Die Zwei von der Talkstelle

Gespräche aus der Selfpublisher- und Buchbubble

Gewinnerin des Ingeborg Bachmann-Preises: Lena Schättes Weg zu Autofiktion und hoher Literatur

Die Bachmann-Preisträgerin Lena Schätte spricht mit uns über ihren Weg zum Schreiben und den Druck nach der Auszeichnung.

06.08.2026 56 min

Zusammenfassung & Show Notes

Die Bachmann-Preisträgerin Lena Schätte spricht mit uns über ihren Weg zum Schreiben und den Druck nach der Auszeichnung. Sie erzählt, wie sie vom Pflegeberuf zur autofiktionalen Prosa fand, wie das Studium des literarischen Schreibens für sie ablief und warum Themen wie psychische Erkrankungen und Körperscham ihre Texte prägen.
Natürlich verrät uns Lena auch, wie es so war hinter den Kulissen des Ingeborg Bachmann-Preises, wie sie sich auf die Lesung im Fernsehstudio vorbereitet hat und warum der Preis für sie ein so besonderer Moment war. 
Und sie teilt mit uns ihren Schreibprozess, in dem bei ihr aus einem Kerngefühl heraus Texte entstehen. 
Außerdem Lena spricht über Stipendien und Zukunftspläne. Hört rein!
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Foto Lena Schätte: (c) Boris Breuer
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'Long Bright River' von Liz Moore 
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Gespräche über das Schreiben und Veröffentlichen von Büchern, egal ob Selfpublishing oder Verlag. 


Die Bachmann-Preisträgerin Lena Schätte spricht mit uns über ihren Weg zum Schreiben und den Druck nach der Auszeichnung. Sie erzählt, wie sie vom Pflegeberuf zur autofiktionalen Prosa fand, wie das Studium des literarischen Schreibens für sie ablief und warum Themen wie psychische Erkrankungen und Körperscham ihre Texte prägen.

Natürlich verrät uns Lena auch, wie es so war hinter den Kulissen des Ingeborg Bachmann-Preises, wie sie sich auf die Lesung im Fernsehstudio vorbereitet hat und warum der Preis für sie ein so besonderer Moment war.

Und sie teilt mit uns ihren Schreibprozess, in dem bei ihr aus einem Kerngefühl heraus Texte entstehen.
Außerdem Lena spricht über Stipendien und Zukunftspläne. Hört rein!

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Transkript

Vera
00:00:00
Sie ist die Gewinnerin des Ingeborg-Machmann-Preises von diesem Jahr und jetzt ist sie bei uns zu Gast. Die Rede ist von Lena Schette. Sie kommt aus NRW und hat eine ganz beeindruckende Geschichte hingelegt, über die sie uns erzählt hat.
Tamara
00:00:15
Sie hat uns von ihrem Studium des literarischen Schreibens berichtet, von ihrem Schaffensprozess, von ihrem Antrieb zu schreiben. Es war so spannend und ja, ich sage es auch nochmal inspirierend, hör unbedingt rein. Hier ist Folge 323 von Die zwei von der Talkstelle, dem Podcast übers Schreiben und Veröffentlichen im Verlag und im Self-Publishing. Mir gegenüber wieder einmal die liebe Vera Nettwig. Ich heute auch wieder einmal die... Ja, auch liebe Tamara Leonhard.
Vera
00:01:04
Soweit ich das auf der Entfernung beurteilen kann. Die Details kenne ich ja nicht. Ich bemühe mich. Du, genau.
Tamara
00:01:12
Wie geht's dir?
Vera
00:01:15
Komplizierte Frage.
Tamara
00:01:17
Ui.
Vera
00:01:18
Ich habe heute Morgen, bin ich also mit der Vorfreude aufgewacht, dass heute meine Bücher, also die gedruckte Ausgabe von Fadenscheinig, von meiner Druckerei ankommt. Und ich hatte schon gestern dann alles geplant und geguckt, wo muss ich immer welche hinschicken und schon die Libri-Rechnungen vorgedruckt und Adressaufkleber und was man so alles braucht, und war so richtig voller Vorfreude. Also die Pakete sollten bis 10 Uhr kommen. Ich lasse die immer ins Büro schicken und wollte so um halb 10 losfahren und gucke einfach nochmal in die Sendungsverfolgung. Vielleicht sind sie schon da, so in Vorfreude. Und dann steht da voraussichtliche Zustellung am nächsten Werktag. Super.
Tamara
00:02:09
Ja, das ist natürlich sowas, gerade wenn es so heiß ist, vielleicht hat der Fahrerkreislauf, es ist zusammengeklappt, weißt du nicht.
Vera
00:02:15
Steckst du nicht drin. Aber das war so ein bisschen Coritus Interruptus.
Tamara
00:02:23
Verstehe, was du meinst.
Vera
00:02:25
Und da habe ich gedacht, Mist, und ich hatte mich so gefreut. Ich liebe ja nichts mehr als Bücher verpacken und versenden. Das ist so cool. Und dann immer mit den Riesenboxen in der Post und dann alles auf den Postschalter knallen.
Tamara
00:02:38
Vielleicht solltest du eine Buchversanddienstleistung anbieten.
Vera
00:02:42
Ach nee, wenn das nicht mein eigenes Buch ist, macht das kein Spaß.
Tamara
00:02:49
Ich hatte jetzt schon kurz Träume.
Vera
00:02:55
Ja, na gut, jetzt hoffentlich kommt es jetzt morgen, weil alles andere wäre blöd, weil am Freitag fahre ich das Wochenende in Hamburg. Das wäre jetzt wirklich knochenhackt, wenn die Bücher hier ankommen.
Tamara
00:03:05
Wo musst du denn in Hamburg?
Vera
00:03:06
Eine Freundin von mir wird 70 und da feiern wir natürlich. Und ja, also das wäre jetzt doppelt traurig.
Tamara
00:03:16
Na, wird schon funktionieren.
Vera
00:03:17
Ja, aber ansonsten muss ich sagen, bin ich doch sehr zuversichtlich. Also meine Amazon Ads entwickeln sich erfreulich gut, also auch viel besser, als die KI prognostiziert hat. Also ich bin jetzt tatsächlich mit den Anzeigen diesen Monat mal auf Holz klopfen, im profitablen Bereich. Sehr schön. Jetzt habe ich ja die ersten zwei Monate kräftig zugezahlt und momentan so, und entwickelt sich gut. Die Tantiemen steigen auch wieder. Ich hatte ja so ab Mitte Juli noch so einen Einbruch. Wobei, nach dem Einbruch war es immer noch ein Drei- bis Vierfaches von dem, was ich die Monate vorher hatte. Aber wenn man einmal so verwöhnt wird. Und jetzt entwickelt es sich wieder. Und irgendwie passieren gerade so viele coole Sachen. Ich habe jetzt mitbekommen, ich hatte ja einen Artikel in der Rheinischen Post, was ja eigentlich für den Lokalteil Krefeld gedacht war. Aber jetzt Infos bekommen, dass die das wohl überall in Düsseldorf, überall gedruckt haben.
Tamara
00:04:26
Sehr schön.
Vera
00:04:27
Und cool. Und ich habe heute Morgen, ich hatte ja mal so eine Liste von Buchhändlern und ich sammle ja auch immer die Adressen von Buchhandlungen, die mal über die Jahre vereinzelt mal ein Buch bei mir bestellt haben. Die habe ich jetzt mal angeschrieben. Da haben die Ersten auch schon geschrieben, dass sie bestellt haben, beziehungsweise bei mir bestellt. Und ja, also es fühlt sich gerade ziemlich cool an. Und heute Morgen habe ich sogar, ich hatte ein bisschen gestockt beim Schreibprojekt. Wenn da so viel durch den Kopf geht und so, dann passt das nicht so ganz. Und da habe ich heute Morgen aber auch wieder gut die Kurve bekommen, mein World Count locker überschritten. Krima. Ja, also ich muss sagen, ich muss nochmal auf Holz klopfen, nichts verzeihen, aber momentan.
Tamara
00:05:15
Das freut mich, das ist doch sehr schön.
Vera
00:05:17
Ja, und bei dir?
