Audite Fabulas

Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

25.03.2026 43 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 11
Schifffahrt in die wunderbaren und erstaunenswürdigen Länder

Besonders hörenswert:
über eine überdenkenswerte Regierungsform

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
https://onsound.eu/
Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

11. KAPITEL Schifffahrt in die wunderbaren und erstaunenswürdigen Länder Ehe ich in der Beschreibung dieser Schifffahrt fortfahre, muss ich die mürrischen und scharfen Tadler vorher daran erinnern, dass sie die Stirn nicht allzu sehr runzeln sollen, wenn solche Dinge erzählt werden, die wider die Natur und ganz und gar unglaublich zu sein scheinen. Denn mein Vorhaben ist hier nicht, mit schwülstigen Worten die Blätter anzufüllen, sondern die Sachen so zu erzählen, wie ich sie gefunden habe. Ich erzähle zwar unglaubliche Dinge, die aber gleichwohl wahr sind und die ich selber mit meinen Augen gesehen habe. Ungeschickte und ungelehrte Leute und die niemals weiter als hinter den Backofen gekommen sind, halten alles für erdichtet, was ihnen nicht von Kindheit an bekannt ist. Gelehrte Leute aber, und vor allem diejenigen, die in der Naturwissenschaft geübt sind, oder die aus Erfahrung gelernt haben, wie fruchtbar die Natur an mannigfaltigen Dingen sein kann, urteilen weit billiger darüber, wenn ungewöhnliche Dinge erzählt werden. Wer wundert sich wohl bei uns darüber, dass die Einwohner auf den Alpengebirgen Kröpfe haben, oder dass die Kinder auf der Insel Merö mit einer großen Brust geboren werden. Wer ist jemals über die himmelblauen Augen und goldgelben Haare der Deutschen oder über die Weichselzöpfe erstaunt, beinah niemand, denn man sagt, die Natur bringt es so mit sich. Wenn aber jemand von uns die Pygmäen in Indien gegen die Kraniche zu Felde ziehen sehen sollte und wie einige von ihnen von Vögeln durch die Luft davongeführt werden, so würde er vielleicht darüber lachen. In dem Land aber, da die Einwohner alle miteinander nicht länger als eine Spanne hoch sind, lacht niemand darüber, obwohl man häufig solche Schlachten zu sehen bekommt. Man hat in Skythien Leute gefunden, die nur ein Auge, und zwar mitten auf der Stirn, gehabt, die nach ihrer Landessprache Arimaspi oder die Einäugigen genannt wurden. Andere hatten in eben demselben Land die Füße hinterwärts gekehrt. In Albanien sind Menschen geboren worden, die in ihrer Kindheit grau wurden. Die Sauromaten, ein skythisches Volk, aßen nur über den dritten Tag, denn einen Tag hüpften sie ständig. In Afrika gibt es gewisse Geschlechter von Menschen, die mit ihrer Rede und Zunge die Menschen bezaubern können, in Illyrien hat es Leute gegeben, die andere durch ihr Gesicht töten konnten, wenn sie sie eine Zeit lang recht zornig ansahen, und sie hatten doppelte Augäpfel in jedem Auge. Auf den indianischen Bergen sind Leute mit Hundsköpfen geboren worden, die auch wie Hunde gebellt haben, andere haben die Augen auf den Schultern gehabt. Im äußersten Indien hat man Menschen mit grauen Leibern entdeckt, auch einige, die Federn hatten, wie die Vögel, und keine Speise zu sich nahmen, sondern sich bloß vom kräftigen Geruch der Blumen erhielten, den sie durch die Nase an sich zogen. Wer hätte wohl dies und andere dergleichen Dinge geglaubt, wenn nicht der berühmte Naturkundler Plinius aufs Heiligste versicherte, dass er alles dies nicht nur gehört oder gelesen, sondern mit seinen Augen selber gesehen hätte. Und wer hätte wohl endlich glauben sollen, dass die Erde hohl sei und dass mitten darin eine Sonne und Planeten zu finden sind, wenn nicht durch meine Erfahrung dieses Geheimnis entdeckt worden wäre, ja, wer hätte sich eingebildet, dass es ein Land gäbe, das von vernünftigen und hin- und herwandelnden Bäumen bewohnt wird, wenn ich nicht ebenfalls durch meine Erfahrung das außer Zweifel gesetzt hätte. Doch ich will deswegen niemanden gerichtlich belangen, wenn er es nicht glauben will, denn ich gestehe es ganz gern, dass es mir vor meiner Reise ebenfalls unglaublich vorkam und ich dachte, es seien lauter Fabeln und Märchen, was mir die Schiffsleute erzählten. Zu Anfang des Monats Radir spannten wir die Segel auf und legten bei günstigem Wind etliche Tage lang einen ziemlichen Weg zurück, wobei wir Ruderknechte gute Tage hatten, weil wir die Ruder nicht brauchten, solange uns der Wind günstig war. Am 4. Tag aber legte sich der Wind, daher griffen die Schiffsleute ungesäumt zu den Rudern, um die See damit zu durchschneiden. Als der Schiffspatron sah, dass mir dergleichen Arbeit sehr beschwerlich fiel, so ließ er mich zuweilen ein wenig ausruhen und endlich befreite er mich ganz und gar von diesem sklavischen Dienst. Warum er aber so leutselig gegen mich gewesen, ob er mich für unschuldig gehalten, oder ob er mich, wegen meiner edlen Erfindung der Perücken, eines besseren Glücks würdig geschätzt hatte, das kann ich nicht sagen. Er selber hatte drei Perücken mit sich genommen, diese übergab er mir, sodass ich sie aufkräuseln und akkommodieren sollte, dass ich also, wider Vermuten, aus einem Ruderknecht des Schiffspatrons Perückenmacher wurde. Durch seine Leutseligkeit geschah es auch, dass ich immer mit ans Land steigen durfte, sooft wir in einem Hafen einliefen, wodurch mir folglich Gelegenheit gegeben wurde, meiner Neugier Genüge zu tun. Auf unserer Fahrt begegnete uns lange Zeit nichts Merkwürdiges, nachdem wir aber das Land aus dem Gesicht verloren, sahen wir schreckliche Gesichter aus der Tiefe des Meeres hervorkommen. Dies waren Sirenen, die an unser Schiff geschwommen kamen und um ein Almosen anhielten, sooft sich Wind und Wellen ein wenig gelegt hatten. Der Oberleib dieser Sirenen war bis an den Gürtel als eine wohlgebildete Jungfrau gestaltet, der übrige Teil aber war einem langen und schmalen Walfisch ähnlich. Ihre Sprache war von der in Martinia wenig unterschieden, sodass einige Schiffsleute ohne Dolmetscher mit ihnen reden konnten. Als mich eine unter diesen Sirenen um einen Topf voll Fleisch bat, und ich ihr den auch gab, sah sie mich sehr bedächtig an und sagte: »Aus dir wird noch ein großer Held werden, und du wirst die ganze Welt beherrschen.