Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
01.04.2026 53 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 13
Anfang der Fünften Monarchie
Besonders hörenswert:
aus dem Buch "Reisebeschreibung des Tanjani" eine wunderbare Satire über die Menschen des Europa Anfang des 18ten Jahrhunderts
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Anfang der Fünften Monarchie
Besonders hörenswert:
aus dem Buch "Reisebeschreibung des Tanjani" eine wunderbare Satire über die Menschen des Europa Anfang des 18ten Jahrhunderts
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
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Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
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Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
13. KAPITEL
Anfang der Fünften Monarchie
Von dieser Zeit an war ich einzig und allein
darauf bedacht, diesem Land ein ganz anderes
Ansehen zu geben und die Jugend im Kriegswesen zu
unterrichten. Ich übte daher vor der Stadt mit den
jungen Leuten Reiten und Fahren und Bogenspannen
und Pfeile abschießen. Doch lehrte ich sie vor
allen Dingen, wie sie die Pferde zahm machen und
zu Kriegsdiensten abrichten sollten, denn ich
hoffte, dass durch die bloße Reiterei die Nachbarn
unter Gehorsam gehalten werden könnten. Es geschah
auch durch meine fleißige Bemühung, dass ich
dem Kaiser binnen kurzem 6.000 Reiter vorstellen
konnte. Und da eben zu der Zeit die Tanachiten
mit einem neuen Einfall drohten, weil ihnen die
Quamiten den jährlichen Tribut noch nicht bezahlt
hatten, so ging ich, auf Begehren des Kaisers, mit
dieser neuen Reiterei und auch einer Armee Fußvolk
dem Feind entgegen. Das Fußvolk hatte ich mit
Spießen und Wurfpfeilen bewaffnet, mit denen sie
aus der Ferne die Tanachiten angreifen konnten,
denn vorher hatten sich die Quamiten nur kurzer
Degen oder Dolche bedient und daher allzeit den
Kürzeren gezogen, sooft sie mit diesen grausamen
Feinden, die ihnen an Leibesstärke weit überlegen
waren, in der Nähe hatten streiten müssen.
Da ich nun auf diese Weise zum Feldherrn erklärt
war und erfuhr, dass sich die Tanachiten nicht
weit von den Grenzen unseres Reichs gesammelt
hielten, so führte ich die Truppen gegen sie
an. Als die Tanachiten einer so unvermuteten
Armee ansichtig wurden, wurden sie stutzig
und hielten sich ganz still. Die Unsrigen
aber rückten immer näher an, und sobald sie
die Feinde mit den Pfeilen erreichen konnten,
drückten sie darauf ab, und als sie ferner mit
den Spießen und Wurfpfeilen gegen sie stritten,
erlegten sie eine abscheuliche Menge Feinde.
Doch die ließen ihren Mut deswegen nicht sinken,
sondern taten einen heftigen Anfall auf unser
Fußvolk. Als aber unsere neue Reiterei sie auf
allen Seiten anfiel, wurden ihre Glieder getrennt
und sie in die Flucht geschlagen, dermaßen,
dass von diesem Angriff der Ausgang der ganzen
Schlacht abhing. Hierauf geschah ein schreckliches
Morden unter den Feinden und der tanachitische
General wurde nebst 20 anderen der vornehmsten
Tiger lebendig gefangen und hernach im Triumph
nach Quama gebracht. Was dieser Sieg im ganzen
Reich für eine Freude erweckte, ist fast unmöglich
zu beschreiben. Denn in den vorhergehenden Kriegen
hatten die Quamiten fast immer verloren und
hatten nicht anders, als unter den härtesten
und unbilligsten Bedingungen, den Frieden erhalten
können. Der Kaiser befahl alsbald, die Gefangenen
wie gewöhnlich zu töten. Ich aber hatte einen
Abscheu gegenüber dieser Gewohnheit und riet
vielmehr, man solle die Gefangenen nur in genauer
Verwahrung halten, ich meinte, die Tanachiten,
mit denen jetzt weder Friede noch Krieg war,
würden sich wenigsten so lange still verhalten,
bis sie erführen, was man mit den Gefangenen
mache. Ja, ich gab zu verstehen, dass ich jetzt
einen Stillstand nötig habe, damit ich noch andere
Dinge ins Werk richten könne, die ich im Sinn
hätte. Ich hatte nämlich festgestellt, dass es in
diesem Land sehr viel Salpeter gab, und ich hatte
auch schon eine geraume Zeit sehr große Mengen
davon gesammelt, woraus ich Schießpulver machte.
Doch hatte ich niemandem, als einzig und allein
dem Kaiser, mein Vorhaben entdeckt, weil ich
dessen Ansehen und Bewilligung nötig hatte, damit
ich die Werkstatt anlegen konnte, worin Flinten
und andere Kriegsinstrumente verfertigt werden
sollten. Ich hoffte, dass ich mithilfe dieser
Instrumente alle Feinde des Reichs in kurzem würde
dämpfen können. Nachdem ich einige tausend Flinten
und Kugeln in Menge hatte verfertigen lassen, so
legte ich öffentlich eine Probe damit ab, worüber
jedermann zum Höchsten staunte. Hierauf wählte ich
eine gewisse Anzahl Soldaten aus und unterrichtete
sie, wie sie mit den Flinten umgehen müssten.
Nachdem mir dies nun gut vonstatten ging und
die Soldaten aufs Beste zu zielen wussten, wurde
ich vom Kaiser zum Jachal oder kommandierenden
General über die ganze Armee ernannt, unter dem
alle übrigen Ober- und Unteroffiziere standen, die
meinen Befehlen genau nachkommen sollten. Während
der Zeit, da dies alles vorging, unterredete ich
mich des Öfteren mit dem gefangenen General
Tomopoloke, mit dem ich, seines ehrlichen
Gemüts halber, eine ganz vertraute Freundschaft
aufgebaut hatte, und erkundigte mich nach der
Gemütsbeschaffenheit und den Sitten seines Volks.
Ich sah an ihm nicht ohne Verwunderung, dass er
sehr verständig, wohlgesittet und auch ziemlich
gelehrt sei. Ich hörte auch von ihm, dass in der
Landschaft Tanachitis die Gelehrsamkeit und guten
Künste nicht nur obenhin getrieben würden, ja,
er sagte mir ferner, dass sie gegen Morgen ein
erzkriegerisches Volk zu Nachbarn hätten, vor dem
die Tanachiten beständig auf der Hut sein müssten.
Dieses Volk sei zwar von kleiner Statur und an
Leibeskräften weit schwächer als die Tanachiten,
an Verstand aber und in der Kunst, mit Wurfpfeilen
umzugehen, seien sie ihnen weit überlegen,
weswegen die Tanachiten auch öfters gezwungen
seien, um Frieden bei ihnen zu bitten. Aus diesen
Reden merkte ich gar bald, dass dieses Volk Katzen
sein müssten, und dass sie allen Einwohnern des
Firmaments an Staatsklugheit und Urteilskraft
vorzuziehen seien. Ich für meine Person aber hörte
mit der größten Gemütskränkung, dass die Weisheit,
Gelehrsamkeit und anständigen Sitten bei allen
unterirdischen Kreaturen anzutreffen seien,
nur die Quamiten, die doch Menschen waren, seien
rau und ungesittet geblieben. Doch hoffte ich,
diese Schmach würde bald von ihnen genommen werden
und die Quamiten würden in kurzem wieder die
Oberherrschaft über die übrigen Tiere erhalten,
wie sie den Menschen von Natur über sie zukommt.