Tamara
00:05:19
Ja, kann ich tatsächlich teilen. Also ich hatte ein Hammer-Wochenende. Am Sonntag war ja das Saarburger Literaturfestival, in das ich sehr intensiv eingebunden war. Also es war einfach eine richtig, richtig schöne Veranstaltung. Die Location ist ja super cool, die kannte ich ja vorher schon, diese historische Glockengießerei. Und ja, allein, dass man mit Ausstellerständen halt nicht in einer Halle steht, sondern wirklich so zwischen alten Glocken und Werkbänken, das war total cool. Dann gab es ja diese drei Bühnen, Musik. Es war alles sehr Richtung Festival aufgezogen mit so Festivalbändchen. Hier noch am Arm und so Wimpeln, bunten und Musik und so. Und genau, ich war ja ursprünglich in zweifacher Funktion dort, aber letzten Endes dann sogar in dreifacher, weil eine Lesung ausgefallen ist. Ich habe gesagt, du, bevor ich mich schlagen lasse, lese ich auch noch. Und war da wirklich super aktiv den ganzen Tag. Also ich habe zusammen mit Simi Will vom Dazwischen-Podcast aus Trier habe ich die Moderation gemacht. Wir haben das Festival gemeinsam eröffnet und dann hatten wir uns halt so aufgeteilt, wer moderiert wen an. Und das hat super viel Spaß gemacht. Einfach die Leute waren auch cool drauf. Wir haben von der Rosemarie Schmidt, die hatte einen Stand mit ihren Büchern, die hatte noch zwei so Glocken dabei, kleine. Und dann sind wir immer mit diesen Glocken durch alle Räume und haben die Leute zusammen gebimmelt. Und ja, dann eben die Lesungen anmoderiert. und, Ja, wie gesagt, am Schluss hatte ich noch eine kurze Lesung, da war jetzt nicht mehr so super viel los, aber die Leute, die da waren, die haben auch schönartig zugehört. Eine kam dann auch danach zu mir und meinte, sie hat geweint. Und ja, also dafür, dass ich, weiß ich nicht, maximal 30 Prozent der Zeit an meinem Stand war, habe ich auch, also es sind sieben Bücher, haben ein neues Zuhause gefunden. Dafür, dass ich eigentlich fast gar nicht da war, finde ich das auch ziemlich cool. Da hat die liebe Sissi, mit der ich den Stand zusammen gehabt habe, dann auch so ein bisschen meine Seite mitbetreut. Und ja, also es war einfach so ein richtig schöner Adrenalintag. Ich bin von Bühnentermin zu Bühnentermin gesprungen und das war einfach richtig, richtig schön. Die Stimmung war der Hammer. Also sowas würde ich sehr gerne öfter machen.
Vera
00:07:51
Ja, kann ich mir gut vorstellen. Ja. Das kann ich sehr gut davor ziehen, das würde ich auch gern machen. Und ich glaube, da sind wir jetzt so direkt auch mit unserem heutigen Thema, weil dann, Solltest du ja vielleicht mal gucken, ob du dich nicht zum Ingeborg-Bachmann-Preis bewirbst.
Tamara
00:08:09
Als Moderation meinst du?
Vera
00:08:11
Nee, als Teilnehmerin, weil da muss man ja auch lesen.
Tamara
00:08:14
Ja, aber ich glaube weder du noch ich schreiben die Literatur, die dort gelesen wird.
Vera
00:08:20
Also das würde ich jetzt bei deinem Thema nicht unbedingt sagen, aber das werden wir heute mal klären, weil wir haben jemand heute zu Gast, die das genau uns sagen kann.
Tamara
00:08:29
Jawohl.
Vera
00:08:30
Wir haben nämlich heute die Frau da, die diesen Preis, den Ingeborg-Bachmann-Preis, gewonnen hat. Und sie kommt sogar aus NRW und hat eine ganz tolle Geschichte und Werdegang, worüber ich jetzt schon jede Menge Fragen habe. Und ich freue mich riesig, dass sie heute da ist. Die Rede ist von Lena Schette. Hallo Lena.
Lena
00:08:55
Hallo zusammen. Ich freue mich, da zu sein.
Tamara
00:08:57
Hallo.
Vera
00:08:58
Liebe Lena, als ich gelesen habe, Lena Schette aus NRW, darf ich dein Alter sagen? 22? Stimmt das, ne?
Lena
00:09:10
32.
Vera
00:09:10
32, okay, auch egal. Wie komme ich denn auf 22? 32 hat Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Da habe ich gesagt, wow, das muss ja der Mega sein. Ist dein Leben danach noch dasselbe?
Lena
00:09:27
Das ist eine gute Frage. Ich bin ja jetzt ungefähr so einen Monat später und ich glaube, ich kann noch gar nicht so absehen, welche Veränderungen das mit sich bringt. Da müssten wir wahrscheinlich in einem Jahr noch mal reden. Aber was ich sagen kann, das sind deutlich viel mehr E-Mails und Anrufe.
Tamara
00:09:42
Vielleicht werfen wir mal kurz noch einen herzlichen Glückwunsch ein.
Vera
00:09:45
Ja, das ist absolut mega. Und dann sind wir erst recht geplättet, dass du dann auch unsere E-Mail-Anfrage dennoch angenommen hast und heute hier bist. Jetzt ist ja der Ingeborg-Bachmann-Preis ein ganz besonderer Preis. Wenn man so ein bisschen schaut, wie so die Preislandschaft ist im deutschsprachigen Raum, dann gibt es sicherlich den Georg-Büschner-Preis als den Lebenswerk-Preis für Autorinnen und Autoren. Es gibt den Deutschen Buchpreis, vielleicht noch das österreichische Pendant. Und dann gibt es den Ingeborg-Pachmann-Preis. Aber der ist ja kein Buchpreis, sondern das ist ja im Prinzip ein Lesewettbewerb. Und da denke ich mir ich würde mir, also ich traue mir schon viel zu aber ich würde mich ums Verrecken nicht trauen da irgendwie hinzugehen.
Lena
00:10:37
Ja, ich habe den Bachmann-Preis kennengelernt, als ich am Literaturinstitut in Leipzig studiert habe, weil da wird es richtig zelebriert, da machen die Studierenden zusammen Public Viewing und, alle fiebern mit und das hat fast so ein bisschen was wie für andere Menschen, wahrscheinlich ESC oder so. Und ich fand es total spannend. Und dann war ich für den Klagenfurter Literaturkurs eingeladen. Das ist so ein Förderkurs für angehende SchriftstellerInnen, wo man während des Bachmanns-Wettbewerbs in Klagenfurt ist. Und das Gudi des Ganzen ist praktisch, dass man während des Bachmannpreises im Fernsehstudio sitzen kann und zuschauen kann. Und mich hat das damals irgendwie total mitgerissen. Und ich habe den ganzen Tag im heißen Studio gesessen und dachte, das möchte ich später auch machen. Und dann hat es geklappt. Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, aber es hat geklappt.
Vera
00:11:26
Ja, aber das sagst du so. Es ist ja nicht so, dass man sagen kann, hey, ich will mal, sondern es wird ja wirklich erwählt. Man muss ja von einem der Jury-Mitglieder quasi eingeladen werden.
Lena
00:11:39
Genau, richtig.
Vera
00:11:40
Das war bei dir der Jeiser Thomas Schettler oder so ähnlich?
Lena
00:11:43
Thomas Sträßler, genau.
Vera
00:11:44
Sträßler, ich bin heute total verstanden. Egal.
Lena
00:11:47
Auch wahnsinnig heiß.
Vera
00:11:49
Ja, ja.
Lena
00:11:49
Ich habe mich tatsächlich einfach mit einem Text aus meinem aktuellen Romanprojekt beworben und dann hat es funktioniert. Aber ich hatte mich davor auch schon erfolglos beworben. Es hat nicht auch den ersten Anlauf funktioniert.
Tamara
00:12:02
Und musstest du den als Text einreichen oder wenn es ja auch ums Lesen geht, irgendwie mit einem Video?
Lena
00:12:08
Nee, nicht mit einem Video, aber es ist so, dass der über den eigenen Verlag oder die Literaturagentur eingereicht wird. Und ich glaube, die reichen auch noch ein kleines Empfehlungsschreiben mit. Das habe ich aber nicht gesehen.
Vera
00:12:21
Also ich habe gelesen, dass auch Literaturzeitschriften und so einreichen können. Also Tamara, du als lesende, musizierende Wampensau könntest dich doch mal bewerben.
Tamara
00:12:32
Na, schauen wir mal. Aber das können wir ja gleich mal die Lena fragen. Würdest du denn sagen, was ist deine Einschätzung, was ein Text und ein Autor, eine Autorin braucht, um da überhaupt eine Chance zu haben?
Lena
00:12:50
Weil die Texte, die da stattfinden, die ja total vielfältig und unterschiedlich sind. Und die Menschen auch zum Glück dazu immer bunter werden über die Jahre. Ich glaube, man muss große Lust am Vorlesen haben, und ein bisschen Performance mitbringen, das hilft auf jeden Fall. Ansonsten, glaube ich, ganz unterschiedliche Texte haben so eine Chance.
Vera
00:13:10
Ja, wobei man jetzt ja schon sagen muss, du hast ja diesmal wirklich total abgeräumt. Du hast ja noch den Publikumspreis gewonnen, du bist quasi einstimmig, es gab keine Stichwahl, die es sonst häufig gibt.
