berlin ja schon, also die Industrialisierung ging voran, das boomte dort. Da wurden riesen Wohnsiedlungen gebaut, schöne Villenviertel, aber eben auch die Mietskasernen, und ja, hierher hat man sich dann auch gerne zurückgezogen.</strong><br><br>Karl Hagemeister, wie gesagt, als erster. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also geboren ist er ja in Werder, dann hat er zwischendurch ein paar Jahre in Ferch gewohnt, hatte mit Carl Schuch also sozusagen einen, ja, Briefwechsel und hat ihn nach Ferch eingeladen. So, Carl Schuch lebte ja in Süddeutschland und war bezaubert also von diesem Ort Ferch, von dieser ganzen Umgebung hier und kam zwei Sommer und hat also Karl Hagemeister sozusagen hier in Ferch besucht. </strong><br><br>Um mit seinem Freund ungestört und in Ruhe und gleichermaßen beseelt von der Schönheit des Ortes zu malen. Was sie malten?<br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Na, Landschaftsbilder, vorrangig eben, ne?. Also immer wieder mit dem Wasser verbunden, auch Wald. Dann waren Viele der Maler auch haben auch figürlich gemalt. Also die haben praktisch auch die die armen Leute, die hier lebten, gemalt, porträtiert eben, ne.</strong><br><br>Aber, wie gesagt: hauptsächlich das malerische Ambiente. Dazu gehörte immer wieder auch der Wiesensteg, eine Brücke am Ortsrand über einen feuchten Wiesengrund.&nbsp; &nbsp;<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Und wenn wir uns nach links drehen, ist hier der berühmte Wiesensteg. Also ich glaube, es gibt keinen Maler, der in Ferch war, der nicht diesen Wiesensteg gemalt hat. Interessant ist natürlich, weil man sich heute fragt: Wo ist denn hier die Wiese? Also, Schüler haben mich das gefragt. Die Wiese gibt es nicht mehr, sondern man hat es irgendwann der Natur überlassen, weil, die Wiesen waren sowieso morastig, also schwer zu bewirtschaften. 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Weil, wie vorhin festgestellt, es kamen ja viele Berliner im Sommer, die Berliner fahren ja gerne ins Jrüne, So, und die kamen raus und da hat man sich gedacht, na, denen kann auch geholfen werden, so Kaffee und Kuchen, bisschen Restaurantbetrieb, also das ist schon ganz interessant, dass die oft mehrere Standbeine hatten.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Die Maler, meint Steffie Marquardt. Die hier in Ferch irgendwie finanziell über die Runden kommen mussten. Das Problem hatten sie hier wie die anderen Malerkolonien auch: nämlich die entstandenen Bilder zu verkaufen. Dabei half sozusagen die Nähe zum Publikum: Denn immer mehr Berliner Ausflügler kamen nach Ferch ins Grüne, auch um sich die Maler und ihre Bilder anzuschauen. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also das ging im Grunde genommen, ich sag mal so, um 1900 oder nach 1900 los, weil, die Eisenbahnlinie nach zwischen Berlin und Potsdam bestand ja schon, und 1908 wurde dann die Eisenbahnlinie von Potsdam nach, also heute geht sie nach Jüterbog, damals, glaube ich, ging es bis Beelitz, eröffnet, so dass man also Ferch gut erreichen konnte. Dann gab es schon im Sommer wirklich auch den Dampferverkehr. Also damals waren es ja noch richtig schöne Dampfer gewesen, so dass also die Leute aus Berlin dann kamen. Sie folgten auch den Malern nach, das hat sich rumgesprochen. </strong><br><br>Wobei Verkäufe an Ausflügler eher die Ausnahme waren. Verlässlicher waren dann doch die Kontakte zu Galeristen in Berlin. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Die Maler wollten malen. Sie waren also im Grunde genommen keine Verkäufer. Und wenn die nicht einen Galeristen in Berlin hatten, wie zum Beispiel Paul Cassirer, der dann also diese Bilder auch verkauft hat, war es schwierig. Er hat natürlich auch für die Maler das Thema vorgegeben, weil der wollte natürlich immer Bilder haben, die gut verkäuflich waren.</strong><br><br>Dazu kam, dass der schon erwähnte Maler Wilhelm Weick, der mit dem Café, ein Glücksfall für die Kolonie wurde. Der malte und wohnte nicht nur in Ferch. <br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Bei der Familie Weick war das Besondere, dass also der Maler Wilhelm Weick das elterliche Antiquitätengeschäft in Berlin-Schöneberg übernommen hat und dort auch Bilder aus Ferch verkauft hat, also von seinen Malerkollegen. Und das waren dann so die Quellen. Also, wo man die Bilder wirklich auch gut und sicher absetzen konnte, weil, viele Leute wollten gerne diese Idylle auch erleben und sich zu Hause ins Wohnzimmer hängen. </strong><br><br><strong>Atmo</strong><br><br>Bevor sie Bilder verkaufen konnten, mussten viele der genannten Malerkollegen ans Werk gehen. Das bedeutet für die, die nicht fest im Ferch wohnte, erst einmal, ein Quartier zu finden. Und ein bezahlbares dazu. So entstand die Idee einer Malerherberge. Die kam zwar nie zustande, aber das Gebäude dafür gibt es immer noch, heute das Restaurant und Gartenlokal Haus am See.<br><br><strong>O-Ton Marquardt</strong><br><strong>Also wir stehen jetzt vor einem Haus, das ist das Haus am See, heute Hotel und Restaurant und das geht auf eine Idee von Max Arenz zurück, (…)</strong><br><strong>Mehrer Maler, unter ihnen Carl Goebel, planten hier dann im Grunde genommen auch, also ein Atelierhaus, in dem also Künstler auch Ateliers sozusagen anmieten konnten und dort im Sommer malen konnten. Und wie gesagt, also er hatte das damals eben dieses (…) Haus wohl gekauft, dieses ursprüngliche Haus, und das sollte erweitert werden. Und (…)&nbsp; es hat dann den einen Antrag eingereicht gegeben. Der wurde aber abgelehnt in dieser Sache. Und ja, Später, 1921, hat dann Carl Goebel also im Grunde das Haus weiter ausgebaut (…)&nbsp; für Ausflügler, Vereins- und Familienfeiern mit einer guten Küche und großem Gastgarten. Und ja, also dass man hier dann mehr oder weniger die Gäste aus Berlin dann also versorgen konnte und damit sie hier einen schönen Nachmittag erleben.</strong><br><br>Den kann man heute auch erleben heute bei einem Besuch des Museums der Havelländischen Malerkolonie. Eröffnet wurde das vor rund 20 Jahren, erzählt die Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie Carola Pauly:<br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Im Jahre 2002 gründete sich (…) der Förderverein Havelländische Malerkolonie mit dem Ziel, hier in Ferch ein Museum mit Kunstwerken der Künstler der Havelländischen Malerkolonie zu eröffnen. Im gleichen Jahr kaufte damals noch die Gemeinde Ferch dieses Haus (…)&nbsp; in sehr heruntergekommenem Zustand an und übergab es quasi dem Förderverein, um darin das Museum zu errichten.</strong><br><br>Zu sehen ist hier u. a. auch eine eigene Sammlung des Museums, die aus Dauerleihgaben besteht, aus Schenkungen, aus eigenen Ankäufen und Bildern, die dem Museum testamentarisch hinterlassen worden sind. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Auf jeden Fall, sie sind alle dem deutschen Impressionismus zuzurechnen, der sich ja so ein bisschen von dem sehr na ja, abstrakteren französischen Impressionismus dadurch unterscheidet, dass man wirklich die die Landschaften noch sehr deutlich erkennen kann.</strong><br><br>Und man erfährt etwas über die Maler und Malerkolonie selbst, die ja schon irgendwie anders war als die, die man sonst kennt. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>Also das Besondere unserer Malerkolonie ist auch, dass sie über viele Jahrzehnte bestand. Anders als es in anderen Künstlerkolonien ist, wo es dann einen abgegrenzten Zeitraum gibt, kamen immer wieder Künstler hierher, und wir haben ja auch heute noch eine Künstlerszene hier in Schwielowsee, so dass man eben auch sagen kann: Unabhängig davon, wie viele Künstler wir hier nachweisen können, können wir sie auch über viele Jahrzehnte hier nachweisen. Und es gibt ja auch sozusagen Künstlernachwuchs, ja, natürlich. Also wir haben hier in Ferch mehrere Künstler, wir haben die Waldgalerie, wir haben in Caputh eine sehr, ja, agile Künstlerszene, (…)&nbsp; die gesamte Region bis nach Werder hin zieht auch heute die Künstler an. Und die Keimzelle ist natürlich Ferch, wer zweifelt daran.</strong><br><br>Niemand. Weil Ferch so schön war und ist, wie es die Orte Worspswede oder Willingshausen oder anderer Künstlerkolonien auch waren. <br><br><strong>O-Ton Pauly</strong><br><strong>ich denke, warum andere nicht so lange aktiv waren, liegt zum einen darin, dass sich da Künstler thematisch zusammengefunden haben. Also, wenn ich zum Beispiel an Murnau denke, an den Blauen Reiter, die wo die ja dann irgendwann die Künstler auseinander gegangen sind, weil sie eine andere Richtung eingeschlagen haben. Viele Künstlerkolonien sind auch mit dem, ich formulier es jetzt, also mit dem Deutschen Reich untergegangen, also ab 1930, (…) oder 1933, weil viele Künstler Berufsverbot hatten, die der eine oder andere ins Exil gegangen ist, oder sie sich halt einfach zurückgezogen haben. Und hier bei uns war es, glaube ich, ein bisschen anders. Dadurch, dass diese Künstlerkolonie so ein kleines bisschen unter dem Radar von denjenigen, die entscheiden wollten, was entartet ist oder nicht, gelaufen ist, konnten sich eben hier (…) Künstler einfach zurückziehen, für sich sein. Und dadurch ist sie nicht so ganz zum Erliegen gekommen. Und wahrscheinlich ist es dann auch einfach die Nähe zu Berlin, zur Akademie und zu dieser Künstlerszene, dass dann später eben die Künstler auch hierher zurückgekehrt sind. (…) Es ist weiterhin eben die Nähe zu Berlin, die die Künstler hierherzieht.</strong></div>]]>
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        <title>Romantik pur: Malerkolonie Ferch am Schwielowsee OMG 11</title>
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      <title>Der ungehorsame Priester Lorenzo Milani OMG 10</title>
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        <![CDATA[<div>Ein kleines Bergdorf in der Toskana. Ein Priester. Und eine Schule, die es eigentlich nicht geben durfte. Diese Folge zeigt, warum Lorenzo Milani bis heute als wichtige Figur für Bildung und gesellschaftlichen Wandel gilt. Eine Geschichte über Bildung, Mut und Widerstand.<br><br><br><strong>Barbiana in der Toskana</strong><br><strong>Wo der strafversetzte katholische Priester Lorenzo Milani unsterblich wurde</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Das Dorf Barbiana liegt weit oben in den Bergen in der Toskana in Italien, knapp 40 Kilometer nordöstlich von Florenz. Wahrscheinlich wäre es heute so gut wie unbekannt, wenn es nicht die „Schule von Barbiana“ gegeben hätte. Und den, der diese Schule sozusagen erfunden hat: der katholische Priester Lorenzo Milani. Weil er sich in den 1950er Jahren auf seiner ersten Stelle als Lehrer betätigt hatte, wurde er von der Kirche „strafversetzt“, so muss man es sagen. Wegen seiner Erfolge als Lehrer in Barbiana kommen heute der italienische Staatspräsident und sogar der Papst hierher, um ihn zu ehren. <br><br><strong>Beitrag</strong><br>Die Straße von Vicchio im Tal in das Bergdorf Barbiana zieht sich, es geht über viele Kurven steil nach oben, und auf dem letzten Kilometer ist sie so schmal, dass sich zwei Autos hier nicht begegnen sollten. Schon gar nicht im Winter, dann liegt hier nämlich Schnee. <br><br><strong>Atmo Kirchenglocke</strong><br><br>Oben angekommen endet die Straße vor der kleinen Kirche von Barbiana. Direkt daneben steht das alte Pfarrhaus, ein klein wenig abseits gibt es einen winzigen Friedhof. Die wenigen Häuser des Dorfes sind ein stückweit bergab im Wald versteckt. Barbiana liegt etwa 40 Kilometer von Florenz entfernt im äußersten Nordosten der Toskana. Viele Menschen kommen nicht hierher, wenn, dann vielleicht ein paar Bergwanderer. Oder Verehrer von Don Lorenzo Milani, der hier vor fast 80 Jahren katholischer Dorfpfarrer war und die „Schule von Barbiana“ gegründet hat.<br><br><strong>Kirchengesang</strong><br><br>Lorenzo Milani hatte 1955 die Stelle des Pfarrers in Barbiana übernommen. Sein Vorgänger war gestorben. Und auf die freie Stelle war er sozusagen strafversetzt worden. Er hatte nämlich vorher als Kaplan etwas getan, das nach Meinung seines Bischofs nicht zu den Aufgaben eines katholischen Seelsorgers gehöre Er hatte einfachen Arbeitern Lesen und Schreiben beigebracht. Weil sie nie eine Schule besucht und so keine Aussicht auf ein besseres Leben hatten, davon war er überzeugt. Das roch der katholischen Kirche damals zu sehr nach Kommunismus. Also beschloss sein Bischof, ihn ins Nirgendwo zu schicken, damit niemand je wieder von ihm hören würde. So erzählt es Fiorella Tagliaferri, nachdem sie uns begrüßt hat. Sie war eine der ersten Schülerinnen der Schule von Barbiana und ist in diesem Nirgendwo aufgewachsen, als Tochter von Kleinbauern, denen alles fehlte, wie sie sagt. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>1 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Proprio mancanza di cibo, mancanza di vestiti, mancanza di luce, acqua, strada. Nulla. C'era nulla, nulla, nulla. A quei tempi non c'era nulla, c'era proprio la povertà.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Da war einfach Mangel an Nahrung, Mangel an Kleidung, Mangel an Licht, Wasser, Straße. Nichts. Da war nichts, nichts, nichts. In dieser Zeit gab es hier nichts, es gab nur Armut. </strong><br><br>Statt in die Schule zu gehen, mussten die Kinder die meiste Zeit auf den winzigen Bauernhöfen ihrer Eltern arbeiten. Obwohl es eine Grundschule im Ort gab, erzählt Gianpoalo Bonini, ebenfalls Barbiana-Schüler. Er hat nach der Schule seine Mitschülerin Fiorella geheiratet, über 60 Jahre ist das her.<br><br><strong>2 O-Ton Gianpaolo Bonini/ Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Lassù c'era poco scuola, perché c'era sempre la neve. Non arrivavano mai gli insegnanti.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Da oben gab es wenig Schulunterricht, weil da immer Schnee lag. Und dann kamen die Lehrer nicht.&nbsp; </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>I nostri genitori non ci potevano insegnare quello che non sapevano nemmeno loro, erano poveri, analfabeti o semi analfabeti. Pertanto non ci potevano insegnare nell'uso della parola, né alzare la testa, né sentirsi uguale agli altri. Ci sent, ci facevano sentire inferiore.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Und unsere Eltern konnten uns auch nichts beibringen. Weil sie noch weniger wussten. Sie waren Analphabeten oder Halbanalphabeten. Deshalb konnten sie uns nicht lehren, wie man spricht, wie man den Kopf hebt, wie man sich anderen gleich fühlt. Sie gaben uns das Gefühl, minderwertig zu sein. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Anders als seine Vorgesetzen sich das gedacht hatten, macht Don Milani sein Pfarrhaus sofort zur Schule für die Dorfkinder. Hier stehen immer noch die Tische und Bänke, drumherum Regale mit Schulbüchern. Zu den ersten, die kamen, gehörten Fiorella und Gianpaolo. Unterricht gab es an sieben Tagen in der Woche, von morgens bis abends. Sogar an Weihnachten. Das Besondere an dieser Schule war: Es gab keine Lernfächer wie Schreiben oder Rechnen, erklärt Gianpaolo. Don Milani erklärte seinen Schülerinnen und Schülern vielmehr die Welt: wie eine Sonnenfinsternis funktioniert. Oder die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Oder er brachte ihnen Schwimmen bei. In den Hügel neben dem Pfarrhaus hat Don Milani mit den Kindern zusammen ein Schwimmbecken gebaut, etwa fünf Meter lang und sehr schmal, kein Swimmingpool.<br><br><strong>3 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br><strong>Una volta un ragazzo dice: Quella luce che si vede, (...)&nbsp; è stata emessa un milione di anni fa. …e ci facevano un corso perché quello che volevamo sapere sul cielo, sulla costellazione, sul l'universo. </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Einmal sagte ein Junge: „Das Licht, das dieser Stern ausstrahlt, ist eine Million Jahre alt. In Barbiana gab es kein Licht, darum konnte man die Sterne gut sehen. Ich habe zu Don Milani gesagt: Priore, das nicht möglich, oder? Er bat ein paar Experten von der Universität Florenz zu uns, und sie erklärten uns alles, was wir wissen wollten, über den Himmel, die Sternbilder und das über das Universum. </strong><br><br>Mit einer kleinen Gruppe hat er auch einmal die große Welt da unten im Tal besucht, eine Oper in der Mailänder Scala. Einen Jungen wollten die Ordner erst nicht hereinlassen, weil er keine Jacke trug. Don Milani musste erklären: Er besitzt keine Jacke. <br><br>Außerdem ging es Don Lorenzo Milani darum, den Kindern das beizubringen, was ihnen dabei nützlich sein konnte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn beispielsweise ein Klempner in den Ort kam, gab ihm Don Milani ein paar Jungs mit: Zeige ihnen, was dein Beruf ist, erinnert sich Gianpoalo. Im Pfarrhaus zeigt er uns die Werkstatt, die Don Milani hier eingerichtet hatte. In der brachte er vor allem den Jungen bei, was man mit verschiedenen Handwerken herstellen kann.&nbsp; <br><br><strong>4 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br><strong>Tutti i tavoli e tutte le panche che ci sono nell'Aula sono state fatte tutti dai ragazzi.</strong><br><strong>Su ci sono delle sedie saldate dai ragazzi. Fanno schifo, veramente brutte, però loro hanno imparato a saldare facendo un qualcosa. Sarà brutto, però la seconda volta che ne farai un'altra sarà migliore. </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Alle Tische und alle Bänke im Klassenzimmer sind von den Jungs gemacht. Und da oben stehen Stühle, die von den Jungen geschweißt wurden, vier oder fünf Stück. Sie sind hässlich, wirklich hässlich, aber sie haben gelernt, wie man schweißt. Beim zweiten Mal, wenn man es macht, wird es besser sein. </strong><br><br>Am wichtigsten war Don Lorenzo Milani die Sprache. <br><br><strong>5 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br>I<strong>nizialmente questi ragazzi non facevano nemmeno una domanda perché avevano paura di sbagliare la parola. Ogni parola che non imparerete oggi sarà un calcio in culo nella vostra vita di domani.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Anfangs haben diese Jungs nicht einmal eine Frage gestellt, weil sie Angst hatten, dass sie nicht die richtigen Worte dafür kennen. Und da hat er ihnen gesagt: Wenn ihr nicht mehr Wörter lernt, kommt ihr nicht weit. Jedes Wort, das ihr heute nicht lernt, wird morgen in eurem Leben ein Tritt in euren Hintern sein.</strong><br><br>Besonders gewöhnungsbedürftig für die Eltern in Barbiana war, dass er auch die Mädchen aus dem Dorf unterrichtete, erzählt Fiorella. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Fiorella 74</strong><br><strong>6 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Vi dicevano: Voi dovete imparare a cucinare, pulire, crescere e cercare un marito che ti mantenga. … Se poi voi deciderete di sposarvi, lo dovete fare per vostra scelta, no?</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Sie haben uns gesagt: Ihr müsst lernen zu kochen, zu putzen, Gemüse anzubauen und euch einen Ehemann zu suchen, der für euch sorgt. Dann kam Don Milani und sagte: Nein, ihr dürft nicht auf eure Eltern hören. Auch Eltern machen Fehler. Ihr müsst kluge, kultivierte, intelligente Mädchen werden, die in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Wenn ihr dann heiratet, dann müsst ihr das wirklich wollen. </strong><br><br>Dabei war anfangs keineswegs klar, dass das Dorf die Schule Don Milanis überhaupt annehmen würde. Sein Vorgänger hatte nämlich nicht das beste Verhältnis zu den Dorfbewohnern gehabt, erinnert sich Agostino Burberi. Auch er war einer der ersten Schüler der Schule von Barbiana. Und Messdiener beim alten Pfarrer.<br><br><strong>7 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>Tieni conto poi che quel vecchio io facevo il chierichetto, il parroco di prima. Per quello sono il primo ragazzo che lui incontrerà. … per dirti il distacco che c'era tra il parroco e il popolo.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Hier im Ort waren die meisten Kommunisten, 99 Prozent Kommunisten. Es gab nur zwei Familien, meine auch, die dem Pfarrer nahestanden. Verstehst du? Damit will ich dir sagen, welche Kluft damals zwischen dem Priester und dem Volk bestand.</strong><br><br>Dass Don Lorenzo Milani diese Kluft überwinden konnte, lag daran, wie er auf die Menschen zuging. Nämlich so, erinnert sich Fiorella.<br><br>Fiorella 74<br><strong>8 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Questo prete quando è venuto ci ha colto con un sorriso e ci ha detto, la mia casa è la vostra casa. Tutto condiviso tutto e ci ha amato tantissimo </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Dieser Priester, als er kam, hat uns mit einem Lächeln empfangen und uns gesagt: Mein Zuhause ist dein Zuhause. Er hat alles mit uns geteilt. Und er hat uns so sehr geliebt.</strong><br><br>Um diese Liebe geht es viel, wenn man mit den Ehemaligen spricht. Auch auf drei Fotos in der Ausstellung, die heute im alten Pfarrhaus zu besichtigen ist. Auf dem ersten ist ein Junge zu sehen, der in die Kamera strahlt. Das ist Marcellino. Auf dem zweiten sitzt dieser Marcellino auf dem Schoß von Don Milani, der seine Arme um ihn gelegt hat. Und auf dem dritten liegt Don Milani in einem Liegestuhl, weil es ihm wohl wegen seiner fortschreitenden Krankheit nicht gut geht, umarmt von Marcellino. Agostino erzählt. <br><br><strong>9 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>Lì in una casa, lei è arrivata questa famiglia che si chiamava pantaleone, che lui era marito e moglie, due ubriaconi. (…) L'ultimo era marcellino marcellino, aveva otto anni e non parlava.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>In ein Haus in Barbiana war die diese Familie gezogen, Pantaleone, das waren Mann und Frau, zwei, die immer betrunken waren, auch wenn Kinder unterwegs waren. Sie hatten acht Kinder. Das letzte war Marcellino. Und bis zu seinem achten Lebensjahr hatte er kein Wort gesprochen. </strong><br><br>Don Milani sei sich sicher gewesen, sagt Agostino, ihn eines Tages zum Sprechen zu bringen. Über Marcellinos erstes Wort werden verschiedene Geschichten in Barbiana erzählt. Gianpaolos geht so. Eines Tages sei Don Milani wie so oft, als es die Straße noch nicht gab, zu Fuß den langen Weg ins Tal gegangen, in Soutane und Bergschuhen, und habe für sich und auch für die Kinder Lebensmittel eingekauft. Als er mit zwei schweren Taschen zurückgekommen sei, habe Marcellino auf ihn gewartet und ihn am Ärmel gezupft. Don Milani habe absichtlich nicht reagiert. Marcellino habe nochmal gezupft. Und nochmal. Dann habe er schließlich auf eine der Taschen gezeigt und zu Don Milani gesagt: Ba-na-na. Als Gianpaolo das erzählt, dreht er sich weg, weil ihm die Tränen kommen. Sein ehemaliger Mitschüler Agostino kann das erklären. <br><br>84<br><strong>10 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>E come è riuscito? Con un grande amore, lui amava, ci amava la follia, erano i suoi figli. Va bene, aveva tutti i difetti che hanno i genitori. I loro figli sono i più belli, più bravi e i più buoni.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Und wie hat er das geschafft? Mit einer großen Liebe, er liebte uns wie verrückt, wir waren seine Kinder. Na gut, er machte auch den Fehler, den alle Eltern machen. Ihre Kinder sind die schönsten und die liebsten und die besten. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Die fortschreitende Krankheit war Leukämie. 1967, zwölf Jahre nach seiner Ankunft in Barbiana, stirbt Don Lorenzo Milani, im Alter von 44 Jahren. Kurz danach wird die Schule geschlossen. Der seinerzeit strafversetzte Priester ist heute weithin bekannt für seine „Schule von Barbiana“. Im Frühjahr 2024, zur Feier seines 100. Geburtstags, ist der italienische Staatspräsident Sergio Matarella ihm zu Ehren auf den Berg gekommen. Und schon ein paar Jahre vor ihm war Papst Franziskus hier an seinem Grab. Die Rede, die er dort gehalten hat, hat das italienische Fernsehen aufgezeichnet. Als sein Bischof ihn hierher geschickt hatte, sagt Papa Francesco, habe Don Milani das nicht als Strafe, sondern als Aufgabe verstanden. <br><br><strong>O-Ton Papst Franziskus</strong><br><strong>Ridare ai poveri la parola, perché senza la parola non c’è dignità e quindi neanche libertà e giustizia: questo insegna don Milani </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Den Armen das Wort wiedergeben, denn ohne das</strong><br><strong>Wort gibt es keine Würde und folglich auch keine Freiheit und Gerechtigkeit: das lehrt Don Milani. </strong><br><br>Begraben wurde Don Milani auf dem winzigen Friedhof hier oben, wie er es sich vor seinem Tod gewünscht hatte, bekleidet mit seinem Talar und mit seinen Bergschuhen, erzählt Gianpaolo noch. Als wir das Grab besuchen, stellen wir fest, dass es das letzte auf dem Friedhof ist. Nach seinem Tod sind die letzten Dorfbewohner weggezogen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Ihre Häuser sind heute Feriendomizile und stehen die meiste Zeit des Jahres leer. Im Unterschied zu Kirche und Pfarrhaus: Hier erhält die Stiftung Don Lorenzo Milani, die seine insgesamt 26 Schülerinnen und Schüler gegründet haben, die Erinnerung an ihn wach.<br><br></div>]]>
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      <pubDate>Sat, 16 May 2026 12:00:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Ein kleines Bergdorf in der Toskana. Ein Priester. Und eine Schule, die es eigentlich nicht geben durfte. Diese Folge zeigt, warum Lorenzo Milani bis heute als wichtige Figur für Bildung und gesellschaftlichen Wandel gilt. Eine Geschichte über Bildung, Mut und Widerstand.<br><br><br><strong>Barbiana in der Toskana</strong><br><strong>Wo der strafversetzte katholische Priester Lorenzo Milani unsterblich wurde</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Das Dorf Barbiana liegt weit oben in den Bergen in der Toskana in Italien, knapp 40 Kilometer nordöstlich von Florenz. Wahrscheinlich wäre es heute so gut wie unbekannt, wenn es nicht die „Schule von Barbiana“ gegeben hätte. Und den, der diese Schule sozusagen erfunden hat: der katholische Priester Lorenzo Milani. Weil er sich in den 1950er Jahren auf seiner ersten Stelle als Lehrer betätigt hatte, wurde er von der Kirche „strafversetzt“, so muss man es sagen. Wegen seiner Erfolge als Lehrer in Barbiana kommen heute der italienische Staatspräsident und sogar der Papst hierher, um ihn zu ehren. <br><br><strong>Beitrag</strong><br>Die Straße von Vicchio im Tal in das Bergdorf Barbiana zieht sich, es geht über viele Kurven steil nach oben, und auf dem letzten Kilometer ist sie so schmal, dass sich zwei Autos hier nicht begegnen sollten. Schon gar nicht im Winter, dann liegt hier nämlich Schnee. <br><br><strong>Atmo Kirchenglocke</strong><br><br>Oben angekommen endet die Straße vor der kleinen Kirche von Barbiana. Direkt daneben steht das alte Pfarrhaus, ein klein wenig abseits gibt es einen winzigen Friedhof. Die wenigen Häuser des Dorfes sind ein stückweit bergab im Wald versteckt. Barbiana liegt etwa 40 Kilometer von Florenz entfernt im äußersten Nordosten der Toskana. Viele Menschen kommen nicht hierher, wenn, dann vielleicht ein paar Bergwanderer. Oder Verehrer von Don Lorenzo Milani, der hier vor fast 80 Jahren katholischer Dorfpfarrer war und die „Schule von Barbiana“ gegründet hat.<br><br><strong>Kirchengesang</strong><br><br>Lorenzo Milani hatte 1955 die Stelle des Pfarrers in Barbiana übernommen. Sein Vorgänger war gestorben. Und auf die freie Stelle war er sozusagen strafversetzt worden. Er hatte nämlich vorher als Kaplan etwas getan, das nach Meinung seines Bischofs nicht zu den Aufgaben eines katholischen Seelsorgers gehöre Er hatte einfachen Arbeitern Lesen und Schreiben beigebracht. Weil sie nie eine Schule besucht und so keine Aussicht auf ein besseres Leben hatten, davon war er überzeugt. Das roch der katholischen Kirche damals zu sehr nach Kommunismus. Also beschloss sein Bischof, ihn ins Nirgendwo zu schicken, damit niemand je wieder von ihm hören würde. So erzählt es Fiorella Tagliaferri, nachdem sie uns begrüßt hat. Sie war eine der ersten Schülerinnen der Schule von Barbiana und ist in diesem Nirgendwo aufgewachsen, als Tochter von Kleinbauern, denen alles fehlte, wie sie sagt. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>1 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Proprio mancanza di cibo, mancanza di vestiti, mancanza di luce, acqua, strada. Nulla. C'era nulla, nulla, nulla. A quei tempi non c'era nulla, c'era proprio la povertà.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Da war einfach Mangel an Nahrung, Mangel an Kleidung, Mangel an Licht, Wasser, Straße. Nichts. Da war nichts, nichts, nichts. In dieser Zeit gab es hier nichts, es gab nur Armut. </strong><br><br>Statt in die Schule zu gehen, mussten die Kinder die meiste Zeit auf den winzigen Bauernhöfen ihrer Eltern arbeiten. Obwohl es eine Grundschule im Ort gab, erzählt Gianpoalo Bonini, ebenfalls Barbiana-Schüler. Er hat nach der Schule seine Mitschülerin Fiorella geheiratet, über 60 Jahre ist das her.<br><br><strong>2 O-Ton Gianpaolo Bonini/ Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Lassù c'era poco scuola, perché c'era sempre la neve. Non arrivavano mai gli insegnanti.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Da oben gab es wenig Schulunterricht, weil da immer Schnee lag. Und dann kamen die Lehrer nicht.&nbsp; </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>I nostri genitori non ci potevano insegnare quello che non sapevano nemmeno loro, erano poveri, analfabeti o semi analfabeti. Pertanto non ci potevano insegnare nell'uso della parola, né alzare la testa, né sentirsi uguale agli altri. Ci sent, ci facevano sentire inferiore.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Und unsere Eltern konnten uns auch nichts beibringen. Weil sie noch weniger wussten. Sie waren Analphabeten oder Halbanalphabeten. Deshalb konnten sie uns nicht lehren, wie man spricht, wie man den Kopf hebt, wie man sich anderen gleich fühlt. Sie gaben uns das Gefühl, minderwertig zu sein. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Anders als seine Vorgesetzen sich das gedacht hatten, macht Don Milani sein Pfarrhaus sofort zur Schule für die Dorfkinder. Hier stehen immer noch die Tische und Bänke, drumherum Regale mit Schulbüchern. Zu den ersten, die kamen, gehörten Fiorella und Gianpaolo. Unterricht gab es an sieben Tagen in der Woche, von morgens bis abends. Sogar an Weihnachten. Das Besondere an dieser Schule war: Es gab keine Lernfächer wie Schreiben oder Rechnen, erklärt Gianpaolo. Don Milani erklärte seinen Schülerinnen und Schülern vielmehr die Welt: wie eine Sonnenfinsternis funktioniert. Oder die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Oder er brachte ihnen Schwimmen bei. In den Hügel neben dem Pfarrhaus hat Don Milani mit den Kindern zusammen ein Schwimmbecken gebaut, etwa fünf Meter lang und sehr schmal, kein Swimmingpool.<br><br><strong>3 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br><strong>Una volta un ragazzo dice: Quella luce che si vede, (...)&nbsp; è stata emessa un milione di anni fa. …e ci facevano un corso perché quello che volevamo sapere sul cielo, sulla costellazione, sul l'universo. </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Einmal sagte ein Junge: „Das Licht, das dieser Stern ausstrahlt, ist eine Million Jahre alt. In Barbiana gab es kein Licht, darum konnte man die Sterne gut sehen. Ich habe zu Don Milani gesagt: Priore, das nicht möglich, oder? Er bat ein paar Experten von der Universität Florenz zu uns, und sie erklärten uns alles, was wir wissen wollten, über den Himmel, die Sternbilder und das über das Universum. </strong><br><br>Mit einer kleinen Gruppe hat er auch einmal die große Welt da unten im Tal besucht, eine Oper in der Mailänder Scala. Einen Jungen wollten die Ordner erst nicht hereinlassen, weil er keine Jacke trug. Don Milani musste erklären: Er besitzt keine Jacke. <br><br>Außerdem ging es Don Lorenzo Milani darum, den Kindern das beizubringen, was ihnen dabei nützlich sein konnte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn beispielsweise ein Klempner in den Ort kam, gab ihm Don Milani ein paar Jungs mit: Zeige ihnen, was dein Beruf ist, erinnert sich Gianpoalo. Im Pfarrhaus zeigt er uns die Werkstatt, die Don Milani hier eingerichtet hatte. In der brachte er vor allem den Jungen bei, was man mit verschiedenen Handwerken herstellen kann.&nbsp; <br><br><strong>4 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br><strong>Tutti i tavoli e tutte le panche che ci sono nell'Aula sono state fatte tutti dai ragazzi.</strong><br><strong>Su ci sono delle sedie saldate dai ragazzi. Fanno schifo, veramente brutte, però loro hanno imparato a saldare facendo un qualcosa. Sarà brutto, però la seconda volta che ne farai un'altra sarà migliore. </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Alle Tische und alle Bänke im Klassenzimmer sind von den Jungs gemacht. Und da oben stehen Stühle, die von den Jungen geschweißt wurden, vier oder fünf Stück. Sie sind hässlich, wirklich hässlich, aber sie haben gelernt, wie man schweißt. Beim zweiten Mal, wenn man es macht, wird es besser sein. </strong><br><br>Am wichtigsten war Don Lorenzo Milani die Sprache. <br><br><strong>5 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br>I<strong>nizialmente questi ragazzi non facevano nemmeno una domanda perché avevano paura di sbagliare la parola. Ogni parola che non imparerete oggi sarà un calcio in culo nella vostra vita di domani.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Anfangs haben diese Jungs nicht einmal eine Frage gestellt, weil sie Angst hatten, dass sie nicht die richtigen Worte dafür kennen. Und da hat er ihnen gesagt: Wenn ihr nicht mehr Wörter lernt, kommt ihr nicht weit. Jedes Wort, das ihr heute nicht lernt, wird morgen in eurem Leben ein Tritt in euren Hintern sein.</strong><br><br>Besonders gewöhnungsbedürftig für die Eltern in Barbiana war, dass er auch die Mädchen aus dem Dorf unterrichtete, erzählt Fiorella. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Fiorella 74</strong><br><strong>6 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Vi dicevano: Voi dovete imparare a cucinare, pulire, crescere e cercare un marito che ti mantenga. … Se poi voi deciderete di sposarvi, lo dovete fare per vostra scelta, no?</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Sie haben uns gesagt: Ihr müsst lernen zu kochen, zu putzen, Gemüse anzubauen und euch einen Ehemann zu suchen, der für euch sorgt. Dann kam Don Milani und sagte: Nein, ihr dürft nicht auf eure Eltern hören. Auch Eltern machen Fehler. Ihr müsst kluge, kultivierte, intelligente Mädchen werden, die in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Wenn ihr dann heiratet, dann müsst ihr das wirklich wollen. </strong><br><br>Dabei war anfangs keineswegs klar, dass das Dorf die Schule Don Milanis überhaupt annehmen würde. Sein Vorgänger hatte nämlich nicht das beste Verhältnis zu den Dorfbewohnern gehabt, erinnert sich Agostino Burberi. Auch er war einer der ersten Schüler der Schule von Barbiana. Und Messdiener beim alten Pfarrer.<br><br><strong>7 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>Tieni conto poi che quel vecchio io facevo il chierichetto, il parroco di prima. Per quello sono il primo ragazzo che lui incontrerà. … per dirti il distacco che c'era tra il parroco e il popolo.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Hier im Ort waren die meisten Kommunisten, 99 Prozent Kommunisten. Es gab nur zwei Familien, meine auch, die dem Pfarrer nahestanden. Verstehst du? Damit will ich dir sagen, welche Kluft damals zwischen dem Priester und dem Volk bestand.</strong><br><br>Dass Don Lorenzo Milani diese Kluft überwinden konnte, lag daran, wie er auf die Menschen zuging. Nämlich so, erinnert sich Fiorella.<br><br>Fiorella 74<br><strong>8 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Questo prete quando è venuto ci ha colto con un sorriso e ci ha detto, la mia casa è la vostra casa. Tutto condiviso tutto e ci ha amato tantissimo </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Dieser Priester, als er kam, hat uns mit einem Lächeln empfangen und uns gesagt: Mein Zuhause ist dein Zuhause. Er hat alles mit uns geteilt. Und er hat uns so sehr geliebt.</strong><br><br>Um diese Liebe geht es viel, wenn man mit den Ehemaligen spricht. Auch auf drei Fotos in der Ausstellung, die heute im alten Pfarrhaus zu besichtigen ist. Auf dem ersten ist ein Junge zu sehen, der in die Kamera strahlt. Das ist Marcellino. Auf dem zweiten sitzt dieser Marcellino auf dem Schoß von Don Milani, der seine Arme um ihn gelegt hat. Und auf dem dritten liegt Don Milani in einem Liegestuhl, weil es ihm wohl wegen seiner fortschreitenden Krankheit nicht gut geht, umarmt von Marcellino. Agostino erzählt. <br><br><strong>9 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>Lì in una casa, lei è arrivata questa famiglia che si chiamava pantaleone, che lui era marito e moglie, due ubriaconi. (…) L'ultimo era marcellino marcellino, aveva otto anni e non parlava.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>In ein Haus in Barbiana war die diese Familie gezogen, Pantaleone, das waren Mann und Frau, zwei, die immer betrunken waren, auch wenn Kinder unterwegs waren. Sie hatten acht Kinder. Das letzte war Marcellino. Und bis zu seinem achten Lebensjahr hatte er kein Wort gesprochen. </strong><br><br>Don Milani sei sich sicher gewesen, sagt Agostino, ihn eines Tages zum Sprechen zu bringen. Über Marcellinos erstes Wort werden verschiedene Geschichten in Barbiana erzählt. Gianpaolos geht so. Eines Tages sei Don Milani wie so oft, als es die Straße noch nicht gab, zu Fuß den langen Weg ins Tal gegangen, in Soutane und Bergschuhen, und habe für sich und auch für die Kinder Lebensmittel eingekauft. Als er mit zwei schweren Taschen zurückgekommen sei, habe Marcellino auf ihn gewartet und ihn am Ärmel gezupft. Don Milani habe absichtlich nicht reagiert. Marcellino habe nochmal gezupft. Und nochmal. Dann habe er schließlich auf eine der Taschen gezeigt und zu Don Milani gesagt: Ba-na-na. Als Gianpaolo das erzählt, dreht er sich weg, weil ihm die Tränen kommen. Sein ehemaliger Mitschüler Agostino kann das erklären. <br><br>84<br><strong>10 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>E come è riuscito? Con un grande amore, lui amava, ci amava la follia, erano i suoi figli. Va bene, aveva tutti i difetti che hanno i genitori. I loro figli sono i più belli, più bravi e i più buoni.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Und wie hat er das geschafft? Mit einer großen Liebe, er liebte uns wie verrückt, wir waren seine Kinder. Na gut, er machte auch den Fehler, den alle Eltern machen. Ihre Kinder sind die schönsten und die liebsten und die besten. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Die fortschreitende Krankheit war Leukämie. 1967, zwölf Jahre nach seiner Ankunft in Barbiana, stirbt Don Lorenzo Milani, im Alter von 44 Jahren. Kurz danach wird die Schule geschlossen. Der seinerzeit strafversetzte Priester ist heute weithin bekannt für seine „Schule von Barbiana“. Im Frühjahr 2024, zur Feier seines 100. Geburtstags, ist der italienische Staatspräsident Sergio Matarella ihm zu Ehren auf den Berg gekommen. Und schon ein paar Jahre vor ihm war Papst Franziskus hier an seinem Grab. Die Rede, die er dort gehalten hat, hat das italienische Fernsehen aufgezeichnet. Als sein Bischof ihn hierher geschickt hatte, sagt Papa Francesco, habe Don Milani das nicht als Strafe, sondern als Aufgabe verstanden. <br><br><strong>O-Ton Papst Franziskus</strong><br><strong>Ridare ai poveri la parola, perché senza la parola non c’è dignità e quindi neanche libertà e giustizia: questo insegna don Milani </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Den Armen das Wort wiedergeben, denn ohne das</strong><br><strong>Wort gibt es keine Würde und folglich auch keine Freiheit und Gerechtigkeit: das lehrt Don Milani. </strong><br><br>Begraben wurde Don Milani auf dem winzigen Friedhof hier oben, wie er es sich vor seinem Tod gewünscht hatte, bekleidet mit seinem Talar und mit seinen Bergschuhen, erzählt Gianpaolo noch. Als wir das Grab besuchen, stellen wir fest, dass es das letzte auf dem Friedhof ist. Nach seinem Tod sind die letzten Dorfbewohner weggezogen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Ihre Häuser sind heute Feriendomizile und stehen die meiste Zeit des Jahres leer. Im Unterschied zu Kirche und Pfarrhaus: Hier erhält die Stiftung Don Lorenzo Milani, die seine insgesamt 26 Schülerinnen und Schüler gegründet haben, die Erinnerung an ihn wach.<br><br></div>]]>