Nach der letzten Niederlage hielten sich die
Tanachiten eine lange Zeit ruhig. Nachdem sie aber
durch die Spione erfahren, wie es eigentlich
mit dieser neuen Reiterei beschaffen sei,
die ihnen neulich so einen großen Schrecken
eingejagt hätte, und dass diese Zentauren nichts
anderes als zahm gemachte und abgerichtete Pferde
seien, auf denen Menschen saßen, so fassten sie
sich aufs Neue ein Herz und zogen frische Truppen
zusammen, die der Tanachitenkönig selber gegen die
Quamiten anführte. Ihre ganze Armee bestand aus
20.000 Tigern, die alle alte, erprobte Soldaten
waren, bis auf zwei Regimenter, die man erst
kürzlich angeworben hatte. Aber diese in Eile
zusammengezogenen Soldaten hießen nur Soldaten,
und man konnte sich auf sie nicht verlassen. Doch
sie dachten alle, sie hätten den Sieg gewiss schon
in den Händen und fielen das Quamitische Reich in
ganzer Macht an. Von unserem Fußvolk rückten ihnen
anfangs 1.200 entgegen, worunter sich 600 Schützen
befanden, von der Reiterei aber traten nicht
mehr als 4.000 zum Angriff an, und da ich am
glücklichen Ausgang dieser Schlacht unsererseits
nicht zweifelte, so ersuchte ich den alten Kaiser,
er möchte die Armee selber kommandieren, damit er
den Ruhm des Sieges davontrage. Denn ich glaubte
nicht, dass durch diese verstellte Bescheidenheit
meinem eigenen Ruhm etwas abgehen werde,
da mich doch die ganze Armee als ihren wahren
kommandierenden General ansah. Ich hielt es
dabei für ratsam, die Schützen beim ersten Angriff
nicht zu gebrauchen, sondern ich wollte versuchen,
ob ich ohne sie, mit der bloßen Reiterei, den
Sieg erkämpfen konnte. Aber das kam uns teuer zu
stehen. Denn die Tanachiten griffen unser Fußvolk
mit solcher Grausamkeit an, dass es alsbald in
die Flucht geschlagen war. Die Reiterei hielt zwar
den ersten Angriff tapfer auf und wehrte sich aufs
Beste, sodass der Sieg lange Zeit zweifelhaft
war und niemals so heftig war gekämpft worden.
Bei so einem zweifelhaften Ausgang,
da noch niemand wissen konnte,
welche Seite den Sieg erringen würde, ließ ich
die Büchsenschützen endlich anrücken. Als diese
zum ersten Mal ihre Gewehre losbrannten, wurden
die Tanachiten stutzig und standen ganz still,
denn sie konnten nicht begreifen, woher dieser
Blitz und Donner käme. Da sie aber die traurige
Wirkung von dieser Art Blitz und Donner gewahr
wurden, befiel sie ein unsäglicher Schrecken,
dass sie fast des Todes darüber wurden. Durch
die erste Salve wurden gleich 200 Tiger erlegt,
unter denen sich zwei Feldprediger befanden, die
auch mit erschossen wurden, da sie ihre Soldaten
zur Tapferkeit ermahnten und aufmunterten.
Als ich die Bestürzung der Feinde bemerkte,
ließ ich geschwind noch einmal Feuer auf sie
geben, und durch diese andere Salve wurden noch
weit mehr Feinde als das erste Mal erlegt und
unter den Toten befand sich der König selber.
Hierauf ließen die Feinde alle Hoffnung auf den
Sieg fahren und begaben sich auf die Flucht.
Unsere siegende Armee zog in das feindliche Land
ein, und nach Verlauf etlicher Tage belagerten sie
die Hauptstadt Tanachin selber. Die Feinde waren
damals dermaßen erschrocken, dass der Rat alsbald
ins Lager kam und den Siegern den Schlüssel
der Stadt überreichte, obgleich die Stadt
sehr vorteilhaft gelegen und mit starken Mauern
und Bollwerken umgeben und mit genügend Proviant
versehen war. Die Stadt war sowohl wegen ihrer
Größe, als Reinlichkeit der Gassen und Schönheit
der Häuser überaus ansehnlich, und ich musste mich
in der Tat wundern, dass die Quamiten so lange
in der Finsternis hatten sitzen können, da sie
doch um und um mit gesitteten und klugen Völkern
umgeben waren. Aber ich glaube, dass ihnen eben
dieses begegnete, was sich bei anderen Völkern
zuträgt, die sich um auswärtige Sachen auch
nicht kümmern, sondern nur dasjenige hoch achten,
was sie zu Hause haben, daher sie auch mit keinem
anderen Volk Handel treiben, sondern beständig
bei einem Sod bleiben, was man bei einigen
europäischen Völkern deutlich zeigen könnte.
Die Tanachiten fingen von dieser Niederlage
an, eine ganz neue Jahrrechnung zu beginnen,
und da das Haupttreffen nach ihrer Rechnung am 3.
Tag des Monats Torul vorgefallen, so rechneten sie
ihn unter die unglücklichen Tage. Zu eben dieser
Jahreszeit, nämlich im Monat Torul, steht der
Planet Nazar von dieser Gegend des Firmaments
am weitesten ab, nach dessen Lauf um die
unterirdische Sonne die Jahreszeiten eingerichtet
und unterschieden werden. Das ganze Firmament
bewegt sich gleichfalls um die Sonne, weil aber
der Planet Nazar in seinem Lauf viel hurtiger ist,
als das Firmament, so scheint er auch ab- und
zuzunehmen, je nachdem, ob er dieser oder jener
Hälfte des Firmaments näher kommt oder weiter
absteht. Und nach dem Ab- und Zunehmen dieses
Planeten, als auch nach den Sonnenfinsternissen,
werden die astronomischen Observationen
eingerichtet. Die tanachitischen Kalender,
die ich einmal zum Zeitvertreib untersuchte,
kamen mir ganz hübsch und wohl ausgearbeitet vor.
Nachdem nun die Hauptstadt an uns übergegangen,
ergab sich sogleich auch das ganze
Königreich, dass also die Verachtung,
in der die Quamiten bisher gestanden, sich in
ihre höchste Ehre verwandelte und das Quamitische
Reich durch den Zuwachs dieses Volks fast um die
Hälfte erweitert und mächtiger wurde. Und da man
diese Glückseligkeit meiner Klugheit und meinem
Fleiß einzig und allein zuschrieb, so wurde die
Hochachtung, die die Quamiten bisher für mich
gehegt, fast in göttliche Anbetung verwandelt.
Nachdem aber auf diese Weise die Tanachiten
überwunden waren, und ich genug Besatzung in die
Städte versetzt hatte, die dieses kriegerische
Volk im Zaum halten sollten, so ging ich nun
weiter damit um, wie ich dieses einmal angefangene
Werk auch vollenden und die Unwissenheit, in der
die Quamiten bisher gesteckt hatten, vollends
ganz und gar vertreiben und ausrotten möchte.
Doch fiel es sehr schwer, die freien Künste hier
so geschwind in Übung zu bringen, denn was ich
in Europa gelernt hatte, nämlich die lateinische
und auch ein wenig von der griechischen Sprache,
war mir hier nichts nütze. Ich befahl daher, dass
aus dem feindlichen oder tanachitischen Land zwölf
der gelehrtesten Tiger nach Quama gebracht
würden. Diese wurden zuerst zu öffentlichen
Lehrern bestimmt, und sie mussten hier eine
Universität auf die Art und Weise anlegen,
wie es bei ihnen gebräuchlich. Ich befahl ferner,
dass die königlich-tanachistische Bibliothek nach
Quama versetzt werden sollte, doch hatte ich mir
zugleich vorgenommen, sobald es nur die Quamiten
in der Gelehrsamkeit so weit gebracht haben
würden, dass sie sich selber helfen könnten,
so wollte ich diesen Fremdlingen wieder ihren
Abschied erteilen. Ich war sehr begierig,
die königlich-tanachitische Bibliothek zu sehen,
weil ich von dem gefangenen Feldherrn Tomopoloko
erfahren hatte, dass hier, unter anderen
Manuskripten, auch ein Buch aufbewahrt werde,
das ein gewisser Schriftsteller verfertigt
habe, der in unserer oberen Welt gewesen sei und
unterschiedliche Länder, vornehmlich aber Europa,
darin beschrieben habe. Die Tanachiten seien
dieses Buchs habhaft geworden, als sie einstmals
in einem weit entlegenen Land Krieg geführt,
doch sei der Name des Autors unterdrückt worden
und man wisse bis dato nicht, wer er gewesen sei,
oder wie er in die überirdischen Länder
versetzt worden sein müsste. Nachdem ich
die Bücher durchgesehen, so befand ich,
dass es wahr sei, was mir Tomopolokus von
dem Buch erzählt habe. Ich entdeckte ihm
aufrichtig mein Geschlecht und Vaterland,
wobei ich ihm zugleich sagte, dass ich das anfangs
den Quamiten ebenfalls nicht vorenthalten hätte,
die dummen Leute hätten es aber durchaus nicht
glauben wollen, sondern sich eingebildet,
ich sei ein Gesandter der Sonne und bei diesem
Irrtum blieben sie bis heute aufs Hartnäckigste.
