Audite Fabulas

Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

01.04.2026 53 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 13
Anfang der Fünften Monarchie

Besonders hörenswert:
aus dem Buch "Reisebeschreibung des Tanjani" eine wunderbare Satire über die Menschen des Europa Anfang des 18ten Jahrhunderts

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
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Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

13. KAPITEL Anfang der Fünften Monarchie Von dieser Zeit an war ich einzig und allein darauf bedacht, diesem Land ein ganz anderes Ansehen zu geben und die Jugend im Kriegswesen zu unterrichten. Ich übte daher vor der Stadt mit den jungen Leuten Reiten und Fahren und Bogenspannen und Pfeile abschießen. Doch lehrte ich sie vor allen Dingen, wie sie die Pferde zahm machen und zu Kriegsdiensten abrichten sollten, denn ich hoffte, dass durch die bloße Reiterei die Nachbarn unter Gehorsam gehalten werden könnten. Es geschah auch durch meine fleißige Bemühung, dass ich dem Kaiser binnen kurzem 6.000 Reiter vorstellen konnte. Und da eben zu der Zeit die Tanachiten mit einem neuen Einfall drohten, weil ihnen die Quamiten den jährlichen Tribut noch nicht bezahlt hatten, so ging ich, auf Begehren des Kaisers, mit dieser neuen Reiterei und auch einer Armee Fußvolk dem Feind entgegen. Das Fußvolk hatte ich mit Spießen und Wurfpfeilen bewaffnet, mit denen sie aus der Ferne die Tanachiten angreifen konnten, denn vorher hatten sich die Quamiten nur kurzer Degen oder Dolche bedient und daher allzeit den Kürzeren gezogen, sooft sie mit diesen grausamen Feinden, die ihnen an Leibesstärke weit überlegen waren, in der Nähe hatten streiten müssen. Da ich nun auf diese Weise zum Feldherrn erklärt war und erfuhr, dass sich die Tanachiten nicht weit von den Grenzen unseres Reichs gesammelt hielten, so führte ich die Truppen gegen sie an. Als die Tanachiten einer so unvermuteten Armee ansichtig wurden, wurden sie stutzig und hielten sich ganz still. Die Unsrigen aber rückten immer näher an, und sobald sie die Feinde mit den Pfeilen erreichen konnten, drückten sie darauf ab, und als sie ferner mit den Spießen und Wurfpfeilen gegen sie stritten, erlegten sie eine abscheuliche Menge Feinde. Doch die ließen ihren Mut deswegen nicht sinken, sondern taten einen heftigen Anfall auf unser Fußvolk. Als aber unsere neue Reiterei sie auf allen Seiten anfiel, wurden ihre Glieder getrennt und sie in die Flucht geschlagen, dermaßen, dass von diesem Angriff der Ausgang der ganzen Schlacht abhing. Hierauf geschah ein schreckliches Morden unter den Feinden und der tanachitische General wurde nebst 20 anderen der vornehmsten Tiger lebendig gefangen und hernach im Triumph nach Quama gebracht. Was dieser Sieg im ganzen Reich für eine Freude erweckte, ist fast unmöglich zu beschreiben. Denn in den vorhergehenden Kriegen hatten die Quamiten fast immer verloren und hatten nicht anders, als unter den härtesten und unbilligsten Bedingungen, den Frieden erhalten können. Der Kaiser befahl alsbald, die Gefangenen wie gewöhnlich zu töten. Ich aber hatte einen Abscheu gegenüber dieser Gewohnheit und riet vielmehr, man solle die Gefangenen nur in genauer Verwahrung halten, ich meinte, die Tanachiten, mit denen jetzt weder Friede noch Krieg war, würden sich wenigsten so lange still verhalten, bis sie erführen, was man mit den Gefangenen mache. Ja, ich gab zu verstehen, dass ich jetzt einen Stillstand nötig habe, damit ich noch andere Dinge ins Werk richten könne, die ich im Sinn hätte. Ich hatte nämlich festgestellt, dass es in diesem Land sehr viel Salpeter gab, und ich hatte auch schon eine geraume Zeit sehr große Mengen davon gesammelt, woraus ich Schießpulver machte. Doch hatte ich niemandem, als einzig und allein dem Kaiser, mein Vorhaben entdeckt, weil ich dessen Ansehen und Bewilligung nötig hatte, damit ich die Werkstatt anlegen konnte, worin Flinten und andere Kriegsinstrumente verfertigt werden sollten. Ich hoffte, dass ich mithilfe dieser Instrumente alle Feinde des Reichs in kurzem würde dämpfen können. Nachdem ich einige tausend Flinten und Kugeln in Menge hatte verfertigen lassen, so legte ich öffentlich eine Probe damit ab, worüber jedermann zum Höchsten staunte. Hierauf wählte ich eine gewisse Anzahl Soldaten aus und unterrichtete sie, wie sie mit den Flinten umgehen müssten. Nachdem mir dies nun gut vonstatten ging und die Soldaten aufs Beste zu zielen wussten, wurde ich vom Kaiser zum Jachal oder kommandierenden General über die ganze Armee ernannt, unter dem alle übrigen Ober- und Unteroffiziere standen, die meinen Befehlen genau nachkommen sollten. Während der Zeit, da dies alles vorging, unterredete ich mich des Öfteren mit dem gefangenen General Tomopoloke, mit dem ich, seines ehrlichen Gemüts halber, eine ganz vertraute Freundschaft aufgebaut hatte, und erkundigte mich nach der Gemütsbeschaffenheit und den Sitten seines Volks. Ich sah an ihm nicht ohne Verwunderung, dass er sehr verständig, wohlgesittet und auch ziemlich gelehrt sei. Ich hörte auch von ihm, dass in der Landschaft Tanachitis die Gelehrsamkeit und guten Künste nicht nur obenhin getrieben würden, ja, er sagte mir ferner, dass sie gegen Morgen ein erzkriegerisches Volk zu Nachbarn hätten, vor dem die Tanachiten beständig auf der Hut sein müssten. Dieses Volk sei zwar von kleiner Statur und an Leibeskräften weit schwächer als die Tanachiten, an Verstand aber und in der Kunst, mit Wurfpfeilen umzugehen, seien sie ihnen weit überlegen, weswegen die Tanachiten auch öfters gezwungen seien, um Frieden bei ihnen zu bitten. Aus diesen Reden merkte ich gar bald, dass dieses Volk Katzen sein müssten, und dass sie allen Einwohnern des Firmaments an Staatsklugheit und Urteilskraft vorzuziehen seien. Ich für meine Person aber hörte mit der größten Gemütskränkung, dass die Weisheit, Gelehrsamkeit und anständigen Sitten bei allen unterirdischen Kreaturen anzutreffen seien, nur die Quamiten, die doch Menschen waren, seien rau und ungesittet geblieben. Doch hoffte ich, diese Schmach würde bald von ihnen genommen werden und die Quamiten würden in kurzem wieder die Oberherrschaft über die übrigen Tiere erhalten, wie sie den Menschen von Natur über sie zukommt. Nach der letzten Niederlage hielten sich die Tanachiten eine lange Zeit ruhig. Nachdem sie aber durch die Spione erfahren, wie es eigentlich mit dieser neuen Reiterei beschaffen sei, die ihnen neulich so einen großen Schrecken eingejagt hätte, und dass diese Zentauren nichts anderes als zahm gemachte und abgerichtete Pferde seien, auf denen Menschen saßen, so