S3E4 Vom Einzelkämpfertum zum Teamplay: Wie Digitalisierung das Kollegium stärken kann
2026-03-30 41 min
Description & Show Notes
In dieser Folge des ReDICo-Podcasts ist Micha Pallesche, Schulleiter der Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe, zu Gast. Im Gespräch mit Luisa Conti geht es darum, wie Schule in einer Kultur der Digitalität neu gedacht werden kann und warum Zusammenarbeit dabei eine zentrale Rolle spielt. Anhand konkreter Beispiele aus dem Schulalltag beschreibt Micha Pallesche, wie sich seine Schule von einer „Smart School“ zu einer postdigitalen Schule entwickelt hat.
Digitalität wird hier strategisch genutzt, um kooperative Arbeitsweisen zu stärken und einen kulturellen Wandel anzustoßen, in dem Ko-Kreation eine zentrale Rolle spielt – im Unterricht ebenso wie in der Schulentwicklung. Die Folge macht deutlich, dass Zusammenarbeit eine Voraussetzung für gelingende Schulentwicklung ist. Es geht um fächerübergreifendes Arbeiten, gemeinsame Unterrichtsplanung und Lernformen, die mehr Austausch, Beteiligung und gemeinsames Gestalten ermöglichen. Dadurch verändern sich nicht nur die Lernprozesse der Schüler:innen, sondern auch das professionelle Selbstverständnis von Lehrkräften.
Zugleich wird Schule als gemeinschaftlicher Entwicklungsraum sichtbar, an dem viele beteiligt sind: Lehrkräfte, Schüler:innen, Eltern und das lokale Netzwerk. Die Folge fragt danach, wie Verantwortung geteilt, Beteiligung ermöglicht und Entwicklung offen gestaltet werden kann. Formate wie der sogenannte ‚Rote Salon‘ zeigen, wie solche Prozesse konkret umgesetzt werden können.
Quellen:
Weitere Informationen zu ReDICo und dem ReDICo-Zentrum für digitale Interkulturalitätsstudien finden Sie unter: www.redico.eu
Weitere Informationen zur Arbeit von Micha Pellesche gibt es unter:
https://de.linkedin.com/in/micha-pallesche-198266223
https://www.change-learning.de/blogger/micha-pallesche/
https://www.change-learning.de/blogger/micha-pallesche/
Die genauen Links zu den jeweiligen StrateDie-Kurzvideos und Lerneinheiten finden Sie hier:
https://www.gw.uni-jena.de/28402/stratedie
https://www.gw.uni-jena.de/28402/stratedie
Literaturangaben
Stalder, F. (2016). Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag.
Ashby, W. R. : An introduction to Cybernetics. Wiley, New York 1956.
Jonassen, D. H. (2009). Technology as Cognitive Tools: Learners as Designers. In ITForum Paper #1 (S. 1–7). https://tecfa.unige.ch/tecfa/maltt/cofor-1/textes/jonassen_2005_cognitive_tools.pdf
Puentedura, R. (2014a). Building transformation: An introduction to the SAMR model https://www.hippasus.com/rrpweblog/archives/2014/08/22/BuildingTransformation_AnIntroductionToSAMR.pdf
Pallesche, M. (2023). Indikatoren schulischer Transformationsprozesse in der Kultur der Digitalität. In MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung 52 (gerecht - digital - nachhaltig):149-68. https://doi.org/10.21240/mpaed/52/2023.02.08.X.
Transcript
Hallo und herzlich willkommen bei ReDICo Podcasts for Digital Interculturality.
Dieser Wissenschaftspodcast wird präsentiert von ReDICo Centre for Digital Interculturality Studies der Universität Jena. Unser Interessengebiet ist an der Schnittstelle zwischen gesellschaftlichem Wandel und Digitalisierung. Ich bin Luisa Conti, Leitung des Centres und des Forschungsprojektes StrateDie, Strategische Digitalisierung für eine inklusive Schulentwicklung. Das Projekt StrateDie wird im Rahmen des Programms lernen:digital realisiert, das vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert wird.
Diese dritte Staffel des ReDICo Podcasts ist eine Kooperation von ReDICo mit dem Projekt StrateDie und widmet sich dem strategischen Einsatz digitaler Medien in der Schule.
Heute zu Gast ist Micha Pallesche, Schulleiter der Ernst-Reuther-Schule in Karlsruhe, eine Schule, die unter seiner Leitung als Smart School ausgezeichnet wurde. Micha Pallesche hat unter anderem Medienpädagogik studiert, war viele Jahre am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg tätig und promoviert aktuell zu Transformationsprozessen in der Kultur der Digitalität. Ich habe Sie eingeladen, Herr Pallesche, weil sie, soweit ich erfahren durfte, eine Form von Schulentwicklung ausleben, in der Führung durch Beteiligung, gemeinsame Verantwortung, digital gestützte Zusammenarbeit organisiert wird. Mich interessiert dieses Thema sehr, aber ich habe mich entschieden, eine Episode dazu zu machen, weil im Rahmen unserer Interviews
immer wieder darüber gesprochen worden, über diese Zusammenarbeit im Kollegium. Daher wollte ich unbedingt eine Episode da zu dem Thema widmen. Und deswegen bedanke ich mich wirklich sehr, dass Sie bei uns sind.
Vielen Dank für die Einladung.
Ich wollte mit dem Kontext anfangen und zwar, ich habe gerade erwähnt, dass Ihre Schule als Smart School ausgezeichnet worden ist. Können Sie kurz erläutern, inwiefern Ihre Schule besonders smart ist?
Die Smart School ist ja eine Auszeichnung, die vom Branchenverband Bitkom vergeben wird, seit fast zehn Jahren. Wir haben diese Auszeichnung 2016 bekommen, waren die erste Smart School in Baden-Württemberg, die dritte bundesweit. Damals ging es vor allem darum,
eine Schule zu finden, die schon besonders viel im digitalen Bereich arbeitet, also digitale Medien nutzt, um damit besser lernen zu können. Mittlerweile hat sich das vielleicht ein bisschen zumindest auch bei uns geändert.