Ich setzte ferner hinzu, dass ich es für unbillig
hielte, einen eitlen Titel länger beizubehalten
und ich sei entschlossen, ihnen allen meine wahre
Herkunft nochmals offen zu offenbaren, denn ich
glaubte nicht, dass meine bisherige Hochachtung
durch dieses offenherzige Bekenntnis geschmälert
würde, zumal ich hoffte, dass durch Lesung
gedachten Buchs jedermann kund werden würde,
dass die Europäer alle übrigen Sterblichen
an Klugheit und Tugend weit überträfen.
Aber mein Vorhaben missfiel dem klugen Mann aufs
Höchste, und er entdeckte mir hierüber seine
Gedanken folgendermaßen: »Es ist höchst nötig,
durchlauchtigster Held, dass du dieses Buch zuvor
durchliest, weil du vielleicht ganz anderen Sinnes
werden wirst, wenn du es gelesen haben wirst,
denn entweder sein Verfasser hat Unwahrheiten
geschrieben, oder die Leute auf der oberen Erde
sind Narren von schlechten Sitten, weil sie
nach solchen Gesetzen und Verordnungen leben,
die vielmehr auslachenswert sind, als dass
man einigen Gehorsam und Ehrerbietigkeit
gegen sie bezeigen sollte. Wenn du aber
das Buch selber durchgelesen haben wirst,
so kannst du hernach tun, was du willst. Nur dies
will ich noch einmal erinnern, dass du den Titel
nicht so verwegenerweise ablegst, der im Gemüt der
Quamiten so viel Ehrfurcht gegen dich erweckt hat,
denn es ist nichts vermögender, die Sterblichen
im Zaun zu halten, als diejenige Hochachtung,
die sich das gemeine Volk von unserer
hohen Herkunft macht, denn es staunt über
dergleichen Titel und vortreffliche Bilder.«
Ich folgte demnach seinem Rat und beschloss,
das Buch durchzulesen, wobei ich den Tomopolokum
als Dolmetscher brauchte. Sein Titel lautete so:
Reisebeschreibung des Tanjani (dieser Name
scheint mir erdichtet zu sein) über die Erde
oder Beschreibung einiger Königreiche und Länder,
besonders aber derer, die in Europa liegen.
Aber weil dieses Buch durch Länge der Zeit sehr
schadhaft, von Staub und Moder hin und wieder sehr
zerfressen worden war, so fehlte das Beste, was
ich suchte, nämlich, durch was für einen Weg er
zur oberen Erde gereist und wie er wieder herunter
zu den unterirdischen Einwohnern gekommen sei.
Der Inhalt dieses Buchs lautet folgendermaßen:
Überbliebene Stücke von der Reisebeschreibung
des Tanjani über die Erde, wie solche von dem
tanachitischen Feldherrn, dem hochedelgeborenen,
hochedlen und gestrengen Herrn
Tomopoloko übersetzt worden.
Dieses Land (nämlich Deutschland) wird das
Römische Reich genannt: Das ist aber nur ein
leerer Titel, denn die Römische Monarchie hat
schon vor etlichen hundert Jahren ihr völliges
Ende erreicht. Die Sprache der Deutschen ist wegen
der verkehrten Redens- und Schreibart sehr schwer
zu verstehen. Denn was in anderen Sprachen vorne
steht, setzen die Deutschen zuletzt, dermaßen,
dass man nichts versteht, man habe denn erst eine
ganze Seite heruntergelesen. Ihre Regierungsform
ist sehr wunderlich und verkehrt eingerichtet.
Die Deutschen glauben, sie haben einen König,
da sie doch in der Tat keinen haben. Deutschland
wird ein Reich genannt, und doch ist es in viele
einzelne Fürstentümer zerteilt, von denen ein
jedes nach seinen Gesetzen regiert wird, daher
sie auch oftmals rechtmäßige Kriege miteinander
führen. Dieses Land wird immer heilig genannt,
da es doch nichts weniger als heilig ist.
Endlich wird es auch unüberwindlich betitelt,
obgleich es von den Nachbarn sehr oft bekriegt
und auch hin und wieder etwas davon abgezwackt
wird. Nicht weniger muss man über die Rechte und
Freiheiten dieses Volks staunen, denn viele haben
sich solcher Gerechtigkeiten zu erfreuen, deren
Ausübung verboten ist. Man hat unendlich viel
Bücher von der Staatsverfassung dieses Deutschen
Reichs, doch die Schriftsteller haben sich in eine
so verwirrte Sache nicht finden können und
mit all ihren Schriften nichts ausgerichtet.
... Die Hauptstadt dieses Königreichs (nämlich
Frankreich) ist sehr groß und wird Paris genannt.
Sie könnte einigermaßen die Hauptstadt von ganz
Europa genannt werden, weil sie eine gewisse
Herrschaft über alle übrigen Länder in Europa
ausübt. Denn sie hat zum Beispiel das Recht, ihnen
allen Lebensregeln und Kleider vorzuschreiben,
dermaßen, dass keine Art von Kleidungen zu finden,
sie mag auch noch so lächerlich und unbequem sein,
als sie nur will, an die sich nicht alle anderen
Völker gleich gewöhnen sollten, wenn sie nur den
Einwohnern von Paris gefällt. Wann aber und auf
welche Art die Pariser sich dieses Recht erworben,
kann ich nicht bestimmen, doch habe ich gemerkt,
dass sich diese Herrschaft auf sonst weiter nichts
erstreckt. Denn die anderen europäischen Völker
führen oft Krieg mit den Franzosen und pressen
zuweilen ziemlich harte Friedensbedingungen von
ihnen heraus, die Dienstbarkeit aber wegen der
Kleidermoden, und wie man galant leben solle,
bleibt beständig, dermaßen, dass ganz
Europa an all dasjenige festgebunden ist,
was Paris in diesem Stück erdenkt. Übrigens kommen
die Pariser hierin den Martinianern sehr nach, da
sie eine Sache sehr leicht fassen, sehr neugierig
sind und voller sinnreicher Einfälle stecken.
