S3E5 Digitale Entlastung: Wie Lehrkräfte Zeit und Kapazitäten gewinnen können
2026-03-30 48 min
Description & Show Notes
Luisa Conti spricht mit Dennis Sawatzki, Geschäftsführer und Gründer des Instituts für Schulentwicklung und Hochschuldidaktik (ISH GmbH), über die Frage, wie digitale Medien Schulen nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Organisationsentwicklung eingesetzt werden können. Wie kann es gelingen, Digitalisierung strategisch so einzusetzen, dass Lehrkräfte wieder mehr Zeit für ihre pädagogische Kernaufgabe gewinnen? Die beiden werfen gemeinsam einen differenzierten Blick auf den aktuellen Stand der Digitalisierung an deutschen Schulen und klären, warum es längst nicht mehr nur um technische Ausstattung geht, sondern um eine Kultur der Digitalität.
Anhand konkreter Praxisbeispiele wird deutlich, wie digitale Tools in Organisation, Verwaltung, Kommunikation und Projektmanagement sinnvoll eingesetzt werden können. Dabei wird aber auch deutlich, dass gute Schulentwicklung braucht Mut, Strukturen wirklich weiterzuentwickeln, passende Fortbildungen und vor allem eine Schulkultur, in der Dialogfähigkeit und eine positive Fehlerkultur ausgelebt werden. Diese Folge lädt dazu ein, Schulentwicklung als gemeinschaftlichen Lernprozess zu begreifen und mutig die nächsten Schritte zu gehen.
Quellen:
Weitere Informationen zu ReDICo und dem ReDICo-Zentrum für digitale Interkulturalitätsstudien finden Sie unter: www.redico.eu
Um dem ReDICo-Hub beizutreten, gehen Sie auf: https://hub.redico.eu
Besuchen Sie den YouTube-Kanal von ReDICo: https://www.youtube.com/@DigInterculture
Weitere Informationen zur Arbeit von Dennis Sawatzki gibt es unter: https://ish-gruppe.de/team/dennis-sawatzki/
Hier geht es zur E-Learning-Plattform KIDS4ALLL: https://learn.kids4alll.eu
Die genauen Links zu den jeweiligen StrateDie-Kurzvideos und Lerneinheiten finden Sie hier:
https://www.gw.uni-jena.de/28402/stratedie
Transcript
Hallo und herzlich willkommen bei ReDICo Podcasts for Digital Interculturality.
Dieser Wissenschaftspodcast wird präsentiert von ReDICo Centre for Digital
Intercultrality Studies der Universität Jena, wo an der Schnittstelle zwischen
gesellschaftlichem Wandel und Digitalisierung gearbeitet wird. Ich bin Luisa Conti,
Leitung des Forschungsprojektes StrateDie sowie des Centres for Digital
Interculturality Studies. Diese hier ist der dritte Staffel und widmet sich dem
strategischen Einsatz digitaler Medien in der Schule. Diese Staffel ist eine
Kooperation des ReDICo Centres mit dem Projekt StrateDie – Strategische
Digitalisierung für eine inklusive Schulentwicklung, das im Rahmen des Programms des
Bundes Lernen:digital im Verbund SchuDiDe Schule Digital Demokratisch realisiert
wird und vom Bundesministerium für Bild und Familie, Senioren, Frauen und Jugend
finanziert wird.
Als Gast haben wir heute Dennis Sawatzki bei uns. Er ist Geschäftsführer des ISH
GmbH, das heißt des Instituts für Schulentwicklung und Hochschuldidaktik. Er ist
Gründer der Firma. Und wie man auf der Webseite liest, er ist Bildungstäter. Ich
zitiere weiter, er ist ein Überzeugungstäter im Auftrag bessere Bildung. Also so
eine Person konnte ich also nicht nicht einladen. Sie haben, lieber Herr Sawatzki,
Erziehungswissenschaften sowie Germanistik, Hispanistik und Philosophie studiert.
Sie waren eine Zeit lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter an zwei verschiedenen
Universitäten. Und jetzt sind Sie Trainer, Supervisor, Counselor und Systemischer
Coach im Auftrag einer besseren Bildung.
Also schön, dass Sie da sind. Und ich weiß, dass Sie extrem beschäftigt sind. Ich
weiß also sehr zu schätzen, dass Sie sich die Zeit genommen haben heute für diesen
Austausch. Also vielen Dank. Vielen Dank für die Einladung. Und ja, ich bin der
Einladung sehr, sehr gerne nachgekommen und freue mich auf das Gespräch. Mit Ihnen
könnte ich ganz verschiedene Themen besprechen. Allerdings möchte ich heute auf die
Möglichkeiten der digital gestützten Organisationsentwicklung der Schule
fokussieren. Aus der qualitativen Studie, die wir im Rahmen des Projektes
durchgeführt haben, hat sich herauskristallisiert, dass viele Lehrkräfte stark
überlastet sind und deshalb kaum freie Kapazitäten haben, Digitalität innovativ zu
nutzen im Unterricht oder digitale Tools auszuprobieren und so weiter.