Wir blicken jetzt auf zehn Jahre als Smart School zurück und eigentlich können wir fast sagen, dass wir natürlich immer noch mit digitalen Geräten arbeiten. Und es glaube ich fast alles oder zumindest ganz ganz viel an Geräten an uns an der Schule gibt, die auch auf dem Markt sind. Aber ich glaube unsere kulturellen Praktiken haben sich verändert. Man könnte fast sagen, dass wir vielleicht sogar schon eine Art postdigitale Schule sind.
Und von daher war das eine spannende Entwicklung in den letzten zehn Jahren.
Und was meinen Sie genau mit dem Begriff ‚postdigital‘ ist klar, ich denke auch viele Zuhörende, und zwar die Digitalität ist so Teil unserer Lebenswelt, dass nicht mehr zu trennen ist. Aber was meinen Sie jetzt genau damit, dass Ihre Schule vielleicht postdigitaler ist als digital?
Wir leben an unserer Schule vielleicht auch die Praktiken der Kultur der Digitalität und die sind eben geprägt von Co-Kreation, von Partizipation, von Ergebnisoffenheit, von Sinnhaftigkeit, bedeutungsvollem Lernen und all diese Dinge. Gemeinschaftlichkeit, Referenzialität und all diese Dinge, die auch Stalder in seinem Buch beschrieben hat 2016. Ich glaube einfach, dass wir damit gewachsen sind. Und natürlich spielen digitale Medien immer noch eine ganz, ganz wichtige Rolle, aber es hat sich vor allem das Lernen und die Formen,
unsere Schule, der Zusammenarbeit, der Schulentwicklung verändert.
Ja, also digitale Tools ist nicht nur eine technische Erweiterung des Alltags, sondern unterstützt eine Veränderung und unterstützt sehr, wenn ich es richtig verstehe, und das widerspiegelt auch das, was wir auch beobachten in anderen Kontexten und zwar, dass Digitalisierung eine partizipative Didaktik auch sehr unterstützt. Und heute geht aber bei uns weniger um Didaktik, sondern es geht um die Partizipation der Lehrkräfte.
Deswegen, die Frage ist, startet von der Beobachtung, die ich machen durfte, in vielen Interviews, aber auch in ganz, ganz vielen Kontexten, dass immer wieder, wenn es um Lehrkräfte geht und die Arbeitsweise, fällt immer wieder der Satz, Lehrkräfte sind Einzelkämpfer:innen. Aber es fällt diesen Satz nicht so mit Freude, sondern ein gewisses Schwere damit verbunden. Und für mich total interessant wäre zu verstehen, wie ist dieses Selbstverständnis entstanden, dass Lehrkräfte Einzelkämpfer:innen sind und muss es so sein?
Ich glaube, es liegt am grundlegenden Setting. Die meisten Lehrkräfte haben das System nicht verlassen. Das heißt, sie sind ja quasi von der Schule in die Hochschule gewechselt und dann haben sie die Rolle getauscht und treffen dann in den Schulen natürlich wieder auf Strukturen
des Lernens, so wie sie es selbst quasi kennengelernt haben. Mit dem Material, das für diese Art des Lernens ist, mit dem Selbstverständnis, wie gelernt wird, mit den räumlichen und baulichen Voraussetzungen, es hat sich in der Regel sehr, sehr wenig geändert.
Und wenn man sich diese klassische Struktur des Lernens in einer Schule anschaut, dann ist es eben so, dass Kinder sehr, sehr häufig, sehr, sehr lange Zeit in einem Raum verbringen, oftmals auch die Türe geschlossen ist. Und dort eben eine Lehrkraft mit ihrer Klasse zusammen arbeitet. Und ich glaube, so ist es dann. Ja, das ist, glaube ich, das ist, glaube ich, der eine Grund, warum so dieses Einzelkämpfer-Turm entstanden ist. Das Zweite ist natürlich auch, dass wir...
dass das Lernen in Fächern unterteilt ist und ich glaube jede Fachdisziplin da für sich so ihre eigenen Dinge macht, sicherlich auch mit Berechtigung. Auf der anderen Seite es aber eben kaum zu einer zu einer Vernetzung oder überfachlichen Zusammenarbeit kommt, was ja total spannend wäre, wenn man sich das im schulischen Kontext mal überlegt, gemeinsam ko-kreativ über Fachschaftsgrenzen hinweg Lernsettings zu planen. Da dies aber nicht die Regel ist, ja, es sind dann Lehrkräfte doch oftmals ganz, ja, diese klassisch beschriebenen Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer, die in ihrem Raum arbeiten und die Türe zumachen.
Lehrkräfte, die Einzelkämpfer sind, weil sie in ihrem Unterricht einfach die Expert:innen sind und brauchen eigentlich die anderen nicht, ja, also das, wenn ich richtig verstehe, das ist die Idee, aber Sie sagen, man kann doch Unterricht ganz anders denken und co-kreative Prozesse eher fördern. Wollen Sie noch was dazu sagen?
Ja, vielleicht kann ich auch mal ein ganz konkretes Beispiel für die Zuhörerinnen und Zuhörer formulieren. Wie wir versucht haben, anders zu arbeiten. Wir haben in der Corona-Zeit etwas entwickelt, das sich themennotiertes Arbeiten nennt, Thea.
Und wir haben für dieses themennotierte Arbeiten die sogenannten kleinen Fächer rangenommen, also die so einstündig im Stundenplan hängen, Geografie oder Geschichte oder Biologie und haben die Lehrpläne dieser Fächer an so eine 8-Meter-Wand ausgedruckt aufgehängt. Und dann haben wir Themenfelder gesucht, vornehmlich aus den Nachhaltigkeitszielen der UN. Und beispielsweise das Themenfeld Energie uns angeschaut und geguckt, wo steckt denn überall Energie drin? In welchem Fach. Und dann hat man eben gesehen, in Biologie, in Jahrgangsstufe 6, Photosynthese steckt also Energie drin und in sieben in einem anderen Bereich, in Physik. Und so ist es uns gelungen, die Inhalte dieser Lehrpläne in Themenfeldern zu bündeln.