Nachdem wir Bononien verlassen, reisten wir nach
Rom. Diese Stadt ist einem Priester untertan,
der für den vornehmsten unter allen europäischen
Königen gehalten wird, obwohl er für seine Person
nur ein ganz kleines Reich beherrscht. Denn da
andere Könige nur über die Leiber und Güter ihrer
Untertanen herrschen, so kann dieser zugleich
auch ihre Seelen verderben. Die Europäer glauben
insgemein, dieser Priester habe die Schlüssel
zum Himmel in Verwahrung. Ich war daher begierig,
dieses himmlische Kleinod zu sehen, aber
ich wendete alle Mühe vergebens an, denn
ich weiß bis heute noch nicht, wie diese Schlüssel
aussehen oder in welchen Behältnissen sie verwahrt
werden. Die Rechte, die er nicht nur über seine
Untertanen, sondern über das ganze menschliche
Geschlecht ausübt, bestehen hauptsächlich
darin, dass er diejenigen lossprechen kann,
die Gott verdammt, und hingegen diejenigen,
die Gott freispricht, kann er verdammen:
in der Tat eine unerhörte Gewalt. Und unsere
unterirdischen Einwohner schwören alle darauf,
dass diese Gewalt keinem sterblichen Menschen
zukäme. Aber es geht gar leicht an, dass man
den Europäern etwas aufheften und ihnen die
abgeschmacktesten Lügen für Wahrheiten verkaufen
kann, da sie doch denken, sie allein seien klug,
auch in der Meinung so ersoffen und aufgeblasen
sind sie, dass sie die übrigen Sterblichen kaum
über die Achseln ansehen, weil diese in ihren
Gedanken nur unwissende und ungehobelte Leute
sind. Ich will zwar von den Sitten, Gewohnheiten,
Verordnungen unserer unterirdischen Einwohner
nicht viel Wesen machen, doch will ich einige
Sitten und Gewohnheiten der Europäer anführen,
aus denen man gar deutlich sieht, wie unbillig sie
sich über anderer Völker Gewohnheiten aufhalten.
Man hat es hin und wieder in Europa in Gewohnheit,
die Haare und Kleider mit einem gewissen Mehl
zu bestreuen, das sie aus Erdfrüchten machen,
die doch die Natur dem Menschen zur Nahrung
geschaffen hat. Dieses Mehl wird insgemein Puder
genannt, das sie mit großer Sorgfalt und Mühe
alle Abende herauskämmen und auskehren, damit sie
vom Frischen eine Menge solchen Puders einstreuen
können. Ferner hatten sie eine andere Gewohnheit,
die mir nicht weniger lächerlich deucht: Sie
haben Kopfdecken oder Hüte, mit denen sie ihre
Köpfe gegen die Kälte verwahren, aber sie tragen
solche Hüte meistens sogar im härtesten Winter
unter den Armen, was mir ebenso lächerlich
vorkam, als wenn ich jemand gesehen hätte,
der seine Rock- oder Beinkleider in den Händen in
der Stadt herumträgt und mit dem Leib oder Steiß
nackt geht, der doch beides damit bedecken
und vor der Luft hätte verwahren sollen.
Die Lehren der Europäer in geistlichen Dingen
kommen mit der gesunden Vernunft sehr wohl
überein. Ihre Bücher, worin die Glaubens- und
Lebensregeln enthalten sind, befehlen ihnen,
dass sie sie Tag und Nacht fleißig lesen
und ihren rechten Verstand genau untersuchen
sollen. Hingleichen raten sie an, dass man mit den
Irrenden und Schwachgläubigen Geduld haben solle,
wer aber die Sachen anders versteht, als sie
der größte Teil angenommen, so wird er wegen
dieser seiner Schwachheit des Verstands mit
Gefängnis, Geißeln, auch wohl gar zuweilen mit
Feuer gestraft und getötet. Dies kam mir ebenso
ungereimt vor, als wenn ich einen schielenden
oder triefäugigen Menschen bloß deswegen dichte
derbe abprügeln wollte, weil ihm die Dinge, die
mir rund vorkommen, viereckig zu sein scheinen.
Ja, ich habe erfahren, dass gemeldeter Ursachen
wegen etliche Tausend Menschen auf Befehl der
Obrigkeit erwürgt und verbrannt worden sind.
In den meisten Städten und Dörfern sieht man
Menschen an gewissen ansehnlichen Orten stehen,
die die Sünden, die sie täglich selber
begehen, an anderen aufs Schärfste bestrafen,
was mir ebenso vorkam, als wenn ein Besoffener
die Trunkenheit an anderen tadeln wollte.
Diejenigen, die krumm und bucklig und lahm geboren
worden, wollen Wohlgeboren tituliert, und die von
den niederträchtigsten Leuten herstammen, wollen
Edelgeboren genannt sein, was ebenso abgeschmackt
herauskommt, als wenn ein Zwerg ein Riese und ein
alter Mann ein Junggeselle geheißen werden wollte.
In großen Städten hat man die Gewohnheit, dass
man nach der Mittagsmahlzeit gute Freunde auf ein
gewisses schwarzes Getränk, das sie aus gebrannten
Bohnen bereiten, zu sich lädt. Dieses Getränk
wird allgemein Kaffee genannt. An diese Orte, wo
dergleichen Zusammenkünfte gehalten werden sollen,
lassen sie sich von zwei starken Bestien tragen,
sie aber sitzen in einem zugemachten Kasten,
der auf vier Rädern steht. Denn die Europäer
halten es für unanständig, zu Fuß zu gehen.
In Italien, Frankreich und Spanien nimmt eine
unbändige Raserei hin und wieder für etliche
Wochen die Menschen ein. Sie wird endlich
dadurch gestillt, dass man den Kranken Asche
an die Stirn sprengt. Im mitternächtigen Teil
von Europa aber weiß man von der Kraft dieser
Asche nichts, sondern die Natur hilft sich
bei diesen Leuten endlich selber wieder.
Die meisten Europäer machen in jedem Jahr drei-
oder wohl viermal einen feierlichen Bund mit Gott,
wobei auch Zeugen zugegen sind, den sie aber
bald wieder brechen und diesen nennen sie eine
Kommunion. Ja, es scheint, als wenn sie ihn bloß
zu dem Zweck machen, damit sie zeigen könnten,
dass es bei ihnen so hergebracht sei, dass man das
Jahr über drei- oder auch viermal bundbrüchig zu
werden pflege. Wenn sie ihre Sünden bekennen und
Gottes Barmherzigkeit anrufen, so geschieht dies
immer mit gewissen abgemessenen Worten, die ihre
musikalischen Weisen haben. Zuweilen lassen sich
auch Pfeifen, Trompeten und Pauken dabei hören,
je nachdem, wie groß etwa das Verbrechen ist,
dessen Strafe sie durch dergleichen
musikalisches Getön abzuwenden gedenken.
Alle europäischen Völker sind verbunden,
diejenige Lehre zu behaupten, die in einem
gewissen heiligen Buch enthalten ist. In den
mittägigen Ländern ist es den Leuten scharf
verboten, darin zu lesen, dermaßen, dass sie
genötigt sind, dasjenige zu glauben, was sie,
ohne Begehung eines Lasters, nicht lesen dürfen.
In eben diesen Ländern ist es hart verboten,
Gott nicht anders als in einer ihnen unbekannten
Sprache zu verehren und anzubeten, dermaßen,
dass einzig und allein für gut und Gott
angenehm gehalten wird, was diejenigen
verrichten, die nicht wissen, was sie sagen.
In einigen großen Städten werden alle diejenigen,
die in hohen Ehrenämtern sitzen, nicht brüchig,
daher sie gleichsam als bettlägrige Leute
sich in Sänften, die fast wie Apothekerbüchsen
gemacht sind, auf den Gassen herumtragen lassen.
Die meisten Europäer scheren ihre Haare mit
einem Schermesser glatt ab und bedecken ihren
kahlen Kopf mit falschen oder fremden Haaren.
Die Streitigkeiten, die auf den Hohen Schulen
in Europa entschieden werden, betreffen meistens
entweder solche Dinge, woran den Menschen wenig
oder gar nichts gelegen, oder die wohl gar
allen menschlichen Verstand übersteigen. Die
gelehrtesten Sachen, worüber die Europäer
ihre Auslegungen machen, bestehen darin,
dass sie die Pantoffeln, Schuhe, Halsbinden,
Stiefel und Kleidungen einiger alter und längst
ausgestorbener Völker beschreiben. Von den
übrigen, sowohl geistlichen als weltlichen
Wissenschaften, urteilen die wenigsten selber,
sondern sie geben nur anderen ihren Beifall.