Daher finde ich total wichtig, die Frage, wie digitale Medien eigentlich in der
Schule strategisch so eingesetzt werden können, dass Lehrkräfte wieder mehr Zeit und
Energie für grundlegende pädagogische Aufgaben gewinnen. Und daher würde ich gerne
mit Ihnen mit dem IST-Zustand starten. Also wie steht es aktuell um Digitalisierung
an deutschen Schulen? Ja, das ist gleich eine große herausfordernde Frage, mit der
Sie einsteigen, denn das lässt sich natürlich nicht pauschal und für alle Schulen
über die Ländergrenzen hinweg beantworten. Es ist sehr bundesländer-spezifisch,
unterschiedlich in meiner Wahrnehmung.
Und was wir sagen können, ist, dass in den letzten Jahren durch den Digital Pakt 1,
durch die verschiedenen Fortbildungsoffensiven im Bereich der Digitalität und
letztlich natürlich auch durch die Corona-Pandemie die technische Infrastruktur an
den Schulen deutliche Fortschritte gemacht hat, sodass es ja mittlerweile doch nur
noch sehr, sehr wenige vereinzelte Schulen gibt, die nach wie vor ihre
Schwierigkeiten mit einem flächendeckenden WLAN haben oder...
Probleme aufgrund fehlender oder nicht aktueller Endgeräte für die Lehrkräfte oder
Schülerinnen und Schüler. Aber auch dort gibt es sehr große Unterschiede, je nach
Land, je nach Kommune, je nach Schulträger, wie die Schulen ausgestattet sind auf
der einen Seite und auf der anderen Seite, wie sie mit der Ausstattung letzten Endes
dann auch umgehen. Wir befinden uns in meiner Wahrnehmung immer noch in dem Stadium
zwischen der Digitalisierung und der Digitalität. Die Digitalisierung ist aus meiner
Sicht eher die technisch ausgerichtete Perspektive auf die verfügbaren Medien, die
den Schulen zur Verfügung stehen, sowie die entsprechende dazugehörige
Infrastruktur. Und die Digitalität umfasst etwas anderes. Das betrifft insgesamt den
Lernbegriff,
das Bildungsverständnis, die Schulkultur, die Art und Weise, wie wir in Schule
miteinander arbeiten, wie wir lehren und lernen. Und da sind einige und immer mehr
Schulen auch auf dem Weg und auch schon sehr weit auf dem Weg fortgeschritten, was
eine Implementierung einer Kultur der Digitalität anbetrifft. Und andere Schulen
haben eben noch ein bisschen zu ringen, zu kämpfen und manchmal auch zu hadern, eher
mit den Herausforderungen der Digitalisierung. Insofern würde ich sagen, wir sind
auf einem guten Weg, den ich manchmal als etwas zu langsam empfinde.
Den Schulen da auch mehr Entlastung wünschen würde, von der Ausstattungsseite her,
was die Digitalisierung anbetrifft, auch was das dazugehörige Personal anbetrifft,
IT-Expertinnen und Experten beispielsweise, IT -Beauftragte. Aber wenn wir
zurückblicken und zurückspulen in den ersten Podcast-Interviews zu der Thematik vor
einigen Jahren noch so mitten in der Pandemie und auch teilweise in den Lockdowns,
habe ich gesagt, dass wir in drei bis fünf Jahren nicht mehr über
die Digitalisierung als solche sprechen müssen, sondern uns dann die Fragen
bezüglich der Digitalität endlich stellen können und stellen dürfen und sich dieser
Frage auch stellen müssen. Und ich würde sagen, ja, das war vielleicht teilweise, je
nachdem, ob wir eher in städtische oder ländliche Regionen blicken, ob wir in dieses
oder jenes Bundesland blicken, teilweise etwas optimistische Perspektive, die aber
in der Grundannahme richtig ist, dass ich sagen würde, von heute aus gesehen, in
drei bis fünf Jahren, werden wir definitiv nicht mehr über die technische
Ausstattung als Hindernis oder Hemmnis einer Kultur der Digitalität sprechen müssen,
sondern eher über Medien, Bildungsmedien, ethische Aspekte.
über Nutzungsfragen und wie Sie es auch angedeutet haben, über die Frage, wie kann
das Digitale Schulentwicklung, Organisationsentwicklung, Unterrichtsentwicklung und
letzten Endes auch Personalentwicklung professionalisieren und die Akteurinnen und
Akteure in und rundum von Schule bestmöglich auch unterstützen und entlasten. Vielen
Dank und da schließt gerade die Frage daher an, in diesem Kultur der Digitalität,
also wie in welchen Bereichen außerhalb des Unterrichts, also der rein didaktischen
Arbeit, in welchen anderen Bereichen können digitale Tools, Lehrkräfte konkret
entlasten, zum Beispiel bei Organisation, Verwaltung oder Elternkommunikation oder
anderen Dingen, die sie tun müssen, oder sollten?