fassten sie sich aufs Neue ein Herz und zogen frische Truppen zusammen, die der Tanachitenkönig selber gegen die Quamiten anführte. Ihre ganze Armee bestand aus 20.000 Tigern, die alle alte, erprobte Soldaten waren, bis auf zwei Regimenter, die man erst kürzlich angeworben hatte. Aber diese in Eile zusammengezogenen Soldaten hießen nur Soldaten, und man konnte sich auf sie nicht verlassen. Doch sie dachten alle, sie hätten den Sieg gewiss schon in den Händen und fielen das Quamitische Reich in ganzer Macht an. Von unserem Fußvolk rückten ihnen anfangs 1.200 entgegen, worunter sich 600 Schützen befanden, von der Reiterei aber traten nicht mehr als 4.000 zum Angriff an, und da ich am glücklichen Ausgang dieser Schlacht unsererseits nicht zweifelte, so ersuchte ich den alten Kaiser, er möchte die Armee selber kommandieren, damit er den Ruhm des Sieges davontrage. Denn ich glaubte nicht, dass durch diese verstellte Bescheidenheit meinem eigenen Ruhm etwas abgehen werde, da mich doch die ganze Armee als ihren wahren kommandierenden General ansah. Ich hielt es dabei für ratsam, die Schützen beim ersten Angriff nicht zu gebrauchen, sondern ich wollte versuchen, ob ich ohne sie, mit der bloßen Reiterei, den Sieg erkämpfen konnte. Aber das kam uns teuer zu stehen. Denn die Tanachiten griffen unser Fußvolk mit solcher Grausamkeit an, dass es alsbald in die Flucht geschlagen war. Die Reiterei hielt zwar den ersten Angriff tapfer auf und wehrte sich aufs Beste, sodass der Sieg lange Zeit zweifelhaft war und niemals so heftig war gekämpft worden. Bei so einem zweifelhaften Ausgang, da noch niemand wissen konnte, welche Seite den Sieg erringen würde, ließ ich die Büchsenschützen endlich anrücken. Als diese zum ersten Mal ihre Gewehre losbrannten, wurden die Tanachiten stutzig und standen ganz still, denn sie konnten nicht begreifen, woher dieser Blitz und Donner käme. Da sie aber die traurige Wirkung von dieser Art Blitz und Donner gewahr wurden, befiel sie ein unsäglicher Schrecken, dass sie fast des Todes darüber wurden. Durch die erste Salve wurden gleich 200 Tiger erlegt, unter denen sich zwei Feldprediger befanden, die auch mit erschossen wurden, da sie ihre Soldaten zur Tapferkeit ermahnten und aufmunterten. Als ich die Bestürzung der Feinde bemerkte, ließ ich geschwind noch einmal Feuer auf sie geben, und durch diese andere Salve wurden noch weit mehr Feinde als das erste Mal erlegt und unter den Toten befand sich der König selber. Hierauf ließen die Feinde alle Hoffnung auf den Sieg fahren und begaben sich auf die Flucht. Unsere siegende Armee zog in das feindliche Land ein, und nach Verlauf etlicher Tage belagerten sie die Hauptstadt Tanachin selber. Die Feinde waren damals dermaßen erschrocken, dass der Rat alsbald ins Lager kam und den Siegern den Schlüssel der Stadt überreichte, obgleich die Stadt sehr vorteilhaft gelegen und mit starken Mauern und Bollwerken umgeben und mit genügend Proviant versehen war. Die Stadt war sowohl wegen ihrer Größe, als Reinlichkeit der Gassen und Schönheit der Häuser überaus ansehnlich, und ich musste mich in der Tat wundern, dass die Quamiten so lange in der Finsternis hatten sitzen können, da sie doch um und um mit gesitteten und klugen Völkern umgeben waren. Aber ich glaube, dass ihnen eben dieses begegnete, was sich bei anderen Völkern zuträgt, die sich um auswärtige Sachen auch nicht kümmern, sondern nur dasjenige hoch achten, was sie zu Hause haben, daher sie auch mit keinem anderen Volk Handel treiben, sondern beständig bei einem Sod bleiben, was man bei einigen europäischen Völkern deutlich zeigen könnte. Die Tanachiten fingen von dieser Niederlage an, eine ganz neue Jahrrechnung zu beginnen, und da das Haupttreffen nach ihrer Rechnung am 3. Tag des Monats Torul vorgefallen, so rechneten sie ihn unter die unglücklichen Tage. Zu eben dieser Jahreszeit, nämlich im Monat Torul, steht der Planet Nazar von dieser Gegend des Firmaments am weitesten ab, nach dessen Lauf um die unterirdische Sonne die Jahreszeiten eingerichtet und unterschieden werden. Das ganze Firmament bewegt sich gleichfalls um die Sonne, weil aber der Planet Nazar in seinem Lauf viel hurtiger ist, als das Firmament, so scheint er auch ab- und zuzunehmen, je nachdem, ob er dieser oder jener Hälfte des Firmaments näher kommt oder weiter absteht. Und nach dem Ab- und Zunehmen dieses Planeten, als auch nach den Sonnenfinsternissen, werden die astronomischen Observationen eingerichtet. Die tanachitischen Kalender, die ich einmal zum Zeitvertreib untersuchte, kamen mir ganz hübsch und wohl ausgearbeitet vor. Nachdem nun die Hauptstadt an uns übergegangen, ergab sich sogleich auch das ganze Königreich, dass also die Verachtung, in der die Quamiten bisher gestanden, sich in ihre höchste Ehre verwandelte und das Quamitische Reich durch den Zuwachs dieses Volks fast um die Hälfte erweitert und mächtiger wurde. Und da man diese Glückseligkeit meiner Klugheit und meinem Fleiß einzig und allein zuschrieb, so wurde die Hochachtung, die die Quamiten bisher für mich gehegt, fast in göttliche Anbetung verwandelt. Nachdem aber auf diese Weise die Tanachiten überwunden waren, und ich genug Besatzung in die Städte versetzt hatte, die dieses kriegerische Volk im Zaum halten sollten, so ging ich nun weiter damit um, wie ich dieses einmal angefangene Werk auch vollenden und die Unwissenheit, in der die Quamiten bisher gesteckt hatten, vollends ganz und gar vertreiben und ausrotten möchte. Doch fiel es sehr schwer, die freien Künste hier so geschwind in Übung zu bringen, denn was ich in Europa gelernt hatte, nämlich die lateinische und auch ein wenig von der griechischen Sprache, war mir hier nichts nütze. Ich befahl daher, dass aus dem feindlichen oder tanachitischen Land zwölf der gelehrtesten Tiger nach Quama gebracht würden. Diese wurden zuerst zu öffentlichen Lehrern bestimmt, und sie mussten hier eine Universität auf die Art und Weise anlegen, wie es bei ihnen gebräuchlich. Ich befahl ferner, dass die königlich-tanachistische Bibliothek nach Quama versetzt werden sollte, doch hatte ich mir zugleich vorgenommen, sobald es nur die Quamiten in der Gelehrsamkeit so weit gebracht haben würden, dass sie sich selber helfen könnten, so wollte ich diesen Fremdlingen wieder ihren Abschied erteilen. Ich war sehr begierig, die königlich-tanachitische Bibliothek zu sehen, weil ich von dem gefangenen Feldherrn Tomopoloko erfahren hatte, dass hier, unter anderen Manuskripten, auch ein Buch aufbewahrt werde, das ein gewisser Schriftsteller verfertigt habe, der in unserer oberen Welt gewesen sei und unterschiedliche Länder, vornehmlich aber