Denn auf was für eine Art von Gelehrsamkeit
einer einmal, und das gleichsam nur zufällig,
gefallen ist, daran bleibt er auch, gleichsam
wie an einem Felsen, hängen. Denn dass sie sagen,
sie glaubten demjenigen, den sie für den Weisesten
hielten, wollte ich mir gern gefallen lassen,
wenn es nur Einfältige und Ungelehrte entscheiden
könnten, wer der Weiseste wäre. Denn dazu gehört
gewiss große Klugheit und Weisheit, wenn
man bestimmen will, wer wahrhaft weise ist.
Die Engländer lieben die Freiheit aufs Höchste und
dienen niemandem als ihren Frauen. In der Religion
sind sie sehr wankelmütig, denn was sie heute
bejahen, leugnen sie morgen wieder und das, was
heute das ganze Volk verwirft, ergreift es morgen
wieder auf das Begierigste. Die Wankelmütigkeit
schien mir von der Lage des Landes herzukommen,
weil sie auf einer Insel wohnen und Seevölker
sind, folglich vieles von der flüchtigen und
unbeständigen Art dieses Elements an sich haben.
Die Engländer erkundigen sich fleißig um das
Wohlbefinden und die Gesundheit derjenigen,
die ihnen begegnen und ich glaubte, sie wären
alleÄrzte. Allein die Frage: »How do you do«,
oder »wie befindet ihr euch«, ist nur eine
bloße leere und so gewöhnliche Redensart und
ein Klang, der weiter nichts zu bedeuten hat.
Auf eben dieser Insel suchen einige Einwohner
ihren Verstand und ihre Gemütskräfte
dermaßen zu schärfen und zu erhöhen,
dass sie endlich den Verstand darüber verlieren.
Gegen Mitternacht ist eine Republik anzutreffen,
die aus sieben Provinzen zusammengesetzt ist.
Diese werden die vereinigten Provinzen genannt,
obgleich man keine Spur der Einigkeit und
Eintracht bei ihnen wahrnimmt. In diesem
macht sich das Volk mit seiner Gewalt groß,
dass sie nämlich ganz und gar bei ihm stehe,
da doch nirgendwo die einfachen Leute mehr
von Staatsgeschäften ausgeschlossen sind,
als in dieser Republik, und die höchste
Gewalt nur bei einigen wenigen Familien steht.
Die Einwohner dieser Provinzen scharren aufs
Eifrigste und sorgfältigste große Reichtümer
zusammen, deren sie sich doch auf so eine
Weise bedienen, dass sie zwar volle Beutel,
aber leere Mägen dabei haben, denn es scheint,
als wenn sie bloß vom Rauch leben, den sie durch
gewisse tönerne Pfeifen in sich ziehen.
Das aber muss man diesem Volk lassen,
dass sie unter allen Sterblichen die
reinlichsten sind: Denn sie waschen alles
sehr sorgfältig, doch aber die Hände nicht.
In den europäischen Städten und Dörfern gibt
es Nachtwächter, die den Leuten mit Singen oder
vielmehr durch ein solches Geschrei, wie die Esel
machen, eine ruhige Nacht wünschen, sie doch
alle Stunde aufblöken und in der Ruhe stören.
Ein jedes Land hat seine eigenen Gesetze
und Gewohnheiten, von denen Letztere den
Ersteren vielmals schnurstracks zuwiderlaufen.
Zum Beispiel: Nach den Gesetzen soll die Frau dem
Mann unterworfen sein, nach der Gewohnheit aber
muss öfters der Mann tanzen, wie die Frau pfeift.
Unter allen Europäern werden
diejenigen am höchsten geschätzt,
die recht verschwenderisch leben und die
Früchte des Landes in Mengen verschlucken:
Diejenigen aber, die das Land bebauen und solche
Schlemmer ernähren, werden zutiefst verachtet.
Wie viele und große schädliche Neigungen bei
den Europäern herrschen müssen, kann man aus
den Galgen, Rädern und Scharfrichtereien abnehmen,
die man hin und wieder antrifft. Eine jede Stadt
hat ihren eigenen Scharfrichter. Doch glaube ich
nicht, dass es in England Scharfrichter gibt,
weil sich dort die Einwohner selber henken.
Ich glaube auch, dass die Europäer sogar Menschen
fressen, denn sie sperren eine große Menge der
stärksten Menschen in gewisse verschlossene
Behälter ein, die sie Klöster nennen, und
dies bloß zu dem Zweck, damit sie schön und
fett werden sollen. Denn solange sie in diesen
Lustgärten verwahrt werden, sind sie von aller
Arbeit befreit und dürfen sonst nichts tun, als
nur fressen und saufen. Früh morgens pflegen
die Europäer Wasser zu trinken, um die Hitze des
Magens zu dämpfen, das ist aber kaum geschehen,
so trinken sie wieder Branntwein drauf, dass die
Hitze von neuem im Magen überhand nehmen soll.
Die Religion teilt sich in zwei Sekten,
die einen machen die Protestanten aus,
die anderen bestehen aus Römisch-Katholischen.
Jene verehren einen Gott, diese aber beten
viele Götter an, denn so viele Städte und
Dörfer unter ihnen sind, so viel haben sie
auch Götter und Göttinnen. All diese Götter
und Göttinnen hat der Papst in Rom gemacht.
Er selber aber wird von einigen Priestern, die
sich Kardinäle nennen, gewählt. Hieraus erhellt,
was die Kardinäle für Gewalt haben müssen,
weil sie Göttermacher machen können.
Die alten Einwohner in Italien haben früher die
ganze Welt bezwungen, sie selber aber ließen
sich von ihren Frauen beherrschen. Die heutigen
Italiener hingegen gehen sehr grausam mit ihren
Frauen um und sind auf eine schändliche
Weise allen auswärtigen Völkern untertan.
Die europäischen Tiere werden in zwei
Klassen eingeteilt. Eine lebt im Wasser,
die andere auf der Erde. Doch gibt es auch
einige Tiere, die sowohl im Wasser als auch
auf der Erde leben können, wohin die Frösche,
Meerschweine, Fischotter zu rechnen sind,
denn diese halten sich in Pfützen auf, bald
aber begeben sie sich auch aufs Land. Die
Europäer bedienen sich eben der Nahrungsmittel
wie wir. Die Spanier aber leben bloß von der Luft.
Die Handelsschaft blüht hin und wieder in Europa
und es ist vieles ums Geld feil, was wir bei uns
nicht verkaufen. Also verkauft man in Rom den
Himmel, die Schweizer verkaufen sich selber. In
Spanien ist die Faulheit das Kennzeichen eines
ehrbaren Menschen und es gibt dort nichts,
was den Adel angesehener macht, als der Schlaf.
Die Rechtgläubigen werden diejenigen genannt,
die nicht wissen, was sie glauben, und dasjenige,
was sie hören, keiner Untersuchung für würdig
erachten. Ja, man findet einige, die wegen ihrer
Faulheit, Nachlässigkeit und darum, dass sie eine
Sache niemals sorgfältig untersucht haben, in
die Zahl der Heiligen aufgenommen worden sind.
Diejenigen hingegen werden für ewig verdammt
ausgeschrien, die sich um ihre Seligkeit kümmern,
und wenn sie alles genau und sorgfältig untersucht
haben, etwa von der herrschenden Meinung abgehen.
Ferner glauben die Europäer alle, dass ihre
künftige Seligkeit und Verdammnis nicht von ihren
Werken, Tugenden oder Ausübung der Gottseligkeit,
oder von Unterlassung gedachter Dinge herrühren,
sondern leiten beides einzig und allein von dem
Ort ihrer Geburt her. Denn sie bekennen alle
einmütig, wenn sie an einem andern Ort, oder von
andern Eltern wären gezeugt oder geboren worden,
so hätten sie auch eine andere Religion. Daher
schien es mir, als wenn sie nicht so sehr von
der Religion selber, als wegen des Orts ihrer
Geburt verdammt würden. Aber ich kann nicht sehen,
wie diese Meinung mit der Gerechtigkeit
und Güte Gottes übereinstimmen soll.