Ja, ich glaube dafür ist es hilfreich, wirklich auch sich immer wieder vor Augen zu
führen, dass das Digitale natürlich irgendwo auch Lern- und Reflexionsgegenstand von
Schule ist und sein muss. Wie gehen unsere Kinder und Jugendlichen an Medien heran,
mit digitalen Medien um? Und die damit verbundenen Fragen, Herausforderungen und
Entwicklungen wie Mediensucht und Cybermobbing und diese Flächenversiegelung, diese
Digitale, die wir auch im Alltag entsprechend erleben, dass wir eigentlich nirgendwo
mehr hingehen können, ohne die digitalen Medien oder es vielleicht einfach auch
nicht mehr tun und es ein Stück weit vielleicht auch verlernt haben, das ist so der
eine Bereich, der betrifft natürlich viel den Unterricht oder das Kerngeschäft
von Schule. Auf der anderen Seite ist es aber ja letztlich auch eine Art
Instrumentarium. Es ist auch eine Art Werkzeug, um eben Organisationsentwicklung zu
betreiben, um Arbeitsstrukturen, Abläufe, Prozesse zu optimieren. Und da gibt es
sehr, sehr viele Anwendungsfelder, die sich nach und nach vielleicht auch erst
erschließen. Und ich glaube auch, dass Schulen gut daran tun, dass alles auf einmal
und gleichzeitig angehen zu wollen und doch immer wieder sich auch zu überlegen, wo
gibt es denn den Quick-Win? Wo haben wir denn schnell eine Entlastung, einen
Vorteil, einen Mehrwert, den wir erzielen können? Und oft ist es so, wenn wir etwas
Neues einführen, dann braucht es erst mal eine Weile, dann gibt es Widerstände,
Reaktanz, dann muss man so ein bisschen durch einen Tal durch, bevor es dann auch
bergauf geht. Also das gehört zu Veränderungsprozessen grundsätzlich dazu, aber
digitale oder digital gestützte Schulentwicklung im übergeordneten Sinne ist
natürlich weitaus mehr, als dass es die didaktische Sphäre berührt, die natürlich
Unterrichtsvorbereitung betrifft, Konzept- und Materialentwicklung, Fortbildung und
Personalentwicklung. Aber wir haben eben auch die Chance, die auch viele Schulen
nutzen, zum Beispiel, was die Kooperations- und Kollaborationsstrukturen anbetrifft,
was kollegiale Teamarbeit, synchrone und asynchrone Zusammenarbeit anbetrifft, was
Sitzungsmanagement und Konferenzkultur anbetrifft, die digital gestützt, digital
unterstützt werden können, die aber auch digital gerahmt werden können,
sodass wir es mit einer anderen Vereinbarkeit und Niedrigschwelligkeit letztlich zu
tun haben. Und auch die arbeitsorganisatorische Ebene. Sie hatten es angedeutet,
Schulverwaltung, Dokumentation, Administration, Wissensmanagement,
Qualitätsmanagement, Kommunikationsfluss, Onboardingprozesse und so weiter und so
fort. Also es gibt ja im Prinzip in allen Bereichen von Schule die Möglichkeiten
durch digitale Strukturen und Ansätze eine Kultur des Teilens zu etablieren, eine
Kultur der Kollaboration zu kultivieren, zu intensivieren. Sich auch
arbeitsökonomischere Workarounds zu schaffen. Eine professionellere Dokumentation,
Visualisierung von Projekt- und Prozessmanagement aufzubauen. Also, das ist eine
sehr...
schwer konkret zu beantwortende Frage, weil es in jedem Bereich von Schule und auch
natürlich rund um Schule vielfältige Möglichkeiten gibt. Aber dafür brauchen wir
natürlich auch eine gewisse Haltung und Perspektive, wie wir das Ganze bei uns an
der Schule auch implementieren können. Und ja, das vielleicht als ein Gedanke und
ein zweiter, zunächst angedeuteter, insbesondere den Bereich der Fundierung, der
Evidenzbasierung, da sehe ich ganz große Chancen. Also während wir vielleicht vor
10, 15 Jahren noch mit Papierfragebögen durch die
Kollegien gelaufen sind und dann in Excel-Tabellen Auswertungen vorgenommen haben,
haben wir heute Abfrage-, Umfrage-, Evaluationstools, die das Ganze massiv
beschleunigen und die es auch professionalisieren, sodass wir die Möglichkeit haben,
auch datengestützt Schule zu entwickeln und auch als, ich sag mal, als Laie oder als
Halbprofi da entsprechend mit Evaluation, quantitativer und qualitativer
Datenauswertung umzugehen, ohne dass ich das jetzt in irgendeiner Weise studiert
haben müsste oder mit einer Universität kollaborieren müsste.
