Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665
von Ludvig Holberg
25.03.2026 43 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kapitel 11
Schifffahrt in die wunderbaren und erstaunenswürdigen Länder
Besonders hörenswert:
über eine überdenkenswerte Regierungsform
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Schifffahrt in die wunderbaren und erstaunenswürdigen Länder
Besonders hörenswert:
über eine überdenkenswerte Regierungsform
Niels Klims unterirdische Reise ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.
Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
https://onsound.eu/
Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
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Transkript
11. KAPITEL
Schifffahrt in die wunderbaren und erstaunenswürdigen Länder
Ehe ich in der Beschreibung dieser Schifffahrt
fortfahre, muss ich die mürrischen und scharfen
Tadler vorher daran erinnern, dass sie die Stirn
nicht allzu sehr runzeln sollen, wenn solche
Dinge erzählt werden, die wider die Natur und ganz
und gar unglaublich zu sein scheinen. Denn mein
Vorhaben ist hier nicht, mit schwülstigen Worten
die Blätter anzufüllen, sondern die Sachen so zu
erzählen, wie ich sie gefunden habe. Ich erzähle
zwar unglaubliche Dinge, die aber gleichwohl
wahr sind und die ich selber mit meinen Augen
gesehen habe. Ungeschickte und ungelehrte Leute
und die niemals weiter als hinter den Backofen
gekommen sind, halten alles für erdichtet,
was ihnen nicht von Kindheit an bekannt ist.
Gelehrte Leute aber, und vor allem diejenigen, die
in der Naturwissenschaft geübt sind, oder die aus
Erfahrung gelernt haben, wie fruchtbar die Natur
an mannigfaltigen Dingen sein kann, urteilen weit
billiger darüber, wenn ungewöhnliche Dinge erzählt
werden. Wer wundert sich wohl bei uns darüber,
dass die Einwohner auf den Alpengebirgen Kröpfe
haben, oder dass die Kinder auf der Insel Merö
mit einer großen Brust geboren werden. Wer ist
jemals über die himmelblauen Augen und goldgelben
Haare der Deutschen oder über die Weichselzöpfe
erstaunt, beinah niemand, denn man sagt, die Natur
bringt es so mit sich. Wenn aber jemand von uns
die Pygmäen in Indien gegen die Kraniche zu Felde
ziehen sehen sollte und wie einige von ihnen
von Vögeln durch die Luft davongeführt werden,
so würde er vielleicht darüber lachen. In dem
Land aber, da die Einwohner alle miteinander nicht
länger als eine Spanne hoch sind, lacht niemand
darüber, obwohl man häufig solche Schlachten zu
sehen bekommt. Man hat in Skythien Leute gefunden,
die nur ein Auge, und zwar mitten auf der Stirn,
gehabt, die nach ihrer Landessprache Arimaspi oder
die Einäugigen genannt wurden. Andere hatten in
eben demselben Land die Füße hinterwärts gekehrt.
In Albanien sind Menschen geboren worden, die in
ihrer Kindheit grau wurden. Die Sauromaten, ein
skythisches Volk, aßen nur über den dritten Tag,
denn einen Tag hüpften sie ständig. In Afrika
gibt es gewisse Geschlechter von Menschen, die
mit ihrer Rede und Zunge die Menschen bezaubern
können, in Illyrien hat es Leute gegeben,
die andere durch ihr Gesicht töten konnten, wenn
sie sie eine Zeit lang recht zornig ansahen, und
sie hatten doppelte Augäpfel in jedem Auge. Auf
den indianischen Bergen sind Leute mit Hundsköpfen
geboren worden, die auch wie Hunde gebellt haben,
andere haben die Augen auf den Schultern gehabt.
Im äußersten Indien hat man Menschen mit grauen
Leibern entdeckt, auch einige, die Federn hatten,
wie die Vögel, und keine Speise zu sich nahmen,
sondern sich bloß vom kräftigen Geruch der Blumen
erhielten, den sie durch die Nase an sich zogen.
Wer hätte wohl dies und andere dergleichen Dinge
geglaubt, wenn nicht der berühmte Naturkundler
Plinius aufs Heiligste versicherte, dass er alles
dies nicht nur gehört oder gelesen, sondern mit
seinen Augen selber gesehen hätte. Und wer hätte
wohl endlich glauben sollen, dass die Erde hohl
sei und dass mitten darin eine Sonne und Planeten
zu finden sind, wenn nicht durch meine Erfahrung
dieses Geheimnis entdeckt worden wäre, ja, wer
hätte sich eingebildet, dass es ein Land gäbe, das
von vernünftigen und hin- und herwandelnden Bäumen
bewohnt wird, wenn ich nicht ebenfalls durch
meine Erfahrung das außer Zweifel gesetzt hätte.
Doch ich will deswegen niemanden gerichtlich
belangen, wenn er es nicht glauben will,
denn ich gestehe es ganz gern, dass es mir
vor meiner Reise ebenfalls unglaublich vorkam
und ich dachte, es seien lauter Fabeln und
Märchen, was mir die Schiffsleute erzählten.
Zu Anfang des Monats Radir spannten wir die
Segel auf und legten bei günstigem Wind etliche
Tage lang einen ziemlichen Weg zurück, wobei
wir Ruderknechte gute Tage hatten, weil wir
die Ruder nicht brauchten, solange uns der Wind
günstig war. Am 4. Tag aber legte sich der Wind,
daher griffen die Schiffsleute ungesäumt zu den
Rudern, um die See damit zu durchschneiden. Als
der Schiffspatron sah, dass mir dergleichen Arbeit
sehr beschwerlich fiel, so ließ er mich zuweilen
ein wenig ausruhen und endlich befreite er mich
ganz und gar von diesem sklavischen Dienst.
Warum er aber so leutselig gegen mich gewesen, ob
er mich für unschuldig gehalten, oder ob er mich,
wegen meiner edlen Erfindung der
Perücken, eines besseren Glücks
würdig geschätzt hatte, das kann ich nicht sagen.
Er selber hatte drei Perücken mit sich genommen,
diese übergab er mir, sodass ich sie aufkräuseln
und akkommodieren sollte, dass ich also,
wider Vermuten, aus einem Ruderknecht des
Schiffspatrons Perückenmacher wurde. Durch seine
Leutseligkeit geschah es auch, dass ich immer mit
ans Land steigen durfte, sooft wir in einem Hafen
einliefen, wodurch mir folglich Gelegenheit
gegeben wurde, meiner Neugier Genüge zu tun.
Auf unserer Fahrt begegnete uns lange Zeit
nichts Merkwürdiges, nachdem wir aber das Land
aus dem Gesicht verloren, sahen wir schreckliche
Gesichter aus der Tiefe des Meeres hervorkommen.