Und so haben wir uns die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5 bis 7 jeweils vier Themenfelder pro Schuljahr, jedes Themenfeld geht so acht Wochen lang, und wir haben diese Einzelstunden genommen und haben die einfach hintereinander in einen Vormittag gelegt. Das heißt, die Kinder haben an einem Vormittag pro Woche einen Block von vier Stunden, an dem sie ein bestimmtes Themenfeld aus den unterschiedlichen Fachperspektiven beleuchten.
Und natürlich wird Lernen dadurch nachhaltiger, weil man eben Wissensnetze schafft und man anders arbeiten kann und man in Ort Schule öffnen kann. Man könnte da jede Woche rausgehen, Kooperationen eingehen, man kann projektartig arbeiten, anders Leistung messen. Vielleicht können wir da nachher noch drüber sprechen. Aber sie haben auch gefragt, wie haben wir versucht, das anders zu machen? Es war auf einmal klar, dass so ein Themenfeld, das über vier Stunden und vier verschiedene Fächer beinhaltet nicht mehr eine einzelne Lehrkraft alleine planen kann, sondern dass
dass es da eben drei oder vier Lehrkräfte mindestens braucht, die sich zusammen hinsetzen und so eine Lernsequenz planen und so ein komplettes Themenfeld ausarbeiten.
Und dadurch, dass wir ja vielleicht sogar aus der Schule rausgehen, wir haben verschiedenste Kooperationen mit Institutionen, ja vielleicht sogar multiprofessionell Lernsettings geplant werden müssen. Das heißt, es braucht da, glaube ich, ein anderes Kooperationsverständnis. Meine Doktormutter Ute Hauck-Thum von der LMU München hat eine weitere Doktorandin, die untersucht das Kooperationsverständnis von Lehrkräften. Also fragt Lehrkräfte, was sie unter Kooperation verstehen. Der Titel der Arbeit heißt „Ich kopier dir mal was mit“.
Und das ist, glaube ich, recht bezeichnend, weil in einer Breite ein Verständnis da ist, wenn man kooperiert, dass man ja vielleicht einer Kollegin oder einem Kollegen sein Material gibt, aber dafür anderes kriegt, aber das ist dann schon das Höchste der Gefühle. Und ich glaube, es braucht da einfach, und so haben wir es dann auch gemacht, ja, eine Kooperation, die eben weit über dieses Einzelkämpfertum rausgeht, nämlich gemeinschaftlich über verschiedene Fachschaften hinweg multiprofessionell Lernsettings zu planen für Schülerinnen und Schüler.
Ok, Sie haben klargestellt, warum die Zusammenarbeit der Lehrkräfte total vorteilhaft für die Schüler:innen ist. Ja, also sie werden dann auch holistisch angesehen und sie können auch Schüler:innen dadurch die Komplexität der Lebenswelt auch besser verstehen und lernen damit umzugehen. Welche sind Vorteile für die Lehrkräfte?
Was total gut zu beobachten war, ist, mit welcher Freude die Kolleginnen und Kollegen diese Einheiten geplant haben. Es war halt gespürt, dass es total Spaß macht, dass sie auf einmal merken, ich kann mich mit meiner Expertise einbringen für eine größere Sache. Also nicht nur für meinen Bereich, sondern da entsteht etwas ganz Neues co-kreativ. Und das hat Riesenfreude bereitet und man muss sich ja vorstellen, die Kolleginnen und Kollegen hatten sich da freiwillig getroffen. Also es wurde niemand gezwungen, sondern die haben gesagt, wir wollen das und haben im Tun gemerkt, dass es große Freude bereitet, gemeinsam Lernsettings zu planen.
Und was sich auch verändert hat in der Schule, ist so ein, ja wie soll ich sagen, die Türen, die immer schon bei uns vielleicht ein Stück offen waren von den Räumen, das hat sich nochmal ausgeweitet auf die Fachräume. Also dass zum Beispiel jetzt, wenn man am Biologieraum vorbeigeht oder Physiksaal oder Chemie, dass halt da zum Beispiel mal steht, heute ist aufgebaut das Experiment der Woche oder wie auch immer. Also das ist quasi wie sogar so eine Einladung an Menschen, die normalerweise nicht da reingehen, sich das mal anzugucken. Also dass man irgendwie gerne seinen Fachbereich zeigt, dass man da aus seiner, ich sag mal kleinen Fachbubble irgendwie rauskommt und merkt, hey, in Zusammenarbeit mit anderen entsteht da was ganz Tolles. Und das, eine zweite wichtige Erkenntnis war auch, das hat jetzt aber eine ganz andere Ebene, das ist so ein bisschen die Arbeitsorganisation. Wir haben einfach festgestellt, dass es wahnsinnig viele Dopplungen gibt im Lehrplan.
Also im Bildungsplan gibt es wahnsinnig viele Dopplungen, dass man gemerkt hat, da sagt da eine Kollegin irgendwie zu den anderen, hey, wie ihr macht das auch? Okay, das habe ich gar nicht gewusst. Also das war auch mal eine total wichtige Erkenntnis.
festzustellen, dass man dann lieber auch mal was weglässt, dafür aber einmal richtig exemplarisch und tiefgehend bearbeitet und plant, als wenn man das einzeln machen würde. Und das dritte, sicherlich total spannend, ist natürlich der große Gewinn in der Zusammenarbeit mit externen Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartnern.