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      <itunes:title>Der ungehorsame Priester Lorenzo Milani OMG 10</itunes:title>
      <itunes:subtitle>Seine verbotene Schule von Barbiana</itunes:subtitle>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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        <![CDATA[<div>Ein kleines Bergdorf in der Toskana. Ein Priester. Und eine Schule, die es eigentlich nicht geben durfte. Diese Folge zeigt, warum Lorenzo Milani bis heute als wichtige Figur für Bildung und gesellschaftlichen Wandel gilt. Eine Geschichte über Bildung, Mut und Widerstand.<br><br><br><strong>Barbiana in der Toskana</strong><br><strong>Wo der strafversetzte katholische Priester Lorenzo Milani unsterblich wurde</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Das Dorf Barbiana liegt weit oben in den Bergen in der Toskana in Italien, knapp 40 Kilometer nordöstlich von Florenz. Wahrscheinlich wäre es heute so gut wie unbekannt, wenn es nicht die „Schule von Barbiana“ gegeben hätte. Und den, der diese Schule sozusagen erfunden hat: der katholische Priester Lorenzo Milani. Weil er sich in den 1950er Jahren auf seiner ersten Stelle als Lehrer betätigt hatte, wurde er von der Kirche „strafversetzt“, so muss man es sagen. Wegen seiner Erfolge als Lehrer in Barbiana kommen heute der italienische Staatspräsident und sogar der Papst hierher, um ihn zu ehren. <br><br><strong>Beitrag</strong><br>Die Straße von Vicchio im Tal in das Bergdorf Barbiana zieht sich, es geht über viele Kurven steil nach oben, und auf dem letzten Kilometer ist sie so schmal, dass sich zwei Autos hier nicht begegnen sollten. Schon gar nicht im Winter, dann liegt hier nämlich Schnee. <br><br><strong>Atmo Kirchenglocke</strong><br><br>Oben angekommen endet die Straße vor der kleinen Kirche von Barbiana. Direkt daneben steht das alte Pfarrhaus, ein klein wenig abseits gibt es einen winzigen Friedhof. Die wenigen Häuser des Dorfes sind ein stückweit bergab im Wald versteckt. Barbiana liegt etwa 40 Kilometer von Florenz entfernt im äußersten Nordosten der Toskana. Viele Menschen kommen nicht hierher, wenn, dann vielleicht ein paar Bergwanderer. Oder Verehrer von Don Lorenzo Milani, der hier vor fast 80 Jahren katholischer Dorfpfarrer war und die „Schule von Barbiana“ gegründet hat.<br><br><strong>Kirchengesang</strong><br><br>Lorenzo Milani hatte 1955 die Stelle des Pfarrers in Barbiana übernommen. Sein Vorgänger war gestorben. Und auf die freie Stelle war er sozusagen strafversetzt worden. Er hatte nämlich vorher als Kaplan etwas getan, das nach Meinung seines Bischofs nicht zu den Aufgaben eines katholischen Seelsorgers gehöre Er hatte einfachen Arbeitern Lesen und Schreiben beigebracht. Weil sie nie eine Schule besucht und so keine Aussicht auf ein besseres Leben hatten, davon war er überzeugt. Das roch der katholischen Kirche damals zu sehr nach Kommunismus. Also beschloss sein Bischof, ihn ins Nirgendwo zu schicken, damit niemand je wieder von ihm hören würde. So erzählt es Fiorella Tagliaferri, nachdem sie uns begrüßt hat. Sie war eine der ersten Schülerinnen der Schule von Barbiana und ist in diesem Nirgendwo aufgewachsen, als Tochter von Kleinbauern, denen alles fehlte, wie sie sagt. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>1 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Proprio mancanza di cibo, mancanza di vestiti, mancanza di luce, acqua, strada. Nulla. C'era nulla, nulla, nulla. A quei tempi non c'era nulla, c'era proprio la povertà.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Da war einfach Mangel an Nahrung, Mangel an Kleidung, Mangel an Licht, Wasser, Straße. Nichts. Da war nichts, nichts, nichts. In dieser Zeit gab es hier nichts, es gab nur Armut. </strong><br><br>Statt in die Schule zu gehen, mussten die Kinder die meiste Zeit auf den winzigen Bauernhöfen ihrer Eltern arbeiten. Obwohl es eine Grundschule im Ort gab, erzählt Gianpoalo Bonini, ebenfalls Barbiana-Schüler. Er hat nach der Schule seine Mitschülerin Fiorella geheiratet, über 60 Jahre ist das her.<br><br><strong>2 O-Ton Gianpaolo Bonini/ Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Lassù c'era poco scuola, perché c'era sempre la neve. Non arrivavano mai gli insegnanti.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Da oben gab es wenig Schulunterricht, weil da immer Schnee lag. Und dann kamen die Lehrer nicht.&nbsp; </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>I nostri genitori non ci potevano insegnare quello che non sapevano nemmeno loro, erano poveri, analfabeti o semi analfabeti. Pertanto non ci potevano insegnare nell'uso della parola, né alzare la testa, né sentirsi uguale agli altri. Ci sent, ci facevano sentire inferiore.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Und unsere Eltern konnten uns auch nichts beibringen. Weil sie noch weniger wussten. Sie waren Analphabeten oder Halbanalphabeten. Deshalb konnten sie uns nicht lehren, wie man spricht, wie man den Kopf hebt, wie man sich anderen gleich fühlt. Sie gaben uns das Gefühl, minderwertig zu sein. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Anders als seine Vorgesetzen sich das gedacht hatten, macht Don Milani sein Pfarrhaus sofort zur Schule für die Dorfkinder. Hier stehen immer noch die Tische und Bänke, drumherum Regale mit Schulbüchern. Zu den ersten, die kamen, gehörten Fiorella und Gianpaolo. Unterricht gab es an sieben Tagen in der Woche, von morgens bis abends. Sogar an Weihnachten. Das Besondere an dieser Schule war: Es gab keine Lernfächer wie Schreiben oder Rechnen, erklärt Gianpaolo. Don Milani erklärte seinen Schülerinnen und Schülern vielmehr die Welt: wie eine Sonnenfinsternis funktioniert. Oder die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Oder er brachte ihnen Schwimmen bei. In den Hügel neben dem Pfarrhaus hat Don Milani mit den Kindern zusammen ein Schwimmbecken gebaut, etwa fünf Meter lang und sehr schmal, kein Swimmingpool.<br><br><strong>3 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br><strong>Una volta un ragazzo dice: Quella luce che si vede, (...)&nbsp; è stata emessa un milione di anni fa. …e ci facevano un corso perché quello che volevamo sapere sul cielo, sulla costellazione, sul l'universo. </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Einmal sagte ein Junge: „Das Licht, das dieser Stern ausstrahlt, ist eine Million Jahre alt. In Barbiana gab es kein Licht, darum konnte man die Sterne gut sehen. Ich habe zu Don Milani gesagt: Priore, das nicht möglich, oder? Er bat ein paar Experten von der Universität Florenz zu uns, und sie erklärten uns alles, was wir wissen wollten, über den Himmel, die Sternbilder und das über das Universum. </strong><br><br>Mit einer kleinen Gruppe hat er auch einmal die große Welt da unten im Tal besucht, eine Oper in der Mailänder Scala. Einen Jungen wollten die Ordner erst nicht hereinlassen, weil er keine Jacke trug. Don Milani musste erklären: Er besitzt keine Jacke. <br><br>Außerdem ging es Don Lorenzo Milani darum, den Kindern das beizubringen, was ihnen dabei nützlich sein konnte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn beispielsweise ein Klempner in den Ort kam, gab ihm Don Milani ein paar Jungs mit: Zeige ihnen, was dein Beruf ist, erinnert sich Gianpoalo. Im Pfarrhaus zeigt er uns die Werkstatt, die Don Milani hier eingerichtet hatte. In der brachte er vor allem den Jungen bei, was man mit verschiedenen Handwerken herstellen kann.&nbsp; <br><br><strong>4 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br><strong>Tutti i tavoli e tutte le panche che ci sono nell'Aula sono state fatte tutti dai ragazzi.</strong><br><strong>Su ci sono delle sedie saldate dai ragazzi. Fanno schifo, veramente brutte, però loro hanno imparato a saldare facendo un qualcosa. Sarà brutto, però la seconda volta che ne farai un'altra sarà migliore. </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Alle Tische und alle Bänke im Klassenzimmer sind von den Jungs gemacht. Und da oben stehen Stühle, die von den Jungen geschweißt wurden, vier oder fünf Stück. Sie sind hässlich, wirklich hässlich, aber sie haben gelernt, wie man schweißt. Beim zweiten Mal, wenn man es macht, wird es besser sein. </strong><br><br>Am wichtigsten war Don Lorenzo Milani die Sprache. <br><br><strong>5 O-Ton Gianpaolo Bonini</strong><br>I<strong>nizialmente questi ragazzi non facevano nemmeno una domanda perché avevano paura di sbagliare la parola. Ogni parola che non imparerete oggi sarà un calcio in culo nella vostra vita di domani.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Anfangs haben diese Jungs nicht einmal eine Frage gestellt, weil sie Angst hatten, dass sie nicht die richtigen Worte dafür kennen. Und da hat er ihnen gesagt: Wenn ihr nicht mehr Wörter lernt, kommt ihr nicht weit. Jedes Wort, das ihr heute nicht lernt, wird morgen in eurem Leben ein Tritt in euren Hintern sein.</strong><br><br>Besonders gewöhnungsbedürftig für die Eltern in Barbiana war, dass er auch die Mädchen aus dem Dorf unterrichtete, erzählt Fiorella. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Fiorella 74</strong><br><strong>6 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Vi dicevano: Voi dovete imparare a cucinare, pulire, crescere e cercare un marito che ti mantenga. … Se poi voi deciderete di sposarvi, lo dovete fare per vostra scelta, no?</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Sie haben uns gesagt: Ihr müsst lernen zu kochen, zu putzen, Gemüse anzubauen und euch einen Ehemann zu suchen, der für euch sorgt. Dann kam Don Milani und sagte: Nein, ihr dürft nicht auf eure Eltern hören. Auch Eltern machen Fehler. Ihr müsst kluge, kultivierte, intelligente Mädchen werden, die in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Wenn ihr dann heiratet, dann müsst ihr das wirklich wollen. </strong><br><br>Dabei war anfangs keineswegs klar, dass das Dorf die Schule Don Milanis überhaupt annehmen würde. Sein Vorgänger hatte nämlich nicht das beste Verhältnis zu den Dorfbewohnern gehabt, erinnert sich Agostino Burberi. Auch er war einer der ersten Schüler der Schule von Barbiana. Und Messdiener beim alten Pfarrer.<br><br><strong>7 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>Tieni conto poi che quel vecchio io facevo il chierichetto, il parroco di prima. Per quello sono il primo ragazzo che lui incontrerà. … per dirti il distacco che c'era tra il parroco e il popolo.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Hier im Ort waren die meisten Kommunisten, 99 Prozent Kommunisten. Es gab nur zwei Familien, meine auch, die dem Pfarrer nahestanden. Verstehst du? Damit will ich dir sagen, welche Kluft damals zwischen dem Priester und dem Volk bestand.</strong><br><br>Dass Don Lorenzo Milani diese Kluft überwinden konnte, lag daran, wie er auf die Menschen zuging. Nämlich so, erinnert sich Fiorella.<br><br>Fiorella 74<br><strong>8 O-Ton Fiorella Tagliaferri</strong><br><strong>Questo prete quando è venuto ci ha colto con un sorriso e ci ha detto, la mia casa è la vostra casa. Tutto condiviso tutto e ci ha amato tantissimo </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Dieser Priester, als er kam, hat uns mit einem Lächeln empfangen und uns gesagt: Mein Zuhause ist dein Zuhause. Er hat alles mit uns geteilt. Und er hat uns so sehr geliebt.</strong><br><br>Um diese Liebe geht es viel, wenn man mit den Ehemaligen spricht. Auch auf drei Fotos in der Ausstellung, die heute im alten Pfarrhaus zu besichtigen ist. Auf dem ersten ist ein Junge zu sehen, der in die Kamera strahlt. Das ist Marcellino. Auf dem zweiten sitzt dieser Marcellino auf dem Schoß von Don Milani, der seine Arme um ihn gelegt hat. Und auf dem dritten liegt Don Milani in einem Liegestuhl, weil es ihm wohl wegen seiner fortschreitenden Krankheit nicht gut geht, umarmt von Marcellino. Agostino erzählt. <br><br><strong>9 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>Lì in una casa, lei è arrivata questa famiglia che si chiamava pantaleone, che lui era marito e moglie, due ubriaconi. (…) L'ultimo era marcellino marcellino, aveva otto anni e non parlava.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>In ein Haus in Barbiana war die diese Familie gezogen, Pantaleone, das waren Mann und Frau, zwei, die immer betrunken waren, auch wenn Kinder unterwegs waren. Sie hatten acht Kinder. Das letzte war Marcellino. Und bis zu seinem achten Lebensjahr hatte er kein Wort gesprochen. </strong><br><br>Don Milani sei sich sicher gewesen, sagt Agostino, ihn eines Tages zum Sprechen zu bringen. Über Marcellinos erstes Wort werden verschiedene Geschichten in Barbiana erzählt. Gianpaolos geht so. Eines Tages sei Don Milani wie so oft, als es die Straße noch nicht gab, zu Fuß den langen Weg ins Tal gegangen, in Soutane und Bergschuhen, und habe für sich und auch für die Kinder Lebensmittel eingekauft. Als er mit zwei schweren Taschen zurückgekommen sei, habe Marcellino auf ihn gewartet und ihn am Ärmel gezupft. Don Milani habe absichtlich nicht reagiert. Marcellino habe nochmal gezupft. Und nochmal. Dann habe er schließlich auf eine der Taschen gezeigt und zu Don Milani gesagt: Ba-na-na. Als Gianpaolo das erzählt, dreht er sich weg, weil ihm die Tränen kommen. Sein ehemaliger Mitschüler Agostino kann das erklären. <br><br>84<br><strong>10 O-Ton Agostino Burberi</strong><br><strong>E come è riuscito? Con un grande amore, lui amava, ci amava la follia, erano i suoi figli. Va bene, aveva tutti i difetti che hanno i genitori. I loro figli sono i più belli, più bravi e i più buoni.</strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Und wie hat er das geschafft? Mit einer großen Liebe, er liebte uns wie verrückt, wir waren seine Kinder. Na gut, er machte auch den Fehler, den alle Eltern machen. Ihre Kinder sind die schönsten und die liebsten und die besten. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Die fortschreitende Krankheit war Leukämie. 1967, zwölf Jahre nach seiner Ankunft in Barbiana, stirbt Don Lorenzo Milani, im Alter von 44 Jahren. Kurz danach wird die Schule geschlossen. Der seinerzeit strafversetzte Priester ist heute weithin bekannt für seine „Schule von Barbiana“. Im Frühjahr 2024, zur Feier seines 100. Geburtstags, ist der italienische Staatspräsident Sergio Matarella ihm zu Ehren auf den Berg gekommen. Und schon ein paar Jahre vor ihm war Papst Franziskus hier an seinem Grab. Die Rede, die er dort gehalten hat, hat das italienische Fernsehen aufgezeichnet. Als sein Bischof ihn hierher geschickt hatte, sagt Papa Francesco, habe Don Milani das nicht als Strafe, sondern als Aufgabe verstanden. <br><br><strong>O-Ton Papst Franziskus</strong><br><strong>Ridare ai poveri la parola, perché senza la parola non c’è dignità e quindi neanche libertà e giustizia: questo insegna don Milani </strong><br><strong>Voice-over</strong><br><strong>Den Armen das Wort wiedergeben, denn ohne das</strong><br><strong>Wort gibt es keine Würde und folglich auch keine Freiheit und Gerechtigkeit: das lehrt Don Milani. </strong><br><br>Begraben wurde Don Milani auf dem winzigen Friedhof hier oben, wie er es sich vor seinem Tod gewünscht hatte, bekleidet mit seinem Talar und mit seinen Bergschuhen, erzählt Gianpaolo noch. Als wir das Grab besuchen, stellen wir fest, dass es das letzte auf dem Friedhof ist. Nach seinem Tod sind die letzten Dorfbewohner weggezogen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Ihre Häuser sind heute Feriendomizile und stehen die meiste Zeit des Jahres leer. Im Unterschied zu Kirche und Pfarrhaus: Hier erhält die Stiftung Don Lorenzo Milani, die seine insgesamt 26 Schülerinnen und Schüler gegründet haben, die Erinnerung an ihn wach.<br><br></div>]]>
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      <title>Radchampion Gino Bartali: Held oder nicht? OMG 09</title>
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        <![CDATA[<div>Gino Bartali war ein gefeierter Radsportheld. Während des Zweiten Weltkriegs half er heimlich dabei, jüdische Menschen zu retten und riskierte dabei sein eigenes Leben. Eine Geschichte über Mut, Risiko und Zivilcourage.<br><br>Diese Geschichte hatte ich für den Deutschlandfunk erzählt. Link auf den Beitrag im Deutschlandfunk-Archiv: <br><a href="https://www.deutschlandfunk.de/radrennfahrer-und-fluchthelfer-gino-bartali-held-oder-erfindung-dlf-256f7012-100.html">https://www.deutschlandfunk.de/radrennfahrer-und-fluchthelfer-gino-bartali-held-oder-erfindung-dlf-256f7012-100.html</a><br><br><strong>War Gino Bartali ein Held oder nicht?</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Gino Bartali war ein berühmter italienischer Radrennfahrer. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs hatte er schon zweimal die Tour de France und einmal den Giro d’Italia gewonnen. Nach seinem Tod im Jahr 2000 wurde er noch berühmter. Man erfuhr, dass Bartali In der Zeit der deutschen Besatzung Mitglied einer katholischen Widerstandsgruppe war, die verfolgten Juden zur Flucht verhalf. 13 Jahre nach seinem Tod wurde er dafür von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „ Gerechter unter den Völkern“ geehrt. 2018 startete der Giro d’Italia erstmals in seiner 101-jährigen Geschichte außerhalb Europas: Die erste Etappe fand in Jerusalem statt und war Bartali gewidmet. Bei dieser Gelegenheit wurde Bartali posthum die israelische Staatsbürgerschaft verliehen. Seit wenigen Jahren halten italienische Historiker den Bartali-Mythos aber für erfunden. Ein Beitrag von Bernd Geisen. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br>Gino Bartali ist in Italien eine Legende. Das war er schon in seiner aktiven Zeit im letzten Jahrhundert. Warum man den Radrennfahrer in Italien so verehrt, könne man nur verstehen, wenn man wisse, wie Italiener in Sachen Sport ticken. Sagt Alberto Tenan. Er ist&nbsp; promovierter Historiker und Italienisch-Lehrer in Berlin. Und Bartaliano, wie er sagt, also Bartali-Fan. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 1</strong><br><strong>Radsport war in den Dreißiger-, Vierziger-, Fünfzigerjahren populär in Italien wie Fußball.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Wie Fußball HEUTE, meint er. Und das muss man erst mal schaffen. Gino Bartali war aber nicht nur ein populärer Sportsmann. Er war auch ein mutiger Katholik in der Zeit des Faschismus in Italien. Als er 1938 die Tour des France gewonnen hatte und auf dem Siegertreppchen in Paris stand, erwartete man vom ihm auch eine Grußadresse an den Duce Benito Mussolini.<br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 2</strong><br><strong>Bartali kam (…) dann am Ende vor die Leute, er sagt: Ich muss eine sehr wichtige Person grüßen. Alle haben gedacht, dass er jetzt sagt Mussolini. Und er hat angefangen und gesagt: Sei gegrüßt Maria. </strong><br><br>Der gläubige Radrennfahrer kam irgendwann in Kontakt mit dem katholischen Widerstand in der Toskana. Der Erzbischof von Florenz, Elia Dalla Costa, und der Rabbiner von Florenz, Nathan Cassuto, hatten ein Rettungsnetz geschaffen, um verfolgten Juden zu helfen. Erzbischof Dalla Costa war es dann, so heißt es, der Gino Bartali dazu brachte, dieses Rettungsnetz als Kurier zu unterstützen.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 3</strong><br><strong>&nbsp;(…) Mit der Ausrede, sich z u trainieren, hat er zum Beispiel Dokumente (…) durch Italien gebracht mit dem Fahrrad. </strong><br><strong>(…) Damit die Juden Nord- und Mittelitalien verlassen und Süditalien erreichen, wo die Alliierten schon da waren. </strong><br><br>Bei seinen Kurierfahren mit dem Rad hat er Passfotos, gefälschte Ausweise oder Passagierscheine transportiert, um Juden zu einer neuen Identität und zur Flucht zu verhelfen. Versteckt waren alle Dokumente in der Sattelstange seines Rads. Damit fuhr Bartali durch die von der Wehrmacht besetzte Toskana hin und her, zwischen Florenz, wo er wohnte, und Genua, Lucca, Certosa. Und immer wieder zwischen Florenz und Assisi, das fast 180 Kilometer von Florenz entfernt ist. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 5</strong><br><strong>&nbsp;(…) Für einen Sieger, einen Meister, der einen Giro d’Italia und zweimal die Tour de France gewonnen hat, war das kein Problem, Florenz–Assisi zu machen in einem Tag.</strong><br>Assisi hat mehrere Gründe. Nicht nur in Rom, aber in ganz Mittelitalien hatte der Vatikan und die Katholische Kirche in Netz organisiert, um die Juden zu retten.<br><strong>&nbsp;(…) In Assisi war der Bischof Monsignore Nicolini, (…)&nbsp; ein Freund von Bartali, und konnte sehr gut Juden verstecken. Es waren viele Klöster in Assisi. Und Assisi hatte eine gute Lage, weil, da konnte die Schmuggler aus den Abruzzen kommen und dann die Juden nach Süditalien begleiten. </strong><br><br>Es wird geschätzt, dass Bartali durch seine Fahrten mindestens 800 Juden vor der Deportation und Ermordung gerettet hat. Nach seinem Tod im Jahr 2000 verlieh ihm der italienische Staatspräsident Carlo Ciampi 2005 posthum die goldene Ehrenmedaille für seinen humanitären Einsatz. 2013 wurde er von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yad_Vashem">Yad Vashem</a> als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, für seine Beteiligung an der Rettung verfolgter italienischer Juden während des 2.&nbsp; Weltkriegs. Seine Rettungsfahrten haben Gino Bartali in Italien den Beinamen „Radelnder Oskar Schindler“ eingebracht. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Im Jahr 2020 veröffentlichte dann Michele Sfarlatti, damals Direktor des Dokumentationszentrums zu jüdischer Zeitgeschichte in Mailand, seine Zweifel an der Legende vom radelnden Oskar Schindler. Bartalis Heldengeschichte stamme aus einem Buch aus dem Jahr 1978. Geschrieben hatte das Alexander Ramati, ein international tätiger Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent. Das Ganze war ein Bericht über die Hilfe für verfolgte Juden aus der Sicht eines Paters aus Assisi, Rufino Niccacci. Den hat es tatsächlich gegeben. In diesem Bericht seien Bartalis Name und seine Rettungsfahrten das erste Mal erwähnt worden. Außerdem enthalte er viele historische Fehler. Drittens deuteten die Aussagen ehemaliger Protagonisten des katholischen Widerstands in der Toskana eher auf einen gewissen Mario Finzi hin: Der soll als Kurier unterwegs gewesen sein. Finzi wurde im April 1944 in Bologna verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort getötet. Und nicht zu vergessen habe auch Aldo Brunacci, der in Assisi dafür zuständig gewesen war, Verstecke für Juden in den Klöstern der Stadt einzurichten und gefälschte Dokumente zu organisieren, abgewunken, so Sfarlatti,. Das Buch von Ramati sei ein Roman. Der Autor habe sicherlich ein Drehbuch für einen Film im Sinn gehabt und die Rolle von Bartali als Kurier einfach erfunden. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Dieser Meinung sind auch Marco Pivato, Historiker, und sein Sohn Stefano Pivato, Wissenschaftsjournalist. Der Titel ihres Buches aus dem Jahr 2021 bringt ihre Einschätzung auf den Punkt: „Die Besessenheit von der Erinnerung. Bartali und die Rettung der Juden: eine erfundene Geschichte.“ Dabei stoßen sich die Pivatos wie auch Sfarlatti vor allem daran, dass es keine schriftlichen Belege für Bartalis Rettungstaten gibt. Was nicht verwunderlich ist: Bartali hat angeblich nicht einmal über seine Aktivitäten GESPROCHEN. Auf eine Frage seiner Enkelin soll er dazu später gesagt haben: „Gutes tut man und spricht nicht darüber“. Niemand habe deshalb zu seiner Zeit etwas von seinen Rettungsfahrten gewusst: Davon ist auch Alberto Tenan überzeugt:<br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 6</strong><br><strong>In seiner Familie niemand. Sogar die Frau nicht, in der Zeit. </strong><br><br>Grund dafür ist für Alberto Tenan dabei nicht allein das, was man vielleicht mit „Bescheidenheit“ oder „Anstand“ umschreiben könnte. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 7</strong><br><strong>Auch aufgrund der Sicherheitsgründe. Niemand musste das wissen. Je weniger Leute, desto besser.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Heute kennt jeder die Geschichte von Gino Bartali. Vor allem auch deswegen, weil es Zeitzeugen gibt, die Bartalis Rettungstaten betätigen. Beispielsweise Giorgio&nbsp; Goldenberg. Dessen Zeugenaussage hat die US-amerikanische Stiftung zur Aufarbeitung der Rolle Italiens bei der Judenverfolgung aufgezeichnet. Sie ist im Internet zu sehen. <br><br><strong>O-Ton Giorgio Goldenstein</strong><br>When I went to school that day I saw my teacher telling the principal that I am a Jew. This child he's a Jew. And then the principal came to me together with a policeman. And they told me that from that moment, I am expelled from the school and I have to go home. (...) My father was a friend of Gino Bartali. And he told Bartali that he is looking for a place to hide. And Bartali hid my father, my mother and my sister in the basement in his house. Inspite of knowing that the Germans were killing everybody who was hiding a Jew. <br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Als ich an einem Tag zur Schule ging, sah ich, wie meine Lehrerin dem Direktor sagte, dass ich Jude sei. Und dann kam der Direktor zusammen mit einem Polizisten zu mir. Und sie sagten mir, dass ich von diesem Moment an von der Schule verwiesen werde und nach Hause gehen muss. Mein Vater war ein Freund von Gino Bartali. Und er sagte Bartali, dass er ein Versteck sucht. Und Bartali versteckte meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester in einem Keller seines Hauses. Obwohl er wusste, dass die Deutschen jeden töteten, der einen Juden versteckte. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Eine ganze Reihe von Zeitzeugen haben die Gedenkstätte Yad Vashem davon überzeugt, dass die Rettungstaten von Gino Bartali tatsächlich stattgefunden haben. Auf die Nachfrage, was man von der Einschätzung der italienischen Historiker halte, kam von Yad Vashem folgende Antwort: Man beurteile andere Forschungsinstitute nicht. Yad Vashem stütze sich bei allen Entscheidungen stets auf die Aussagen von Überlebenden und nicht auf akademische Werke. Und man habe festgestellt. dass Bartali sehr stark in die Rettungsbemühungen des Netzwerks von Kardinal Dalla Costa in Florenz involviert war. Das belegten Zeugenaussagen von Personen, die seine Hilfe in Anspruch nahmen. <br><strong>&nbsp;</strong><br>Zeitzeugen seinen zwar wichtig, räumt Michele Sfarlatti ein, reichten aber – auch&nbsp; im Fall Bartali - nicht aus. Erinnerungen seien ein lebendiger Organismus, der sich mit der Zeit verändere und trügerisch sein könne. Auch sein Nachfolger im Amt als Direktor des Dokumentationszentrums jüdischer Zeitgeschichte in Mailand, Gadii Luzzatto Voghera, sieht das so. <br><br><strong>O-Ton Gadi Luzzatto Voghera</strong><br>Le considerazioni di Michele Sarfatti, sia le tesi proposte dal libro di Stefano privato e Marco privato l'ossessione della memoria ci sembrano molto attendibili, avendo documentato altre testimonianze di seconda o di terza mano, non sembrano supportate da sufficiente documentazione.<br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Die Überlegungen von Michele Sarfatti als auch die Thesen in dem Buch von Stefano Pivato und Marco Pivato scheinen sehr zuverlässig und gut dokumentiert zu sein. Andere Berichte aus zweiter und dritter Hand scheinen nicht ausreichend dokumentiert zu sein.</strong><br><br>Was er denn von den Rechercheergebnissen von Yad Vashem halte? Dazu wollte sich Gadi Luzzatto Voghera ebenfalls nicht äußern. Ob er persönlich denn glaube, dass die Rettungsgeschichte von Gino Bartali tatsächlich erfunden ist?<br><br><strong>O-Ton Gadi Luzzatto Voghera</strong><br>Non concordo con la parola inventata un'invenzione prevede un atto cosciente e creativo di uno o più persone che a tavolino si mettono a costruire qualcosa di completamente nuovo e inedito. Nel caso di Bartali credo più semplicemente che si tratti di un racconto che si è formato nel tempo arricchendosi di particolari, una narrazione che è diventata reale già solo per il fatto che è stata raccontata. <br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Ich bin mit dem Wort "erfunden" nicht einverstanden. Eine Erfindung ist ein bewusster und schöpferischer Akt. Im Fall von Bartali glaube ich eher, dass es sich um eine Erzählung handelt, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet und mit Details angereichert hat, eine Erzählung, die allein durch die Tatsache, dass sie erzählt wurde, real geworden ist. </strong><br><br>Was ist denn nun die Realität? Mehr als wahrscheinlich ist, dass Gino Bartali tatsächlich ein Retter verfolgter Juden war und darum „Gerechter unter den Völkern“ ist. Wobei man möglicherweise einige Details der Geschichte, die man sich über ihn erzählt, dazugedichtet hat. Könnte sein. Wie auch immer: Das Magazin Der Spiegel hat die Person Gino Bartali einmal sehr kurz und sehr schön beschrieben: Beine aus Stahl, Herz aus Gold.&nbsp;<br><br></div>]]>
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      <pubDate>Sat, 02 May 2026 12:00:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Gino Bartali war ein gefeierter Radsportheld. Während des Zweiten Weltkriegs half er heimlich dabei, jüdische Menschen zu retten und riskierte dabei sein eigenes Leben. Eine Geschichte über Mut, Risiko und Zivilcourage.<br><br>Diese Geschichte hatte ich für den Deutschlandfunk erzählt. Link auf den Beitrag im Deutschlandfunk-Archiv: <br><a href="https://www.deutschlandfunk.de/radrennfahrer-und-fluchthelfer-gino-bartali-held-oder-erfindung-dlf-256f7012-100.html">https://www.deutschlandfunk.de/radrennfahrer-und-fluchthelfer-gino-bartali-held-oder-erfindung-dlf-256f7012-100.html</a><br><br><strong>War Gino Bartali ein Held oder nicht?</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Gino Bartali war ein berühmter italienischer Radrennfahrer. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs hatte er schon zweimal die Tour de France und einmal den Giro d’Italia gewonnen. Nach seinem Tod im Jahr 2000 wurde er noch berühmter. Man erfuhr, dass Bartali In der Zeit der deutschen Besatzung Mitglied einer katholischen Widerstandsgruppe war, die verfolgten Juden zur Flucht verhalf. 13 Jahre nach seinem Tod wurde er dafür von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „ Gerechter unter den Völkern“ geehrt. 2018 startete der Giro d’Italia erstmals in seiner 101-jährigen Geschichte außerhalb Europas: Die erste Etappe fand in Jerusalem statt und war Bartali gewidmet. Bei dieser Gelegenheit wurde Bartali posthum die israelische Staatsbürgerschaft verliehen. Seit wenigen Jahren halten italienische Historiker den Bartali-Mythos aber für erfunden. Ein Beitrag von Bernd Geisen. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br>Gino Bartali ist in Italien eine Legende. Das war er schon in seiner aktiven Zeit im letzten Jahrhundert. Warum man den Radrennfahrer in Italien so verehrt, könne man nur verstehen, wenn man wisse, wie Italiener in Sachen Sport ticken. Sagt Alberto Tenan. Er ist&nbsp; promovierter Historiker und Italienisch-Lehrer in Berlin. Und Bartaliano, wie er sagt, also Bartali-Fan. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 1</strong><br><strong>Radsport war in den Dreißiger-, Vierziger-, Fünfzigerjahren populär in Italien wie Fußball.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Wie Fußball HEUTE, meint er. Und das muss man erst mal schaffen. Gino Bartali war aber nicht nur ein populärer Sportsmann. Er war auch ein mutiger Katholik in der Zeit des Faschismus in Italien. Als er 1938 die Tour des France gewonnen hatte und auf dem Siegertreppchen in Paris stand, erwartete man vom ihm auch eine Grußadresse an den Duce Benito Mussolini.<br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 2</strong><br><strong>Bartali kam (…) dann am Ende vor die Leute, er sagt: Ich muss eine sehr wichtige Person grüßen. Alle haben gedacht, dass er jetzt sagt Mussolini. Und er hat angefangen und gesagt: Sei gegrüßt Maria. </strong><br><br>Der gläubige Radrennfahrer kam irgendwann in Kontakt mit dem katholischen Widerstand in der Toskana. Der Erzbischof von Florenz, Elia Dalla Costa, und der Rabbiner von Florenz, Nathan Cassuto, hatten ein Rettungsnetz geschaffen, um verfolgten Juden zu helfen. Erzbischof Dalla Costa war es dann, so heißt es, der Gino Bartali dazu brachte, dieses Rettungsnetz als Kurier zu unterstützen.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 3</strong><br><strong>&nbsp;(…) Mit der Ausrede, sich z u trainieren, hat er zum Beispiel Dokumente (…) durch Italien gebracht mit dem Fahrrad. </strong><br><strong>(…) Damit die Juden Nord- und Mittelitalien verlassen und Süditalien erreichen, wo die Alliierten schon da waren. </strong><br><br>Bei seinen Kurierfahren mit dem Rad hat er Passfotos, gefälschte Ausweise oder Passagierscheine transportiert, um Juden zu einer neuen Identität und zur Flucht zu verhelfen. Versteckt waren alle Dokumente in der Sattelstange seines Rads. Damit fuhr Bartali durch die von der Wehrmacht besetzte Toskana hin und her, zwischen Florenz, wo er wohnte, und Genua, Lucca, Certosa. Und immer wieder zwischen Florenz und Assisi, das fast 180 Kilometer von Florenz entfernt ist. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 5</strong><br><strong>&nbsp;(…) Für einen Sieger, einen Meister, der einen Giro d’Italia und zweimal die Tour de France gewonnen hat, war das kein Problem, Florenz–Assisi zu machen in einem Tag.</strong><br>Assisi hat mehrere Gründe. Nicht nur in Rom, aber in ganz Mittelitalien hatte der Vatikan und die Katholische Kirche in Netz organisiert, um die Juden zu retten.<br><strong>&nbsp;(…) In Assisi war der Bischof Monsignore Nicolini, (…)&nbsp; ein Freund von Bartali, und konnte sehr gut Juden verstecken. Es waren viele Klöster in Assisi. Und Assisi hatte eine gute Lage, weil, da konnte die Schmuggler aus den Abruzzen kommen und dann die Juden nach Süditalien begleiten. </strong><br><br>Es wird geschätzt, dass Bartali durch seine Fahrten mindestens 800 Juden vor der Deportation und Ermordung gerettet hat. Nach seinem Tod im Jahr 2000 verlieh ihm der italienische Staatspräsident Carlo Ciampi 2005 posthum die goldene Ehrenmedaille für seinen humanitären Einsatz. 2013 wurde er von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yad_Vashem">Yad Vashem</a> als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, für seine Beteiligung an der Rettung verfolgter italienischer Juden während des 2.&nbsp; Weltkriegs. Seine Rettungsfahrten haben Gino Bartali in Italien den Beinamen „Radelnder Oskar Schindler“ eingebracht. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Im Jahr 2020 veröffentlichte dann Michele Sfarlatti, damals Direktor des Dokumentationszentrums zu jüdischer Zeitgeschichte in Mailand, seine Zweifel an der Legende vom radelnden Oskar Schindler. Bartalis Heldengeschichte stamme aus einem Buch aus dem Jahr 1978. Geschrieben hatte das Alexander Ramati, ein international tätiger Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent. Das Ganze war ein Bericht über die Hilfe für verfolgte Juden aus der Sicht eines Paters aus Assisi, Rufino Niccacci. Den hat es tatsächlich gegeben. In diesem Bericht seien Bartalis Name und seine Rettungsfahrten das erste Mal erwähnt worden. Außerdem enthalte er viele historische Fehler. Drittens deuteten die Aussagen ehemaliger Protagonisten des katholischen Widerstands in der Toskana eher auf einen gewissen Mario Finzi hin: Der soll als Kurier unterwegs gewesen sein. Finzi wurde im April 1944 in Bologna verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort getötet. Und nicht zu vergessen habe auch Aldo Brunacci, der in Assisi dafür zuständig gewesen war, Verstecke für Juden in den Klöstern der Stadt einzurichten und gefälschte Dokumente zu organisieren, abgewunken, so Sfarlatti,. Das Buch von Ramati sei ein Roman. Der Autor habe sicherlich ein Drehbuch für einen Film im Sinn gehabt und die Rolle von Bartali als Kurier einfach erfunden. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Dieser Meinung sind auch Marco Pivato, Historiker, und sein Sohn Stefano Pivato, Wissenschaftsjournalist. Der Titel ihres Buches aus dem Jahr 2021 bringt ihre Einschätzung auf den Punkt: „Die Besessenheit von der Erinnerung. Bartali und die Rettung der Juden: eine erfundene Geschichte.“ Dabei stoßen sich die Pivatos wie auch Sfarlatti vor allem daran, dass es keine schriftlichen Belege für Bartalis Rettungstaten gibt. Was nicht verwunderlich ist: Bartali hat angeblich nicht einmal über seine Aktivitäten GESPROCHEN. Auf eine Frage seiner Enkelin soll er dazu später gesagt haben: „Gutes tut man und spricht nicht darüber“. Niemand habe deshalb zu seiner Zeit etwas von seinen Rettungsfahrten gewusst: Davon ist auch Alberto Tenan überzeugt:<br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 6</strong><br><strong>In seiner Familie niemand. Sogar die Frau nicht, in der Zeit. </strong><br><br>Grund dafür ist für Alberto Tenan dabei nicht allein das, was man vielleicht mit „Bescheidenheit“ oder „Anstand“ umschreiben könnte. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 7</strong><br><strong>Auch aufgrund der Sicherheitsgründe. Niemand musste das wissen. Je weniger Leute, desto besser.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Heute kennt jeder die Geschichte von Gino Bartali. Vor allem auch deswegen, weil es Zeitzeugen gibt, die Bartalis Rettungstaten betätigen. Beispielsweise Giorgio&nbsp; Goldenberg. Dessen Zeugenaussage hat die US-amerikanische Stiftung zur Aufarbeitung der Rolle Italiens bei der Judenverfolgung aufgezeichnet. Sie ist im Internet zu sehen. <br><br><strong>O-Ton Giorgio Goldenstein</strong><br>When I went to school that day I saw my teacher telling the principal that I am a Jew. This child he's a Jew. And then the principal came to me together with a policeman. And they told me that from that moment, I am expelled from the school and I have to go home. (...) My father was a friend of Gino Bartali. And he told Bartali that he is looking for a place to hide. And Bartali hid my father, my mother and my sister in the basement in his house. Inspite of knowing that the Germans were killing everybody who was hiding a Jew. <br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Als ich an einem Tag zur Schule ging, sah ich, wie meine Lehrerin dem Direktor sagte, dass ich Jude sei. Und dann kam der Direktor zusammen mit einem Polizisten zu mir. Und sie sagten mir, dass ich von diesem Moment an von der Schule verwiesen werde und nach Hause gehen muss. Mein Vater war ein Freund von Gino Bartali. Und er sagte Bartali, dass er ein Versteck sucht. Und Bartali versteckte meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester in einem Keller seines Hauses. Obwohl er wusste, dass die Deutschen jeden töteten, der einen Juden versteckte. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Eine ganze Reihe von Zeitzeugen haben die Gedenkstätte Yad Vashem davon überzeugt, dass die Rettungstaten von Gino Bartali tatsächlich stattgefunden haben. Auf die Nachfrage, was man von der Einschätzung der italienischen Historiker halte, kam von Yad Vashem folgende Antwort: Man beurteile andere Forschungsinstitute nicht. Yad Vashem stütze sich bei allen Entscheidungen stets auf die Aussagen von Überlebenden und nicht auf akademische Werke. Und man habe festgestellt. dass Bartali sehr stark in die Rettungsbemühungen des Netzwerks von Kardinal Dalla Costa in Florenz involviert war. Das belegten Zeugenaussagen von Personen, die seine Hilfe in Anspruch nahmen. <br><strong>&nbsp;</strong><br>Zeitzeugen seinen zwar wichtig, räumt Michele Sfarlatti ein, reichten aber – auch&nbsp; im Fall Bartali - nicht aus. Erinnerungen seien ein lebendiger Organismus, der sich mit der Zeit verändere und trügerisch sein könne. Auch sein Nachfolger im Amt als Direktor des Dokumentationszentrums jüdischer Zeitgeschichte in Mailand, Gadii Luzzatto Voghera, sieht das so. <br><br><strong>O-Ton Gadi Luzzatto Voghera</strong><br>Le considerazioni di Michele Sarfatti, sia le tesi proposte dal libro di Stefano privato e Marco privato l'ossessione della memoria ci sembrano molto attendibili, avendo documentato altre testimonianze di seconda o di terza mano, non sembrano supportate da sufficiente documentazione.<br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Die Überlegungen von Michele Sarfatti als auch die Thesen in dem Buch von Stefano Pivato und Marco Pivato scheinen sehr zuverlässig und gut dokumentiert zu sein. Andere Berichte aus zweiter und dritter Hand scheinen nicht ausreichend dokumentiert zu sein.</strong><br><br>Was er denn von den Rechercheergebnissen von Yad Vashem halte? Dazu wollte sich Gadi Luzzatto Voghera ebenfalls nicht äußern. Ob er persönlich denn glaube, dass die Rettungsgeschichte von Gino Bartali tatsächlich erfunden ist?<br><br><strong>O-Ton Gadi Luzzatto Voghera</strong><br>Non concordo con la parola inventata un'invenzione prevede un atto cosciente e creativo di uno o più persone che a tavolino si mettono a costruire qualcosa di completamente nuovo e inedito. Nel caso di Bartali credo più semplicemente che si tratti di un racconto che si è formato nel tempo arricchendosi di particolari, una narrazione che è diventata reale già solo per il fatto che è stata raccontata. <br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Ich bin mit dem Wort "erfunden" nicht einverstanden. Eine Erfindung ist ein bewusster und schöpferischer Akt. Im Fall von Bartali glaube ich eher, dass es sich um eine Erzählung handelt, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet und mit Details angereichert hat, eine Erzählung, die allein durch die Tatsache, dass sie erzählt wurde, real geworden ist. </strong><br><br>Was ist denn nun die Realität? Mehr als wahrscheinlich ist, dass Gino Bartali tatsächlich ein Retter verfolgter Juden war und darum „Gerechter unter den Völkern“ ist. Wobei man möglicherweise einige Details der Geschichte, die man sich über ihn erzählt, dazugedichtet hat. Könnte sein. Wie auch immer: Das Magazin Der Spiegel hat die Person Gino Bartali einmal sehr kurz und sehr schön beschrieben: Beine aus Stahl, Herz aus Gold.&nbsp;<br><br></div>]]>