« Aber ich lachte über die Prophezeiung, wie über eine eitle Schmeichelei, obwohl die Schiffsleute zugleich aufs Höchste beteuerten, dass die Prophezeiungen der Sirenen fast durchgängig erfüllt würden. Nachdem wir 8 Tage zur See gewesen, kam endlich Land in Sicht, das die Schiffsleute Picardaniam nannten, das heißt: das Elsterland. Als wir in den Hafen einliefen, sahen wir eine Elster herumfliegen, von der mir gesagt wurde, sie sei der Generalzollinspektor und ein sehr angesehener Mann. Hierüber konnte ich mich des Lachens kaum enthalten, weil ich hörte, dass eine Elster ein so ansehnliches Amt verwaltete, zumal da ich auch den Schatzmeister in der Luft herumfliegen sah, und aus der Gestalt des Zollinspektors schloss ich, dass die Fliegen hier wohl Zollbediente und Güterbeschauer seien. Nachdem vorerwähnte Elster dreimal um unser Schiff herumgeflogen war, flog sie wieder ans Land und kam alsbald mit drei anderen kleineren Elstern zurück und setzte sich auf das Vorderteil des Schiffes. Als ich nun sah, dass einer von unseren Dolmetschern sich mit viel Ehrerbietung zu diesen Elstern hinzunahte und sich lange, lange Zeit mit ihnen unterredete, hätten mir vor Lachen alle Gedärme im Leib bersten mögen. Die Ursache, warum die Elstern an unser Schiff gekommen, war, dass sie wie gewöhnlich nachsehen wollten, ob wir etwa Konterbandehandel trieben, vornehmlich aber, ob wir etwa das Kraut Slac unter unseren Waren verborgen hätten. Um dieser Ursache willen durchstankerten sie alle Winkel des Schiffes und machten die Ballen und alle Kisten auf, weil die Obrigkeit so etwas einzuführen aufs Schärfste verboten hat. Denn für dieses Kraut pflegen die Einwohner in Picardania viele schöne und höchst notwendige Sachen einzutauschen, sodass es geschieht, dass die Kräuter, die in ihrem Land wachsen und die sie ebenso nutzen könnten, am Wert fallen, dergestalt, dass die Picardaner in diesem Stück unseren Europäern gleichkommen, die ebenfalls an fremden Sachen ein Wohlgefallen haben und bloß deshalb so begierig danach sind, da sie aus weit entfernten Ländern zu ihnen gebracht werden. Der Generalzollinspektor begab sich mit den übrigen Elstern, die zugegen waren, unter die Verdecke unseres Schiffes, nachdem sie sich vorher lange Zeit mit dem Dolmetscher unterredet hatten, und als er wieder zurückkam, sah er uns zornig an, wobei er uns zugleich bedeutete, der Handel mit den Picardanern solle uns verboten sein, weil wir gegen den Bund gehandelt und verbotene Waren mitgebracht hätten. Da aber der Schiffspatron aus Erfahrung schon wusste, wie er den Zorn stillen könnte, schenkte er ihm etliche Pfund vom Kraut Slac, worauf sich der Zorn alsbald legte, und wir erhielten sogleich die Freiheit, unsere Waren auszuladen. Als dies geschehen war, kam eine sehr große Menge Elstern herzugeflogen. Sie waren alle Kaufleute. Als aber der Schiffspatron aufs Land aussteigen wollte, befahl er mir und noch einigen anderen, wir sollten ihm folgen, sodass wir unserer vier waren, die wir das Schiff verließen, nämlich der Schiffspatron, ich und noch zwei andere Affen, deren einer der Kommerzienrat, der andere aber der Dolmetscher war. Wir wurden vom Generalzollinspektor zu Gast gebeten, aber es gab keinen Tisch, und weil die Picardaner sich auch keiner Stühle bedienen können, wurden mitten im Zimmer auf dem Boden Tischtücher ausgebreitet. Es wurden uns herrliche und niedliche Speisen, aber in sehr kleinen Schüsseln, aufgetragen, und weil die Küche auf dem Oberboden war, so kamen immer vier Elstern mit einem jeden Gericht herabgeflogen. Nach beendeter Mahlzeit führte uns der Zollinspektor in seine Bibliothek. Hier war ein großer Vorrat von Büchern anzutreffen, sie waren aber alle sehr klein, dergestalt, dass die größten und Foliobände kaum so groß wie unsere Kalender waren. Ich konnte das Lachen kaum verbeißen, als ich sah, wie der Bibliothekar in die Höhe flog und aus den obersten Fächern Oktav- und Duodezbände herablangte. Im Übrigen sind die Häuser in Picardania, was ihre Bauart und Auszierung anlangt, wenig von unseren unterschieden. Die Betten aber hängen oben an den Decken wie Vogelnester. Hier möchte vielleicht jemand fragen, wie es denn möglich sei, dass die Elstern, die doch nur eine Art von den kleinen Vögeln sind, so große Häuser bauen können. Aber ich habe es gesehen, wie es möglich ist, weil sie damals gleich den Grund zu einem neuen Haus legten. Es arbeiten zugleich etliche tausend Arbeiter daran, dergestalt, dass ihre Menge und ihr leichter Flug den Abgang der Kräfte einigermaßen ersetzte. Und deswegen sind die Picardaner im Stande, fast ebenso geschwind ein so großes Haus zu bauen wie wir. Die Frau des Zollinspektors ließ sich nicht sehen, denn sie war eben im Kindbett und die Kindbetterinnen gehen nicht eher aus, als ihre Jungen Federn bekommen haben, doch meinte er, seine Frau würde nicht lange mehr innen stecken