Spannend, sie heben hervor die Wichtigkeit, so eine datenbasierte
Organisationsentwicklung durchzuführen, damit man diese, wenn ich richtig verstehe,
flexibel weiter gestalten kann und von Fehlern lernen kann und neue Wege nehmen kann
und ausprobieren kann. Sie haben gesagt, es gibt so viele verschiedene Bereiche, die
sich auch langsam erschließen. Deswegen ist es unmöglich, jetzt vollständige
Antworten zu geben, was man alles machen kann. Nichtsdestotrotz, ich finde es total
spannend, wenn Sie ein paar Beispiele nennen: Sie arbeiten mit so vielen
verschiedenen Schulen in ganz verschiedenen Kontexten. Vielleicht fallen Ihnen
Beispiele, die einfach anregend sein können, in verschiedenen Bereichen der
Digitalisierung im Rahmen der Organisationsentwicklung.
Ja, sehr gerne. Da gibt es tatsächlich erfreulich viele Positivbeispiele, die ich
miterleben und mitbegleiten darf. Schulen, die sich teilweise sehr explizit die
Digitalisierung oder die Digitalität auf die Fahne geschrieben haben. Andere
Schulen, die eigentlich an anderen Themen und Baustellen dran sind, aber doch das
Digitale für sich eben auch entdeckt haben und ja produktiv nutzen. Ich denke da
beispielsweise, um an den letzten Gedanken anzuknüpfen, an eine Schule, die ich im
Augenblick als Prozessberater begleiten darf, die für sich
also die Schulleitung für sich eben auch entschieden und beschlossen hat. Wir
möchten mehr herausfinden von dem, wie es unseren Kolleginnen und Kollegen wirklich
geht mit den Arbeitsstrukturen, die wir derzeit vorfinden. Und wir hören immer
wieder zwischen Tür und Angel auf den Fluren, vielleicht auch mal in der einen oder
anderen Konferenz natürlich Stimmen und Meinungen, natürlich aber auch tendenziell
von denen, die ohnehin ihre Meinungen auch äußern. Und das ist nicht unbedingt
repräsentativ und bildet nicht unbedingt auch wirklich die Mehrheit oder den
Querschnitt einer Schulgemeinschaft ab.
Und dafür hat die Schulleitung dann entsprechend den Wunsch und die Absicht
geäußert, ein Fragebogeninstrument zu entwickeln und das auch partizipativ mit dem
Kollegium rückzukoppeln. Also das Fragenset wurde gewissermaßen gemeinsam kuratiert.
Und ich habe dann von außen lediglich dabei unterstützt, das quasi aufzusatteln und
vernünftig einzuführen, damit dort eine hohe Beteiligungsquote auch entsprechend
entsteht. Und hinterher bei der Auswertung. Und das war ein sehr, ich sag mal,
vorbildlicher, recht arbeitsökonomischer, aufwandsparsamer Prozess, der sehr stark
natürlich digital gestützt dann auch abgelaufen ist, sowohl im Anlegen des
Fragebogeninstruments
als auch in der Durchführung der Befragung und in der Kommunikation der Ergebnisse.
Das ist so ein good practice Beispiel, das mir einfällt von einer Grundschule in dem
Falle. Ich habe mit einigen Schulen zu tun, die sehr stark darauf bedacht sind, dass
sie die Transparenz über die Schul- und Unterrichtsentwicklungsaktivitäten erhöhen
möchten. Dass sie darüber auch ein Stück weit zu mehr Kollaboration und Beteiligung
motivieren möchten, die auch gleichzeitig eine Verbindlichkeit und
Eigenverantwortung der Kolleginnen und Kollegen stärken möchten durch eine hohe
Transparenz über das, woran wir als Schule gerade gemeinsam arbeiten und dafür
werden dann häufig Task Cards beispielsweise als Kanban-Boards oder als
Projekttableaus
verwendet, sodass man darüber dann auch wirklich in die Projekt- und
Maßnahmensteuerung eintauchen kann und dortauch Protokollführung stattfindet im
Rahmen von Konferenzen und Sitzungen. Ich kenne vereinzelte Schulen, die mit KI-Bots
als Assistenten im Bereich des Schulsekretariats oder auch auf der Ebene der
Schulleitungen arbeiten, wo es dann wirklich darum geht, das viele Papier, den
E-Mail -Verkehr, die vielen zusichtenden Dokumente und Prozesse auch wirklich ein
Stück weit zu automatisieren oder halb zu automatisieren und damit aber vor allen
Dingen auch zu standardisieren, sodass darin nicht nur ein Entlastungspotenzial
steckt, sondern eben auch das Potenzial zur qualitativen Sicherung und
Weiterentwicklung.