Unter den Gelehrten werden diejenigen am höchsten
geschätzt, die die natürliche Ordnung der Worte
dermaßen verkehren, dass dasjenige, was an
und für sich selber klar und deutlich ist,
recht undeutlich und verwirrt gemacht wird. Diese
Leute werden Poeten genannt und ihre Verdrehung
der Worte nennt man Poesie. Die Geschicklichkeit
eines Poeten besteht jedoch nicht nur im bloßen
Verkehren der Worte, sondern es wird auch noch
von ihm erfordert, dass er brav lügen kann.
Sie erweisen daher dem alten Poeten Homer fast
göttliche Ehren, weil er in beiden Dingen alle
anderen übertroffen. Diesem wollen es auch
viele im Verdrehen der Wahrheit gleichtun,
es hat es aber noch keiner so weit bringen können.
Die Gelehrten in Europa schaffen sich sehr viele
Bücher an, sie kaufen sie aber nicht so sehr wegen
der darin enthaltenen Sachen, als vielmehr ihres
äußeren Ansehens und ihrer Schönheit halber. Daher
denn die Buchhändler, nachdem sie dies gemerkt,
durch vielerlei Spielwerke und angenehm in die
Augen fallende Dinge, die gelehrten Käufer an
sich locken und die Bücher in anderem Format,
mit anderer Schrift und Kupferstichen auflegen
und hundertmal teurer verkaufen: Denn die
freien Künste werden hier verkauft, und
unter den betrüglichsten Kaufleuten von der Art
stehen die Philosophen und Schriftsteller obenan.
Die Narren schreiben die meisten Bücher, so
als ob sie befürchteten, dass ihre Torheit
sonst den Nachkommen nicht bekannt würde.
Die Hohen Schulen in Europa sind die Kauf- und
Handelsplätze, wo gute Künste und Ehrenstellen
zu verkaufen sind oder sozusagen Kramläden,
worin vornehmer Stand, hohe Ehrenstellen,
allerhand Würden, vielerlei Titel der
Gelehrsamkeit und andere gelehrte Sachen für
wenig Geld zu haben sind, was wir bei uns,
auf unserer unterirdischen Welt, nicht anders
als durch vielen Schweiß und Mühe und durch
vieljähriges täg- und nächtliches Studieren
erlangen können. Doktoren werden diejenigen
genannt, die in der Gelehrsamkeit aufs Höchste
gekommen sind, oder wie die Europäer sagen, auf
den Gipfel eines gewissen Berges Parnass, den neun
Jungfern bewohnen sollen, gestiegen sind. Nach
diesen folgen die Magister, die ihre gelehrten
Titel mit etwas weniger Unkosten erhalten können
als die Vorigen, und daher auch für etwas weniger
gelehrt gehalten werden. Hieraus kann man sehen,
wie gütig man in den Hohen Schulen der oberen
Erde gegen die Menschen ist, da sie ihnen einen
so geraden und leichten Weg zur Gelehrsamkeit
bahnen. Gegen Mitternacht aber sind die Hohen
Schulen etwas unfreundlicher, indem sie niemandem
die höchsten Ehrentitel und Würden erteilen,
der nicht vorher examiniert worden ist.
Die Gelehrten unterscheiden sich von den
Ungelehrten durch Sitten und Kleidung vornehmlich
aber durch die Religion, denn diese glauben nur
an einen Gott, jene hingegen verehren viele
Götter und Göttinnen. Die vornehmsten Götter der
Gelehrten sind Apollo, Minerva und die neun Musen,
darauf folgen noch viele andere kleineren Götter,
die besonders die Poeten anzurufen pflegen, wenn
sie in Raserei geraten. Die Gelehrten selber aber
werden, nach den mancherlei Arten ihrer Studien,
auch in vielerlei Klassen eingeteilt. Denn einige
heißen Philosophen, andere Dichter oder Poeten,
noch andere Sprachlehrer und wieder andere
Naturkundler, Metaphysiker und so weiter.
Ein Philosoph ist ein gelehrter Kaufmann,
der die Regeln von der Kunst, sich selbst zu
verleugnen, wie man Mäßigkeit ausüben und Armut
geduldig ertragen solle, um ein gewisses Geld
feilbietet und so lange über den Reichtum eifert
und dagegen schreit, bis er endlich selbst reich
geworden ist. Der Vater dieser Philosophen ist ein
gewisser Seneca, der auf die beschriebene
Weise königliche Schätze zusammenbrachte.
Ein Poet ist derjenige, der sich durch
alberne Fratzen und Raserei hervortut,
daher ist die Raserei das eigentliche Kennzeichen,
woran man die besten Dichter erkennen kann. Denn
alle diejenigen, die ihre Gedanken schlicht und
deutlich ausdrücken, werden des Lorbeerkranzes für
unwürdig geachtet. Die Sprachlehrer machen eine
gewisse Art von Soldaten aus, die den öffentlichen
Frieden stören. Doch unterscheiden sie darin
von anderen Kriegsleuten, dass sie anstatt der
Reitröcke Friedenskleider tragen und statt des
Degens die Feder führen. Diese streiten ebenso
hartnäckig um einen Buchstaben oder eine Silbe,
wie andere für ihre Freiheit streiten oder einen
Religionskrieg führen. Ich glaube, sie werden
auch nur deswegen von den Regenten geduldet und
erhalten, damit das menschliche Geschlecht bei
Friedenszeiten durch allzu viel Ruhe nicht träge
werden möge. Wenn aber der Streit zuweilen gar
zu heftig wird, und es um Leib und Leben geht, so
vermittelt der Rat unter ihnen durch sein Ansehen
und seine Gewalt, wie ich denn gehört habe, dass
so etwas erst vor kurzem in Paris geschehen, wo
unter den Gelehrten ein heftiger Streit über die
Buchstaben Q und K entstand, da der Rat in Paris
endlich den Gebrauch beider Buchstaben erlaubte.
Ein Naturkundler ist derjenige, der das Innerste
der Erde, die Natur der zweibeinigen, vierfüßigen
und kriechenden Tiere, auch die Insekten
und Würmer untersucht und der alles kennt,
außer sich selbst. Ein Metaphysikus ist der, der
einzig und allein dasjenige weiß, was andere nicht
wissen und der das Wesen der Geister, der Seelen
und andere Dinge kennt, die gar nicht in der Natur
zu finden sind und sie beschreibt und bestimmt,
mit allzu großer Scharfsinnigkeit aber dasjenige
nicht sieht, was ihm vor seinen Füßen ist.
So sieht es mit der Gelehrsamkeit in Europa
aus. Ich könnte zwar noch vieles anführen,
will es dabei aber bewenden lassen, weil
ich doch das Augenscheinlichste berührt habe.
Denn hieraus kann der Leser schon urteilen,
ob diese Europäer sich wohl mit Fug und Recht
einbilden können, dass sie alleine klug seien.
Doch dies muss man den europäischen Doktoren und
Magistern lassen, dass sie zur Unterweisung der
Jugend weit mehr Geschicklichkeit besitzen,
als die Lehrer auf unserer Erde. Denn es gibt
bei ihnen Kunst- und Sprachmeister, die nicht
nur das lehren, was sie selbst gelernt haben,
sondern auch sogar das, wovon sie selber nicht
das Geringste wissen und verstehen. Es ist schon
etwas Großes, einem anderen das schicklich
beizubringen, was man selber versteht.
Eine wie viel größere Kunst muss es sein, andere
das zu lehren, was man selber nicht versteht.
Man findet unter den gelehrten Europäern
einige, die die Gottesgelahrtheit und auch
die Weltweisheit mit gleichem Eifer studieren
und verehren. Diese zweifeln als Philosophen
an allen Dingen, als Gottesgelehrte aber
unterstehen sie sich nicht, etwas zu widerlegen.
Die Europäer bezeugen eine ebenso große Begierde
zur Gelehrsamkeit wie die Einwohner unserer
unteren Erde. Sie werden aber viel zeitiger
gelehrt als wir, und dies durch Hilfe einer
gewissen zauberischen Erfindung, mit der sie
in 1 Tag wohl 100 Bücher durchlesen können.