Dies waren Sirenen, die an unser Schiff
geschwommen kamen und um ein Almosen anhielten,
sooft sich Wind und Wellen ein wenig gelegt
hatten. Der Oberleib dieser Sirenen war bis
an den Gürtel als eine wohlgebildete Jungfrau
gestaltet, der übrige Teil aber war einem langen
und schmalen Walfisch ähnlich. Ihre Sprache
war von der in Martinia wenig unterschieden,
sodass einige Schiffsleute ohne Dolmetscher mit
ihnen reden konnten. Als mich eine unter diesen
Sirenen um einen Topf voll Fleisch bat, und ich
ihr den auch gab, sah sie mich sehr bedächtig
an und sagte: »Aus dir wird noch ein großer Held
werden, und du wirst die ganze Welt beherrschen.«
Aber ich lachte über die Prophezeiung,
wie über eine eitle Schmeichelei,
obwohl die Schiffsleute zugleich aufs Höchste
beteuerten, dass die Prophezeiungen der Sirenen
fast durchgängig erfüllt würden.
Nachdem wir 8 Tage zur See gewesen,
kam endlich Land in Sicht, das die Schiffsleute
Picardaniam nannten, das heißt: das Elsterland.
Als wir in den Hafen einliefen, sahen wir eine
Elster herumfliegen, von der mir gesagt wurde,
sie sei der Generalzollinspektor und ein sehr
angesehener Mann. Hierüber konnte ich mich des
Lachens kaum enthalten, weil ich hörte, dass
eine Elster ein so ansehnliches Amt verwaltete,
zumal da ich auch den Schatzmeister in der
Luft herumfliegen sah, und aus der Gestalt
des Zollinspektors schloss ich, dass die Fliegen
hier wohl Zollbediente und Güterbeschauer seien.
Nachdem vorerwähnte Elster dreimal um
unser Schiff herumgeflogen war, flog sie
wieder ans Land und kam alsbald mit drei anderen
kleineren Elstern zurück und setzte sich auf das
Vorderteil des Schiffes. Als ich nun sah, dass
einer von unseren Dolmetschern sich mit viel
Ehrerbietung zu diesen Elstern hinzunahte und sich
lange, lange Zeit mit ihnen unterredete, hätten
mir vor Lachen alle Gedärme im Leib bersten mögen.
Die Ursache, warum die Elstern an unser Schiff
gekommen, war, dass sie wie gewöhnlich nachsehen
wollten, ob wir etwa Konterbandehandel trieben,
vornehmlich aber, ob wir etwa das Kraut Slac
unter unseren Waren verborgen hätten. Um dieser
Ursache willen durchstankerten sie alle Winkel des
Schiffes und machten die Ballen und alle Kisten
auf, weil die Obrigkeit so etwas einzuführen aufs
Schärfste verboten hat. Denn für dieses Kraut
pflegen die Einwohner in Picardania viele schöne
und höchst notwendige Sachen einzutauschen, sodass
es geschieht, dass die Kräuter, die in ihrem
Land wachsen und die sie ebenso nutzen könnten,
am Wert fallen, dergestalt, dass die Picardaner
in diesem Stück unseren Europäern gleichkommen,
die ebenfalls an fremden Sachen ein Wohlgefallen
haben und bloß deshalb so begierig danach sind,
da sie aus weit entfernten Ländern zu ihnen
gebracht werden. Der Generalzollinspektor begab
sich mit den übrigen Elstern, die zugegen waren,
unter die Verdecke unseres Schiffes, nachdem
sie sich vorher lange Zeit mit dem Dolmetscher
unterredet hatten, und als er wieder zurückkam,
sah er uns zornig an, wobei er uns zugleich
bedeutete, der Handel mit den Picardanern
solle uns verboten sein, weil wir gegen den Bund
gehandelt und verbotene Waren mitgebracht hätten.
Da aber der Schiffspatron aus Erfahrung schon
wusste, wie er den Zorn stillen könnte, schenkte
er ihm etliche Pfund vom Kraut Slac, worauf
sich der Zorn alsbald legte, und wir erhielten
sogleich die Freiheit, unsere Waren auszuladen.
Als dies geschehen war, kam eine sehr große Menge
Elstern herzugeflogen. Sie waren alle Kaufleute.
Als aber der Schiffspatron aufs Land aussteigen
wollte, befahl er mir und noch einigen anderen,
wir sollten ihm folgen, sodass wir unserer vier
waren, die wir das Schiff verließen, nämlich der
Schiffspatron, ich und noch zwei andere Affen,
deren einer der Kommerzienrat, der andere
aber der Dolmetscher war. Wir wurden vom
Generalzollinspektor zu Gast gebeten, aber es
gab keinen Tisch, und weil die Picardaner sich
auch keiner Stühle bedienen können, wurden mitten
im Zimmer auf dem Boden Tischtücher ausgebreitet.
Es wurden uns herrliche und niedliche Speisen,
aber in sehr kleinen Schüsseln, aufgetragen,
und weil die Küche auf dem Oberboden
war, so kamen immer vier Elstern mit
einem jeden Gericht herabgeflogen. Nach beendeter
Mahlzeit führte uns der Zollinspektor in seine
Bibliothek. Hier war ein großer
Vorrat von Büchern anzutreffen,
sie waren aber alle sehr klein, dergestalt,
dass die größten und Foliobände kaum so groß
wie unsere Kalender waren. Ich konnte das Lachen
kaum verbeißen, als ich sah, wie der Bibliothekar
in die Höhe flog und aus den obersten
Fächern Oktav- und Duodezbände herablangte.
Im Übrigen sind die Häuser in Picardania,
was ihre Bauart und Auszierung anlangt,
wenig von unseren unterschieden. Die Betten aber
hängen oben an den Decken wie Vogelnester. Hier
möchte vielleicht jemand fragen, wie es denn
möglich sei, dass die Elstern, die doch nur
eine Art von den kleinen Vögeln sind, so große
Häuser bauen können. Aber ich habe es gesehen, wie
es möglich ist, weil sie damals gleich den Grund
zu einem neuen Haus legten. Es arbeiten zugleich
etliche tausend Arbeiter daran, dergestalt, dass
ihre Menge und ihr leichter Flug den Abgang der
Kräfte einigermaßen ersetzte. Und deswegen sind
die Picardaner im Stande, fast ebenso geschwind
ein so großes Haus zu bauen wie wir. Die Frau des
Zollinspektors ließ sich nicht sehen, denn sie
war eben im Kindbett und die Kindbetterinnen
gehen nicht eher aus, als ihre Jungen Federn
bekommen haben, doch meinte er, seine Frau würde
nicht lange mehr innen stecken dürfen, sondern
würde bald wieder öffentlich erscheinen, weil
die Jungen schon anfingen, Federn zu bekommen.