Ich kenne sehr, sehr viele Schulen, die dazu übergegangen sind, ihre
Lehrkräftekonferenzen in einem Wechselmodus oder Wechselturnus mal in Präsenz und
mal als Videokonferenz abzuhalten. Kleinere Teams, Projektgruppen,
Jahrgangsstufenteams, die für mehr Vereinbarkeit mit Familie und Privatem
Videokonferenzen ohnehin für sich auch als Medium entdeckt und genutzt haben,
darüber aber beispielsweise auch Elternabende organisieren. Damit auch mehr Eltern
erreichen, die vielleicht nicht so mobil sind oder vielleicht auch einfach aus
eigener Negativerfahrung in ihrer Biografie so ungern in ein Schulgebäude gehen und
dann direkt auch ein Stück weit Retraumatisierung erleben. Da gibt es auch
Möglichkeiten für die Elternkommunikation, wirklich
niedrigschwelliger auch anzusetzen. Natürlich benutzen die allermeisten Schulen
mittlerweile digitale Ablageorte, eine Cloud, ein Lernmanagementsystem für eine
leichtere Auffindbarkeit von Dateien und Unterlagen. Und wir haben einen
24/7-Zugriff, das ist natürlich auch ein ganz, ganz großer Vorteil. Also da gibt es
wirklich viele Positivbeispiele, alle, ich sag mal, Schulformen, Schularten
übergreifend und ja viel Potenzial, was da auch hinter steckt. Ein letztes Beispiel
vielleicht dazu für speziell den Bereich des Prozess- und Projektmanagements, wenn
dort Timelines angelegt werden, ein Projektstrukturplan aufgebaut wird, wenn ja
gewisse Templates auch genutzt werden, die vielleicht gar nicht genuin aus dem
schulischen Bereich stammen, dann hat das gleich mehrere Effekte.
Wir haben eine professionellere Visualisierung. Wir haben eine langfristige
Dokumentation. Wir haben eine leichte Zugänglichkeit. Wir haben eine gute
Bearbeitungs- und Anpassungsmöglichkeit. Also auch agil und iterativ dann mit den
Projekten und Prozessen umzugehen. Und die Schulen erhalten vor allen Dingen ganz by
the way Impulse durch die Tools und durch die Templates und durch die Modelle und
durch die Methoden, sodass da auch ein Fortbildungseffekt hintersteckt auf
Organisationsentwicklungsebene. Okay, vielen Dank. Das war wirklich sehr
bereichernd, so viele verschiedene Ideen in verschiedenen Bereichen auch jetzt zu
hören. Und ich denke, die Leitidee ist hier, dass wir es schaffen, Kapazitäten
freizustellen, wenn...
Schule den Mut haben und die auch die Kapazitäten selber haben, tatsächlich Dinge
frei auszuprobieren und die partizipativ zu evaluieren, damit man flexibel bleibt
und weiterhin verbessern kann und weitere Dinge sonst probieren kann. Und sie
arbeiten mit vielen Schulen, die viele tolle Dinge machen und für mich würde sich
die Frage stellen, was müsste sich strukturell verändern oder insgesamt verändern,
damit so eine smart organisierte Schule nicht eine Ausnahme bleibt, sondern den
Standard wird? Also auf einer übergeordneten Ebene würde ich mir an verschiedenen
Stellen mehr Dialogfähigkeit oder Dialogbereitschaft zwischen den Instanzen
wünschen, also zwischen Schule, intermediärer Ebene und Governance, weil ich das
Gefühl habe, dass wir
sehr sehr viele, sehr fortschrittliche, moderne Schulen in Deutschland haben. Ich
darf ja im Bereich des Deutschen Schulpreises der Robert-Bosch-Stiftung auch
verschiedene Programme moderieren und dadurch eben auch mit sehr vielen dieser
Preisträgerschulen oder Bewerberschulen auch zusammenarbeiten. Und das ist einfach
wahnsinnig inspirierend, wie viele gute Schulen es gibt, die ja etwas anders machen,
die strukturell etwas verändert haben. Und das nicht, weil sie von außen von der
Bildungspolitik die Unterstützung, die Anregung, den Anstoß erhalten hätten, sondern
obwohl sie das eben nicht erfahren haben. Und das ist, glaube ich, der übergeordnete
zentrale Punkt, dass wir Schule als einen Ort des Lernens und der Bildung und der
Persönlichkeitsentwicklung nicht nur für die Kinder und Jugendlichen
betrachten sollten und dürfen, sondern für alle Akteurinnen und Akteure. Das heißt
auch diejenigen, die in Schule arbeiten, die auch an Schule arbeiten und von außen
mit Schulen entsprechend zusammenarbeiten, die Ressourcen zur Verfügung stellen und
koordinieren. Dass wir insgesamt eine größere Lern- und Entwicklungsbereitschaft
brauchen, um wirklich voneinander Good Practice zu erfahren und auch miteinander
Next Practice zu entwickeln. Das ist so ein Pauschaleindruck, sage ich mal, dass ich
glaube, wenn wir besser darin würden, voneinander gelingendes
abzukupfern, dann wären wir schon einige Schritte weiter. Und dann haben wir aber
oft strukturelle Hemmnisse, die dem im Wege stehen. Ganz konkret gibt es sicherlich
einige Ansatz- und Anknüpfungspunkte, wo es strukturell zu einer Entlastung oder
Verbesserung führen kann. Beispielsweise wird es immer wieder, wenn wir auf digitale
Tools beispielsweise gucken immer wieder danach gefragt, ja, aber welche Tools
dürfen wir denn eigentlich verwenden? Datenschutzkonformität etc. Da gibt es einen
hohen Unsicherheitsgrad bei vielen Schulen. Ich sag mal, diejenigen Schulen, die
sehr weit sind auf dem Weg hin zu einer Kultur der Digitalität, die stellen diese
Fragen nicht ganz so kritisch.