Lena
00:13:23
Ja.
Vera
00:13:23
Du hast die anderen auch quasi niedergemacht.
Lena
00:13:26
Boah, das klingt so böse.
Vera
00:13:28
Nein, ich meine das jetzt absolut bewundernd und verdient Ja.
Lena
00:13:33
Ich habe mich sehr gefreut Es ist anders gelaufen, als ich gedacht habe.
Vera
00:13:37
Was war denn, jetzt muss ich ja gestehen, dass ich das tatsächlich nicht geguckt habe im Fernsehen Ich muss das mal einplanen ESC gucke ich immer Also machen wir künftig.
Tamara
00:13:47
Dann auch noch eine Inge-Party.
Vera
00:13:50
Machen wir eine Inge-Party, Hast du denn jetzt speziell Performance gemacht oder habe ich das einfach nur, schön dynamisch zu lesen.
Lena
00:14:00
Ich glaube, ich habe jetzt nicht so viel Performance gemacht, aber ich habe mich schon vorher darauf vorbereitet und habe auch ein Lesecoaching bei einem Schauspieler in Frankfurt gemacht. Und man versucht sich einfach sehr kleinteilig auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Also ich hatte zig verschiedene Outfits mit, die ich am Ende nicht angezogen habe, weil es viel zu heiß war. Irgendwie noch so Maniküre, Friseurbesuch, alles, was man irgendwie vorher machen kann.
Tamara
00:14:24
Also ein bisschen wie bei den Oscars.
Vera
00:14:28
Aber da kriegt man die Kleider gestellt beim Oster. Aber ich muss auch noch mal nachfragen. Also jetzt Literatur und alles ganz besonders bedeutend, da stellen sich die Menschen ja immer schön, da sitzt man hinter so einem edlen Tisch mit dem Wasserglas und der Stehlampe und liest. Ich gehe mal davon aus, das ist da ganz anders.
Lena
00:14:55
Also es ist einfach so, dass man natürlich einen wahnsinnigen Stresspegel hat, wenn man da hinfährt. Also ich glaube, für mich war das Schlimmste die Tage vor der Abfahrt zu Hause. Also ich hatte so einen Stress, dass ich schon körperliche Symptome bekommen habe.
Vera
00:15:07
Oh Gott.
Lena
00:15:08
Und ich habe gedacht, oh Gott, oh Gott, was hast du da nur gemacht? Und dann bin ich hingefahren und als ich dann vor Ort war und auch die anderen AutorInnen und das Team im Fernsehstudio kennengelernt habe, da wurde ich dann ein bisschen ruhiger und habe gemerkt, okay, alle anderen haben ja auch einen hohen Stresspegel und haben sich auch viele Gedanken gemacht und wir sitzen irgendwie in dem selben Boot. Das hat mir geholfen. Der Moment des Lesens ist dann eigentlich total schön, weil bessere Lesungsbedingungen gibt es, glaube ich, nicht. Also es ist ganz still in dem Studio. Das Publikum ist wahnsinnig aufmerksam, hat ja auch die Texte ausgedruckt und liest mit und blättert rhythmisch.
Vera
00:15:43
Okay.
Lena
00:15:45
Und man vergisst wirklich schon einen Moment, dass die Kameras um einen rumrollen. Und das Lesen war dann ganz schön.
Vera
00:15:51
Okay. Wie muss ich mir dann, also ich meine, das ist ja jetzt wirklich ein sehr bedeutender Preis. Ich gehe mal davon aus, dass dann da auch sehr bedeutende Menschen sind. Und die du jetzt alle kennst und duzt und Telefonnummern ausgetauscht hast. Ich meine, sowas hilft ja für die Karriere, oder? Hast du schon ein paar große Verträge jetzt abgesandt?
Lena
00:16:15
Ich bin ja mit einem Verlag im Rücken schon hingefahren und war deswegen nicht so auf der Suche. Aber wenn man jetzt hinfährt und man hat noch keinen Verlag, noch keine Agentur, dann ist das, glaube ich, ein guter Ort, um Menschen kennenzulernen und Visitenkarten mit nach Hause zu nehmen.
Vera
00:16:30
Absolut, absolut, ja. Jetzt, wenn man so deine Geschichte oder deinen Werdegang liest, du hast ja gerade schon gesagt, dass du da im Leipziger Literaturinstitut studiert hast, aber du bist ja von Hause aus Psychiatrie-Krankenschwester, wenn ich das jetzt richtig zitiert habe.
Lena
00:16:49
Richtig.
Vera
00:16:50
So, braucht man eine Vergangenheit ab Psychiatrie-Krankenschwester, um diese Bücher zu schreiben, die du schreibst?
Lena
00:16:59
Braucht man die nicht?
Tamara
00:17:01
Nur so geht's, Vera.
Lena
00:17:06
Ich glaube, dass es auf jeden Fall hilft, ein bisschen Leben gelebt zu haben, in welcher Form auch immer. Und ich weiß noch, ich habe ja damals mir den Krankenschwesterberuf wirklich als vernünftigen Brotjob rausgesucht, weil ich gemerkt habe, zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht vom Schreiben leben und da gab es auch keine Perspektive darauf. Und da habe ich erst gedacht, das ist ein Umweg. Aber am Ende habe ich gemerkt, dass es total gut zusammengepasst hat. Weil ich da auch so viele Menschen getroffen bin, so viel erlebt habe und da auch ganz viel Persönlichkelei aus Versehen gemacht habe in der Arbeit. Und es hat dem Schreiben gut getan.
Tamara
00:17:42
Ja, du hast ja auch gezielt eben literarisches Schreiben studiert. Also es war auch von vornherein klar, in welche Richtung du mit deinen Werken gehen möchtest. Also ob es jetzt eben was Hochliterarischeres ist oder eben Unterhaltungsliteratur. Wann war das für dich klar, was du schreiben möchtest?
Lena
00:18:03
Das hat viele Jahre gedauert. Und ich glaube, das war an meinem Schreibprozess auch das Schwierigste, rauszufinden, was ich endlich schreiben will. Also ich habe über die Jahre ganz viele lange Manuskripte geschrieben in ganz unterschiedliche Richtungen und habe sie dann oft nicht so inne geschrieben, weil ich dann gemerkt habe, okay, das ist vielleicht doch nicht das Thema, das mich wirklich umtreibt und mich bis zum Ende trägt. Oder das ist doch nicht mein Genre. Und dass ich da gelandet bin, wo ich jetzt bin, ist tatsächlich während des Studiums dann passiert. Da haben sich die Dinge sortiert auf einmal.
Tamara
00:18:31
Ja, cool.
Vera
00:18:33
Ja, jetzt hast du ja der Text, mit dem du da gewonnen hast, handelt ja von zwei Schülerinnen, die, wie sagt man es jetzt, korrekt übergewichtig sind?
Lena
00:18:46
Mehrgewichtig, dick.
Vera
00:18:48
Ja, sagt man dick. Okay. Und ich meine, das ist ja schon ein auch sehr psychologisches Thema, wo man da so dran geht. Wo ich jetzt ja, ich muss ja gestehen, ich schreibe ja eher die heiteren Kuschelkrimis. Und da gibt es zwar auch Psychologie, aber wahrscheinlich nicht ganz so in der Tiefe. Und der Handlungstreiber ist ja was anderes. Ich finde es immer total bewundernswert, wenn man aus so einem psychologischen Detail eine ganze Geschichte machen kann. Wie leicht oder wie schwer ist dir das gefallen?
Lena
00:19:25
Das ist ja irgendwie meine Schreibhaltung und meine Schreibbewegung. Und wenn ich so einen Text schreiben müsste wie du, dann würde mir das wahrscheinlich total schwer fallen. Also bei mir ist immer so, dass am Anfang eines langen Textes ein Gefühl steht, das ich gerne erzählen möchte. Und das ist oft ein autobiografisches Gefühl, was mit meiner Biografie zu tun hat mit mir. Und dann gehe ich auf Erkundungstour Und dann baue ich einen Boden, auf dem ich das Gefühl erzählen kann und suche mir Figuren dazu. Und auf einmal sehe ich das Thema überall, wo ich hingehe. Und so entsteht das dann peu a peu. Ich glaube, das ist einfach meine ganz natürliche Schreibbewegung.
Tamara
00:20:03
Also ich fand es so schön, als ich mir deine Geschichte angehört habe. Wie sage ich es? Also du gehst ja auf verschiedene Themenbereiche ein. Es fängt in der Schule auf dem Schulklo an und endet dann eben auch später im Leben. Aber irgendwie hat es sich trotzdem angefühlt wie so ein Gedanke aus einem Guss. Wie gehst du das an?