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      <itunes:title>Radchampion Gino Bartali: Held oder nicht? OMG 09</itunes:title>
      <itunes:subtitle>Der Radprofi, der im Krieg heimlich Leben rettete</itunes:subtitle>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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        <![CDATA[<div>Gino Bartali war ein gefeierter Radsportheld. Während des Zweiten Weltkriegs half er heimlich dabei, jüdische Menschen zu retten und riskierte dabei sein eigenes Leben. Eine Geschichte über Mut, Risiko und Zivilcourage.<br><br>Diese Geschichte hatte ich für den Deutschlandfunk erzählt. Link auf den Beitrag im Deutschlandfunk-Archiv: <br><a href="https://www.deutschlandfunk.de/radrennfahrer-und-fluchthelfer-gino-bartali-held-oder-erfindung-dlf-256f7012-100.html">https://www.deutschlandfunk.de/radrennfahrer-und-fluchthelfer-gino-bartali-held-oder-erfindung-dlf-256f7012-100.html</a><br><br><strong>War Gino Bartali ein Held oder nicht?</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Gino Bartali war ein berühmter italienischer Radrennfahrer. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs hatte er schon zweimal die Tour de France und einmal den Giro d’Italia gewonnen. Nach seinem Tod im Jahr 2000 wurde er noch berühmter. Man erfuhr, dass Bartali In der Zeit der deutschen Besatzung Mitglied einer katholischen Widerstandsgruppe war, die verfolgten Juden zur Flucht verhalf. 13 Jahre nach seinem Tod wurde er dafür von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „ Gerechter unter den Völkern“ geehrt. 2018 startete der Giro d’Italia erstmals in seiner 101-jährigen Geschichte außerhalb Europas: Die erste Etappe fand in Jerusalem statt und war Bartali gewidmet. Bei dieser Gelegenheit wurde Bartali posthum die israelische Staatsbürgerschaft verliehen. Seit wenigen Jahren halten italienische Historiker den Bartali-Mythos aber für erfunden. Ein Beitrag von Bernd Geisen. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br>Gino Bartali ist in Italien eine Legende. Das war er schon in seiner aktiven Zeit im letzten Jahrhundert. Warum man den Radrennfahrer in Italien so verehrt, könne man nur verstehen, wenn man wisse, wie Italiener in Sachen Sport ticken. Sagt Alberto Tenan. Er ist&nbsp; promovierter Historiker und Italienisch-Lehrer in Berlin. Und Bartaliano, wie er sagt, also Bartali-Fan. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 1</strong><br><strong>Radsport war in den Dreißiger-, Vierziger-, Fünfzigerjahren populär in Italien wie Fußball.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Wie Fußball HEUTE, meint er. Und das muss man erst mal schaffen. Gino Bartali war aber nicht nur ein populärer Sportsmann. Er war auch ein mutiger Katholik in der Zeit des Faschismus in Italien. Als er 1938 die Tour des France gewonnen hatte und auf dem Siegertreppchen in Paris stand, erwartete man vom ihm auch eine Grußadresse an den Duce Benito Mussolini.<br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 2</strong><br><strong>Bartali kam (…) dann am Ende vor die Leute, er sagt: Ich muss eine sehr wichtige Person grüßen. Alle haben gedacht, dass er jetzt sagt Mussolini. Und er hat angefangen und gesagt: Sei gegrüßt Maria. </strong><br><br>Der gläubige Radrennfahrer kam irgendwann in Kontakt mit dem katholischen Widerstand in der Toskana. Der Erzbischof von Florenz, Elia Dalla Costa, und der Rabbiner von Florenz, Nathan Cassuto, hatten ein Rettungsnetz geschaffen, um verfolgten Juden zu helfen. Erzbischof Dalla Costa war es dann, so heißt es, der Gino Bartali dazu brachte, dieses Rettungsnetz als Kurier zu unterstützen.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 3</strong><br><strong>&nbsp;(…) Mit der Ausrede, sich z u trainieren, hat er zum Beispiel Dokumente (…) durch Italien gebracht mit dem Fahrrad. </strong><br><strong>(…) Damit die Juden Nord- und Mittelitalien verlassen und Süditalien erreichen, wo die Alliierten schon da waren. </strong><br><br>Bei seinen Kurierfahren mit dem Rad hat er Passfotos, gefälschte Ausweise oder Passagierscheine transportiert, um Juden zu einer neuen Identität und zur Flucht zu verhelfen. Versteckt waren alle Dokumente in der Sattelstange seines Rads. Damit fuhr Bartali durch die von der Wehrmacht besetzte Toskana hin und her, zwischen Florenz, wo er wohnte, und Genua, Lucca, Certosa. Und immer wieder zwischen Florenz und Assisi, das fast 180 Kilometer von Florenz entfernt ist. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 5</strong><br><strong>&nbsp;(…) Für einen Sieger, einen Meister, der einen Giro d’Italia und zweimal die Tour de France gewonnen hat, war das kein Problem, Florenz–Assisi zu machen in einem Tag.</strong><br>Assisi hat mehrere Gründe. Nicht nur in Rom, aber in ganz Mittelitalien hatte der Vatikan und die Katholische Kirche in Netz organisiert, um die Juden zu retten.<br><strong>&nbsp;(…) In Assisi war der Bischof Monsignore Nicolini, (…)&nbsp; ein Freund von Bartali, und konnte sehr gut Juden verstecken. Es waren viele Klöster in Assisi. 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Seine Rettungsfahrten haben Gino Bartali in Italien den Beinamen „Radelnder Oskar Schindler“ eingebracht. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Im Jahr 2020 veröffentlichte dann Michele Sfarlatti, damals Direktor des Dokumentationszentrums zu jüdischer Zeitgeschichte in Mailand, seine Zweifel an der Legende vom radelnden Oskar Schindler. Bartalis Heldengeschichte stamme aus einem Buch aus dem Jahr 1978. Geschrieben hatte das Alexander Ramati, ein international tätiger Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent. Das Ganze war ein Bericht über die Hilfe für verfolgte Juden aus der Sicht eines Paters aus Assisi, Rufino Niccacci. Den hat es tatsächlich gegeben. In diesem Bericht seien Bartalis Name und seine Rettungsfahrten das erste Mal erwähnt worden. Außerdem enthalte er viele historische Fehler. Drittens deuteten die Aussagen ehemaliger Protagonisten des katholischen Widerstands in der Toskana eher auf einen gewissen Mario Finzi hin: Der soll als Kurier unterwegs gewesen sein. Finzi wurde im April 1944 in Bologna verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort getötet. Und nicht zu vergessen habe auch Aldo Brunacci, der in Assisi dafür zuständig gewesen war, Verstecke für Juden in den Klöstern der Stadt einzurichten und gefälschte Dokumente zu organisieren, abgewunken, so Sfarlatti,. Das Buch von Ramati sei ein Roman. Der Autor habe sicherlich ein Drehbuch für einen Film im Sinn gehabt und die Rolle von Bartali als Kurier einfach erfunden. <br><br><strong>Musik</strong><br><br>Dieser Meinung sind auch Marco Pivato, Historiker, und sein Sohn Stefano Pivato, Wissenschaftsjournalist. Der Titel ihres Buches aus dem Jahr 2021 bringt ihre Einschätzung auf den Punkt: „Die Besessenheit von der Erinnerung. Bartali und die Rettung der Juden: eine erfundene Geschichte.“ Dabei stoßen sich die Pivatos wie auch Sfarlatti vor allem daran, dass es keine schriftlichen Belege für Bartalis Rettungstaten gibt. Was nicht verwunderlich ist: Bartali hat angeblich nicht einmal über seine Aktivitäten GESPROCHEN. Auf eine Frage seiner Enkelin soll er dazu später gesagt haben: „Gutes tut man und spricht nicht darüber“. Niemand habe deshalb zu seiner Zeit etwas von seinen Rettungsfahrten gewusst: Davon ist auch Alberto Tenan überzeugt:<br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 6</strong><br><strong>In seiner Familie niemand. Sogar die Frau nicht, in der Zeit. </strong><br><br>Grund dafür ist für Alberto Tenan dabei nicht allein das, was man vielleicht mit „Bescheidenheit“ oder „Anstand“ umschreiben könnte. <br><br><strong>O-Ton Alberto Tenan 7</strong><br><strong>Auch aufgrund der Sicherheitsgründe. Niemand musste das wissen. Je weniger Leute, desto besser.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Heute kennt jeder die Geschichte von Gino Bartali. Vor allem auch deswegen, weil es Zeitzeugen gibt, die Bartalis Rettungstaten betätigen. Beispielsweise Giorgio&nbsp; Goldenberg. Dessen Zeugenaussage hat die US-amerikanische Stiftung zur Aufarbeitung der Rolle Italiens bei der Judenverfolgung aufgezeichnet. Sie ist im Internet zu sehen. <br><br><strong>O-Ton Giorgio Goldenstein</strong><br>When I went to school that day I saw my teacher telling the principal that I am a Jew. This child he's a Jew. And then the principal came to me together with a policeman. And they told me that from that moment, I am expelled from the school and I have to go home. (...) My father was a friend of Gino Bartali. And he told Bartali that he is looking for a place to hide. And Bartali hid my father, my mother and my sister in the basement in his house. Inspite of knowing that the Germans were killing everybody who was hiding a Jew. <br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Als ich an einem Tag zur Schule ging, sah ich, wie meine Lehrerin dem Direktor sagte, dass ich Jude sei. Und dann kam der Direktor zusammen mit einem Polizisten zu mir. Und sie sagten mir, dass ich von diesem Moment an von der Schule verwiesen werde und nach Hause gehen muss. Mein Vater war ein Freund von Gino Bartali. Und er sagte Bartali, dass er ein Versteck sucht. Und Bartali versteckte meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester in einem Keller seines Hauses. Obwohl er wusste, dass die Deutschen jeden töteten, der einen Juden versteckte. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Eine ganze Reihe von Zeitzeugen haben die Gedenkstätte Yad Vashem davon überzeugt, dass die Rettungstaten von Gino Bartali tatsächlich stattgefunden haben. Auf die Nachfrage, was man von der Einschätzung der italienischen Historiker halte, kam von Yad Vashem folgende Antwort: Man beurteile andere Forschungsinstitute nicht. Yad Vashem stütze sich bei allen Entscheidungen stets auf die Aussagen von Überlebenden und nicht auf akademische Werke. Und man habe festgestellt. dass Bartali sehr stark in die Rettungsbemühungen des Netzwerks von Kardinal Dalla Costa in Florenz involviert war. Das belegten Zeugenaussagen von Personen, die seine Hilfe in Anspruch nahmen. <br><strong>&nbsp;</strong><br>Zeitzeugen seinen zwar wichtig, räumt Michele Sfarlatti ein, reichten aber – auch&nbsp; im Fall Bartali - nicht aus. Erinnerungen seien ein lebendiger Organismus, der sich mit der Zeit verändere und trügerisch sein könne. Auch sein Nachfolger im Amt als Direktor des Dokumentationszentrums jüdischer Zeitgeschichte in Mailand, Gadii Luzzatto Voghera, sieht das so. <br><br><strong>O-Ton Gadi Luzzatto Voghera</strong><br>Le considerazioni di Michele Sarfatti, sia le tesi proposte dal libro di Stefano privato e Marco privato l'ossessione della memoria ci sembrano molto attendibili, avendo documentato altre testimonianze di seconda o di terza mano, non sembrano supportate da sufficiente documentazione.<br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Die Überlegungen von Michele Sarfatti als auch die Thesen in dem Buch von Stefano Pivato und Marco Pivato scheinen sehr zuverlässig und gut dokumentiert zu sein. Andere Berichte aus zweiter und dritter Hand scheinen nicht ausreichend dokumentiert zu sein.</strong><br><br>Was er denn von den Rechercheergebnissen von Yad Vashem halte? Dazu wollte sich Gadi Luzzatto Voghera ebenfalls nicht äußern. Ob er persönlich denn glaube, dass die Rettungsgeschichte von Gino Bartali tatsächlich erfunden ist?<br><br><strong>O-Ton Gadi Luzzatto Voghera</strong><br>Non concordo con la parola inventata un'invenzione prevede un atto cosciente e creativo di uno o più persone che a tavolino si mettono a costruire qualcosa di completamente nuovo e inedito. Nel caso di Bartali credo più semplicemente che si tratti di un racconto che si è formato nel tempo arricchendosi di particolari, una narrazione che è diventata reale già solo per il fatto che è stata raccontata. <br><br><strong>Voiceover</strong><br><strong>Ich bin mit dem Wort "erfunden" nicht einverstanden. Eine Erfindung ist ein bewusster und schöpferischer Akt. Im Fall von Bartali glaube ich eher, dass es sich um eine Erzählung handelt, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet und mit Details angereichert hat, eine Erzählung, die allein durch die Tatsache, dass sie erzählt wurde, real geworden ist. </strong><br><br>Was ist denn nun die Realität? Mehr als wahrscheinlich ist, dass Gino Bartali tatsächlich ein Retter verfolgter Juden war und darum „Gerechter unter den Völkern“ ist. Wobei man möglicherweise einige Details der Geschichte, die man sich über ihn erzählt, dazugedichtet hat. Könnte sein. Wie auch immer: Das Magazin Der Spiegel hat die Person Gino Bartali einmal sehr kurz und sehr schön beschrieben: Beine aus Stahl, Herz aus Gold.&nbsp;<br><br></div>]]>
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        <title>Radchampion Gino Bartali: Held oder nicht? OMG 09</title>
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      <title>Der Birnbaum in Ribbeck im Havelland OMG 08</title>
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        <![CDATA[<div>Theodor Fontanes Gedicht machte Ribbeck im Havelland weltberühmt. Doch bis heute bleibt eine spannende Frage offen: Gab es den legendären Birnbaum tatsächlich? Diese Folge geht der literarischen und regionalen Geschichte nach und fragt, was Mythos und was historische Realität ist.<br><br><strong>Der Birnbaum in Ribbeck</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen, weil es sie gibt. Darüber hinaus gibt es diejenigen Sehenswürdigkeiten, die es eigentlich nicht oder nicht mehr gibt, die aber geschaffen werden, weil Besucher sie unbedingt sehen wollen. Wie beispielsweise den Birnbaum des Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.<br><br><strong>Beitrag</strong><br>Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.<br><br><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“<br><br>Gleich vorweg: In Ribbeck ist schon einiges zu sehen. Beispielsweise das sanierte Schloss derer zu Ribbeck, in dem es mittlerweile auch ein Fontanemuseum gibt. Oder die Veranstaltungen in der ehemaligen Scheune, die der Kulturverein organisiert. Das ist aber eigentlich alles nur Beiwerk zum alten Ribbecker Birnbaum. Noch bis vor zwei Jahren stand am Dorfeingang ein unübersehbares Schild „Zum Birnbaum“,. Wo das nach dem Neubau der Ortseinfahrt abgeblieben ist, weiß keine so genau. Das Schild ist weg. Und der Birnbaum auch, den ein Gedicht von Theodor Fontane unsterblich gemacht hat.<br><br>Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,<br>Ein Birnbaum in seinem Garten stand,<br>Und kam die goldene Herbsteszeit,<br>Und die Birnen leuchteten weit und breit,<br>Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,<br>Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,<br>Und kam in Pantinen ein Junge daher,<br>So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«<br>Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,<br>Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«<br><br>Der Sterbende hat sich dann seinerzeit – so das Fontane-Gedicht – eine Birne mit ins Grab legen lassen. Seine Gruft lag zwar unter dem Ribbecker Kirchlein. Aber sie ragte über deren Seitenrand hinaus in den Pfarrgarten hinein. Daher soll dann dort einige Jahre später der berühmte Birnbaum gewachsen sein, aus dem der „alte Ribbeck“ immer noch den Jungen und Mädels zugeflüstert und seine Birnen angepriesen hat<br><br>Einen Hans-Georg von Ribbeck, der für seine Freundlichkeit und Kinderliebe bekannt war, hat es tatsächlich gegeben. Das ist in einem Büchlein der Ribbecks zum Fontanegedicht zu lesen. Begraben wurde der 1759 in besagter Gruft. Im Jahr 1911 soll dann der Original-Birnbaum einem Sturm zum Opfer gefallen. Er hat im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Nachfolgern gehabt. Ganz zu Beginn einen Hutzelbirnbaum, wie ihn ein ehemaliger Pfarrer mal genannt hat, der schon in den 1920er Jahren zersägt und scheibenweise verkauft wurde. Der Erlös war für die Sanierung der Dorfkirche gedacht. Der aktuelle Birnbaum wurde im Jahr 2000 gepflanzt und ist die Spende einer Baumschule aus Potsdam. <br><br>Also: Der Birnbaum ist nur ein Doppelgänger. Dennoch sind er und überhaupt Birnen die Knüller in Ribbeck, bestätigt Sonja Herrmann vom Kulturverein Ribbeck: <br><br><strong>O-Ton Sonja Herrmann 1</strong><br>Natürlich ist unser größter Marketingchef nach wie vor Fontane. Die meisten, vor allem die Bildungsbürger, kommen (...) auf den Spuren der Birnen und auf den Spuren des Gedichtes. Wir haben ja auch wieder einen Birnbaum vorm Schloss, und natürlich ist auch die ganze kleinteilige touristische Infrastruktur hier im Ort ausgerichtet auf die Birne und auf die Geschichte.<br><br>So kann man beispielsweise in der alten Schule, die heute Schulmuseum und Café in einem ist, alles Mögliche unter der Rubrik „Aus der Birne“ kaufen: Likör, Marmelade, Senf, Essig, Heißer Birnenwein, genannt Glühbirne, und nicht zuletzt Birnenbrand. Der kommt allerdings nicht aus Ribbeck, sondern aus dem Elsass. Unter der Rubrik „Für die Birne“ sind Bücher im Angebot: über Birnen, über Ribbeck und natürlich über Theodor Fontane mit seinem Ribbeck-Gedicht. <br><br>Birnbaum und Birnen sorgen für reichlich Besucher im Ort. Sonja Hermann erzählt,..<br><br><strong>O-Ton Sonja Herrmann 2</strong><br>...dass diese Birnen-Tourismus oder Gedichts-Tourismus, je nachdem, wie man ihn nennen möchte, tatsächlich schon in den Achtzigerjahren hier angefangen hat. Und der Nukleus ist eigentlich so eine kleine Bude neben der Kirche, die damals der alte Pastor hier aus dem Ort, der seit den Siebzigerjahren hier Pastor war, aufgestellt hat und von dort eben Leute, die sich – (...) es lag an der Transitstrecke – interessiert haben für den Birnbaum und das Gedicht, die sich da Informationen holen konnten. Das heißt, schon in den Achtzigerjahren, also vor der Wende, gab es hier zarte Pflänzchen des Tourismus. Und dann natürlich mit Fall der Mauer und Öffnung der Grenzen sind immer mehr Leute hierhergekommen.<br> <br>Heute sind es vor allem Besucher aus Westdeutschland, aus dem Ostteil der Republik immer weniger. Das liegt nicht daran, ist in einer Rede des ehemaligen brandenburgischen Innenministers Schönbohm nachzulesen, dass man Fontane in der DDR nicht gekannt und geschätzt hätte. Das schon. Nicht aber das Bild des herzensguten alten Gutsherrn von Ribbeck. Der Klassenfeind konnte und durfte kein netter älterer Herr mit sympathischem Dialekt und einem großen Herz für Kinder sein. Also kam er in der Schule nicht vor. Im sanierten Schloss übrigens, das bis in die Neunzigerjahre als Altenheim genutzt wurde, ist ein Wandrelief aus DDR-Zeiten erhalten, in Erinnerung an Fontane und den „alten Ribbeck“. Anstelle des üblichen liebenswürdigen weißhaarigen Großvatertyps ist hier auf der linken Seite ein feister Gutsherr zu sehen, der sich selbst eine Birne zu Gemüte führt, während dünne Kinder vor ihm knieen und die Hände aufhalten. Was sie erhalten haben, geben sie auf der rechten Seite selbstlos an Bedürftige weiter. <br><br>Warum machen sich nun gerade die vielen westdeutschen Besucher auf den weiten Weg nach Ribbeck, obwohl der Birnbaum fast neu ist und der Birnenschnaps aus dem Elsass stammt? Darauf hat sich Sonja Herrmann ihren eigenen Reim gemacht. <br> <br><strong>O-Ton Sonja Herrmann 3</strong><br>Ich hatte mal ein denkwürdiges Erlebnis hier. Und zwar war ich auch im Schloss aktiv. Ich habe da mitgeholfen, das als touristisches Zentrum zu eröffnen. Da kam eine Delegation aus Amerika. (...) Und ich habe ihnen dann auf Englisch – das Gedicht ist vertont in verschiedenen Sprachen, unter anderem natürlich auch in Englisch – ... und ich habe ihnen das vorgelesen und versucht zu erklären, wo das herkommt. Es war ganz klar ablesebar, das verstehen sie nicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie eben dieses Gedicht so viel Wirkung hat für den Ort und so viel Bedeutung. Und dann ist mir klargeworden, das hat ganz viel damit zu tun, dass viele Menschen das einfach als Kind lernen, dieses Gedicht, oder hören. Und Leute, die das als Erwachsene Hören, die legen das auch wieder beiseite. Die können vielleicht kurz drüber nachdenken, wie das ist mit dem Alten und dem Jungen und der Großzügigkeit und dem Geiz (...) Aber es bleibt auf einer abstrakten Ebene. Und wer das als Kind hört, der hat diese Bilder im Kopf. Und das sind diese Sehnsuchtsbilder, die den Menschen, wenn sie älter werden und reisen, ... diese Bilder der Welt, die noch in Ordnung ist, ... das haben die im Kopf, und das suchen die. Und deswegen kommen die.&nbsp;<br><br>Und zwar in normalen Jahren etwa 50.000 Besucher. Sehr zur Freude der Ribbecker, und ganz im Sinne des letzten Verses aus dem Fontane Gedicht:<br><br>So spendet Segen noch immer die Hand<br> Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.<br><br></div>]]>
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      <pubDate>Sat, 18 Apr 2026 17:30:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Theodor Fontanes Gedicht machte Ribbeck im Havelland weltberühmt. Doch bis heute bleibt eine spannende Frage offen: Gab es den legendären Birnbaum tatsächlich? Diese Folge geht der literarischen und regionalen Geschichte nach und fragt, was Mythos und was historische Realität ist.<br><br><strong>Der Birnbaum in Ribbeck</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen, weil es sie gibt. Darüber hinaus gibt es diejenigen Sehenswürdigkeiten, die es eigentlich nicht oder nicht mehr gibt, die aber geschaffen werden, weil Besucher sie unbedingt sehen wollen. Wie beispielsweise den Birnbaum des Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.<br><br><strong>Beitrag</strong><br>Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.<br><br><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“<br><br>Gleich vorweg: In Ribbeck ist schon einiges zu sehen. Beispielsweise das sanierte Schloss derer zu Ribbeck, in dem es mittlerweile auch ein Fontanemuseum gibt. Oder die Veranstaltungen in der ehemaligen Scheune, die der Kulturverein organisiert. Das ist aber eigentlich alles nur Beiwerk zum alten Ribbecker Birnbaum. Noch bis vor zwei Jahren stand am Dorfeingang ein unübersehbares Schild „Zum Birnbaum“,. Wo das nach dem Neubau der Ortseinfahrt abgeblieben ist, weiß keine so genau. Das Schild ist weg. Und der Birnbaum auch, den ein Gedicht von Theodor Fontane unsterblich gemacht hat.<br><br>Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,<br>Ein Birnbaum in seinem Garten stand,<br>Und kam die goldene Herbsteszeit,<br>Und die Birnen leuchteten weit und breit,<br>Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,<br>Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,<br>Und kam in Pantinen ein Junge daher,<br>So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«<br>Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,<br>Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«<br><br>Der Sterbende hat sich dann seinerzeit – so das Fontane-Gedicht – eine Birne mit ins Grab legen lassen. Seine Gruft lag zwar unter dem Ribbecker Kirchlein. Aber sie ragte über deren Seitenrand hinaus in den Pfarrgarten hinein. Daher soll dann dort einige Jahre später der berühmte Birnbaum gewachsen sein, aus dem der „alte Ribbeck“ immer noch den Jungen und Mädels zugeflüstert und seine Birnen angepriesen hat<br><br>Einen Hans-Georg von Ribbeck, der für seine Freundlichkeit und Kinderliebe bekannt war, hat es tatsächlich gegeben. Das ist in einem Büchlein der Ribbecks zum Fontanegedicht zu lesen. Begraben wurde der 1759 in besagter Gruft. Im Jahr 1911 soll dann der Original-Birnbaum einem Sturm zum Opfer gefallen. Er hat im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Nachfolgern gehabt. Ganz zu Beginn einen Hutzelbirnbaum, wie ihn ein ehemaliger Pfarrer mal genannt hat, der schon in den 1920er Jahren zersägt und scheibenweise verkauft wurde. Der Erlös war für die Sanierung der Dorfkirche gedacht. Der aktuelle Birnbaum wurde im Jahr 2000 gepflanzt und ist die Spende einer Baumschule aus Potsdam. <br><br>Also: Der Birnbaum ist nur ein Doppelgänger. Dennoch sind er und überhaupt Birnen die Knüller in Ribbeck, bestätigt Sonja Herrmann vom Kulturverein Ribbeck: <br><br><strong>O-Ton Sonja Herrmann 1</strong><br>Natürlich ist unser größter Marketingchef nach wie vor Fontane. Die meisten, vor allem die Bildungsbürger, kommen (...) auf den Spuren der Birnen und auf den Spuren des Gedichtes. Wir haben ja auch wieder einen Birnbaum vorm Schloss, und natürlich ist auch die ganze kleinteilige touristische Infrastruktur hier im Ort ausgerichtet auf die Birne und auf die Geschichte.<br><br>So kann man beispielsweise in der alten Schule, die heute Schulmuseum und Café in einem ist, alles Mögliche unter der Rubrik „Aus der Birne“ kaufen: Likör, Marmelade, Senf, Essig, Heißer Birnenwein, genannt Glühbirne, und nicht zuletzt Birnenbrand. Der kommt allerdings nicht aus Ribbeck, sondern aus dem Elsass. Unter der Rubrik „Für die Birne“ sind Bücher im Angebot: über Birnen, über Ribbeck und natürlich über Theodor Fontane mit seinem Ribbeck-Gedicht. <br><br>Birnbaum und Birnen sorgen für reichlich Besucher im Ort. Sonja Hermann erzählt,..<br><br><strong>O-Ton Sonja Herrmann 2</strong><br>...dass diese Birnen-Tourismus oder Gedichts-Tourismus, je nachdem, wie man ihn nennen möchte, tatsächlich schon in den Achtzigerjahren hier angefangen hat. Und der Nukleus ist eigentlich so eine kleine Bude neben der Kirche, die damals der alte Pastor hier aus dem Ort, der seit den Siebzigerjahren hier Pastor war, aufgestellt hat und von dort eben Leute, die sich – (...) es lag an der Transitstrecke – interessiert haben für den Birnbaum und das Gedicht, die sich da Informationen holen konnten. Das heißt, schon in den Achtzigerjahren, also vor der Wende, gab es hier zarte Pflänzchen des Tourismus. Und dann natürlich mit Fall der Mauer und Öffnung der Grenzen sind immer mehr Leute hierhergekommen.<br> <br>Heute sind es vor allem Besucher aus Westdeutschland, aus dem Ostteil der Republik immer weniger. Das liegt nicht daran, ist in einer Rede des ehemaligen brandenburgischen Innenministers Schönbohm nachzulesen, dass man Fontane in der DDR nicht gekannt und geschätzt hätte. Das schon. Nicht aber das Bild des herzensguten alten Gutsherrn von Ribbeck. Der Klassenfeind konnte und durfte kein netter älterer Herr mit sympathischem Dialekt und einem großen Herz für Kinder sein. Also kam er in der Schule nicht vor. Im sanierten Schloss übrigens, das bis in die Neunzigerjahre als Altenheim genutzt wurde, ist ein Wandrelief aus DDR-Zeiten erhalten, in Erinnerung an Fontane und den „alten Ribbeck“. Anstelle des üblichen liebenswürdigen weißhaarigen Großvatertyps ist hier auf der linken Seite ein feister Gutsherr zu sehen, der sich selbst eine Birne zu Gemüte führt, während dünne Kinder vor ihm knieen und die Hände aufhalten. Was sie erhalten haben, geben sie auf der rechten Seite selbstlos an Bedürftige weiter. <br><br>Warum machen sich nun gerade die vielen westdeutschen Besucher auf den weiten Weg nach Ribbeck, obwohl der Birnbaum fast neu ist und der Birnenschnaps aus dem Elsass stammt? Darauf hat sich Sonja Herrmann ihren eigenen Reim gemacht. <br> <br><strong>O-Ton Sonja Herrmann 3</strong><br>Ich hatte mal ein denkwürdiges Erlebnis hier. Und zwar war ich auch im Schloss aktiv. Ich habe da mitgeholfen, das als touristisches Zentrum zu eröffnen. Da kam eine Delegation aus Amerika. (...) Und ich habe ihnen dann auf Englisch – das Gedicht ist vertont in verschiedenen Sprachen, unter anderem natürlich auch in Englisch – ... und ich habe ihnen das vorgelesen und versucht zu erklären, wo das herkommt. Es war ganz klar ablesebar, das verstehen sie nicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie eben dieses Gedicht so viel Wirkung hat für den Ort und so viel Bedeutung. Und dann ist mir klargeworden, das hat ganz viel damit zu tun, dass viele Menschen das einfach als Kind lernen, dieses Gedicht, oder hören. Und Leute, die das als Erwachsene Hören, die legen das auch wieder beiseite. Die können vielleicht kurz drüber nachdenken, wie das ist mit dem Alten und dem Jungen und der Großzügigkeit und dem Geiz (...) Aber es bleibt auf einer abstrakten Ebene. Und wer das als Kind hört, der hat diese Bilder im Kopf. Und das sind diese Sehnsuchtsbilder, die den Menschen, wenn sie älter werden und reisen, ... diese Bilder der Welt, die noch in Ordnung ist, ... das haben die im Kopf, und das suchen die. Und deswegen kommen die.&nbsp;<br><br>Und zwar in normalen Jahren etwa 50.000 Besucher. Sehr zur Freude der Ribbecker, und ganz im Sinne des letzten Verses aus dem Fontane Gedicht:<br><br>So spendet Segen noch immer die Hand<br> Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.<br><br></div>]]>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.<br><br><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“<br><br>Gleich vorweg: In Ribbeck ist schon einiges zu sehen. Beispielsweise das sanierte Schloss derer zu Ribbeck, in dem es mittlerweile auch ein Fontanemuseum gibt. Oder die Veranstaltungen in der ehemaligen Scheune, die der Kulturverein organisiert. Das ist aber eigentlich alles nur Beiwerk zum alten Ribbecker Birnbaum. Noch bis vor zwei Jahren stand am Dorfeingang ein unübersehbares Schild „Zum Birnbaum“,. Wo das nach dem Neubau der Ortseinfahrt abgeblieben ist, weiß keine so genau. Das Schild ist weg. Und der Birnbaum auch, den ein Gedicht von Theodor Fontane unsterblich gemacht hat.<br><br>Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,<br>Ein Birnbaum in seinem Garten stand,<br>Und kam die goldene Herbsteszeit,<br>Und die Birnen leuchteten weit und breit,<br>Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,<br>Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,<br>Und kam in Pantinen ein Junge daher,<br>So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«<br>Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,<br>Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«<br><br>Der Sterbende hat sich dann seinerzeit – so das Fontane-Gedicht – eine Birne mit ins Grab legen lassen. Seine Gruft lag zwar unter dem Ribbecker Kirchlein. Aber sie ragte über deren Seitenrand hinaus in den Pfarrgarten hinein. Daher soll dann dort einige Jahre später der berühmte Birnbaum gewachsen sein, aus dem der „alte Ribbeck“ immer noch den Jungen und Mädels zugeflüstert und seine Birnen angepriesen hat<br><br>Einen Hans-Georg von Ribbeck, der für seine Freundlichkeit und Kinderliebe bekannt war, hat es tatsächlich gegeben. Das ist in einem Büchlein der Ribbecks zum Fontanegedicht zu lesen. Begraben wurde der 1759 in besagter Gruft. Im Jahr 1911 soll dann der Original-Birnbaum einem Sturm zum Opfer gefallen. Er hat im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Nachfolgern gehabt. Ganz zu Beginn einen Hutzelbirnbaum, wie ihn ein ehemaliger Pfarrer mal genannt hat, der schon in den 1920er Jahren zersägt und scheibenweise verkauft wurde. Der Erlös war für die Sanierung der Dorfkirche gedacht. Der aktuelle Birnbaum wurde im Jahr 2000 gepflanzt und ist die Spende einer Baumschule aus Potsdam. <br><br>Also: Der Birnbaum ist nur ein Doppelgänger. Dennoch sind er und überhaupt Birnen die Knüller in Ribbeck, bestätigt Sonja Herrmann vom Kulturverein Ribbeck: <br><br><strong>O-Ton Sonja Herrmann 1</strong><br>Natürlich ist unser größter Marketingchef nach wie vor Fontane. Die meisten, vor allem die Bildungsbürger, kommen (...) auf den Spuren der Birnen und auf den Spuren des Gedichtes. Wir haben ja auch wieder einen Birnbaum vorm Schloss, und natürlich ist auch die ganze kleinteilige touristische Infrastruktur hier im Ort ausgerichtet auf die Birne und auf die Geschichte.<br><br>So kann man beispielsweise in der alten Schule, die heute Schulmuseum und Café in einem ist, alles Mögliche unter der Rubrik „Aus der Birne“ kaufen: Likör, Marmelade, Senf, Essig, Heißer Birnenwein, genannt Glühbirne, und nicht zuletzt Birnenbrand. Der kommt allerdings nicht aus Ribbeck, sondern aus dem Elsass. 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Und dann natürlich mit Fall der Mauer und Öffnung der Grenzen sind immer mehr Leute hierhergekommen.<br> <br>Heute sind es vor allem Besucher aus Westdeutschland, aus dem Ostteil der Republik immer weniger. Das liegt nicht daran, ist in einer Rede des ehemaligen brandenburgischen Innenministers Schönbohm nachzulesen, dass man Fontane in der DDR nicht gekannt und geschätzt hätte. Das schon. Nicht aber das Bild des herzensguten alten Gutsherrn von Ribbeck. Der Klassenfeind konnte und durfte kein netter älterer Herr mit sympathischem Dialekt und einem großen Herz für Kinder sein. Also kam er in der Schule nicht vor. Im sanierten Schloss übrigens, das bis in die Neunzigerjahre als Altenheim genutzt wurde, ist ein Wandrelief aus DDR-Zeiten erhalten, in Erinnerung an Fontane und den „alten Ribbeck“. Anstelle des üblichen liebenswürdigen weißhaarigen Großvatertyps ist hier auf der linken Seite ein feister Gutsherr zu sehen, der sich selbst eine Birne zu Gemüte führt, während dünne Kinder vor ihm knieen und die Hände aufhalten. Was sie erhalten haben, geben sie auf der rechten Seite selbstlos an Bedürftige weiter. <br><br>Warum machen sich nun gerade die vielen westdeutschen Besucher auf den weiten Weg nach Ribbeck, obwohl der Birnbaum fast neu ist und der Birnenschnaps aus dem Elsass stammt? Darauf hat sich Sonja Herrmann ihren eigenen Reim gemacht. <br> <br><strong>O-Ton Sonja Herrmann 3</strong><br>Ich hatte mal ein denkwürdiges Erlebnis hier. Und zwar war ich auch im Schloss aktiv. Ich habe da mitgeholfen, das als touristisches Zentrum zu eröffnen. Da kam eine Delegation aus Amerika. (...) Und ich habe ihnen dann auf Englisch – das Gedicht ist vertont in verschiedenen Sprachen, unter anderem natürlich auch in Englisch – ... und ich habe ihnen das vorgelesen und versucht zu erklären, wo das herkommt. Es war ganz klar ablesebar, das verstehen sie nicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie eben dieses Gedicht so viel Wirkung hat für den Ort und so viel Bedeutung. Und dann ist mir klargeworden, das hat ganz viel damit zu tun, dass viele Menschen das einfach als Kind lernen, dieses Gedicht, oder hören. Und Leute, die das als Erwachsene Hören, die legen das auch wieder beiseite. Die können vielleicht kurz drüber nachdenken, wie das ist mit dem Alten und dem Jungen und der Großzügigkeit und dem Geiz (...) Aber es bleibt auf einer abstrakten Ebene. Und wer das als Kind hört, der hat diese Bilder im Kopf. Und das sind diese Sehnsuchtsbilder, die den Menschen, wenn sie älter werden und reisen, ... diese Bilder der Welt, die noch in Ordnung ist, ... das haben die im Kopf, und das suchen die. Und deswegen kommen die.&nbsp;<br><br>Und zwar in normalen Jahren etwa 50.000 Besucher. Sehr zur Freude der Ribbecker, und ganz im Sinne des letzten Verses aus dem Fontane Gedicht:<br><br>So spendet Segen noch immer die Hand<br> Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.<br><br></div>]]>
