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Hörbücher zum Nachdenken

Niels Klims unterirdische Reise – anno 1665

von Ludvig Holberg

29.03.2026 15 min

Zusammenfassung & Show Notes

Kapitel 12
Ankunft an den Quamitischen Ufern

Niels Klims unterirdische Reise
ist ein satirischer Roman von Ludvig Holberg aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Podcast versammelt das vollständige, ungekürzte Hörbuch in deutscher Sprache.
Kapitel für Kapitel entfaltet sich eine Reise durch fremde Ordnungen und vertraute menschliche Eigenheiten – ruhig gelesen, ohne Eile.

Musik:
EGLAIR – Alex-Productions
https://onsound.eu/
Musik bereitgestellt von free-stock-music.com
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 (CC BY 3.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/

Transkript

12. KAPITEL Ankunft an den Quamitischen Ufern Inzwischen liefen die Leute von allen Enden und Ecken herzu. Sie versuchten auch ein über das andere Mal, mit mir zu reden, weil ich aber ihre Sprache nicht verstand, so wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Doch weil mir das Wort Dank, Dank, das sie sehr oft wiederholten, deutsch zu sein schien, so antwortete ich ihnen anfangs deutsch, hernach aber dänisch und endlich lateinisch. Allein sie schüttelten mit den Köpfen und gaben zu verstehen, dass ihnen diese Sprachen unbekannt seien. Endlich versuchte ich, ihnen meine Gedanken in den unterirdischen Sprachen kundzutun, nämlich in denen, die auf dem Planeten Nazar und in Martinia geredet werden, aber es war alles vergeblich. Ich schloss daraus, dass dieses Volk ganz ungesellig sei und mit keinem unterirdischen Einwohner im Bündnis stehen müsse, ich würde hier also wieder zum Kind werden und in die Schule gehen müssen. Nachdem wir lange Zeit miteinander, und zwar dermaßen geschwatzt hatten, dass keiner den anderen verstand, wurde ich zu einer von allerhand Strauchwerk geflochtenen Hütte geführt. Es waren hier weder Stühle, Bänke noch Tische anzutreffen sondern man saß auf der Erde, nahm die Speisen zu sich, und weil sie auch keine Betten hatten, so breiteten sie nur eine Decke auf dem Boden aus und legten sich untereinander darauf schlafen, was mir desto wunderbarer vorkam, da doch die dicksten Wälder in diesem Land anzutreffen sind. Ihre Speise bestand aus Milch, Käse, Gerstenbrot und Fleisch, das sie auf Kohlen brieten, weil sie weiter vom Kochen nichts verstanden. Mit einem Wort, sie waren beinah wie die ersten Menschen, die in aller Unschuld lebten, und weder nach Gut noch Reichtum strebten, sondern sich bloß von Baumfrüchten und der Jagd ernährten. Als ich etwas von ihrer Sprache erlernt hatte, versuchte ich ihrer Unwissenheit zu Hilfe zu kommen und wirklich, auch die schlechtesten Unterweisungen, die ich ihnen gab, wurden als göttliche Aussprüche angesehen. Aus den umliegenden Dörfern kamen die Einwohner, nachdem sie von mir gehört hatten, haufenweise herzugelaufen, damit sie den vortrefflichen Lehrer sehen möchten, der ihnen vom Himmel wäre geschickt worden. Ich nahm wahr, dass einige eine neue Jahrrechnung von meiner Ankunft an begannen. Dies alles war mir um so viel angenehmer, weil ich auf dem Planeten Nazar wegen meines allzu hurtigen Kopfs und in Martinia meiner Dummheit halber jedermann zum Gelächter hatte dienen müssen. Damals wurde an mir erfüllt, was man im gemeinen Sprichwort zu sagen pflegt: Er ist unter den Ungelehrten der Geschickteste, oder: Auf dem Dorf ist gut predigen. Denn ich war hier in ein Land gekommen, wo ich mir durch mäßige Gelehrsamkeit und solche Dinge, die wenig zu bedeuten hatten, einen unsterblichen Namen machen und zu der allerhöchsten Ehre gelangen konnte. Ja ich hatte hier sattsame Gelegenheit, meine Kräfte zu probieren, weil dieses Land alles im Überfluss hervorbrachte, was zu des Menschen