dürfen, sondern würde bald wieder öffentlich erscheinen, weil die Jungen schon anfingen, Federn zu bekommen. Wir hielten uns in diesem Land nicht lange auf, daher konnte ich von der Regierungsform, der Gemütsbeschaffenheit und den Sitten der Einwohner nichts erfahren. Es war damals alles in der größten Bewegung, weil erst kürzlich ein Krieg zwischen den Elstern und ihren Nachbarn, den Krammetsvögeln, entstanden war, insbesondere aber, weil man 3 Tage vor unserer Ankunft, die Nachricht erhalten hatte, dass die Elstern eine sehr große Niederlage erlitten hatten, weswegen der kommandierende General, nachdem man die Sache untersucht, dahin verdammt worden war, dass ihm die Flügel abgelöst werden sollten, was hier eine sehr harte Strafe ist und wenig von der Todesstrafe unterschieden. Nachdem wir die Waren vertauscht hatten, segelten wir wieder davon. Nicht weit vom Ufer sahen wir die ganze See voller Federn schwimmen und wir schlossen daraus, dass dies vielleicht die Gegend sei, wo die Schlacht zwischen den Elstern und den Krammetsvögeln vor sich gegangen war. Nach einer 3-tägigen und glücklichen Schifffahrt langten wir an den Ufern des Musikalischen Landes an. Nachdem wir Anker geworfen, stiegen wir an Land und unser Dolmetscher ging mit einem musikalischen Instrument, das wir einen Bass zu nennen pflegen, vor uns her. Das kam mir sehr lächerlich vor, weil ich nicht einsehen konnte, warum er sich mit dieser Last beschwerte. Da wir nun alles hier leer und verlassen fanden und keine Spur von einer lebenden Kreatur anzutreffen war, so befahl der Schiffspatron mit einer Trompete, den Einwohnern unsere Ankunft kundzutun, worauf alsbald ungefähr 50 musikalische Instrumente oder Bässe, die nur einen Fuß hatten, herzugelaufen kamen. Hier dachte ich, ich sei verzaubert, weil ich auf meiner ganzen Reise nichts Erstaunlicheres gesehen. Diese Bassviolinen, von denen man mir sagte, sie seien die Einwohner dieses Landes, waren folgendermaßen gebildet: Oben hatten sie einen langen Hals und einen ganz kleinen Kopf, der Leib an und für sich selbst war eng und zusammengezogen und mit einer ganz glatten Rinde überzogen, dergestalt, dass zwischen dieser Rinde und dem Leib selber ein leerer Raum zu finden war. Über ihren Nabel hatte die Natur einen Kamm oder Steg mit vier Saiten gesetzt, die ganze Maschine aber stand auf einem einzigen Fuß, dergestalt, dass sie alle auf einem Bein hüpfen und mit der artigsten Behändigkeit auf den Feldern herumspringen können. Und dass ich es mit wenigen Worten sage, man sollte glauben, es wären wahrhaft musikalische Instrumente, weil sie ihnen so vollkommen gleichsahen, nur dass sie zwei Arme und Hände haben. Mit der einen Hand hielten sie einen Fidelbogen, mit der anderen aber fingerten sie auf den Saiten. Als unser Dolmetscher sich mit den Einwohnern dieses Landes unterhalten wollte, nahm er den Bass, den er bei sich hatte, in die linke Hand, den Fidelbogen aber in die rechte und fing an zu spielen, worauf ihm die Einwohner auf die gleiche Weise alsbald antworteten, dergestalt, dass sie eine gute Weile wechselseitig gegeneinander fidelten und ihre Meinungen auf diese Art einander zu verstehen gaben. Anfangs spielten sie ganz langsam und auch ziemlich gleichstimmig, kurz darauf fingen sie an dermaßen übelklingend gegeneinander zu fideln, dass einem die Ohren wehtaten. Endlich aber wurde die Musik recht lieblich und wohlklingend, und sie spielten recht hurtig und angenehm. Als die Unsrigen dies hörten, jauchzten sie vor Freude und sagten, nun seien sie über den Preis der Waren einig. Man sah hieraus alsbald, dass sie anfangs ganz langsam gegeneinander gespielt, dass dies nichts anderes als der Willkommen auf beiden Seiten gewesen. Da es hernach so widerlich gegeneinander geklungen, hatten sie sich wegen des Preises der Ware nicht vergleichen können. Endlich aber, da die Musik wieder annehmlich war und lieblich und hurtig ging, hatten sie sich miteinander verglichen und waren völlig einig geworden, denn kurz darauf wurden die Waren ausgeladen. Unter den Waren, die hierher gebracht werden, ist das Kolofonium oder Geigenharz das Vornehmste, weil die Einwohner des Musikalischen Landes damit ihre Fidelbogen bestreichen, und das ist das vornehmste Werkzeug ihrer Rede. Wenn demnach hier jemand eines Lasters überführt wird, wird ihm durch richterlichen Ausspruch der Fidelbogen genommen, und wenn er sich niemals dessen wieder bedienen darf, wird dies der Todesstrafe gleich geschätzt. Als ich hörte, dass in der Nachbarschaft ein Streit vor Gericht entschieden werden sollte, lief ich geschwind hin, damit ich dieses rechtliche Verfahren sehen könnte. Die Advokaten strichen auf den Saiten ihres Leibs eins auf, wodurch sie so gut verstanden wurden, als wenn wir miteinander reden. Während des Streits wurden nichts als widrig klingende Töne gehört, dergestalt, dass in künstlicher und hurtiger Bewegung der Hände hier alle Beredsamkeit besteht. Nachdem aber der Streit ein Ende genommen, stand der Richter auf, nahm seinen Fidelbogen in die Hand und spielte ein ganz langsames und sachtes Stückchen, das hier ebenso viel heißt wie, er sprach das Urteil. Denn alsbald liefen einige hinzu, die an dem Beklagten und Schuldigen das Urteil vollstreckten und ihm den Fidelbogen nahmen. Die Kinder sehen hier beinah aus wie unsere so genannten Stockviolen. Sie bekommen aber keinen Fidelbogen, bis sie das dritte Jahr vollendet haben. Wenn sie in das 4. Jahr getreten, werden sie in die Schule geschickt, dass sie von den Lehrmeistern unterrichtet werden, wie