Die Europäer sind sehr eifrig in ihrer Religion
und in ihren Gelübden und Gebeten sehr andächtig,
doch richten sie sich bei ihrem Beten nicht nach
den Bewegungen ihres Herzens, sondern nur nach
dem Klang gewisser Glocken oder nach den Schlag-
und Sonnenuhren, dermaßen, dass mir ihre Andacht
bloß mechanisch zu sein schien, weil sie vielmehr
von äußeren Zeichen, von der Gewohnheit und von
gewissen bestimmten Tageszeiten und Stunden, als
aus dem Innersten des Herzens herzurühren scheint.
Wie emsig sie in ihrem Gebet sein müssen,
kann man daraus abnehmen, weil die meisten
beim Holzhacken, Aufwaschen und bei anderer
Handarbeit geistliche Lieder anstimmen.
Als ich mich in Italien befand, sah ich
mich als den Herrn des ganzen Landes an,
denn ein jeder nannte sich meinen Sklaven.
Ich wollte daher einmal einen Versuch tun,
wie weit sich diese angebotene Sklaverei erstrecke
und befahl, dass mir ein gewisser Wirt seine Frau
für eine Nacht zum Schlafgesellen geben solle.
Aber er wurde darüber dermaßen verbittert und
zornig, dass er mich mein Wandergerät
zusammenpacken und fortreisen hieß,
ja, als ich nicht hurtig genug seinem Befehl
nachkam, stieß er mich gar zum Haus hinaus.
In den mitternächtigen Ländern, so die
Europäer nicht besitzen, streben die
Einwohner gar über alle Maßen nach Ehrentiteln,
und sie sind vor Begierde, einen tugendhaften
Lebenswandel zu führen, fast unsinnig.
Bisher hatte ich dem Tomopoloko ganz
geduldig zugehört. Als er aber hierher
gekommen war, überlief mich die Galle über
und über, und ich versicherte ihm, dass all
das bloße Erdichtungen eines ungerechten und
schmähsüchtigen Schriftstellers seien. Nachdem
sich aber die erste Hitze ein wenig gelegt hatte,
fing ich an, ein gelinderes Urteil von dieser
Reisebeschreibung zu fällen, weil ich sah,
dass dieser Schriftsteller zwar in den meisten
Dingen lügenhaft und unbillig gehandelt,
das jedoch nicht jedesmal getan, sondern das eine
und andere aufs Haar getroffen habe. Im Übrigen
aber folgte ich dem Rat des Tomopoloko und erhielt
die Quamiten ganz sorgfältig in ihrem Irrtum,
in dem sie hinsichtlich meiner Herkunft
steckten, denn ich sah gar wohl ein,
dass es für mich zuträglicher sein würde, wenn
sie mich für einen außerordentlichen Gesandten
der Sonne hielten, als wenn sie wüssten,
dass ich ein europäischer Landsmann war.
Nachdem sich unsere Nachbarn eine lange
Zeit her ganz ruhig gehalten, und ich
bei so gewünschtem Frieden das Gemeinwesen
nach Wunsch in guten Stand gebracht hatte,
lief endlich die Nachricht ein, dass sich drei
von den mächtigsten Völkern gegen die Quamiten
miteinander verbunden hatten. Diese drei
Völker waren die Arctonier, Kispucianer und
Alectorianer. Die Arctonier waren Bären, die
mit Vernunft begabt waren und reden konnten,
im Übrigen aber standen sie in dem Ruf, dass
sie ein hartes und kriegerisches Volk seien. Die
Kispucianer waren Katzen von ungemeiner Größe, die
ihrer Verschlagenheit und scharfen Urteilskraft
wegen unter den unterirdischen Völkern sehr
berühmt waren. Daher hielten sie ihre mächtigsten
Feinde nicht so sehr mit ihrer Leibesstärke,
als vielmehr durch allerhand Kriegslist unter
ihrem Gehorsam. Die Alectorianer aber machten
ihren Feinden am allermeisten zu schaffen,
weil sie sowohl in der Luft, als auch auf der
Erde Krieg führten. Diese waren lauter Haushähne,
die den Bogen führten und mit sonderbarer
Geschicklichkeit vergiftete Pfeile auf ihre Feinde
abdrückten und ihnen so tödliche Wunden zufügten.
Diese drei Völker waren durch das ungewöhnliche
Glück der Quamiten und durch den üblen Ausschlag
des tanachitischen Kriegs dermaßen aufgebracht
worden, dass sie einen Bund miteinander machten
und die überhand nehmende Gewalt der Quamiten mit
vereinten Kräften zu unterdrücken beschlossen,
ehe sie sich weiter ausbreiten könnten. Ehe sie
uns aber den Krieg ankündigten, schickten sie
vorher Gesandte nach Quama, die die Freiheit
der Tanachiten verlangten, und falls ihnen ihr
Ersuchen abgeschlagen würde, dem Kaiser aufs
Feierlichste den Krieg ankündigen sollten. Die
Gesandten verhielten sich also demnach wie ihnen
befohlen worden war, sie bekamen aber auf mein
Anraten zur Antwort: Die fried- und bundbrüchigen
Tanachiten hätten es ihrer eigenen Torheit und
Hoffart zuzuschreiben, dass sie in gegenwärtige
schlechte Umstände geraten seien. Der Kaiser habe
beschlossen, den Besitz dieses Landes, den er sich
durch das Recht der Waffen zuwege gebracht habe,
gegen einen jedweden, der ihn darin stören würde,
beständig und mit allen Kräften zu behaupten, und
er fürchte sich vor den Drohungen der vereinigten
Völker keineswegs. Nach dieser Antwort ließen
wir die feindlichen Gesandten wieder von uns
gehen und machten uns aus allen Kräften für den
vorstehenden Krieg bereit. Ich brachte auch in
kurzer Zeit eine Armee von 40.000 Mann zusammen,
unter denen 8.000 Reiter und 2.000 Schützen
waren. Der Kaiser wollte dem Feldzug auch selbst
beiwohnen, obwohl er schon sehr alt war, und er
war dermaßen von der Ehrbegierde eingenommen, dass
er weder durch mich, noch durch seine Gemahlin,
noch durch seine Kinder, die mit gesamten
Kräften seine Hartnäckigkeit brechen wollten,
von seinem Vorhaben abzubringen war. Was mich
bei diesen Umständen am meisten bekümmerte,
war, dass ich mich auf die Treue und Redlichkeit
der Tanachiten nicht verlassen konnte, denn ich
befürchtete, sie möchten der neuen Untertänigkeit
überdrüssig sein und bei gegebener Gelegenheit
dieses Joch wieder abzuschütteln suchen, folglich
sich zu unseren Feinden schlagen. Ich betrog mich
auch gar nicht in meinen Gedanken, denn kurz nach
der feierlichen Kriegsankündigung erfuhren wir,
dass 12.000 Tanachiten das Gewehr ergriffen
hätten und zu den Feinden übergegangen seien.
Daher sah ich nun wohl, dass ich mit
vier mächtigen Feinden zu tun hätte.