Lena
00:20:28
Ja. Ich glaube, das ist tatsächlich dieses Kerngefühl, um das dann der ganze Text zirkuliert. Es gibt ja dieses kitschige Bild von, ein guter Text ist wie ein Körper, jede Zelle weiß von der anderen Zelle. Und so ist das, glaube ich, auch so ein bisschen. Wenn ich dann einmal dieses Kernthema, das Kerngefühl für mich gefunden habe, dann ist alles automatisch verbunden und zirkuliert darum.
Vera
00:20:51
Aber jetzt muss man ja trotzdem, braucht es ja Handlung. Also da tue ich mich immer schwer. Ich kann mir schon verschiedenste Gefühle Gefühle und Situationen vorstellen, die ich spannend finde. Mir fällt es dann nur extrem schwierig, die in einer Handlung auch umzusetzen. Und man will ja jetzt nicht nur irgendwie beschreiben, wie der Mensch sich fühlt. Man muss ja show, don't tell. Man muss es ja zeigen. Und dann zu finden, was ist jetzt ein gutes Setting, damit ich diese Problematik, möglichst deutlich machen kann. Das ist aber der Punkt, an dem ich meistens scheitere. Hast du da einen Tipp für mich dass ich dann vielleicht auch mal literarisch schreiben kann.
Lena
00:21:35
Bei mir ist es so dass ein Text schon ganz lange in mir köchelt bevor ich anfange ihn zu schreiben also ein Thema beschäftigt mich und manchmal laufe ich damit jahrelang rum und ich zerdenke das und überlege was für ein Sound könnte das haben, wie kann ich das erzählen, und dann schaue ich natürlich auch in den Texten die ich lese danach in meinem Umfeld, in den Filmen die ich schaue, Und dann entstehen ganz oft viele Fragmente, Satzfetzen, die Leute zu mir gesagt haben, die ich dann einsammle und in mein Notizbuch schreibe. Und mit der Zeit entstehen dann daraus Szenen. Aber der Prozess meines Schreibens ist, glaube ich, relativ chaotisch. Ohne großes Plotting-System, ohne Flipchart im Büro. Ich wäre immer gerne ein bisschen mehr so, weil ich glaube, Struktur gibt einem auch Halt. Und ich habe auch manchmal das Gefühl, dass ich meinen Schreibprozess nicht so richtig kontrollieren kann. Ich muss mich einfach darauf einlassen.
Vera
00:22:29
Wie macht sich das bemerkbar? Was würdest du gern kontrollieren?
Lena
00:22:33
Ich glaube, zum einen ist es so, dass ich schreibe den ganzen Tag über in kleinen Portionen, was wahrscheinlich auch davon geprägt ist, dass ich die meiste Zeit in meinem Leben Vollzeit im Schichtdienst gearbeitet habe und zwischendurch schreiben musste. Das heißt, ich renne irgendwie immer mit einem Notizbuch rum oder ich quassle irgendwas ins Handy und die Sitzungen, in denen ich diese Fragmente dann zusammentrage, sind dann oft nachts. Aber auch das Sitzen kann ich irgendwie schlecht aushalten und tige dann immer wieder rum und mache was anderes oder rufe den an, wenn noch jemand wach ist oder so. Und ich habe Menschen, die sich praktisch wirklich einen Arbeitstag mit dem Schreiben planen, immer bewundert, weil ich denke, es ist irgendwie produktiver und man kriegt mehr hin, aber es funktioniert für mich nicht. Selbst wenn ich einen Tag jetzt wirklich so plane, dass ich mich hinsetze sechs Stunden und ich habe alle Zeit der Welt, dann passiert aber nichts, dann schreibe ich nicht.
Tamara
00:23:23
Aber ich frage mich halt auch, ob für diese Art von Text ein produktiver Prozess überhaupt funktionieren kann. Weil also ich stelle mir vor, dass es halt schwierig ist zu sagen, so jetzt setze ich mich hin und jetzt funktioniert das, was glaube ich, wenn man halt so eine klare Genre Literatur schreibt und auch schon vorher geplottet hat und genau weiß, okay, die nächste Szene ist das und das, vielleicht ist dann die erste Version, die man runterschreibt, nicht gut, aber man hat dann schon mal ein Gerüst da stehen, ich weiß nicht recht, ob das bei deiner Art von Text überhaupt funktionieren würde, was denkst du?
Lena
00:24:01
Ja, das habe ich mich auch schon mal gefragt, ob man nicht auch nach Form eines Textes irgendwie ansehen kann, wie sie entstanden ist. Also bei meinem letzten Roman war das auf jeden Fall so. Der ist ja sehr fragmentarisch mit der kurzen Kapiteln und das hatte auch was damit zu tun, dass das Schreiben sich so ein bisschen angefühlt hat, als würde ich die Hand auf die Herdplatte drücken und gucken, wie lange ich aushalte.
Tamara
00:24:22
Was ein geiles Bild.
Lena
00:24:23
Und das war halt immer nur für kurze Kapitel von drei, vier Seiten und am Ende ist dann diese Form entstanden.
Vera
00:24:30
Wobei, das klingt ja jetzt, also dieses Bild klingt ja jetzt so, als ob Schreiben schon auch etwas Qualvolles wäre.
Lena
00:24:36
Das Schreiben ist für mich total ambivalent. Das sind ganz viele Dinge gleichzeitig. Also großes Glück und hat auch, finde ich, was Therapeutisches, was Reinigendes. Das ist irgendwie meine Filterfunktion, um aufs Leben zu gucken. Auf der anderen Seite ist es auch irgendwie tägliche Gewohnheit, so wie Duschen gehen und Zähneputzen. Und ich könnte jetzt gar nicht morgen damit aufhören, weil es so sehr zu mir gehört. Aber es ist auch manchmal anstrengend und nervenzerrend und zwingt einen auch Prioritäten in die Richtung zu setzen.
Tamara
00:25:05
Ja, ich glaube, wenn ein Text berühren soll und du fasst da ja mehrere Themen an, die auch sehr schmerzhaft sein können, dann muss man sich da ja auch ein Stück weit reinversetzen oder wie war das? Oder rückversetzen, je nachdem, ob es eben autobiografisch ist oder nicht.
Lena
00:25:24
Ja, manchmal ist es so, dass ich mich natürlich dann auch in die Stimmung meiner Figuren begebe und das dann manchmal so ein bisschen ist, wie sich zum Schreiben in den Keller setzen und dann ist man froh, wenn man wieder rumfällt.
Vera
00:25:37
Das hat Tamara gemacht, als sie so warm war.
Tamara
00:25:41
Ja, das war aber angenehm.
Vera
00:25:44
Ja, wobei jetzt bei dem autobiografischen Schreiben ja immer, ich habe ein Buch ja geschrieben, das auch so ein bisschen autobiografische Ansätze hat, und da fand ich es immer extrem schwierig zu entscheiden, wann löse ich mich von dem autobiografischen und wann beziehe ich mich drauf. So, wie hast du da das Maß gefunden?
Lena
00:26:08
Also ich schreibe nicht autobiografisch, sondern autofiktional und das bedeutet ja, dass es ein Mischverhältnis gibt zwischen etwas, das was mit meiner Biografie zu tun hat und eine Wahrheit beinhaltet. Halt auch Fiktion, Dinge, die hinzugedichtet werden, die reduziert werden, die überdramatisiert werden, die kleiner, größer gemacht werden und so weiter. Und so ist das Kerngefühl in den Texten immer nah bei mir, aber am Ende sind es literarisch gebaute Figuren und eine literarisch gebaute Welt. Und für mich war das auch wichtig, weil ich finde, wenn man seine eigene Geschichte erzählt oder aus der eigenen Welt erzählt, dann bringt das ja auch eine Verantwortung mit sich. Und man erzählt vielleicht Geschichten mit, die gar nicht erzählt werden wollen. Mir war es doch schon wichtig, so eine verantwortungsvolle Distanz zu behalten und darauf zu achten. Und da ist das fiktionale Verfahren dann schön für.
Vera
00:27:01
Aber dennoch, ich bin ja jetzt keine studierte Literatin, Wahrscheinlich habe ich dann auch autofiktional geschrieben. Sicherlich nicht autobiografisch. Dennoch ist ja auch da, wenn du sagst, es ist eine Mischung, ist ja immer die Frage, was mische ich rein und was lasse ich raus. Und ich habe es manchmal, gab es so Dinge, so Szenen, die ich so real vor Augen hatte, aber gemerkt habe, die ist zwar jetzt so passiert, aber irgendwie ins Buch passt es so nicht. Ich muss da was dran drehen. Und das war so ein bisschen so, als ob ich mein eigenes Leben verdrehen würde.