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      <title>Kann man Romeo und Julia wirklich in Verona besichtigen? OMG 07</title>
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        <![CDATA[<div>Shakespeares Tragödie „Romeo and Juliet“ hat Verona zu einem der bekanntesten literarischen Reiseziele Europas gemacht. Besonders der sogenannte Balkon der Julia zieht jährlich zahlreiche Besucher an. Doch wie viel historische Grundlage hat dieser Ort tatsächlich? Die Folge beleuchtet die Entstehung des Ortes und seine Entwicklung zum touristischen Highlight. <br><br><strong>Der Balkon in Verona</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man nur gezeigt bekommt, weil man sie unbedingt sehen will. Wie beispielsweise den Balkon am Haus der Julia in Verona. <br><br><strong>Beitrag</strong><br>Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.<br><br><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“<br><br>Genau dieses Problem hatte die Stadt Verona. Wer sie besucht, wird nämlich wahrscheinlich irgendwann in der Via Capello 23 landen. Dort steht zwischen Modeboutiquen und Eiscafés ein mittelalterliches Haus. Hier hat angeblich Julia gelebt, die Geliebte von Romeo. Die Geschichte der beiden ist durch die Tragödie von William Shakespeare weltbekannt. Es geht um die Liebe eines jungen Paares, das unglücklicherweise aus zwei verfeindeten Familien stammt. Romeo ist ein Montague, Julia eine Capulet. Die Geschichte geht, wie Tragödien es so an sich haben, nicht gut aus. Die beiden bringen sich verzweifelt selbst um. Ihre Eltern versöhnen sich zwar, aber zu spät – erst über den Gräbern ihrer Kinder. <br><br>Dass sie sich lieben, gestehen sich die beiden eines Abends im Hof des Capulet-Hauses. Romeo unten im Garten, Julia oben im ersten Stock. Eine besonders gelungene Szene, findet auch Vera Kreyer. Sie gehört zur Shakespeare Company Berlin, einem Theater, das nur Shakespeare-Stücke spielt. <br><br><strong>O-Ton Vera Kreyer 1</strong><br>Wir sehen Julia, die oben auf dem Balkon steht. Unten im Garten, verborgen in der Dämmerung, steht Romeo. Und er wird Zeuge, wie Julia über die Liebe zu ihm spricht. Er gibt sich später dann zu erkennen, und am Schluss schwingt er sich zu Julia über die Mauer hoch auf den Balkon. Ich finde das sehr romantisch, und das ist eine besondere Szene in dem Stück, mit einer besonderen Bedeutung, denn dieses Heraufschwingen zu Julia (...) erzählt quasi bildlich das Überwinden der Kluft zwischen den zwei Liebenden.<br><br>Die herzzerreißende Geschichte stammt übrigens eigentlich gar nicht von Shakespeare. Der hat sie wahrscheinlich 1562 veröffentlicht, ja. Aber gute 30 Jahre vorher ist die Novelle des Italieners Luigi Da Porto mit derselben Handlung erschienen. Verschiedene Versionen davon waren in ganz Europa bekannt, auch in England. Es stimmt natürlich: Erst die Shakespeare‘sche Fassung hat Romeo und Julia unsterblich werden lassen. Und in Verona scheut man wirklich keinen Aufwand, damit das so bleibt. Und das ist nicht einfach. Es gibt nämlich nichts. <br> <br><br>Fangen wir mit dem Haus an. Das Haus in der Via Capello 23, das heute als "Haus von Julia" in jedem Reiseführer steht, war noch vor hundert Jahren ein Stall mit mit Herberge. Die nach einer Aussage von Charles Dickens allerdings zu den schlechtesten in Verona gehört hat. Im Jahr 1937 hatte dann Antonio Avena, der damalige Direktor der Museen von Verona, die Idee, diesen Stall zur "Casa di Giulietta" zu machen. Am Eingangsbogen zum Innenhof war das Wappen der Familie Capulet zu sehen gewesen. Immerhin ein Indiz dafür, dass eine Familie mit diesem Namen hier möglicherweise gewohnt haben könnte. Als Modell für den Umbau diente ihm dabei weitgehend die Kulisse des amerikanischen Filmknüllers Romeo and Juliet, eine Hollywood-Produktion aus dem Jahr davor.&nbsp; <br><br>Und dann die Sache mit dem Balkon. In besagtem Film hatte der amerikanische Regisseur George Cukor Julia erstmalig auf einem Balkon auftreten lassen. Der Film und die Balkonszene, wie sie seither heißt, waren ein voller Erfolg. Und die Veroneser waren es irgendwann leid, Menschen aus aller Welt erklären zu müssen, dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Erstens nicht im Shakespeare‘schen Original. Hier heißt eine Regieanweisung für die erwähnte Szene nämlich: „Juliet appears above at a window. Also: Julia erscheint oben an einem Fenster. Um genau darum gebe es zweitens keinen Balkon am Haus der Julia. Weil die Nachfragen aber nicht nachließen, hat der emsige Direktor der Veroneser Museen auch noch einen Balkon am ehemaligen Stall anbringen lassen. Wir haben Vera Kreyer gefragt, ob für sie als Shakespeare-Expertin diese ganze Balkon-Geschichte nicht eine Fälschung des Originals sei.<br><br><strong>O-Ton Vera Kreyer 2</strong><br>Für mich sind inszenatorische Mittel prinzipiell keine Fälschung – kann man einfach machen, so wie man das Stück sieht. <br>(...) Wenn man sich ein Theaterstück oder einen Text vornimmt und den auf die Bühne bringen möchte, ist es sowieso notwendig, dass man seine eigene Sichtweise, seine eigenen Ideen, seinen eigenen künstlerischen Ausdruck benutzt, um sie auf die Bühne zu bringen, weil wir ja als Künstler nicht irgendwas kopieren oder nachspielen, sondern weil wir ausdrücken. <br>(...) Überhaupt sieht die Umsetzung der Stücke von Shakespeare inzwischen völlig anders aus als damals zu Shakespeares Zeiten, denn im elisabethanischen Theater durften ausschließlich Männer theaterspielen. Frauen waren gar nicht zu sehen. Also alle Mädchen, Frauen wurden ebenfalls von männlichen Schauspielern gespielt. Das ist ja heute Gott sei Dank auch anders. <br><br>Heute führen in Verona eine Schauspielerin und ein Schauspieler die berühmte Szene auf, zwei Mal pro Tag. Und gerade der Balkon kommt dabei gut weg, auch bei Vera Kreyer.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Vera Kreyer 3</strong><br>Auf besagtem Balkon in Verona war ich sogar mal selbst gewesen. Da war ich ungefähr 18, 19, habe den natürlich aufgesucht, da ich auch das Stück Romeo und Julia kannte. Und mir war schon klar, dass das nicht der echte Balkon ist, auf dem irgendeine Julia oder Julietta mal gestanden hat. Aber ich fand es trotzdem schön, es auf mich wirken zu lassen und mir vorzustellen, wie sich die Geschichte abgespielt haben könnte. (...) Aber nicht nur ich war von der Romantik des Ortes ergriffen. Sondern unten auf dem Hof, vor dem Balkon, stand ein junger Mann, der rief: „Giulietta!“</div>]]>
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      <pubDate>Sun, 12 Apr 2026 12:00:00 +0200</pubDate>
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Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.<br><br><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“<br><br>Genau dieses Problem hatte die Stadt Verona. Wer sie besucht, wird nämlich wahrscheinlich irgendwann in der Via Capello 23 landen. Dort steht zwischen Modeboutiquen und Eiscafés ein mittelalterliches Haus. Hier hat angeblich Julia gelebt, die Geliebte von Romeo. Die Geschichte der beiden ist durch die Tragödie von William Shakespeare weltbekannt. Es geht um die Liebe eines jungen Paares, das unglücklicherweise aus zwei verfeindeten Familien stammt. Romeo ist ein Montague, Julia eine Capulet. Die Geschichte geht, wie Tragödien es so an sich haben, nicht gut aus. Die beiden bringen sich verzweifelt selbst um. Ihre Eltern versöhnen sich zwar, aber zu spät – erst über den Gräbern ihrer Kinder. <br><br>Dass sie sich lieben, gestehen sich die beiden eines Abends im Hof des Capulet-Hauses. Romeo unten im Garten, Julia oben im ersten Stock. Eine besonders gelungene Szene, findet auch Vera Kreyer. Sie gehört zur Shakespeare Company Berlin, einem Theater, das nur Shakespeare-Stücke spielt. <br><br><strong>O-Ton Vera Kreyer 1</strong><br>Wir sehen Julia, die oben auf dem Balkon steht. Unten im Garten, verborgen in der Dämmerung, steht Romeo. Und er wird Zeuge, wie Julia über die Liebe zu ihm spricht. Er gibt sich später dann zu erkennen, und am Schluss schwingt er sich zu Julia über die Mauer hoch auf den Balkon. Ich finde das sehr romantisch, und das ist eine besondere Szene in dem Stück, mit einer besonderen Bedeutung, denn dieses Heraufschwingen zu Julia (...) erzählt quasi bildlich das Überwinden der Kluft zwischen den zwei Liebenden.<br><br>Die herzzerreißende Geschichte stammt übrigens eigentlich gar nicht von Shakespeare. Der hat sie wahrscheinlich 1562 veröffentlicht, ja. Aber gute 30 Jahre vorher ist die Novelle des Italieners Luigi Da Porto mit derselben Handlung erschienen. Verschiedene Versionen davon waren in ganz Europa bekannt, auch in England. Es stimmt natürlich: Erst die Shakespeare‘sche Fassung hat Romeo und Julia unsterblich werden lassen. Und in Verona scheut man wirklich keinen Aufwand, damit das so bleibt. Und das ist nicht einfach. Es gibt nämlich nichts. <br> <br><br>Fangen wir mit dem Haus an. Das Haus in der Via Capello 23, das heute als "Haus von Julia" in jedem Reiseführer steht, war noch vor hundert Jahren ein Stall mit mit Herberge. Die nach einer Aussage von Charles Dickens allerdings zu den schlechtesten in Verona gehört hat. Im Jahr 1937 hatte dann Antonio Avena, der damalige Direktor der Museen von Verona, die Idee, diesen Stall zur "Casa di Giulietta" zu machen. Am Eingangsbogen zum Innenhof war das Wappen der Familie Capulet zu sehen gewesen. Immerhin ein Indiz dafür, dass eine Familie mit diesem Namen hier möglicherweise gewohnt haben könnte. Als Modell für den Umbau diente ihm dabei weitgehend die Kulisse des amerikanischen Filmknüllers Romeo and Juliet, eine Hollywood-Produktion aus dem Jahr davor.&nbsp; <br><br>Und dann die Sache mit dem Balkon. In besagtem Film hatte der amerikanische Regisseur George Cukor Julia erstmalig auf einem Balkon auftreten lassen. Der Film und die Balkonszene, wie sie seither heißt, waren ein voller Erfolg. Und die Veroneser waren es irgendwann leid, Menschen aus aller Welt erklären zu müssen, dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Erstens nicht im Shakespeare‘schen Original. Hier heißt eine Regieanweisung für die erwähnte Szene nämlich: „Juliet appears above at a window. Also: Julia erscheint oben an einem Fenster. Um genau darum gebe es zweitens keinen Balkon am Haus der Julia. Weil die Nachfragen aber nicht nachließen, hat der emsige Direktor der Veroneser Museen auch noch einen Balkon am ehemaligen Stall anbringen lassen. Wir haben Vera Kreyer gefragt, ob für sie als Shakespeare-Expertin diese ganze Balkon-Geschichte nicht eine Fälschung des Originals sei.<br><br><strong>O-Ton Vera Kreyer 2</strong><br>Für mich sind inszenatorische Mittel prinzipiell keine Fälschung – kann man einfach machen, so wie man das Stück sieht. <br>(...) Wenn man sich ein Theaterstück oder einen Text vornimmt und den auf die Bühne bringen möchte, ist es sowieso notwendig, dass man seine eigene Sichtweise, seine eigenen Ideen, seinen eigenen künstlerischen Ausdruck benutzt, um sie auf die Bühne zu bringen, weil wir ja als Künstler nicht irgendwas kopieren oder nachspielen, sondern weil wir ausdrücken. <br>(...) Überhaupt sieht die Umsetzung der Stücke von Shakespeare inzwischen völlig anders aus als damals zu Shakespeares Zeiten, denn im elisabethanischen Theater durften ausschließlich Männer theaterspielen. Frauen waren gar nicht zu sehen. Also alle Mädchen, Frauen wurden ebenfalls von männlichen Schauspielern gespielt. Das ist ja heute Gott sei Dank auch anders. <br><br>Heute führen in Verona eine Schauspielerin und ein Schauspieler die berühmte Szene auf, zwei Mal pro Tag. Und gerade der Balkon kommt dabei gut weg, auch bei Vera Kreyer.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Vera Kreyer 3</strong><br>Auf besagtem Balkon in Verona war ich sogar mal selbst gewesen. Da war ich ungefähr 18, 19, habe den natürlich aufgesucht, da ich auch das Stück Romeo und Julia kannte. Und mir war schon klar, dass das nicht der echte Balkon ist, auf dem irgendeine Julia oder Julietta mal gestanden hat. Aber ich fand es trotzdem schön, es auf mich wirken zu lassen und mir vorzustellen, wie sich die Geschichte abgespielt haben könnte. (...) Aber nicht nur ich war von der Romantik des Ortes ergriffen. Sondern unten auf dem Hof, vor dem Balkon, stand ein junger Mann, der rief: „Giulietta!“</div>]]>
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Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.<br><br><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“<br><br>Genau dieses Problem hatte die Stadt Verona. Wer sie besucht, wird nämlich wahrscheinlich irgendwann in der Via Capello 23 landen. Dort steht zwischen Modeboutiquen und Eiscafés ein mittelalterliches Haus. Hier hat angeblich Julia gelebt, die Geliebte von Romeo. Die Geschichte der beiden ist durch die Tragödie von William Shakespeare weltbekannt. Es geht um die Liebe eines jungen Paares, das unglücklicherweise aus zwei verfeindeten Familien stammt. Romeo ist ein Montague, Julia eine Capulet. Die Geschichte geht, wie Tragödien es so an sich haben, nicht gut aus. 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Ich finde das sehr romantisch, und das ist eine besondere Szene in dem Stück, mit einer besonderen Bedeutung, denn dieses Heraufschwingen zu Julia (...) erzählt quasi bildlich das Überwinden der Kluft zwischen den zwei Liebenden.<br><br>Die herzzerreißende Geschichte stammt übrigens eigentlich gar nicht von Shakespeare. Der hat sie wahrscheinlich 1562 veröffentlicht, ja. Aber gute 30 Jahre vorher ist die Novelle des Italieners Luigi Da Porto mit derselben Handlung erschienen. Verschiedene Versionen davon waren in ganz Europa bekannt, auch in England. Es stimmt natürlich: Erst die Shakespeare‘sche Fassung hat Romeo und Julia unsterblich werden lassen. Und in Verona scheut man wirklich keinen Aufwand, damit das so bleibt. Und das ist nicht einfach. Es gibt nämlich nichts. <br> <br><br>Fangen wir mit dem Haus an. Das Haus in der Via Capello 23, das heute als "Haus von Julia" in jedem Reiseführer steht, war noch vor hundert Jahren ein Stall mit mit Herberge. Die nach einer Aussage von Charles Dickens allerdings zu den schlechtesten in Verona gehört hat. Im Jahr 1937 hatte dann Antonio Avena, der damalige Direktor der Museen von Verona, die Idee, diesen Stall zur "Casa di Giulietta" zu machen. Am Eingangsbogen zum Innenhof war das Wappen der Familie Capulet zu sehen gewesen. Immerhin ein Indiz dafür, dass eine Familie mit diesem Namen hier möglicherweise gewohnt haben könnte. Als Modell für den Umbau diente ihm dabei weitgehend die Kulisse des amerikanischen Filmknüllers Romeo and Juliet, eine Hollywood-Produktion aus dem Jahr davor.&nbsp; <br><br>Und dann die Sache mit dem Balkon. In besagtem Film hatte der amerikanische Regisseur George Cukor Julia erstmalig auf einem Balkon auftreten lassen. Der Film und die Balkonszene, wie sie seither heißt, waren ein voller Erfolg. Und die Veroneser waren es irgendwann leid, Menschen aus aller Welt erklären zu müssen, dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Erstens nicht im Shakespeare‘schen Original. Hier heißt eine Regieanweisung für die erwähnte Szene nämlich: „Juliet appears above at a window. Also: Julia erscheint oben an einem Fenster. Um genau darum gebe es zweitens keinen Balkon am Haus der Julia. Weil die Nachfragen aber nicht nachließen, hat der emsige Direktor der Veroneser Museen auch noch einen Balkon am ehemaligen Stall anbringen lassen. Wir haben Vera Kreyer gefragt, ob für sie als Shakespeare-Expertin diese ganze Balkon-Geschichte nicht eine Fälschung des Originals sei.<br><br><strong>O-Ton Vera Kreyer 2</strong><br>Für mich sind inszenatorische Mittel prinzipiell keine Fälschung – kann man einfach machen, so wie man das Stück sieht. <br>(...) Wenn man sich ein Theaterstück oder einen Text vornimmt und den auf die Bühne bringen möchte, ist es sowieso notwendig, dass man seine eigene Sichtweise, seine eigenen Ideen, seinen eigenen künstlerischen Ausdruck benutzt, um sie auf die Bühne zu bringen, weil wir ja als Künstler nicht irgendwas kopieren oder nachspielen, sondern weil wir ausdrücken. <br>(...) Überhaupt sieht die Umsetzung der Stücke von Shakespeare inzwischen völlig anders aus als damals zu Shakespeares Zeiten, denn im elisabethanischen Theater durften ausschließlich Männer theaterspielen. Frauen waren gar nicht zu sehen. Also alle Mädchen, Frauen wurden ebenfalls von männlichen Schauspielern gespielt. Das ist ja heute Gott sei Dank auch anders. <br><br>Heute führen in Verona eine Schauspielerin und ein Schauspieler die berühmte Szene auf, zwei Mal pro Tag. Und gerade der Balkon kommt dabei gut weg, auch bei Vera Kreyer.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Vera Kreyer 3</strong><br>Auf besagtem Balkon in Verona war ich sogar mal selbst gewesen. Da war ich ungefähr 18, 19, habe den natürlich aufgesucht, da ich auch das Stück Romeo und Julia kannte. Und mir war schon klar, dass das nicht der echte Balkon ist, auf dem irgendeine Julia oder Julietta mal gestanden hat. Aber ich fand es trotzdem schön, es auf mich wirken zu lassen und mir vorzustellen, wie sich die Geschichte abgespielt haben könnte. (...) Aber nicht nur ich war von der Romantik des Ortes ergriffen. Sondern unten auf dem Hof, vor dem Balkon, stand ein junger Mann, der rief: „Giulietta!“</div>]]>
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      <title>Wie Albanien im Zweiten Weltkrieg jüdische Flüchtlinge rettete OMG 06</title>
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        <![CDATA[<div>Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg nahm die jüdische Bevölkerung in Albanien nicht ab, sondern zu. Diese Folge untersucht, wie das albanische Gewohnheitsrecht der „Besa“ – ein Ehrenkodex der Gastfreundschaft und des Schutzes – dazu beitrug, jüdische Flüchtlinge zu verstecken und zu retten.</div><div>Eine historische Betrachtung von Zivilcourage, kulturellen Normen und individueller Verantwortung.</div><div><br>Diese Geschichte hatte ich für den Deutschlandfunk erzählt. Link auf den Beitrag im Deutschlandfunk-Archiv: <br><a href="https://www.deutschlandfunk.de/wie-das-albanische-gastrecht-juedische-fluechtlinge-rettete-100.html">https://www.deutschlandfunk.de/wie-das-albanische-gastrecht-juedische-fluechtlinge-rettete-100.html</a><br><br></div>]]>
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      <pubDate>Thu, 09 Apr 2026 09:00:00 +0200</pubDate>
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      <title>Luther und der Teufel auf der Wartburg OMG 05</title>
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        <![CDATA[<div>Auf der Wartburg bei Eisenach wird eine der bekanntesten Legenden der Reformationsgeschichte erzählt: Martin Luther soll während seiner Übersetzung des Neuen Testaments den Teufel mit einem Tintenfass vertrieben haben – zurück blieb ein Fleck an der Wand. Diese Folge geht der Frage nach, wie sich diese Erzählung entwickelt hat, warum sie bis heute präsent ist und was tatsächlich historisch belegt ist.&nbsp;<br><br></div><div><strong>Der Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg</strong></div><div>&nbsp;</div><div><strong>Anmoderation</strong></div><div>Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man nicht sehen kann und die trotzdem jede Menge Besucher anziehen. Beispielsweise der berühmte Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>Beitrag</strong></div><div>Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen. „Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts“.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div>Ähnlich hin und weg sind seit jeher auch die Besucher der Lutherstube im thüringischen Eisenach. Diese Lutherstube befindet sich im hintersten Winkel der Wartburg, die sich weit über die Stadt und die üppigen Wälder ringsum erhebt. Viele, sagt die Museumsleitung, suchen hier an der Wand neben dem grünen Kachelofen den berühmten Tintenfleck. Der soll so entstanden sein: Als Martin Luther sich vor seinen Verfolgern auf der Wartburg versteckt hielt und hier die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, soll er vom Teufel belästigt worden sein. Luther soll nach seinem Tintenfass gegriffen und nach dem Teufel geworfen haben, um ihn zu vertreiben. So sei ein Tintenfleck neben dem Ofen entstanden. Belegt ist die Geschichte keinesfalls. Aber beliebt. Wie sehr, berichtet Dr. Dorothee Menke. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin auf der Wartburg.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton Dorothee Menke</strong></div><div>Zwar gab es wohl tatsächlich mal einen Fleck., und zwar seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, also ein gutes Jahrhundert nach Luthers Tod: Damals haben sich nämlich die Kastellane der Burg die Geschichte zunutze gemacht und tatsächlich Tinte an die Wand gespritzt. Das erwies sich als publikumswirksame Maßnahme. Und so mancher der damals schon zahlreichen Lutherverehrer und Wartburgbesucher hat ein Stück Wandputz mit Tinte aus der Lutherstube mitgehen lassen. Der Fleck wurde darum immer wieder erneuert</div><div>&nbsp;</div><div>Und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Heute fehlt er ganz. Die letzte schriftliche Erwähnung einer solchen "Auffrischung" stammt aus dem Jahre 1855. Und das erste bekannte Foto der Lutherstube von 1872 zeigt schon keinen Fleck mehr.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton Dorothee Menke</strong></div><div>Die Kollegen, die vor der Lutherstube Aufsicht stehen, werden schon sehr regelmäßig gefragt, wo denn der Tintenfleck sei. Oft sogar mehrmals täglich. So gut wie alle Besucher haben schon davon gehört oder glauben sogar sich daran zu erinnern, diesen Tintenfleck schon früher mal hier gesehen zu haben. Die können dann gar nicht glauben, dass dieser Tintenfleck nur aus einer Geschichte stammt oder sogar ihrer Fantasie entsprungen ist.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div>Wer den Tintenfleck dennoch und öfter sehen will, kann im Museumsladen der Wartburg einen Kühlschrankmagneten in Form eines schwarzen Kleckses kaufen: natürlich mit der Signatur "Martinus Luther".</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton:</strong> „Ja aber man sieht gar nichts</div><div>&nbsp;</div><div><br><br></div>]]>
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      <pubDate>Thu, 09 Apr 2026 08:30:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Auf der Wartburg bei Eisenach wird eine der bekanntesten Legenden der Reformationsgeschichte erzählt: Martin Luther soll während seiner Übersetzung des Neuen Testaments den Teufel mit einem Tintenfass vertrieben haben – zurück blieb ein Fleck an der Wand. Diese Folge geht der Frage nach, wie sich diese Erzählung entwickelt hat, warum sie bis heute präsent ist und was tatsächlich historisch belegt ist.&nbsp;<br><br></div><div><strong>Der Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg</strong></div><div>&nbsp;</div><div><strong>Anmoderation</strong></div><div>Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man nicht sehen kann und die trotzdem jede Menge Besucher anziehen. Beispielsweise der berühmte Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>Beitrag</strong></div><div>Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen. „Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts“.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div>Ähnlich hin und weg sind seit jeher auch die Besucher der Lutherstube im thüringischen Eisenach. Diese Lutherstube befindet sich im hintersten Winkel der Wartburg, die sich weit über die Stadt und die üppigen Wälder ringsum erhebt. Viele, sagt die Museumsleitung, suchen hier an der Wand neben dem grünen Kachelofen den berühmten Tintenfleck. Der soll so entstanden sein: Als Martin Luther sich vor seinen Verfolgern auf der Wartburg versteckt hielt und hier die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, soll er vom Teufel belästigt worden sein. Luther soll nach seinem Tintenfass gegriffen und nach dem Teufel geworfen haben, um ihn zu vertreiben. So sei ein Tintenfleck neben dem Ofen entstanden. Belegt ist die Geschichte keinesfalls. Aber beliebt. Wie sehr, berichtet Dr. Dorothee Menke. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin auf der Wartburg.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton Dorothee Menke</strong></div><div>Zwar gab es wohl tatsächlich mal einen Fleck., und zwar seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, also ein gutes Jahrhundert nach Luthers Tod: Damals haben sich nämlich die Kastellane der Burg die Geschichte zunutze gemacht und tatsächlich Tinte an die Wand gespritzt. Das erwies sich als publikumswirksame Maßnahme. Und so mancher der damals schon zahlreichen Lutherverehrer und Wartburgbesucher hat ein Stück Wandputz mit Tinte aus der Lutherstube mitgehen lassen. Der Fleck wurde darum immer wieder erneuert</div><div>&nbsp;</div><div>Und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Heute fehlt er ganz. Die letzte schriftliche Erwähnung einer solchen "Auffrischung" stammt aus dem Jahre 1855. Und das erste bekannte Foto der Lutherstube von 1872 zeigt schon keinen Fleck mehr.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton Dorothee Menke</strong></div><div>Die Kollegen, die vor der Lutherstube Aufsicht stehen, werden schon sehr regelmäßig gefragt, wo denn der Tintenfleck sei. Oft sogar mehrmals täglich. So gut wie alle Besucher haben schon davon gehört oder glauben sogar sich daran zu erinnern, diesen Tintenfleck schon früher mal hier gesehen zu haben. Die können dann gar nicht glauben, dass dieser Tintenfleck nur aus einer Geschichte stammt oder sogar ihrer Fantasie entsprungen ist.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div>Wer den Tintenfleck dennoch und öfter sehen will, kann im Museumsladen der Wartburg einen Kühlschrankmagneten in Form eines schwarzen Kleckses kaufen: natürlich mit der Signatur "Martinus Luther".</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton:</strong> „Ja aber man sieht gar nichts</div><div>&nbsp;</div><div><br><br></div>]]>
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      <itunes:subtitle>Wie ein Tintenfleck zur Legende wurde</itunes:subtitle>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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        <![CDATA[<div>Auf der Wartburg bei Eisenach wird eine der bekanntesten Legenden der Reformationsgeschichte erzählt: Martin Luther soll während seiner Übersetzung des Neuen Testaments den Teufel mit einem Tintenfass vertrieben haben – zurück blieb ein Fleck an der Wand. Diese Folge geht der Frage nach, wie sich diese Erzählung entwickelt hat, warum sie bis heute präsent ist und was tatsächlich historisch belegt ist.&nbsp;<br><br></div><div><strong>Der Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg</strong></div><div>&nbsp;</div><div><strong>Anmoderation</strong></div><div>Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man nicht sehen kann und die trotzdem jede Menge Besucher anziehen. Beispielsweise der berühmte Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>Beitrag</strong></div><div>Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton:</strong> Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen. „Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts“.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div>Ähnlich hin und weg sind seit jeher auch die Besucher der Lutherstube im thüringischen Eisenach. Diese Lutherstube befindet sich im hintersten Winkel der Wartburg, die sich weit über die Stadt und die üppigen Wälder ringsum erhebt. Viele, sagt die Museumsleitung, suchen hier an der Wand neben dem grünen Kachelofen den berühmten Tintenfleck. Der soll so entstanden sein: Als Martin Luther sich vor seinen Verfolgern auf der Wartburg versteckt hielt und hier die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, soll er vom Teufel belästigt worden sein. Luther soll nach seinem Tintenfass gegriffen und nach dem Teufel geworfen haben, um ihn zu vertreiben. So sei ein Tintenfleck neben dem Ofen entstanden. Belegt ist die Geschichte keinesfalls. Aber beliebt. Wie sehr, berichtet Dr. Dorothee Menke. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin auf der Wartburg.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton Dorothee Menke</strong></div><div>Zwar gab es wohl tatsächlich mal einen Fleck., und zwar seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, also ein gutes Jahrhundert nach Luthers Tod: Damals haben sich nämlich die Kastellane der Burg die Geschichte zunutze gemacht und tatsächlich Tinte an die Wand gespritzt. Das erwies sich als publikumswirksame Maßnahme. Und so mancher der damals schon zahlreichen Lutherverehrer und Wartburgbesucher hat ein Stück Wandputz mit Tinte aus der Lutherstube mitgehen lassen. Der Fleck wurde darum immer wieder erneuert</div><div>&nbsp;</div><div>Und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Heute fehlt er ganz. Die letzte schriftliche Erwähnung einer solchen "Auffrischung" stammt aus dem Jahre 1855. Und das erste bekannte Foto der Lutherstube von 1872 zeigt schon keinen Fleck mehr.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton Dorothee Menke</strong></div><div>Die Kollegen, die vor der Lutherstube Aufsicht stehen, werden schon sehr regelmäßig gefragt, wo denn der Tintenfleck sei. Oft sogar mehrmals täglich. So gut wie alle Besucher haben schon davon gehört oder glauben sogar sich daran zu erinnern, diesen Tintenfleck schon früher mal hier gesehen zu haben. Die können dann gar nicht glauben, dass dieser Tintenfleck nur aus einer Geschichte stammt oder sogar ihrer Fantasie entsprungen ist.&nbsp;</div><div>&nbsp;</div><div>Wer den Tintenfleck dennoch und öfter sehen will, kann im Museumsladen der Wartburg einen Kühlschrankmagneten in Form eines schwarzen Kleckses kaufen: natürlich mit der Signatur "Martinus Luther".</div><div>&nbsp;</div><div><strong>O-Ton:</strong> „Ja aber man sieht gar nichts</div><div>&nbsp;</div><div><br><br></div>]]>
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      <title>Hat Siegfried den Drachen wirklich am Rhein besiegt? OMG 04</title>
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        <![CDATA[<div>Die Sage vom Drachentöter Siegfried ist eng mit dem Rhein und insbesondere Königswinter verbunden. Diese Folge zeigt, wie sich die Erzählung aus dem Nibelungenlied entwickelte und wie sie im Zuge der Rheinromantik des 19. Jahrhunderts regional verankert wurde. <br><br><strong>Königswinter am Rhein</strong><br><strong>Warum Siegfried den Drachen hier erschlagen hat</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Das malerische Königswinter am Rhein zieht von jeher viele Gäste an. Neben dem Rheinwein und dem Siebengebirge spielt dabei auch die Geschichte von Siegfried und dem Drachen eine wichtige Rolle. Dass die sich tatsächlich hier zugetragen hat, ist allerdings mehr als fragwürdig. Mit dieser Herausforderung lebt man in Königswinter aber ganz gut. Genau genommen seit der Zeit, als das Nibelungenlied ins Hochdeutsche übertragen worden war. <br><br><strong>Atmo Pferd </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br>Siegfried kennen Sie. Das war der strahlende Held, der seinerzeit die schöne Kriemhild geheiratet hat. Und der auf seinem Weg von seiner Heimatstadt Xanten nach Worms, wo Kriemhild wohnte, einen Drachen besiegt, und zwar mit seinem Schwert Balmung. Damals hatten die Schwerter noch Namen. Er hat dann auch noch in dessen Blut gebadet, was ihn unverletzlich gemacht hätte. Wenn ihm dabei nicht das verdammte Lindenblatt zwischen die Schultern geflattert wäre. Und so weiter und so weiter. Dass sich die Geschichte so zugetragen hat, weiß heute fast jeder. Aber nicht wo. <br><br><strong>Musik „Es war in Königswinter“</strong><br><br>In Königswinter am Rhein weiß man das schon. Nämlich genau hier. Davon geht man in Königswinter jedenfalls felsenfest aus: Hier dreht sich alles um den sagenhaften Drachen. Drachenburg, Drachenloch und vor allem um den Drachenfels, felsenfester geht es nicht. <br>Die Belege dafür, dass es hier tatsächlich einen Drachen gegeben haben könnte, den Siegfried dann getötet hat, sind dabei in keinster Weise gerichtsfest, um es mal so zu formulieren. Aber interessant sind sie schon. Da sei zunächst der Berg Drachenfels, der Königswinter überragt, sagt Dr. Peter Glasner, Privatdozent für Germanistische Mediävistik an der Bonner Universität. <br><br><strong>O-Ton Glasner 1</strong><br><strong>Historisch gesehen gibt es natürlich einfach die mittelalterliche Burg Drachenfels und die Burggrafen vom Drachenfels, die eben auch seit dem Hochmittelalter schon den Drachen in ihrem Wappenschild führen. Das scheint für mich eine doch verlässliche Spur zu sein. Fadeout</strong><br><br>Fragt sich nur, woher die Burggrafen ihren Uraltnamen und ihr Wappen haben. Eine Theorie ist: vom Felsgestein Trachit, das dort abgebaut worden ist, übrigens auch für den Bau des Kölner Doms. Kann nicht stimmen, sagt Peter Glasner.<br><br><strong>O-Ton Glasner 2</strong><br><strong>So funktioniert Namensgebung im Mittelalter nicht. Außerdem ist der älteste Belegt des Wortes Trachit nicht alt genug, um die Existenz eines Drachens da zu rechtfertigen. </strong><br><br>Woher kommt der Königswinterer Drache also dann? <br><br><strong>O-Ton Glasner 3</strong><br><strong>Es ist doch eher eine Mythoszuschreibung aus verschiedensten Quellen des 19. Jahrhunderts.</strong><br><br>Die wichtigste dieser Quellen ist das Nibelungenlied. Das schildert den Untergang des Burgunderreiches im 5.Jahrhundert&nbsp; nach Christus. Geschrieben wurde es im 13.Jahrhundert. Verfasser unbekannt. Karl Simrock,&nbsp; der erste Germanistikprofessor der Bonner Universität, hat es 1827 aus dem Mittelhochdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt. Deshalb ist der Held dieses Epos allgemein bekannt: besagter Siegfried, der den Drachen überwältigt. <br><br><strong>Musik Wagner Ring des Nibelungen</strong><br><br>Allerdings geht das Nibelungenlied nur in zwei kurzen Strophen auf dieses Thema ein. In Simrocks Übersetzung steht da beispielsweise;<br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt: <br>Einen Linddrachen schlug des Helden Hand; <br>Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.<br>So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut. <br><br>Der Drachenfels wird hier nicht erwähnt, Königswinter schon gar nicht.&nbsp; Für Karl Simrock lag der Tatort Drachenfels aber nahe. Übrigens auch im Wortsinne: Simrock wohnte sozusagen um die Ecke in Honnef, von Königswinter aus gesehen genau hinter dem Drachenfels. <br><br><strong>O-Ton Glasner 4</strong><br><strong>Karl Simrock, hier aus unserer Gegend, hat sich einmal so geäußert: Der Stoff von Sagen und Legenden – ich zitiere den mal wörtlich – konnte geografisch versetzt werden, aber nicht beliebig. Die Wahl der Örtlichkeit musste dem Stoff gemäß sein. </strong><br><br>So könne man, sagt Peter Glasner, wie Simrock auch durchaus auf Königswinter kommen,&nbsp; wenn man die Siegfried-Geschichte auf sich wirken lasse.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Glasner 5</strong><br><strong>Siegfried auf dem Weg zu seiner Krimhild in Worms, kommt aus Xanten, sozusagen in einer Linie am Rheinlauf entlang, in Königswinter vorbei. Das wäre geografisch noch so eine Plausibilisierung, die wir aber nicht historisch begründen können. </strong><br><br>In seinen späteren „Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter“ von 1836 schreibt Karl Simrock dann ganz ausdrücklich von einem Drachen am Drachenfels. Der soll hier in einer Höhle gehaust haben: dem Drachenloch, eine Felsspalte, die man auch heute noch vom Rhein aus gut sehen kann. <br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><br>Noch deutlicher wird Karl Hessel, Lehrer und Heimatschriftsteller. Der schrieb 1894 in seiner Gedichtesammlung Rheinlieder:<br><br>Jung Siegfried voller Heldenfeuer<br>Schlug aber tot das Ungeheuer<br>Hat sich im Drachenblut gebadet<br>Dass ihm hinfort kein Schwert mehr schadet.<br>An einem noch der Felsenwände<br>Ist’s Drachenloch, sagt die Legende.<br>Ein Wein wächst dorten, rot und gut<br>Führt noch den Namen Drachenblut. <br><br>Den Wein Drachenblut gibt es übrigens in Königswinter immer noch: ein Rotwein natürlich. Name: Königswinterer Drachenblut, trocken oder auch halbtrocken. <br><br>Die letzten Ungewissheiten über den Tatort der Drachengeschichte beseitigte dann eine Neufassung des Nibelungenliedes, ebenfalls durch einen Dichter, der den Drachenfels von seinem Dichterzimmer gesehen haben dürfte. <br> <br><strong>O-Ton Glasner 6</strong><br><strong>Unweit von Königswinter, in Rheinbreitbach, residiert vor dem Ersten Weltkrieg in der niederen Burg der Dichter Rudolf Herzog, der mit seiner Neuerzählung der Nibelungen für die Jugend, so 1912, eben auch so viel verdient haben muss, dass er sich diesen Burgaufenthalt leisten konnte. Und der lokalisiert übrigens im Gegensatz zum Nibelungenlied aus der Staufferzeit ganz konkret den Drachenkampf, Siegfried, im Siebengebirge. </strong><br><br><strong>Musik „Es war in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter“</strong><br><br>Damit war die Sache für die Königswinterer klar. Obwohl ihr Siegfried einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hatte. Und zwar tatsächlich hinter Königswinter, in dem erwähnten Honnef. Da ist noch Dietrich von Bern, der eigentliche tapfere und vor allem tadellose Ritter des Nibelungenliedes. Siegfried war ja im Vergleich zu ihm ein wenig zwielichtig. So hat er für seinen Schwager Gunther dessen Heirat mit seiner umworbenen Brünhild besiegelt, indem er diese mit Hilfe seiner Tarnkappe im Zweikampf heimlich besiegt: Sie wollte nämlich nur den nehmen, der das schafft. Und er hat sie, diesmal womöglich nur mit der Tarnkappe bekleidet, sogar vergewaltigt, als sie sich nämlich Gunther in der Hochzeitsnacht nicht hingeben wollte.