Hinten, Mittig - Der Podcast

Steffen Buchmann

Erinnerungen an "Deep Blue Sea" (1999)

15.02.2026 14 min

Zusammenfassung & Show Notes

Das Böse lauert in der Tiefe

Ein Ausflug zum Strand, spielen im warmen Wasser... aber was da draußen in der Tiefe lauert, bereitet jedem ein mulmiges Gefühl.

Abtauchen in eine Welt unter der spiegelnden Oberfläche, in der Menschen unterlegen sind... und gejagt werden von etwas Uraltem, das auf Rache sinnt.

Erinnerungen von damals und heute zu: DEEP BLUE SEA (1999)

Ich habe dir einen Platz freigehalten: Hinten, mittig.
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Tonausschnitte „Deep Blue Sea“: ©️ Warner Bros (Plaion Pictures)
Cover-Motiv: ©️ themoviedb.com

Transkript

Das Meer fasziniert mich, ein eigener Kosmos voller Leben, fast wie ein fremder Planet. Hier haben Menschen keinen Zutritt, sonst hätten wir Kiemen oder Flossen. Aber so sehr mich diese Unterwasserwelt begeistert Ich fürchte sie auch, keine Hurricanes oder Schiffsunglücke, sondern das ruhige Meer, das keine Wellen schlägt, das tiefe Wasser, dessen Boden ich nicht sehen kann und auch nicht, was aus der Tiefe zurück starrt. Willkommen in Deep Blue Sea. Als ich 15 war, gab es eine Sache, auf die ich mich wie ein kleines Kind gefreut habe. Filmabende mit Freunden. Und jeder hatte diesen einen Freund, der Zugang zu gefühlt allen, Allen Filmen hatte. Die Filme die gerade erst im Kino waren oder Filme die nur selten oder gar nicht im Fernsehen liefen, verbotene Filme. Ich war oft am Wochenende bei diesem einen Freund, manchmal auch nach dem Tischtennistraining. Wochenenden waren jedoch spannender, weil dann durfte ich bei ihm übernachten. Und das hieß, Filme schauen, bis die Augen zufallen. Wir waren immer bestens vorbereitet Pfirsicheistee, Paprika-Chips und diese rot-weiß gezwirbelten Fruchtgummis. Die Marke weiß ich gerade nicht mehr. Und am wichtigsten, Pizza-Baguettes mit Salami, von gut und günstig. Ach, ich liebe es bis heute, wenn diese kleinen Salami-Scheibchen richtig dunkel und knusprig ausbacken. Im Zimmer meines Freundes klappten wir sein Schlafsofa aus und machten es uns richtig bequem. Wichtig, ein guter Blick auf den Fernseher. Neben dem DVD-Player stand immer ein Stapel Filme bereit, die wir uns vorgenommen hatten. Viel zu viele für einen Abend. Meist schafften wir zwei, manchmal auch drei. Mehr hielt ich jedoch nicht durch. Manchmal schämte ich mich deswegen. Ich wollte auch lange durchhalten, wie meine Freunde bei LAN-Partys die bis zum Morgengrauen Quake 3 zockten. Ich wollte das Aufbleiben trainieren. Doch gegen die Müdigkeit kam ich nur selten an. Ich war gerne bei meinem Freund, weil wir die gleichen Filme liebten. Verrückte Komödien oder irgendwas richtig blutrünstiges. So Sachen wie Scary Movie, Ali G in the House oder Braindead. Ich selbst hatte zu Hause nur wenige Filme auf DVD oder Videokassette, die man an solchen Abenden zusammenschauen konnte. Filme kaufen war für mich damals uninteressant. Wenn, kauften meine Eltern mal eine DVD im Supermarkt oder wir liehen uns Filme in der Videothek aus. Bei meinem Freund war das anders. Er hatte nämlich einen großen Bruder und der hatte einen Schrank voller Filme Filme die er auf Rohlinge gebrannt hatte und in einer durchsichtigen DVD-Hülle aufbewahrte. Den Titel schrieb er immer mit einem Feinleiner ganz dünn auf die DVD-Oberseite. Er