Wir haben zum Beispiel bei uns einen Imker in der Schule und der Imker ist gleichzeitig auch Landwirt und der hat meinen Kollegen darauf hingewiesen, dass er gesagt hat, Mensch, die wirbellosen Lebewesen machen 90 Prozent der Lebewesen auf unsere Erde aus und die sind systemrelevant. Aber noch im Biobuch tauchen die bloß fünf Prozent auf. Also da stimmt das Verhältnis nicht und bloß weil die halt nicht süß sind und kein Fell haben, passt das Verhältnis nicht. Also guckt mal, da sind mehr die wirbellosen rein. Die sind nämlich viel wichtiger für das System als vielleicht andere Lebewesen. Und das ist ja auch total spannend, dass da mal einer von außen kommt und sagt, hey, ich hab da jetzt ein
Ich bringe da einen ganz anderen Blick rein, eine ganz andere Perspektive rein, die ich so noch gar nicht betrachtet habe, auch in meinem Studium nicht hatte und in der Schulzeit auch nicht. Und ja, das ist sehr, sehr wertvoll und vielleicht noch abschließend, um den Gedanken zu Ende zu führen, das führte bei uns, und das werte ich auch als ein Benefit für die Lehrerinnen und Lehrer, das führte dazu, dass zum Beispiel im vorletzten Jahr waren die Physiker Prüfungslektüre bei den Zehnklässlerinnen und Zehnklässlern, beim Realschulabschluss und in Jahrgangsstufe 10 gibt es in Physik das Thema Kernenergie und mit Ethik geht es um Moral und dann haben die Kolleginnen einfach unabhängig von Themennotierter Arbeit gesagt, Moment mal, wir machen da was ganz Ähnliches, lass uns doch mal das zusammen machen und dann hat man wieder genau diese Freude gespürt, wo man einfach festgestellt hat:
Ja, das macht Spaß, mit einer hohen Motivation gemeinsam Lernsettings zu planen.
Das klingt wirklich so, dass ein Miteinander entstanden ist und das gibt natürlich neue Energie und ist auch selber ein Lernprozess und öffnet neue Lernprozesse. Danke für die Beispiele. Und da frage ich mich, also Sie sprechen von Ihrem Team, wie es sich das verändert hat und welche Funktionen hatten Sie als Schulleitung? Wie verstehen Sie überhaupt diese Aufgabe, die Sie haben, und wie fördern Sie die Zusammenarbeit in Ihrem Team?
Es war vielleicht am Anfang gar nicht so einfach, weil man hat natürlich vielleicht ein Bild von Schulleitung im Kopf, dass man auch selber so irgendwie gelernt hat oder erlebt hat, mit dem man, glaube ich, einfach ein Stück weit auch aufbrechen muss. In dem Moment, in dem Partizipation zugelassen wird, bedeutet das für mich als Schulleiter, dass ich Verantwortung abgebe und dass ich eigentlich vertrauen muss auf das, was dort entsteht.
Und dass eventuell, vielleicht können wir ja nachher noch über dieses Format des Roten Salons, des Schulentwicklungsformats sprechen, bedeutet, dass unter Umständen dort Dinge entstehen, zum einen von denen ich noch gar nicht weiß, was rauskommen wird am Anfang, beim Anfang des Prozesses, das heißt, ich gebe auch irgendwie Planungen ab, sondern lasse einfach los. Und gleichzeitig aber auch mit der Gewissheit, dass am Ende, das was dort rauskommt, dass ich da voll und ganz hinten dranstehen muss. Und wahrscheinlich ist sogar
gut unterstützen muss, dass es gut weitergeht. Also es ist schon ein bisschen so eine Umkehr
der Rolle der Schulleitung. Auf der anderen Seite ist es für mich, oder ist natürlich die Partizipation kein Selbstzweck, sondern ich glaube, wir brauchen sie auch auf Lehrkräfteebene, natürlich auf Ebene der Schülerinnen und Schüler, der Eltern, aber auch auf Lehrkräfteebene, damit eine Schule auf einer möglichst breiten Basis gut weiterentwickelt werden kann.
Denn ohne die Partizipation und ohne die Beteiligung fehlen die Blickwinkel und die Gedanken der einzelnen Gremien und Menschen aus dem System. Das heißt, ich könnte gar nicht mehr alleine Entscheidungen treffen, die gut wären wahrscheinlich, weil ich gar nicht alle Menschen im Blick habe und deren Befindlichkeiten, Interessen, Ideen, Wünsche oder so. Das heißt, ich muss ja eigentlich beteiligen, damit es zu einer guten Lösung kommt. Oder andersrum gesagt, es gibt ja
von William Ashby, der ist ein amerikanischer Wissenschaftler im letzten Jahrhundert, das sogenannte Law, Ashby's Law, also das Gesetz, das er mal erlassen hat, also man nennt es Ashby's Law, und das sinngemäß so formuliert werden kann, dass Ashby sagt, je komplexer eine Fragestellung ist, desto komplexer muss das Lösungssystem sein.
Und man muss dann eigentlich in der Schule sagen, okay, was für ein komplexes Lösungssystem können wir eigentlich dagegen setzen. Denn die Fragen, die in der Schule an der heutigen Zeit gestellt werden, werden immer komplexer, dann muss es eigentlich heißen, wir sorgen für ein komplexes Lösungssystem. Also nehmen wir Lehrkräfte mit dazu, Eltern, Schülerinnen und Schüler, um gemeinsam die Lösungen zu bearbeiten.
Also Sie leben aus, was ich gerne theoretisiere, also diesen dialogischen Ansatz, diese Verantwortung teilen, diese Offenheit gegenüber der Besonderheiten der Einzelnen und das Ziel, alle miteinzubeziehen aktiv, in diesem kreativen Prozess des Lernens und des Arbeitens und des Lehrens dadurch. Also vielen Dank für die konkreten Beispiele, aber jetzt sind wir total neugierig auf den Roten Salon, erzählen Sie bitte was darüber.
Ja, es ist tatsächlich vor acht Jahren circa entstanden, diese Idee, dass wir gemerkt haben, auch wir hatten eine Schulleitung, mein Stellvertreter Dominik König-Kurowski und ich und wir hatten so zwei, drei Leute in der erweiterten Schulleitung, dass wir festgestellt haben, dass wenn wir uns etwas überlegen, es zunehmend zu Widerständen kam. Also da ging es schon los bei der Lehrkräftekonferenz, dass dann wir gesagt haben, die haben sich da was ausgedacht und wir müssen es machen und wir wurden gar nicht gefragt.