Europa, darin beschrieben habe. Die Tanachiten seien dieses Buchs habhaft geworden, als sie einstmals in einem weit entlegenen Land Krieg geführt, doch sei der Name des Autors unterdrückt worden und man wisse bis dato nicht, wer er gewesen sei, oder wie er in die überirdischen Länder versetzt worden sein müsste. Nachdem ich die Bücher durchgesehen, so befand ich, dass es wahr sei, was mir Tomopolokus von dem Buch erzählt habe. Ich entdeckte ihm aufrichtig mein Geschlecht und Vaterland, wobei ich ihm zugleich sagte, dass ich das anfangs den Quamiten ebenfalls nicht vorenthalten hätte, die dummen Leute hätten es aber durchaus nicht glauben wollen, sondern sich eingebildet, ich sei ein Gesandter der Sonne und bei diesem Irrtum blieben sie bis heute aufs Hartnäckigste. Ich setzte ferner hinzu, dass ich es für unbillig hielte, einen eitlen Titel länger beizubehalten und ich sei entschlossen, ihnen allen meine wahre Herkunft nochmals offen zu offenbaren, denn ich glaubte nicht, dass meine bisherige Hochachtung durch dieses offenherzige Bekenntnis geschmälert würde, zumal ich hoffte, dass durch Lesung gedachten Buchs jedermann kund werden würde, dass die Europäer alle übrigen Sterblichen an Klugheit und Tugend weit überträfen. Aber mein Vorhaben missfiel dem klugen Mann aufs Höchste, und er entdeckte mir hierüber seine Gedanken folgendermaßen: »Es ist höchst nötig, durchlauchtigster Held, dass du dieses Buch zuvor durchliest, weil du vielleicht ganz anderen Sinnes werden wirst, wenn du es gelesen haben wirst, denn entweder sein Verfasser hat Unwahrheiten geschrieben, oder die Leute auf der oberen Erde sind Narren von schlechten Sitten, weil sie nach solchen Gesetzen und Verordnungen leben, die vielmehr auslachenswert sind, als dass man einigen Gehorsam und Ehrerbietigkeit gegen sie bezeigen sollte. Wenn du aber das Buch selber durchgelesen haben wirst, so kannst du hernach tun, was du willst. Nur dies will ich noch einmal erinnern, dass du den Titel nicht so verwegenerweise ablegst, der im Gemüt der Quamiten so viel Ehrfurcht gegen dich erweckt hat, denn es ist nichts vermögender, die Sterblichen im Zaun zu halten, als diejenige Hochachtung, die sich das gemeine Volk von unserer hohen Herkunft macht, denn es staunt über dergleichen Titel und vortreffliche Bilder.« Ich folgte demnach seinem Rat und beschloss, das Buch durchzulesen, wobei ich den Tomopolokum als Dolmetscher brauchte. Sein Titel lautete so: Reisebeschreibung des Tanjani (dieser Name scheint mir erdichtet zu sein) über die Erde oder Beschreibung einiger Königreiche und Länder, besonders aber derer, die in Europa liegen. Aber weil dieses Buch durch Länge der Zeit sehr schadhaft, von Staub und Moder hin und wieder sehr zerfressen worden war, so fehlte das Beste, was ich suchte, nämlich, durch was für einen Weg er zur oberen Erde gereist und wie er wieder herunter zu den unterirdischen Einwohnern gekommen sei. Der Inhalt dieses Buchs lautet folgendermaßen: Überbliebene Stücke von der Reisebeschreibung des Tanjani über die Erde, wie solche von dem tanachitischen Feldherrn, dem hochedelgeborenen, hochedlen und gestrengen Herrn Tomopoloko übersetzt worden. Dieses Land (nämlich Deutschland) wird das Römische Reich genannt: Das ist aber nur ein leerer Titel, denn die Römische Monarchie hat schon vor etlichen hundert Jahren ihr völliges Ende erreicht. Die Sprache der Deutschen ist wegen der verkehrten Redens- und Schreibart sehr schwer zu verstehen. Denn was in anderen Sprachen vorne steht, setzen die Deutschen zuletzt, dermaßen, dass man nichts versteht, man habe denn erst eine ganze Seite heruntergelesen. Ihre Regierungsform ist sehr wunderlich und verkehrt eingerichtet. Die Deutschen glauben, sie haben einen König, da sie doch in der Tat keinen haben. Deutschland wird ein Reich genannt, und doch ist es in viele einzelne Fürstentümer zerteilt, von denen ein jedes nach seinen Gesetzen regiert wird, daher sie auch oftmals rechtmäßige Kriege miteinander führen. Dieses Land wird immer heilig genannt, da es doch nichts weniger als heilig ist. Endlich wird es auch unüberwindlich betitelt, obgleich es von den Nachbarn sehr oft bekriegt und auch hin und wieder etwas davon abgezwackt wird. Nicht weniger muss man über die Rechte und Freiheiten dieses Volks staunen, denn viele haben sich solcher Gerechtigkeiten zu erfreuen, deren Ausübung verboten ist. Man hat unendlich viel Bücher von der Staatsverfassung dieses Deutschen Reichs, doch die Schriftsteller haben sich in eine so verwirrte Sache nicht finden können und mit all ihren Schriften nichts ausgerichtet. ... Die Hauptstadt dieses Königreichs (nämlich Frankreich) ist sehr groß und wird Paris genannt. Sie könnte einigermaßen die Hauptstadt von ganz Europa genannt werden, weil sie eine gewisse Herrschaft über alle übrigen Länder in Europa ausübt. Denn sie hat zum Beispiel das Recht, ihnen allen Lebensregeln und Kleider vorzuschreiben, dermaßen, dass keine Art von Kleidungen zu finden, sie mag auch noch so lächerlich und unbequem sein, als sie nur will, an die sich nicht alle anderen Völker gleich gewöhnen sollten, wenn sie nur den Einwohnern von Paris gefällt. Wann aber und auf welche Art die Pariser sich dieses Recht erworben, kann ich nicht bestimmen, doch habe ich gemerkt, dass sich diese Herrschaft auf sonst weiter nichts erstreckt. Denn die anderen europäischen Völker führen oft Krieg mit den Franzosen und pressen zuweilen ziemlich harte Friedensbedingungen von ihnen heraus, die Dienstbarkeit aber wegen der Kleidermoden, und wie man galant leben solle, bleibt beständig, dermaßen, dass ganz Europa an all dasjenige festgebunden ist, was Paris in diesem Stück erdenkt. Übrigens kommen die Pariser hierin den Martinianern sehr nach, da sie eine Sache sehr leicht fassen, sehr neugierig sind und voller sinnreicher Einfälle stecken. Nachdem wir Bononien verlassen, reisten wir nach Rom. Diese Stadt ist einem Priester untertan, der für den vornehmsten unter allen europäischen Königen gehalten wird, obwohl er für seine Person nur ein ganz kleines Reich beherrscht. Denn da andere Könige nur über die Leiber und Güter ihrer Untertanen herrschen, so kann dieser zugleich auch ihre Seelen verderben. Die Europäer glauben insgemein, dieser Priester habe die Schlüssel zum Himmel in Verwahrung. Ich war daher begierig, dieses himmlische Kleinod zu sehen, aber ich wendete alle Mühe vergebens an, denn ich weiß bis heute noch nicht, wie diese Schlüssel aussehen oder in welchen Behältnissen sie verwahrt werden. Die Rechte, die er nicht nur über seine Untertanen, sondern über das ganze menschliche Geschlecht ausübt, bestehen hauptsächlich