Folge 7: Was schulden junge Menschen eigentlich der Gesellschaft?

Verantwortung ja. Schuldenlogik nein.

11.09.2026 13 min Christian Troidl

Zusammenfassung & Show Notes

Ein Satz aus meinem Beitrag zum Neuen Wehrdienst hat mehr Widerspruch ausgelöst als erwartet: „Ein Achtzehnjähriger hat bei der Gesellschaft keine offene Rechnung.“

In dieser Solo-Folge gehe ich der Frage nach, ob gesellschaftliche Verantwortung wirklich eine Rückzahlung für Schule, Sicherheit und Infrastruktur ist – oder ob Verantwortung anders begründet werden muss.

Es geht um Wehrdienst, ein mögliches Gesellschaftsjahr, Solidarität und die vielen Orte, an denen Menschen Verantwortung übernehmen: bei der Bundeswehr, in Feuerwehr, THW, Rettungsdienst, Pflege, Vereinen, Jugendarbeit, Kommunalpolitik oder Familie.

Mein Leitgedanke: Verantwortung ja. Schuldenlogik nein.

Was ich hier sage, ist meine persönliche Sicht und keine Stellungnahme der Bundeswehr.

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Transkript

Vor ein paar Wochen habe ich auf meinen Social-Media-Kanälen einen Satz veröffentlicht. Und dieser eine Satz hat deutlich mehr Diskussion ausgelöst, als ich erwartet hatte. Er lautete: „Ein Achtzehnjähriger hat bei der Gesellschaft keine offene Rechnung.“ Du hörst Folge 7 von „Auf eine Tasse Kaffee“. Ich bin Christian Troidl und ich freue mich, dass du dabei bist. Wenn du neu hier bist: In den bisherigen Folgen ging es um Menschen, Heimat, Führung und die Frage, was uns eigentlich prägt. Heute sitze ich ausnahmsweise alleine an der Kaffeetasse. Der Satz, mit dem ich gerade angefangen habe, stand in meinem Beitrag über den Neuen Wehrdienst. Eigentlich ging es dort um ziemlich praktische Dinge. Wer bekommt Post? Wer muss den Fragebogen beantworten? Was passiert danach? Aber wie das manchmal ist: Du schreibst einen langen Beitrag, recherchierst Gesetze und Verfahren, versuchst alles sauber einzuordnen und am Ende diskutieren viele über genau einen Satz. Und das war gar nicht schlecht. Denn einige haben widersprochen. Teilweise ziemlich deutlich. Andere haben zugestimmt. Und bei ein paar Einwänden musste ich tatsächlich noch einmal darüber nachdenken, ob mein Satz vielleicht zu einfach war. Vorweg deshalb zwei Dinge. Ich bin Berufssoldat. Ich halte funktionierende Streitkräfte für notwendig. Und ich wünsche mir, dass sich genügend junge Frauen und Männer bewusst dafür entscheiden, Soldatin oder Soldat zu werden. Was ich hier sage, ist trotzdem meine persönliche Sicht. Keine Stellungnahme der Bundeswehr. Mich beschäftigt nämlich weniger die Frage, ob junge Menschen Verantwortung übernehmen sollen. Natürlich sollen sie das irgendwann. Mich interessiert etwas anderes: Warum eigentlich? Und genau da wird es interessant. Denn ziemlich schnell taucht in der Diskussion um Wehrdienst oder Gesellschaftsjahr ein Satz auf: „Die jungen Leute haben so viel bekommen. Jetzt können sie der Gesellschaft auch einmal etwas zurückgeben.“ Ich verstehe, was damit gemeint ist. Andere Menschen haben Schulen finanziert. Straßen gebaut. Steuern gezahlt. Krankenhäuser betrieben. Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Bundeswehr und vieles andere am Laufen gehalten. Eine Gesellschaft fällt nicht vom Himmel. Niemand lebt völlig unabhängig von den Leistungen anderer. Trotzdem stört mich dieses „zurückgeben“. Denn was genau hat ein Kind eigentlich genommen? Es ist zur Schule gegangen. Es wurde medizinisch versorgt. Es ist auf Straßen gefahren. Es hat einen Spielplatz benutzt, ohne vorher dessen Abschreibungsdauer zu prüfen. Das ist kein Kreditvertrag. Mir ist jedenfalls kein Schreiben zum 18. Geburtstag bekannt, in dem steht: „Herzlichen Glückwunsch zur Volljährigkeit. Ihr bisheriger gesellschaftlicher Kontostand beträgt minus 184.000 Euro. Bitte wählen Sie jetzt eine geeignete Tilgungsform.“ Natürlich haben Bürgerinnen und Bürger Pflichten. Wir zahlen Steuern. Wir halten uns an Gesetze. Wir müssen anderen Menschen in Not helfen. Und ein demokratischer Staat kann unter bestimmten Voraussetzungen auch sehr weitgehende Pflichten festlegen. Aber das ist etwas anderes. Eine gesetzliche Pflicht braucht eine Begründung. Sie entsteht nicht dadurch, dass jemand seine Kindheit zurückzahlen müsste. Und dann kam in den Kommentaren ein Einwand, bei dem ich tatsächlich hängen geblieben bin. Sinngemäß lautete er: „Aber irgendjemand hat das alles bezahlt. Eine Gesellschaft kann doch nicht funktionieren, wenn jeder nur nimmt.“ Stimmt. Eine Gesellschaft funktioniert nicht ohne Solidarität. Nur würde ich daraus etwas anderes ableiten. Nicht: Du schuldest uns etwas. Sondern: Du bist irgendwann selbst Teil der Generation, die Verantwortung übernimmt. Das klingt ähnlich, ist aber für mich etwas völlig anderes. Verantwortung ist keine Rückzahlung. Verantwortung bedeutet, irgendwann nicht mehr nur darauf zu schauen, was andere für mich tun, sondern zu fragen: Wo trage ich selbst etwas? Und spätestens an diesem Punkt wird aus einer Diskussion über Wehrdienst eine viel größere Frage. Was ist zum Beispiel mit einem allgemeinen Gesellschaftsjahr? Auch das wurde in den Kommentaren angesprochen. Ein Jahr Bundeswehr, Pflege, Rettungsdienst, soziale Einrichtungen, Katastrophenschutz oder etwas Vergleichbares. Ich halte das für eine legitime Diskussion. Aber sobald ein Staat sagt: „Wir nehmen jetzt ein Jahr deiner Lebenszeit in Anspruch“, wird die Sache ernst. Dann muss man genauer hinschauen. Wen verpflichtet man? Nur Achtzehnjährige? Warum gerade sie? Männer und Frauen gleichermaßen? Was ist mit Ausbildung, Studium oder Beruf? Wie wird dieser Dienst bezahlt? Und nach welchen Kriterien entscheidet der Staat eigentlich, welche Tätigkeiten so wichtig sind, dass Menschen dazu verpflichtet werden dürfen? Das sind für mich keine Argumente, eine solche Diskussion gar nicht erst zu führen. Im Gegenteil. Das sind genau die Fragen, die beantwortet werden müssen, bevor aus einer Idee eine Pflicht wird. Und ein Satz reicht mir dafür nicht: „Das würde den jungen Leuten sicher guttun.“ Das kann sogar stimmen. Mir haben in meinem Leben Dinge gutgetan, die ich mir freiwillig vermutlich nicht ausgesucht hätte. Das ist trotzdem ein bemerkenswert dünnes Fundament für staatlichen Zwang. Sonst müssten wir irgendwann vermutlich auch über eine allgemeine Brokkolipflicht nachdenken. Ein anderer Einwand war persönlicher. Mehrere Menschen haben sinngemäß geschrieben: „Mir hat der Wehrdienst gutgetan.