Lena
00:27:40
Ja, das ist ein bisschen Puzzle-Arbeit. Ich weiß, was du meinst. Bei mir ist, glaube ich, einfach so eine Grundregel, dass in meinen Texten immer Figuren rumlaufen, mini-reale Menschen. Ich bekomme ja sehr oft die Frage, was sagen denn ihre Eltern dazu oder ihre Familie, dass die in ihren Texten vorkommen. Die kommen nicht in meinen Texten. Auch wenn es sich beim Lesen manchmal so anfühlen mag. Das ist irgendwie die Grenze.
Tamara
00:28:02
Das wäre jetzt tatsächlich auch meine Frage gewesen. Sobald man dieses Wort Auto mit drin hat, stelle ich mir vor, dass viele denken, das hat sie bestimmt wirklich erlebt oder das hat sie bestimmt wirklich erlebt. Und ich glaube, da würde ich mir konstant Gedanken darüber machen. Oh, jetzt glauben die, meine Mutter wäre so. Oder jetzt glauben die, ich mache das, weil ich dies und jenes erlebt habe. Also ich weiß nicht, mich würde das, glaube ich, stressen.
Lena
00:28:29
Ja, aber ich glaube, weiß man, dass man sich darauf einlässt, wenn man autodiktional schreibt. Und ich habe den Text ja im Griff, bevor ich ihn rausgebe. Und ich entscheide ja, was ich teile und was nicht. Und natürlich mache ich auch solche Dinge, wie ich gebe meiner Familie den Text und sage, du, egal was ich sage, die werden davon ausgehen, dass du die Mutter am Text bist. Und kannst du das mittragen? Das ist okay für dich. Zum Glück ist meine Familie da extrem entspannt.
Tamara
00:28:54
Okay.
Lena
00:28:56
Die freuen sich ganz doll über mein Schreiben und tragen das gern mit. Aber das ist schon klar. Aber ich verstehe auch, wenn LeserInnen auf mich zukommen und solche Fragen stellen, ich verstehe den Moment, wo man Text liest und man sucht die schreibende Stimme darin. Oder etwas fühlt sich sehr echt an. Ich mag das auch. Ich lese auch sehr gerne Autobiografie und Autofiktion. Also ich bin ja nicht böse darüber.
Vera
00:29:19
Also ich hatte, in, meiner Krimi-Reihen habe ich eine Figur, die meiner Mutter nahempfunden ist. Und sie fand das immer cool. Sie sagt, ich könnte alles so schreiben, außer dem Sex. Aber kann das sein, dass deine Familie auch nicht damit gerechnet hat, dass du jetzt so berühmt wirst?
Lena
00:29:40
Das habe ich ja selber nicht.
Vera
00:29:44
Ist ja noch was anderes. Wenn man irgendein Büchlein schreibt, was halt ein paar Interessierte lesen und sonst keiner. Okay. Wenn es jetzt plötzlich in der Zeit und in allen möglichen Zeitungen drinsteht, ist das ja noch mal eine andere Dimension. Da kann man auch mal ein bisschen zusammenschrecken, oder?
Lena
00:30:02
Das hätte ich verstanden, aber es ist nicht passiert. Also ich glaube, Wir haben auch so einen großen Pragmatismus, sage ich mal. Also da ist dann auch mal der Satz gefallen, ja okay, wenn das jetzt dein Beruf ist und du damit Geld verdienst, ist okay.
Vera
00:30:19
Wenn du damit Geld verdienst, machst. Ja, genau. Ich meine, dass du das sagen kannst, dass du damit Geld verdienst, das kann mir auch nicht lange nicht jeder. Ja.
Tamara
00:30:29
Das würde mich tatsächlich interessieren, wenn du das erzählen magst, Und ab welchem Punkt war denn der Zeitpunkt, wo du gesagt hast, okay, ich kann den Brotjob weglassen? Und wie setzt sich das bei dir zusammen? Also sind das nur Verkäufe? Kommen da viel Lesungshonorare dazu? Stipendien? Oder wie sieht das bei dir aus?
Lena
00:30:51
Ja, manchmal, wenn ich so meinen Werdegang erzähle in irgendwelchen Formaten, dann klingt das immer so arg verkürzt, als hätte es so schnell funktioniert. Aber so ist es nicht. Also ich habe meinen ersten Roman rausgegeben, da war ich so 20. Das heißt, ich mache das schon lange Zeit und habe das auch lange Zeit gemacht, ohne damit Geld zu verdienen und sehr unerfolgreich. Und so, dass es zu einem Punkt kam, wo ich sagen konnte, okay, jetzt kann ich überlegen, ob ich meinen Brotjob niederlege. Das ist erst so seit zwei Jahren ungefähr der Fall. Und dann habe ich erstmal immer weiter runter reduziert, weil ich auch das Sicherheitsgefühl brauchte. Aber irgendwann gab es dann nicht mehr so viele Urlaubstage wie es Lesereisen gab. Und dann musste ich eine Entscheidung treffen. Aber für mich ist das auch so, ich sehe das so ein bisschen wie ein Zeitfenster. Es kann auch sein, dass ich in ein paar Jahren wieder Teilzeit in der Pflege arbeite. Und das ist okay, weil ich habe den Job wirklich sehr gemocht und war glücklich als Krankenpflegerin. Jetzt im Moment ist es so, wie bei den allermeisten Schreibenden, ist es nämlich Kalkulation aus Veranstaltungen, Lesungen, Buchverkäufen, Auslandslizenzen, Stipendien, Förderungen.
Vera
00:31:59
Aber man muss schon auch ständig nach Möglichkeiten suchen. Oder hast du da, so eine Basis, ich kann mich jetzt nochmal zurücklehnen und es wird schon klappen?
Lena
00:32:10
Nee, man ist schon sehr umtriebig und guckt immer, was so möglich ist. Und ich war jetzt auch gut ein Jahr in Aufenthaltsstipendien unterwegs und so ein bisschen heimatlos selbst gewählt. Genau.
Vera
00:32:23
Wo warst du dann da? Musste man da auch immer sein? Manchmal gibt es ja so Aufenthaltsstipendien, da muss man nur einmal im Monat vorbeigucken.
Lena
00:32:29
Genau. Nee, ich war tatsächlich in Aufenthaltsstipendien, wo ich auch dann an den Orten gelebt habe. Also ich war jetzt zum Beispiel letzten Sommer ein paar Monate im Künstlerdorf in Schöppingen. Das ist so ein alter, ungebauter Hof, auf dem internationale KünstlerInnen zusammenleben. Ganz schön. Dann von da aus bin ich ins Schriftstellerhaus nach Stuttgart gegangen, ein paar Monate. Und von da aus bin ich dann nach Erfurt gegangen und war da jetzt ein paar Monate Stadtschreiberin. Da bin ich jetzt gerade erst zurückgekommen. Also irgendwie immer neue Orte und neue Aufgaben, was ganz Schönes.
Tamara
00:33:03
Würdest du sagen, also ich stelle mir gerade vor, wie man so später dann so drüber spricht, ja, während ihrer Stuttgarter-Phase hat sie, also dass diese Aufenthalte und auch der, ich nehme mal an, stattfindende Austausch mit den anderen dort. Hat dich das arg beeinflusst?
Lena
00:33:20
Jetzt nicht in dem Sinne, dass meine Romane dann auf einmal in Stuttgart spielen.
Vera
00:33:25
Ist das nicht Grundbedingungen? Muss man das nicht?
Lena
00:33:30
Ich glaube, meine Texte lassen sich nicht so gut örtlich verpflanzen. Aber natürlich ich treffe da wahnsinnig viele Menschen und schreibe viele Fragmente auf und sauge ja irgendwie so das Stadtleben auch auf. Und oft treibe ich das dann ganz lange in meinem Notizbuch rum und vielleicht findet es irgendwo rein. Vielleicht auch nicht. Weiß man auch nicht. Das ist immer so wie so ein Kästchen, wo man Steine sammelt, schöne und hässliche und am Ende guckt man, was man draus macht.
Tamara
00:33:54
Oh, schön. Du hast so schöne Bilder.
Vera
00:33:58
Ja, sie ist literarische Schreiberin. Da merkt man es dran. Wie ist das denn jetzt? Gut, der Ingeborg-Bachmann-Preis ist ja jetzt noch nicht so lang her, aber du warst ja auch schon in der Longsitz des Deutschen Buchpreises. Wenn ich das richtig recherchiert habe. Und wenn du dich jetzt bewirbst oder wenn du dich meldest, dann werden doch wahrscheinlich alle dich mit jubelnden Händen begrüßen, oder?
Lena
00:34:25
Du meinst jetzt für Stipendien?
Vera
00:34:27
Zum Beispiel oder für komm doch mal hier nach Buxtehude mal eine Woche oder so.
Lena
00:34:32
Ja. Also natürlich ist meine Trefferquote höher als früher. Auf jeden Fall. Aber auch ich kriege immer noch Absagen und schreibe sehr viele Dinge ins Leere. Ja.