war einer dieser großen Brüder, der kleinen Brüdern und dessen Freunden eine heimliche Freude machen wollte. Denn er hatte oft neue Filme parat, die gerade erst im Kino liefen. Woher der Bruder meines Freundes die Filme hatte, verstand ich damals noch nicht richtig. Er nannte diese Filme immer abgerippt. Das hatte irgendwas mit Torrents und einem DVD-Brenner zu tun. Ich hatte davon keine Ahnung. Eine Cousine gab uns bei Familienfeiern ab und an eine Spindel mit gerippten Filmen mit. Die waren oft auf mehrere DVDs aufgeteilt und die Bildqualität war sehr schlecht Manchmal lief sogar jemand durchs Bild. Bei den Filmen, die uns der große Bruder gab, war das nicht so. Die Filme waren hochauflösend, nicht heimlich mit dem Camcorder gefilmt. Mein Freund war darauf sehr stolz und ich ehrlich gesagt ein bisschen neidisch, aber nur ein bisschen. Ich konnte die Filme ja bei ihm mitschauen. An einem dieser Abende mit Eistee, Chips und Salami-Baguettes lag auch Deep Blue Sea auf dem Filmstapel. Und nach diesem Abend fürchtete ich das Meer und diese Welt. Eine Welt der schwimmenden Ungeheuer Unter der spiegelnden Oberfläche. Ziemlich gruselig das Ganze. Aquatica. Ein Forschungslabor mitten im Ozean. Auf mich wirkte es wie ein Gefängnis. Und wie bei jedem Gefängnis gibt es Gefangene, die ausbrechen wollen. Um jeden Preis. Im Fall von Deep Blue Sea waren es genetisch veränderte Riesenhaie Genauer Mako-Haie. Ich kannte bisher nur Weiße Haie oder Tigerhaie, die in Filmen als schwimmende Fressmaschinen ihr Unwesen trieben. Dass aber genau diese Tigerhaie in Deep Blue Sea nichts anderes als Futter für die echten Killerhaie waren, beeindruckte mich. Ich hatte schon einige Haifilme gesehen, natürlich auch der Weiße Hai von Steven Spielberg. Aber der machte keine Angst, Ich fand es eher witzig wenn der Mechanikhai sein Maul auf und zu klappte. Die Makos in Deep Blue Sea hingegen machten mir Angst. Schon der erste riesige Schatten der sich durch das Wasser der Anlage bewegte, war anders als alles was ich vorher schon gesehen hatte. Ich glaube, jeder kennt dieses mulmige Gefühl, wenn man als Kind am Strand steht, die Füße in der warmen Gischt eingetaucht und auf das Meer hinausschaut. Ich ging immer so weit hinaus, wie ich stehen und vor allem sehen konnte. Wenn irgendwo ein dunkler Fleck im Wasser war, machte ich einen Bogen darum. Daraus wurde es schnell ein Spiel, das ich mit meiner kleinen Schwester spielte. Wer kann mehr dunklen Flecken ausweichen? Aber rausschwimmen war für mich als Kind undenkbar. Was, wenn mich dort etwas packt und in die Tiefe zieht? Meine Eltern sagten mir immer, dass da nichts ist, was mich packen will. Das beruhigte mich, aber mein Gehirn vergaß die Angst nie ganz. Durch Deep Blue Sea wachte diese Angst in mir wieder auf, denn das Meer in diesem Film hat gefühlt keinen Boden. Meter um Meter geht es hinab, bis das Sonnenlicht komplett verschwindet. Und in dieser dunklen Welt leben riesige Wesen mit schwarzen Augen, Mäulern voller Zähne und unbändigem Hunger. Ich mochte schon immer Filme mit verrückten Wissenschaftlern Wissenschaftler die einen Traum haben und dafür über Gesetze und Leichen gehen. Saffron Burrows und Stellan Skarsgård spielen in Deep Blue Sea diese verrückten Wissenschaftler. Sie wollen um jeden Preis die Lösung gegen Alzheimer finden. Und die steckt zufällig im Gehirn