Und sind vielleicht an der einen oder anderen Stelle mutiger, vielleicht auch
manchmal kreativer. Aber das kann man nicht pauschal jetzt irgendwie jeder Schule,
jeder Schulleitung abverlangen. Und deswegen brauchen wir auch strukturelle Lösungen
und flächendeckende Lösungen. Das heißt, Sicherheit zu erhöhen durch Whitelists
digitaler Tools. Und nicht jetzt nur Whitelists, auf denen dann steht, okay, ihr
dürft jetzt keine Ahnung TXT-Dateien erstellen. Also das müssen dann schon auch
Tools sein, mit denen man was anfangen kann. Wir haben ja häufig das Problem, dann
haben wir vielleicht ein Tool, das ist datenschutzkonform, das ist open source, das
ist kostenfrei. Vielleicht muss man da keinen Account für anlegen, es ist
niedrigschwellig. Dann ist es aber meistens nicht so intuitiv bedienbar. Es hat
meistens keinen besonders großen Funktionsumfang. Es hat sehr viele
Kinderkrankheiten. Also das ist ja immer die Schwierigkeit. Und die High-End-Tools,
die haben dann aber oft diese Datenschutzproblematik
oder sind sehr teuer und so weiter und so fort. Das heißt, eine Whitelist, die jetzt
vielleicht bestenfalls auch nicht nur für ein Bundesland gilt, sondern Länder
übergreifend an sicheren und passablen, funktionablen Tools ist etwas, wo nach wie
vor Schulen ein Stück weit auch nach suchen. Ich glaube allerdings, dass das ein
Stück weit auch nur Makulatur bedeuten würde, wenn man diese Listen erstellen würde.
Ich glaube, wir brauchen eine bessere Niedrigschwelligkeit durch Landes-, oder sogar
Bundeslizenzen oder auch eigens entwickelte Tools. Jetzt beispielsweise die KI Telli
ist ein Beispiel, das zu einem Positivbeispiel heranwachsen könnte. Schulen haben
ganz selten einen klaren IT-beauftragten Experten, der sich um die technische
Infrastruktur und die Einrichtung, die Administration et cetera
von Endgeräten usw. kümmert, kümmern kann. Das ist etwas, wo ich sagen würde, da
etwas mehr Ressourcen auch in das Schulsystem zu investieren, würde auf jeden Fall
für Entlastungen sorgen und viele technische Wehwehchen und Probleme reduzieren. Wir
dürfen auch im Bereich der Digitalität die dritte Phase der Lehrkräftebildung
stärken, also die Lehrkräftefortbildung. Die längste Phase der Lehrkräftebildung,
die aber am unterrepräsentiertesten und am unterfinanziertesten ist, weil es
natürlich auch darum geht, bis heute, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die
bestimmte technische Anwendungen nicht souverän beherrschen, weil sie nicht die Zeit
im Alltag haben, weil sie nicht die Fortbildung erfahren haben, weil es keine
Notwendigkeit gab bis dato, weil man vielleicht sich auch scheut, weil man sich auch
nicht blamieren möchte vor Kolleginnen und Kollegen, dass sich immer
noch keinen Bildschirm teilen kann in einem Videokonferenzsystem. Das gibt es aber.
Und das erlebe ich eben auch in den Fortbildungen. Wir können darüber meckern oder
auch manchmal lächeln. Aber das ändert nicht die Situation. Wir müssen konstruktiv
überlegen, was bedeutet das? Wo haben wir strukturell bis hierhin auch ein Stück
weit versagt? Und ich glaube, das ist ganz klar in dem Bereich von Fortbildung,
Weiterbildung, Personalentwicklung. Und dafür kann es ganz niedrigschwellige
Angebote geben, die für alle Kolleginnen und Kollegen, auch die weniger
technikaffinen, anschlussfähig sind. Auch für die Schulleitungsebene, für
pädagogische Führungskräfte, schulleitungsbezogene Weiterbildungsprogramme, Digital
Leadership gibt es vereinzelt. Immer wieder aber auch nicht so in dem Umfang wie
benötigt. Und jemand, der von außen
einen wohlwollenden Blick auf die Schule richtet und sie in der Schulentwicklung
unterstützt, also eine Prozessberatung, die bei der Implementierung hilft. Das ist
ein Feld, in dem wir uns dann ja eben auch verstärkt neben den Fortbildungen bewegen
und wo wir auch merken, da gibt es eine ganz große Erleichterung, eine ganz große
Dankbarkeit von Seiten der Schulen, dass sie dann mit den Fragen und
Herausforderungen nicht allein gelassen sind. Ja, das ist auch bei uns tatsächlich
in den Interviews ganz klar rausgekommen. Ich habe gezielt über Fortbildungen
nachgefragt, weil wir selber eine digitale Fortbildung entwickeln wollten und auch
entwickelt haben. Und dann habe ich gefragt über schlechte und gute Beispiele oder
Faktoren, die dazu förderlich sind oder nicht. Und da kam ganz wichtig der Punkt,
dass natürlich können hilfreich sein, Fortbildungen, die bestimmten Tools
beibringen, oder so.