darin, dass er diejenigen lossprechen kann, die Gott verdammt, und hingegen diejenigen, die Gott freispricht, kann er verdammen: in der Tat eine unerhörte Gewalt. Und unsere unterirdischen Einwohner schwören alle darauf, dass diese Gewalt keinem sterblichen Menschen zukäme. Aber es geht gar leicht an, dass man den Europäern etwas aufheften und ihnen die abgeschmacktesten Lügen für Wahrheiten verkaufen kann, da sie doch denken, sie allein seien klug, auch in der Meinung so ersoffen und aufgeblasen sind sie, dass sie die übrigen Sterblichen kaum über die Achseln ansehen, weil diese in ihren Gedanken nur unwissende und ungehobelte Leute sind. Ich will zwar von den Sitten, Gewohnheiten, Verordnungen unserer unterirdischen Einwohner nicht viel Wesen machen, doch will ich einige Sitten und Gewohnheiten der Europäer anführen, aus denen man gar deutlich sieht, wie unbillig sie sich über anderer Völker Gewohnheiten aufhalten. Man hat es hin und wieder in Europa in Gewohnheit, die Haare und Kleider mit einem gewissen Mehl zu bestreuen, das sie aus Erdfrüchten machen, die doch die Natur dem Menschen zur Nahrung geschaffen hat. Dieses Mehl wird insgemein Puder genannt, das sie mit großer Sorgfalt und Mühe alle Abende herauskämmen und auskehren, damit sie vom Frischen eine Menge solchen Puders einstreuen können. Ferner hatten sie eine andere Gewohnheit, die mir nicht weniger lächerlich deucht: Sie haben Kopfdecken oder Hüte, mit denen sie ihre Köpfe gegen die Kälte verwahren, aber sie tragen solche Hüte meistens sogar im härtesten Winter unter den Armen, was mir ebenso lächerlich vorkam, als wenn ich jemand gesehen hätte, der seine Rock- oder Beinkleider in den Händen in der Stadt herumträgt und mit dem Leib oder Steiß nackt geht, der doch beides damit bedecken und vor der Luft hätte verwahren sollen. Die Lehren der Europäer in geistlichen Dingen kommen mit der gesunden Vernunft sehr wohl überein. Ihre Bücher, worin die Glaubens- und Lebensregeln enthalten sind, befehlen ihnen, dass sie sie Tag und Nacht fleißig lesen und ihren rechten Verstand genau untersuchen sollen. Hingleichen raten sie an, dass man mit den Irrenden und Schwachgläubigen Geduld haben solle, wer aber die Sachen anders versteht, als sie der größte Teil angenommen, so wird er wegen dieser seiner Schwachheit des Verstands mit Gefängnis, Geißeln, auch wohl gar zuweilen mit Feuer gestraft und getötet. Dies kam mir ebenso ungereimt vor, als wenn ich einen schielenden oder triefäugigen Menschen bloß deswegen dichte derbe abprügeln wollte, weil ihm die Dinge, die mir rund vorkommen, viereckig zu sein scheinen. Ja, ich habe erfahren, dass gemeldeter Ursachen wegen etliche Tausend Menschen auf Befehl der Obrigkeit erwürgt und verbrannt worden sind. In den meisten Städten und Dörfern sieht man Menschen an gewissen ansehnlichen Orten stehen, die die Sünden, die sie täglich selber begehen, an anderen aufs Schärfste bestrafen, was mir ebenso vorkam, als wenn ein Besoffener die Trunkenheit an anderen tadeln wollte. Diejenigen, die krumm und bucklig und lahm geboren worden, wollen Wohlgeboren tituliert, und die von den niederträchtigsten Leuten herstammen, wollen Edelgeboren genannt sein, was ebenso abgeschmackt herauskommt, als wenn ein Zwerg ein Riese und ein alter Mann ein Junggeselle geheißen werden wollte. In großen Städten hat man die Gewohnheit, dass man nach der Mittagsmahlzeit gute Freunde auf ein gewisses schwarzes Getränk, das sie aus gebrannten Bohnen bereiten, zu sich lädt. Dieses Getränk wird allgemein Kaffee genannt. An diese Orte, wo dergleichen Zusammenkünfte gehalten werden sollen, lassen sie sich von zwei starken Bestien tragen, sie aber sitzen in einem zugemachten Kasten, der auf vier Rädern steht. Denn die Europäer halten es für unanständig, zu Fuß zu gehen. In Italien, Frankreich und Spanien nimmt eine unbändige Raserei hin und wieder für etliche Wochen die Menschen ein. Sie wird endlich dadurch gestillt, dass man den Kranken Asche an die Stirn sprengt. Im mitternächtigen Teil von Europa aber weiß man von der Kraft dieser Asche nichts, sondern die Natur hilft sich bei diesen Leuten endlich selber wieder. Die meisten Europäer machen in jedem Jahr drei- oder wohl viermal einen feierlichen Bund mit Gott, wobei auch Zeugen zugegen sind, den sie aber bald wieder brechen und diesen nennen sie eine Kommunion. Ja, es scheint, als wenn sie ihn bloß zu dem Zweck machen, damit sie zeigen könnten, dass es bei ihnen so hergebracht sei, dass man das Jahr über drei- oder auch viermal bundbrüchig zu werden pflege. Wenn sie ihre Sünden bekennen und Gottes Barmherzigkeit anrufen, so geschieht dies immer mit gewissen abgemessenen Worten, die ihre musikalischen Weisen haben. Zuweilen lassen sich auch Pfeifen, Trompeten und Pauken dabei hören, je nachdem, wie groß etwa das Verbrechen ist, dessen Strafe sie durch dergleichen musikalisches Getön abzuwenden gedenken. Alle europäischen Völker sind verbunden, diejenige Lehre zu behaupten, die in einem gewissen heiligen Buch enthalten ist. In den mittägigen Ländern ist es den Leuten scharf verboten, darin zu lesen, dermaßen, dass sie genötigt sind, dasjenige zu glauben, was sie, ohne Begehung eines Lasters, nicht lesen dürfen. In eben diesen Ländern ist es hart verboten, Gott nicht anders als in einer ihnen unbekannten Sprache zu verehren und anzubeten, dermaßen, dass einzig und allein für gut und Gott angenehm gehalten wird, was diejenigen verrichten, die nicht wissen, was sie sagen. In einigen großen Städten werden alle diejenigen, die in hohen Ehrenämtern sitzen, nicht brüchig, daher sie gleichsam als bettlägrige Leute sich in Sänften, die fast wie Apothekerbüchsen gemacht sind, auf den Gassen herumtragen lassen. Die meisten Europäer scheren ihre Haare mit einem Schermesser glatt ab und bedecken ihren kahlen Kopf mit falschen oder fremden Haaren. Die Streitigkeiten, die auf den Hohen Schulen in Europa entschieden werden, betreffen meistens entweder solche Dinge, woran den Menschen wenig oder gar nichts gelegen, oder die wohl gar allen menschlichen Verstand übersteigen. Die gelehrtesten Sachen, worüber die Europäer ihre Auslegungen machen, bestehen darin, dass sie die Pantoffeln, Schuhe, Halsbinden, Stiefel und Kleidungen einiger alter und längst ausgestorbener Völker beschreiben. Von den übrigen, sowohl geistlichen als weltlichen Wissenschaften, urteilen die wenigsten selber, sondern sie geben nur anderen ihren Beifall. Denn auf was für eine Art von Gelehrsamkeit einer einmal, und das gleichsam nur zufällig, gefallen ist, daran bleibt er auch, gleichsam wie an einem Felsen, hängen. Denn dass sie sagen, sie glaubten