Vera
00:34:41
Mhm. Wie ist denn, was ist denn so jetzt der Plan? Was steht denn an bei Lena Schette?
Lena
00:34:51
Also erstmal ist der Plan, jetzt gerade habe ich so ein bisschen Sommerpause, aber ich schreibe am Roman, aber ich muss jetzt gerade nicht viel reisen, das ist ganz schön. Und arbeite jetzt gerade am nächsten Roman, der nächstes Jahr erscheint. Der Ingeborg-Bachmann-Text war ja ein Auszug aus dem Roman. Und im nächsten Monat gehe ich das nächste Stipendium am Genfer See in der Schweiz.
Vera
00:35:13
Auch nicht schlecht, ja.
Lena
00:35:14
Genau, und dass erst mal sowas ansteht. Und ich darf viele Veranstaltungen und Lesungen machen.
Vera
00:35:20
Ja, wir hatten ja mal die Eske Inan hier, die mal so vier Wochen in Brandenburg in so einem Fünf-Sterne-Hotel war. Auch nicht übel.
Lena
00:35:29
So lässt sich's leben.
Vera
00:35:30
Ja, ne? Ja. So, da wäre ich auch für zu haben. Ja. Ist denn jetzt, wenn man so einen Preis hat und du sagst, du schreibst an dem Roman, ist der Druck jetzt höher? Ich meine, wenn man früher Lena Schette ein Buch in die Hand genommen hat, wusste man wahrscheinlich nicht, wie es ist, hat es einfach gelesen. So, wenn man jetzt Lena Schette in die Hand nimmt, dann, uh, Preisträgerin, das muss ja super sein.
Lena
00:36:02
Ich glaube, mein Schreibprozess an sich ist davon unberührt. Also mein Schreibprozess fühlt sich, glaube ich, immer noch so an, wie er sich angefühlt hat, als ich 18 war. Und das findet irgendwie alles an einem sehr emotionalen, intuitiven Ort statt. Und das ist davon nicht so berührt, zum Glück. Aber natürlich mache ich mir andere Sorgen. Also ich habe zwischen den Schreibsitzungen dann manchmal Momente, wo ich im Kopf schon die potenziellen Interviews zum Text durchspiele. Was werde ich dazu sagen und was werden sie da wohl fragen und mir dann auch manchmal schon Sorgen mache, das war vorher nicht da, das ist auf jeden Fall neu.
Vera
00:36:40
Inwiefern machst du dir Sorgen, dass du irgendwas antwortest, wo du sagst, das passt jetzt nicht zu einer Bachmann-Preisträgerin?
Lena
00:36:48
Ja, also ich finde Pressearbeit schon, das ist was, wo ich auf jeden Fall reinwachsen musste, weil es ist ja so, wenn ich schreibe, dann habe ich viel Zeit, mir Gedanken zu machen, um die richtige Wortwahl und die Dinge präziser auf den Punkt zu bringen. Aber wenn man in Gesprächen ist, ich rede auch manchmal Quatsch und kann mich falschen Fuß erwischen. Manchmal fahre ich auch nach Hause und denke, oh Lena, was hast du jetzt schon wieder gesagt? Und da versucht man ja irgendwie Prävention zu betreiben und fühlt schon im Kopf mit sich selbst.
Vera
00:37:21
Aber ich gehe mal davon aus, ich kenne das auch, dass man sich nachher sagt, okay, das hast du vielleicht nicht geschickt gemacht. Aber am Ende passiert dann trotzdem nichts. Oder ist dir schon mal was auf die Füße gefallen?
Lena
00:37:32
Nee, noch nicht, zum Glück.
Tamara
00:37:34
Ja, aber manchmal hat man ja so ein Ding im Kopf, dass einem so nachts um drei irgendeinen Satz nochmal vorspielt, den man vor drei Jahren geäußert hat. Und dann denkt man so, nein, nein, nein.
Vera
00:37:44
Ja, aber dann nach drei Jahren weiß man auch, dass ich eigentlich keine Folgen hatte.
Tamara
00:37:50
Ah, Vera.
Vera
00:37:53
Aber apropos Folgen. Du hast ja auch vorhin jetzt bei deinem Werdegang erzählt, dass du ja dann irgendwann gesagt hast, so, Ich will auf jeden Fall mehr Richtungen schreiben machen und ich mache dann dieses Studium in Leipzig an dem Literaturinstitut. Wie war das für dich, so als Schreibende da hinzukommen? War das eine neue Welt oder hast du gesagt, hey, ich bin im Paradies?
Lena
00:38:20
Beides gleichzeitig, glaube ich. Also erstmal habe ich mit Corona angefangen zu studieren.
Vera
00:38:27
Okay, also online oder was?
Lena
00:38:29
Genau, ganz viel hat online stattgefunden oder im Garten des Literaturinstituts sehr weit auseinander. Und ich glaube, ich habe erstmal lange Zeit gebraucht, um anzukommen. Und ja, das war für mich einfach eine ganz neue Art von Diskurs und eine neue Art, über Texte zu sprechen. Und ich hatte auch nicht so eine große Lesepraxis wie alle anderen. Also ich habe sehr spät angefangen zu lesen. Vorher gab es für mich nur Hörbücher und Filme, was Erzählen angeht. Und dann habe ich auch ganz andere Dinge gelesen als die anderen und hatte auch so ein Imposter-Syndrom, wie glaube ich ganz viele Arbeiterkinder, wenn sie an die Uni gehen und die ersten in der Familie sind, die studieren. Ich habe gedacht, ich bin hier durchgerutscht, das ist ein Fehler. Und hatte dann erstmal mit mir zu tun. Aber als Corona dann milder wurde und es mehr Präsenzunterricht gab und ich andere Studierende kennengelernt habe und man dann auch zwischendurch mal irgendwie zwischen den Seminaren rauchend draußen gestanden hat, habe ich verstanden, okay, hier sind andere Leute, die haben einen ähnlichen Hintergrund wie ich. Ich bin hier nicht alleine. Und ab da konnte ich es, glaube ich, so richtig genießen. Und dann habe ich mich da schriftstellerisch auf jeden Fall sehr weiterentwickelt. Ich glaube, ich habe da so viel gelernt, wie ich wahrscheinlich in zehn Jahren hätte, didaktisch zu Hause in meinem Kämmerchen nicht alleine machen kann.
Vera
00:39:44
Ja, das denke ich mir. Wie ist das denn? Ich muss gestehen, dass ich das gar nicht so richtig kenne. Kann man da einfach hin oder muss man sich bewerben? Gibt es da sowas wie numerus clausus oder sowas? Wie kommt man da hin?
Lena
00:39:57
Naja, numerus clausus gibt es nicht und es gibt tatsächlich auch die Möglichkeit, dass Menschen ohne Abitur aufgenommen werden. Ich habe ja auch kein Abitur. Es ist so, dass man sich mit einer Textprobe bewirbt und dann gibt es ein Auswahlverfahren, wo man eine Eignungsprüfung macht und dann klappt es für mich.
Vera
00:40:13
Okay. Und bei dir hat es im ersten Anlauf geklappt?
Lena
00:40:16
Ich habe nicht im ersten Anlauf geklappt. Nee, nee, ich habe ein paar Jahre gebraucht. Aber bei mir funktioniert eigentlich nie was auf den ersten Anlauf. Ich kenne das gut.
Vera
00:40:25
Aber ich bin hartnäckig. Das muss man, glaube ich, in dem Job auch sein. Das ist eine Stärke. Was hast du denn vorher geschrieben? Hast du da auch schon die Tendenz Richtung literarischer Texte geschrieben oder war es dann doch eher was Genremäßiges?
Lena
00:40:42
Als ich angefangen habe, lange Texte zu schreiben, habe ich mich erst so an Krimis und Schillern versucht. Dann bin ich irgendwann in die Jugendroman-Ecke gerutscht. Das war dann auch mein erstes veröffentlichtes Romanprojekt, ein Jugendroman. Ich glaube, ich habe ganz unterschiedliche Dinge probiert über die Jahre und dann irgendwann wurde es immer literarischer und immer autofiktionaler. Und im Studium hat sich dann das ergeben, was ich jetzt gerade aktuell mache.
Tamara
00:41:09
Was mich mal interessieren würde, was kann ich mir unter einem literarischen Studium vorstellen? Was für Themen oder Kursthemen oder Schwerpunkte hattet ihr da so beispielsweise?