<br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><br>Der unverdächtige Dietrich von Bern wächst als Königssohn womöglich im rheinfränkischen Verona auf, dem späteren Bonn,&nbsp; vermuten einige Experten. Also nur rund 10 Kilometer von Königswinter entfernt. Auch er hat einem bemerkenswerten Sieg auf seinem Konto: Er hat nämlich in jüngeren Jahren den Riesen Ecke im Kampf mit seinem Schwert erstochen, und zwar durch einen Schlitz in dessen Rüstung, die mit Drachenblut gehärtet und eigentlich unzerstörbar war. Kommt uns bekannt vor, oder. Nebenbei: Dietrichs Schwert hieß Mimung. <br><br>Und wieder glaubte Karl Simrock an einen rheinischen Schauplatz dieser Geschichte. In seiner Nachdichtung der Dietrichsage tauchen Ortsnamen wie Köln, Bonn, Königswinter und auch das Siebengebirge mit dem Drachenfels auf. In unmittelbarer Nähe seines Landhauses am Honnefer Menzenberg stieß Simrock außerdem auf Flurstücke wie Dederichsloch oder Dederichskaule. Und zog daraus den messerscharfen Schluss:&nbsp; Der Riese Ecke wurde von Dietrich am Menzenberg erschlagen, sozusagen vor Simrocks Haustür. Auch hier gibt es dann irgendwann den passenden Rotwein, von Simrock selbst angebaut und gekeltert und mit den Namen "Eckenblut" versehen. Das alles sei, trotz aller Wertschätzung für Karl Simrock, mit Vorsicht zu genießen, sagt Peter Glasner. <br><br><strong>O-Ton Glasner 7</strong><br><strong>Simrock hatte Humor und nimmt es vielleicht gar nicht so genau mit der sogenannten historischen Realität. Simrock hatte einmal über sich selbst gesagt: Meine Kollegen, also die akademischen waren damit gemeint, trauen mir nicht recht, weil ich ein Dichter bin. Also, ein gewisses Moment der romantischen Produktivität, um es mal positiv zu formulieren, spielt bei Simrock eine sehr große Rolle.</strong><br><em>&nbsp;<br></em>Während es bei der Dietrich-von-Bern-Geschichte in Honnef beim Eckenblut-Wein und einer gepflegten Simrock-Verehrung bleibt, geht in Königswinter die Post ab. Dazu trägt bei, dass das Nibelungenlied und seine Geschichte bis ins &nbsp; 20. Jahrhundert zu einer Art Nationalepos geworden ist, zu einer deutschen Ilias mit Siegfried als deutschem Helden. Darum pflegt man hier die Drachentöter-Geschichte so gut man kann. <br><em>&nbsp;<br></em>Besonders gut konnte das Stephan Sarter, Sohn eines Bonners Gastwirts, der an der Börse zu großem Reichtum gekommen war. Er begann 1882 mit dem Bau der Drachenburg, einer wilden Mischung aus Villa, Burg und Schloss.<br>&nbsp;<br><strong>O-Ton Glasner 8 </strong><br><strong>Das ist aber eigentlich mehr ein Neuschwanstein am Rhein.</strong><br><strong>Auch ein Hort deutscher Mythen. Vor allen Dingen der Kern des Gebäudes mit dem Nibelungenzimmer, also mit der ersten Strophe des Nibelungenlides in Holz geritzt, hält dann auch quasi in der großbürgerlichen Wohnkultur den Nibelungen- und Siegfried-Mythos präsent.</strong><br><em>&nbsp;<br></em><strong>Musik Wagner Ring des Nibelungen</strong><br><br>Das tut auch die Nibelungenhalle. Die wurde 1913 zum 100. Geburtstag Richard Wagners eröffnet. In diesem Kuppelbau in Später-Jugendstil-Optik sind&nbsp; Gemälde zum Opernzyklus „Der Ring“&nbsp; zu besichtigen, das Ganze zu leisen Wagner-Klängen. Unter den Bildern findet sich übrigens auch ein besonders beeindruckender Versuch, die Nibelungen-Geschichte in den Bergen um Königswinter herum spielen zu lassen, ein Versuch des damals beauftragten Kunstmalers Herman Hendrich, …<br><em>&nbsp;<br></em><strong>O-Ton Glasner 9</strong><br><strong>…der zum Beispiel einen weiblichen Frauenakt der liegenden Brunhild so ins Bild zu setzen verstanden hat, dass die Spitzen der Füße und anderer Körperteile die sieben Bergkuppen des Siebengebirges bildeten. </strong><br><em>&nbsp;<br></em>Zu Wagners 50. Todestag, im Jahre 1933, kam dann noch die Drachenhöhle dazu, ein dämmriger Gang, der um die Nibelungenhalle herum führt. Und schon vorher, in der Zeit des 1. Weltkriegs, war im Arkadengang des Rathauses in Königswinter ein Notnagel-Siegfried entstanden.<br><br><strong>O-Ton Glasner 10</strong><br><strong>Eine überlebensgroße Holzfigur von Siegfried und dem Drachen, gestiftet vom Frauen-Kriegsverein, wo man eben gegen Kriegsanleihe eiserne Nägel einschlagen sollte, eben auch um den patriotischen Geist zu schüren. Und das Kuriose ist: Siegfried gilt ja nach dem Bad im Drachenblut als unverwundbar. Also kriegen Sie da auch gegen Kriegsspende eigentlich keinen Nagel eingeschlagen. Das hat irgendjemand dann mal bemerkt. Es gibt noch einen Nagel in der Kniescheibe, und dann nagelte man den Drachen, um dem Mythos keinen Schaden zuzufügen. </strong><br><em>&nbsp;<br></em>Diese geballte Ladung Romantik, mit Rheintal, Drache und Siegfried plus Rheinwein blieb nicht ohne Folgen. Die Touristen kamen. Sollten sie auch. Klar war, sagt Peter Glasner, …<br><br><strong>O-Ton Glasner 11</strong><br><strong>…dass Siegfried das überregionale Ausstrahlungspotenzial hat. Mit Siegfried könnte man von Xanten bis Worms Reklame machen.</strong><br><strong>Und das interessiert dann irgendwann Engländer und Franzosen ganz genauso. Lord Byron ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Werbeträger in Anführungszeichen für die Attraktivität des Mittelalters am Rhein. Also, die Tradition der Grand Tours für den englischen Adel ist eigentlich die Erfindungsquelle der Rheinromantik. </strong><br>&nbsp;<br><em>Mit und nach Lord Byron kamen und kommen viele Touristen. Bis heute. Und was&nbsp; </em>dieses <em>Nibelungen-Image angeht: Da hatte </em>Königswinter - trotz der ja nicht ganz wasserdichten Beweislage – auch Glück. Die Konkurrenz ist nämlich beträchtlich. Erstens existiert ein zweiter Drachenfels, bei Bad Dürkheim, mit Drachenkammer und Drachenhöhle und einem "Siegfriedsbrunnen“.&nbsp; Und zweitens gibt es rund zehn Ortschaften, die einen solchen Brunnen vorzuweisen haben, an dem Siegfried getrunken haben soll, als Hagen von Tronje ihn hinterrücks erstochen hat. Stichwort Lindenblatt, Sie erinnern sich. Diese Orte liegen übrigens alle im Odenwald oder nicht weit davon entfernt. <br><br>Dass Königswinter und das Siebengebirge das Rennen um den Drachen gegen den Odenwald gewonnen haben, soll angeblich auch daran liegen, dass der Odenwald nicht das richtige Ambiente für Drachen sei, wird scherzhaft gemunkelt.. Im Vergleich zum Siebengebirge sei der Odenwald nämlich viel zu klein. Er soll sogar der kleinste Wald Deutschlands sein. Den Beweis liefere dieses Volkslied:<br><br><strong>Musik: Im Odenwald da steht ein Baum…</strong><br><br></div>]]>
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      <pubDate>Mon, 30 Mar 2026 15:00:00 +0200</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Die Sage vom Drachentöter Siegfried ist eng mit dem Rhein und insbesondere Königswinter verbunden. Diese Folge zeigt, wie sich die Erzählung aus dem Nibelungenlied entwickelte und wie sie im Zuge der Rheinromantik des 19. Jahrhunderts regional verankert wurde. <br><br><strong>Königswinter am Rhein</strong><br><strong>Warum Siegfried den Drachen hier erschlagen hat</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Das malerische Königswinter am Rhein zieht von jeher viele Gäste an. Neben dem Rheinwein und dem Siebengebirge spielt dabei auch die Geschichte von Siegfried und dem Drachen eine wichtige Rolle. Dass die sich tatsächlich hier zugetragen hat, ist allerdings mehr als fragwürdig. Mit dieser Herausforderung lebt man in Königswinter aber ganz gut. Genau genommen seit der Zeit, als das Nibelungenlied ins Hochdeutsche übertragen worden war. <br><br><strong>Atmo Pferd </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br>Siegfried kennen Sie. Das war der strahlende Held, der seinerzeit die schöne Kriemhild geheiratet hat. Und der auf seinem Weg von seiner Heimatstadt Xanten nach Worms, wo Kriemhild wohnte, einen Drachen besiegt, und zwar mit seinem Schwert Balmung. Damals hatten die Schwerter noch Namen. Er hat dann auch noch in dessen Blut gebadet, was ihn unverletzlich gemacht hätte. Wenn ihm dabei nicht das verdammte Lindenblatt zwischen die Schultern geflattert wäre. Und so weiter und so weiter. Dass sich die Geschichte so zugetragen hat, weiß heute fast jeder. Aber nicht wo. <br><br><strong>Musik „Es war in Königswinter“</strong><br><br>In Königswinter am Rhein weiß man das schon. Nämlich genau hier. Davon geht man in Königswinter jedenfalls felsenfest aus: Hier dreht sich alles um den sagenhaften Drachen. Drachenburg, Drachenloch und vor allem um den Drachenfels, felsenfester geht es nicht. <br>Die Belege dafür, dass es hier tatsächlich einen Drachen gegeben haben könnte, den Siegfried dann getötet hat, sind dabei in keinster Weise gerichtsfest, um es mal so zu formulieren. Aber interessant sind sie schon. Da sei zunächst der Berg Drachenfels, der Königswinter überragt, sagt Dr. Peter Glasner, Privatdozent für Germanistische Mediävistik an der Bonner Universität. <br><br><strong>O-Ton Glasner 1</strong><br><strong>Historisch gesehen gibt es natürlich einfach die mittelalterliche Burg Drachenfels und die Burggrafen vom Drachenfels, die eben auch seit dem Hochmittelalter schon den Drachen in ihrem Wappenschild führen. Das scheint für mich eine doch verlässliche Spur zu sein. Fadeout</strong><br><br>Fragt sich nur, woher die Burggrafen ihren Uraltnamen und ihr Wappen haben. Eine Theorie ist: vom Felsgestein Trachit, das dort abgebaut worden ist, übrigens auch für den Bau des Kölner Doms. Kann nicht stimmen, sagt Peter Glasner.<br><br><strong>O-Ton Glasner 2</strong><br><strong>So funktioniert Namensgebung im Mittelalter nicht. Außerdem ist der älteste Belegt des Wortes Trachit nicht alt genug, um die Existenz eines Drachens da zu rechtfertigen. </strong><br><br>Woher kommt der Königswinterer Drache also dann? <br><br><strong>O-Ton Glasner 3</strong><br><strong>Es ist doch eher eine Mythoszuschreibung aus verschiedensten Quellen des 19. Jahrhunderts.</strong><br><br>Die wichtigste dieser Quellen ist das Nibelungenlied. Das schildert den Untergang des Burgunderreiches im 5.Jahrhundert&nbsp; nach Christus. Geschrieben wurde es im 13.Jahrhundert. Verfasser unbekannt. Karl Simrock,&nbsp; der erste Germanistikprofessor der Bonner Universität, hat es 1827 aus dem Mittelhochdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt. Deshalb ist der Held dieses Epos allgemein bekannt: besagter Siegfried, der den Drachen überwältigt. <br><br><strong>Musik Wagner Ring des Nibelungen</strong><br><br>Allerdings geht das Nibelungenlied nur in zwei kurzen Strophen auf dieses Thema ein. In Simrocks Übersetzung steht da beispielsweise;<br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt: <br>Einen Linddrachen schlug des Helden Hand; <br>Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.<br>So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut. <br><br>Der Drachenfels wird hier nicht erwähnt, Königswinter schon gar nicht.&nbsp; Für Karl Simrock lag der Tatort Drachenfels aber nahe. Übrigens auch im Wortsinne: Simrock wohnte sozusagen um die Ecke in Honnef, von Königswinter aus gesehen genau hinter dem Drachenfels. <br><br><strong>O-Ton Glasner 4</strong><br><strong>Karl Simrock, hier aus unserer Gegend, hat sich einmal so geäußert: Der Stoff von Sagen und Legenden – ich zitiere den mal wörtlich – konnte geografisch versetzt werden, aber nicht beliebig. Die Wahl der Örtlichkeit musste dem Stoff gemäß sein. </strong><br><br>So könne man, sagt Peter Glasner, wie Simrock auch durchaus auf Königswinter kommen,&nbsp; wenn man die Siegfried-Geschichte auf sich wirken lasse.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Glasner 5</strong><br><strong>Siegfried auf dem Weg zu seiner Krimhild in Worms, kommt aus Xanten, sozusagen in einer Linie am Rheinlauf entlang, in Königswinter vorbei. Das wäre geografisch noch so eine Plausibilisierung, die wir aber nicht historisch begründen können. </strong><br><br>In seinen späteren „Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter“ von 1836 schreibt Karl Simrock dann ganz ausdrücklich von einem Drachen am Drachenfels. Der soll hier in einer Höhle gehaust haben: dem Drachenloch, eine Felsspalte, die man auch heute noch vom Rhein aus gut sehen kann. <br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><br>Noch deutlicher wird Karl Hessel, Lehrer und Heimatschriftsteller. Der schrieb 1894 in seiner Gedichtesammlung Rheinlieder:<br><br>Jung Siegfried voller Heldenfeuer<br>Schlug aber tot das Ungeheuer<br>Hat sich im Drachenblut gebadet<br>Dass ihm hinfort kein Schwert mehr schadet.<br>An einem noch der Felsenwände<br>Ist’s Drachenloch, sagt die Legende.<br>Ein Wein wächst dorten, rot und gut<br>Führt noch den Namen Drachenblut. <br><br>Den Wein Drachenblut gibt es übrigens in Königswinter immer noch: ein Rotwein natürlich. Name: Königswinterer Drachenblut, trocken oder auch halbtrocken. <br><br>Die letzten Ungewissheiten über den Tatort der Drachengeschichte beseitigte dann eine Neufassung des Nibelungenliedes, ebenfalls durch einen Dichter, der den Drachenfels von seinem Dichterzimmer gesehen haben dürfte. <br> <br><strong>O-Ton Glasner 6</strong><br><strong>Unweit von Königswinter, in Rheinbreitbach, residiert vor dem Ersten Weltkrieg in der niederen Burg der Dichter Rudolf Herzog, der mit seiner Neuerzählung der Nibelungen für die Jugend, so 1912, eben auch so viel verdient haben muss, dass er sich diesen Burgaufenthalt leisten konnte. Und der lokalisiert übrigens im Gegensatz zum Nibelungenlied aus der Staufferzeit ganz konkret den Drachenkampf, Siegfried, im Siebengebirge. </strong><br><br><strong>Musik „Es war in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter“</strong><br><br>Damit war die Sache für die Königswinterer klar. Obwohl ihr Siegfried einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hatte. Und zwar tatsächlich hinter Königswinter, in dem erwähnten Honnef. Da ist noch Dietrich von Bern, der eigentliche tapfere und vor allem tadellose Ritter des Nibelungenliedes. Siegfried war ja im Vergleich zu ihm ein wenig zwielichtig. So hat er für seinen Schwager Gunther dessen Heirat mit seiner umworbenen Brünhild besiegelt, indem er diese mit Hilfe seiner Tarnkappe im Zweikampf heimlich besiegt: Sie wollte nämlich nur den nehmen, der das schafft. Und er hat sie, diesmal womöglich nur mit der Tarnkappe bekleidet, sogar vergewaltigt, als sie sich nämlich Gunther in der Hochzeitsnacht nicht hingeben wollte.<br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><br>Der unverdächtige Dietrich von Bern wächst als Königssohn womöglich im rheinfränkischen Verona auf, dem späteren Bonn,&nbsp; vermuten einige Experten. Also nur rund 10 Kilometer von Königswinter entfernt. Auch er hat einem bemerkenswerten Sieg auf seinem Konto: Er hat nämlich in jüngeren Jahren den Riesen Ecke im Kampf mit seinem Schwert erstochen, und zwar durch einen Schlitz in dessen Rüstung, die mit Drachenblut gehärtet und eigentlich unzerstörbar war. Kommt uns bekannt vor, oder. Nebenbei: Dietrichs Schwert hieß Mimung. <br><br>Und wieder glaubte Karl Simrock an einen rheinischen Schauplatz dieser Geschichte. In seiner Nachdichtung der Dietrichsage tauchen Ortsnamen wie Köln, Bonn, Königswinter und auch das Siebengebirge mit dem Drachenfels auf. In unmittelbarer Nähe seines Landhauses am Honnefer Menzenberg stieß Simrock außerdem auf Flurstücke wie Dederichsloch oder Dederichskaule. Und zog daraus den messerscharfen Schluss:&nbsp; Der Riese Ecke wurde von Dietrich am Menzenberg erschlagen, sozusagen vor Simrocks Haustür. Auch hier gibt es dann irgendwann den passenden Rotwein, von Simrock selbst angebaut und gekeltert und mit den Namen "Eckenblut" versehen. Das alles sei, trotz aller Wertschätzung für Karl Simrock, mit Vorsicht zu genießen, sagt Peter Glasner. <br><br><strong>O-Ton Glasner 7</strong><br><strong>Simrock hatte Humor und nimmt es vielleicht gar nicht so genau mit der sogenannten historischen Realität. Simrock hatte einmal über sich selbst gesagt: Meine Kollegen, also die akademischen waren damit gemeint, trauen mir nicht recht, weil ich ein Dichter bin. Also, ein gewisses Moment der romantischen Produktivität, um es mal positiv zu formulieren, spielt bei Simrock eine sehr große Rolle.</strong><br><em>&nbsp;<br></em>Während es bei der Dietrich-von-Bern-Geschichte in Honnef beim Eckenblut-Wein und einer gepflegten Simrock-Verehrung bleibt, geht in Königswinter die Post ab. Dazu trägt bei, dass das Nibelungenlied und seine Geschichte bis ins &nbsp; 20. Jahrhundert zu einer Art Nationalepos geworden ist, zu einer deutschen Ilias mit Siegfried als deutschem Helden. Darum pflegt man hier die Drachentöter-Geschichte so gut man kann. <br><em>&nbsp;<br></em>Besonders gut konnte das Stephan Sarter, Sohn eines Bonners Gastwirts, der an der Börse zu großem Reichtum gekommen war. Er begann 1882 mit dem Bau der Drachenburg, einer wilden Mischung aus Villa, Burg und Schloss.<br>&nbsp;<br><strong>O-Ton Glasner 8 </strong><br><strong>Das ist aber eigentlich mehr ein Neuschwanstein am Rhein.</strong><br><strong>Auch ein Hort deutscher Mythen. Vor allen Dingen der Kern des Gebäudes mit dem Nibelungenzimmer, also mit der ersten Strophe des Nibelungenlides in Holz geritzt, hält dann auch quasi in der großbürgerlichen Wohnkultur den Nibelungen- und Siegfried-Mythos präsent.</strong><br><em>&nbsp;<br></em><strong>Musik Wagner Ring des Nibelungen</strong><br><br>Das tut auch die Nibelungenhalle. Die wurde 1913 zum 100. Geburtstag Richard Wagners eröffnet. In diesem Kuppelbau in Später-Jugendstil-Optik sind&nbsp; Gemälde zum Opernzyklus „Der Ring“&nbsp; zu besichtigen, das Ganze zu leisen Wagner-Klängen. Unter den Bildern findet sich übrigens auch ein besonders beeindruckender Versuch, die Nibelungen-Geschichte in den Bergen um Königswinter herum spielen zu lassen, ein Versuch des damals beauftragten Kunstmalers Herman Hendrich, …<br><em>&nbsp;<br></em><strong>O-Ton Glasner 9</strong><br><strong>…der zum Beispiel einen weiblichen Frauenakt der liegenden Brunhild so ins Bild zu setzen verstanden hat, dass die Spitzen der Füße und anderer Körperteile die sieben Bergkuppen des Siebengebirges bildeten. </strong><br><em>&nbsp;<br></em>Zu Wagners 50. Todestag, im Jahre 1933, kam dann noch die Drachenhöhle dazu, ein dämmriger Gang, der um die Nibelungenhalle herum führt. Und schon vorher, in der Zeit des 1. Weltkriegs, war im Arkadengang des Rathauses in Königswinter ein Notnagel-Siegfried entstanden.<br><br><strong>O-Ton Glasner 10</strong><br><strong>Eine überlebensgroße Holzfigur von Siegfried und dem Drachen, gestiftet vom Frauen-Kriegsverein, wo man eben gegen Kriegsanleihe eiserne Nägel einschlagen sollte, eben auch um den patriotischen Geist zu schüren. Und das Kuriose ist: Siegfried gilt ja nach dem Bad im Drachenblut als unverwundbar. Also kriegen Sie da auch gegen Kriegsspende eigentlich keinen Nagel eingeschlagen. Das hat irgendjemand dann mal bemerkt. Es gibt noch einen Nagel in der Kniescheibe, und dann nagelte man den Drachen, um dem Mythos keinen Schaden zuzufügen. </strong><br><em>&nbsp;<br></em>Diese geballte Ladung Romantik, mit Rheintal, Drache und Siegfried plus Rheinwein blieb nicht ohne Folgen. Die Touristen kamen. Sollten sie auch. Klar war, sagt Peter Glasner, …<br><br><strong>O-Ton Glasner 11</strong><br><strong>…dass Siegfried das überregionale Ausstrahlungspotenzial hat. Mit Siegfried könnte man von Xanten bis Worms Reklame machen.</strong><br><strong>Und das interessiert dann irgendwann Engländer und Franzosen ganz genauso. Lord Byron ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Werbeträger in Anführungszeichen für die Attraktivität des Mittelalters am Rhein. Also, die Tradition der Grand Tours für den englischen Adel ist eigentlich die Erfindungsquelle der Rheinromantik. </strong><br>&nbsp;<br><em>Mit und nach Lord Byron kamen und kommen viele Touristen. Bis heute. Und was&nbsp; </em>dieses <em>Nibelungen-Image angeht: Da hatte </em>Königswinter - trotz der ja nicht ganz wasserdichten Beweislage – auch Glück. Die Konkurrenz ist nämlich beträchtlich. Erstens existiert ein zweiter Drachenfels, bei Bad Dürkheim, mit Drachenkammer und Drachenhöhle und einem "Siegfriedsbrunnen“.&nbsp; Und zweitens gibt es rund zehn Ortschaften, die einen solchen Brunnen vorzuweisen haben, an dem Siegfried getrunken haben soll, als Hagen von Tronje ihn hinterrücks erstochen hat. Stichwort Lindenblatt, Sie erinnern sich. Diese Orte liegen übrigens alle im Odenwald oder nicht weit davon entfernt. <br><br>Dass Königswinter und das Siebengebirge das Rennen um den Drachen gegen den Odenwald gewonnen haben, soll angeblich auch daran liegen, dass der Odenwald nicht das richtige Ambiente für Drachen sei, wird scherzhaft gemunkelt.. Im Vergleich zum Siebengebirge sei der Odenwald nämlich viel zu klein. Er soll sogar der kleinste Wald Deutschlands sein. Den Beweis liefere dieses Volkslied:<br><br><strong>Musik: Im Odenwald da steht ein Baum…</strong><br><br></div>]]>
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      <itunes:subtitle>Die Nibelungensage zwischen Rhein und Rheinromantik</itunes:subtitle>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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Das war der strahlende Held, der seinerzeit die schöne Kriemhild geheiratet hat. Und der auf seinem Weg von seiner Heimatstadt Xanten nach Worms, wo Kriemhild wohnte, einen Drachen besiegt, und zwar mit seinem Schwert Balmung. Damals hatten die Schwerter noch Namen. Er hat dann auch noch in dessen Blut gebadet, was ihn unverletzlich gemacht hätte. Wenn ihm dabei nicht das verdammte Lindenblatt zwischen die Schultern geflattert wäre. Und so weiter und so weiter. Dass sich die Geschichte so zugetragen hat, weiß heute fast jeder. Aber nicht wo. <br><br><strong>Musik „Es war in Königswinter“</strong><br><br>In Königswinter am Rhein weiß man das schon. Nämlich genau hier. Davon geht man in Königswinter jedenfalls felsenfest aus: Hier dreht sich alles um den sagenhaften Drachen. Drachenburg, Drachenloch und vor allem um den Drachenfels, felsenfester geht es nicht. <br>Die Belege dafür, dass es hier tatsächlich einen Drachen gegeben haben könnte, den Siegfried dann getötet hat, sind dabei in keinster Weise gerichtsfest, um es mal so zu formulieren. Aber interessant sind sie schon. Da sei zunächst der Berg Drachenfels, der Königswinter überragt, sagt Dr. Peter Glasner, Privatdozent für Germanistische Mediävistik an der Bonner Universität. <br><br><strong>O-Ton Glasner 1</strong><br><strong>Historisch gesehen gibt es natürlich einfach die mittelalterliche Burg Drachenfels und die Burggrafen vom Drachenfels, die eben auch seit dem Hochmittelalter schon den Drachen in ihrem Wappenschild führen. Das scheint für mich eine doch verlässliche Spur zu sein. Fadeout</strong><br><br>Fragt sich nur, woher die Burggrafen ihren Uraltnamen und ihr Wappen haben. Eine Theorie ist: vom Felsgestein Trachit, das dort abgebaut worden ist, übrigens auch für den Bau des Kölner Doms. Kann nicht stimmen, sagt Peter Glasner.<br><br><strong>O-Ton Glasner 2</strong><br><strong>So funktioniert Namensgebung im Mittelalter nicht. Außerdem ist der älteste Belegt des Wortes Trachit nicht alt genug, um die Existenz eines Drachens da zu rechtfertigen. </strong><br><br>Woher kommt der Königswinterer Drache also dann? <br><br><strong>O-Ton Glasner 3</strong><br><strong>Es ist doch eher eine Mythoszuschreibung aus verschiedensten Quellen des 19. Jahrhunderts.</strong><br><br>Die wichtigste dieser Quellen ist das Nibelungenlied. Das schildert den Untergang des Burgunderreiches im 5.Jahrhundert&nbsp; nach Christus. Geschrieben wurde es im 13.Jahrhundert. Verfasser unbekannt. Karl Simrock,&nbsp; der erste Germanistikprofessor der Bonner Universität, hat es 1827 aus dem Mittelhochdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt. Deshalb ist der Held dieses Epos allgemein bekannt: besagter Siegfried, der den Drachen überwältigt. <br><br><strong>Musik Wagner Ring des Nibelungen</strong><br><br>Allerdings geht das Nibelungenlied nur in zwei kurzen Strophen auf dieses Thema ein. In Simrocks Übersetzung steht da beispielsweise;<br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt: <br>Einen Linddrachen schlug des Helden Hand; <br>Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.<br>So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut. <br><br>Der Drachenfels wird hier nicht erwähnt, Königswinter schon gar nicht.&nbsp; Für Karl Simrock lag der Tatort Drachenfels aber nahe. Übrigens auch im Wortsinne: Simrock wohnte sozusagen um die Ecke in Honnef, von Königswinter aus gesehen genau hinter dem Drachenfels. <br><br><strong>O-Ton Glasner 4</strong><br><strong>Karl Simrock, hier aus unserer Gegend, hat sich einmal so geäußert: Der Stoff von Sagen und Legenden – ich zitiere den mal wörtlich – konnte geografisch versetzt werden, aber nicht beliebig. Die Wahl der Örtlichkeit musste dem Stoff gemäß sein. </strong><br><br>So könne man, sagt Peter Glasner, wie Simrock auch durchaus auf Königswinter kommen,&nbsp; wenn man die Siegfried-Geschichte auf sich wirken lasse.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton Glasner 5</strong><br><strong>Siegfried auf dem Weg zu seiner Krimhild in Worms, kommt aus Xanten, sozusagen in einer Linie am Rheinlauf entlang, in Königswinter vorbei. Das wäre geografisch noch so eine Plausibilisierung, die wir aber nicht historisch begründen können. </strong><br><br>In seinen späteren „Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter“ von 1836 schreibt Karl Simrock dann ganz ausdrücklich von einem Drachen am Drachenfels. Der soll hier in einer Höhle gehaust haben: dem Drachenloch, eine Felsspalte, die man auch heute noch vom Rhein aus gut sehen kann. <br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><br>Noch deutlicher wird Karl Hessel, Lehrer und Heimatschriftsteller. Der schrieb 1894 in seiner Gedichtesammlung Rheinlieder:<br><br>Jung Siegfried voller Heldenfeuer<br>Schlug aber tot das Ungeheuer<br>Hat sich im Drachenblut gebadet<br>Dass ihm hinfort kein Schwert mehr schadet.<br>An einem noch der Felsenwände<br>Ist’s Drachenloch, sagt die Legende.<br>Ein Wein wächst dorten, rot und gut<br>Führt noch den Namen Drachenblut. <br><br>Den Wein Drachenblut gibt es übrigens in Königswinter immer noch: ein Rotwein natürlich. Name: Königswinterer Drachenblut, trocken oder auch halbtrocken. <br><br>Die letzten Ungewissheiten über den Tatort der Drachengeschichte beseitigte dann eine Neufassung des Nibelungenliedes, ebenfalls durch einen Dichter, der den Drachenfels von seinem Dichterzimmer gesehen haben dürfte. <br> <br><strong>O-Ton Glasner 6</strong><br><strong>Unweit von Königswinter, in Rheinbreitbach, residiert vor dem Ersten Weltkrieg in der niederen Burg der Dichter Rudolf Herzog, der mit seiner Neuerzählung der Nibelungen für die Jugend, so 1912, eben auch so viel verdient haben muss, dass er sich diesen Burgaufenthalt leisten konnte. Und der lokalisiert übrigens im Gegensatz zum Nibelungenlied aus der Staufferzeit ganz konkret den Drachenkampf, Siegfried, im Siebengebirge. </strong><br><br><strong>Musik „Es war in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter“</strong><br><br>Damit war die Sache für die Königswinterer klar. Obwohl ihr Siegfried einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hatte. Und zwar tatsächlich hinter Königswinter, in dem erwähnten Honnef. Da ist noch Dietrich von Bern, der eigentliche tapfere und vor allem tadellose Ritter des Nibelungenliedes. Siegfried war ja im Vergleich zu ihm ein wenig zwielichtig. So hat er für seinen Schwager Gunther dessen Heirat mit seiner umworbenen Brünhild besiegelt, indem er diese mit Hilfe seiner Tarnkappe im Zweikampf heimlich besiegt: Sie wollte nämlich nur den nehmen, der das schafft. Und er hat sie, diesmal womöglich nur mit der Tarnkappe bekleidet, sogar vergewaltigt, als sie sich nämlich Gunther in der Hochzeitsnacht nicht hingeben wollte.<br><br><strong>Lautenmusik</strong><br><br>Der unverdächtige Dietrich von Bern wächst als Königssohn womöglich im rheinfränkischen Verona auf, dem späteren Bonn,&nbsp; vermuten einige Experten. Also nur rund 10 Kilometer von Königswinter entfernt. 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Das alles sei, trotz aller Wertschätzung für Karl Simrock, mit Vorsicht zu genießen, sagt Peter Glasner. <br><br><strong>O-Ton Glasner 7</strong><br><strong>Simrock hatte Humor und nimmt es vielleicht gar nicht so genau mit der sogenannten historischen Realität. Simrock hatte einmal über sich selbst gesagt: Meine Kollegen, also die akademischen waren damit gemeint, trauen mir nicht recht, weil ich ein Dichter bin. Also, ein gewisses Moment der romantischen Produktivität, um es mal positiv zu formulieren, spielt bei Simrock eine sehr große Rolle.</strong><br><em>&nbsp;<br></em>Während es bei der Dietrich-von-Bern-Geschichte in Honnef beim Eckenblut-Wein und einer gepflegten Simrock-Verehrung bleibt, geht in Königswinter die Post ab. Dazu trägt bei, dass das Nibelungenlied und seine Geschichte bis ins &nbsp; 20. Jahrhundert zu einer Art Nationalepos geworden ist, zu einer deutschen Ilias mit Siegfried als deutschem Helden. 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In diesem Kuppelbau in Später-Jugendstil-Optik sind&nbsp; Gemälde zum Opernzyklus „Der Ring“&nbsp; zu besichtigen, das Ganze zu leisen Wagner-Klängen. Unter den Bildern findet sich übrigens auch ein besonders beeindruckender Versuch, die Nibelungen-Geschichte in den Bergen um Königswinter herum spielen zu lassen, ein Versuch des damals beauftragten Kunstmalers Herman Hendrich, …<br><em>&nbsp;<br></em><strong>O-Ton Glasner 9</strong><br><strong>…der zum Beispiel einen weiblichen Frauenakt der liegenden Brunhild so ins Bild zu setzen verstanden hat, dass die Spitzen der Füße und anderer Körperteile die sieben Bergkuppen des Siebengebirges bildeten. </strong><br><em>&nbsp;<br></em>Zu Wagners 50. Todestag, im Jahre 1933, kam dann noch die Drachenhöhle dazu, ein dämmriger Gang, der um die Nibelungenhalle herum führt. Und schon vorher, in der Zeit des 1. Weltkriegs, war im Arkadengang des Rathauses in Königswinter ein Notnagel-Siegfried entstanden.<br><br><strong>O-Ton Glasner 10</strong><br><strong>Eine überlebensgroße Holzfigur von Siegfried und dem Drachen, gestiftet vom Frauen-Kriegsverein, wo man eben gegen Kriegsanleihe eiserne Nägel einschlagen sollte, eben auch um den patriotischen Geist zu schüren. Und das Kuriose ist: Siegfried gilt ja nach dem Bad im Drachenblut als unverwundbar. Also kriegen Sie da auch gegen Kriegsspende eigentlich keinen Nagel eingeschlagen. Das hat irgendjemand dann mal bemerkt. Es gibt noch einen Nagel in der Kniescheibe, und dann nagelte man den Drachen, um dem Mythos keinen Schaden zuzufügen. </strong><br><em>&nbsp;<br></em>Diese geballte Ladung Romantik, mit Rheintal, Drache und Siegfried plus Rheinwein blieb nicht ohne Folgen. Die Touristen kamen. Sollten sie auch. Klar war, sagt Peter Glasner, …<br><br><strong>O-Ton Glasner 11</strong><br><strong>…dass Siegfried das überregionale Ausstrahlungspotenzial hat. Mit Siegfried könnte man von Xanten bis Worms Reklame machen.</strong><br><strong>Und das interessiert dann irgendwann Engländer und Franzosen ganz genauso. Lord Byron ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Werbeträger in Anführungszeichen für die Attraktivität des Mittelalters am Rhein. Also, die Tradition der Grand Tours für den englischen Adel ist eigentlich die Erfindungsquelle der Rheinromantik. </strong><br>&nbsp;<br><em>Mit und nach Lord Byron kamen und kommen viele Touristen. Bis heute. Und was&nbsp; </em>dieses <em>Nibelungen-Image angeht: Da hatte </em>Königswinter - trotz der ja nicht ganz wasserdichten Beweislage – auch Glück. Die Konkurrenz ist nämlich beträchtlich. Erstens existiert ein zweiter Drachenfels, bei Bad Dürkheim, mit Drachenkammer und Drachenhöhle und einem "Siegfriedsbrunnen“.&nbsp; Und zweitens gibt es rund zehn Ortschaften, die einen solchen Brunnen vorzuweisen haben, an dem Siegfried getrunken haben soll, als Hagen von Tronje ihn hinterrücks erstochen hat. Stichwort Lindenblatt, Sie erinnern sich. Diese Orte liegen übrigens alle im Odenwald oder nicht weit davon entfernt. <br><br>Dass Königswinter und das Siebengebirge das Rennen um den Drachen gegen den Odenwald gewonnen haben, soll angeblich auch daran liegen, dass der Odenwald nicht das richtige Ambiente für Drachen sei, wird scherzhaft gemunkelt.. Im Vergleich zum Siebengebirge sei der Odenwald nämlich viel zu klein. Er soll sogar der kleinste Wald Deutschlands sein. Den Beweis liefere dieses Volkslied:<br><br><strong>Musik: Im Odenwald da steht ein Baum…</strong><br><br></div>]]>
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      <title>Wann erwacht Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser? OMG 03</title>
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        <![CDATA[<div>Unter dem Kyffhäuserdenkmal in Thüringen schläft der Sage nach Kaiser Friedrich Barbarossa, um eines Tages zurückkehren. Die Folge untersucht, wie diese Sage entstand, welche politischen Interessen dahinter stecken und warum sie im 19. Jahrhundert nationale Bedeutung erhielt. <br><br><strong>Der Kyffhäuser-Mythos und der alte Barbarossa</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Der Kyffhäuser ist ein Mittelgebirge südlich des Harzes, in Thüringen. <br>Im Nordosten steht hier das Kyffhäuserdenkmal. Gebaut wurde der Riesenklotz zu Ehren Kaiser Wilhelms I., nach dessen Tod. Dennoch wurde es mehr und mehr zur sagenumwobenen Gedenkstätte für Kaiser Friedrich Barbarossa, der 700 Jahre vorher gestorben war. Wie ist dieser Mythos um Kaiser Barbarossa entstanden? Wie und durch wen hat er immer mehr Fahrt aufgenommen? Und was ist davon übrig geblieben, und was bis heute am Kyffhäuserdenkmal und drum herum&nbsp; davon zu sehen? Diesen Fragen ist Bernd Geisen nachgegangen. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Marschmusik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>So in etwa sieht auch das Kyffhäuser-Denkmal aus: pompös, soldatisch und, ja, hochtrabend. Dieses Kyffhäuser-Denkmal, das eigentlich ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal ist, steht im Kyffhäusergebirge. Das liegt südlich vom Harz, nicht weit weg von Orten mit so schönen Namen&nbsp; wie Nordhausen, Sondershausen oder&nbsp; Sangershausen. Das Denkmal selbst sieht so aus: Oben drauf ist die Kaiserkrone, darunter gibt es ein kupfernes Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I., siehe hochtrabend. Und darunter dann eine aus Sandstein gemeißelte Figur Kaiser Friedrichs I. Der alte Kaiser auf dem Pferd wurde zu seiner Zeit gern mal Barbablanca genannt, Weißbart. Der unten auf den Sockel ist als Rotbart in die Geschichte eingegangen: der Staufer Friedrich Barbarossa.<br><br>Kaiser Wilhelm I. starb im Jahr 1888. Aus diesem Grunde wurde ihm hier ein Denkmal gebaut. Für die Gestaltung gab es ein Preisausschreiben - nur für deutsche Künstler. Darin heißt es, dass das Denkmal der weit sichtbaren Lage des Standortes entsprechen sollte. Bauplatz war der Kyffhäuserburgberg, genau auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen. Die war immerhin irgendwann einmal eine Stauferburg gewesen, das passte zumindest zu Barbarossa. Und die künstlerische Gestaltung sollte sich an einer militärischen Auffassung orientieren. Das tut sie. <br><br><strong>Marschmusik kurz</strong><br><br>Den Zuschlag bekam ein Spezialist für das ganz große Kino, so würde man heute dazu sagen. Auch wenn sein Name das nicht vermuten lässt: Bruno Schmitz. Der hat danach auch die Porta Westfalica und ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkriegs das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gebaut. Wie diese beiden ist auch das Kyffhäuser-Denkmal von seinen Ausmaßen her überwältigend. Allein der Turm der Anlage ist über 80 Meter hoch. Wie so oft in der Regierungszeit Kaiser <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_II._(Deutsches_Reich)">Wilhelms II.</a>, dem Nach-Nachfolger Wilhelms I., „zeugen Gestaltung und Ausmaße auch des Kyffhäuser-Denkmals nicht unbedingt von Selbstgewissheit und Zukunftssicherheit“. Schreibt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Sie seien vielmehr „eher Ausdruck der Angst vor äußeren und vor inneren Feinden“. Gegen die sollte Barbarossa helfen. Daher kam seine Figur mit aufs Denkmal, allerdings nur ganz unten. <br><br>Dieser Friedrich I. Barbarossa war im Jahr 1155 zum deutschen Kaiser gekrönt worden, vor gut 900 Jahren also. Er war der erste in insgesamt 130 Jahren Staufer-Herrschaft&nbsp; über weite Teile Mittel- und Südeuropas. Und ausgerechnet dieser strahlende Kaiser Friedrich Barbarossa stirbt unerwartet auf dem dritten Kreuzzug am 10. Juni 1190, erzählt Dr. Peter Glasner. Er ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 1</strong><br><strong>Friedrich Barbarossa ist eben ein ganz mit großer Fama versehener Kaiser. Und der ist dann auch noch auf dem Kreuzzug im Fluss Saleph ertrunken, hat also ein abruptes Ende genommen. Dadurch war auf einmal auch dieses Kreuzzugsunternehmen kopflos und eben auch die ganze Regentschaft. </strong><br><strong>Und das ist glaube ich auch ein guter Nährboden für Mythenbildung, dieses völlig unverständige plötzliche Verschwinden. Und das verbindet sich dann auch mit Sehnsüchten, Hoffnungen der Wiederkehr und vielleicht eben auch der Eignung als Projektionsfläche für eine ideale Regentschaft.</strong><br><br>Als Vorbild für eine ideale Regentschaft hätte man Barbarossa nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 gut gebrauchen können, wenn wenigstens sein Grab in der Heimat gewesen wäre. Darum brach schon drei Jahre nach der Gründung eine Expedition deutscher Wissenschaftler&nbsp; in den nahen Osten auf: im Auftrag Fürst Bismarcks und unter der Leitung des Historikers Johann Nepomuk Sepp. Man vermutete nämlich die sterblichen Überreste von Friedrich Barbarossa in der Kathedrale der Hafenstadt Tyros im Libanon. Er sollte den Heldenhaften ins Deutsche Reich zurückbringen. Die Absicht dahinter war auch&nbsp; Sepp klar. Er schreibt im Vorwort seines Reiseberichts: <br><br> „[Die] Zurückführung der Überreste des alten Barbarossa [wird] die deutsche Nation in heilige Begeisterung versetzen. Welch ein Triumphzug, unseren größten Kaiser in den Kölner Dom zu übertragen, der als Sinnbild des längst in’s Stocken geratenen alten Reiches beim Aufbaue des neuen sich vollendet!“<br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Die Expedition kam aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Anstelle eines Mausoleums im Kölner Dom gibt es seit 1896 im Kyffhäuser-Denkmal die schon erwähnte Barbarossa-Sandsteinfigur. Ein wilder Geselle sitzt da, auf dem Kopf die Krone, die ihm der Papst höchstpersönlich aufs Haupt gesetzt hatte, die rechte Hand umklammert ein Schwert, die linke greift in den wallenden Bart, der fast bis zu den Knien reicht. Und der Kaiser sieht aus, ist zuweilen zu lesen, als würde er gerade aufwachen. Das hätte man wohl gern gehabt. <br><br>Nebenbei: Dass Johann Nepomuk Sepp den alten Barbarossa nicht gefunden hat, wird wohl an den Gebräuchen im nahen Osten gelegen haben. Wie bei ranghohen Personen üblich, war Barbarossas Leiche nach seinem Tod nämlich gekocht worden, um das in der Hitze schnell verwesende Fleisch, mit dem man es zu keiner offiziellen Beerdigung mehr geschafft hätte, von den Knochen zu lösen. Die Knochen wiederum, so schreibt ein Barbarossa-Biograph, nahmen die Kreuzfahrer&nbsp; anschließend in einem Ledersack mit ins Heilige Land. Heer und Knochen kamen aber nur bis zur genannten Hafenstadt Tyrus. Darum vermutet man, wie Johann Nepomuk Sepp eben auch, dass die Gebeine hier in der Kathedrale beigesetzt wurden. Fehlanzeige. Den Deutschen muss der Barbarossa-Mythos reichen, ohne Knochen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>Wenn man daran denkt, an die napoleonische Kriege, dann auch Wiener Kongress, Restauration, also die Enttäuschung auch weiter Kreise, dass mit diesen Befreiungskriegen eben nicht die Einheit und die Freiheit gekommen ist. Da kriegt auf einmal dieser Mythos, wie übrigens auch der Mythos der Nibelungen, eine unheimliche Konjunktur und unheimlichen Aufwind.