Plus natürlich diesen Faktor, dass die Fragen immer komplexer wurden, dass wir gesagt haben, wir können nicht mehr alleine entscheiden ohne möglichst viele Menschen zu hören und anzuhören. Und dann haben wir eben gesagt, wir brauchen ein anderes Schulentwicklungsformat und dann ist der Rote Salon entstanden und der Titel kommt daher, dass wir im Keller einen roten Kronleuchter gefunden haben hier in der Schule und der uns sehr gut gefallen hat
und wir gesagt haben, okay, den nehmen wir für unser Schulentwicklungsformat. Und uns war auch gleichzeitig wichtig, dass wir ein gutes Narrativ haben und dass diese Veranstaltung, die wir da organisieren, irgendwie nicht Schulentwicklungstreff oder so heißt, weil ich glaube sonst wäre niemand gekommen und wir selber auch nicht hingegangen, sondern es braucht ein gutes Narrativ. Und jetzt machen wir das quasi zweimal im Jahr
laden wir bei diesem Roten Salon Eltern, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, aber auch Menschen außerhalb der Schule, im Quartier oder Freundinnen und Freunde der Schule, Kooperationspartner und Kooperationspartner ein, um unsere Schule weiterzuentwickeln. Und wir gestalten dafür drei, vier Räume um als sogenannten Co-Working Space.
Das heißt, dort gibt es Gummibärchen auf dem Tisch und es läuft entspannte Musik und es ist eine schöne Atmosphäre, die Menschen sollen sich wohlfühlen, wenn sie bei uns ankommen. Und dann bilden wir gemischte Teams, das heißt wir schauen, dass in jedem Team mindestens aus einem Gremium jemand dabei ist, also mindestens ein Elternteil, ein Kind, eine Lehrerin, jemand von außen. Und dann bekommen diese Menschen eine schulische Fragestellung, für die wir eine Lösung brauchen. Und dann machen wir quasi einen verkürzten Design Thinking Prozess.
Design Thinking ist ja so eine agile Methode aus der Wirtschaft, bei der es darum geht, dass heterogene Gruppen Lösungsprototypen für Fragen entwickeln und genau das machen diese Gruppen, haben eine Stunde Zeit und am Ende dieser Stunde präsentieren dann die Gruppen ihre Ergebnisse und in der Regel sind das so acht bis zehn Gruppen, die dann pitchen quasi zwei bis drei Minuten ihre Lösung präsentieren und das ist total spannend, weil natürlich da echt hochinteressante Lösungen entstehen, weil die über diese heterogene Gruppe entstanden ist. Da kommen sehr kreative Dinge raus.
Wir haben also so einen Blumenstrauß an Lösungen für eine schulische Fragestellung und dann ist, glaube ich, ganz ganz wichtig, dass wir dann eine freiwillige Selbstverpflichtung haben an unserer Schule, dass wir sagen, wir werden mindestens eine dieser Lösungen verbindlich umsetzen.
Und das ist, glaube ich, ein ganz wichtiges Element, wenn wir über Partizipation sprechen an dieser Stelle. Denn Partizipation ist nur dann erfolgreich, wenn sie zu Verbindlichkeit führt. Denn sonst gehen Menschen beispielsweise aus diesem Abend raus und sagen, stimmt, und man müsste was verändern, und es passiert aber nichts, man kommt so in einen alten Trott rein.
Und das ist letztendlich genau dieses Format des Roten Salons, das natürlich auch dazu führt, dass wir durch die Verbindlichkeit, die wir am selben Abend festlegen, also am selben Abend wirklich genau festlegen, was machen die Eltern in der nächsten Woche, in zwei Monaten, in einem halben Jahr, was machen Schülerinnen und Schüler, was machen Lehrkräfte. Wir natürlich eine breite Basis an Menschen haben, die diese Lösung dann wirklich auch
weitertragen und unterstützen, sie nicht mehr so an Einzelpersonen hängt und was dann eben auch zu guten nachhaltigen Lösungen führt, die gleichzeitig aber auch durch die Partizipation zu Mehrheiten führt. Also man legitimiert eigentlich die Lösungen in diesem Roten Salon durch die Partizipation, weil die Menschen sie selber gemacht haben und es nicht mehr quasi in Anführungszeichen von oben von der Schulleitung kommt.
Ja und der Rote Salon ist also ein echter Ort, ein physischer Ort, aber ich kann mir vorstellen, dass in diese Aufgabe, dass die Schüler:innen, die Eltern und die Erziehungsberechtigten, dass die Lehrkräfte übernehmen, auch sehr viele digitale Tools eingesetzt werden. Deswegen für mich wäre jetzt spannend zu erfahren, welches Potenzial Sie in digitalen Tools erkennen und wie werden bei Ihnen konkret
auf der Ebene des Kollegiums eingesetzt, zum Beispiel für Informationsfluss oder Austausch, Partizipation insgesamt, vielleicht können Sie ein paar konkrete Beispiele wieder nennen. Ja, natürlich gerne, vielleicht auch nochmal zum Roten Salon, wir hatten den Roten Salon ja auch in der Corona-Zeit und wir konnten uns nicht mehr treffen, das war ein großes Drama, wir wollten das trotzdem machen und wir haben Kontakt aufgenommen zu einer Firma im Schwarzwald, imsimity, die sehr stark in diesem VR-Bereich unterwegs war und wir haben dann mit dieser Firma zusammen im virtuellen Raum einen virtuellen Coworking Space entwickelt, auch wieder in Form eines Roten Salons und das war total spannend, weil man da quasi so als Avatar sich begegnet ist und je näher man zu einer Gruppe kam, desto lauter wurden die Gespräche, man konnte also richtig sprechen und an die Wände Bildschirme anbringen, was zu präsentieren oder dran malen oder zeichnen, also das war sehr, sehr spannend und das war natürlich
ein schönes Format, das wir dann in der Corona-Zeit, als wir uns nicht treffen konnten, rein virtuell gemacht haben und dann aber in der nachfolgenden Zeit tatsächlich auch hybrid. Also wir hatten einen Roten Salon analog, tatsächlich hier als Ort, in der Ernst-Reuter-Schule und gleichzeitig einen virtuellen Roten Salon im virtuellen Raum, in diesem VR-Raum.
Und wir haben alle Prototyping gemacht und Lösungen gesucht und die gegenseitig uns vorgestellt. Also wir haben gesehen, so ein bisschen wie Big Brother, was machen die Menschen da als Avatare und laufen da rum und andersrum haben die uns gesehen. Also das war total interessant.