Aber eigentlich total wichtig ist, Fortbildungen zu haben, die die Lehrkräfte
tatsächlich in ihrem Kontext unterstützen und dass sie eigentlich nicht da zu Ende
gehen, wenn die Begegnung, diese Wissenvermittlung sozusagen zu Ende ist, sondern
dass eigentlich eine Begleitung wird, wo auch reflektiert wird, dass man was lernt,
was ausprobiert und dann darüber reflektiert. Deswegen fand ich jetzt spannend, dass
Sie auch darüber berichten, wie wichtig das eigentlich ist, diese Prozessbegleitung,
die Sie auch zum Beispiel anbieten. Ein Aspekt vielleicht noch ergänzend dazu: Wir
denken, Fortbildung nach wie vor relativ zentral und vereinzelt. Also wir haben es
nach wie vor sehr stark mit einzelnen schulinternen Fortbildungstagen,
pädagogischen Tagen, Schulentwicklungstagen zu tun, von denen es vielleicht einen
bis zwei pro Jahr gibt. Aber das ist ja nichts prozessbegleitendes, nichts
prozesshaftes. Da wirklich mehr in Mikrofortbildung und in anderen Strukturen auch
zu denken, die auch einen Fortbildungseffekt mit sich bringen können, auch Coaching-
Elemente mit einzubringen, Peer-Strukturen, Buddy-Systeme, Mentoring-Verfahren
aufzubauen, eine digitale Sprechstunde, eine digitale Kaffeepause, ein Barcamp und
so weiter und so fort. Also ich glaube, wir dürfen uns insgesamt in dem Bereich
Fortbildung und Personalentwicklung noch stärker auch hinsichtlich der Formate
flexibilisieren, um einfach auch dort und nicht nur im Unterricht das Lernen quasi
zu modernisieren, sondern auch das Lernen in der Lehrkräftefortbildung zu
modernisieren.
Ja, besten Dank. Also Sie haben jetzt auch wieder eine Palette an ganz vielen
verschiedenen Dingen, die diese Next Practice sozusagen erschweren. Und könnte man
sagen, welche Hindernisse bremsen am meisten, am stärksten diese Umsetzung? Also zum
Beispiel technische Infrastruktur und Datenschutz, Support, Finanzierung,
Zuständigkeit oder insgesamt Kultur. Also was denken Sie, wo – natürlich ist alles–,
aber gibt es etwas, wo Sie denken, besonders stark harkt und muss es nicht so sein?
Ja, ich würde es tatsächlich mal systematisch kurz beleuchten wollen aus meiner
Perspektive, welche Resonanz ich aus den Schulen erhalte. Vielleicht auch dazu
nochmal zum Kontext: Also wir führen mit dem Institut an ganz unterschiedlichen
Schulen,
in allen Bundesländern Fortbildungen und Prozessbegleitungen durch, nicht nur an der
einzelnen Schule, sondern auch im Rahmen von übergeordneten Programmen in
Zusammenarbeit mit Landesinstituten beispielsweise, im Rahmen von Digital
Leadership-Reihen, digitaler Schulentwicklung, Zertifikatskurse, wo dann eben
beispielsweise ein Schultandem bestehend aus Schulleitungsmitgliedern und
gegebenenfalls IT-Beauftragten an diesen Programmen und Kursen teilnehmen, sich mit
anderen Schulen, Schularten und Schulherausforderungen auseinandersetzen. Das heißt,
das Bild, das ich sammeln darf, ist natürlich nicht vollständig, aber ich glaube
schon insgesamt einigermaßen repräsentativ. Ich würde sagen, hinsichtlich der Frage
nach der technischen Infrastruktur:
Die ist nur noch punktuell ein Bremsklotz und ansonsten höchstens eine Ausrede. Das
Datenschutzthema hinter dem Datenschutz steckt oftmals in meiner Wahrnehmung ein
Nichtwollen im Deckmantel eines Nichtdürfens. Eigentlich wollen wir das jetzt hier
auch gar nicht, das ist uns auch zu groß oder zu unsicher. Wir können das aber
natürlich immer gut als Totschlagargument ins Feld führen. Es ist natürlich richtig,
dass wir hier saubere Lösungen brauchen. Das ist keine Frage und das soll das Thema
auch nicht bagatellisieren. Aber ich glaube, es gibt so viele Schulen, die ihre Wege
gefunden haben, wie sie eben datenschutzkonform, digital-gestützt Schule auch
betreiben und weiterentwickeln, dass es sich lohnt, da immer lösungs- und
ressourcenorientiert hinzublicken. Ja, Stichwort Support, ich hatte es angedeutet:
Wie viele echte, qualifizierte IT-Spezialistinnen und Spezialisten bewegen sich im
Feld Schule? Das sind nicht so wahnsinnig viele. Das ist natürlich benötigt für die
technische Digitalisierung. Aber eben auch Fortbildnerinnen und Fortbildner,
Prozessberaterinnen und -berater für die digitalitätsbezogene Schulentwicklung sind
deutlich ausbaufähig.Sowohl was die landeseigenen Ressourcen anbetrifft als auch das
externe Unterstützungssystem aus EdTech-Unternehmen und aus der Bildungswirtschaft.