</strong><br><br>Die Entstehungsbedingungen für den Barbarossa-Mythos waren dabei ideal: Erstens war der Friedrich Barbarossa&nbsp; sozusagen über Nacht verschwunden. Wobei man das wortwörtlich verstehen muss. Er war ja nicht nur tot. Auch sein Leichnam war weg. Und ein Grab gab es nicht. Zweitens war er viel zu früh und auf dem Höhepunkt seiner Macht gestorben. Da kommt der Wunschgedanke auf: Vielleicht kommt er ja noch mal wieder. Drittens herrschte Heldenmangel in einer Zeit, in der Napoleon auch die Deutschen Lande unaufhaltsam gedemütigt h tte. Und viertens, nicht zu vergessen: Nach dem Wiener Kongress gab es erst einmal kein Kaiserreich mehr. Und auch das spätere Deutsche Kaiserreich von 1871 hatte immer wieder mit den Rangeleien der vielen deutschen Kleinstaaten zu tun. Ein nationaler Mythos musste her.<br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Da kam die Barbarossa-Sage gerade recht: dass der Staufer in einer Höhle des Kyffhäuserbergs nur schlafe, um eines Tages zu erwachen und das Reich wieder zu neuer Größe zu führen. In dieser Höhle sitzt er mit seiner goldenen Krone auf dem Kopf an einem Tisch, um den sein Bart schon zweimal herum gewachsen ist. Und wenn die dritte Runde beendet ist, so die Sage, beginnt das Ende der Welt. Vorher wacht Kaiser darum vorsichtshalber alle hundert Jahre auf. <br><br>Diese Höhle gibt es tatsächlich, zur Fuß gut zwei Stunden vom Denkmal entfernt. Sie wurde rein zufällig bei der Suche nach Kupfer im Kyffhäuser entdeckt. 800 Meter ist sie lang, mit hohen Gewölben und klaren Seen, “von beeindruckender Größe und Schönheit“, schreibt der Barbarossahöhle Eigenbetrieb der Gemeinde Kyffhäuserland. Im Jahr 1866 wurde die Falkenburger Höhle, wie sie zuerst hieß, darum als sogenannte Schauhöhle eröffnet. Schon kurz darauf benannte man sie in Barbarossahöhle um, also lange vor dem Bau des Kyffhäuser-Denkmals und der Gründung des Kaiserreichs. Der Mythos lebte also schon, wie gewünscht. <br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Dabei war dieser Mythos auch vorher schon so populär und verführerisch, dass es vor allem im Mittelalter immer wieder Hochstapler gab, die sich als auferstandene Friedriche ausgaben, entweder als Friedrich II. oder eben als sein Großvater Barbarossa.&nbsp; Bekannt geworden ist vor allem <a href="https://de.m.wikipedia.org/wiki/Tile_Kolup">Tile Kolup</a>. Der hatte mit der Rolle Friedrich II. fast ein Jahr lang Erfolg, hielt Hof in der Nähe von Neuss, stellte mit einem gefälschten Siegel Urkunden aus und bestätigte sogar Privilegien, beispielsweise die der Äbtissin zu Essen. Irgendwann geriet er in die Hände des damals herrschenden Königs Rudolf von Habsburg. Der ließ ihn hinrichten. <br><br>Der Mythos lebte derweil unbehelligt weiter. So richtig bekannt machte ihn das Gedicht „Der alte Barbarossa“ von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1817. Aus dem spricht vor allem die Enttäuschung, dass es zwei Jahre nach dem Wiener Kongress das alte Kaiserreich nicht mehr gab und ein neues nicht in Sicht war, erzählt Dr. Peter Glasner. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 3</strong><br><strong>Da wird eben beschrieben, wie der dort eben da sitzt mit seinem verwachsenen Bart in dieser Tischplatte, die da eben monströs beschrieben wird. Sogleich oszilliert aber dann dieses körperliche Moment des langen, endlosen roten Bartes in etwas Feuerartiges. Und der unterhält sich dann auch mit einem mythischen Knaben und fragt ihn dann: Ziehen die Raben eben noch durch die Gegend? Und solange das der Fall ist, ist noch seine Stunde nicht gekommen.</strong><br><br> „Und wenn die alten Raben<br> Noch fliegen immerdar,<br> So muß ich auch noch schlafen<br> Verzaubert hundert Jahr.“<br><br>Der Dichter Max von Schenkendorf legt hier noch eine Schippe drauf. Das liegt sicher daran, dass der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon und die Franzosen teilgenommen hat. In seinem Gedicht „Das Bild in Gelnhausen“ träumt er von einem Sieg über die Franzosen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 4</strong><br><strong>Das ist dann also auch keine harmlose Märchenerzählung, sondern eher der Versuch, auch mobil zu machen mit diesem Mythos. Und es geht natürlich um die Welschen. Das sind die Franzosen. Und die Welschen sind geschlagen und es siegt das heil’ge Kreuz. Wiederkehrt aus deinen Tagen, Lebensfülle, Lebensreiz. Also Frankreich bringt Tod und Verzweiflung. Der Sieg über Frankreich dann wieder mit dem Barbarossa-Mythos Fülle und die Freude des Lebens.</strong><br><br>Irgendwann kommen dann aber doch Zweifel an dem Barbarossa- Volksglauben auf. Beispielsweise bei Karl Simrock, dem ersten Germanistikprofessor der Bonner Universität und sozusagen dem Vorgänger-Kollegen von Peter Glasner. Er hat die Barbarossa-Sage in einer Ausgabe seiner Volksbücher in den 1840er Jahren aus seiner Sicht nacherzählt. Also auch noch weit vor der neuen Kaiserreichsgründung. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 5</strong><br><strong>Es ist ganz bezeichnend, dass er eigentlich den Hauptbestandteil des Mythos, der plötzlich verschwundene Kaiser, der irgendwo auf seine Wiederkehr wartet, als Motiv ganz, ganz klein und ganz am Ende erzählt. Das interessierte überhaupt nicht. Er erzählt quasi am nationalen Mythos-Kern vorbei. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Weil er erstens der Mythos-Geschichte nicht traut. Dazu schreibt Karl Simrock:<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 6</strong><br><strong>Also das sei irgendwie überliefert, aber eben nur von Bauern und Schwarzkünstlern – das sind glaube ich nicht besonders glaubwürdige Kandidaten. Bauern und Schwarzkünstler. Der kommt wieder. </strong><br><br>Wer glaubt denn so was. Und außerdem, zweitens, zweifelt er an der Kompetenz des Personals, das da – im übertragenen Sinne - in der Kyffhäuserhöhle aufwachen könnte. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 7</strong><br><strong>Zitat Simrock: Welcher Kaiser das dann sein wird, das weiß Gott.</strong><br><br>Kein gutes Haar mehr lässt dann Heinrich Heine an diesen vaterländischen Sentimentalitäten. Diese ganze Barbarossa-Sehnsüchtelei sei, schreibt er, „ein Gemisch&nbsp; von gotischem Wahn und modernem Lug, das weder Fleisch noch Fisch ist.“ <br><br>„Das alte Heilige Römische Reich,<br> Stell's wieder her, das ganze,<br> Gib uns den modrigsten Plunder zurück<br> Mit allem Firlifanze.“<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 8</strong><br><strong>Da ist dann der Erste 1844 Heinrich Heine mit Deutschland „Ein Wintermärchen“, der also da ganz kritisch auch rangeht mit solchen Versen wie „Geh‘, leg dich schlafen, wir werden uns auch ohne dich erlösen. Eine Absage an diesen Mythos und auch an dieses politische Programm, eine Absage an diese Deutschtümelei, die damit verbunden ist. </strong><br><br>&nbsp;„Herr Rotbart - rief ich laut - du bist <br>Ein altes Fabelwesen. <br>Geh, leg dich schlafen, wir werden uns <br>Auch ohne dich erlösen.<br><br>Das beste wäre, du bliebest zu Haus <br>Hier in dem alten Kyffhäuser. <br>Bedenk ich die Sache ganz genau<br>So brauchen wir gar keinen Kaiser.“<br><br>Einen letzten Versuch, Barbarossa oder zumindest seinen Geist wieder lebendig werden zu lassen, gab es 1939: Da wurde auf dem Kyffhäuser auch noch ein Hindenburg-Denkmal errichtet. Das wurde allerdings nach dem 2. Weltkrieg von sowjetischen Soldaten vergraben. Bis heute ist nur der Oberkörper wieder freigelegt. Seither scheint es so, als habe Barbarossa auf Heinrich Heine gehört und schläft. So gut das bei 150.000 Besuchern im Jahr geht. Die deutsche Einheit hat er jedenfalls verschlafen. Vielleicht war sie ihm, der zu Lebzeiten von der Nordsee bis zum Mittelmeer herrschte, aber auch nur eine Nummer zu klein. <br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><strong>&nbsp;</strong></div>]]>
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      <pubDate>Thu, 26 Mar 2026 13:10:00 +0100</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Unter dem Kyffhäuserdenkmal in Thüringen schläft der Sage nach Kaiser Friedrich Barbarossa, um eines Tages zurückkehren. Die Folge untersucht, wie diese Sage entstand, welche politischen Interessen dahinter stecken und warum sie im 19. Jahrhundert nationale Bedeutung erhielt. <br><br><strong>Der Kyffhäuser-Mythos und der alte Barbarossa</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Der Kyffhäuser ist ein Mittelgebirge südlich des Harzes, in Thüringen. <br>Im Nordosten steht hier das Kyffhäuserdenkmal. Gebaut wurde der Riesenklotz zu Ehren Kaiser Wilhelms I., nach dessen Tod. Dennoch wurde es mehr und mehr zur sagenumwobenen Gedenkstätte für Kaiser Friedrich Barbarossa, der 700 Jahre vorher gestorben war. Wie ist dieser Mythos um Kaiser Barbarossa entstanden? Wie und durch wen hat er immer mehr Fahrt aufgenommen? Und was ist davon übrig geblieben, und was bis heute am Kyffhäuserdenkmal und drum herum&nbsp; davon zu sehen? Diesen Fragen ist Bernd Geisen nachgegangen. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Marschmusik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>So in etwa sieht auch das Kyffhäuser-Denkmal aus: pompös, soldatisch und, ja, hochtrabend. Dieses Kyffhäuser-Denkmal, das eigentlich ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal ist, steht im Kyffhäusergebirge. Das liegt südlich vom Harz, nicht weit weg von Orten mit so schönen Namen&nbsp; wie Nordhausen, Sondershausen oder&nbsp; Sangershausen. Das Denkmal selbst sieht so aus: Oben drauf ist die Kaiserkrone, darunter gibt es ein kupfernes Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I., siehe hochtrabend. Und darunter dann eine aus Sandstein gemeißelte Figur Kaiser Friedrichs I. Der alte Kaiser auf dem Pferd wurde zu seiner Zeit gern mal Barbablanca genannt, Weißbart. Der unten auf den Sockel ist als Rotbart in die Geschichte eingegangen: der Staufer Friedrich Barbarossa.<br><br>Kaiser Wilhelm I. starb im Jahr 1888. Aus diesem Grunde wurde ihm hier ein Denkmal gebaut. Für die Gestaltung gab es ein Preisausschreiben - nur für deutsche Künstler. Darin heißt es, dass das Denkmal der weit sichtbaren Lage des Standortes entsprechen sollte. Bauplatz war der Kyffhäuserburgberg, genau auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen. Die war immerhin irgendwann einmal eine Stauferburg gewesen, das passte zumindest zu Barbarossa. Und die künstlerische Gestaltung sollte sich an einer militärischen Auffassung orientieren. Das tut sie. <br><br><strong>Marschmusik kurz</strong><br><br>Den Zuschlag bekam ein Spezialist für das ganz große Kino, so würde man heute dazu sagen. Auch wenn sein Name das nicht vermuten lässt: Bruno Schmitz. Der hat danach auch die Porta Westfalica und ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkriegs das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gebaut. Wie diese beiden ist auch das Kyffhäuser-Denkmal von seinen Ausmaßen her überwältigend. Allein der Turm der Anlage ist über 80 Meter hoch. Wie so oft in der Regierungszeit Kaiser <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_II._(Deutsches_Reich)">Wilhelms II.</a>, dem Nach-Nachfolger Wilhelms I., „zeugen Gestaltung und Ausmaße auch des Kyffhäuser-Denkmals nicht unbedingt von Selbstgewissheit und Zukunftssicherheit“. Schreibt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Sie seien vielmehr „eher Ausdruck der Angst vor äußeren und vor inneren Feinden“. Gegen die sollte Barbarossa helfen. Daher kam seine Figur mit aufs Denkmal, allerdings nur ganz unten. <br><br>Dieser Friedrich I. Barbarossa war im Jahr 1155 zum deutschen Kaiser gekrönt worden, vor gut 900 Jahren also. Er war der erste in insgesamt 130 Jahren Staufer-Herrschaft&nbsp; über weite Teile Mittel- und Südeuropas. Und ausgerechnet dieser strahlende Kaiser Friedrich Barbarossa stirbt unerwartet auf dem dritten Kreuzzug am 10. Juni 1190, erzählt Dr. Peter Glasner. Er ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 1</strong><br><strong>Friedrich Barbarossa ist eben ein ganz mit großer Fama versehener Kaiser. Und der ist dann auch noch auf dem Kreuzzug im Fluss Saleph ertrunken, hat also ein abruptes Ende genommen. Dadurch war auf einmal auch dieses Kreuzzugsunternehmen kopflos und eben auch die ganze Regentschaft. </strong><br><strong>Und das ist glaube ich auch ein guter Nährboden für Mythenbildung, dieses völlig unverständige plötzliche Verschwinden. Und das verbindet sich dann auch mit Sehnsüchten, Hoffnungen der Wiederkehr und vielleicht eben auch der Eignung als Projektionsfläche für eine ideale Regentschaft.</strong><br><br>Als Vorbild für eine ideale Regentschaft hätte man Barbarossa nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 gut gebrauchen können, wenn wenigstens sein Grab in der Heimat gewesen wäre. Darum brach schon drei Jahre nach der Gründung eine Expedition deutscher Wissenschaftler&nbsp; in den nahen Osten auf: im Auftrag Fürst Bismarcks und unter der Leitung des Historikers Johann Nepomuk Sepp. Man vermutete nämlich die sterblichen Überreste von Friedrich Barbarossa in der Kathedrale der Hafenstadt Tyros im Libanon. Er sollte den Heldenhaften ins Deutsche Reich zurückbringen. Die Absicht dahinter war auch&nbsp; Sepp klar. Er schreibt im Vorwort seines Reiseberichts: <br><br> „[Die] Zurückführung der Überreste des alten Barbarossa [wird] die deutsche Nation in heilige Begeisterung versetzen. Welch ein Triumphzug, unseren größten Kaiser in den Kölner Dom zu übertragen, der als Sinnbild des längst in’s Stocken geratenen alten Reiches beim Aufbaue des neuen sich vollendet!“<br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Die Expedition kam aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Anstelle eines Mausoleums im Kölner Dom gibt es seit 1896 im Kyffhäuser-Denkmal die schon erwähnte Barbarossa-Sandsteinfigur. Ein wilder Geselle sitzt da, auf dem Kopf die Krone, die ihm der Papst höchstpersönlich aufs Haupt gesetzt hatte, die rechte Hand umklammert ein Schwert, die linke greift in den wallenden Bart, der fast bis zu den Knien reicht. Und der Kaiser sieht aus, ist zuweilen zu lesen, als würde er gerade aufwachen. Das hätte man wohl gern gehabt. <br><br>Nebenbei: Dass Johann Nepomuk Sepp den alten Barbarossa nicht gefunden hat, wird wohl an den Gebräuchen im nahen Osten gelegen haben. Wie bei ranghohen Personen üblich, war Barbarossas Leiche nach seinem Tod nämlich gekocht worden, um das in der Hitze schnell verwesende Fleisch, mit dem man es zu keiner offiziellen Beerdigung mehr geschafft hätte, von den Knochen zu lösen. Die Knochen wiederum, so schreibt ein Barbarossa-Biograph, nahmen die Kreuzfahrer&nbsp; anschließend in einem Ledersack mit ins Heilige Land. Heer und Knochen kamen aber nur bis zur genannten Hafenstadt Tyrus. Darum vermutet man, wie Johann Nepomuk Sepp eben auch, dass die Gebeine hier in der Kathedrale beigesetzt wurden. Fehlanzeige. Den Deutschen muss der Barbarossa-Mythos reichen, ohne Knochen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>Wenn man daran denkt, an die napoleonische Kriege, dann auch Wiener Kongress, Restauration, also die Enttäuschung auch weiter Kreise, dass mit diesen Befreiungskriegen eben nicht die Einheit und die Freiheit gekommen ist. Da kriegt auf einmal dieser Mythos, wie übrigens auch der Mythos der Nibelungen, eine unheimliche Konjunktur und unheimlichen Aufwind.</strong><br><br>Die Entstehungsbedingungen für den Barbarossa-Mythos waren dabei ideal: Erstens war der Friedrich Barbarossa&nbsp; sozusagen über Nacht verschwunden. Wobei man das wortwörtlich verstehen muss. Er war ja nicht nur tot. Auch sein Leichnam war weg. Und ein Grab gab es nicht. Zweitens war er viel zu früh und auf dem Höhepunkt seiner Macht gestorben. Da kommt der Wunschgedanke auf: Vielleicht kommt er ja noch mal wieder. Drittens herrschte Heldenmangel in einer Zeit, in der Napoleon auch die Deutschen Lande unaufhaltsam gedemütigt h tte. Und viertens, nicht zu vergessen: Nach dem Wiener Kongress gab es erst einmal kein Kaiserreich mehr. Und auch das spätere Deutsche Kaiserreich von 1871 hatte immer wieder mit den Rangeleien der vielen deutschen Kleinstaaten zu tun. Ein nationaler Mythos musste her.<br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Da kam die Barbarossa-Sage gerade recht: dass der Staufer in einer Höhle des Kyffhäuserbergs nur schlafe, um eines Tages zu erwachen und das Reich wieder zu neuer Größe zu führen. In dieser Höhle sitzt er mit seiner goldenen Krone auf dem Kopf an einem Tisch, um den sein Bart schon zweimal herum gewachsen ist. Und wenn die dritte Runde beendet ist, so die Sage, beginnt das Ende der Welt. Vorher wacht Kaiser darum vorsichtshalber alle hundert Jahre auf. <br><br>Diese Höhle gibt es tatsächlich, zur Fuß gut zwei Stunden vom Denkmal entfernt. Sie wurde rein zufällig bei der Suche nach Kupfer im Kyffhäuser entdeckt. 800 Meter ist sie lang, mit hohen Gewölben und klaren Seen, “von beeindruckender Größe und Schönheit“, schreibt der Barbarossahöhle Eigenbetrieb der Gemeinde Kyffhäuserland. Im Jahr 1866 wurde die Falkenburger Höhle, wie sie zuerst hieß, darum als sogenannte Schauhöhle eröffnet. Schon kurz darauf benannte man sie in Barbarossahöhle um, also lange vor dem Bau des Kyffhäuser-Denkmals und der Gründung des Kaiserreichs. Der Mythos lebte also schon, wie gewünscht. <br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Dabei war dieser Mythos auch vorher schon so populär und verführerisch, dass es vor allem im Mittelalter immer wieder Hochstapler gab, die sich als auferstandene Friedriche ausgaben, entweder als Friedrich II. oder eben als sein Großvater Barbarossa.&nbsp; Bekannt geworden ist vor allem <a href="https://de.m.wikipedia.org/wiki/Tile_Kolup">Tile Kolup</a>. Der hatte mit der Rolle Friedrich II. fast ein Jahr lang Erfolg, hielt Hof in der Nähe von Neuss, stellte mit einem gefälschten Siegel Urkunden aus und bestätigte sogar Privilegien, beispielsweise die der Äbtissin zu Essen. Irgendwann geriet er in die Hände des damals herrschenden Königs Rudolf von Habsburg. Der ließ ihn hinrichten. <br><br>Der Mythos lebte derweil unbehelligt weiter. So richtig bekannt machte ihn das Gedicht „Der alte Barbarossa“ von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1817. Aus dem spricht vor allem die Enttäuschung, dass es zwei Jahre nach dem Wiener Kongress das alte Kaiserreich nicht mehr gab und ein neues nicht in Sicht war, erzählt Dr. Peter Glasner. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 3</strong><br><strong>Da wird eben beschrieben, wie der dort eben da sitzt mit seinem verwachsenen Bart in dieser Tischplatte, die da eben monströs beschrieben wird. Sogleich oszilliert aber dann dieses körperliche Moment des langen, endlosen roten Bartes in etwas Feuerartiges. Und der unterhält sich dann auch mit einem mythischen Knaben und fragt ihn dann: Ziehen die Raben eben noch durch die Gegend? Und solange das der Fall ist, ist noch seine Stunde nicht gekommen.</strong><br><br> „Und wenn die alten Raben<br> Noch fliegen immerdar,<br> So muß ich auch noch schlafen<br> Verzaubert hundert Jahr.“<br><br>Der Dichter Max von Schenkendorf legt hier noch eine Schippe drauf. Das liegt sicher daran, dass der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon und die Franzosen teilgenommen hat. In seinem Gedicht „Das Bild in Gelnhausen“ träumt er von einem Sieg über die Franzosen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 4</strong><br><strong>Das ist dann also auch keine harmlose Märchenerzählung, sondern eher der Versuch, auch mobil zu machen mit diesem Mythos. Und es geht natürlich um die Welschen. Das sind die Franzosen. Und die Welschen sind geschlagen und es siegt das heil’ge Kreuz. Wiederkehrt aus deinen Tagen, Lebensfülle, Lebensreiz. Also Frankreich bringt Tod und Verzweiflung. Der Sieg über Frankreich dann wieder mit dem Barbarossa-Mythos Fülle und die Freude des Lebens.</strong><br><br>Irgendwann kommen dann aber doch Zweifel an dem Barbarossa- Volksglauben auf. Beispielsweise bei Karl Simrock, dem ersten Germanistikprofessor der Bonner Universität und sozusagen dem Vorgänger-Kollegen von Peter Glasner. Er hat die Barbarossa-Sage in einer Ausgabe seiner Volksbücher in den 1840er Jahren aus seiner Sicht nacherzählt. Also auch noch weit vor der neuen Kaiserreichsgründung. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 5</strong><br><strong>Es ist ganz bezeichnend, dass er eigentlich den Hauptbestandteil des Mythos, der plötzlich verschwundene Kaiser, der irgendwo auf seine Wiederkehr wartet, als Motiv ganz, ganz klein und ganz am Ende erzählt. Das interessierte überhaupt nicht. Er erzählt quasi am nationalen Mythos-Kern vorbei. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Weil er erstens der Mythos-Geschichte nicht traut. Dazu schreibt Karl Simrock:<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 6</strong><br><strong>Also das sei irgendwie überliefert, aber eben nur von Bauern und Schwarzkünstlern – das sind glaube ich nicht besonders glaubwürdige Kandidaten. Bauern und Schwarzkünstler. Der kommt wieder. </strong><br><br>Wer glaubt denn so was. Und außerdem, zweitens, zweifelt er an der Kompetenz des Personals, das da – im übertragenen Sinne - in der Kyffhäuserhöhle aufwachen könnte. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 7</strong><br><strong>Zitat Simrock: Welcher Kaiser das dann sein wird, das weiß Gott.</strong><br><br>Kein gutes Haar mehr lässt dann Heinrich Heine an diesen vaterländischen Sentimentalitäten. Diese ganze Barbarossa-Sehnsüchtelei sei, schreibt er, „ein Gemisch&nbsp; von gotischem Wahn und modernem Lug, das weder Fleisch noch Fisch ist.“ <br><br>„Das alte Heilige Römische Reich,<br> Stell's wieder her, das ganze,<br> Gib uns den modrigsten Plunder zurück<br> Mit allem Firlifanze.“<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 8</strong><br><strong>Da ist dann der Erste 1844 Heinrich Heine mit Deutschland „Ein Wintermärchen“, der also da ganz kritisch auch rangeht mit solchen Versen wie „Geh‘, leg dich schlafen, wir werden uns auch ohne dich erlösen. 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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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        <![CDATA[<div>Unter dem Kyffhäuserdenkmal in Thüringen schläft der Sage nach Kaiser Friedrich Barbarossa, um eines Tages zurückkehren. Die Folge untersucht, wie diese Sage entstand, welche politischen Interessen dahinter stecken und warum sie im 19. Jahrhundert nationale Bedeutung erhielt. <br><br><strong>Der Kyffhäuser-Mythos und der alte Barbarossa</strong><br><br><strong>Anmoderation</strong><br>Der Kyffhäuser ist ein Mittelgebirge südlich des Harzes, in Thüringen. <br>Im Nordosten steht hier das Kyffhäuserdenkmal. Gebaut wurde der Riesenklotz zu Ehren Kaiser Wilhelms I., nach dessen Tod. Dennoch wurde es mehr und mehr zur sagenumwobenen Gedenkstätte für Kaiser Friedrich Barbarossa, der 700 Jahre vorher gestorben war. Wie ist dieser Mythos um Kaiser Barbarossa entstanden? Wie und durch wen hat er immer mehr Fahrt aufgenommen? Und was ist davon übrig geblieben, und was bis heute am Kyffhäuserdenkmal und drum herum&nbsp; davon zu sehen? Diesen Fragen ist Bernd Geisen nachgegangen. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Marschmusik</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>So in etwa sieht auch das Kyffhäuser-Denkmal aus: pompös, soldatisch und, ja, hochtrabend. Dieses Kyffhäuser-Denkmal, das eigentlich ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal ist, steht im Kyffhäusergebirge. Das liegt südlich vom Harz, nicht weit weg von Orten mit so schönen Namen&nbsp; wie Nordhausen, Sondershausen oder&nbsp; Sangershausen. Das Denkmal selbst sieht so aus: Oben drauf ist die Kaiserkrone, darunter gibt es ein kupfernes Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I., siehe hochtrabend. Und darunter dann eine aus Sandstein gemeißelte Figur Kaiser Friedrichs I. Der alte Kaiser auf dem Pferd wurde zu seiner Zeit gern mal Barbablanca genannt, Weißbart. Der unten auf den Sockel ist als Rotbart in die Geschichte eingegangen: der Staufer Friedrich Barbarossa.<br><br>Kaiser Wilhelm I. starb im Jahr 1888. Aus diesem Grunde wurde ihm hier ein Denkmal gebaut. Für die Gestaltung gab es ein Preisausschreiben - nur für deutsche Künstler. Darin heißt es, dass das Denkmal der weit sichtbaren Lage des Standortes entsprechen sollte. Bauplatz war der Kyffhäuserburgberg, genau auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen. Die war immerhin irgendwann einmal eine Stauferburg gewesen, das passte zumindest zu Barbarossa. Und die künstlerische Gestaltung sollte sich an einer militärischen Auffassung orientieren. Das tut sie. <br><br><strong>Marschmusik kurz</strong><br><br>Den Zuschlag bekam ein Spezialist für das ganz große Kino, so würde man heute dazu sagen. Auch wenn sein Name das nicht vermuten lässt: Bruno Schmitz. Der hat danach auch die Porta Westfalica und ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkriegs das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gebaut. Wie diese beiden ist auch das Kyffhäuser-Denkmal von seinen Ausmaßen her überwältigend. Allein der Turm der Anlage ist über 80 Meter hoch. Wie so oft in der Regierungszeit Kaiser <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_II._(Deutsches_Reich)">Wilhelms II.</a>, dem Nach-Nachfolger Wilhelms I., „zeugen Gestaltung und Ausmaße auch des Kyffhäuser-Denkmals nicht unbedingt von Selbstgewissheit und Zukunftssicherheit“. Schreibt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Sie seien vielmehr „eher Ausdruck der Angst vor äußeren und vor inneren Feinden“. Gegen die sollte Barbarossa helfen. Daher kam seine Figur mit aufs Denkmal, allerdings nur ganz unten. <br><br>Dieser Friedrich I. Barbarossa war im Jahr 1155 zum deutschen Kaiser gekrönt worden, vor gut 900 Jahren also. Er war der erste in insgesamt 130 Jahren Staufer-Herrschaft&nbsp; über weite Teile Mittel- und Südeuropas. Und ausgerechnet dieser strahlende Kaiser Friedrich Barbarossa stirbt unerwartet auf dem dritten Kreuzzug am 10. Juni 1190, erzählt Dr. Peter Glasner. Er ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 1</strong><br><strong>Friedrich Barbarossa ist eben ein ganz mit großer Fama versehener Kaiser. Und der ist dann auch noch auf dem Kreuzzug im Fluss Saleph ertrunken, hat also ein abruptes Ende genommen. Dadurch war auf einmal auch dieses Kreuzzugsunternehmen kopflos und eben auch die ganze Regentschaft. </strong><br><strong>Und das ist glaube ich auch ein guter Nährboden für Mythenbildung, dieses völlig unverständige plötzliche Verschwinden. Und das verbindet sich dann auch mit Sehnsüchten, Hoffnungen der Wiederkehr und vielleicht eben auch der Eignung als Projektionsfläche für eine ideale Regentschaft.</strong><br><br>Als Vorbild für eine ideale Regentschaft hätte man Barbarossa nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 gut gebrauchen können, wenn wenigstens sein Grab in der Heimat gewesen wäre. Darum brach schon drei Jahre nach der Gründung eine Expedition deutscher Wissenschaftler&nbsp; in den nahen Osten auf: im Auftrag Fürst Bismarcks und unter der Leitung des Historikers Johann Nepomuk Sepp. Man vermutete nämlich die sterblichen Überreste von Friedrich Barbarossa in der Kathedrale der Hafenstadt Tyros im Libanon. Er sollte den Heldenhaften ins Deutsche Reich zurückbringen. Die Absicht dahinter war auch&nbsp; Sepp klar. Er schreibt im Vorwort seines Reiseberichts: <br><br> „[Die] Zurückführung der Überreste des alten Barbarossa [wird] die deutsche Nation in heilige Begeisterung versetzen. Welch ein Triumphzug, unseren größten Kaiser in den Kölner Dom zu übertragen, der als Sinnbild des längst in’s Stocken geratenen alten Reiches beim Aufbaue des neuen sich vollendet!“<br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Die Expedition kam aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Anstelle eines Mausoleums im Kölner Dom gibt es seit 1896 im Kyffhäuser-Denkmal die schon erwähnte Barbarossa-Sandsteinfigur. Ein wilder Geselle sitzt da, auf dem Kopf die Krone, die ihm der Papst höchstpersönlich aufs Haupt gesetzt hatte, die rechte Hand umklammert ein Schwert, die linke greift in den wallenden Bart, der fast bis zu den Knien reicht. Und der Kaiser sieht aus, ist zuweilen zu lesen, als würde er gerade aufwachen. Das hätte man wohl gern gehabt. <br><br>Nebenbei: Dass Johann Nepomuk Sepp den alten Barbarossa nicht gefunden hat, wird wohl an den Gebräuchen im nahen Osten gelegen haben. Wie bei ranghohen Personen üblich, war Barbarossas Leiche nach seinem Tod nämlich gekocht worden, um das in der Hitze schnell verwesende Fleisch, mit dem man es zu keiner offiziellen Beerdigung mehr geschafft hätte, von den Knochen zu lösen. Die Knochen wiederum, so schreibt ein Barbarossa-Biograph, nahmen die Kreuzfahrer&nbsp; anschließend in einem Ledersack mit ins Heilige Land. Heer und Knochen kamen aber nur bis zur genannten Hafenstadt Tyrus. Darum vermutet man, wie Johann Nepomuk Sepp eben auch, dass die Gebeine hier in der Kathedrale beigesetzt wurden. Fehlanzeige. Den Deutschen muss der Barbarossa-Mythos reichen, ohne Knochen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 2</strong><br><strong>Wenn man daran denkt, an die napoleonische Kriege, dann auch Wiener Kongress, Restauration, also die Enttäuschung auch weiter Kreise, dass mit diesen Befreiungskriegen eben nicht die Einheit und die Freiheit gekommen ist. Da kriegt auf einmal dieser Mythos, wie übrigens auch der Mythos der Nibelungen, eine unheimliche Konjunktur und unheimlichen Aufwind.</strong><br><br>Die Entstehungsbedingungen für den Barbarossa-Mythos waren dabei ideal: Erstens war der Friedrich Barbarossa&nbsp; sozusagen über Nacht verschwunden. Wobei man das wortwörtlich verstehen muss. Er war ja nicht nur tot. Auch sein Leichnam war weg. Und ein Grab gab es nicht. Zweitens war er viel zu früh und auf dem Höhepunkt seiner Macht gestorben. Da kommt der Wunschgedanke auf: Vielleicht kommt er ja noch mal wieder. Drittens herrschte Heldenmangel in einer Zeit, in der Napoleon auch die Deutschen Lande unaufhaltsam gedemütigt h tte. Und viertens, nicht zu vergessen: Nach dem Wiener Kongress gab es erst einmal kein Kaiserreich mehr. Und auch das spätere Deutsche Kaiserreich von 1871 hatte immer wieder mit den Rangeleien der vielen deutschen Kleinstaaten zu tun. Ein nationaler Mythos musste her.<br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Da kam die Barbarossa-Sage gerade recht: dass der Staufer in einer Höhle des Kyffhäuserbergs nur schlafe, um eines Tages zu erwachen und das Reich wieder zu neuer Größe zu führen. In dieser Höhle sitzt er mit seiner goldenen Krone auf dem Kopf an einem Tisch, um den sein Bart schon zweimal herum gewachsen ist. Und wenn die dritte Runde beendet ist, so die Sage, beginnt das Ende der Welt. Vorher wacht Kaiser darum vorsichtshalber alle hundert Jahre auf. <br><br>Diese Höhle gibt es tatsächlich, zur Fuß gut zwei Stunden vom Denkmal entfernt. Sie wurde rein zufällig bei der Suche nach Kupfer im Kyffhäuser entdeckt. 800 Meter ist sie lang, mit hohen Gewölben und klaren Seen, “von beeindruckender Größe und Schönheit“, schreibt der Barbarossahöhle Eigenbetrieb der Gemeinde Kyffhäuserland. Im Jahr 1866 wurde die Falkenburger Höhle, wie sie zuerst hieß, darum als sogenannte Schauhöhle eröffnet. Schon kurz darauf benannte man sie in Barbarossahöhle um, also lange vor dem Bau des Kyffhäuser-Denkmals und der Gründung des Kaiserreichs. Der Mythos lebte also schon, wie gewünscht. <br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><br>Dabei war dieser Mythos auch vorher schon so populär und verführerisch, dass es vor allem im Mittelalter immer wieder Hochstapler gab, die sich als auferstandene Friedriche ausgaben, entweder als Friedrich II. oder eben als sein Großvater Barbarossa.&nbsp; Bekannt geworden ist vor allem <a href="https://de.m.wikipedia.org/wiki/Tile_Kolup">Tile Kolup</a>. Der hatte mit der Rolle Friedrich II. fast ein Jahr lang Erfolg, hielt Hof in der Nähe von Neuss, stellte mit einem gefälschten Siegel Urkunden aus und bestätigte sogar Privilegien, beispielsweise die der Äbtissin zu Essen. Irgendwann geriet er in die Hände des damals herrschenden Königs Rudolf von Habsburg. Der ließ ihn hinrichten. <br><br>Der Mythos lebte derweil unbehelligt weiter. So richtig bekannt machte ihn das Gedicht „Der alte Barbarossa“ von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1817. Aus dem spricht vor allem die Enttäuschung, dass es zwei Jahre nach dem Wiener Kongress das alte Kaiserreich nicht mehr gab und ein neues nicht in Sicht war, erzählt Dr. Peter Glasner. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 3</strong><br><strong>Da wird eben beschrieben, wie der dort eben da sitzt mit seinem verwachsenen Bart in dieser Tischplatte, die da eben monströs beschrieben wird. Sogleich oszilliert aber dann dieses körperliche Moment des langen, endlosen roten Bartes in etwas Feuerartiges. Und der unterhält sich dann auch mit einem mythischen Knaben und fragt ihn dann: Ziehen die Raben eben noch durch die Gegend? Und solange das der Fall ist, ist noch seine Stunde nicht gekommen.</strong><br><br> „Und wenn die alten Raben<br> Noch fliegen immerdar,<br> So muß ich auch noch schlafen<br> Verzaubert hundert Jahr.“<br><br>Der Dichter Max von Schenkendorf legt hier noch eine Schippe drauf. Das liegt sicher daran, dass der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon und die Franzosen teilgenommen hat. In seinem Gedicht „Das Bild in Gelnhausen“ träumt er von einem Sieg über die Franzosen. <br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 4</strong><br><strong>Das ist dann also auch keine harmlose Märchenerzählung, sondern eher der Versuch, auch mobil zu machen mit diesem Mythos. Und es geht natürlich um die Welschen. Das sind die Franzosen. Und die Welschen sind geschlagen und es siegt das heil’ge Kreuz. Wiederkehrt aus deinen Tagen, Lebensfülle, Lebensreiz. Also Frankreich bringt Tod und Verzweiflung. Der Sieg über Frankreich dann wieder mit dem Barbarossa-Mythos Fülle und die Freude des Lebens.</strong><br><br>Irgendwann kommen dann aber doch Zweifel an dem Barbarossa- Volksglauben auf. Beispielsweise bei Karl Simrock, dem ersten Germanistikprofessor der Bonner Universität und sozusagen dem Vorgänger-Kollegen von Peter Glasner. Er hat die Barbarossa-Sage in einer Ausgabe seiner Volksbücher in den 1840er Jahren aus seiner Sicht nacherzählt. Also auch noch weit vor der neuen Kaiserreichsgründung. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 5</strong><br><strong>Es ist ganz bezeichnend, dass er eigentlich den Hauptbestandteil des Mythos, der plötzlich verschwundene Kaiser, der irgendwo auf seine Wiederkehr wartet, als Motiv ganz, ganz klein und ganz am Ende erzählt. Das interessierte überhaupt nicht. Er erzählt quasi am nationalen Mythos-Kern vorbei. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Weil er erstens der Mythos-Geschichte nicht traut. Dazu schreibt Karl Simrock:<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 6</strong><br><strong>Also das sei irgendwie überliefert, aber eben nur von Bauern und Schwarzkünstlern – das sind glaube ich nicht besonders glaubwürdige Kandidaten. Bauern und Schwarzkünstler. Der kommt wieder. </strong><br><br>Wer glaubt denn so was. Und außerdem, zweitens, zweifelt er an der Kompetenz des Personals, das da – im übertragenen Sinne - in der Kyffhäuserhöhle aufwachen könnte. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Peter Glasner 7</strong><br><strong>Zitat Simrock: Welcher Kaiser das dann sein wird, das weiß Gott.</strong><br><br>Kein gutes Haar mehr lässt dann Heinrich Heine an diesen vaterländischen Sentimentalitäten. Diese ganze Barbarossa-Sehnsüchtelei sei, schreibt er, „ein Gemisch&nbsp; von gotischem Wahn und modernem Lug, das weder Fleisch noch Fisch ist.“ <br><br>„Das alte Heilige Römische Reich,<br> Stell's wieder her, das ganze,<br> Gib uns den modrigsten Plunder zurück<br> Mit allem Firlifanze.“<br><br><strong>O-Ton Peter Glasner 8</strong><br><strong>Da ist dann der Erste 1844 Heinrich Heine mit Deutschland „Ein Wintermärchen“, der also da ganz kritisch auch rangeht mit solchen Versen wie „Geh‘, leg dich schlafen, wir werden uns auch ohne dich erlösen. Eine Absage an diesen Mythos und auch an dieses politische Programm, eine Absage an diese Deutschtümelei, die damit verbunden ist. </strong><br><br>&nbsp;„Herr Rotbart - rief ich laut - du bist <br>Ein altes Fabelwesen. <br>Geh, leg dich schlafen, wir werden uns <br>Auch ohne dich erlösen.<br><br>Das beste wäre, du bliebest zu Haus <br>Hier in dem alten Kyffhäuser. <br>Bedenk ich die Sache ganz genau<br>So brauchen wir gar keinen Kaiser.“<br><br>Einen letzten Versuch, Barbarossa oder zumindest seinen Geist wieder lebendig werden zu lassen, gab es 1939: Da wurde auf dem Kyffhäuser auch noch ein Hindenburg-Denkmal errichtet. Das wurde allerdings nach dem 2. Weltkrieg von sowjetischen Soldaten vergraben. Bis heute ist nur der Oberkörper wieder freigelegt. Seither scheint es so, als habe Barbarossa auf Heinrich Heine gehört und schläft. So gut das bei 150.000 Besuchern im Jahr geht. Die deutsche Einheit hat er jedenfalls verschlafen. Vielleicht war sie ihm, der zu Lebzeiten von der Nordsee bis zum Mittelmeer herrschte, aber auch nur eine Nummer zu klein. <br><br><strong>Barbarossa-Lied</strong><br><strong>&nbsp;</strong></div>]]>
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        <title>Wann erwacht Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser? OMG 03</title>
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      <title>Durch Bach heute endlich weltweit zu hören: Oboenkonzert von Marcello OMG 02</title>