Wir hielten uns in diesem Land nicht lange
auf, daher konnte ich von der Regierungsform,
der Gemütsbeschaffenheit und den Sitten der
Einwohner nichts erfahren. Es war damals alles
in der größten Bewegung, weil erst kürzlich
ein Krieg zwischen den Elstern und ihren
Nachbarn, den Krammetsvögeln, entstanden war,
insbesondere aber, weil man 3 Tage vor unserer
Ankunft, die Nachricht erhalten hatte, dass
die Elstern eine sehr große Niederlage erlitten
hatten, weswegen der kommandierende General,
nachdem man die Sache untersucht, dahin verdammt
worden war, dass ihm die Flügel abgelöst werden
sollten, was hier eine sehr harte Strafe ist und
wenig von der Todesstrafe unterschieden.
Nachdem wir die Waren vertauscht hatten,
segelten wir wieder davon. Nicht weit vom Ufer
sahen wir die ganze See voller Federn schwimmen
und wir schlossen daraus, dass dies vielleicht die
Gegend sei, wo die Schlacht zwischen den Elstern
und den Krammetsvögeln vor sich gegangen war.
Nach einer 3-tägigen und glücklichen Schifffahrt
langten wir an den Ufern des Musikalischen
Landes an. Nachdem wir Anker geworfen,
stiegen wir an Land und unser Dolmetscher ging mit
einem musikalischen Instrument, das wir einen Bass
zu nennen pflegen, vor uns her. Das kam mir sehr
lächerlich vor, weil ich nicht einsehen konnte,
warum er sich mit dieser Last beschwerte. Da wir
nun alles hier leer und verlassen fanden und keine
Spur von einer lebenden Kreatur anzutreffen war,
so befahl der Schiffspatron mit einer Trompete,
den Einwohnern unsere Ankunft kundzutun, worauf
alsbald ungefähr 50 musikalische Instrumente oder
Bässe, die nur einen Fuß hatten, herzugelaufen
kamen. Hier dachte ich, ich sei verzaubert,
weil ich auf meiner ganzen Reise nichts
Erstaunlicheres gesehen. Diese Bassviolinen,
von denen man mir sagte, sie seien die Einwohner
dieses Landes, waren folgendermaßen gebildet:
Oben hatten sie einen langen Hals und einen ganz
kleinen Kopf, der Leib an und für sich selbst war
eng und zusammengezogen und mit einer ganz glatten
Rinde überzogen, dergestalt, dass zwischen dieser
Rinde und dem Leib selber ein leerer Raum zu
finden war. Über ihren Nabel hatte die Natur
einen Kamm oder Steg mit vier Saiten gesetzt, die
ganze Maschine aber stand auf einem einzigen Fuß,
dergestalt, dass sie alle auf einem Bein hüpfen
und mit der artigsten Behändigkeit auf den
Feldern herumspringen können. Und dass ich es mit
wenigen Worten sage, man sollte glauben, es wären
wahrhaft musikalische Instrumente, weil sie ihnen
so vollkommen gleichsahen, nur dass sie zwei Arme
und Hände haben. Mit der einen Hand hielten sie
einen Fidelbogen, mit der anderen aber fingerten
sie auf den Saiten. Als unser Dolmetscher sich mit
den Einwohnern dieses Landes unterhalten wollte,
nahm er den Bass, den er bei sich hatte, in die
linke Hand, den Fidelbogen aber in die rechte und
fing an zu spielen, worauf ihm die Einwohner
auf die gleiche Weise alsbald antworteten,
dergestalt, dass sie eine gute Weile wechselseitig
gegeneinander fidelten und ihre Meinungen auf
diese Art einander zu verstehen gaben. Anfangs
spielten sie ganz langsam und auch ziemlich
gleichstimmig, kurz darauf fingen sie an dermaßen
übelklingend gegeneinander zu fideln, dass einem
die Ohren wehtaten. Endlich aber wurde die Musik
recht lieblich und wohlklingend, und sie spielten
recht hurtig und angenehm. Als die Unsrigen dies
hörten, jauchzten sie vor Freude und sagten,
nun seien sie über den Preis der Waren einig.
Man sah hieraus alsbald, dass sie anfangs ganz
langsam gegeneinander gespielt, dass dies nichts
anderes als der Willkommen auf beiden Seiten
gewesen. Da es hernach so widerlich gegeneinander
geklungen, hatten sie sich wegen des Preises der
Ware nicht vergleichen können. Endlich aber,
da die Musik wieder annehmlich war und lieblich
und hurtig ging, hatten sie sich miteinander
verglichen und waren völlig einig geworden, denn
kurz darauf wurden die Waren ausgeladen. Unter
den Waren, die hierher gebracht werden, ist das
Kolofonium oder Geigenharz das Vornehmste, weil
die Einwohner des Musikalischen Landes damit ihre
Fidelbogen bestreichen, und das ist das vornehmste
Werkzeug ihrer Rede. Wenn demnach hier jemand
eines Lasters überführt wird, wird ihm durch
richterlichen Ausspruch der Fidelbogen genommen,
und wenn er sich niemals dessen wieder bedienen
darf, wird dies der Todesstrafe gleich geschätzt.
Als ich hörte, dass in der Nachbarschaft ein
Streit vor Gericht entschieden werden sollte, lief
ich geschwind hin, damit ich dieses rechtliche
Verfahren sehen könnte. Die Advokaten strichen
auf den Saiten ihres Leibs eins auf, wodurch sie
so gut verstanden wurden, als wenn wir miteinander
reden. Während des Streits wurden nichts als
widrig klingende Töne gehört, dergestalt, dass
in künstlicher und hurtiger Bewegung der Hände
hier alle Beredsamkeit besteht. Nachdem aber der
Streit ein Ende genommen, stand der Richter auf,
nahm seinen Fidelbogen in die Hand und spielte
ein ganz langsames und sachtes Stückchen, das hier
ebenso viel heißt wie, er sprach das Urteil. Denn
alsbald liefen einige hinzu, die an dem Beklagten
und Schuldigen das Urteil vollstreckten und ihm
den Fidelbogen nahmen. Die Kinder sehen hier
beinah aus wie unsere so genannten Stockviolen.
Sie bekommen aber keinen Fidelbogen, bis sie das
dritte Jahr vollendet haben. Wenn sie in das 4.