demjenigen, den sie für den Weisesten hielten, wollte ich mir gern gefallen lassen, wenn es nur Einfältige und Ungelehrte entscheiden könnten, wer der Weiseste wäre. Denn dazu gehört gewiss große Klugheit und Weisheit, wenn man bestimmen will, wer wahrhaft weise ist. Die Engländer lieben die Freiheit aufs Höchste und dienen niemandem als ihren Frauen. In der Religion sind sie sehr wankelmütig, denn was sie heute bejahen, leugnen sie morgen wieder und das, was heute das ganze Volk verwirft, ergreift es morgen wieder auf das Begierigste. Die Wankelmütigkeit schien mir von der Lage des Landes herzukommen, weil sie auf einer Insel wohnen und Seevölker sind, folglich vieles von der flüchtigen und unbeständigen Art dieses Elements an sich haben. Die Engländer erkundigen sich fleißig um das Wohlbefinden und die Gesundheit derjenigen, die ihnen begegnen und ich glaubte, sie wären alleÄrzte. Allein die Frage: »How do you do«, oder »wie befindet ihr euch«, ist nur eine bloße leere und so gewöhnliche Redensart und ein Klang, der weiter nichts zu bedeuten hat. Auf eben dieser Insel suchen einige Einwohner ihren Verstand und ihre Gemütskräfte dermaßen zu schärfen und zu erhöhen, dass sie endlich den Verstand darüber verlieren. Gegen Mitternacht ist eine Republik anzutreffen, die aus sieben Provinzen zusammengesetzt ist. Diese werden die vereinigten Provinzen genannt, obgleich man keine Spur der Einigkeit und Eintracht bei ihnen wahrnimmt. In diesem macht sich das Volk mit seiner Gewalt groß, dass sie nämlich ganz und gar bei ihm stehe, da doch nirgendwo die einfachen Leute mehr von Staatsgeschäften ausgeschlossen sind, als in dieser Republik, und die höchste Gewalt nur bei einigen wenigen Familien steht. Die Einwohner dieser Provinzen scharren aufs Eifrigste und sorgfältigste große Reichtümer zusammen, deren sie sich doch auf so eine Weise bedienen, dass sie zwar volle Beutel, aber leere Mägen dabei haben, denn es scheint, als wenn sie bloß vom Rauch leben, den sie durch gewisse tönerne Pfeifen in sich ziehen. Das aber muss man diesem Volk lassen, dass sie unter allen Sterblichen die reinlichsten sind: Denn sie waschen alles sehr sorgfältig, doch aber die Hände nicht. In den europäischen Städten und Dörfern gibt es Nachtwächter, die den Leuten mit Singen oder vielmehr durch ein solches Geschrei, wie die Esel machen, eine ruhige Nacht wünschen, sie doch alle Stunde aufblöken und in der Ruhe stören. Ein jedes Land hat seine eigenen Gesetze und Gewohnheiten, von denen Letztere den Ersteren vielmals schnurstracks zuwiderlaufen. Zum Beispiel: Nach den Gesetzen soll die Frau dem Mann unterworfen sein, nach der Gewohnheit aber muss öfters der Mann tanzen, wie die Frau pfeift. Unter allen Europäern werden diejenigen am höchsten geschätzt, die recht verschwenderisch leben und die Früchte des Landes in Mengen verschlucken: Diejenigen aber, die das Land bebauen und solche Schlemmer ernähren, werden zutiefst verachtet. Wie viele und große schädliche Neigungen bei den Europäern herrschen müssen, kann man aus den Galgen, Rädern und Scharfrichtereien abnehmen, die man hin und wieder antrifft. Eine jede Stadt hat ihren eigenen Scharfrichter. Doch glaube ich nicht, dass es in England Scharfrichter gibt, weil sich dort die Einwohner selber henken. Ich glaube auch, dass die Europäer sogar Menschen fressen, denn sie sperren eine große Menge der stärksten Menschen in gewisse verschlossene Behälter ein, die sie Klöster nennen, und dies bloß zu dem Zweck, damit sie schön und fett werden sollen. Denn solange sie in diesen Lustgärten verwahrt werden, sind sie von aller Arbeit befreit und dürfen sonst nichts tun, als nur fressen und saufen. Früh morgens pflegen die Europäer Wasser zu trinken, um die Hitze des Magens zu dämpfen, das ist aber kaum geschehen, so trinken sie wieder Branntwein drauf, dass die Hitze von neuem im Magen überhand nehmen soll. Die Religion teilt sich in zwei Sekten, die einen machen die Protestanten aus, die anderen bestehen aus Römisch-Katholischen. Jene verehren einen Gott, diese aber beten viele Götter an, denn so viele Städte und Dörfer unter ihnen sind, so viel haben sie auch Götter und Göttinnen. All diese Götter und Göttinnen hat der Papst in Rom gemacht. Er selber aber wird von einigen Priestern, die sich Kardinäle nennen, gewählt. Hieraus erhellt, was die Kardinäle für Gewalt haben müssen, weil sie Göttermacher machen können. Die alten Einwohner in Italien haben früher die ganze Welt bezwungen, sie selber aber ließen sich von ihren Frauen beherrschen. Die heutigen Italiener hingegen gehen sehr grausam mit ihren Frauen um und sind auf eine schändliche Weise allen auswärtigen Völkern untertan. Die europäischen Tiere werden in zwei Klassen eingeteilt. Eine lebt im Wasser, die andere auf der Erde. Doch gibt es auch einige Tiere, die sowohl im Wasser als auch auf der Erde leben können, wohin die Frösche, Meerschweine, Fischotter zu rechnen sind, denn diese halten sich in Pfützen auf, bald aber begeben sie sich auch aufs Land. Die Europäer bedienen sich eben der Nahrungsmittel wie wir. Die Spanier aber leben bloß von der Luft. Die Handelsschaft blüht hin und wieder in Europa und es ist vieles ums Geld feil, was wir bei uns nicht verkaufen. Also verkauft man in Rom den Himmel, die Schweizer verkaufen sich selber. In Spanien ist die Faulheit das Kennzeichen eines ehrbaren Menschen und es gibt dort nichts, was den Adel angesehener macht, als der Schlaf. Die Rechtgläubigen werden diejenigen genannt, die nicht wissen, was sie glauben, und dasjenige, was sie hören, keiner Untersuchung für würdig erachten. Ja, man findet einige, die wegen ihrer Faulheit, Nachlässigkeit und darum, dass sie eine Sache niemals sorgfältig untersucht haben, in die Zahl der Heiligen aufgenommen worden sind. Diejenigen hingegen werden für ewig verdammt ausgeschrien, die sich um ihre Seligkeit kümmern, und wenn sie alles genau und sorgfältig untersucht haben, etwa von der herrschenden Meinung abgehen. Ferner glauben die Europäer alle, dass ihre künftige Seligkeit und Verdammnis nicht von ihren Werken, Tugenden oder Ausübung der Gottseligkeit, oder von Unterlassung gedachter Dinge herrühren, sondern leiten beides einzig und allein von dem Ort ihrer Geburt her. Denn sie bekennen alle einmütig, wenn sie an einem andern Ort, oder von andern Eltern wären gezeugt oder geboren worden, so hätten sie auch eine andere Religion. Daher schien es mir, als wenn sie nicht so sehr von der Religion selber, als wegen des Orts ihrer Geburt verdammt würden. Aber ich kann nicht sehen, wie diese Meinung mit der Gerechtigkeit und Güte Gottes übereinstimmen soll. Unter