sie mit dem Fidelbogen umgehen müssten und einen verständlichen Klang machen sollten, was bei ihnen dasselbe ist, als wenn wir sagen, sie sollen in den Künsten und Wissenschaften unterrichtet werden. Unter der Zucht und Aufsicht dieser Lehrmeister bleiben sie nun so lange, bis sie zierlich fideln gelernt haben und vollkommen verstehen, wie sie die Saiten behandeln sollen, dass sie keinen widrigen Klang von sich geben. Die Knaben ärgerten uns ein wenig, weil sie uns beständig nachliefen und eins aufspielten. Unser Dolmetscher, der gar wohl verstand, was dies zu bedeuten hatte, sagte uns, dass diese musikalischen Knaben um Kolofonium betteln. Solange wie sie bettelten, machten sie einen ganz sachten und langsamen Klang, wenn sie aber erhalten hatten, was sie suchten, spielten sie sehr geschwind und klar, dies hieß, wir bedanken uns, denn auf diese Weise pflegt man sich hier zu bedanken. Wenn sie aber eine abschlägige Antwort erhalten, sind sie beinah ganz des Todes darüber. Als wir hier unsere Sachen wohl ausgerichtet hatten und uns alles nach Wunsch gegangen, so verließen wir gegen das Ende des Monats Cusan das Musikalische Land wieder, und nachdem wir etliche Tage weitergefahren, sahen wir von neuem ein Land, aus dessen garstigem Geruch wir schlossen, dass es Pyglossia sei. Die Einwohner dieses Landes sind den Menschen nicht ungleich, doch darin sind sie von ihnen unterschieden, dass sie kein Maul haben, sondern durch den Hintersten reden. Der Erste, der an unser Schiff kam, war ein reicher Kaufmann. Dieser grüßte uns, nach der Gewohnheit seines Volks, durch den Hintern und fing sogleich an, wegen der Waren mit uns zu handeln. Zu allem Unglück war unser Barbier krank und ich musste mir meinen Bart durch einen pyglossischen Barbier abnehmen lassen, denn da diese Barbiere beinah noch gesprächiger sind als unsere europäischen, so machte er, während der Zeit, als er mich barbierte, die Stube dermaßen voll hässlichen Gestanks, dass wir, nachdem er fortgegangen, sie mit Weihrauch ausräuchern mussten. Nun war ich dermaßen erstaunlicher Dinge und die wider die Natur zu sein schienen gewohnt worden, dass mir nichts mehr als widernatürlich vorkam. Da aber der Handel und Umgang mit den Pyglossianern wegen des abscheulichen Gestanks sehr beschwerlich und unangenehm war, so beschleunigten wir unsere Reise und lichteten, noch ein wenig vor der bestimmten Zeit, unsere Anker, zumal wir von einem gewissen reichen Pyglossianer zu Gast geladen wurden. Als er uns einlud, zuckten wir alle miteinander die Achseln und niemand wollte es ihm versprechen, ehe er uns zugesagt hatte, dass er kein Wort reden wollte, solange wir speisten. Als wir aus dem Hafen abstiegen, wünschten uns die Pyglossianer, so am Ufer standen, eine glückliche Reise mit ihrem Hintern und da der Wind vom Ufer auf uns zuging, winkten wir ihnen und gaben ihnen Zeichen mit der Hand, sie sollten ihre Glückwünsche nur sparen, denn auch allzu große Höflichkeit kann beschwerlich fallen. Die Waren, so die Martinianer hierher bringen, bestehen in Rosenwasser, Balsam und unterschiedlichen anderen Sorten von scharfriechenden Gewürzen. Von hier ging die Fahrt nach dem Eisland, das so abscheulich und erschrecklich anzusehen ist, dass mir niemals ein Land unglücklicher und erbarmungswürdiger vorgekommen ist als dies, weil man nichts als Berge sieht, die beständig mit Schnee bedeckt sind. Zwischen den Gipfeln der Berge, wo keine Sonne hineinscheinen kann, befinden sich hin und wieder einige Einwohner, die aber alle aus purem Eis bestehen. Denn alles, was zwischen den Gipfeln der Berge zu finden ist, starrt vor beständiger Kälte und ist mit Eis bedeckt. Daher ist es hier auch beständig finster und wenn es doch einiges Licht gibt, so wird es nur von dem weiß schimmernden Reif verursacht. Die unten liegenden Täler sind von der Hitze ganz und gar verbrannt und alle Dünste daraus vertrocknet. Daher unterstehen sich die Einwohner nicht, in die Täler herabzukommen, es müsste denn der Himmel sehr trübe und finster sein, und sobald sie nur den geringsten Sonnenstrahl erblicken, laufen sie entweder nach den Bergen zurück oder verkriechen sich in die Höhlen und Grüfte. Zuweilen geschieht es, dass sie unterwegs, wenn sie von den Bergen hinabgehen, entweder zerschmelzen oder ihnen ein anderer Unfall begegnet. Daher werden die Verbrecher bei trübem Wetter auf die Ebene heruntergeführt und an einen Pfahl gebunden, damit sie hernach von der Sonnenhitze zerschmelzen müssen. Dieses Land erzeugt alle Metalle außer Gold. Die Metalle nehmen die fremden Kaufleute alle roh mit, denn die Eingeborenen des Landes können sie nicht reinigen, weil sie keine Hitze vertragen. Man glaubt, dass beim ganzen mezendorischen Handel nirgends Vorteilhafteres für die Martinianer herauskomme, als eben in diesem Eisland. Alle Länder, die ich bisher beschrieben habe, stehen unter der Herrschaft des Kaisers, dem so genannten Mezendore. Daher werden diese Inseln von den Schiffsleuten allesamt nur die Mezendorischen Inseln genannt, obwohl sie durch ihre eigenen Namen voneinander unterschieden werden, wie ich in meiner bisherigen Reisebeschreibung gezeigt habe. Das große und wunderbare Kaisertum ist Ziel und Ende unserer Schifffahrt, denn weiter wird nicht gereist. Nachdem wir wieder 8 Tage zur See gewesen, langten wir endlich bei der kaiserlichen Hauptstadt an, wo alles wirklich anzutreffen ist, was Poeten nur jemals von den Gesellschaften der Tiere, Bäume und Pflanzen gedichtet haben. Denn Mezendoria ist gleichsam das allgemeine Vaterland aller