Jahr getreten, werden sie in die Schule geschickt,
dass sie von den Lehrmeistern unterrichtet werden,
wie sie mit dem Fidelbogen umgehen müssten
und einen verständlichen Klang machen sollten,
was bei ihnen dasselbe ist, als wenn wir sagen,
sie sollen in den Künsten und Wissenschaften
unterrichtet werden. Unter der Zucht und Aufsicht
dieser Lehrmeister bleiben sie nun so lange, bis
sie zierlich fideln gelernt haben und vollkommen
verstehen, wie sie die Saiten behandeln sollen,
dass sie keinen widrigen Klang von sich geben.
Die Knaben ärgerten uns ein wenig, weil sie uns
beständig nachliefen und eins aufspielten.
Unser Dolmetscher, der gar wohl verstand,
was dies zu bedeuten hatte, sagte uns, dass
diese musikalischen Knaben um Kolofonium betteln.
Solange wie sie bettelten, machten sie einen
ganz sachten und langsamen Klang, wenn sie aber
erhalten hatten, was sie suchten, spielten sie
sehr geschwind und klar, dies hieß, wir bedanken
uns, denn auf diese Weise pflegt man sich hier zu
bedanken. Wenn sie aber eine abschlägige Antwort
erhalten, sind sie beinah ganz des Todes darüber.
Als wir hier unsere Sachen wohl ausgerichtet
hatten und uns alles nach Wunsch gegangen, so
verließen wir gegen das Ende des Monats Cusan das
Musikalische Land wieder, und nachdem wir etliche
Tage weitergefahren, sahen wir von neuem ein Land,
aus dessen garstigem Geruch wir schlossen, dass
es Pyglossia sei. Die Einwohner dieses Landes sind
den Menschen nicht ungleich, doch darin sind sie
von ihnen unterschieden, dass sie kein Maul haben,
sondern durch den Hintersten reden. Der Erste,
der an unser Schiff kam, war ein reicher Kaufmann.
Dieser grüßte uns, nach der Gewohnheit seines
Volks, durch den Hintern und fing sogleich an,
wegen der Waren mit uns zu handeln. Zu allem
Unglück war unser Barbier krank und ich musste
mir meinen Bart durch einen pyglossischen Barbier
abnehmen lassen, denn da diese Barbiere beinah
noch gesprächiger sind als unsere europäischen,
so machte er, während der Zeit, als er mich
barbierte, die Stube dermaßen voll hässlichen
Gestanks, dass wir, nachdem er fortgegangen,
sie mit Weihrauch ausräuchern mussten. Nun war
ich dermaßen erstaunlicher Dinge und die wider
die Natur zu sein schienen gewohnt worden, dass
mir nichts mehr als widernatürlich vorkam. Da aber
der Handel und Umgang mit den Pyglossianern wegen
des abscheulichen Gestanks sehr beschwerlich und
unangenehm war, so beschleunigten wir unsere Reise
und lichteten, noch ein wenig vor der bestimmten
Zeit, unsere Anker, zumal wir von einem gewissen
reichen Pyglossianer zu Gast geladen wurden. Als
er uns einlud, zuckten wir alle miteinander die
Achseln und niemand wollte es ihm versprechen,
ehe er uns zugesagt hatte, dass er kein
Wort reden wollte, solange wir speisten.
Als wir aus dem Hafen abstiegen, wünschten uns die
Pyglossianer, so am Ufer standen, eine glückliche
Reise mit ihrem Hintern und da der Wind vom
Ufer auf uns zuging, winkten wir ihnen und
gaben ihnen Zeichen mit der Hand, sie sollten ihre
Glückwünsche nur sparen, denn auch allzu große
Höflichkeit kann beschwerlich fallen. Die Waren,
so die Martinianer hierher bringen, bestehen
in Rosenwasser, Balsam und unterschiedlichen
anderen Sorten von scharfriechenden Gewürzen.
Von hier ging die Fahrt nach dem Eisland, das
so abscheulich und erschrecklich anzusehen ist,
dass mir niemals ein Land unglücklicher und
erbarmungswürdiger vorgekommen ist als dies,
weil man nichts als Berge sieht, die beständig
mit Schnee bedeckt sind. Zwischen den Gipfeln
der Berge, wo keine Sonne hineinscheinen kann,
befinden sich hin und wieder einige Einwohner,
die aber alle aus purem Eis bestehen. Denn alles,
was zwischen den Gipfeln der Berge zu finden ist,
starrt vor beständiger Kälte und ist mit Eis
bedeckt. Daher ist es hier auch beständig finster
und wenn es doch einiges Licht gibt, so wird es
nur von dem weiß schimmernden Reif verursacht.
Die unten liegenden Täler sind von der Hitze
ganz und gar verbrannt und alle Dünste daraus
vertrocknet. Daher unterstehen sich die Einwohner
nicht, in die Täler herabzukommen, es müsste denn
der Himmel sehr trübe und finster sein, und sobald
sie nur den geringsten Sonnenstrahl erblicken,
laufen sie entweder nach den Bergen
zurück oder verkriechen sich in die
Höhlen und Grüfte. Zuweilen geschieht es, dass
sie unterwegs, wenn sie von den Bergen hinabgehen,
entweder zerschmelzen oder ihnen ein anderer
Unfall begegnet. Daher werden die Verbrecher
bei trübem Wetter auf die Ebene heruntergeführt
und an einen Pfahl gebunden, damit sie hernach
von der Sonnenhitze zerschmelzen müssen. Dieses
Land erzeugt alle Metalle außer Gold. Die Metalle
nehmen die fremden Kaufleute alle roh mit, denn
die Eingeborenen des Landes können sie nicht
reinigen, weil sie keine Hitze vertragen. Man
glaubt, dass beim ganzen mezendorischen Handel
nirgends Vorteilhafteres für die Martinianer
herauskomme, als eben in diesem Eisland.
Alle Länder, die ich bisher beschrieben habe,
stehen unter der Herrschaft des Kaisers,
dem so genannten Mezendore. Daher werden diese
Inseln von den Schiffsleuten allesamt nur die
Mezendorischen Inseln genannt, obwohl
sie durch ihre eigenen Namen voneinander
unterschieden werden, wie ich in meiner bisherigen
Reisebeschreibung gezeigt habe. Das große und
wunderbare Kaisertum ist Ziel und Ende unserer
Schifffahrt, denn weiter wird nicht gereist.