den Gelehrten werden diejenigen am höchsten geschätzt, die die natürliche Ordnung der Worte dermaßen verkehren, dass dasjenige, was an und für sich selber klar und deutlich ist, recht undeutlich und verwirrt gemacht wird. Diese Leute werden Poeten genannt und ihre Verdrehung der Worte nennt man Poesie. Die Geschicklichkeit eines Poeten besteht jedoch nicht nur im bloßen Verkehren der Worte, sondern es wird auch noch von ihm erfordert, dass er brav lügen kann. Sie erweisen daher dem alten Poeten Homer fast göttliche Ehren, weil er in beiden Dingen alle anderen übertroffen. Diesem wollen es auch viele im Verdrehen der Wahrheit gleichtun, es hat es aber noch keiner so weit bringen können. Die Gelehrten in Europa schaffen sich sehr viele Bücher an, sie kaufen sie aber nicht so sehr wegen der darin enthaltenen Sachen, als vielmehr ihres äußeren Ansehens und ihrer Schönheit halber. Daher denn die Buchhändler, nachdem sie dies gemerkt, durch vielerlei Spielwerke und angenehm in die Augen fallende Dinge, die gelehrten Käufer an sich locken und die Bücher in anderem Format, mit anderer Schrift und Kupferstichen auflegen und hundertmal teurer verkaufen: Denn die freien Künste werden hier verkauft, und unter den betrüglichsten Kaufleuten von der Art stehen die Philosophen und Schriftsteller obenan. Die Narren schreiben die meisten Bücher, so als ob sie befürchteten, dass ihre Torheit sonst den Nachkommen nicht bekannt würde. Die Hohen Schulen in Europa sind die Kauf- und Handelsplätze, wo gute Künste und Ehrenstellen zu verkaufen sind oder sozusagen Kramläden, worin vornehmer Stand, hohe Ehrenstellen, allerhand Würden, vielerlei Titel der Gelehrsamkeit und andere gelehrte Sachen für wenig Geld zu haben sind, was wir bei uns, auf unserer unterirdischen Welt, nicht anders als durch vielen Schweiß und Mühe und durch vieljähriges täg- und nächtliches Studieren erlangen können. Doktoren werden diejenigen genannt, die in der Gelehrsamkeit aufs Höchste gekommen sind, oder wie die Europäer sagen, auf den Gipfel eines gewissen Berges Parnass, den neun Jungfern bewohnen sollen, gestiegen sind. Nach diesen folgen die Magister, die ihre gelehrten Titel mit etwas weniger Unkosten erhalten können als die Vorigen, und daher auch für etwas weniger gelehrt gehalten werden. Hieraus kann man sehen, wie gütig man in den Hohen Schulen der oberen Erde gegen die Menschen ist, da sie ihnen einen so geraden und leichten Weg zur Gelehrsamkeit bahnen. Gegen Mitternacht aber sind die Hohen Schulen etwas unfreundlicher, indem sie niemandem die höchsten Ehrentitel und Würden erteilen, der nicht vorher examiniert worden ist. Die Gelehrten unterscheiden sich von den Ungelehrten durch Sitten und Kleidung vornehmlich aber durch die Religion, denn diese glauben nur an einen Gott, jene hingegen verehren viele Götter und Göttinnen. Die vornehmsten Götter der Gelehrten sind Apollo, Minerva und die neun Musen, darauf folgen noch viele andere kleineren Götter, die besonders die Poeten anzurufen pflegen, wenn sie in Raserei geraten. Die Gelehrten selber aber werden, nach den mancherlei Arten ihrer Studien, auch in vielerlei Klassen eingeteilt. Denn einige heißen Philosophen, andere Dichter oder Poeten, noch andere Sprachlehrer und wieder andere Naturkundler, Metaphysiker und so weiter. Ein Philosoph ist ein gelehrter Kaufmann, der die Regeln von der Kunst, sich selbst zu verleugnen, wie man Mäßigkeit ausüben und Armut geduldig ertragen solle, um ein gewisses Geld feilbietet und so lange über den Reichtum eifert und dagegen schreit, bis er endlich selbst reich geworden ist. Der Vater dieser Philosophen ist ein gewisser Seneca, der auf die beschriebene Weise königliche Schätze zusammenbrachte. Ein Poet ist derjenige, der sich durch alberne Fratzen und Raserei hervortut, daher ist die Raserei das eigentliche Kennzeichen, woran man die besten Dichter erkennen kann. Denn alle diejenigen, die ihre Gedanken schlicht und deutlich ausdrücken, werden des Lorbeerkranzes für unwürdig geachtet. Die Sprachlehrer machen eine gewisse Art von Soldaten aus, die den öffentlichen Frieden stören. Doch unterscheiden sie darin von anderen Kriegsleuten, dass sie anstatt der Reitröcke Friedenskleider tragen und statt des Degens die Feder führen. Diese streiten ebenso hartnäckig um einen Buchstaben oder eine Silbe, wie andere für ihre Freiheit streiten oder einen Religionskrieg führen. Ich glaube, sie werden auch nur deswegen von den Regenten geduldet und erhalten, damit das menschliche Geschlecht bei Friedenszeiten durch allzu viel Ruhe nicht träge werden möge. Wenn aber der Streit zuweilen gar zu heftig wird, und es um Leib und Leben geht, so vermittelt der Rat unter ihnen durch sein Ansehen und seine Gewalt, wie ich denn gehört habe, dass so etwas erst vor kurzem in Paris geschehen, wo unter den Gelehrten ein heftiger Streit über die Buchstaben Q und K entstand, da der Rat in Paris endlich den Gebrauch beider Buchstaben erlaubte. Ein Naturkundler ist derjenige, der das Innerste der Erde, die Natur der zweibeinigen, vierfüßigen und kriechenden Tiere, auch die Insekten und Würmer untersucht und der alles kennt, außer sich selbst. Ein Metaphysikus ist der, der einzig und allein dasjenige weiß, was andere nicht wissen und der das Wesen der Geister, der Seelen und andere Dinge kennt, die gar nicht in der Natur zu finden sind und sie beschreibt und bestimmt, mit allzu großer Scharfsinnigkeit aber dasjenige nicht sieht, was ihm vor seinen Füßen ist. So sieht es mit der Gelehrsamkeit in Europa aus. Ich könnte zwar noch vieles anführen, will es dabei aber bewenden lassen, weil ich doch das Augenscheinlichste berührt habe. Denn hieraus kann der Leser schon urteilen, ob diese Europäer sich wohl mit Fug und Recht einbilden können, dass sie alleine klug seien. Doch dies muss man den europäischen Doktoren und Magistern lassen, dass sie zur Unterweisung der Jugend weit mehr Geschicklichkeit besitzen, als die Lehrer auf unserer Erde. Denn es gibt bei ihnen Kunst- und Sprachmeister, die nicht nur das lehren, was sie selbst gelernt haben, sondern auch sogar das, wovon sie selber nicht das Geringste wissen und verstehen. Es ist schon etwas Großes, einem anderen das schicklich beizubringen, was man selber versteht. Eine wie viel größere Kunst muss es sein, andere das zu lehren, was man selber nicht versteht. Man findet unter den gelehrten Europäern einige, die die Gottesgelahrtheit und auch die Weltweisheit mit gleichem Eifer studieren und verehren. Diese zweifeln als Philosophen an allen Dingen, als Gottesgelehrte aber unterstehen sie sich nicht, etwas zu widerlegen. Die Europäer bezeugen eine