vernünftigen Tiere, Bäume und Pflanzen. Hier erlangt ein jedes Tier, ein jeder Baum das Bürgerrecht, wenn er nur die hiesige Oberherrschaft anerkannt und sich den öffentlichen Gesetzen unterwirft. Nun sollte man zwar denken, dass dieser Mischmasch von so vielen und an Gestalt einander so ungleichen Kreaturen, ja, von so sehr unterschiedlichen Naturen, große Verwirrungen und Unruhen verursachen müsste: Aber dieser große Unterschied hat die gewünschteste Wirkung, weil hier sehr vernünftige und kluge Gesetze und Verordnungen gegeben sind, Kraft deren einem jeden von den vermischten Untertanen, nach Beschaffenheit seiner Natur und dem Maß seiner Gemütskräfte, die Verrichtungen und Geschäfte aufgetragen werden, die sich für ihn schicken. Also werden zum Beispiel aus dem Geschlecht der Löwen die Regenten genommen, weil ihnen die Großmütigkeit und Herzhaftigkeit angeboren ist. Die Elefanten werden ihres scharfen Verstands wegen alle zu Ratsherren in den großen Rat gewählt. Die Ratteneidechsen besorgen die Hofämter, weil sie sehr veränderlich sind und den Mantel fein nach dem Wind hängen können. Die Infanterie oder das Fußvolk besteht aus Bären, Tigern und anderen dergleichen streitbaren Tieren. Zur Seemacht hingegen werden Ochsen und Stiere genommen, denn weil die Schiffsleute einfältig und ehrlich und auch wenig gesittet, doch hart und nicht leicht zu bewegen sind, so wird diesen mit dem Schiffsdienst ein, ihrem rauen Element gemäßes Leben aufgetragen. Auch gibt es hier eine Ritterakademie für die Kälber oder Seekadetten, aus der die Schiffsadmirale und andere zur See kommandierende Offiziere genommen werden. Die Bäume werden, ihrer natürlichen Mäßigung wegen, alle zu Richtern bestellt. Gänse vertreten bei den hohen Gerichten die Advokatenstelle, die Elstern aber führen vor den niedrigen Gerichten die Rechtshändel. Die Füchse werden zu Bevollmächtigten, Abgesandten, Bürgermeistern, Agenten und Gesandtschaftssekretären erkoren, die Raben werden über Erbgüter oder liegende Gründe zu Verwesern gesetzt. Die Ziegenböcke sind hier die Philosophen und lehren vornehmlich die Grammatik, und zwar deswegen, teils weil sie Hörner haben, womit sie ihre Gegner der geringsten Kleinigkeit wegen anfallen und zu stoßen pflegen, teils aber ihrer ansehnlichen Bärte wegen, womit sie sich vor allen anderen Kreaturen ein besonderes Ansehen zu geben wissen. Die Pferde sind Bürgermeister und Ratsherren in Städten, diejenigen aber, die Landgüter besitzen und den Ackerbau versehen, sind Schlangen, Maulwürfe, Ratten und Mäuse. Die Vögel vertreten Läufer- und Botenstellen, die Esel werden, ihrer knarrenden Stimme wegen, zu Kaplänen gemacht, die Nachtigallen aber verwalten das Amt der Sänger und Pfeifer. Die Haushähne sind Stadtwächter, die Hunde stehen vor den Toren Wache. Die Wölfe werden zu Schatz- und Rentmeistern oder Zollinspektoren genommen, und die Habichte sind ihre Bediensteten. Vermöge dieser vortrefflichen Verordnungen, geschieht es nun, dass die öffentlichen Ämter sehr wohl versehen sind und alles mit größter Sorgfalt und in gehöriger Ordnung verrichtet wird. Es könnte also diese Regierung ein Muster abgeben, wonach sich die Gesetzgeber beim Aufbau neuer Republiken richten möchten. Denn dass es anderwärts so viele elende und zu Ämtern ungeeignete Leute gibt, kommt nicht sowohl von der Ungeschicklichkeit der Untertanen her, sondern von der üblen und verkehrten Wahl der Personen, mit der man die Ämter besetzt. Denn wenn diese allzeit gehörig und mit sattsamer Sorgfalt angestellt würde, und man die Ämter an kluge und geschickte Leute vergäbe, die sich nicht nur etwa durch die eine oder andere Kleinigkeit, sondern durch ganz besondere Verdienste hervorgetan und gezeigt haben, zu was für einem Amt sie hauptsächlich geeignet sind, so würden auch hin und wieder die Ämter besser verwaltet und das Gemeinwesen würde im beständigen Wohlstand erhalten werden. Wie löblich so eine Verordnung wäre, kann man aus der Einrichtung und dem Muster gedachter Regierungsform ganz deutlich sehen. Die mezendorischen Jahrbücher bezeugen, dass vor 500 Jahren der Kaiser Lilac dieses Gesetz aufgehoben und die öffentlichen Ämter ohne Unterschied an einen jeden, der sich nur einigermaßen verdient gemacht, oder der etwa einige Tugend besaß, vergeben habe: Aber es waren dadurch in kurzer Zeit so viele und so große Unruhen und Verwirrungen entstanden, dass es im kurzen geschienen, als wäre es ganz und gar um das Gemeinwohl geschehen. Zum Beispiel ein Wolf, der bisher das Schatzmeisteramt rühmlich verwaltet hatte, trachtete, dieses Verdienstes wegen, nach einer höheren Ehrenstellung und wurde Ratsherr. Ein Baum aber, der bisher ein ansehnlicher Richter gewesen, wurde seiner Verdienste wegen Rentmeister. Durch diese verkehrt vorgenommenen Beförderungen wurden auf einmal zwei ansehnliche Männer zum Dienst der Republik ganz untüchtig gemacht. Ein Ziegenbock oder Philosoph, der von den Schulleuten, wegen seiner Standhaftigkeit, seine Sätze auf das Hartnäckigste zu verteidigen, bis in den Himmel gepriesen worden war, wurde über diese Lobeserhebungen so stolz, dass er nach einem ansehnlicheren Amt schnappte. Er hielt daher bei Hof um die erste Ehrenstelle an, die nur offen würde, und erlangte sie auch. Eine Ratteneidechse, oder Chamäleon genannt, suchte nach einer Professorenstelle auf der Akademie nach, weil sie ziemlich einträglich war, und der Wunsch wurde ihr gewährt, weil sie sehr artige Sitten an sich hatte und den Mantel trefflich nach dem Wind hängen konnte. Hierdurch aber geschah es, dass