Also es ging über eine reine Erweiterung hinweg, sondern es war tatsächlich ein co-kreatives Arbeiten im analogen und digitalen Raum. Und das war eine höchst spannende Erfahrung, die wir da gemacht haben. Aber jetzt vielleicht noch mal konkret zu Ihren Fragen. Ja, natürlich, wir nutzen digitale Technologien, wir nutzen sie unglaublich stark in der Kommunikation. Das ist, glaube ich,
ein zentrales Element jetzt mal auf Verwaltungsebene. Wir haben eine digitale Lernplattform, die wir nutzen, die wir nicht nur als Kommunikationsplattform nutzen, sondern eben auch zum Beispiel in der Dokumentation für Schülerinnen und Schüler bei Lehrkräften, über die wir uns austauschen.
Das ist, glaube ich, das eine. Das andere ist, dass wir vor allem versuchen mit Schülerinnen und Schülern mit digitalen Medien zu arbeiten, indem sie ihren eigenen Content produzieren, das heißt, indem sie in den kreativen Bereich gehen. Also es gibt ja auch das Konzept von Jonassen, Learners as Designers, an das lehnen wir es an, also dass Schülerinnen und Schüler
ja, ihre eigenen Content auch produzieren, eben nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren und eben genau da die Praktiken der Kultur der Digitalität sich wiederfinden, indem sie gemeinschaftlich co-kreativ in unseren Makerspace gehen, Erklärvideos produzieren für Mitschülerinnen und Mitschüler, didaktisch reduzieren müssen, ja, überlegen, natürlich Technologie nutzen, überlegen, wie sieht ein gutes Erklärvideo aus, welche Inhalte werden transportiert und, und, und weiterführend dann natürlich in den Bereich Jugendmedienschutz und darf ich, wo darf ich veröffentlichen, welche Rechte habe ich und so weiter, also da spielt glaube ich alles so eine Rolle und.
In der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräfte, wie setzen Sie das ein? Oder wie setzen Sie was ein?
Genau, also wir haben ja wie gesagt diese digitale Plattform, die wir nutzen, das ist unsere Kommunikationsplattform, wir haben sonst keine andere. Also es gibt natürlich noch die Mail, aber die Dienstmail, aber das ist nur noch eine Plattform, um Sachen zu verschicken, die tatsächlich von offizieller Seite kommen. Ansonsten kommunizieren wir nur noch über die digitale Lernplattform, auch die Lehrkräfte. Das ist das eine. Wir nutzen sowas wie TaskCards natürlich, bei denen wir unsere Curricula und all die Dinge hochladen. Wir haben auch noch Dropbox. Dropbox nutzen wir auch noch als Wissensspeicher für uns als Schule. Und das Wichtige für mich natürlich auch dann ja, dass Kolleginnen und Kollegen ihr Material teilen. Also wir haben sehr viel oder ich nehme eine große Offenheit in meinem Kollegium wahr, dass Kolleginnen und Kollegen die Inhalte, auch digitale Inhalte produzieren, das auch gerne teilen mit anderen. Und das ist tatsächlich eine schöne, gute Win-Win-Situation.
Vielen Dank für die Beispiele. Jetzt, Sie haben ganz früh angefangen mit der Digitalisierung. Bei vielen hat es erst mit Corona oder nach Corona angefangen. Und das erfordert Veränderungen, aber bei Ihnen wahrscheinlich auch,
weil Digitalisierung verändert sich auch ständig. Es ist ein Prozess mit immer neuen Herausforderungen, aber auch neue Angeboten. Und dafür wird das Medienkonzept als ein wichtiger Instrument gesehen. Wie sehen Sie das Medienkonzept? Können Sie sich vorstellen, das Medienkonzept auch als eine Art Gemeinschaftsprojekt einzusetzen? Also bei Ihnen aber auch insgesamt auch für andere Schule?
Wahrscheinlich, wenn man möchte, ist es wahrscheinlich sogar so gewesen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie oft Schulen bei mir angerufen haben, die ein Medienkonzept entwickeln mussten. Es war in Baden-Württemberg ja so, dass die Gelder des Digitalpaktes eins nur dann geflossen sind, wenn man ein Medienkonzept vorlegen konnte und wie viele Schulen bei uns angerufen und gesagt haben, schickt uns mal euer Medienkonzept, damit wir eins haben damit wir die Gelder bekommen. Das war quasi ein Gemeinschaftliches. Ob das dann so zielführend ist, ist die andere Frage. Aber ich verstehe natürlich, worauf Sie rauswollen.
Wir haben ein Medien-Curriculum, das haben wir in jedem Fall. Das ist bei uns eng verbandelt mit anderen Curricula, also beispielsweise in Präventionscurriculum oder Sozial-Curriculum. Es gibt immer wieder Überschneidungen. Das ist sicherlich eine Basis und auch eine gemeinsame Verabredung, die wir getroffen haben, die für uns total wichtig ist, weil sie Verlässlichkeit schafft. Weil wir genau wissen, in welcher Jahrgangsstufe arbeiten Schülerinnen und Schüler, aber auch natürlich Lehrkräfte, wenn sie eine Klasse neu übernehmen, mit den Schülerinnen und Schülern, auf was kann ich mich verlassen, was wurde dort gemacht. Das ist glaube ich total wichtig und das ist sicherlich auch gemeinschaftlich entstanden und braucht natürlich auch einiges an Absprachen.
In welchen Fächern letztendlich wie und mit welchen digitalen Geräten oder auch Software gearbeitet werden soll?
Ja, vielen Dank. Ich habe also an Sie die richtige Frage gestellt als anerkannte Expert offensichtlich von Medienkonzept. Also die Lehrkräfte wegen Digitalisierung brauchen neue Kompetenzen, nicht die, die vielleicht vor zwei Jahren, fünf Jahren, zehn Jahren und weiter zurück gebraucht haben. Sie brauchen aber auch ähnliche oder dieselbe Kompetenzen auch gleichzeitig. Aber was mich interessiert ist tatsächlich aufgrund des Themas, das wir gerade besprechen, ist, welche besondere Kompetenzen brauchen Sie, wenn wir über sie als Teamplayer denken? Wir haben angefangen mit einer Reflexion über das Rollenbild, als Lehrer, als Einzelkämpfer.