ebenso große Begierde zur Gelehrsamkeit wie die Einwohner unserer unteren Erde. Sie werden aber viel zeitiger gelehrt als wir, und dies durch Hilfe einer gewissen zauberischen Erfindung, mit der sie in 1 Tag wohl 100 Bücher durchlesen können. Die Europäer sind sehr eifrig in ihrer Religion und in ihren Gelübden und Gebeten sehr andächtig, doch richten sie sich bei ihrem Beten nicht nach den Bewegungen ihres Herzens, sondern nur nach dem Klang gewisser Glocken oder nach den Schlag- und Sonnenuhren, dermaßen, dass mir ihre Andacht bloß mechanisch zu sein schien, weil sie vielmehr von äußeren Zeichen, von der Gewohnheit und von gewissen bestimmten Tageszeiten und Stunden, als aus dem Innersten des Herzens herzurühren scheint. Wie emsig sie in ihrem Gebet sein müssen, kann man daraus abnehmen, weil die meisten beim Holzhacken, Aufwaschen und bei anderer Handarbeit geistliche Lieder anstimmen. Als ich mich in Italien befand, sah ich mich als den Herrn des ganzen Landes an, denn ein jeder nannte sich meinen Sklaven. Ich wollte daher einmal einen Versuch tun, wie weit sich diese angebotene Sklaverei erstrecke und befahl, dass mir ein gewisser Wirt seine Frau für eine Nacht zum Schlafgesellen geben solle. Aber er wurde darüber dermaßen verbittert und zornig, dass er mich mein Wandergerät zusammenpacken und fortreisen hieß, ja, als ich nicht hurtig genug seinem Befehl nachkam, stieß er mich gar zum Haus hinaus. In den mitternächtigen Ländern, so die Europäer nicht besitzen, streben die Einwohner gar über alle Maßen nach Ehrentiteln, und sie sind vor Begierde, einen tugendhaften Lebenswandel zu führen, fast unsinnig. Bisher hatte ich dem Tomopoloko ganz geduldig zugehört. Als er aber hierher gekommen war, überlief mich die Galle über und über, und ich versicherte ihm, dass all das bloße Erdichtungen eines ungerechten und schmähsüchtigen Schriftstellers seien. Nachdem sich aber die erste Hitze ein wenig gelegt hatte, fing ich an, ein gelinderes Urteil von dieser Reisebeschreibung zu fällen, weil ich sah, dass dieser Schriftsteller zwar in den meisten Dingen lügenhaft und unbillig gehandelt, das jedoch nicht jedesmal getan, sondern das eine und andere aufs Haar getroffen habe. Im Übrigen aber folgte ich dem Rat des Tomopoloko und erhielt die Quamiten ganz sorgfältig in ihrem Irrtum, in dem sie hinsichtlich meiner Herkunft steckten, denn ich sah gar wohl ein, dass es für mich zuträglicher sein würde, wenn sie mich für einen außerordentlichen Gesandten der Sonne hielten, als wenn sie wüssten, dass ich ein europäischer Landsmann war. Nachdem sich unsere Nachbarn eine lange Zeit her ganz ruhig gehalten, und ich bei so gewünschtem Frieden das Gemeinwesen nach Wunsch in guten Stand gebracht hatte, lief endlich die Nachricht ein, dass sich drei von den mächtigsten Völkern gegen die Quamiten miteinander verbunden hatten. Diese drei Völker waren die Arctonier, Kispucianer und Alectorianer. Die Arctonier waren Bären, die mit Vernunft begabt waren und reden konnten, im Übrigen aber standen sie in dem Ruf, dass sie ein hartes und kriegerisches Volk seien. Die Kispucianer waren Katzen von ungemeiner Größe, die ihrer Verschlagenheit und scharfen Urteilskraft wegen unter den unterirdischen Völkern sehr berühmt waren. Daher hielten sie ihre mächtigsten Feinde nicht so sehr mit ihrer Leibesstärke, als vielmehr durch allerhand Kriegslist unter ihrem Gehorsam. Die Alectorianer aber machten ihren Feinden am allermeisten zu schaffen, weil sie sowohl in der Luft, als auch auf der Erde Krieg führten. Diese waren lauter Haushähne, die den Bogen führten und mit sonderbarer Geschicklichkeit vergiftete Pfeile auf ihre Feinde abdrückten und ihnen so tödliche Wunden zufügten. Diese drei Völker waren durch das ungewöhnliche Glück der Quamiten und durch den üblen Ausschlag des tanachitischen Kriegs dermaßen aufgebracht worden, dass sie einen Bund miteinander machten und die überhand nehmende Gewalt der Quamiten mit vereinten Kräften zu unterdrücken beschlossen, ehe sie sich weiter ausbreiten könnten. Ehe sie uns aber den Krieg ankündigten, schickten sie vorher Gesandte nach Quama, die die Freiheit der Tanachiten verlangten, und falls ihnen ihr Ersuchen abgeschlagen würde, dem Kaiser aufs Feierlichste den Krieg ankündigen sollten. Die Gesandten verhielten sich also demnach wie ihnen befohlen worden war, sie bekamen aber auf mein Anraten zur Antwort: Die fried- und bundbrüchigen Tanachiten hätten es ihrer eigenen Torheit und Hoffart zuzuschreiben, dass sie in gegenwärtige schlechte Umstände geraten seien. Der Kaiser habe beschlossen, den Besitz dieses Landes, den er sich durch das Recht der Waffen zuwege gebracht habe, gegen einen jedweden, der ihn darin stören würde, beständig und mit allen Kräften zu behaupten, und er fürchte sich vor den Drohungen der vereinigten Völker keineswegs. Nach dieser Antwort ließen wir die feindlichen Gesandten wieder von uns gehen und machten uns aus allen Kräften für den vorstehenden Krieg bereit. Ich brachte auch in kurzer Zeit eine Armee von 40.000 Mann zusammen, unter denen 8.000 Reiter und 2.000 Schützen waren. Der Kaiser wollte dem Feldzug auch selbst beiwohnen, obwohl er schon sehr alt war, und er war dermaßen von der Ehrbegierde eingenommen, dass er weder durch mich, noch durch seine Gemahlin, noch durch seine Kinder, die mit gesamten Kräften seine Hartnäckigkeit brechen wollten, von seinem Vorhaben abzubringen war. Was mich bei diesen Umständen am meisten bekümmerte, war, dass ich mich auf die Treue und Redlichkeit der Tanachiten nicht verlassen konnte, denn ich befürchtete, sie möchten der neuen Untertänigkeit überdrüssig sein und bei gegebener Gelegenheit dieses Joch wieder abzuschütteln suchen, folglich sich zu unseren Feinden schlagen. Ich betrog mich auch gar nicht in meinen Gedanken, denn kurz nach der feierlichen Kriegsankündigung erfuhren wir, dass 12.000 Tanachiten das Gewehr ergriffen hätten und zu den Feinden übergegangen seien. Daher sah ich nun wohl, dass ich mit vier mächtigen Feinden zu tun hätte. Zu Anfang des Monats Kilian musste unsere Armee aufbrechen, die mit allen Kriegsnotwendigkeiten aufs Beste versehen war, denn ich hielt dafür, es sei besser, wenn wir den Feind angriffen, als dass wir uns von ihm angreifen ließen. Auf dem Marsch erfuhren wir durch Spione, dass die Vereinigten Truppen schon ins tanachitische Reich eingerückt seien und das Schloss Sibol, das an den Grenzen der Kispucianer lag, belagert hätten. Es wurde auch diesem Schloss mit solcher Gewalt und mit solchem Ungestüm zugesetzt, dass sich der Kommandant darin schon zu kapitulieren entschlossen hatte. Da aber die Feinde von