Nachdem wir wieder 8 Tage zur See gewesen, langten
wir endlich bei der kaiserlichen Hauptstadt an,
wo alles wirklich anzutreffen ist, was Poeten
nur jemals von den Gesellschaften der Tiere,
Bäume und Pflanzen gedichtet haben. Denn
Mezendoria ist gleichsam das allgemeine
Vaterland aller vernünftigen Tiere, Bäume
und Pflanzen. Hier erlangt ein jedes Tier,
ein jeder Baum das Bürgerrecht, wenn er nur die
hiesige Oberherrschaft anerkannt und sich den
öffentlichen Gesetzen unterwirft. Nun sollte man
zwar denken, dass dieser Mischmasch von so vielen
und an Gestalt einander so ungleichen Kreaturen,
ja, von so sehr unterschiedlichen Naturen,
große Verwirrungen und Unruhen verursachen
müsste: Aber dieser große Unterschied hat die
gewünschteste Wirkung, weil hier sehr vernünftige
und kluge Gesetze und Verordnungen gegeben sind,
Kraft deren einem jeden von den vermischten
Untertanen, nach Beschaffenheit seiner Natur
und dem Maß seiner Gemütskräfte, die Verrichtungen
und Geschäfte aufgetragen werden, die sich für ihn
schicken. Also werden zum Beispiel aus dem
Geschlecht der Löwen die Regenten genommen,
weil ihnen die Großmütigkeit und Herzhaftigkeit
angeboren ist. Die Elefanten werden ihres scharfen
Verstands wegen alle zu Ratsherren in den großen
Rat gewählt. Die Ratteneidechsen besorgen die
Hofämter, weil sie sehr veränderlich sind und
den Mantel fein nach dem Wind hängen können.
Die Infanterie oder das Fußvolk besteht aus Bären,
Tigern und anderen dergleichen streitbaren Tieren.
Zur Seemacht hingegen werden Ochsen und Stiere
genommen, denn weil die Schiffsleute einfältig
und ehrlich und auch wenig gesittet, doch hart
und nicht leicht zu bewegen sind, so wird diesen
mit dem Schiffsdienst ein, ihrem rauen Element
gemäßes Leben aufgetragen. Auch gibt es hier eine
Ritterakademie für die Kälber oder Seekadetten,
aus der die Schiffsadmirale und andere
zur See kommandierende Offiziere genommen werden.
Die Bäume werden, ihrer natürlichen Mäßigung
wegen, alle zu Richtern bestellt. Gänse vertreten
bei den hohen Gerichten die Advokatenstelle,
die Elstern aber führen vor den niedrigen
Gerichten die Rechtshändel. Die Füchse werden
zu Bevollmächtigten, Abgesandten, Bürgermeistern,
Agenten und Gesandtschaftssekretären erkoren,
die Raben werden über Erbgüter oder liegende
Gründe zu Verwesern gesetzt. Die Ziegenböcke
sind hier die Philosophen und lehren vornehmlich
die Grammatik, und zwar deswegen, teils weil sie
Hörner haben, womit sie ihre Gegner der geringsten
Kleinigkeit wegen anfallen und zu stoßen pflegen,
teils aber ihrer ansehnlichen Bärte wegen,
womit sie sich vor allen anderen Kreaturen ein
besonderes Ansehen zu geben wissen. Die Pferde
sind Bürgermeister und Ratsherren in Städten,
diejenigen aber, die Landgüter besitzen
und den Ackerbau versehen, sind Schlangen,
Maulwürfe, Ratten und Mäuse. Die Vögel vertreten
Läufer- und Botenstellen, die Esel werden, ihrer
knarrenden Stimme wegen, zu Kaplänen gemacht, die
Nachtigallen aber verwalten das Amt der Sänger
und Pfeifer. Die Haushähne sind Stadtwächter, die
Hunde stehen vor den Toren Wache. Die Wölfe werden
zu Schatz- und Rentmeistern oder Zollinspektoren
genommen, und die Habichte sind ihre Bediensteten.
Vermöge dieser vortrefflichen Verordnungen,
geschieht es nun, dass die öffentlichen Ämter
sehr wohl versehen sind und alles mit größter
Sorgfalt und in gehöriger Ordnung verrichtet wird.
Es könnte also diese Regierung ein Muster
abgeben, wonach sich die Gesetzgeber beim
Aufbau neuer Republiken richten möchten. Denn
dass es anderwärts so viele elende und zu Ämtern
ungeeignete Leute gibt, kommt nicht sowohl
von der Ungeschicklichkeit der Untertanen her,
sondern von der üblen und verkehrten Wahl
der Personen, mit der man die Ämter besetzt.
Denn wenn diese allzeit gehörig und mit sattsamer
Sorgfalt angestellt würde, und man die Ämter an
kluge und geschickte Leute vergäbe, die sich nicht
nur etwa durch die eine oder andere Kleinigkeit,
sondern durch ganz besondere Verdienste
hervorgetan und gezeigt haben, zu was für einem
Amt sie hauptsächlich geeignet sind, so würden
auch hin und wieder die Ämter besser verwaltet
und das Gemeinwesen würde im beständigen Wohlstand
erhalten werden. Wie löblich so eine Verordnung
wäre, kann man aus der Einrichtung und dem Muster
gedachter Regierungsform ganz deutlich sehen.
Die mezendorischen Jahrbücher bezeugen,
dass vor 500 Jahren der Kaiser Lilac dieses
Gesetz aufgehoben und die öffentlichen
Ämter ohne Unterschied an einen jeden,
der sich nur einigermaßen verdient gemacht, oder
der etwa einige Tugend besaß, vergeben habe: Aber
es waren dadurch in kurzer Zeit so viele und so
große Unruhen und Verwirrungen entstanden, dass es
im kurzen geschienen, als wäre es ganz und gar um
das Gemeinwohl geschehen. Zum Beispiel ein Wolf,
der bisher das Schatzmeisteramt rühmlich verwaltet
hatte, trachtete, dieses Verdienstes wegen, nach
einer höheren Ehrenstellung und wurde Ratsherr.
Ein Baum aber, der bisher ein ansehnlicher
Richter gewesen, wurde seiner Verdienste wegen
Rentmeister. Durch diese verkehrt vorgenommenen
Beförderungen wurden auf einmal zwei ansehnliche
Männer zum Dienst der Republik ganz untüchtig
gemacht. Ein Ziegenbock oder Philosoph, der von
den Schulleuten, wegen seiner Standhaftigkeit,
seine Sätze auf das Hartnäckigste zu verteidigen,
bis in den Himmel gepriesen worden war, wurde
über diese Lobeserhebungen so stolz, dass er nach
einem ansehnlicheren Amt schnappte. Er hielt daher
bei Hof um die erste Ehrenstelle an, die nur offen
würde, und erlangte sie auch. Eine Ratteneidechse,
oder Chamäleon genannt, suchte nach einer
Professorenstelle auf der Akademie nach,
weil sie ziemlich einträglich war, und der Wunsch
wurde ihr gewährt, weil sie sehr artige Sitten an
sich hatte und den Mantel trefflich nach dem
Wind hängen konnte. Hierdurch aber geschah es,
dass jener ein ebenso ungeschickter Hofmann wurde,
wie er vorher ein vortrefflicher Philosoph gewesen
war, diese aber stellte einen ebenso schlechten
Professor vor, wie sie vorher einen geschickten
Hofmann abgegeben hatte. Denn die Hartnäckigkeit
des Philosophen, seine Meinungen zu behaupten,
die ihm als einem Philosophen sehr wohl anstand,
entstellte ihn nun, da er ein Hofmann geworden
war, weil die Leichtsinnigkeit und ein flüchtiges
Wesen unter die Haupttugenden bei Hof zu rechnen
sind. Denn ein Hofmann sieht nicht sowohl auf das,
was recht und billig ist, als vielmehr auf das,
wobei er bestehen kann und was ihm zuträglich
ist, und nimmt bald diese bald jene Gestalt an,
je nachdem wie das Wetter bei Hof aussieht.