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        <![CDATA[<div>Alessandro Marcello komponierte um 1700 ein Oboenkonzert, das zunächst kaum Beachtung fand. Erst Jahrhunderte später wurde es durch Bearbeitungen Johann Sebastian Bachs und spätere Wiederentdeckungen international bekannt. Diese Folge verfolgt die Reise des Konzerts von Italien nach England und Deutschland.<br><br><strong>Wie ein Musikstück in Venedig komponiert, auf Reisen geschickt und weltberühmt wurde: das Oboenkonzert von Allessandro Marcello</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Es geht um lange und weite Reise: Reisebeginn ist ungefähr das Jahr 1700. Das Ende fast dreihundert Jahre später, wahrscheinlich in den 1980er Jahren. Unterwegs war nicht etwa eine Person, sondern ein Musikstück, ein Oboenkonzert, das ein gewisser Allessandro Marcello in Venedig komponiert hatte. Von da auch gelangte es über Amsterdam, Weimar, Schwerin und London bis nach Berlin. Dort ist Albrecht Mayer Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Er hat mir dabei geholfen, den <br>abenteuerlichen Weg des Konzertes zu finden. Und zu verstehen, warum dessen zweiter Satz, das Adagio, für alle Zeiten ein Hit sein wird.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br><br><strong>Atmo Möwen </strong><br><br>Unsere Geschichte beginnt in Venedig, im Stadtteil Santa Croce. Dort steht das Haus der Familie Marcello, der Palazzo Marcello. Wo genau der steht? Ganz einfach: Sie fahren über den Canal Grande von San Marco Richtung Rialtobrücke. Hinter der Brücke dann links rein in den Kanal Rio de la Cazziola&nbsp; Auf deutsch: „Kanal des kleinen Penis“. Dann die nächste wieder links abbiegen und dann auf die linke Uferseite schauen: Dort steht der Palazzo, mit seiner großartigen gotischen Fassade, genau gegenüber der Brücke del Malcanton, übersetzt etwa „Brücke des schlechten Ecks“. Woher dieser Name kommt, ist nicht herauszufinden. Vielleicht hat es etwas mit dem kleinen Penis zu tun. <br><br>Der Palazzo Marcello war jedenfalls das Haus der wohlhabenden venezianischen Adelsfamilie Marcello, und das schon seit dem 15. Jahrhundert. Heute ist er ein Hotel. Hier wohnte von 1673 an sein Leben lang ein gewisser Allessandro Marcello. Der war damals eher unbekannt. Er wurde erst Anfang des 20.Jahrhunderts weltberühmt, als Komponist des ersten Oboenkonzerts in der Musikgeschichte. Eines der schönsten Musikstücke aller Zeiten ist dessen zweiter Satz, das Adagio. <br><br><strong>Musik Intro Streicher</strong><br><br>So fängt es an, dieses Adagio, wie mit einem Herzschlag. Den muss sich Marcello in Venedig erlauscht haben, sagt Albrecht Mayer. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Die Vorlage dafür habe das Wasser der Lagune geliefert, das an die Häusermauern an den Kanälen schwappt. Erzählt er im Garten eines Cafés am Rande von Berlin.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Wir haben den Herzschlag, die ersten drei Takte, (…)&nbsp; genau wie eine Welle, eine Welle vom Canal Grande, (…) langsam repetitiv immer wieder (…) an die Stufen, wo die Gondeln liegen, beim Markusplatz, Piazza San Marco. [singt] So kommen die Wellen. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Intro Streicher</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>(…) Man denkt, ach, kommt da jetzt was? Wann kommt denn was? Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Oboe</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Diese Melodie der Oboe sei geradezu überirdisch schön, sagt Albrecht Mayer. So dass er sich als Musiker immer wieder frage: Wer kommt auf eine solche Melodie? Und wie?<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Eine überirdisch schöne Melodie ist etwas, was man sich eigentlich kaum ausdenken kann, </strong><br><strong>(…)&nbsp; sondern (…) fließt dann vielleicht aus der Feder.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und zwar eher dann, wenn man sich in einer äußerst entspannten finanziellen Lage befinde. Wie Allessandro Marcello. Als typischer Vertreter des Adels hatte er Geld genug und außerdem Philosophie, Mathematik, Kunst und Literatur studiert. Und auch mit dem Komponieren kannte er sich bestens aus. <br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Ein Universalgenie, [er] hat sich (…)&nbsp; mit vielen Dingen beschäftigt, musste also nicht unbedingt damit Geld verdienen. Damit fängt es erstmal an. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Oboe</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Komponisten, die mit Ihrer Musik ihr Geld verdienen mussten, gab es damals in Venedig jede Menge. Beispielsweise Antonio Vivaldi. Der war als Geigenlehrer am Waisenhaus in Venedig angestellt, am Ospedale della Pietà, wo er auch ein Mädchenorchester leitete. Außerdem bekam er Geld für das Komponieren und Aufführen von Tanzmusik. Und komponieren musste er oft unter Zeitdruck. <br><br>Ganz anders Alessandro Marcello. Geld war da, und er nutzte seine finanzielle Unabhängigkeit für ein Experiment: Die Oboe war nämlich zu der Zeit eher ein Orchesterinstrument und kam in Venedig langsam in Mode. Und da komponierte Marcello gegen die damaligen Hörgewohnheiten das erste Konzert für Oboe als Soloinstrument. Und dann auch noch ein besonders schönes. Eigentlich in Venedig kein Wunder, sagt Albrecht Mayer.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Wenn man sein Leben lang da zubringen darf, wenn man dieses Glück hat, so wie er, als (…) reicher Geschäftsmann, (…) wenn man es nicht nötig hat, einfache Arbeiten zu erledigen, dann ist man wahrscheinlich ein bisschen infiziert von der Schönheit und der Einfachheit. Und nichts lenkt einen ab. Wenn er also in Dresden gewesen wäre oder wenn er in Paris gewesen wäre, in Versailles gewesen wäre, wäre er vom ständigen Geklapper der Hufe der Pferdekutschen direkt verrückt geworden. Aber das gab es da natürlich nicht. (…)&nbsp; </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Man sitzt also auf dem Balkon, guckt auf den Canal Grande und hört dann vielleicht ein bisschen Rufen, vielleicht die eine oder andere Melodie von einem Gondoliere, der singt … [singt]. Der singt irgendwas vor sich hin, und dann wird es dunkel, (…) … Über (? 8:44 Ort) geht die Sonne langsam unter und dann hören Sie nur noch dieses … [Lautmalerei] … dieses leise Wellengeräusch. Und das inspiriert dann vielleicht (…) sozusagen, diese Melodie zu schreiben. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo Möwen</strong><br><br>Marcellos Melodie ging dann erst einmal auf Reisen, und zwar von Venedig und seiner Lagune an die Nordseeküste, nach Amsterdam in den Niederlanden. Genauer gesagt an den Singel, die älteste Gracht in Amsterdam, und da in ein Haus in der Nähe der Driekoningenstraat. Dort residierte nämlich der renommierte Musikverlag Jeanne Roger, in einem der historischen Grachtenhäuser im Amsterdamer Stadtzentrum, einen Katzensprung entfernt vom königlichen Palais. „Dreiköniginnenstraße“: Das klingt doch schon ganz anders als „Schlechtes Eck“. <br><br>Der genannte Verlag hatte damals überall in Europa seine Agenten, die nach gut verkäuflichen Musikstücken Ausschau hielten. Auch in Venedig. Und da suchten diese Agenten vor allem Musik im Stil von Vivaldi. Die fanden sie da auch, außerdem aber auch das Oboenkonzert von Alessandro Marcello. Das landete danach 1729 in Amsterdam zunächst zwischen zwei holländischen Buchdeckeln. Und Allessandro Marcello wurde ausdrücklich als Komponist genannt. Obwohl er, wie viele Künstler aus dem Adel, die meisten seiner Werke unter einem Pseudonym geschrieben hat: als Eterio Stinfalico. Was so viel bedeutet wie „Der Geist, der aus dem Dunklen spricht“. Mit dem Dunklen war dabei nicht das „Schlechte Eck“ vor der Haustür seines Palazzo gemeint, vielmehr das alltägliche Leben im Schatten der Kunst. Im alltäglichen Leben war Marcello übrigens zeitweilig Richter edig oder auch als Diplomat im Dienste der Republik Venedig. Gefragt worden ist er nicht, ob man die Noten seines Konzerts drucken dürfe. Es war allerdings damals üblich, dass Verlage Werke ohne Genehmigung der Komponisten veröffentlichten, wenn sie sich gut verkaufen ließen. <br><br><strong>Atmo Hufgetrappel</strong><br><br>Gut zu verkaufen waren die Noten aus Amsterdam beispielsweise am Hof des Fürsten von Sachsen-Weimar in Weimar. Der Fürst liebte ein lebendiges kulturelles Leben und hatte Kontakte zu vielen anderen musikalischen Zentren Europas, auch in Italien und in den Niederlanden. Außerdem war seit 1708 Johann Sebastian Bach als Konzertmeister und Organist am Fürstenhof angestellt. <br><br>Über seinen kultursinnigen Dienstherrn bekam Bach Zugang zu den Veröffentlichungen des Amsterdamer Verlages Roger. Den brauchte er auch: Denn als Konzertmeister und Organist war er dafür zuständig, immer wieder neue Werke für den Hof vorzubereiten und aufzuführen. Deshalb sammelte er Noten, auch aus Italien, um sich inspirieren zu lassen, erzählt Albrecht Mayer. <br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Johann Sebastian Bach (…) war alles, aber kein Reisender. Er war die meiste Zeit bei seiner Familie (…) zu Hause und hat sich Partituren schicken lassen. Unter anderem aus Venedig, ein berühmtes Konvolut, das gibt es jetzt noch. Ein Konvolut von Stücken (…) von Vivaldi, von Marcello und so weiter. (…) Bach hat erstmal sich so fasziniert gezeigt von den Stücken (…) auch von Marcello, der vollkommen unbekannt war zu diesem Zeitpunkt, und hat gesagt: Mensch, das gefällt mir so gut, das bearbeite ich für Cembalo, sein Lieblingsinstrument. Und dann hat er ganz frech einfach seinen Namen (…)&nbsp; Johann Sebastian Bach darüber gesetzt.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Marcello Cembalo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Irgendwann spielte das keine Rolle mehr. Denn nach seinem Tod 1750 geriet Johann Sebastian Bach allmählich in Vergessenheit, seine Kompositionen auch. Das änderte sich erst wieder, als 150 Jahre später seine Matthäuspassion wiederaufgeführt worden war, in Berlin unter Felix Mendelssohn Bartholdy. Danach kam der alte Bach wieder in Mode. Scharen von Bewunderern strömten in die Archive, in die Privatsammlungen und in die Antiquariate und suchten nach allem, was über und von Bach zu finden war. <br><br><strong>Atmo Möwen</strong><br><br>Einige kamen auch nach Schwerin. Die Stadt war seit dem 18. Jahrhundert Residenz der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin, mit einer berühmten Bibliothek, in der auch Noten und Libretti verwahrt wurden. Die Bibliothek ist heute Teil der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern. Gelegen am riesigen Schweriner Innensee, nicht weit vom Schloss Schwerin auf der Schlossinsel. <br><br>Hier entdeckte um das Jahr 1900 herum ein Gelehrter namens Arnold Schering die Orchesterstimmen des Oboenkonzerts aus Venedig. Als Urheber stand da nicht Antonio Vivaldi, wie man zu der Zeit noch dachte, sondern Marcello. Einfach nur Marcello. Experten feierten die Entdeckung - und den vermeintlichen endlich entdeckten Urheber: und zwar Benedetto Marcello. Das war der Bruder von Alessandro, der als Komponist der bekanntere der beiden war. Erst noch einmal 75 Jahre später präsentierte die British Library in London eine Version des Oboenkonzerts aus dem Amsterdamer Verlag Roger. Und da stand der wahre Urheber: Alessandro Marcello. <br><br><strong>Atmo Orchester stimmt Instrumente</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Schon lange vorher gehörte das Oboenkonzert von Alessandro Marcello zum Standartrepertoire vieler Konzerthäuser. Auch Albrecht Mayer hat es oft genug gespielt: als Oboe-Solist der Berliner Philharmoniker, weit weg vom schlechten Eck in Venedig in der berühmte Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße 1.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Ich würde sagen, das ist ein One Hit Wonder. Das ist tatsächlich das einzig wirklich berühmte Stück, was Alessandro Marcello herausgebracht hat. Und dadurch, dass es geadelt wurde, das sagt man so auf Neudeutsch, von Johann Sebastian Bach, dem Größten der Großen, weil er es für sich adaptiert hat. Und witzigerweise: Er hat ja gar nichts verändert, wenn Sie so wollen. Er hat es einfach übertragen auf sein Instrument, seinen sogenannten Kielflügel, also das Cembalo.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Wobei der eigentlich Hit das Adagio ist.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br>(…) <strong>Am Anfang </strong><br><strong>(…) in diesem Adagio (…) </strong><br><strong>kommen erstmal diese berühmten drei Takte Puls. (…) Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. (…)&nbsp; eigentlich sehr, sehr einfach. </strong><br><strong>(…) Alles, was überirdisch schön ist, ist ja meist sehr, sehr einfach</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Einfach heißt hier: Ohne die sonst üblichen barocken Schnörkel und Triller. In dieser einfachen Melodie, in der eine schlichte und ernste Melancholie mitschwingt, liege der Zauber des Adagios. In seiner Cembalobearbeitung hat sich Bach weitgehend an diese einfache Melodie gehalten. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Und das bringt mich dazu … Je einfacher, desto mehr bewegt es die Menschen. Je komplizierter, desto schwieriger</strong><br><br>Und Albrecht Mayer wagt zum Schluss eine weitreichende Prognose:<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Das sind die, in England würde man sagen, External Melodies. Die bleiben immer. Und (…) wenn wir Richard Strauss, Richard Wagner und Stockhausen und Boulez schon längst vergessen haben. Diese Melodie wird auch im Jahr 5000 immer noch gespielt werden.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong></div>]]>
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      <pubDate>Thu, 19 Mar 2026 09:40:00 +0100</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Alessandro Marcello komponierte um 1700 ein Oboenkonzert, das zunächst kaum Beachtung fand. Erst Jahrhunderte später wurde es durch Bearbeitungen Johann Sebastian Bachs und spätere Wiederentdeckungen international bekannt. Diese Folge verfolgt die Reise des Konzerts von Italien nach England und Deutschland.<br><br><strong>Wie ein Musikstück in Venedig komponiert, auf Reisen geschickt und weltberühmt wurde: das Oboenkonzert von Allessandro Marcello</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Anmoderation</strong><br>Es geht um lange und weite Reise: Reisebeginn ist ungefähr das Jahr 1700. Das Ende fast dreihundert Jahre später, wahrscheinlich in den 1980er Jahren. Unterwegs war nicht etwa eine Person, sondern ein Musikstück, ein Oboenkonzert, das ein gewisser Allessandro Marcello in Venedig komponiert hatte. Von da auch gelangte es über Amsterdam, Weimar, Schwerin und London bis nach Berlin. Dort ist Albrecht Mayer Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Er hat mir dabei geholfen, den <br>abenteuerlichen Weg des Konzertes zu finden. Und zu verstehen, warum dessen zweiter Satz, das Adagio, für alle Zeiten ein Hit sein wird.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br><br><strong>Atmo Möwen </strong><br><br>Unsere Geschichte beginnt in Venedig, im Stadtteil Santa Croce. Dort steht das Haus der Familie Marcello, der Palazzo Marcello. Wo genau der steht? Ganz einfach: Sie fahren über den Canal Grande von San Marco Richtung Rialtobrücke. Hinter der Brücke dann links rein in den Kanal Rio de la Cazziola&nbsp; Auf deutsch: „Kanal des kleinen Penis“. Dann die nächste wieder links abbiegen und dann auf die linke Uferseite schauen: Dort steht der Palazzo, mit seiner großartigen gotischen Fassade, genau gegenüber der Brücke del Malcanton, übersetzt etwa „Brücke des schlechten Ecks“. Woher dieser Name kommt, ist nicht herauszufinden. Vielleicht hat es etwas mit dem kleinen Penis zu tun. <br><br>Der Palazzo Marcello war jedenfalls das Haus der wohlhabenden venezianischen Adelsfamilie Marcello, und das schon seit dem 15. Jahrhundert. Heute ist er ein Hotel. Hier wohnte von 1673 an sein Leben lang ein gewisser Allessandro Marcello. Der war damals eher unbekannt. Er wurde erst Anfang des 20.Jahrhunderts weltberühmt, als Komponist des ersten Oboenkonzerts in der Musikgeschichte. Eines der schönsten Musikstücke aller Zeiten ist dessen zweiter Satz, das Adagio. <br><br><strong>Musik Intro Streicher</strong><br><br>So fängt es an, dieses Adagio, wie mit einem Herzschlag. Den muss sich Marcello in Venedig erlauscht haben, sagt Albrecht Mayer. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Die Vorlage dafür habe das Wasser der Lagune geliefert, das an die Häusermauern an den Kanälen schwappt. Erzählt er im Garten eines Cafés am Rande von Berlin.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Wir haben den Herzschlag, die ersten drei Takte, (…)&nbsp; genau wie eine Welle, eine Welle vom Canal Grande, (…) langsam repetitiv immer wieder (…) an die Stufen, wo die Gondeln liegen, beim Markusplatz, Piazza San Marco. [singt] So kommen die Wellen. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Intro Streicher</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>(…) Man denkt, ach, kommt da jetzt was? Wann kommt denn was? Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Oboe</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Diese Melodie der Oboe sei geradezu überirdisch schön, sagt Albrecht Mayer. So dass er sich als Musiker immer wieder frage: Wer kommt auf eine solche Melodie? Und wie?<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Eine überirdisch schöne Melodie ist etwas, was man sich eigentlich kaum ausdenken kann, </strong><br><strong>(…)&nbsp; sondern (…) fließt dann vielleicht aus der Feder.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und zwar eher dann, wenn man sich in einer äußerst entspannten finanziellen Lage befinde. Wie Allessandro Marcello. Als typischer Vertreter des Adels hatte er Geld genug und außerdem Philosophie, Mathematik, Kunst und Literatur studiert. Und auch mit dem Komponieren kannte er sich bestens aus. <br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Ein Universalgenie, [er] hat sich (…)&nbsp; mit vielen Dingen beschäftigt, musste also nicht unbedingt damit Geld verdienen. Damit fängt es erstmal an. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Oboe</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Komponisten, die mit Ihrer Musik ihr Geld verdienen mussten, gab es damals in Venedig jede Menge. Beispielsweise Antonio Vivaldi. Der war als Geigenlehrer am Waisenhaus in Venedig angestellt, am Ospedale della Pietà, wo er auch ein Mädchenorchester leitete. Außerdem bekam er Geld für das Komponieren und Aufführen von Tanzmusik. Und komponieren musste er oft unter Zeitdruck. <br><br>Ganz anders Alessandro Marcello. Geld war da, und er nutzte seine finanzielle Unabhängigkeit für ein Experiment: Die Oboe war nämlich zu der Zeit eher ein Orchesterinstrument und kam in Venedig langsam in Mode. Und da komponierte Marcello gegen die damaligen Hörgewohnheiten das erste Konzert für Oboe als Soloinstrument. Und dann auch noch ein besonders schönes. Eigentlich in Venedig kein Wunder, sagt Albrecht Mayer.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Wenn man sein Leben lang da zubringen darf, wenn man dieses Glück hat, so wie er, als (…) reicher Geschäftsmann, (…) wenn man es nicht nötig hat, einfache Arbeiten zu erledigen, dann ist man wahrscheinlich ein bisschen infiziert von der Schönheit und der Einfachheit. Und nichts lenkt einen ab. Wenn er also in Dresden gewesen wäre oder wenn er in Paris gewesen wäre, in Versailles gewesen wäre, wäre er vom ständigen Geklapper der Hufe der Pferdekutschen direkt verrückt geworden. Aber das gab es da natürlich nicht. (…)&nbsp; </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Man sitzt also auf dem Balkon, guckt auf den Canal Grande und hört dann vielleicht ein bisschen Rufen, vielleicht die eine oder andere Melodie von einem Gondoliere, der singt … [singt]. Der singt irgendwas vor sich hin, und dann wird es dunkel, (…) … Über (? 8:44 Ort) geht die Sonne langsam unter und dann hören Sie nur noch dieses … [Lautmalerei] … dieses leise Wellengeräusch. Und das inspiriert dann vielleicht (…) sozusagen, diese Melodie zu schreiben. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo Möwen</strong><br><br>Marcellos Melodie ging dann erst einmal auf Reisen, und zwar von Venedig und seiner Lagune an die Nordseeküste, nach Amsterdam in den Niederlanden. Genauer gesagt an den Singel, die älteste Gracht in Amsterdam, und da in ein Haus in der Nähe der Driekoningenstraat. Dort residierte nämlich der renommierte Musikverlag Jeanne Roger, in einem der historischen Grachtenhäuser im Amsterdamer Stadtzentrum, einen Katzensprung entfernt vom königlichen Palais. „Dreiköniginnenstraße“: Das klingt doch schon ganz anders als „Schlechtes Eck“. <br><br>Der genannte Verlag hatte damals überall in Europa seine Agenten, die nach gut verkäuflichen Musikstücken Ausschau hielten. Auch in Venedig. Und da suchten diese Agenten vor allem Musik im Stil von Vivaldi. Die fanden sie da auch, außerdem aber auch das Oboenkonzert von Alessandro Marcello. Das landete danach 1729 in Amsterdam zunächst zwischen zwei holländischen Buchdeckeln. Und Allessandro Marcello wurde ausdrücklich als Komponist genannt. Obwohl er, wie viele Künstler aus dem Adel, die meisten seiner Werke unter einem Pseudonym geschrieben hat: als Eterio Stinfalico. Was so viel bedeutet wie „Der Geist, der aus dem Dunklen spricht“. Mit dem Dunklen war dabei nicht das „Schlechte Eck“ vor der Haustür seines Palazzo gemeint, vielmehr das alltägliche Leben im Schatten der Kunst. Im alltäglichen Leben war Marcello übrigens zeitweilig Richter edig oder auch als Diplomat im Dienste der Republik Venedig. Gefragt worden ist er nicht, ob man die Noten seines Konzerts drucken dürfe. Es war allerdings damals üblich, dass Verlage Werke ohne Genehmigung der Komponisten veröffentlichten, wenn sie sich gut verkaufen ließen. <br><br><strong>Atmo Hufgetrappel</strong><br><br>Gut zu verkaufen waren die Noten aus Amsterdam beispielsweise am Hof des Fürsten von Sachsen-Weimar in Weimar. Der Fürst liebte ein lebendiges kulturelles Leben und hatte Kontakte zu vielen anderen musikalischen Zentren Europas, auch in Italien und in den Niederlanden. Außerdem war seit 1708 Johann Sebastian Bach als Konzertmeister und Organist am Fürstenhof angestellt. <br><br>Über seinen kultursinnigen Dienstherrn bekam Bach Zugang zu den Veröffentlichungen des Amsterdamer Verlages Roger. Den brauchte er auch: Denn als Konzertmeister und Organist war er dafür zuständig, immer wieder neue Werke für den Hof vorzubereiten und aufzuführen. Deshalb sammelte er Noten, auch aus Italien, um sich inspirieren zu lassen, erzählt Albrecht Mayer. <br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Johann Sebastian Bach (…) war alles, aber kein Reisender. Er war die meiste Zeit bei seiner Familie (…) zu Hause und hat sich Partituren schicken lassen. Unter anderem aus Venedig, ein berühmtes Konvolut, das gibt es jetzt noch. Ein Konvolut von Stücken (…) von Vivaldi, von Marcello und so weiter. (…) Bach hat erstmal sich so fasziniert gezeigt von den Stücken (…) auch von Marcello, der vollkommen unbekannt war zu diesem Zeitpunkt, und hat gesagt: Mensch, das gefällt mir so gut, das bearbeite ich für Cembalo, sein Lieblingsinstrument. Und dann hat er ganz frech einfach seinen Namen (…)&nbsp; Johann Sebastian Bach darüber gesetzt.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Marcello Cembalo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Irgendwann spielte das keine Rolle mehr. Denn nach seinem Tod 1750 geriet Johann Sebastian Bach allmählich in Vergessenheit, seine Kompositionen auch. Das änderte sich erst wieder, als 150 Jahre später seine Matthäuspassion wiederaufgeführt worden war, in Berlin unter Felix Mendelssohn Bartholdy. Danach kam der alte Bach wieder in Mode. Scharen von Bewunderern strömten in die Archive, in die Privatsammlungen und in die Antiquariate und suchten nach allem, was über und von Bach zu finden war. <br><br><strong>Atmo Möwen</strong><br><br>Einige kamen auch nach Schwerin. Die Stadt war seit dem 18. Jahrhundert Residenz der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin, mit einer berühmten Bibliothek, in der auch Noten und Libretti verwahrt wurden. Die Bibliothek ist heute Teil der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern. Gelegen am riesigen Schweriner Innensee, nicht weit vom Schloss Schwerin auf der Schlossinsel. <br><br>Hier entdeckte um das Jahr 1900 herum ein Gelehrter namens Arnold Schering die Orchesterstimmen des Oboenkonzerts aus Venedig. Als Urheber stand da nicht Antonio Vivaldi, wie man zu der Zeit noch dachte, sondern Marcello. Einfach nur Marcello. Experten feierten die Entdeckung - und den vermeintlichen endlich entdeckten Urheber: und zwar Benedetto Marcello. Das war der Bruder von Alessandro, der als Komponist der bekanntere der beiden war. Erst noch einmal 75 Jahre später präsentierte die British Library in London eine Version des Oboenkonzerts aus dem Amsterdamer Verlag Roger. Und da stand der wahre Urheber: Alessandro Marcello. <br><br><strong>Atmo Orchester stimmt Instrumente</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Schon lange vorher gehörte das Oboenkonzert von Alessandro Marcello zum Standartrepertoire vieler Konzerthäuser. Auch Albrecht Mayer hat es oft genug gespielt: als Oboe-Solist der Berliner Philharmoniker, weit weg vom schlechten Eck in Venedig in der berühmte Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße 1.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Ich würde sagen, das ist ein One Hit Wonder. Das ist tatsächlich das einzig wirklich berühmte Stück, was Alessandro Marcello herausgebracht hat. Und dadurch, dass es geadelt wurde, das sagt man so auf Neudeutsch, von Johann Sebastian Bach, dem Größten der Großen, weil er es für sich adaptiert hat. Und witzigerweise: Er hat ja gar nichts verändert, wenn Sie so wollen. Er hat es einfach übertragen auf sein Instrument, seinen sogenannten Kielflügel, also das Cembalo.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Wobei der eigentlich Hit das Adagio ist.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br>(…) <strong>Am Anfang </strong><br><strong>(…) in diesem Adagio (…) </strong><br><strong>kommen erstmal diese berühmten drei Takte Puls. (…) Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. (…)&nbsp; eigentlich sehr, sehr einfach. </strong><br><strong>(…) Alles, was überirdisch schön ist, ist ja meist sehr, sehr einfach</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Einfach heißt hier: Ohne die sonst üblichen barocken Schnörkel und Triller. In dieser einfachen Melodie, in der eine schlichte und ernste Melancholie mitschwingt, liege der Zauber des Adagios. In seiner Cembalobearbeitung hat sich Bach weitgehend an diese einfache Melodie gehalten. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Und das bringt mich dazu … Je einfacher, desto mehr bewegt es die Menschen. Je komplizierter, desto schwieriger</strong><br><br>Und Albrecht Mayer wagt zum Schluss eine weitreichende Prognose:<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Das sind die, in England würde man sagen, External Melodies. Die bleiben immer. Und (…) wenn wir Richard Strauss, Richard Wagner und Stockhausen und Boulez schon längst vergessen haben. Diese Melodie wird auch im Jahr 5000 immer noch gespielt werden.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong></div>]]>
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      <itunes:title>Durch Bach heute endlich weltweit zu hören: Oboenkonzert von Marcello OMG 02</itunes:title>
      <itunes:subtitle>Aber erst nach langer Reise</itunes:subtitle>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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Er hat mir dabei geholfen, den <br>abenteuerlichen Weg des Konzertes zu finden. Und zu verstehen, warum dessen zweiter Satz, das Adagio, für alle Zeiten ein Hit sein wird.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Beitrag</strong><br><br><strong>Atmo Möwen </strong><br><br>Unsere Geschichte beginnt in Venedig, im Stadtteil Santa Croce. Dort steht das Haus der Familie Marcello, der Palazzo Marcello. Wo genau der steht? Ganz einfach: Sie fahren über den Canal Grande von San Marco Richtung Rialtobrücke. Hinter der Brücke dann links rein in den Kanal Rio de la Cazziola&nbsp; Auf deutsch: „Kanal des kleinen Penis“. Dann die nächste wieder links abbiegen und dann auf die linke Uferseite schauen: Dort steht der Palazzo, mit seiner großartigen gotischen Fassade, genau gegenüber der Brücke del Malcanton, übersetzt etwa „Brücke des schlechten Ecks“. Woher dieser Name kommt, ist nicht herauszufinden. Vielleicht hat es etwas mit dem kleinen Penis zu tun. <br><br>Der Palazzo Marcello war jedenfalls das Haus der wohlhabenden venezianischen Adelsfamilie Marcello, und das schon seit dem 15. Jahrhundert. Heute ist er ein Hotel. Hier wohnte von 1673 an sein Leben lang ein gewisser Allessandro Marcello. Der war damals eher unbekannt. Er wurde erst Anfang des 20.Jahrhunderts weltberühmt, als Komponist des ersten Oboenkonzerts in der Musikgeschichte. Eines der schönsten Musikstücke aller Zeiten ist dessen zweiter Satz, das Adagio. <br><br><strong>Musik Intro Streicher</strong><br><br>So fängt es an, dieses Adagio, wie mit einem Herzschlag. Den muss sich Marcello in Venedig erlauscht haben, sagt Albrecht Mayer. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Die Vorlage dafür habe das Wasser der Lagune geliefert, das an die Häusermauern an den Kanälen schwappt. Erzählt er im Garten eines Cafés am Rande von Berlin.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Wir haben den Herzschlag, die ersten drei Takte, (…)&nbsp; genau wie eine Welle, eine Welle vom Canal Grande, (…) langsam repetitiv immer wieder (…) an die Stufen, wo die Gondeln liegen, beim Markusplatz, Piazza San Marco. [singt] So kommen die Wellen. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Intro Streicher</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>(…) Man denkt, ach, kommt da jetzt was? Wann kommt denn was? Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Oboe</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Diese Melodie der Oboe sei geradezu überirdisch schön, sagt Albrecht Mayer. So dass er sich als Musiker immer wieder frage: Wer kommt auf eine solche Melodie? Und wie?<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Eine überirdisch schöne Melodie ist etwas, was man sich eigentlich kaum ausdenken kann, </strong><br><strong>(…)&nbsp; sondern (…) fließt dann vielleicht aus der Feder.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Und zwar eher dann, wenn man sich in einer äußerst entspannten finanziellen Lage befinde. Wie Allessandro Marcello. Als typischer Vertreter des Adels hatte er Geld genug und außerdem Philosophie, Mathematik, Kunst und Literatur studiert. Und auch mit dem Komponieren kannte er sich bestens aus. <br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Ein Universalgenie, [er] hat sich (…)&nbsp; mit vielen Dingen beschäftigt, musste also nicht unbedingt damit Geld verdienen. Damit fängt es erstmal an. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Oboe</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Komponisten, die mit Ihrer Musik ihr Geld verdienen mussten, gab es damals in Venedig jede Menge. Beispielsweise Antonio Vivaldi. Der war als Geigenlehrer am Waisenhaus in Venedig angestellt, am Ospedale della Pietà, wo er auch ein Mädchenorchester leitete. Außerdem bekam er Geld für das Komponieren und Aufführen von Tanzmusik. Und komponieren musste er oft unter Zeitdruck. <br><br>Ganz anders Alessandro Marcello. Geld war da, und er nutzte seine finanzielle Unabhängigkeit für ein Experiment: Die Oboe war nämlich zu der Zeit eher ein Orchesterinstrument und kam in Venedig langsam in Mode. Und da komponierte Marcello gegen die damaligen Hörgewohnheiten das erste Konzert für Oboe als Soloinstrument. Und dann auch noch ein besonders schönes. Eigentlich in Venedig kein Wunder, sagt Albrecht Mayer.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Wenn man sein Leben lang da zubringen darf, wenn man dieses Glück hat, so wie er, als (…) reicher Geschäftsmann, (…) wenn man es nicht nötig hat, einfache Arbeiten zu erledigen, dann ist man wahrscheinlich ein bisschen infiziert von der Schönheit und der Einfachheit. Und nichts lenkt einen ab. Wenn er also in Dresden gewesen wäre oder wenn er in Paris gewesen wäre, in Versailles gewesen wäre, wäre er vom ständigen Geklapper der Hufe der Pferdekutschen direkt verrückt geworden. Aber das gab es da natürlich nicht. (…)&nbsp; </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Man sitzt also auf dem Balkon, guckt auf den Canal Grande und hört dann vielleicht ein bisschen Rufen, vielleicht die eine oder andere Melodie von einem Gondoliere, der singt … [singt]. Der singt irgendwas vor sich hin, und dann wird es dunkel, (…) … Über (? 8:44 Ort) geht die Sonne langsam unter und dann hören Sie nur noch dieses … [Lautmalerei] … dieses leise Wellengeräusch. Und das inspiriert dann vielleicht (…) sozusagen, diese Melodie zu schreiben. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Atmo Möwen</strong><br><br>Marcellos Melodie ging dann erst einmal auf Reisen, und zwar von Venedig und seiner Lagune an die Nordseeküste, nach Amsterdam in den Niederlanden. Genauer gesagt an den Singel, die älteste Gracht in Amsterdam, und da in ein Haus in der Nähe der Driekoningenstraat. Dort residierte nämlich der renommierte Musikverlag Jeanne Roger, in einem der historischen Grachtenhäuser im Amsterdamer Stadtzentrum, einen Katzensprung entfernt vom königlichen Palais. „Dreiköniginnenstraße“: Das klingt doch schon ganz anders als „Schlechtes Eck“. <br><br>Der genannte Verlag hatte damals überall in Europa seine Agenten, die nach gut verkäuflichen Musikstücken Ausschau hielten. Auch in Venedig. Und da suchten diese Agenten vor allem Musik im Stil von Vivaldi. Die fanden sie da auch, außerdem aber auch das Oboenkonzert von Alessandro Marcello. Das landete danach 1729 in Amsterdam zunächst zwischen zwei holländischen Buchdeckeln. Und Allessandro Marcello wurde ausdrücklich als Komponist genannt. Obwohl er, wie viele Künstler aus dem Adel, die meisten seiner Werke unter einem Pseudonym geschrieben hat: als Eterio Stinfalico. Was so viel bedeutet wie „Der Geist, der aus dem Dunklen spricht“. Mit dem Dunklen war dabei nicht das „Schlechte Eck“ vor der Haustür seines Palazzo gemeint, vielmehr das alltägliche Leben im Schatten der Kunst. Im alltäglichen Leben war Marcello übrigens zeitweilig Richter edig oder auch als Diplomat im Dienste der Republik Venedig. Gefragt worden ist er nicht, ob man die Noten seines Konzerts drucken dürfe. Es war allerdings damals üblich, dass Verlage Werke ohne Genehmigung der Komponisten veröffentlichten, wenn sie sich gut verkaufen ließen. <br><br><strong>Atmo Hufgetrappel</strong><br><br>Gut zu verkaufen waren die Noten aus Amsterdam beispielsweise am Hof des Fürsten von Sachsen-Weimar in Weimar. Der Fürst liebte ein lebendiges kulturelles Leben und hatte Kontakte zu vielen anderen musikalischen Zentren Europas, auch in Italien und in den Niederlanden. Außerdem war seit 1708 Johann Sebastian Bach als Konzertmeister und Organist am Fürstenhof angestellt. <br><br>Über seinen kultursinnigen Dienstherrn bekam Bach Zugang zu den Veröffentlichungen des Amsterdamer Verlages Roger. Den brauchte er auch: Denn als Konzertmeister und Organist war er dafür zuständig, immer wieder neue Werke für den Hof vorzubereiten und aufzuführen. Deshalb sammelte er Noten, auch aus Italien, um sich inspirieren zu lassen, erzählt Albrecht Mayer. <br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Johann Sebastian Bach (…) war alles, aber kein Reisender. Er war die meiste Zeit bei seiner Familie (…) zu Hause und hat sich Partituren schicken lassen. Unter anderem aus Venedig, ein berühmtes Konvolut, das gibt es jetzt noch. Ein Konvolut von Stücken (…) von Vivaldi, von Marcello und so weiter. (…) Bach hat erstmal sich so fasziniert gezeigt von den Stücken (…) auch von Marcello, der vollkommen unbekannt war zu diesem Zeitpunkt, und hat gesagt: Mensch, das gefällt mir so gut, das bearbeite ich für Cembalo, sein Lieblingsinstrument. Und dann hat er ganz frech einfach seinen Namen (…)&nbsp; Johann Sebastian Bach darüber gesetzt.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik Marcello Cembalo</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Irgendwann spielte das keine Rolle mehr. Denn nach seinem Tod 1750 geriet Johann Sebastian Bach allmählich in Vergessenheit, seine Kompositionen auch. Das änderte sich erst wieder, als 150 Jahre später seine Matthäuspassion wiederaufgeführt worden war, in Berlin unter Felix Mendelssohn Bartholdy. Danach kam der alte Bach wieder in Mode. Scharen von Bewunderern strömten in die Archive, in die Privatsammlungen und in die Antiquariate und suchten nach allem, was über und von Bach zu finden war. <br><br><strong>Atmo Möwen</strong><br><br>Einige kamen auch nach Schwerin. Die Stadt war seit dem 18. Jahrhundert Residenz der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin, mit einer berühmten Bibliothek, in der auch Noten und Libretti verwahrt wurden. Die Bibliothek ist heute Teil der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern. Gelegen am riesigen Schweriner Innensee, nicht weit vom Schloss Schwerin auf der Schlossinsel. <br><br>Hier entdeckte um das Jahr 1900 herum ein Gelehrter namens Arnold Schering die Orchesterstimmen des Oboenkonzerts aus Venedig. Als Urheber stand da nicht Antonio Vivaldi, wie man zu der Zeit noch dachte, sondern Marcello. Einfach nur Marcello. Experten feierten die Entdeckung - und den vermeintlichen endlich entdeckten Urheber: und zwar Benedetto Marcello. Das war der Bruder von Alessandro, der als Komponist der bekanntere der beiden war. Erst noch einmal 75 Jahre später präsentierte die British Library in London eine Version des Oboenkonzerts aus dem Amsterdamer Verlag Roger. Und da stand der wahre Urheber: Alessandro Marcello. <br><br><strong>Atmo Orchester stimmt Instrumente</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Schon lange vorher gehörte das Oboenkonzert von Alessandro Marcello zum Standartrepertoire vieler Konzerthäuser. Auch Albrecht Mayer hat es oft genug gespielt: als Oboe-Solist der Berliner Philharmoniker, weit weg vom schlechten Eck in Venedig in der berühmte Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße 1.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Ich würde sagen, das ist ein One Hit Wonder. Das ist tatsächlich das einzig wirklich berühmte Stück, was Alessandro Marcello herausgebracht hat. Und dadurch, dass es geadelt wurde, das sagt man so auf Neudeutsch, von Johann Sebastian Bach, dem Größten der Großen, weil er es für sich adaptiert hat. Und witzigerweise: Er hat ja gar nichts verändert, wenn Sie so wollen. Er hat es einfach übertragen auf sein Instrument, seinen sogenannten Kielflügel, also das Cembalo.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Wobei der eigentlich Hit das Adagio ist.<br><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br>(…) <strong>Am Anfang </strong><br><strong>(…) in diesem Adagio (…) </strong><br><strong>kommen erstmal diese berühmten drei Takte Puls. (…) Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. (…)&nbsp; eigentlich sehr, sehr einfach. </strong><br><strong>(…) Alles, was überirdisch schön ist, ist ja meist sehr, sehr einfach</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Einfach heißt hier: Ohne die sonst üblichen barocken Schnörkel und Triller. In dieser einfachen Melodie, in der eine schlichte und ernste Melancholie mitschwingt, liege der Zauber des Adagios. In seiner Cembalobearbeitung hat sich Bach weitgehend an diese einfache Melodie gehalten. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Und das bringt mich dazu … Je einfacher, desto mehr bewegt es die Menschen. Je komplizierter, desto schwieriger</strong><br><br>Und Albrecht Mayer wagt zum Schluss eine weitreichende Prognose:<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton Albrecht Mayer</strong><br><strong>Das sind die, in England würde man sagen, External Melodies. Die bleiben immer. Und (…) wenn wir Richard Strauss, Richard Wagner und Stockhausen und Boulez schon längst vergessen haben. Diese Melodie wird auch im Jahr 5000 immer noch gespielt werden.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>Musik, klingt aus</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>&nbsp;</strong></div>]]>