unserem Einmarsch sichere Kundschaft einzogen, hoben sie die Belagerung auf und wendeten ihre Macht gegen uns. Das Treffen geschah auf einer Ebene, unweit von gedachtem Schloss, und deshalb wird es nur die sibolische Schlacht genannt. Die Arctonier, die den linken Flügel ausmachten, taten zuerst den Angriff auf unsere Reiterei und erlegten sehr viele von ihnen, und da diesen Angriff die rebellischen Tanachiten unterstützten, schien es, als wenn wir alle verloren wären. Doch da die Schützen unserer bedrängten Reiterei zu Hilfe eilten und durch ein doppeltes Feuer die Glieder der Feinde trennten, bekam das Treffen gar bald ein anderes Ansehen, dermaßen, dass diejenigen, die schon als Überwinder unserer Reiterei aufs Härteste drängten, nun selber in die Enge getrieben wurden und sich zurückzogen, ja endlich gar die Flucht ergreifen mussten. Während dieser Zeit setzten die Kispucianer unserem Fußvolk ganz gewaltig zu. Diese wussten mit solcher Kunst und Geschicklichkeit ihre Pfeile abzudrücken, dass in kurzem 600 Quamiten entweder tödlich verwundet oder gar getötet waren. Als aber unsere Reiterei und die Schützen zugleich herzueilten, wurden sie ebenfalls genötigt, die Flucht zu ergreifen, doch geschah das auf eine Art, dass es schien, als wenn sie viel mehr und völlig geschlossene Glieder zurückzögen, als dass sie die Flucht ergriffen, was durch die sonderbare Klugheit und Kriegserfahrung des kispucianischen Feldherrn Mansoni geschah, der zu jener Zeit an Kriegserfahrung keinem unterirdischen General etwas nachgab, wo er sie nicht gar alle übertraf. Nun waren die Alectorianer noch übrig, mit denen es hart herging, ehe wir den Sieg über sie davontragen konnten. Denn sooft unsere Schützen auf sie Feuer gaben, schwangen sie sich mit ihren Flügeln hoch in die Luft und schossen von dorther ihre Pfeile mit solcher Geschicklichkeit auf uns ab, dass nur wenige unwirksam auf die Erde fielen. Und sie konnten von oben herab viel sicherer schießen, als wir in die Höhe, weil sie die Pfeile seitwärts oder schief abdrückten, unsere Schützen hingegen fehlten gar oft, weil die Feinde im Flug und in beständiger Bewegung waren. Als der Kaiser mitten in diesem heftigen Treffen seine Pfeile gleichfalls selber tapfer abdrückte, sich in die Spitze der Schlachtordnung stellte, wurde er mit einem vergifteten Pfeil in den Hals getroffen. Er fiel daher vom Pferd und ließ sich aus dem Treffen in sein Zelt bringen, wo er kurz darauf seinen Geist aufgab. Bei so misslichen Umständen hielt ich es für ratsam, all denen ein hartes Schweigen aufzulegen, die vom Tod des Kaisers wussten, damit die Begierde zu kämpfen durch diese traurige Nachricht bei den Soldaten nicht erlöschen möchte. Ich hieß daher meine Soldaten guten Muts sein und machte ihnen weis, der Kaiser habe sich wegen dieses unvermuteten Falls zur Ruhe begeben. Der Pfeil sei nicht tief eingedrungen und nachdem man das Blut abgewischt und die Wunde besehen habe, sei sie nicht für tödlich befunden worden, und ich hoffte, er würde in etlichen Tagen wieder öffentlich erscheinen können. Da nun auf diese Weise die wenigsten wussten, wie es um den Kaiser stand, setzten wir das Treffen bis in die Nacht fort. Da aber die Alectorianer durch die vielen Strapazen ermüdet und zum Teil gefährlich verwundet waren, begaben sie sich endlich in ihr Lager zurück. Ich machte daher auf etliche Tage einen Stillstand mit ihnen, so lange ich nämlich Zeit brauchte, die getöteten Körper zu beerdigen. Während dieser Zeit ließ ich aus unseren Kugeln groben Schrot gießen, weil ich gar wohl sah, dass ich ein anderes Mittel erdenken müsse, wenn ich den Meister über die Alectorianer spielen wollte. Diese Erfindung hatte eine so gewünschte Wirkung, dass im folgenden Treffen die Alectorianer wie die Fliegen aus der Luft herunterpurzelten, und die Hälfte ihrer Armee elend umkam. Als die Übrigen dies sahen, warfen sie alle ihre Waffen weg und baten aufs Rührendste um Frieden. Ihnen folgten kurz darauf auch die Arctonianer und die Kispucianer, indem sie sich uns mitsamt ihren Waffen und festen Städten ergaben. Nachdem nun das alles glücklich vollbracht war, ließ ich die Großen des Reichs alle zusammenrufen, und als sie auch sehr zahlreich erschienen, und sie alle begierig waren zu vernehmen, was ich ihnen vortragen würde, fing ich folgendermaßen an zu reden: »Hochedelgeborene, Hochedle, Feste und Gestrenge! Ich zweifle nicht, dass es dem größten Teil unter Ihnen bekannt sein wird, wie sorgfältig und wie beweglich ich unserem durchlauchtigsten Kaiser zugeredet habe, dass er an diesem Kriegszug nicht teilnehmen möchte. Aber seine angeborene Tapferkeit und sein unerschrockenes Gemüt ließen es nicht zu, dass er zu Hause müßig geblieben wäre, da wir den Feinden die Stirn boten. Ich muss bekennen, dass dies die einzige Bitte gewesen, die mir Ihro Kaiserliche Majestät abgeschlagen haben. Und wollte Gott, dass der durchlauchtigste Kaiser in anderen Dingen härter gegen mich gewesen, die er mir sehr willig zuließ, und nur diese einzige Bitte allein hätte stattfinden lassen, so wären wir gewiss nicht ins gegenwärtige Unglück geraten, das uns sein unvermuteter Tod verursacht, sondern wir wären als Sieger und voller Freude in die kaiserliche Residenz eingezogen, und unser Vergnügen über so viele vortreffliche Taten würde durch kein Trauern unterbrochen worden sein. Es ziemt sich nicht, und ich kann Ihnen auch nicht länger diesen betrübten Fall verhehlen, durch den wir so schmerzlich verwundet worden sind. Ich melde Ihnen demnach hiermit, dass der Kaiser, da er aufs Tapferste stritt, durch einen Pfeil in der Schlacht getroffen wurde und kurz danach seinen Geist aufgegeben hat. Was wird der Verlust eines so großen Fürsten nicht für trauernde und grämende Sorgen verursachen? Ich kann aus meiner eigenen Betrübnis gar leicht abnehmen, wie sehr Ihre Gemüter beklemmt sein müssen. Aber lassen Sie Ihren Mut deswegen nicht gänzlich sinken, denn es ist kein Tod, durch den die Sterblichkeit eines so großen Helden sich nun geendet, als dass er zu leben aufgehört habe. Denn der Kaiser lebt allerdings noch in seinen zwei hinterlassenen und erwachsenen Prinzen, die ihrem Herrn Vater vollkommen nacharten und die mit den väterlichen Reichen auch zugleich seine Tugenden erbten. Sie werden daher nur vielmehr einen anderen König dem Namen nach, als in der Tat bekommen. Und da dem erstgeborenen Prinzen Timuso, vermöge des Rechts der Erstgeburt, die väterliche Krone und das Zepter zukommen, so stehe ich nun unter seiner Regierung der Armee vor. Dieser ist es, dem wir den Eid der Treue leisten, und dem wir alle von nun an willigen Gehorsam versprechen.«