eines Mako-Hais. Drei Haie haben sie erschaffen, zwei Männchen und ein Weibchen. Und diese drei Haie ließen mich kerzengerade auf dem Sofa sitzen, teils animiert Teils animatronisch diese Filmhaie wirkten so echt und gefährlich, weil sie schnell sind, weil sie schlau sind und weil sie niemals satt werden. Es faszinierte mich, dass diese Haie denken können, sich ohne Geräusche durch das dunkle Wasser bewegen und dann blitzschnell zuschlagen. Sie können sogar rückwärts schwimmen, was sie eigentlich nicht können sollten. Diese Haie waren echte Killer, ob im freien Meer. Oder in den engen Gängen des Unterwasserlabors. Deep Blue Sea brachte mich aber auch zum Lachen. Das lag vor allem an LL Cool J, der den Koch spielt. Ich wusste dass er Musik macht. Hip-Hop fand ich damals aber nicht cool. Bei mir lief eher Linkin Park, Bullet for my Valentine oder Trivium. Aber LL war cool. Nach dem Film habe ich mir ein Poster von LL Cool J in mein Zimmer gehängt. Ein Schulfreund gab es mir, er sammelte Poster von bekannten Rappern. Darauf trug LL Cool J eine Sonnenbrille und ein Bandana In der Hand eine silberne Kreuzhalskette Direkt neben das Plakat hängte ich ein Poster mit einem blauen Hanfblatt, von dem Rauchschwaden aufstiegen Für mich passte das gut zusammen LL Cool J hat im Film einen kleinen Vogel der mit ihm in der Küche sitzt Die beiden brachten mich zum Lachen Der Vogel war frech und beleidigte den Koch immer LL Cool J gab seinem Vogel Contra. Er ließ ihn aber auch Sahne vom Finger ablecken, nur um dann seine hässliche Zunge zu dissen. Wie beste Freunde das eben machen. Die für mich heftigste Szene spielte Samuel L. Jackson. Obwohl das Labor im Meer versinkt und meterlange Haie durch die Gänge schleichen, blieb er ruhig, behielt die Kontrolle. Sie sehen wie schlimm eine Situation werden kann und wie schnell so etwas manchmal geht. Aber es kann noch weitaus schlimmer kommen. Und deshalb hören wir jetzt auf, miteinander zu streiten. Wir werden zusammenhalten und wir werden einen Weg finden, wie wir hier rauskommen. Als erstes sollten wir den Zugang hier abfangen. An diesem Punkt, als das Mako-Weibchen mitten in seiner Motivationsrede zuschlug und den strampelnden Jackson mühelos in zwei Hälften riss, war mir klar, es gibt keine Hoffnung Untertitelung. Deep Blue Sea war ein Stück Freiheit für mich. Blutiger Horror unter Wasser, mit Haien als scharfsinnige Serienmörder, auf der Jagd nach hilflosen Menschen, die nichts tun können, außer strampeln und beten Weil es nicht ihr Element ist. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich. Gutes und barmherziges werden mir folgen mein Leben lang, denn ich trage einen dicken Schnüppel und ich bin die fieseste Mistsau im ganzen Tal. Zwei Haie erledigt Herr. Noch ein Dämonenfisch übrig. Kriege ich ein Amen? Amen. Das war die Freiheit, die ich als Jugendlicher suchte. Doch ich musste Opfer bringen für diese Freiheit. Und das merke ich jedes Mal, auch heute noch, wenn ich am Strand oder am Beckenrand stehe und auf das Wasser blicke. Auf die ruhige, glänzende Oberfläche. Wohl wissend dass nichts in der Tiefe auf mich lauert. Und obwohl mein Kopf das weiß, schlägt mein Herz wie verrückt, denn die Angst lauert irgendwo da draußen, im tiefen blauen Meer. Tja, schon wieder ein Film vorbei. Komm, wir bleiben noch sitzen. Ich hab noch ein bisschen Restpopcorn. Hinten mittig