Und da haben wir gesehen, dass eigentlich, wenn wir Unterricht zeitgenössischer denken, als partizipative Ereignis, als projektbezogene Prozess, dann müssen wir auch Lehrkräfte haben, die gerne miteinander arbeiten und auch gerne voneinander lernen, gerne sich einander unterstützen und in Austausch gehen. Deswegen ist die Frage, die ich jetzt wichtig finde, welche besondere Kompetenzen sie in diesem Hinsicht brauchen, also auch als Teamplayer zu sein. Und was bedeutet das für das Lehramtsstudium?
Das ist glaube ich die zentrale Frage, die man stellen kann am Ende. Wie gelingt es uns, oder anders formuliert eigentlich, wie gelingt es uns eigentlich mit diesen bestehenden, im Englischen gibt es diesen Begriff der Beliefs, also mit diesen Überzeugungen
zu brechen, die eigentlich so stark in uns gewachsen sind, was eigentlich eine Lehrerin oder ein Lehrer ausmacht. Und das Interessante ist, vielleicht vorneweg, bevor ich noch mal ganz konkret auf die Frage eingehe, das Interessante ist, dass digitale Medien nicht dafür sorgen werden. Das ist ja die große Hoffnung, dass wir durch die digitalen Medien automatisch dorthin kommen, aber es ist nicht passiert. Also wenn wir uns angucken, wie digitale Medien genutzt werden und vielleicht kennen oder die Zuhörerinnen und Zuhörer auch das SAMR-Modell, das SAMR-Modell von Puentedura, bei dem es darum geht, zu beschreiben, wie digitale Technologien letztendlich dann in ein System integriert werden, dann beginnt es erst mal mit der Substitution.
Das heißt, es wird erst mal was ersetzt. Das heißt, die Tafel kommt weg. Dafür gibt es jetzt eine digitale Tafel und der Overhead-Projektor ist weg. Jetzt gibt es einen Visualizer. Das heißt, man ersetzt etwas. Und dann kommt es zum A zu Augmentation und das ist die Erweiterung. Das sind für mich die Tablets beispielsweise.
Die Tablets erweitern, ein bisschen ein Lernprozess. Und dann so das Modell, kommt es zu einer Modification, also SAMR, S-A-M-R, also eine Modifizierung und R, die Re-Definition, also eine völlige Neugestaltung von Lernprozessen. Und was ich erlebe, ist, dass die meisten Schulen, auch nach der Corona-Zeit, die jetzt quasi eine digitale Ausstattung haben, nach dem A stehen bleiben. Also man könnte fast sagen, da gibt es wie so einen Bruch
und die Modification, Re-Definition, findet nicht statt. Und das ist, glaube ich, ganz entscheidend, denn das ist nämlich auf einmal keine...
Also, und kann man vielleicht auch erklären, denn mit der Substitution, mit dem Ersetzen und dem Augmentation kann ich wunderbar mit den bisherigen Unterrichtsstrukturen weitermachen. Das heißt, ich optimiere eigentlich bestehende Strukturen dadurch.
Und was dann folgen soll, ist eine kulturelle Veränderung. Also es ist eben kein technischer Schritt mehr, derweil, da gibt es so einen kulturellen Schritt. Und jetzt komme ich zu Ihrer Frage. Ich glaube, Lehrerinnen und Lehrer müssen eben verstehen, dass es einen kulturellen Veränderungsprozess braucht, dass Lehr-, Lernprozesse neu gedacht werden müssen, dass natürlich digitale Medien dabei eine Rolle spielen, aber dass wir Wege gehen können und vielleicht auch müssen, die wir so noch gar nicht im Blick haben.
Und das wäre natürlich unglaublich wichtig, dass wir genau diese Elemente auch im Lehramtsstudium mit bedenken, dass vielleicht im Lehramtsstudium tatsächlich auch mal überdisziplinär, über Fachschaftsgrenzen hinweg gemeinschaftlich, co-kreativ
Konzepte entwickelt werden. Mit einem Bezug zur Realität, mit echten Herausforderungen, echten Problemstellungen. Also alles das, was Schülerinnen und Schüler später auch machen müssen. Bei denen mit Ergebnisoffenheit umgegangen wird, wo ich noch nicht mal weiß, was am Ende rauskommt. Also etwas gemeinsam entwickelt wird. Und das sind, glaube ich, Dinge, die müssen erst gelernt werden.
Die müssen wir lernen als Menschen, auch Lehrerinnen und Lehrer und angehende Lehrerinnen auch. Und das wäre, glaube ich, wenn uns das gelänge, dann wären wir, glaube ich, einen Schritt weiter. Und ich habe im Rahmen meiner Doktorarbeit vor gut zwei Jahren einen Artikel veröffentlicht. Der nennt sich „Indikatoren schulischer Transformationsprozesse in der Kultur der Digitalität“. Den findet man auch veröffentlicht im Netz. Dort habe ich Lehrkräfte an sogenannten Best-Practice-Schulen gefragt, was für sie Transformation bedeutet.
Und ich wollte extra eben nicht systemisch drauf schauen, sondern ich habe die Lehrkräfte an diesen Schulen gefragt und habe Gruppendiskussionen durchgeführt mit diesen Lehrkräften.
Und konnte nach Auswertung des Materials sechs zentrale Indikatoren schulischer Transformationsprozesse identifizieren, die für diese Lehrkräfte von großer Bedeutung sind für Veränderung. Und wenn man sich die anschaut, dann ist das Gemeinschaftlichkeit, dann ist das ein verändertes Kooperationsverständnis, auch ein anderes Rollenverständnis. Dann geht es um Partizipation und Beziehungsarbeit und der entscheidende Indikator für diese Lehrkräfte war aber, ich habe ihn mal so genannt, Entgrenzung. Also die Entgrenzung von Zeit, Fach, Raum und Inhaltsstrukturen war für diese Lehrkräfte von entscheidender Bedeutung für Veränderung. Und wenn das dann das Narrativ ist, oder ich glaube, das die Basis ist, dann kann Veränderung gelingen. Und wenn man das dann berücksichtigt, auch bei der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung, ich glaube, dann sind wir auf dem richtigen Weg.