jener ein ebenso ungeschickter Hofmann wurde, wie er vorher ein vortrefflicher Philosoph gewesen war, diese aber stellte einen ebenso schlechten Professor vor, wie sie vorher einen geschickten Hofmann abgegeben hatte. Denn die Hartnäckigkeit des Philosophen, seine Meinungen zu behaupten, die ihm als einem Philosophen sehr wohl anstand, entstellte ihn nun, da er ein Hofmann geworden war, weil die Leichtsinnigkeit und ein flüchtiges Wesen unter die Haupttugenden bei Hof zu rechnen sind. Denn ein Hofmann sieht nicht sowohl auf das, was recht und billig ist, als vielmehr auf das, wobei er bestehen kann und was ihm zuträglich ist, und nimmt bald diese bald jene Gestalt an, je nachdem wie das Wetter bei Hof aussieht. Hingegen was bei Hof als eine Untugend angesehen wird, wird in den Schulen hoch gerühmt, wo der Eifer, seine Meinungen auf das Hartnäckigste zu behaupten, Kennzeichen eines vortrefflichen und ansehnlichen Mannes sind. Und damit ich’s kurz mache: Die Untertanen alle, auch diejenigen, die einiger besonderer Gaben wegen vorgezogen zu werden verdienten, wurden nichtswürdige und dem Gemeinwesen ganz unnütze Mitglieder, ja, die ganze Verfassung der Republik fing an zu wackeln. Als nun dermaßen alles bunt übereck ging, stellte ein über alle Maßen kluger Elefant oder Ratsherr mit Namen Baccari dieses Unglück dem Kaiser auf das Nachdrücklichste vor. Der Kaiser beschloss daher, als er von der Wahrheit dieser Sache mehr als zu wohl überzeugt wurde, diesem Übel alsbald Einhalt zu tun. Und zwar fing er es mit dieser Reformation folgendermaßen an: Er setzte nicht gleich alle und jeden ungeschickten Bedienten ab, denn wenn er dies getan hätte, würde er das Übel nur ärger gemacht haben, sondern, wenn ein Amt offen wurde, so besetzte er es wieder mit einer dazu geeigneten Person, die etwa aus einem anderen Amt, zu dem sie sich nicht zu gut eignete, ausgehoben wurde. Wegen dieses vortrefflichen Dienstes, den auf diese Weise Baccari dem Vaterland erwiesen und wovon man die herrlichsten Wirkungen alsbald wahrnahm, wurde ihm auf dem Markt in Mezendore eine Ehrensäule errichtet, die noch heutigentags zu sehen ist. Von der Zeit an hat man auch die alten Gesetze wieder auf das Genaueste beobachtet. Unser Dolmetscher versicherte mir, dass ihm diese Geschichte von einer gewissen Gans erzählt worden sei, mit der er sehr vertraulich lebe und die hier unter die vornehmsten und berühmtesten Advokaten gerechnet würde. In diesem Land bekommt man viel Ungewöhnliches, ja höchst Erstaunliches zu sehen, das gewiss die Augen der Fremdlinge und Reisenden anzieht. Der bloße Anblick der unterschiedlichen Arten von Tieren, wie Bären, Wölfe, Gänse oder Elstern und dergleichen, die auf den Gassen und öffentlichen Plätzen der Stadt so untereinander herumgehen und sich miteinander besprechen, ist merkwürdig genug, einem die größte Bewunderung und das größte Vergnügen zuwege zu bringen. Der Erste, der auf unser Schiff kam, war ein magerer Wolf oder der Zollinspektor, der von vier Habichten oder Dienern, die wir in Europa Visitatoren nennen, begleitet wurde. Sie nahmen von unseren Waren zu sich, was ihnen am besten anstand, wodurch sie sattsam an den Tag legten, dass sie in der Kunst, wovon sie sich nährten, sehr wohl unterwiesen wären, und diese Kunst von Grund auf verstünden. Der Schiffspatron nahm mich nach seiner gewöhnlichen Leutseligkeit immer mit, wenn er ans Land stieg. Als wir aufs feste Land kamen, begegnete uns zuerst ein Haushahn, der unsere Ankunft sogleich dem Zolleinnehmer meldete, nachdem er uns vorher wie gewöhnlich nach dem Grund unserer Reise und nach unserem Vaterland befragt hatte. Von diesem wurden wir sehr gütig aufgenommen und zu Gast gebeten. Seine Frau aber, die wir als eine sehr schöne Wölfin rühmen hörten, war nicht zugegen. Die Ursache ihrer Abwesenheit war die Eifersucht ihres Mannes, wie wir hernach von anderen hörten, der nämlich hielt es nicht für ratsam, ein so schönes Weibsbild Fremde sehen zu lassen, besonders Schiffsleute, die sich der Frauen lange Zeit hätten enthalten müssen und daher desto begieriger nach einer hübschen Frau oder Jungfer zu sein pflegten, wenn sie in einem Hafen einliefen. Doch wurden verschiedene andere Frauen zugleich mit zu Gast gebeten, darunter auch die Frau eines gewissen Schiffskommandeurs, eine weiße Kuh, die hin und wieder schwarze Flecken hatte. Neben dieser saß eine ganz schwarze Katze, die Frau eines königlichen Jagdbedienten, die erst kürzlich vom Land in die Stadt gekommen war. Unter denen, die mit am Tisch saßen, hatte gleich neben mir eine buntscheckige Saumutter ihren Platz bekommen, die eines Renovationsinspektors Frau war, denn alle, die solche Ämter verwalten, werden aus dem Geschlecht der Schweine genommen. Sie war zwar sehr unflätig und aß mit ungewaschenen Händen, was bei diesem Volk nichts Ungewöhnliches ist, schien aber dabei ungemein dienstfertig zu sein, denn sie langte ein über das andere Mal in die Schüssel und legte mir vor. Alle wunderten sich über diese ganz ungewöhnliche Höflichkeit, zumal da die Saumütter sonst nicht so höflich zu sein pflegen. Ich für meine Person hätte gewünscht, dass sie nicht gar so dienstfertig und höflich gewesen wäre, denn es war mir sehr verdrießlich, aus den Händen einer Sau zu essen. Hier ist zu bemerken, dass die Einwohner des Kaisertums Mezendore alle Hände und Finger haben, obgleich sie im Übrigen an Leibesgestalt den unvernünftigen Tieren vollkommen ähnlich sind, und zwar haben sie die Hände und Finger an den vorderen Füßen, worin sie auch einzig und