“ Und das glaube ich sofort. Bundeswehr kann Menschen viel geben. Selbstständigkeit. Kameradschaft. Disziplin. Verantwortung. Erfahrungen außerhalb der eigenen gewohnten Umgebung. Ich sehe seit Jahren in der Ausbildung, wie Menschen wachsen können. Manchmal übrigens schneller, als sie selbst erwartet haben. Aber genau da muss man aufpassen. Dass eine Erfahrung mir gutgetan hat, bedeutet noch nicht automatisch, dass dieselbe Erfahrung deshalb für jeden verpflichtend sein sollte. Und beim Wehrdienst kommt noch etwas dazu. Soldat zu sein ist kein pädagogisches Programm. Es geht nicht hauptsächlich darum, morgens das Bett ordentlich zu machen, neue Freunde zu finden und ein bisschen fitter zu werden. Man wird Soldatin oder Soldat. Man wird Teil bewaffneter Streitkräfte. Das gehört ehrlich zu dieser Entscheidung dazu. Und deshalb halte ich auch wenig davon, junge Menschen über ein schlechtes Gewissen zur Bundeswehr bringen zu wollen. Wer Soldat wird, sollte wissen, warum. Und wenn jemand nach ehrlicher Prüfung sagt: „Nein. Das ist nichts für mich.“ Dann halte ich das nicht automatisch für gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit. Denn Verantwortung ist größer als Bundeswehr. Sie kann bei der Feuerwehr stattfinden. Beim THW. Im Rettungsdienst. In der Pflege. Im Sportverein. In der Jugendarbeit. In der Kommunalpolitik. Im Elternbeirat. Oder ganz unspektakulär dort, wo jemand eine Aufgabe übernimmt, obwohl niemand ein Foto davon macht. Ich habe ohnehin den Eindruck, dass Ehrenamt ziemlich oft an einem zuverlässigen Punkt beginnt: Alle anderen sind schon nach Hause gegangen, und irgendwo stehen noch Stühle herum. Vielleicht ist deshalb die bessere Frage an einen Achtzehnjährigen gar nicht: „Was gibst du der Gesellschaft zurück?“ Sondern: „Wo bist du bereit, Verantwortung für andere zu übernehmen?“ Und auf diese Frage muss man mit 18 noch keine Antwort für die nächsten fünfzig Jahre haben. Vielleicht ist es die Bundeswehr. Vielleicht ein Freiwilligendienst. Vielleicht ein Verein. Vielleicht kommt die große Verantwortung erst später, mit Familie, Beruf oder einem Ehrenamt. Aber irgendwann sollte diese Frage auftauchen. Und da komme ich noch einmal zu den Kommentaren zurück. Denn etwas daran fand ich im Nachhinein ziemlich bemerkenswert. Wir waren uns wahrscheinlich weniger uneinig, als es am Anfang aussah. Fast niemand hat gesagt: Gesellschaftliche Verantwortung ist unwichtig. Der Streit begann an einer anderen Stelle. Woher kommt diese Verantwortung? Aus Dankbarkeit? Aus Pflicht? Aus Solidarität? Aus einem Gesetz? Oder aus der eigenen Entscheidung? Und vielleicht lohnt es sich, genau dort genauer zu werden. Denn wenn wir von Pflicht reden, sollten wir auch Pflicht meinen. Wenn wir Solidarität meinen, sollten wir Solidarität sagen. Und wenn wir wollen, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen, sollten wir ihnen vielleicht auch zutrauen, darüber selbst nachzudenken. Ich bleibe deshalb bei meinem ursprünglichen Satz: Ein Achtzehnjähriger hat bei der Gesellschaft keine offene Rechnung. Er muss seine Kindheit nicht zurückzahlen. Aber irgendwann wird auch aus ihm jemand, der diese Gesellschaft mitträgt. Und vielleicht ist das der interessantere Gedanke. Denn es ist ziemlich bequem, jungen Menschen zu erklären, was sie alles tun sollten. Die unangenehmere Frage richtet sich an uns selbst: Welche Verantwortung übernehme ich eigentlich? Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem gesellschaftliche Verantwortung beginnt. Nicht mit einer Rechnung. Sondern mit einer Entscheidung. Danke fürs Zuhören. Und bis zur nächsten Tasse Kaffee.