Hinten, Mittig - Der Podcast

Steffen Buchmann

Erinnerungen an: "South Park - Der Film" (1999)

15.03.2026 10 min

Zusammenfassung & Show Notes

ES BEGANN AUF EINER LAN-PARTY

Ein Glücksfund auf einer Festplatte erweist sich als mein Zugang zu einer Zeichentrick-Welt, die explizit für Erwachsene erschaffen wurde.

Welche Spuren hinterlässt ein satirisches Musical bei einem unsicheren Jugendlichen, der bis dato nicht mal wusste, wer Saddam Hussein ist?

Erinnerungen von damals und heute an: SOUTH PARK - DER FILM (1999)

Ich habe dir einen Platz freigehalten: Hinten, mittig.

Trigger-Hinweis: Passend zum besprochenen South Park-Kosmos, werden in dieser Folge explizite und anstößige Beleidigungen rezitiert.
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Tonausschnitte „South Park - Der Film“: ©️ Warner Home Video
Cover-Motiv: ©️ themoviedb.com

Transkript

Onkelficker, furzköpfiger Rosettenhengst, eselpoppender Kackfresser, Hundescheiße-Pizza, blutgedrängter eiskalter Tampon-Milkshake und Barbara Streisand. Die Liste an Schimpfworten aus dem South Park-Film ist lang. Noch länger dürfte nur die Liste von Kindern sein, die sie Anfang der 2000er Jahre auf dem Schulhof nachplapperte- mir inklusive. Wusste ich mit 13, was ein Rosettenhengst überhaupt ist und dass es schwule Männer beleidigt? Scheiße nein. Aber Cartman hat es doch im Film benutzt also muss es cool sein, oder? Als Jugendlicher machte ich eine Entdeckung, die ein Tor in eine komplett fremde Welt für mich öffnete: LAN-Partys. VGA-Kabel, Switches, IP-Adressen, Mods und ISO-Dateien mounten. Mit 13 wuchs mein Wortschatz um einige merkwürdige Begriffe. Tutorials bei YouTube gab es da noch nicht, sondern es hieß üben, üben üben. Ich wollte alles Wichtige lernen, um bei diesen nerdigen Computer-Partys meiner Freunde dabei sein zu können. Unter Partys kannte ich bisher nur Feiern, auf denen man zu The Offspring tanzte und Alkopops trank. Doch anstatt sich bis unter die Ohrläppchen mit Parfüm einzudieseln und mit einem Sportunterhemd die Speckröllchen unter dem Kurzarmhemd mit dem blauen Drachenaufdruck zu kaschieren, war der Dresscode für LAN-Partys komplett anders. Was du anhast oder wie du riechst ist egal. Wichtiger war, was du mitbrachtest. Röhrenmonitor, Tower-PC, Tastatur, Maus und Wäsche-Wannen voller Kabelsalat und literweise Cola. Ein Schulkumpel besorgte den Schlüssel für das alte Feuerwehrhaus im Dorf in dem wir uns öfter mal zwei bis drei Tage lang einsperrten. Das ging nur im Sommer, denn die Holzfenster waren undicht und die Heizung machte sowieso, was sie wollte. Fast spannender als das Zocken von Counter-Strike, Far Cry oder einer Dragon Ball Z-Mod für Warcraft 3 fand ich das Austauschen von Dateien. Es gab eine goldene Regel bei jeder LAN-Party: wer mitmacht, darf sich alles ziehen. Da waren Videospiele, Musikalben, sogar ganze Spielfilme auf den rund 10 PCs gelagert, die auf langen Tischen eng an eng standen Die Lüfter röhrten unter der stundenlangen Serverlast. Dass keine der überbelegten Steckerleisten in Flammen aufging, war ein Wunder. Und auf einer dieser Festplatten fand ich ihn. Meinen ersten Clip aus dem South Park Film. In mieser 144p-Auflösung beleidigt Cartman die Mutter seines Freundes Kyle, weil sie an allem schuld ist und eine fettwanstige Dummschlampe ist. Zweimal unterbricht Kyle ihn, warnt ihn davor, seine Mutter weiter zu beleidigen. Doch Cartman lässt sich nicht abhalten, ein einminütiges Hasslied auf Kyles Mom loszuschmettern und sich gleichzeitig über Chinesen Holländer und ganz Afrika lustig zu machen. Southpark, der Film, war mein Erstkontakt mit dieser kontroversen Zeichentrickserie. Im Fernsehen lief sie zweimal abends auf RTL und später auf MTV. Doch weder die Machart noch die Geschichte interessierte mich zunächst, genau wie bei den Simpsons. Dass es Zeichentrick für Erwachsene war, war mir nicht bewusst. Ich hatte mich nur gefragt, warum alle Figuren dieselben langweiligen