allein von unseren vierfüßigen Tieren unterschieden sind, und weil ihre Leiber mit Haaren oder Federn bewachsen sind, so brauchen sie keine Kleider. Die Reichen unterscheiden sich bloß durch einigen Zierrat von den Armen, zum Beispiel durch kostbare Halsbänder von Gold oder Perlen, oder durch gewisse Rinden, die sie um ihre Hörner geflochten haben. Die Frau des Schiffskommandeurs hatte so viel Bänder, Schleifen und Putzwerk auf ihrem Kopf, dass man ihre Hörner fast gar nicht sehen konnte. Sie entschuldigte ihren Mann, dass er nicht zugegen sei, weil ein Streit ihn zu Hause zurückhielte, in den er kürzlich verwickelt worden wäre und sich deswegen mit zwei Elstern oder Advokaten beratschlage, die seine Sache übermorgen vor Gericht führen sollten. Nachdem die Mahlzeit vorüber war, unterredete sich die buntscheckige Saumutter oder des Renovationsinspektors Frau insgeheim mit unserem Dolmetscher und entdeckte ihm, dass sie mich heftig liebte. Dieser tröstete sie in ihrer Leidenschaft, versprach ihr seinen Beistand und trug mir die Sache vor. Als er aber sah, dass er mit Worten nichts bei mir ausrichtete, riet er mir zur Flucht, indem er gar wohl sah, dass sie alle erdenklichen Mittel anwenden werde, ihren Endzweck zu erreichen. Ich blieb daher von der Zeit an beständig auf dem Schiff, zumal ich vernahm, dass ihr alter Liebhaber, ein Student, der die Weltweisheit studierte und eifersüchtig war, mir den Tod geschworen habe. Jedoch ich war gegen die verliebten Anfälle dieser Frau auch auf dem Schiff kaum sicher genug, denn sie suchte meine Kaltsinnigkeit bald durch Unterhändler, bald durch Liebesbriefchen, bald aber auch durch allerhand Buhlenlieder zu vertreiben oder zu unterbrechen. Und wenn durch den nachher erfolgten Schiffbruch diese schönen Sächelchen nicht verloren gegangen wären, so könnte ich hier eine Probe von den Gedichten der Schweine beifügen, denn ich habe alles wieder vergessen und es fällt mir auch nichts wieder ein, außer etwa ein einziger Reim, in dem sie einmal ihre Gestalt folgendermaßen rühmte: Die Borsten musst Du nicht an mir für Fehler achten: Du magst ja, wen Du willst, sonst neben mir betrachten; So stehest Du gar leicht, es kann das schönste Schwein, Vermöge der Natur nicht ohne Borsten sein. Es ziert ein stolzes Pferd nichts besser als die Mähne, Den Baum das grüne Laub, die Wölfin ihre Zähne, Der Bart macht einen Mann, das Schaf muss wollig sein, Und folglich zieren auch die Borsten jedes Schwein. Die Umsetzung unserer Waren geschah so hurtig, dass wir innerhalb weniger Tage unter Segel gehen konnten. Doch hielt eine Streitigkeit unsere Abreise noch etwas auf, die zwischen unseren Bootsleuten, die schon vom Land abstechen wollten, und einigen mezendorischen Bürgern entstand. Die Ursache dieses Streits war folgende: Einer von unseren Schiffsleuten ging wie zufällig durch die Stadt spazieren, da höhnte ihn ein gewisser Kuckuck aus und nannte ihn spottweise Peripom, was bei uns Taschenspieler bedeutet. Denn weil die unnützen Schwätzer und Komödianten hier zu Lande alle Affen sind, so hatte gedachter Kuckuck unseren Schiffer für einen solchen Kerl gehalten. Dieser aber wollte die ihm angetane Schmach nicht leiden, sondern verehrte seinem Verhöhner eine dichte derbe Prügelsuppe und schlug ihm auf etliche Schläge bald seine Lenden entzwei. Da rief der Kuckuck alsbald die Umstehenden zu Zeugen an, die er den folgenden Tag darauf gerichtlich abhören ließ. Nachdem diese auch verhört worden waren, wurde die Sache alsbald dem Rat der Stadt vorgetragen. Unser Schiffer war daher genötigt, einen Advokaten zu nehmen, der ihm seine Sache führen musste, weil er selber die mezendorische Sprache nicht verstand. Vor Gericht aber fiel die Sache nach Verlauf einer Stunde dahin aus: Der Kuckuck, der die unnützen Händel angefangen, hätte sich die ihm zugezogene Ungelegenheit selber zuzuschreiben und sollte die Gerichtskosten bezahlen, wovon der Advokat das meiste bekam, wie es in der Regel zu geschehen pflegte. Die Ratsherren, die das Urteil sprachen, waren Pferde von denen ihrer zwei Bürgermeister, die anderen aber Ratsherren hießen. Nachdem wir nun unsere Sachen glücklich ausgerichtet und das Schiff mit den kostbaren Waren angefüllt hatten, segelten wir wieder unserem Vaterland zu. Als wir auf die Höhe gekommen waren, hörte der Wind auf einmal auf zu gehen, sodass wir in unserem Lauf gehindert wurden. Die Schiffsleute fingen zunächst an, für eine längere Weile zu fischen. Als aber wieder ein wenig Wind aufkam, spannten wir die Segel wieder auf und setzten unseren Weg fort. Und nachdem wir lange Zeit bei günstigem Wind unseren Weg fortgesetzt hatten, sahen wir aufs Neue einige Sirenen, die sich bald über dem Wasser sehen ließen, sich bald aber wieder darunter verbargen und zuweilen ein erbärmliches und klägliches Geheul machten. Dies verursachte bei dem Schiffsvolk ein ungemeines Erschrecken, weil sie schon aus Erfahrung wussten, dass auf dergleichen traurige Musik in der Regel Sturm und Schiffbruch zu folgen pflegte. Es wurden daher alsbald die größeren Segel niedergelassen und ein jeder zu seiner Verrichtung angewiesen. Dies war kaum geschehen, so umzog sich der Himmel mit schwarzen Wolken und die See fing von heftigem Sturmwind dermaßen an aufzuschwellen, dass der Steuermann, der schon beinah 40 Jahre dieses Amt verwaltete, aufs Höchste beteuerte, dass er Zeit seines Lebens noch keinen so heftigen Sturm auszustehen gehabt habe. Alles, was unter den Verdecken des Schiffs hin und her zerstreut gelegen hatte, schwamm schon in der See, und