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      <title>Warum heißt Pitigliano in der Toskana: „Klein-Jerusalem“? OMG 01</title>
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        <![CDATA[<div><br>Pitigliano in der Toskana ist bekannt für seine Altstadt, seinen Weißwein und seine besondere jüdische Geschichte. Der Ort trägt den Beinamen „Klein-Jerusalem“ und verweist auf eine lange kulturelle Verbindung. Die Folge geht der Frage nach, wie dieser Beiname entstand und was heute noch an die jüdische Geschichte von Pitigliano erinnert.<br><br><strong>Piccola Gerusalemme: Klein-Jerusalem</strong><br><strong>Der Ort Pitigliano in der Toscana und die Geschichte seiner jüdischen Gemeinde</strong><br><br>Meine Reise in den südlichsten Toskana-Zipfel hatte eigentlich schon in Berlin begonnen: in einem Schöneberger Café, bei einem Gespräch mit Peter Petri. Er ist Maler und seit über 30Jahren bekennender Pitigliano-Verehrer. Auf einem Vernissagen-Plakat stand über ihn: Wohnt in Berlin und Pitigliano. Mittlerweile hat er Berlin verlassen und ist ganz dorthin umgezogen. Von ihm wollte ich zur Einstimmung wissen, wie Pitigliano so ist.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 1 Peter Petri: Pitigliano ist eine Stadt, wie es viele in Italien gibt, die aber schöner ist als andere. Sie hat alles, was eine italienische Stadt hat. Sie hat eine Burg, sie hat diese Altstadt mit den engen Gassen, sie ist auf einem Felsen gelegen. </strong><br><strong>Es ist eine kleine Stadt, in der sich alles konzentriert. Die ist (...) weitab von allen Zentren, von allen Großstädten. (...) Sie zieht Leute an aus aller Welt (...), besonders im Sommer, im Winter ist es sehr ruhig. (...) Und die ganze Gegend drum herum ist wunderschön. </strong><br><strong>&nbsp;(...) Es hat mir gleich gefallen. Und es hat mich auch an meine Heimat erinnert, die Eifel, weil, die Landschaft ist sehr ähnlich, vulkanisch, es gibt Tuff, es gibt Bergformen, es gibt Maare wie in der Eifel, der Laacher See, und ich fühlte mich gleich zuhause. </strong><br><br>Obwohl Pitigliano schon viel spektakulärer sei, legt Peter Petri nach. Das stimmt. Vor allem dann, wenn man sich dem Ort von Nordwesten über die Serpentinen aus dem Tal des Fiora-Flusses nähert. Dann taucht er Stück für Stück auf, hoch gelegen auf einem 300 Meter hohen Tufffelsen, wie viele Orte hier in der Region, stellenweise gestützt von mächtigen Fundamten, die tief in den Tuff hineingebaut sind. Die mehrgeschossigen Häuser darüber sind am äußeren Rand dieser Empore aufgereiht wie Basaltsäulen in einem Steinbruch. <br>Von den Fenstern dieser Häuser geht der Blick je nachdem bis weit in die westliche Maremma oder schwindelerregend tief hinunter in die grünen Täler rundherum.<br><br>Pitigliano hat rund 2500 Einwohner. Die sind alle katholisch, versichert man mir. Bis auf einige wenige, die jüdischen Glaubens sind. Pitigliano war mal ein verschlafenes Nest, das mittlerweile doch schon ein wenig touristisch geworden sei, hatte Peter Petri mich vorgewarnt. Immer mehr Leute kommen nämlich, um den trutzigen Palazzo Orsini zu sehen. Der beherbergt außerdem zwei Museen: das eine für Archäologie – kein Wunder, wir befinden uns hier im Kernland der alten Etrusker. Das andere ist das Museum für sakrale Kunst. Kein Wunder: Eine weitere lokale Attraktion ist nämlich der Dom: Pitigliano ist immerhin Bischofssitz.<br><br><strong>Atmo Kirchenglocken</strong><br><br>Und natürlich die malerische Altstadt. Durch das ehemalige Stadttor stößt man erst auf die Piazza Garibaldi mit dem Rathaus. An den hohen Bögen eines ehemaligen römischen Aquädukts entlang geht es bis zur großen Piazza della Republica mit den beiden großen Brunnen an jeder Stirnseite. Der eine beplätschert eine Bar, der andere eine Osteria. In der Bar sitzen nachmittags nicht nur Einheimische und Touristen, sondern auch südamerikanische oder afrikanische Krankenschwestern aus dem Krankenhaus in der Neustadt. Als wir abends In der Osteria essen, sitzt am Nebentisch der Bischof . Wohnen tut der ein Haus weiter, im Palazzo Orsini.<br><br>Durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, die von der Piazza abgehen, führen zwei Hauptwege zum Ortsrand: die Via Roma und die Via Zucharelli. Die eine, Via Roma, ist immer schon gesäumt gewesen von Alimentari, also den italienischen Tante-Emma-Läden, und winzigen Geschäften für Haushaltswaren, Elektrobedarf, Bäckerei und Metzgerei. Neuerdings sind es ein paar mehr, für Antiquitäten, Seifen oder Reiseandenken. Alles ist umrahmt von Wäscheleinen vor den Fenstern und Stromverteilerkästen, von denen Bündel von Kabeln nach links und rechts abgehen. Eines fällt außerdem auf: Es kann noch so eng sein: Platz für ein paar Tische und Stühle ist fast immer, für eine Osteria oder Pizzeria. Hier wird gut gegessen. Das weiß nicht nur der Bischof. Getrunken wird ebenfalls vom Feinsten. Beispielsweise der bekannte Bianco di Pitigliano, den die Landwirtschaftliche Genossenschaft, die Cooperativa Sociale, produziert. Der wird auch heute noch in den Tuffstein-Höhlen unter den Häusern der Weinbauern gelagert, wie schon in etruskischen Zeiten.<br><br>Zurück auf die Via Roma. Die führt an besagtem Dom vorbei zur Chiesa die San Rocco. Hier trifft sie mit der Via Zuccarelli zusammen, über die man wieder zurück zur großen Piazza kommt, und zwar durch das ehemalige jüdische Ghetto, vorbei an der dazugehörigen Synagoge und dem Museum für Jüdische Kultur. Warum all das für den Ort etwas Besonderes ist, erklärt uns Dottoressa Claudi Elmi, die Museumskuratorin. <br><br><strong>O-Ton 2 Claudia Elmi: Perchè il Museo Ebraico di Pitigliano è molto particolare, quasi unico al mondo, perché oltre la Sinagoga ed il museo si può fare una passeggiata in quelli che erano i locali dell'antico quartiere ebraico scavati nel tufo, quindi rimangono sottoterra, e utilizzati dalla Comunità Ebraica di Pitigliano nel momento in cui, quando questa zona venne governata dai Medici, signori di Firenze,&nbsp; nel 1622 venne imposto il ghetto quindi vennero costretti a vivere in questa piccola zona di paese, dove già c'era la Sinagoga e dove già, probabilmente, la maggior parte della Comunità Ebraica viveva, gli altri venner obbligati a stare qua e quindi, siccome, il posto non era molto esteso, utilizzarono per la loro vita quotidiana e di comunità gli ambienti sotto scavati nel tufo e facendo una passeggiata sotto, infatti, si può visitare la cantina kasher, il macello, il forno, i locali della tintoria il bagno rituale di purificazione, quindi una cosa particolare, è veramente suggestiva. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 2 Claudia Elmi: Weil das Jüdische Museum von Pitigliano sehr besonders ist, fast einzigartig in der Welt, sagt sie. Denn zusätzlich zu der Synagoge und dem Museum kann man einen Spaziergang in den Räumlichkeiten des alten jüdischen Viertels machen, die in den Tuffstein gegraben worden sind. Die wurden von der jüdischen Gemeinde von Pitigliano zu der Zeit benutzt, als dieses Gebiet von den Medici regiert wurde, den Herren von Florenz, die sie im Jahr 1622 ins Ghetto verbannt haben, so dass sie gezwungen waren, in diesem kleinen Bereich des Ortes zu leben. (...) Und da der Ort für ihr tägliches Leben sehr begrenzt war, haben sie ihn nach unten erweitert, in den Tuffstein, wo man heute wieder den koscheren Keller, das Schlachthaus, die Bäckerei, die Färberei und das Bad besichtigen kann. </strong><br><br>Dabei gibt es das Museum noch nicht allzu lange. Die Synagoge schon. Sie war allerdings nach dem zweiten Weltkrieg verwaist und ist irgendwann zur Hälfte ins Tal gerutscht. Anfang der neunziger Jahre hat die Gemeinde Pitigliano sie endlich wieder aufgebaut. Damals beschlossen die letzten verbliebenen Juden, hier einen Verein zu gründen, um an das jahrhundertelange jüdische Leben in Pitigliano zu erinnern. Neben der Synagoge ist das Museum für Jüdische Kultur, das der Verein ins Leben gerufen hat. Vereinsmitglieder gibt es nicht nur in Pitigliano, sondern&nbsp; in ganz Italien und sogar in den USA.&nbsp; Der Verein wurde La Piccola Gerusalemme, Klein-Jerusalem, genannt. Diesen Beinamen erhielt nämlich Pitigliano um 1850, erzählt Claudia Elmi. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 3 Claudia Elmi: La denominazione Piccola Gerusalemme fu data a Pitigliano quando la Comunità Ebraica raggiunse il suo massimo splendore. Siamo intorno alla prima metà del 1800. Questo nome fu dato dai correligionari di Livorno perché a Pitigliano c'era una Comunità Ebraica molto viva, florida che aveva un impatto molto importante sulla Comunità Cattolica. </strong><br><br><strong>O-Ton 3 Claudia Elmi: Den Namen Piccola Gerusalemme hat man Pitigliano in seiner Glanzzeit gegeben. Das war etwa in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es waren Glaubensbrüder und -schwestern aus Livorno, die auf diesen Namen gekommen sind. Weil es in Pitigliano eine sehr lebendige, blühende jüdische Gemeinde gab, die auch einen sehr wichtigen Einfluss auf die katholische Gemeinde hatte. </strong><br><br>Dass es hier diese große, lebendige und blühende Gemeinschaft gab, liegt vor allem an der Lage Pitiglianos nur fünf Kilometer von der Grenze zu Latium und 150 Kilometer von Rom entfernt. Weil sie aus dem Vatikanstaat vertrieben wurden, zogen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts immer mehr Juden nach Norden in die Toskana. Hier waren sie willkommen. Langsam erhöhte sich ihre Zahl auch in Pitigliano, bis sie Anfang des 18. Jahrhunderts ihren Höchststand erreicht hatte: mit über 300, das waren damals mehr als 10 Prozent der Bevölkerung des Ortes.&nbsp; So entwickelte sich im Lauf der Zeit ein umtriebiges jüdisches Kulturleben hier, das so aktiv war, dass man Pitigliano den Beinamen Piccola Gerusalemme gab. <br><br>Die massive antisemitische Propaganda in den1930er-Jahren und die Einführung der Rassengesetze 1938 in Italien bedeuteten das Ende der jüdischen Gemeinde in Pitigliano. Wer konnte, emigrierte, andere wurden deportiert. Nicht zuletzt durch die Hilfe von katholischen Italienern haben aber offenbar alle Juden, die in dieser Zeit noch in Pitigliano geblieben waren, die Zeit der Verfolgungen überlebt. Dazu gehört auch Elena Servi.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton 4 Elena Servi:</strong> <strong>Alcune famiglie che avevano, lavoravano nelle strutture pubbliche, c’era per esempio l'ingegnere comunale, ebreo, che andò via , andò a Roma perse il posto; c'era il direttore del Monte die Paschi di Siena che dovette lasciare il posto quindi andò a&nbsp; Firenze. Alcune famiglie si trasferirono chi a Roma chi a Firenze. Rimasero qui quelle poche famiglie che, come mio padre, avevano un‘attività privata, avevano un negozio c’era chi aveva un negozio di alimentari&nbsp; e mio padre come ho già detto di tessuti </strong><br><strong>(...) Poi, una brutta sera, chiamarono alla Casa del Fascio i capifamiglia, quelli che erano rimasti, perché alcuni se ne erano andati via, e dissero che avrebbero dovuto lasciare&nbsp; Pitigliano.&nbsp; Ora, naturalmente,&nbsp; non era facile, mio padre avere tre figli, la moglie e la mamma molto anziana, cercò di andare a Firenze ma non gli riuscì e quindi rimarremo qui. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 4 Elena Servi:</strong> <strong>Einige Familien, erzählt sie, arbeiteten in öffentlichen Einrichtungen. Da war zum Beispiel der jüdische Stadtingenieur. Der verlor seine Arbeit und ging nach Rom. Oder der Direktor der Bank Monte di Paschi di Siena, der seine Arbeitsstelle verlassen musste. Also ging er nach Florenz. </strong><br><strong>Die wenigen Familien, die hier geblieben sind, wie mein Vater mit uns, hatten ein privates Geschäft, die einen einen Lebensmittelladen, mein Vater hatte ein Textilgeschäft. Wie konnten nicht einfach weg. </strong><br><strong>Dann, eines schlimmen Abends, wurden die Familienoberhäupter, also der Familien, die übrig geblieben waren, in die Casa del Fascio, die lokale Zentrale der Faschisten, gerufen. Und man sagte ihnen, sie müssten Pitigliano verlassen.&nbsp; Nun war das natürlich nicht einfach, mein Vater hatte drei Kinder, seine Frau, und seine Mutter war sehr alt. Er versuchte, mit uns nach Florenz zu gehen. Aber das klappte nicht. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Also blieb die Familie in Pitigliano.&nbsp; Glück im Unglück war das gute Verhältnis zu den katholischen Nachbarn.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 5 Elena Servi: Tant'èvero che quando nel 1943 i tedeschi occuparono granparte dell‘Italia e quindi cominciò la caccia all'ebreo noi scappammo dalla nostra casa e trovammo rifugio presso i contadini della zona, prima nel Comune di Pitigliano poi in quello di Farnese poi in quello di Valentano </strong><br><strong>(...) per alcuni mesi fummo presso i&nbsp; contadini, anche se dovevamo cambiare posto ogni tanto, </strong><br><strong>(...) poi gli ultimi tre mesi da Marzo a Giugno li passammo in una grotta, sempre però aiutati dai contadini.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 5 Elena Servi: Das war so gut, dass wir, als 1943 die Deutschen den größten Teil Italiens besetzten und damit die Jagd auf Juden begann, aus unserem Haus flohen und bei den Bauern der Gegend Zuflucht fanden. (...) Auch wenn wir ab und zu den Ort wechseln mussten (...). Die letzten drei Monate von März bis Juni 1945 verbrachten wir in einer Höhle. Aber die Bauern haben uns immer geholfen. </strong><br><br>Zum Gedenken an die, die ihr eigenes Leben riskierten, um andere zu retten, wurde die Gemeinde Pitigliano und deren Synagoge von der Internationalen Raoul-Wallenberg-Stiftung zu einem „Haus des Lebens“ erklärt. <br><br>Elena Servi hat überlebt und lebt heute immer noch in Pitigliano. Mit ihr zusammen und ihrem Sohn und ihrer Schwester gibt es hier noch drei jüdische Mitbewohner. <br>Eine vierte Mitbewohnerin ist vor wenigen Jahren erst gestorben. Ihre letzte Ruhestätte hat sie als vorerst letzte Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof am Fuß des Ortes gefunden. Er erinnert mehr an einen Garten als an einen Friedhof, mit Zypressen und hohem Gras mit Wiesenblumen bewachsen, über drei Terrassen den Hang hinunter, mit vielen Grabplatten oder Sarkophag-artigen Grabstellen. Viele tragen die Namen Sedun, Paggi oder auch Servi. Alle sind schlicht und ohne Grabschmuck, wie es die jüdische Tradition verlangt. Nur ein paar der neueren Gräber haben sich ganz offensichtlich an der katholischen Umgebung orientiert: beispielsweise mit einer großen Engelfigur. Oder einer schneeweißen kleinen Mädchenskulptur auf einem Kindergrab. <br><br>Als erste beigesetzt wurde hier übrigens Mitte des 16. Jahrhunderts die Ehefrau des jüdischen Arztes in Pitigliano. Er war der Leibarzt des damaligen Grafen Orsini. Auch er, der Arzt, war wegen der Vertreibung der Juden aus dem Vatikanstaat nach Pitigliano gekommen. Das Land für den neuen Friedhof hat der damalige Graf Orsini der jüdischen Gemeinde geschenkt. <br><br>Synagoge und Museum und die jüdische Geschichte des Ortes haben hat sich mittlerweile zum Publikumsmagneten entwickelt. Mehr als 30.000 Besucher aus der ganzen Welt kommen jedes Jahr in die Via Zuccarelli, vor allem auch aus Deutschland. <br><br><strong>O-Ton 6 Claudia Elmi</strong> :<strong>Lei pensi che all'inizio, quando cominciai a lavorare qua, nel 2003, la via Zuccarelli che è questa del ghetto che porta alla Sinagoga era abbandonata, non c'era un negozio non c'era niente e piano piano invece, siccome, da lì, dalla piazza si prende via Zuccarelli e si arriva al museo ebraico e alla Sinagoga, hanno cominciato ad aprire piccoli negozi e se lei ha visto&nbsp; sono tutti artigiani, poi c'è un ristorante, ma gli altri sono tutti negozi, quindi, abbiamo dato vita, secondo me, cioè l'apertura della Sinagoga e del museo ebraico ha dato vita&nbsp; a via Zuccarelli che era completamente deserta e era tutto concentrato nella paralella che è via del Corso, la via principale di Pitigliano, via Roma (...) Quindi un impulso forte.</strong> <br><br><strong>O-Ton 6 Claudia Elmi: Am Anfang, erzählt </strong>Claudi Elmi, <strong>als sie hier angefangen habe zu arbeiten, im Jahr 2003, war die Via Zuccarelli, die durch das Ghetto zur Synagoge führt, verlassen. Es gab keinen Laden, es gab nichts.&nbsp; Aber mittlerweile haben die Leute auch hier angefangen, kleine Läden zu eröffnen. Alles Kunsthandwerker, wie man sehen könne, dann gibt es mittlerweile auch ein Restaurant. Das heißt: Die Wiedereröffnung der Synagoge und das jüdische Museum haben der Via Zuccarelli zu dem Leben verholfen, das sich bisher nur auf die Hauptstraße von Pitigliano, die Via Roma, konzentriert hatte. Die Restaurierung der Synagoge und das Museum sind ein starker Impuls für den Tourismus gewesen. </strong><br><br><strong>Atmo draußen Leute in der Gasse</strong><br><br>Trotz der Aufmerksamkeit aus der ganzen Welt hat sich Pitigliano viel von seiner liebenswürdigen Abgeschiedenheit bewahrt. Zum Beispiel auf den winzigen Piazza Antoni Becherini, zu der man kommt, wenn man nach dem Zusammentreffen der beiden Hauptstraßen noch knapp einhundert Meter weitergeht, bis zu einer hüfthohen Mauer: Hier ist der Ort zu Ende. Und hier ist übrigens auch das Atelier von Peter Petri zu finden.<br><br>Als ich an meinem letzten Abend vom Essen aus der Osteria, wo auch der Bischof speist, hierher zu meiner Wohnung zurückkomme, ist mächtig was los. Eine Nachbarin, Francesca, hat Geburtstag. Die Feier findet draußen auf der Gasse zwischen den Häusern statt. An den Häuserwänden hängen ein paar Luftballons. Es wird laut durcheinander geredet, ab und zu singt der ein oder anderen der männlichen Gäste etwas, das sich immer nach einer Opern-Arie anhört. Dann ganz plötzlich heißt es „Buna notte, gute Nacht zusammen, schlaf gut Francesca, bis morgen, ciao, ciao.“ Ein paar Holztüren werden rumpelnd geschlossen. Und dann ist es ganz sehr still. Nur der Wind pfeift ganz leise über den Mauerrand am Gassenende. Und ganz weit weg, irgendwo auf der anderen Talseite, quält sich ein Weilchen noch ein Moped knödelnd den Berg hoch. Dann ist Ruhe. &nbsp;<br><br></div>]]>
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      <pubDate>Thu, 12 Mar 2026 11:00:00 +0100</pubDate>
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        <![CDATA[<div>Der Ort Pitigliano in der italienischen Toskana ist bekannt für seine romantische Altstadt und den berühmten Weißwein, den Bianco di Pitigliano. Und auch für seinen Dom: Pitigliano ist nämlich Bischofssitz, obwohl es so klein ist. Immer mehr Besucher kommen mittlerweile aber wegen seiner Synagoge und der jüdischen Geschichte Pitiglianos. Die hat dem Ort einst den Beinamen Piccola Gerusalemme eingebracht, also Klein Jerusalem.</div>]]>
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      <itunes:title>Warum heißt Pitigliano in der Toskana: „Klein-Jerusalem“? OMG 01</itunes:title>
      <itunes:subtitle>Das jüdische Erbe der italienischen Domstadt</itunes:subtitle>
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      <itunes:author>Bernd Geisen</itunes:author>
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        <![CDATA[<div><br>Pitigliano in der Toskana ist bekannt für seine Altstadt, seinen Weißwein und seine besondere jüdische Geschichte. Der Ort trägt den Beinamen „Klein-Jerusalem“ und verweist auf eine lange kulturelle Verbindung. Die Folge geht der Frage nach, wie dieser Beiname entstand und was heute noch an die jüdische Geschichte von Pitigliano erinnert.<br><br><strong>Piccola Gerusalemme: Klein-Jerusalem</strong><br><strong>Der Ort Pitigliano in der Toscana und die Geschichte seiner jüdischen Gemeinde</strong><br><br>Meine Reise in den südlichsten Toskana-Zipfel hatte eigentlich schon in Berlin begonnen: in einem Schöneberger Café, bei einem Gespräch mit Peter Petri. Er ist Maler und seit über 30Jahren bekennender Pitigliano-Verehrer. Auf einem Vernissagen-Plakat stand über ihn: Wohnt in Berlin und Pitigliano. Mittlerweile hat er Berlin verlassen und ist ganz dorthin umgezogen. Von ihm wollte ich zur Einstimmung wissen, wie Pitigliano so ist.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 1 Peter Petri: Pitigliano ist eine Stadt, wie es viele in Italien gibt, die aber schöner ist als andere. Sie hat alles, was eine italienische Stadt hat. Sie hat eine Burg, sie hat diese Altstadt mit den engen Gassen, sie ist auf einem Felsen gelegen. </strong><br><strong>Es ist eine kleine Stadt, in der sich alles konzentriert. Die ist (...) weitab von allen Zentren, von allen Großstädten. (...) Sie zieht Leute an aus aller Welt (...), besonders im Sommer, im Winter ist es sehr ruhig. (...) Und die ganze Gegend drum herum ist wunderschön. </strong><br><strong>&nbsp;(...) Es hat mir gleich gefallen. Und es hat mich auch an meine Heimat erinnert, die Eifel, weil, die Landschaft ist sehr ähnlich, vulkanisch, es gibt Tuff, es gibt Bergformen, es gibt Maare wie in der Eifel, der Laacher See, und ich fühlte mich gleich zuhause. </strong><br><br>Obwohl Pitigliano schon viel spektakulärer sei, legt Peter Petri nach. Das stimmt. Vor allem dann, wenn man sich dem Ort von Nordwesten über die Serpentinen aus dem Tal des Fiora-Flusses nähert. Dann taucht er Stück für Stück auf, hoch gelegen auf einem 300 Meter hohen Tufffelsen, wie viele Orte hier in der Region, stellenweise gestützt von mächtigen Fundamten, die tief in den Tuff hineingebaut sind. Die mehrgeschossigen Häuser darüber sind am äußeren Rand dieser Empore aufgereiht wie Basaltsäulen in einem Steinbruch. <br>Von den Fenstern dieser Häuser geht der Blick je nachdem bis weit in die westliche Maremma oder schwindelerregend tief hinunter in die grünen Täler rundherum.<br><br>Pitigliano hat rund 2500 Einwohner. Die sind alle katholisch, versichert man mir. Bis auf einige wenige, die jüdischen Glaubens sind. Pitigliano war mal ein verschlafenes Nest, das mittlerweile doch schon ein wenig touristisch geworden sei, hatte Peter Petri mich vorgewarnt. Immer mehr Leute kommen nämlich, um den trutzigen Palazzo Orsini zu sehen. Der beherbergt außerdem zwei Museen: das eine für Archäologie – kein Wunder, wir befinden uns hier im Kernland der alten Etrusker. Das andere ist das Museum für sakrale Kunst. Kein Wunder: Eine weitere lokale Attraktion ist nämlich der Dom: Pitigliano ist immerhin Bischofssitz.<br><br><strong>Atmo Kirchenglocken</strong><br><br>Und natürlich die malerische Altstadt. Durch das ehemalige Stadttor stößt man erst auf die Piazza Garibaldi mit dem Rathaus. An den hohen Bögen eines ehemaligen römischen Aquädukts entlang geht es bis zur großen Piazza della Republica mit den beiden großen Brunnen an jeder Stirnseite. Der eine beplätschert eine Bar, der andere eine Osteria. In der Bar sitzen nachmittags nicht nur Einheimische und Touristen, sondern auch südamerikanische oder afrikanische Krankenschwestern aus dem Krankenhaus in der Neustadt. Als wir abends In der Osteria essen, sitzt am Nebentisch der Bischof . Wohnen tut der ein Haus weiter, im Palazzo Orsini.<br><br>Durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, die von der Piazza abgehen, führen zwei Hauptwege zum Ortsrand: die Via Roma und die Via Zucharelli. Die eine, Via Roma, ist immer schon gesäumt gewesen von Alimentari, also den italienischen Tante-Emma-Läden, und winzigen Geschäften für Haushaltswaren, Elektrobedarf, Bäckerei und Metzgerei. Neuerdings sind es ein paar mehr, für Antiquitäten, Seifen oder Reiseandenken. Alles ist umrahmt von Wäscheleinen vor den Fenstern und Stromverteilerkästen, von denen Bündel von Kabeln nach links und rechts abgehen. Eines fällt außerdem auf: Es kann noch so eng sein: Platz für ein paar Tische und Stühle ist fast immer, für eine Osteria oder Pizzeria. Hier wird gut gegessen. Das weiß nicht nur der Bischof. Getrunken wird ebenfalls vom Feinsten. Beispielsweise der bekannte Bianco di Pitigliano, den die Landwirtschaftliche Genossenschaft, die Cooperativa Sociale, produziert. Der wird auch heute noch in den Tuffstein-Höhlen unter den Häusern der Weinbauern gelagert, wie schon in etruskischen Zeiten.<br><br>Zurück auf die Via Roma. Die führt an besagtem Dom vorbei zur Chiesa die San Rocco. Hier trifft sie mit der Via Zuccarelli zusammen, über die man wieder zurück zur großen Piazza kommt, und zwar durch das ehemalige jüdische Ghetto, vorbei an der dazugehörigen Synagoge und dem Museum für Jüdische Kultur. Warum all das für den Ort etwas Besonderes ist, erklärt uns Dottoressa Claudi Elmi, die Museumskuratorin. <br><br><strong>O-Ton 2 Claudia Elmi: Perchè il Museo Ebraico di Pitigliano è molto particolare, quasi unico al mondo, perché oltre la Sinagoga ed il museo si può fare una passeggiata in quelli che erano i locali dell'antico quartiere ebraico scavati nel tufo, quindi rimangono sottoterra, e utilizzati dalla Comunità Ebraica di Pitigliano nel momento in cui, quando questa zona venne governata dai Medici, signori di Firenze,&nbsp; nel 1622 venne imposto il ghetto quindi vennero costretti a vivere in questa piccola zona di paese, dove già c'era la Sinagoga e dove già, probabilmente, la maggior parte della Comunità Ebraica viveva, gli altri venner obbligati a stare qua e quindi, siccome, il posto non era molto esteso, utilizzarono per la loro vita quotidiana e di comunità gli ambienti sotto scavati nel tufo e facendo una passeggiata sotto, infatti, si può visitare la cantina kasher, il macello, il forno, i locali della tintoria il bagno rituale di purificazione, quindi una cosa particolare, è veramente suggestiva. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 2 Claudia Elmi: Weil das Jüdische Museum von Pitigliano sehr besonders ist, fast einzigartig in der Welt, sagt sie. Denn zusätzlich zu der Synagoge und dem Museum kann man einen Spaziergang in den Räumlichkeiten des alten jüdischen Viertels machen, die in den Tuffstein gegraben worden sind. Die wurden von der jüdischen Gemeinde von Pitigliano zu der Zeit benutzt, als dieses Gebiet von den Medici regiert wurde, den Herren von Florenz, die sie im Jahr 1622 ins Ghetto verbannt haben, so dass sie gezwungen waren, in diesem kleinen Bereich des Ortes zu leben. (...) Und da der Ort für ihr tägliches Leben sehr begrenzt war, haben sie ihn nach unten erweitert, in den Tuffstein, wo man heute wieder den koscheren Keller, das Schlachthaus, die Bäckerei, die Färberei und das Bad besichtigen kann. </strong><br><br>Dabei gibt es das Museum noch nicht allzu lange. Die Synagoge schon. Sie war allerdings nach dem zweiten Weltkrieg verwaist und ist irgendwann zur Hälfte ins Tal gerutscht. Anfang der neunziger Jahre hat die Gemeinde Pitigliano sie endlich wieder aufgebaut. Damals beschlossen die letzten verbliebenen Juden, hier einen Verein zu gründen, um an das jahrhundertelange jüdische Leben in Pitigliano zu erinnern. Neben der Synagoge ist das Museum für Jüdische Kultur, das der Verein ins Leben gerufen hat. Vereinsmitglieder gibt es nicht nur in Pitigliano, sondern&nbsp; in ganz Italien und sogar in den USA.&nbsp; Der Verein wurde La Piccola Gerusalemme, Klein-Jerusalem, genannt. Diesen Beinamen erhielt nämlich Pitigliano um 1850, erzählt Claudia Elmi. <br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 3 Claudia Elmi: La denominazione Piccola Gerusalemme fu data a Pitigliano quando la Comunità Ebraica raggiunse il suo massimo splendore. Siamo intorno alla prima metà del 1800. Questo nome fu dato dai correligionari di Livorno perché a Pitigliano c'era una Comunità Ebraica molto viva, florida che aveva un impatto molto importante sulla Comunità Cattolica. </strong><br><br><strong>O-Ton 3 Claudia Elmi: Den Namen Piccola Gerusalemme hat man Pitigliano in seiner Glanzzeit gegeben. Das war etwa in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es waren Glaubensbrüder und -schwestern aus Livorno, die auf diesen Namen gekommen sind. Weil es in Pitigliano eine sehr lebendige, blühende jüdische Gemeinde gab, die auch einen sehr wichtigen Einfluss auf die katholische Gemeinde hatte. </strong><br><br>Dass es hier diese große, lebendige und blühende Gemeinschaft gab, liegt vor allem an der Lage Pitiglianos nur fünf Kilometer von der Grenze zu Latium und 150 Kilometer von Rom entfernt. Weil sie aus dem Vatikanstaat vertrieben wurden, zogen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts immer mehr Juden nach Norden in die Toskana. Hier waren sie willkommen. Langsam erhöhte sich ihre Zahl auch in Pitigliano, bis sie Anfang des 18. Jahrhunderts ihren Höchststand erreicht hatte: mit über 300, das waren damals mehr als 10 Prozent der Bevölkerung des Ortes.&nbsp; So entwickelte sich im Lauf der Zeit ein umtriebiges jüdisches Kulturleben hier, das so aktiv war, dass man Pitigliano den Beinamen Piccola Gerusalemme gab. <br><br>Die massive antisemitische Propaganda in den1930er-Jahren und die Einführung der Rassengesetze 1938 in Italien bedeuteten das Ende der jüdischen Gemeinde in Pitigliano. Wer konnte, emigrierte, andere wurden deportiert. Nicht zuletzt durch die Hilfe von katholischen Italienern haben aber offenbar alle Juden, die in dieser Zeit noch in Pitigliano geblieben waren, die Zeit der Verfolgungen überlebt. Dazu gehört auch Elena Servi.&nbsp; <br><br><strong>O-Ton 4 Elena Servi:</strong> <strong>Alcune famiglie che avevano, lavoravano nelle strutture pubbliche, c’era per esempio l'ingegnere comunale, ebreo, che andò via , andò a Roma perse il posto; c'era il direttore del Monte die Paschi di Siena che dovette lasciare il posto quindi andò a&nbsp; Firenze. Alcune famiglie si trasferirono chi a Roma chi a Firenze. Rimasero qui quelle poche famiglie che, come mio padre, avevano un‘attività privata, avevano un negozio c’era chi aveva un negozio di alimentari&nbsp; e mio padre come ho già detto di tessuti </strong><br><strong>(...) Poi, una brutta sera, chiamarono alla Casa del Fascio i capifamiglia, quelli che erano rimasti, perché alcuni se ne erano andati via, e dissero che avrebbero dovuto lasciare&nbsp; Pitigliano.&nbsp; Ora, naturalmente,&nbsp; non era facile, mio padre avere tre figli, la moglie e la mamma molto anziana, cercò di andare a Firenze ma non gli riuscì e quindi rimarremo qui. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 4 Elena Servi:</strong> <strong>Einige Familien, erzählt sie, arbeiteten in öffentlichen Einrichtungen. Da war zum Beispiel der jüdische Stadtingenieur. Der verlor seine Arbeit und ging nach Rom. Oder der Direktor der Bank Monte di Paschi di Siena, der seine Arbeitsstelle verlassen musste. Also ging er nach Florenz. </strong><br><strong>Die wenigen Familien, die hier geblieben sind, wie mein Vater mit uns, hatten ein privates Geschäft, die einen einen Lebensmittelladen, mein Vater hatte ein Textilgeschäft. Wie konnten nicht einfach weg. </strong><br><strong>Dann, eines schlimmen Abends, wurden die Familienoberhäupter, also der Familien, die übrig geblieben waren, in die Casa del Fascio, die lokale Zentrale der Faschisten, gerufen. Und man sagte ihnen, sie müssten Pitigliano verlassen.&nbsp; Nun war das natürlich nicht einfach, mein Vater hatte drei Kinder, seine Frau, und seine Mutter war sehr alt. Er versuchte, mit uns nach Florenz zu gehen. Aber das klappte nicht. </strong><br><strong>&nbsp;</strong><br>Also blieb die Familie in Pitigliano.&nbsp; Glück im Unglück war das gute Verhältnis zu den katholischen Nachbarn.<br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 5 Elena Servi: Tant'èvero che quando nel 1943 i tedeschi occuparono granparte dell‘Italia e quindi cominciò la caccia all'ebreo noi scappammo dalla nostra casa e trovammo rifugio presso i contadini della zona, prima nel Comune di Pitigliano poi in quello di Farnese poi in quello di Valentano </strong><br><strong>(...) per alcuni mesi fummo presso i&nbsp; contadini, anche se dovevamo cambiare posto ogni tanto, </strong><br><strong>(...) poi gli ultimi tre mesi da Marzo a Giugno li passammo in una grotta, sempre però aiutati dai contadini.</strong><br><strong>&nbsp;</strong><br><strong>O-Ton 5 Elena Servi: Das war so gut, dass wir, als 1943 die Deutschen den größten Teil Italiens besetzten und damit die Jagd auf Juden begann, aus unserem Haus flohen und bei den Bauern der Gegend Zuflucht fanden. (...) Auch wenn wir ab und zu den Ort wechseln mussten (...). Die letzten drei Monate von März bis Juni 1945 verbrachten wir in einer Höhle. Aber die Bauern haben uns immer geholfen. </strong><br><br>Zum Gedenken an die, die ihr eigenes Leben riskierten, um andere zu retten, wurde die Gemeinde Pitigliano und deren Synagoge von der Internationalen Raoul-Wallenberg-Stiftung zu einem „Haus des Lebens“ erklärt. <br><br>Elena Servi hat überlebt und lebt heute immer noch in Pitigliano. Mit ihr zusammen und ihrem Sohn und ihrer Schwester gibt es hier noch drei jüdische Mitbewohner. <br>Eine vierte Mitbewohnerin ist vor wenigen Jahren erst gestorben. Ihre letzte Ruhestätte hat sie als vorerst letzte Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof am Fuß des Ortes gefunden. Er erinnert mehr an einen Garten als an einen Friedhof, mit Zypressen und hohem Gras mit Wiesenblumen bewachsen, über drei Terrassen den Hang hinunter, mit vielen Grabplatten oder Sarkophag-artigen Grabstellen. Viele tragen die Namen Sedun, Paggi oder auch Servi. Alle sind schlicht und ohne Grabschmuck, wie es die jüdische Tradition verlangt. Nur ein paar der neueren Gräber haben sich ganz offensichtlich an der katholischen Umgebung orientiert: beispielsweise mit einer großen Engelfigur. Oder einer schneeweißen kleinen Mädchenskulptur auf einem Kindergrab. <br><br>Als erste beigesetzt wurde hier übrigens Mitte des 16. Jahrhunderts die Ehefrau des jüdischen Arztes in Pitigliano. Er war der Leibarzt des damaligen Grafen Orsini. Auch er, der Arzt, war wegen der Vertreibung der Juden aus dem Vatikanstaat nach Pitigliano gekommen. Das Land für den neuen Friedhof hat der damalige Graf Orsini der jüdischen Gemeinde geschenkt. <br><br>Synagoge und Museum und die jüdische Geschichte des Ortes haben hat sich mittlerweile zum Publikumsmagneten entwickelt. Mehr als 30.000 Besucher aus der ganzen Welt kommen jedes Jahr in die Via Zuccarelli, vor allem auch aus Deutschland. <br><br><strong>O-Ton 6 Claudia Elmi</strong> :<strong>Lei pensi che all'inizio, quando cominciai a lavorare qua, nel 2003, la via Zuccarelli che è questa del ghetto che porta alla Sinagoga era abbandonata, non c'era un negozio non c'era niente e piano piano invece, siccome, da lì, dalla piazza si prende via Zuccarelli e si arriva al museo ebraico e alla Sinagoga, hanno cominciato ad aprire piccoli negozi e se lei ha visto&nbsp; sono tutti artigiani, poi c'è un ristorante, ma gli altri sono tutti negozi, quindi, abbiamo dato vita, secondo me, cioè l'apertura della Sinagoga e del museo ebraico ha dato vita&nbsp; a via Zuccarelli che era completamente deserta e era tutto concentrato nella paralella che è via del Corso, la via principale di Pitigliano, via Roma (...) Quindi un impulso forte.</strong> <br><br><strong>O-Ton 6 Claudia Elmi: Am Anfang, erzählt </strong>Claudi Elmi, <strong>als sie hier angefangen habe zu arbeiten, im Jahr 2003, war die Via Zuccarelli, die durch das Ghetto zur Synagoge führt, verlassen. Es gab keinen Laden, es gab nichts.&nbsp; Aber mittlerweile haben die Leute auch hier angefangen, kleine Läden zu eröffnen. Alles Kunsthandwerker, wie man sehen könne, dann gibt es mittlerweile auch ein Restaurant. Das heißt: Die Wiedereröffnung der Synagoge und das jüdische Museum haben der Via Zuccarelli zu dem Leben verholfen, das sich bisher nur auf die Hauptstraße von Pitigliano, die Via Roma, konzentriert hatte. Die Restaurierung der Synagoge und das Museum sind ein starker Impuls für den Tourismus gewesen. </strong><br><br><strong>Atmo draußen Leute in der Gasse</strong><br><br>Trotz der Aufmerksamkeit aus der ganzen Welt hat sich Pitigliano viel von seiner liebenswürdigen Abgeschiedenheit bewahrt. Zum Beispiel auf den winzigen Piazza Antoni Becherini, zu der man kommt, wenn man nach dem Zusammentreffen der beiden Hauptstraßen noch knapp einhundert Meter weitergeht, bis zu einer hüfthohen Mauer: Hier ist der Ort zu Ende. Und hier ist übrigens auch das Atelier von Peter Petri zu finden.<br><br>Als ich an meinem letzten Abend vom Essen aus der Osteria, wo auch der Bischof speist, hierher zu meiner Wohnung zurückkomme, ist mächtig was los. Eine Nachbarin, Francesca, hat Geburtstag. Die Feier findet draußen auf der Gasse zwischen den Häusern statt. An den Häuserwänden hängen ein paar Luftballons. Es wird laut durcheinander geredet, ab und zu singt der ein oder anderen der männlichen Gäste etwas, das sich immer nach einer Opern-Arie anhört. Dann ganz plötzlich heißt es „Buna notte, gute Nacht zusammen, schlaf gut Francesca, bis morgen, ciao, ciao.“ Ein paar Holztüren werden rumpelnd geschlossen. Und dann ist es ganz sehr still. Nur der Wind pfeift ganz leise über den Mauerrand am Gassenende. Und ganz weit weg, irgendwo auf der anderen Talseite, quält sich ein Weilchen noch ein Moped knödelnd den Berg hoch. Dann ist Ruhe. &nbsp;<br><br></div>]]>
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        <title>Warum heißt Pitigliano in der Toskana: „Klein-Jerusalem“? OMG 01</title>
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        <![CDATA[<div><strong>Orte. Menschen. Geschichten.</strong> ist ein Podcast mit kulturhistorischen Reportagen von Bernd Geisen. Jede Folge führt an einen besonderen Ort oder zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit – in Deutschland und weltweit. Es geht um historische Rätsel, regionale Kultur, Kunst, Religion, Zeitgeschichte und die persönlichen Erinnerungen der Menschen vor Ort. Zeitzeugen, Expertinnen und Experten erzählen, was hinter bekannten Schauplätzen und vergessenen Geschichten sichtbar wird. Für alle, die Geschichte nicht nur aus Büchern, sondern unmittelbar an Orten und im Gespräch mit Menschen entdecken möchten&nbsp;</div>]]>
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      <pubDate>Thu, 12 Mar 2026 11:00:00 +0100</pubDate>
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