Hingegen was bei Hof als eine Untugend angesehen
wird, wird in den Schulen hoch gerühmt, wo der
Eifer, seine Meinungen auf das Hartnäckigste zu
behaupten, Kennzeichen eines vortrefflichen und
ansehnlichen Mannes sind. Und damit ich’s kurz
mache: Die Untertanen alle, auch diejenigen,
die einiger besonderer Gaben wegen vorgezogen
zu werden verdienten, wurden nichtswürdige und dem
Gemeinwesen ganz unnütze Mitglieder, ja, die ganze
Verfassung der Republik fing an zu wackeln. Als
nun dermaßen alles bunt übereck ging, stellte ein
über alle Maßen kluger Elefant oder Ratsherr mit
Namen Baccari dieses Unglück dem Kaiser auf das
Nachdrücklichste vor. Der Kaiser beschloss daher,
als er von der Wahrheit dieser Sache mehr als zu
wohl überzeugt wurde, diesem Übel alsbald Einhalt
zu tun. Und zwar fing er es mit dieser Reformation
folgendermaßen an: Er setzte nicht gleich alle
und jeden ungeschickten Bedienten ab, denn wenn
er dies getan hätte, würde er das Übel nur ärger
gemacht haben, sondern, wenn ein Amt offen wurde,
so besetzte er es wieder mit einer dazu
geeigneten Person, die etwa aus einem anderen Amt,
zu dem sie sich nicht zu gut eignete, ausgehoben
wurde. Wegen dieses vortrefflichen Dienstes,
den auf diese Weise Baccari dem Vaterland erwiesen
und wovon man die herrlichsten Wirkungen alsbald
wahrnahm, wurde ihm auf dem Markt in Mezendore
eine Ehrensäule errichtet, die noch heutigentags
zu sehen ist. Von der Zeit an hat man auch die
alten Gesetze wieder auf das Genaueste beobachtet.
Unser Dolmetscher versicherte mir, dass ihm diese
Geschichte von einer gewissen Gans erzählt worden
sei, mit der er sehr vertraulich lebe und die hier
unter die vornehmsten und berühmtesten Advokaten
gerechnet würde. In diesem Land bekommt man viel
Ungewöhnliches, ja höchst Erstaunliches zu sehen,
das gewiss die Augen der Fremdlinge und Reisenden
anzieht. Der bloße Anblick der unterschiedlichen
Arten von Tieren, wie Bären, Wölfe, Gänse oder
Elstern und dergleichen, die auf den Gassen und
öffentlichen Plätzen der Stadt so untereinander
herumgehen und sich miteinander besprechen, ist
merkwürdig genug, einem die größte Bewunderung und
das größte Vergnügen zuwege zu bringen. Der Erste,
der auf unser Schiff kam, war ein magerer
Wolf oder der Zollinspektor, der von vier
Habichten oder Dienern, die wir in Europa
Visitatoren nennen, begleitet wurde. Sie nahmen
von unseren Waren zu sich, was ihnen am besten
anstand, wodurch sie sattsam an den Tag legten,
dass sie in der Kunst, wovon sie sich nährten,
sehr wohl unterwiesen wären, und diese Kunst von
Grund auf verstünden. Der Schiffspatron nahm mich
nach seiner gewöhnlichen Leutseligkeit immer mit,
wenn er ans Land stieg. Als wir aufs feste
Land kamen, begegnete uns zuerst ein Haushahn,
der unsere Ankunft sogleich dem Zolleinnehmer
meldete, nachdem er uns vorher wie gewöhnlich nach
dem Grund unserer Reise und nach unserem Vaterland
befragt hatte. Von diesem wurden wir sehr gütig
aufgenommen und zu Gast gebeten. Seine Frau aber,
die wir als eine sehr schöne Wölfin rühmen hörten,
war nicht zugegen. Die Ursache ihrer Abwesenheit
war die Eifersucht ihres Mannes, wie wir hernach
von anderen hörten, der nämlich hielt es
nicht für ratsam, ein so schönes Weibsbild
Fremde sehen zu lassen, besonders Schiffsleute,
die sich der Frauen lange Zeit hätten enthalten
müssen und daher desto begieriger nach einer
hübschen Frau oder Jungfer zu sein pflegten,
wenn sie in einem Hafen einliefen. Doch wurden
verschiedene andere Frauen zugleich mit zu
Gast gebeten, darunter auch die Frau eines
gewissen Schiffskommandeurs, eine weiße Kuh,
die hin und wieder schwarze Flecken hatte. Neben
dieser saß eine ganz schwarze Katze, die Frau
eines königlichen Jagdbedienten, die erst kürzlich
vom Land in die Stadt gekommen war. Unter denen,
die mit am Tisch saßen, hatte gleich neben mir
eine buntscheckige Saumutter ihren Platz bekommen,
die eines Renovationsinspektors Frau war, denn
alle, die solche Ämter verwalten, werden aus dem
Geschlecht der Schweine genommen. Sie war zwar
sehr unflätig und aß mit ungewaschenen Händen,
was bei diesem Volk nichts Ungewöhnliches ist,
schien aber dabei ungemein dienstfertig zu sein,
denn sie langte ein über das andere
Mal in die Schüssel und legte mir vor.