Zu Anfang des Monats Kilian musste unsere Armee
aufbrechen, die mit allen Kriegsnotwendigkeiten
aufs Beste versehen war, denn ich hielt dafür,
es sei besser, wenn wir den Feind angriffen,
als dass wir uns von ihm angreifen ließen. Auf
dem Marsch erfuhren wir durch Spione, dass die
Vereinigten Truppen schon ins tanachitische
Reich eingerückt seien und das Schloss Sibol,
das an den Grenzen der Kispucianer lag, belagert
hätten. Es wurde auch diesem Schloss mit solcher
Gewalt und mit solchem Ungestüm zugesetzt, dass
sich der Kommandant darin schon zu kapitulieren
entschlossen hatte. Da aber die Feinde von
unserem Einmarsch sichere Kundschaft einzogen,
hoben sie die Belagerung auf und wendeten ihre
Macht gegen uns. Das Treffen geschah auf einer
Ebene, unweit von gedachtem Schloss, und deshalb
wird es nur die sibolische Schlacht genannt. Die
Arctonier, die den linken Flügel ausmachten,
taten zuerst den Angriff auf unsere Reiterei
und erlegten sehr viele von ihnen, und da diesen
Angriff die rebellischen Tanachiten unterstützten,
schien es, als wenn wir alle verloren wären. Doch
da die Schützen unserer bedrängten Reiterei zu
Hilfe eilten und durch ein doppeltes Feuer die
Glieder der Feinde trennten, bekam das Treffen
gar bald ein anderes Ansehen, dermaßen, dass
diejenigen, die schon als Überwinder unserer
Reiterei aufs Härteste drängten, nun selber in
die Enge getrieben wurden und sich zurückzogen,
ja endlich gar die Flucht ergreifen mussten.
Während dieser Zeit setzten die Kispucianer
unserem Fußvolk ganz gewaltig zu. Diese wussten
mit solcher Kunst und Geschicklichkeit ihre Pfeile
abzudrücken, dass in kurzem 600 Quamiten entweder
tödlich verwundet oder gar getötet waren. Als aber
unsere Reiterei und die Schützen zugleich
herzueilten, wurden sie ebenfalls genötigt,
die Flucht zu ergreifen, doch geschah das auf eine
Art, dass es schien, als wenn sie viel mehr und
völlig geschlossene Glieder zurückzögen, als dass
sie die Flucht ergriffen, was durch die sonderbare
Klugheit und Kriegserfahrung des kispucianischen
Feldherrn Mansoni geschah, der zu jener Zeit an
Kriegserfahrung keinem unterirdischen General
etwas nachgab, wo er sie nicht gar alle übertraf.
Nun waren die Alectorianer noch übrig, mit
denen es hart herging, ehe wir den Sieg über sie
davontragen konnten. Denn sooft unsere Schützen
auf sie Feuer gaben, schwangen sie sich mit ihren
Flügeln hoch in die Luft und schossen von dorther
ihre Pfeile mit solcher Geschicklichkeit auf uns
ab, dass nur wenige unwirksam auf die Erde fielen.
Und sie konnten von oben herab viel sicherer
schießen, als wir in die Höhe, weil sie die Pfeile
seitwärts oder schief abdrückten, unsere Schützen
hingegen fehlten gar oft, weil die Feinde im Flug
und in beständiger Bewegung waren. Als der Kaiser
mitten in diesem heftigen Treffen seine Pfeile
gleichfalls selber tapfer abdrückte, sich in die
Spitze der Schlachtordnung stellte, wurde er mit
einem vergifteten Pfeil in den Hals getroffen. Er
fiel daher vom Pferd und ließ sich aus dem Treffen
in sein Zelt bringen, wo er kurz darauf seinen
Geist aufgab. Bei so misslichen Umständen hielt
ich es für ratsam, all denen ein hartes Schweigen
aufzulegen, die vom Tod des Kaisers wussten,
damit die Begierde zu kämpfen durch diese traurige
Nachricht bei den Soldaten nicht erlöschen möchte.
Ich hieß daher meine Soldaten guten Muts sein und
machte ihnen weis, der Kaiser habe sich wegen
dieses unvermuteten Falls zur Ruhe begeben.
Der Pfeil sei nicht tief eingedrungen und
nachdem man das Blut abgewischt und die Wunde
besehen habe, sei sie nicht für tödlich befunden
worden, und ich hoffte, er würde in etlichen Tagen
wieder öffentlich erscheinen können. Da nun auf
diese Weise die wenigsten wussten, wie es um den
Kaiser stand, setzten wir das Treffen bis in die
Nacht fort. Da aber die Alectorianer durch die
vielen Strapazen ermüdet und zum Teil gefährlich
verwundet waren, begaben sie sich endlich in ihr
Lager zurück. Ich machte daher auf etliche Tage
einen Stillstand mit ihnen, so lange ich nämlich
Zeit brauchte, die getöteten Körper zu beerdigen.
Während dieser Zeit ließ ich aus unseren Kugeln
groben Schrot gießen, weil ich gar wohl sah, dass
ich ein anderes Mittel erdenken müsse, wenn ich
den Meister über die Alectorianer spielen wollte.
Diese Erfindung hatte eine so gewünschte Wirkung,
dass im folgenden Treffen die Alectorianer wie
die Fliegen aus der Luft herunterpurzelten,
und die Hälfte ihrer Armee elend umkam. Als die
Übrigen dies sahen, warfen sie alle ihre Waffen
weg und baten aufs Rührendste um Frieden. Ihnen
folgten kurz darauf auch die Arctonianer und die
Kispucianer, indem sie sich uns mitsamt
ihren Waffen und festen Städten ergaben.
Nachdem nun das alles glücklich vollbracht war,
ließ ich die Großen des Reichs alle zusammenrufen,
und als sie auch sehr zahlreich erschienen,
und sie alle begierig waren zu vernehmen,
was ich ihnen vortragen würde, fing
ich folgendermaßen an zu reden:
»Hochedelgeborene, Hochedle, Feste und Gestrenge!
Ich zweifle nicht, dass es dem größten Teil unter
Ihnen bekannt sein wird, wie sorgfältig und wie
beweglich ich unserem durchlauchtigsten Kaiser
zugeredet habe, dass er an diesem Kriegszug
nicht teilnehmen möchte. Aber seine angeborene
Tapferkeit und sein unerschrockenes Gemüt ließen
es nicht zu, dass er zu Hause müßig geblieben
wäre, da wir den Feinden die Stirn boten. Ich muss
bekennen, dass dies die einzige Bitte gewesen, die
mir Ihro Kaiserliche Majestät abgeschlagen haben.
Und wollte Gott, dass der durchlauchtigste Kaiser
in anderen Dingen härter gegen mich gewesen, die
er mir sehr willig zuließ, und nur diese einzige
Bitte allein hätte stattfinden lassen, so wären
wir gewiss nicht ins gegenwärtige Unglück geraten,
das uns sein unvermuteter Tod verursacht,
sondern wir wären als Sieger und voller Freude
in die kaiserliche Residenz eingezogen, und unser
Vergnügen über so viele vortreffliche Taten würde
durch kein Trauern unterbrochen worden sein. Es
ziemt sich nicht, und ich kann Ihnen auch nicht
länger diesen betrübten Fall verhehlen, durch
den wir so schmerzlich verwundet worden sind.
Ich melde Ihnen demnach hiermit, dass der Kaiser,
da er aufs Tapferste stritt, durch einen Pfeil
in der Schlacht getroffen wurde und kurz danach
seinen Geist aufgegeben hat. Was wird der Verlust
eines so großen Fürsten nicht für trauernde und
grämende Sorgen verursachen? Ich kann aus meiner
eigenen Betrübnis gar leicht abnehmen, wie sehr
Ihre Gemüter beklemmt sein müssen. Aber lassen
Sie Ihren Mut deswegen nicht gänzlich sinken, denn
es ist kein Tod, durch den die Sterblichkeit eines
so großen Helden sich nun geendet, als dass er
zu leben aufgehört habe. Denn der Kaiser lebt
allerdings noch in seinen zwei hinterlassenen
und erwachsenen Prinzen, die ihrem Herrn Vater
vollkommen nacharten und die mit den väterlichen
Reichen auch zugleich seine Tugenden erbten. Sie
werden daher nur vielmehr einen anderen König
dem Namen nach, als in der Tat bekommen. Und da
dem erstgeborenen Prinzen Timuso, vermöge des
Rechts der Erstgeburt, die väterliche Krone
und das Zepter zukommen, so stehe ich nun unter
seiner Regierung der Armee vor. Dieser ist es,
dem wir den Eid der Treue leisten, und dem wir
alle von nun an willigen Gehorsam versprechen.«