Lena
00:41:24
Also es ist praktisch ein Kunsthochschulgang für schreibende Menschen. Ein Großteil des Studiums sind Werkstätten. Das heißt, man ist mit einer Gruppe von Studierenden zusammen, die ist meistens gar nicht so groß. Es gibt ein Thema und über das Semester gibt jeder Studierende einen Text in die Mitte. Und dann wird darüber geredet und man bekommt ganz breites Feedback von den Dozierenden und den Studierenden. Das ist ganz intensiv, aber es gibt auch Seminare, wo man einfach Input zu verschiedenen literarischen Themen gibt. Also zum Beispiel, ich hatte ein Seminar, das war Gewalt in Literatur. Und dann haben wir einfach ganz unterschiedliche Texte zu dem Thema gelesen und uns darüber ausgetauscht, wie man das darstellen kann oder auch eben nicht, was reproduziert Gewalt, wie kann man das verhandeln in Texten und es ist ganz intensiv entspannt. Und es ist auch sehr breit, also Lyrik, szenische Texte, ganz unterschiedliche Formen von Prosa, eigentlich kommt da jeder auf die Kosten. Und auch solche Sachen wie Stimmerziehung, wie gebe ich Lesungen, ganz praktische Sachen.
Tamara
00:42:29
Also mehr Praxis als jetzt so die Theorie der Literatur.
Vera
00:42:33
Genau, ja. Cool. Ist das jetzt ganz normale, eine öffentliche Schule oder muss man das selbst bezahlen?
Lena
00:42:41
Nee, das gehört zur Uni Leipzig. Das ist ein ganz normaler Studiengang.
Vera
00:42:45
Okay, cool. Und, Und so eine Frage, gibt es da dann auch so ganz profane Krimi-Autoren und Autorinnen, wie mich oder sind das nur Literaten da?
Lena
00:42:57
Leipzig ist ja nicht der einzige Ort in Deutschland, wo man das studieren kann. Es gibt auch noch Hildesheim, dann gibt es Köln. Jetzt gibt es auch seit kurzem professionelle Schreiben in Jena. Ich glaube, jede Uni hat da so ein bisschen seinen Schwerpunkt. In Leipzig ist es schon eher E-Literatur, Lyrik und Szenisches.
Vera
00:43:16
Das hast du deswegen auch bewusst dann gewählt, Leipzig?
Lena
00:43:20
Ja, genau. Aber auch, weil Leipzig zu dem Zeitpunkt es einem relativ einfach gemacht hat, auch ohne Abitur zu studieren. Und das da für mich ein Kriterium war, wie komme ich überhaupt rein in die Uni oder Abitur.
Vera
00:43:31
Ja, klar.
Tamara
00:43:33
Sehr cool.
Vera
00:43:35
Ja, finde ich auf jeden Fall. Also das ist wirklich ein sehr, sehr spannenden, speziellen Werdegang. Werdegang und dann so erfolgreich mit Preisen abzuschließen. Mein lieber Mann, das ist sehr bewundernswert. Und dann auch noch aus NRW, aus Lüdenscheid. Da kommen ja all die großen Menschen her, oder? Was liest du denn selbst gerne?
Lena
00:44:09
Ich lese total breit. Zeitgenössisches. Ich möchte auch immer so ein bisschen auf dem Laufenden sein, was KollegInnen gerade so machen und mitquatschen können. Ich habe auch eine große Liebe für amerikanische Zeitgenössische Literatur und habe so eine kleine Gruppe an Schriftstellerinnen, wo ich immer sehr sehnsüchtig auf die Übersetzungen warte. Ich mag nach wie vor Thriller sehr gerne zum Beispiel. Ach ja, doch.
Vera
00:44:37
Die richtig harten, blutigen, psychologischen.
Lena
00:44:40
Die psychologischen, glaube ich. Aber manchmal kommt mir auch mal ein Jugendroman oder ein Liebesroman dazwischen. Auch mal ein Klassiker, an dem ich mich dann ein bisschen abarbeite. Das ist sehr breit.
Tamara
00:44:52
Es gibt ja so viele Gründe zu schreiben und je nach Antrieb, würde ich mal sagen, kommen eben auch sehr verschiedene Arten an Karrieren und Inhalten bei raus. Was ist es denn, was dich antreibt, genau das zu schreiben, auf genau die Art und Weise, wie du es tust?
Lena
00:45:11
Ich würde das, glaube ich, so ein bisschen trennen, weil ich immer das Gefühl habe, das sind zwei Baustellen. Also auf der einen Seite ist das Schreiben und das Schreiben hat sich einfach von Anfang an im dritten Schuljahr richtig angefühlt für mich. Ich hatte das Gefühl, das gibt mir eine Stimme und ich habe da einen Raum, den ich manchmal sonst im Leben nicht habe, Und ich habe die Möglichkeit, das letzte Wort zu haben. Und es hat mich gestärkt und hat mir großen Spaß gemacht und hat so einen Spieltrieb in mir angesprungen und war eben auch ein Filtermedium auf das, was um mich herum passiert ist. Dann später am Literaturbetrieb stattzufinden und zur Veröffentlichung, finde ich, ist schon nochmal eine andere Baustelle.
Tamara
00:45:51
Ja.
Lena
00:45:53
Aber es ist schon so, dass man schreiben ja sehr stark um prekäres Aufwachsen, so Themen wie Armut und psychiatrische Erkrankungen. Was machen Stigmata mit Menschen und mit Familien, Körperscham? Das ist darum zirkuliert. Und das ist natürlich auch von meiner Arbeit als Psychiatrie-Krankenschwester geprägt. Und ich finde einfach, das Schöne an Literatur ist ja auch, dass es uns die Möglichkeit gibt, so ein bisschen Empathie zu schaffen. Weil wir in Leben reingucken können, die wir ansonsten nur von außen betrachten und wo wir wahrscheinlich viele Vorurteile haben. Und das finde ich einfach schön, dass ich das mit meinen Figuren so ein bisschen kann, dass ich da Fenster auf Leben aufmachen kann, die vielleicht ansonsten verschlossen werden.
Vera
00:46:32
Das finde ich auch spannend und versuche das auch immer so in meinem Genre, so im Rahmen. Ich habe nur immer total Angst, dass ich da irgendwas falsch beschreibe. Also jetzt sagst du ja, bei dir ist es immer so ein bisschen autofiktional, dann hast du das ja noch so. Aber wenn ich jetzt zum Beispiel eine Figur mit Migrationshintergrund habe und, ich bin wahrscheinlich das Deutscheste, was es gibt, So, dann versuche ich mich da rein zu versetzen, versuche zu recherchieren, aber es bleibt immer so diese Angst, ich könnte doch den Menschen jetzt Unrecht tun.
Lena
00:47:09
Das verstehe ich total gut.
Vera
00:47:12
Hast du die nicht?
Lena
00:47:13
Bei den Themen, über die ich schreibe, weil sie auch professionell was mit mir zu tun haben und oft daraus entstehen, dass ich mich viele Jahre damit beschäftigt habe. Zum Beispiel jetzt der letzte Roman, da geht es ja um eine suchtbetroffene Familie und ich bin in einer suchtbetroffenen Familie aufgewachsen und habe viele, viele Jahre in der Suchthilfe gearbeitet. Das führt dann eben zu einer Kompetenz, wo ich sagen kann, es ist okay, aber trotzdem kenne ich das Gefühl total, was du beschreibst und ich denke dann immer, also erstmal frage ich mich, bin ich wirklich die Stimme, die das jetzt erzählen muss? Oder eigne ich mir da was an? Ist es meins? Und wenn ich das Gefühl habe, ich möchte das aber erzählen, dann kann ich mir Leute ins die deine Kompetenz haben und sagen, hier, schau mal auf den Text, wie siehst du das? Und ganz oft bekommt man dann nochmal so eine Außenperspektive.
Vera
00:47:59
Ja, das stimmt. Das versuche ich dann auch immer. Jetzt hast du ja vorhin schon so gesagt, so ab 20 war so das erste Buch, dann, wie wir jetzt ja gelernt haben, bist du 32 und nicht 22. Und das wäre da auch rasant schnell gelaufen. Gab es Zeiten, jetzt in diesen Jahren, wo du gesagt hast, nee, das schaffe ich nicht, ich lasse es sein?
Lena
00:48:25
Auf jeden Fall. Ich glaube, Ich bin ja auch von Anfang an mit einer großen Naivität und auch einer kleinen Großkotzigkeit daran gegangen. Also ich habe das von Anfang an extrem ernst genommen und habe auch gedacht, es warten alle auf mich.
Vera
00:48:41
Das tun aber doch alle. Das tun alle am Anfang.
Lena
00:48:45
Also ich habe wahnsinnig früh angefangen, Verlage anzuschreiben, mich auf Wettbewerbe zu bewerben. Ich habe enorme Ladungen an Papier bei uns zur Poststation gebracht. Und dass ich schon ein bisschen der Running Gag war, wenn ich wieder mit meinem Haufen Manuskripte ankam. Und wenn ich dann keine Antwort bekam, dann habe ich auch so gedacht, schade für die.
Vera
00:49:05
Mein Liebermann, das ist schon mal gut.
Tamara
00:49:06
Die haben es nicht verstanden.
Vera
00:49:08
Genau.