Besten und Bequemlichkeit dient. Das meiste wächst freiwillig aus der Erde hervor, ohne dass man einige Mühe auf die Pflanzung wenden müsste, und was in die Erde gesät wurde, das gibt sie mit reichlichem Wucher wieder her, überhaupt aber findet man hier alles, was sowohl zum Vergnügen, als zur Notwendigkeit der Menschen erfordert werden kann. Die Menschen waren hier auch eben nicht ungelehrig sondern besaßen einigen Verstand, weil sie aber nichts gelernt hatten, so lebten sie in der allergröbsten Unwissenheit. Als ich ihnen mein Geschlecht, Vaterland, Schiffbruch und andere dergleichen Dinge, die mir auf meiner Reise begegnet waren erzählte, so fand ich bei ihnen keinen Glauben. Sie hielten vielmehr dafür, ich sei ein Einwohner der Sonne und wäre von dort zu ihnen herabgekommen, weswegen sie mich auch insgeheim Pikilsu nannten oder den Gesandten der Sonne. Dass es einen Gott gebe, glaubten sie zwar, allein wegen des Beweises einer so wichtigen Lehre waren sie unbesorgt, denn sie meinten, es sei schon genug, dass ihre Vorfahren so etwas auch geglaubt hätten und in dieser Lehre einzig und allein besteht ihre ganze Gottesgelahrtheit. In der Sittenlehre war ihnen nichts als dieser Satz bekannt: Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Sie waren keinen Gesetzen unterworfen, sondern der bloße Wille des Kaisers diente ihnen statt der Gesetze, daher wurden auch keine, als nur die gar groben und öffentlichen Laster gestraft. Wer aber in Lastern lebte, den flohen und mieden die anderen, und diese Verachtung war den Schuldigen dermaßen beschwerlich, ja unerträglich, dass sich nicht wenige darüber zu Tode grämten oder sich vor Verdruss selber das Leben nahmen. Die Zeit- und Jahrrechnungen waren ihnen unbekannt, und sie zählten ihre Jahre nur von den Sonnenfinsternissen, die durch den Planeten Nazar verursacht werden. Wenn man daher einen fragte, wie alt er sei, so gab er zur Antwort, er habe so und so viele Sonnenfinsternisse erlebt. Ihre Wissenschaft in der Naturlehre war sehr schlecht beschaffen und abgeschmackt, denn sie bildeten sich ein, die Sonne sei eine güldene Platte und den Planeten Nazar hielten sie für einen Käse. Als ich sie fragte, woher es denn käme, dass der Planet Nazar zu gesetzten Zeiten ab- und zunähme, antworteten sie, das wüssten sie nicht. Ihre Reichtümer und Vermögen bestanden vornehmlich in Schweinen, die sie zeichneten, wenn sie sie in die Wälder auf die Mast schickten, und nach dem einer viel oder der wenige Schweine hatte, wurde er auch für reich oder arm gehalten. Die unfruchtbaren Bäume und die, die keine Eicheln trugen, hieben sie mit Peitschen, weil sie in dem törichten Wahn standen, die Bäume seien nur so neidisch und boshaft, dass sie keine Früchte tragen wollten. So elend war dieses Volk damals beschaffen, und es schien mir fast unmöglich zu sein, ihm gute Künste oder anständige Sitten beibringen zu können. Doch als ich bei mir selbst überlegte, dass niemand von Natur so wild sei, dass er nicht zahm gemacht werden können sollte, wenn er nur Lehre annehmen wollte, so wendete ich allerhand Fleiß an, die rauen Sitten dieses Volks zu verbessern, und wurde deshalb von ihnen als göttlicher Mensch angesehen.Wenn daher jemandem ein Schaf gestohlen worden war, oder eine Ziege verreckte, oder die Ernte schien sparsam auszufallen, oder es war ein Ochse am Pflug umgefallen, oder es stieß ihnen sonst ein Unglück zu, so kamen sie bei Nacht und Nebel zu meiner Hütte gelaufen und baten mich flehentlich um Hilfe. Einstmals sah ich einen Bauern vor meiner Hütte auf den Knien liegen, der die bittersten Tränen vergoss und sich das Fleisch bis auf die Knochen von den Händen gerungen hatte, der mich auch um Hilfe bat. Als ich ihn nach der Ursache seiner Betrübnis fragte, beschwerte er sich über die Hartnäckigkeit und