Alle wunderten sich über diese ganz ungewöhnliche
Höflichkeit, zumal da die Saumütter sonst nicht
so höflich zu sein pflegen. Ich für meine
Person hätte gewünscht, dass sie nicht gar so
dienstfertig und höflich gewesen wäre, denn es war
mir sehr verdrießlich, aus den Händen einer Sau zu
essen. Hier ist zu bemerken, dass die Einwohner
des Kaisertums Mezendore alle Hände und Finger
haben, obgleich sie im Übrigen an Leibesgestalt
den unvernünftigen Tieren vollkommen ähnlich sind,
und zwar haben sie die Hände und Finger an den
vorderen Füßen, worin sie auch einzig und allein
von unseren vierfüßigen Tieren unterschieden
sind, und weil ihre Leiber mit Haaren oder
Federn bewachsen sind, so brauchen sie keine
Kleider. Die Reichen unterscheiden sich bloß
durch einigen Zierrat von den Armen, zum Beispiel
durch kostbare Halsbänder von Gold oder Perlen,
oder durch gewisse Rinden, die sie um ihre Hörner
geflochten haben. Die Frau des Schiffskommandeurs
hatte so viel Bänder, Schleifen und Putzwerk auf
ihrem Kopf, dass man ihre Hörner fast gar nicht
sehen konnte. Sie entschuldigte ihren Mann,
dass er nicht zugegen sei, weil ein Streit
ihn zu Hause zurückhielte, in den er kürzlich
verwickelt worden wäre und sich deswegen mit zwei
Elstern oder Advokaten beratschlage, die seine
Sache übermorgen vor Gericht führen sollten.
Nachdem die Mahlzeit vorüber war, unterredete
sich die buntscheckige Saumutter oder des
Renovationsinspektors Frau insgeheim mit unserem
Dolmetscher und entdeckte ihm, dass sie mich
heftig liebte. Dieser tröstete sie in ihrer
Leidenschaft, versprach ihr seinen Beistand
und trug mir die Sache vor. Als er aber sah,
dass er mit Worten nichts bei mir ausrichtete,
riet er mir zur Flucht, indem er gar wohl sah,
dass sie alle erdenklichen Mittel anwenden werde,
ihren Endzweck zu erreichen. Ich blieb daher von
der Zeit an beständig auf dem Schiff, zumal ich
vernahm, dass ihr alter Liebhaber, ein Student,
der die Weltweisheit studierte und eifersüchtig
war, mir den Tod geschworen habe. Jedoch ich war
gegen die verliebten Anfälle dieser Frau auch auf
dem Schiff kaum sicher genug, denn sie suchte
meine Kaltsinnigkeit bald durch Unterhändler,
bald durch Liebesbriefchen, bald aber auch
durch allerhand Buhlenlieder zu vertreiben
oder zu unterbrechen. Und wenn durch den
nachher erfolgten Schiffbruch diese schönen
Sächelchen nicht verloren gegangen wären, so
könnte ich hier eine Probe von den Gedichten
der Schweine beifügen, denn ich habe alles wieder
vergessen und es fällt mir auch nichts wieder ein,
außer etwa ein einziger Reim, in dem sie
einmal ihre Gestalt folgendermaßen rühmte:
Die Borsten musst Du nicht
an mir für Fehler achten:
Du magst ja, wen Du willst,
sonst neben mir betrachten;
So stehest Du gar leicht, es
kann das schönste Schwein,
Vermöge der Natur nicht ohne Borsten sein.
Es ziert ein stolzes Pferd nichts besser als
die Mähne, Den Baum das grüne
Laub, die Wölfin ihre Zähne,
Der Bart macht einen Mann, das
Schaf muss wollig sein, Und
folglich zieren auch die Borsten jedes Schwein.
Die Umsetzung unserer Waren geschah so hurtig,
dass wir innerhalb weniger Tage unter Segel gehen
konnten. Doch hielt eine Streitigkeit unsere
Abreise noch etwas auf, die zwischen unseren
Bootsleuten, die schon vom Land abstechen wollten,
und einigen mezendorischen Bürgern entstand.
Die Ursache dieses Streits war folgende:
Einer von unseren Schiffsleuten ging wie zufällig
durch die Stadt spazieren, da höhnte ihn ein
gewisser Kuckuck aus und nannte ihn spottweise
Peripom, was bei uns Taschenspieler bedeutet.
Denn weil die unnützen Schwätzer und
Komödianten hier zu Lande alle Affen sind,
so hatte gedachter Kuckuck unseren Schiffer für
einen solchen Kerl gehalten. Dieser aber wollte
die ihm angetane Schmach nicht leiden, sondern
verehrte seinem Verhöhner eine dichte derbe
Prügelsuppe und schlug ihm auf etliche Schläge
bald seine Lenden entzwei. Da rief der Kuckuck
alsbald die Umstehenden zu Zeugen an, die er den
folgenden Tag darauf gerichtlich abhören ließ.
Nachdem diese auch verhört worden waren, wurde die
Sache alsbald dem Rat der Stadt vorgetragen. Unser
Schiffer war daher genötigt, einen Advokaten
zu nehmen, der ihm seine Sache führen musste,
weil er selber die mezendorische Sprache nicht
verstand. Vor Gericht aber fiel die Sache nach
Verlauf einer Stunde dahin aus: Der Kuckuck, der
die unnützen Händel angefangen, hätte sich die
ihm zugezogene Ungelegenheit selber zuzuschreiben
und sollte die Gerichtskosten bezahlen, wovon der
Advokat das meiste bekam, wie es in der Regel
zu geschehen pflegte. Die Ratsherren, die das
Urteil sprachen, waren Pferde von denen ihrer zwei
Bürgermeister, die anderen aber Ratsherren hießen.
Nachdem wir nun unsere Sachen glücklich
ausgerichtet und das Schiff mit den kostbaren
Waren angefüllt hatten, segelten wir wieder
unserem Vaterland zu. Als wir auf die Höhe
gekommen waren, hörte der Wind auf einmal auf
zu gehen, sodass wir in unserem Lauf gehindert
wurden. Die Schiffsleute fingen zunächst an, für
eine längere Weile zu fischen. Als aber wieder
ein wenig Wind aufkam, spannten wir die Segel
wieder auf und setzten unseren Weg fort. Und
nachdem wir lange Zeit bei günstigem Wind unseren
Weg fortgesetzt hatten, sahen wir aufs Neue einige
Sirenen, die sich bald über dem Wasser sehen
ließen, sich bald aber wieder darunter verbargen
und zuweilen ein erbärmliches und klägliches
Geheul machten. Dies verursachte bei dem
Schiffsvolk ein ungemeines Erschrecken, weil sie
schon aus Erfahrung wussten, dass auf dergleichen
traurige Musik in der Regel Sturm und Schiffbruch
zu folgen pflegte. Es wurden daher alsbald die
größeren Segel niedergelassen und ein jeder zu
seiner Verrichtung angewiesen. Dies war kaum
geschehen, so umzog sich der Himmel mit schwarzen
Wolken und die See fing von heftigem Sturmwind
dermaßen an aufzuschwellen, dass der Steuermann,
der schon beinah 40 Jahre dieses Amt verwaltete,
aufs Höchste beteuerte, dass er Zeit seines Lebens
noch keinen so heftigen Sturm auszustehen gehabt
habe. Alles, was unter den Verdecken des Schiffs
hin und her zerstreut gelegen hatte, schwamm
schon in der See, und es fielen unter beständigem
Donnern und Blitzen ganz entsetzliche Platzregen,
dass es schien, als wenn sich alle Elemente
zu unserem Verderben verschworen hätten.