Gesichter haben. Und mit Satire konnte ich nichts anfangen, da ich die parodierten Figuren oft nicht kannte. Meine Eltern mochten die Serie auch nicht. So bekamen sie schnell den Ruf von etwas Verbotenem. Aus meinem Freundeskreis schnappte ich jedoch immer mehr Dinge auf, die aus dem South Park-Kosmos stammten. So wie etwa Mr. Hankey, eine sprechende Kackwurst mit Weihnachtsmütze. Auch in der Videothek begegnete South Park mir irgendwann mal als Videospiel für den Nintendo 64 Verstanden habe ich es jedoch nicht, warum man dort auf Schneebälle pinkelt und von aggressiven Truthänen gejagt wird. Durch diese eine LAN-Party änderte sich für mich alles. Ich kopierte alle Clips auf meine eigene Festplatte und ließ sie im Media Player hoch- und runterlaufen. Gemeinsam mit meinen Freunden schaute ich mir die Clips so oft an, dass wir sie auswendig mitsprechen konnten. Genauso wie später bei Lord of the Weed oder etlichen anderen Videos, die ich auf Plattformen wie Newgrounds entdeckte. Etwa ein Jahr nach der schicksalhaften LAN-Party hatte ich Glück. Ein Lan-Kumpel hatte den gesamten South Park Film auf Platte dabei. Ach, ich konnte es kaum erwarten nach Hause zu kommen und endlich den ganzen Film zu sehen, den ich in Minutenschnipseln schon so gut kannte. Als nach gut 80 Minuten der Abspann lief und ich die knackenden PC-Boxen leiser drehte, war ich verwirrt. Ist South Park der Film ein Musical? Musicals mochte ich als Jugendlicher nie. Menschen, die über alles singen was ihnen passiert und was sie denken. Und dann noch dazu tanzen. Ich fand das furchtbar. Die Musik von Tanz der Vampire hörte ich zwar ganz gerne, aber das war es auch schon. Doch die Lieder aus South Park waren anders. Die waren lustig provokant und eingängig. Cartmans Schlampenlied kannte ich ja bereits in und auswendig Aber da waren noch so viele andere Lieder die mein Herz schneller schlagen ließen Wenn die Resistance über ihren Sieg trotz schrecklichem Foltertod sang. Wenn Satan aus der Hölle sehnsüchtig nach oben schaute. Oder wenn Big Gay Al sich einfach nur super fühlte. Ach ja, und natürlich der Onkel-Ficker-Song von Terrence und Phillip, der das ganze Chaos inklusive Weltkrieg und Apokalypse überhaupt erst auslöste. Ich schaute den Film immer wieder und wieder und fand jedes Mal ein neues Detail, das ich lustig oder schockierend fand. Dürfen Saddam Hussein und Satan ein schwules Paar sein? Darf man Brüste in einem Zeichentrickfilm zeigen? Oder so viel Fluchen, dass man wie der Imperator Blitze aus seinen Fingern schießt? Die South Park-Macher zeigten mir, na klar darf man das. Je älter ich wurde, desto mehr verstand ich die Satire hinter all dem vermeintlichen Kinderquatsch. Satire über Eltern, die ihre Kinder vor allem Bösen schützen wollen und deshalb ganze Fernsehsender eingreifen. Oder sinnlose Kriege für das vermeintlich gute Vaterland. South Park brachte mich zum Nachdenken. Denn ich selbst sah mich auch als ein gelangweiltes Dorfkind, so wie Stan und seine Freunde. Nachdenken darüber, was einen guten Freund ausmacht, warum man sich auch mal aufs Schlimmste beleidigen kann und so sogar noch zu besseren Freunden wird. Nachdenken über die erste Liebe, die man sich auf der Dorfparty nicht traut anzusprechen. Nachdenken über die Erkenntnis, dass man kein gebildeter Anführertyp sein muss, um jemanden zu imponieren. Manchmal reicht es vollkommen aus, nur ein ehrlicher Durchschnittstyp zu sein, der seine Macken akzeptiert und auf Dinge, die es nicht wert sind, auch mal einen Fick gibt. South Park der Film veränderte nicht nur mein Vokabular und meine Weltsicht, sondern ließ mich damals mit drei Fragen zurück, die manche Menschen vielleicht noch bis heute beschäftigen. Wie klingt eine sterbende Giraffe? Wo ist die Klitoris? Und wer zum Fick ist eigentlich Brian Boitano? Abspann, Vorhang, das war's. Pass auf, dass du nichts Wichtiges vergisst wenn du gleich gehst. Mach's gut und hoffentlich bis bald. Hinten mittig.