Unfruchtbarkeit seiner Bäume und bat mich auf das Demütigste, ich möchte doch durch mein Ansehen zuwege bringen, dass sie wie sonst Eicheln tragen müssten. Ich erfuhr auch, dass das ganze Land einem König untertan sei, der damals von dem Dorf, in dem ich mich aufhielt, nicht weiter als 8 Tagereisen seine Residenz aufgeschlagen hätte. Ich sage damals, denn das Hoflager hielt sich nicht immer an einem Ort auf, sondern der König verlegte es nach seinem Gutdünken bald in diese, bald in jene Provinz, denn der ganze königliche Hof bediente sich statt der unbeweglichen Häuser gewisser Zelte, die gar leicht von einem Ort an den anderen fortgeschafft werden konnten. Der König, der damals regierte, war schon ein alter Herr und wurde Casba genannt, was einen großen Kaiser bedeuten sollte. Das Land verdiente zwar, auf Grund des weiten Raums, den es unter sich begriff, ein Königreich genannt zu werden, wegen der Unwissenheit seiner Einwohner aber, die ihre Kräfte nicht anzuwenden wussten, war es sehr gering einzuschätzen. Es blieb denn auch den Anfällen und Verspottungen der Nachbarn beständig ausgesetzt, ja es wurde öfters gezwungen, sich den verächtlichen Völkern zu unterwerfen und zinsbar zu sein. Mein Name und das Gerücht von meinen Tugenden wurde alsbald in alle Provinzen des Königreichs getragen. Die Einwohner nahmen von der Zeit an ohne meinen Rat nichts vor, weil sie meine Worte als göttliche Aussprüche ansahen, und sooft wie ein Unternehmen misslang, glaubten sie, dies von meinem Widerwillen oder meiner Kaltsinnigkeit komme. Einige verfielen daher auf den Gedanken, meinen Zorn durch Opfer zu versöhnen. Ich mag die Torheiten dieses so entsetzlich unwissenden Volks nicht alle erzählen; es wird genug sein, wenn ich nur das eine und andere vorbringe, wovon man auf das Übrige leicht schließen kann. Eine schwangere Frau glaubte, ich könne durch meine Kunst gar wohl zuwege bringen, dass das Kind, mit dem sie schwanger ging, ein Knäblein würde. Ein anderer lebte in dem Gedanken, ich könne seinen abgelebten Eltern wohl ihre Jugend und verlorenen Kräfte wiedergeben, und bat mich beweglich darum. Wieder ein anderer bat mich, ich möchte ihn durch die Luft zur Sonne bringen, damit er sich dort so viel Gold sammeln könne, wie er brauche, er wolle sodann mit einem ansehnlichen Schatz wieder zurückkommen. Mit diesen und anderen abgeschmackten Bitten wurde ich alle Tage geplagt, daher ich denn des Öfteren ihre Torheit mit den nachdrücklichsten Worten bestrafen musste, denn ich befürchtete, es möchte endlich die gar zu große Meinung von meiner Gewalt und von meinen Tugenden in eine göttliche Verehrung ausschlagen. Endlich kam es auch dem alten König zu Ohren, es sei ein ganz vortrefflicher Mann in fremder Kleidung in diesem Land angekommen, der sich einen Gesandten der Sonne nenne und der durch seinen weisen und fast göttlichen Unterricht einige Quamiten unterrichte und zugleich dadurch bewiesen habe, dass er mehr als ein Mensch sein müsse. Der König schickte daher also bald einige Gesandte ab mit dem Befehl, dass sie mich nach dem königlichen Hoflager einladen sollten. Es kamen 30 Gesandte, die alle mit Tigerhäuten bedeckt waren, was in diesem Land die vornehmste Tracht ist, weil niemandem erlaubt ist, Tigerhäute zu tragen, er habe sich denn im Krieg gegen die Tanachiten oder andere hervorgetan. (Die Tanachiten sind vernünftige Tiger und die ärgsten Feinde der Quamiten.) Ich hatte indessen in dem Dorf, in dem ich mich aufhielt, ein steinernes Haus, zwei Geschosse hoch, auf die Art, wie unsere europäischen Häuser sind, unter meiner Aufsicht bauen lassen. Das Haus sahen die Gesandten als ein Werk an, das menschliche Kräfte zu übertreffen schien, und deshalb traten sie mit größter Ehrerbietigkeit hinein und kündigten mir des Kaisers Befehl an. Ihr Vortrag