Da nun alles stockfinster wurde und nichts als
Feuer und Blitz zu sehen war, auch das Schiff
bald bis an die Wolken flog, bald aber bis in den
Abgrund hinunter fuhr, verloren wir den mittelsten
Mastbaum, dem kurz darauf auch die anderen
folgten. Wir sahen also den Tod vor Augen. Einer
beklagte daher seine Frau und Kinder, ein anderer
seine Freunde und Blutsverwandten, und es war auf
dem ganzen Schiff nichts als Heulen und Wehklagen
zu hören. Der Steuermann gab sich zwar alle Mühe,
sie zu trösten, obwohl er gleich ohne Hoffnung
war, um ihnen zuzureden, sie sollten sich doch
den Schmerz nicht gar so sehr ansehen lassen, weil
doch mit Heulen und Schreien nichts auszurichten
sei. Allein und während dem Zureden kriegte ihn
der Sturm zu fassen und warf ihn ins Meer, dass
er ertrinken musste, worauf wir ihn weiter nicht
sahen. Ein Gleiches begegnete noch drei anderen,
nämlich dem Kommerzienrat und zwei Schiffsleuten.
Ich aber war der Einzige, der das allgemeine
Unglück mit größter Gelassenheit ansah, weil ich
meines Lebens überdrüssig war und mich nicht im
Geringsten wieder zurück nach Martinia sehnte, wo
ich Freiheit, Ehre und Reputation verloren hatte,
und also unter diejenigen zu rechnen war, die
weder Armut noch Bande noch der Tod erschrecken
können. Doch hatte ich gleichwohl mit dem
Schiffspatron Mitleid, weil er mir auf der
ganzen Reise allen guten Willen gezeigt hatte
und suchte daher sein Gemüt mit den besten und
auserlesensten Worten wieder aufzurichten. Allein
ich wandte alle Beredsamkeit vergebens an, denn er
blieb bei seinem weibischen Heulen und Wehklagen,
bis er endlich von der entsetzlichen Flut ins Meer
gerissen wurde. Bei beständig fortwährendem und
immer mehr und mehr überhandnehmendem Sturm war
man auf Erhaltung des Schiffs ferner nicht mehr
bedacht, sondern die Wellen warfen es wie einen
Ball hin und her, nachdem es alle Masten, sogar
das Steuerruder, alles Tauwerk und die anderen
Ruder verloren hatte. Der Sturm hielt 3 Tage und
3 Nächte in einem hintereinander an, wobei wir in
beständiger Todesfurcht waren und keinen Bissen
Speise zu uns nahmen. Der helle Himmel blickte
zwar zuweilen hervor, allein der Sturm währte
immer fort. Endlich lebte beim übrigen Schiffsvolk
die Hoffnung einigermaßen wieder auf, als sie
von weitem Land sahen, das aber doch sehr felsig
und bergig schien, denn weil der Wind landwärts
ging, so hofften wir, wir würden in kurzem landen
können. Es konnte dies zwar nicht ohne Schiffbruch
geschehen, weil sich viele Klippen um das Ufer
befanden, es war aber doch wahrscheinlich, wenn
wir auch nicht alle unser Leben davonbrächten,
dass doch einige oder die meisten sich auf den
Trümmern des Schiffes würden retten können.
Indem wir uns aber mit dieser angenehmen Hoffnung
schmeichelten, stieß das Schiff mit solcher Gewalt
auf eine verborgene Klippe, dass es in tausend
Stücke zerschellte. In dieser Angst ergriff ich
ein Brett und dachte nur an meine Rettung, denn
um die anderen war ich unbesorgt, weil ich mit mir
selber genug zu tun hatte, und ich weiß diese
Stunde noch nicht, wie es ihnen ergangen ist.
Wahrscheinlich ist, dass sie alle elend umgekommen
sind, weil ich niemals hörte, dass jemand von
ihnen auf dasselbe Land geworfen worden sei.
Durch Hilfe und Geschwindigkeit der Wellen
wurde ich schließlich zu meinem größten Glück
ans Ufer getrieben, und es hätte nicht mehr
lange währen dürfen, so wäre ich vor Hunger
und Mattigkeit und vom vielen Arbeiten des
Todes gewesen. Ich war in ein Vorgebirge geworfen
worden und die Wellen fingen an sich zu legen, und
das Toben im Meer gab nur noch zuweilen einen ganz
langsamen und unterbrochenen Schall von sich. Das
Land war bergig und die vielen Gipfel der ungleich
gegeneinander stehenden Berge und die hohlen Täler
und Klüfte in den Felsen gaben einen vielfachen
Widerschall von sich, wenn die Luft sich darin
schlug. Als ich sah, dass ich nah an das Ufer
kam, fing ich an, aus vollem Hals zu schreien,
in der Hoffnung, die Einwohner des Ufers sollten
mein Geschrei hören und mir zur Hilfe kommen.
Als ich das erste Mal schrie, hörte ich keinen
Widerschall, als ich aber mit Schreien fortfuhr,
hörte ich einigen Schall vom Ufer zurück, und ich
sah die Einwohner aus den Wäldern hervorkommen
und mir mit einem Kahn zur Hilfe eilen. Dieser
Kahn war von Hagedornreisern und Eichenzweigen
zusammengeflochten, woraus ich schloss, dass
dieses Volk eben so gar gesittet und witzig
nicht sein könne. Jedoch erfreute mich der Anblick
derer, die mir zur Hilfe kamen über alle Maßen,
weil sie an Leibesgestalt den Menschen vollkommen
ähnlich sahen, wie sie denn auch wirklich
Menschen waren, und ich habe auf meiner ganzen
unterirdischen Reise sonst nirgends als hier
dergleichen angetroffen. Sie kommen den Menschen
gleich, die auf unserer oberen Erde den hitzigen
Erdstrich bewohnen, denn sie haben schwarze Bärte
und krause Haare, diejenigen aber, die mit gelben
und lang herabhängenden Haaren versehen sind,
werden für Missgeburten gehalten. Endlich langten
sie bei dem Stück vom Schiff an, an dem ich hing,
daher ich meine Hände aufs Rührendste ausstreckte,
und sie brachten meinen ermatteten Körper ans
Ufer, wo ich mit Speise und Trank, die zwar
ziemlich schlecht und gering waren, dennoch wieder
erquickt wurde, denn schließlich hatte ich seit
3 Tagen weder gegessen noch getrunken. In kurzem
hatte ich meine frühere Gesundheit wiedererlangt.