es fielen unter beständigem Donnern und Blitzen ganz entsetzliche Platzregen, dass es schien, als wenn sich alle Elemente zu unserem Verderben verschworen hätten. Da nun alles stockfinster wurde und nichts als Feuer und Blitz zu sehen war, auch das Schiff bald bis an die Wolken flog, bald aber bis in den Abgrund hinunter fuhr, verloren wir den mittelsten Mastbaum, dem kurz darauf auch die anderen folgten. Wir sahen also den Tod vor Augen. Einer beklagte daher seine Frau und Kinder, ein anderer seine Freunde und Blutsverwandten, und es war auf dem ganzen Schiff nichts als Heulen und Wehklagen zu hören. Der Steuermann gab sich zwar alle Mühe, sie zu trösten, obwohl er gleich ohne Hoffnung war, um ihnen zuzureden, sie sollten sich doch den Schmerz nicht gar so sehr ansehen lassen, weil doch mit Heulen und Schreien nichts auszurichten sei. Allein und während dem Zureden kriegte ihn der Sturm zu fassen und warf ihn ins Meer, dass er ertrinken musste, worauf wir ihn weiter nicht sahen. Ein Gleiches begegnete noch drei anderen, nämlich dem Kommerzienrat und zwei Schiffsleuten. Ich aber war der Einzige, der das allgemeine Unglück mit größter Gelassenheit ansah, weil ich meines Lebens überdrüssig war und mich nicht im Geringsten wieder zurück nach Martinia sehnte, wo ich Freiheit, Ehre und Reputation verloren hatte, und also unter diejenigen zu rechnen war, die weder Armut noch Bande noch der Tod erschrecken können. Doch hatte ich gleichwohl mit dem Schiffspatron Mitleid, weil er mir auf der ganzen Reise allen guten Willen gezeigt hatte und suchte daher sein Gemüt mit den besten und auserlesensten Worten wieder aufzurichten. Allein ich wandte alle Beredsamkeit vergebens an, denn er blieb bei seinem weibischen Heulen und Wehklagen, bis er endlich von der entsetzlichen Flut ins Meer gerissen wurde. Bei beständig fortwährendem und immer mehr und mehr überhandnehmendem Sturm war man auf Erhaltung des Schiffs ferner nicht mehr bedacht, sondern die Wellen warfen es wie einen Ball hin und her, nachdem es alle Masten, sogar das Steuerruder, alles Tauwerk und die anderen Ruder verloren hatte. Der Sturm hielt 3 Tage und 3 Nächte in einem hintereinander an, wobei wir in beständiger Todesfurcht waren und keinen Bissen Speise zu uns nahmen. Der helle Himmel blickte zwar zuweilen hervor, allein der Sturm währte immer fort. Endlich lebte beim übrigen Schiffsvolk die Hoffnung einigermaßen wieder auf, als sie von weitem Land sahen, das aber doch sehr felsig und bergig schien, denn weil der Wind landwärts ging, so hofften wir, wir würden in kurzem landen können. Es konnte dies zwar nicht ohne Schiffbruch geschehen, weil sich viele Klippen um das Ufer befanden, es war aber doch wahrscheinlich, wenn wir auch nicht alle unser Leben davonbrächten, dass doch einige oder die meisten sich auf den Trümmern des Schiffes würden retten können. Indem wir uns aber mit dieser angenehmen Hoffnung schmeichelten, stieß das Schiff mit solcher Gewalt auf eine verborgene Klippe, dass es in tausend Stücke zerschellte. In dieser Angst ergriff ich ein Brett und dachte nur an meine Rettung, denn um die anderen war ich unbesorgt, weil ich mit mir selber genug zu tun hatte, und ich weiß diese Stunde noch nicht, wie es ihnen ergangen ist. Wahrscheinlich ist, dass sie alle elend umgekommen sind, weil ich niemals hörte, dass jemand von ihnen auf dasselbe Land geworfen worden sei. Durch Hilfe und Geschwindigkeit der Wellen wurde ich schließlich zu meinem größten Glück ans Ufer getrieben, und es hätte nicht mehr lange währen dürfen, so wäre ich vor Hunger und Mattigkeit und vom vielen Arbeiten des Todes gewesen. Ich war in ein Vorgebirge geworfen worden und die Wellen fingen an sich zu legen, und das Toben im Meer gab nur noch zuweilen einen ganz langsamen und unterbrochenen Schall von sich. Das Land war bergig und die vielen Gipfel der ungleich gegeneinander stehenden Berge und die hohlen Täler und Klüfte in den Felsen gaben einen vielfachen Widerschall von sich, wenn die Luft sich darin schlug. Als ich sah, dass ich nah an das Ufer kam, fing ich an, aus vollem Hals zu schreien, in der Hoffnung, die Einwohner des Ufers sollten mein Geschrei hören und mir zur Hilfe kommen. Als ich das erste Mal schrie, hörte ich keinen Widerschall, als ich aber mit Schreien fortfuhr, hörte ich einigen Schall vom Ufer zurück, und ich sah die Einwohner aus den Wäldern hervorkommen und mir mit einem Kahn zur Hilfe eilen. Dieser Kahn war von Hagedornreisern und Eichenzweigen zusammengeflochten, woraus ich schloss, dass dieses Volk eben so gar gesittet und witzig nicht sein könne. Jedoch erfreute mich der Anblick derer, die mir zur Hilfe kamen über alle Maßen, weil sie an Leibesgestalt den Menschen vollkommen ähnlich sahen, wie sie denn auch wirklich Menschen waren, und ich habe auf meiner ganzen unterirdischen Reise sonst nirgends als hier dergleichen angetroffen. Sie kommen den Menschen gleich, die auf unserer oberen Erde den hitzigen Erdstrich bewohnen, denn sie haben schwarze Bärte und krause Haare, diejenigen aber, die mit gelben und lang herabhängenden Haaren versehen sind, werden für Missgeburten gehalten. Endlich langten sie bei dem Stück vom Schiff an, an dem ich hing, daher ich meine Hände aufs Rührendste ausstreckte, und sie brachten meinen ermatteten Körper ans Ufer, wo ich mit Speise und Trank, die zwar ziemlich schlecht und gering waren, dennoch wieder erquickt wurde, denn schließlich hatte ich seit 3 Tagen weder gegessen noch getrunken. In kurzem hatte ich meine frühere Gesundheit wiedererlangt.