Lena
00:49:10
Und dann hat es sich ja doch über so viele Jahre hingezogen. Und als noch mein erster Roman rausgekommen ist, da habe ich gedacht, jetzt explodiert die Welt. Jetzt passiert es.
Vera
00:49:21
Das Gefühl kenne ich so gut.
Lena
00:49:24
Nun war das aber ein ganz kleiner Verlag und es gab eigentlich kein Werbebudget und es ist überhaupt nichts passiert. Und ich glaube, die meisten Menschen, die das Buch gekauft haben, waren mir verwandt. Und da war ich schon desillusioniert und dachte, ich stecke hier so viel Zeit rein und so viele Kapazitäten und es passiert aber so wenig. Und dann gab es auch schon mal Ruhephasen, wo ich ein paar Monate nicht geschrieben habe und da frustriert war irgendwie. Aber am Ende habe ich immer wieder zurück zum Text gefunden und wusste, das ist aber die Sache, die ich machen will.
Vera
00:49:56
Hast du mal darüber nachgegangen, dass du schon mal überlegst, Self-Publishing zu machen?
Lena
00:50:00
Tatsächlich habe ich darüber nachgedacht, aber ich finde ja sowieso, dass Schreiben so viel mehr Kompetenzen erfordert, als nur zu schreiben. Das habe ich jetzt in den letzten zwei Jahren Selbstständigkeit erstmal verstanden, was man noch alles so könnte. Und beim Self-Publishing finde ich es ja noch arger, was man alles gut machen muss und wo man Wissen haben muss und Kompetenz und das habe ich mir nicht zugetraut. Ich dachte, das wird am Ende kein gutes Produkt und dann wäre es so schade.
Vera
00:50:28
Aber du müsstest doch jetzt nach deinen Erfolgen gelernt haben, dass du echt Berge versetzen kannst, oder nicht?
Lena
00:50:35
Ja, aber Schuster bleibt bei deinen Leisten. Ich glaube, es ist auch gut zu, wissen, was man gut kann.
Vera
00:50:40
Wenn die Leisten so klein sind, muss man sie etwas größer machen.
Tamara
00:50:43
Vera, sie hat den Ingeborg Bachmann Preis gewonnen. So klein sind ihre Leisten nicht.
Vera
00:50:47
Ja, das sage ich. Jetzt hätte ich noch meine Rede. Ja, genau. Ja, ne, also, Ich nehme jetzt noch mal das Wort aus der Schublade, was wir eigentlich nicht sagen können, aber ich finde eine Geschichte extrem inspirierend.
Lena
00:51:02
Danke.
Vera
00:51:03
Wirklich toll und ich finde auch, dass das bestimmt den vielen Hörenden da draußen richtig noch mal Kraft und Elan gibt, da weiter zu glauben und zu machen und seinen Weg zu gehen. Und wir hatten ja schon Raffaela Edelbauer da, die den Literaturnobelpreis 2045 gewinnen will. Ich weiß nicht, vielleicht bist du ja schneller. Dann bist du auf jeden Fall wieder eingeladen und dann machen wir vielleicht mal ein Jahr alle Literaturnobelpreisträgerinnen oder so. Also wie gesagt, ist ja jetzt nur Frage der Zeit. Und wir werden auf jeden Fall verfolgen und hoffentlich, das sehen wir uns auch mal demnächst so in der Buchbubble und können dann von Angesicht zu Angesicht persönlich uns austauschen. Da würden wir uns sehr freuen.
Lena
00:51:52
Sehr gern.
Vera
00:51:53
Und ja, jetzt musst du aber noch die letzte große Prüfung bestehen. Du musst noch die Buch-Bubble-Fragen von Tamara beantworten.
Tamara
00:52:00
Jawohl, aber wer so hartnäckig immer dranbleibt, schafft das locker. Liebe Lena, welches Buch hat dich als Leserin denn zuletzt im allerpositivsten Sinne überrascht?
Lena
00:52:13
Ja. Ich hatte in letzter Zeit so ein bisschen so eine Krise mit meiner Thriller-Liebe, weil ich mich, glaube ich, eine Zeit lang zu viel mit Erzähltheorie auseinandergesetzt habe und dann auch gedacht habe, ich wäre so eine Art literarische Wahrsagerin. Ich könnte, das Buch aufschleiden und nach Seite 3 genau skizzieren, was der Plot ist und wer es gewesen ist. Und dann habe ich nach hinten geblättert und war dann entweder tief enttäuscht, weil ich recht hatte oder tief enttäuscht, weil ich nicht recht hatte und mir das Buch versaut hatte. Und dann habe ich vor kurzem von Liz Moore Long Bright River gelesen, ein Thriller, der mich sehr gecatcht hat und wo ich nichts voraus sein konnte und das war ganz schön. Es hat Spaß gemacht.
Tamara
00:52:55
Sehr schön.
Vera
00:52:57
Darf ich mal dazwischen fragen, du hast Literatur studiert, du schreibst Texte, die Buchpreise gewinnen. Kannst du einfach noch locker lesen, ohne zu analysieren?
Lena
00:53:09
Schwierig. Und das ist auch was, was mich nervt, muss ich wirklich sagen.
Vera
00:53:13
Ja, die kenne ich auch.
Lena
00:53:14
Ja, und inzwischen bin ich auch so, dass ich ganz oft zu alten Texten nochmal zurückgehe und die nochmal lese.
Vera
00:53:21
Oh, das soll man nicht tun.
Lena
00:53:22
Ja. Aber oft macht mich das glücklich, muss ich sagen. Ja, also das professionelle Schreiben kann einem das private Lesen auch zerhacken. Ich kenne das gut.
Vera
00:53:32
Gut, Entschuldigung.
Tamara
00:53:34
Vielleicht war das schon ein Fehler, aber was war denn dein größter Fehler und was hast du vor allem daraus gelernt?
Lena
00:53:41
Ich glaube, ich kann gar nicht benennen, was mein größter Fehler war, weil ich nicht so defizitär, ich glaube, ich bin eher zu nett zu mir als zu böse zu mir. Ich verzeih mir sehr viel und bin dann so, ach, gedanklich bin ich so, Lena, da hattest du einen schlechten Tag, da war es auch so warm draußen, hast du dich ein bisschen blöd benommen, das ist nicht so schlimm. Aber ich glaube, was meistens dann meine Lehre daraus ist, ist, dass das Leben weitergeht. Das mag so plakativ klingen, aber wenn man das Gefühl hat, dass man jetzt von der Kante der Erde gefallen ist, am nächsten Tag ist ein neuer Tag und das Leben gibt eine neue Chance auf jeden Fall.
Vera
00:54:20
Absolut. Ja, sehr schön.
Tamara
00:54:22
Von der Kante der Erde. Du machst mich fertig mit deinen tollen Bildern. So, lass mich kurz nachdenken, was die letzte Frage war. Was sollte denn deiner Meinung nach über dem Schreibtisch aller AutorInnen stehen?
Lena
00:54:38
Vergiss nicht, was zu füllen dabei.
Tamara
00:54:41
Oh ja, sehr schön.
Vera
00:54:43
Toller Spruch.
Lena
00:54:44
Weil ich schon das Gefühl habe, professionelles Schreiben kann dann das Schreiben auch ausweiden. Wenn dann zu viel Stress und Druck reinspielt. Und dann nochmal zu dem Gefühl zurückzukommen, warum man eigentlich mit dem Schreiben angefangen hat. Und der Spaß und das Emotionale und der Spieltrieb, sich das nochmal zurückzuholen.
Tamara
00:55:02
Sehr schön.
Vera
00:55:04
Ach, liebe Lena, du hast mir ja sowas von aus der Seele gesprochen und ich bin sicher, dass die Hörerinnen und Hörer sehr, sehr viel von dir mitnehmen werden. Vielen, vielen Dank, dass du dir zwischen allen Stipendien und Lesereisen Zeit für uns genommen hast. Und ja, an euch da draußen, liebe Hörerinnen und Hörer, ihr wisst ja, was ihr zu tun habt, uns zu folgen, wo immer es geht. Unser Buch Bubble Bulletin abonnieren und gerne auch mal Feedback geben, hat euch die Geschichte von Lena genauso mitgerissen und bewegt, wie sie das bei uns hat. Stürmt ja jetzt alle das Leipziger Literaturinstitut. Wir wollen alles wissen. Sagt es uns. Und ansonsten bleibt uns gewogen. Bis nächste Woche.
Tamara
00:55:56
Ja, und von mir auch nochmal ganz lieben Dank. Das klingt jetzt ein bisschen fangirly, aber ich finde dich ganz toll.
Lena
00:56:02
Das nehme ich. Dankeschön. und sowieso vielen Dank, es hat großen Spaß gemacht mit euch.
Tamara
00:56:08
Ciao.