Und das heißt auch wahrscheinlich eine Veränderung in der Lehramtausbildung auch, wie man selber da vorangeht und was die Lehramtsstudierenden da erleben als Normalität. Ja, vielen Dank dafür.
Und jetzt kommen wir leider schon zu Ende, aber am Ende haben sie die Möglichkeit, ein Plädoyer zu halten. Also ein Plädoyer für Lehrkräfte, ein Plädoyer für Schulleitungen und ein Plädoyer für die sogenannte Policymakers. Sie können entweder alle zusammen oder wir können eine ganz spezifische Frage, wie zum Beispiel, was würden Sie Lehrkräfte erstmal als Mitglieder eines Kollegiums raten?
Ich würde Lehrkräften eines Kollegiums raten, also zum ersten Mal die adressieren, die wirklich was verändern wollen. Da gibt es nämlich in jedem Kollegium welche. Und zu denen würde ich sagen, tut euch zusammen, macht euch Gedanken, versucht neue Konzepte zu entwickeln und diese umzusetzen. Und macht die vor allem ganz sichtbar, das was ihr macht, und versucht Menschen zu finden, die euch in diesen Ideen folgen. Ich glaube, das wäre für die Lehrerinnen und Lehrer der Schritt. Ja und für die Schulleitung in der Folge natürlich, dass sie eben genau solche Prozesse anstoßen und aber auch zulassen. Also es gibt ja Schulleitungen, die selber, ich sag mal, Funkensprüherinnen oder Funkensprüher sind, die sehr innovativ sind.
Das ist das eine, aber das ist nicht jeder. Aber es ist glaube ich schon mal gut, wenn ich so etwas zulasse. Also wenn ich etwas zulasse im Kollegium, dass sich etwas bewegt, dass Menschen sich zusammentun, ich sie vielleicht sogar ermutige das zu machen, dann wäre das mein Appell an Schulleitungen tatsächlich das auch zu tun. Veränderung aktiv
anzugehen und dann die Prozesse zu unterstützen, das ist, glaube ich, der zweitwichtigste Schritt.
Ja, und die Policymaker, ich glaube, was wirklich verändern würde, wäre, wenn wir in irgendeiner Form veränderte Formen der Abschlussprüfung bekommen könnten. Das wäre für mich ein ganz, ganz großer Schritt, wenn man sich vorstellt, die aktuelle Form der Abschlussprüfung, die ja genau wieder auf dieses Einzelkämpfertum abzielt, dass natürlich bei Schülerinnen und Schülern am Ende des Tages Einzelprüfungen stattfinden, bei denen ich alleine über Stunden hinweg irgendwelche erwartbaren Lösungen reproduziere oder aufschreibe, fördert natürlich genau diese Art des Lernens und des Unterrichtens.
Wenn man sich vorstellt, dass wenn Schülerinnen und Schüler bei der Abschlussprüfung co-kreativ arbeiten sollten, dann fallen die aktuell durch. Das ist nicht vorgesehen. Und ich glaube, das wäre mal total spannend darüber nachzudenken, wie können die Formen von Leistungsmessung, aber vor allem auch die Formen der Leistungsmessung bei den Abschlussprüfungen anders aussehen. Und wenn es nur ist, dass wir einen Teil von mir aus individuell haben, aber einen anderen Teil auch wo ich vielleicht gemeinschaftlich, oder in welchen Formen auch immer, meine Leistung zeigen kann als Schülerinnen und Schüler.
Weil das würde in der Folge dazu führen, dass Lehrkräfte eben nicht mehr sagen können, naja, die müssen ja diese Art von Prüfung machen, also bleiben sie auch so in ihren Strukturen und bleiben einzeln und wir machen das ja genauso in unserer Art und Weise, wie wir arbeiten, unterrichten und lehren, sondern okay, da geht es um andere Formate, also müssen wir die auch für unsere Arbeit in den Blick nehmen, auch im Sinne eines pädagogischen Doppeldeckers.
Und ja, das wären so meine drei Gedanken, die ich dazu habe.
Ja, sehr toll und ich hoffe, Ihre Wünsche gehen in Erfüllung. Auf jeden Fall haben Sie uns, also ich spreche von allen, denke ich, wirklich viel Lust auf Miteinander gegeben. Sie haben das Gefühl gegeben, dass es möglich ist, dass es möglich ist, einen anderen Alltag zu haben. Und dass es möglich ist, Spaß am Lehren miteinander zu haben und Dinge doch zu verändern. Deswegen bedanke ich mich wirklich sehr dafür.
Vielen lieben Dank für das Gespräch.
Und vielen Dank auch an alle Zuhörende. Gerne können Sie sich auch die StrateDie-Educasts anschauen sowie die interaktiven Trainingseinheiten. Die Lehrkräfte gerne mit einem Buddy durchgehen können, apropos Miteinander. Diese sind auf der EU-E-Learning-Plattform Kids4ALLL zugänglich, aber alle Plattformen,
worüber wir gesprochen haben, sind dann in den Show Notes zu sehen. Und auch gerne die Literaturangabe. Sie haben ein paar spannende Modelle und auch ein Artikel von Ihnen, Herr Pallesche, benannt. Ich fände es total schön, wenn Sie mir das alle zukommen lassen. Dann teile ich das mit den Zuhörenden in den Show Notes. Wenn Sie mehr über das ReDICo Centre erfahren möchten, besuchen Sie gerne unsere Webseite redico.eu oder folgen Sie uns auf YouTube, LinkedIn, Blue Sky oder Mastodon. Eine weitere Möglichkeit der Vernetzung stellt das ReDICo-Hub, die Plattform für alle, die sich für die Themen unseres Podcasts sowie daran angrenzende Themen interessieren. Also jetzt kann ich nur Sie einen wunderschönen Tag oder Abend wünschen.