aber geschah mit folgenden Worten: »Da der große Kaiser Caspa, unser allergnädigster Herr, und seine Vorfahren, ihr Geschlecht von Spynko, einem Sohn der Sonne, herleiten, der zuerst das quamitische Zepter geführt, so kann ihm nichts angenehmer sein, als diese Gesandtschaft, da sie den größten Nutzen des ganzen Reichs befördern könnte und man Hoffnung hat, dass unter einem so trefflichen und himmlischen Lehrer das ganze Reich bald ein anderes Ansehen bekommen werde. Er lebt daher in der Hoffnung, der vortreffliche Gesandte der Sonne werde desto williger zum königlichen Hoflager kommen, weil er dort, in der königlichen Hauptstadt, besser Gelegenheit haben wird, seine Vortrefflichkeiten an den Tag zu legen.« Nach beendeter Anrede stattete ich ihnen meinen verbindlichen Dank ab und begab mich mit den Gesandten auf die Reise. Sie hatten auf ihrer Herreise 14 Tage zugebracht, zur Rückreise aber brauchten sie nicht mehr als 4 Tage, was durch meine Geschicklichkeit zuwege gebracht wurde; denn ich hatte festgestellt, dass es in diesem Land sehr viele Pferde gab, die den Einwohnern mehr zur Last als zum Nutzen gereichten, weil sie ganz wild in den Wäldern herumliefen. Ich wies daher den Nutzen, den diese großmütigen Bestien schaffen können, und lehrte die Einwohner, wie sie die Pferde zahm machen sollten. Es wurden auch sofort einige Pferde zahm gemacht, und da die Gesandten anlangten, hatte ich ihrer schon so viel bereit und abgerichtet, wie wir zu unserer Rückreise nötig hatten. Als die Gesandten die Pferde sahen, staunten sie darüber und weigerten sich lange aufzusteigen, als sie aber sahen, dass ich, nebst einigen anderen, mich darauf setzte und sie vermittels der Halfter regierte und sie sich mit Zäumen hin und her lenken ließen, so versuchten sie es endlich auch und fassten Mut, sodass sie sich alle zu dieser Reiterei bequemten. Und dies war die Ursache, dass sie ihre Rückreise dreimal eher vollbringen konnten, als ihre Herreise. Als wir nah an den Ort kamen, wo wir glaubten, dass sich das königliche Hoflager befindet, hörten wir, dass es in eine andere Provinz verlegt worden war. Wir mussten also wieder zurückreisen und einen anderen Weg nehmen. Es ist nicht zu beschreiben, mit welchem Erstaunen uns die Quamiten betrachteten, als sie uns in solchem Aufzug sahen. Einige erschraken dermaßen darüber, dass sie das königliche Hoflager verlassen wollten, der Kaiser selbst hielt sich vor Furcht in seinem Zelt und unterstand sich nicht eher vor dessen Tür herauszutreten, bis einer der Gesandten vom Pferd stieg und ihm das Geheimnis eröffnete. Kurz darauf wurde ich mit aller Herrlichkeit und unter zahlreichem Gefolge in das kaiserliche Zelt geführt. Hier sah ich den Casbarn auf dem Teppich sitzen und die Hofbedienten um ihn her stehen. Als ich in das Zelt eingetreten war und die Güte des Kaisers mit den verbindlichsten Worten rühmte, stand er auf und fragte, was der Beherrscher der Sonne, der Urheber und Stammvater des Quamitischen Geschlechts, Gutes mache. Um nun die Quamiten in ihrer alten und falschen Meinung nicht irre zu machen, antwortete ich auf diese Frage folgendermaßen: »Der Beherrscher der Sonne hat mich auf die Erde geschickt, dass ich die rauen Sitten der Quamiten durch heilsame Gebote verbessern und ihnen vielerlei Künste offenbaren soll, durch deren Hilfe sie nicht nur der Grausamkeit der benachbarten Völker widerstehen, sondern auch ihre Grenzen erweitern können. Ich habe Befehl, mich beständig hier aufzuhalten.« Diese Antwort gefiel dem Kaiser über die Maßen gut und er befahl alsbald, ein Zelt für mich neben seinem aufzuschlagen. Es wurden mir auch zwölf Aufwärter beigegeben, die allein zu meinem Dienst stehen sollten, und er bezeigte sich in nichts als Herr gegen mich, sondern er hielt mich als einen treuen und ergebenen Freund.