Dafür braucht es aber natürlich auch ein anderes Maß an Finanzierung, was mich zum
nächsten Punkt bringt mit dem Digital Pakt 2.
We will see. Es ist dort besonders betont, ähnlich wie es jetzt im Rahmen des
Startchancenprogramms auch der Fall ist: wo es dort Säule 2 heißt, dass insbesondere
die Schul- und Unterrichtsentwicklung und auch im Digitalpakt insbesondere die
Fortbildung und Personalentwicklung fokussiert werden sollen. Das stand im
Digitalpakt eins ehrlicherweise auch. Und es ist ein bisschen natürlich die Frage,
ob das jetzt praktisch einfach die nächste Sau ist, die durchs Dorf getrieben wird,
wie das häufig so in schulischem Kontext der Sprech ist, oder ob wir wirklich hier
und da daraus noch mehr nutzen als Schule auch schlagen oder ziehen können. Da liegt
natürlich ein großes Potenzial, wenn sich die Finanzierung nicht durch
Selbstverwaltung wieder mehr oder minder selbst auffrisst. Also ich glaube, es ist
ganz wichtig, dass wir auch über Bürokratieabbau
im Kontext der Bildungsbürokratie sprechen. Es ist wichtig, dass es
niedrigschwellige Möglichkeiten für Maßnahmen, Anträge und Gelderbewilligungen
braucht und dass die Schulen in ihrer Autonomie gestärkt werden dürfen. Die geben
ihr Geld nicht leichtfertig aus. Das Vertrauen in Schulen, in Schulleitungen darf in
meiner Wahrnehmung noch größer werden, dass sie auch gut und genau wissen, was ihre
Schule gerade als Nächstes für ihre eigene Entwicklung braucht. Hinsichtlich der
Zuständigkeiten: Wir haben den Bereich der IT, also eher der Digitalisierung, sehr
stark auch gleichzeitig mit den Schulträgern assoziiert, wo es teilweise auch
schwierige Kommunikation zwischen Schule und Schulträger gibt, das höre ich auch
immer wieder, teils auch unklare Zuständigkeiten oder Verantwortung,
die man nicht annimmt und damit eine zu hohe Abhängigkeit der Schulen, in meiner
Wahrnehmung. Ich habe ein relativ aktuelles Beispiel, das habe ich im Rahmen einer
Veranstaltungsreihe in Schleswig-Holstein als Anekdote sozusagen in Erfahrung
gebracht: da ging es auch um die Frage der Einführung von Telli und die Schule hat
eine Fobizz-Lizenz, damit die Kolleginnen und Kollegen sich darüber auch fort- und
weiterbilden können auf sozusagen eigene Faust ein Stück weit und gleichzeitig auch
die Fobiz integrierte KI-Instanz nutzen können. Jetzt gibt es mit Telli aber eine
Landeslösung für eine entsprechende Schul-KI, so dass es im Kontext Fobizz nur noch
ein Tool ist, das quasi zur Fortbildung und Personalentwicklung
genutzt werden soll. Und die Schulträger sind für Fortbildung und
Personalentwicklung nicht zuständig. Also übernehmen die die Kosten für die Fobizz-
Lizenz nicht mehr. Und ja, das sind so teilweise in meiner Wahrnehmung
Prinzipienreitereien, wo ich denke, ja, aber lass uns doch mal gucken, was braucht
die Schule denn eigentlich? Und welchen Mehrwert hat denn diese oder jene Lösung?
Und welchen Kompromiss kann man denn vielleicht auch gehen? Und da ist manchmal die
Bereitschaft miteinander dann eben auch, sich an einen runden Tisch zu setzen und zu
überlegen, worum es eigentlich geht, vielleicht nicht ganz so stark ausgeprägt. Das
mag auch wiederum an Strukturen und Zeitmangel und Personalmangel zu tun haben oder
daran liegen. Aber ich denke, das ist ein wichtiger Punkt. Wirklich Zuständigkeiten
und Verantwortlichkeiten nicht miteinander zu verwechseln oder zu
vermischen. Letzter Aspekt: Kultur. Ich glaube, dass sich eine Schule mit der Frage
auseinandersetzen muss und die wird sie nicht so einfach beantworten können: Möchten
wir einen Change, also eine Veränderung bestehender Strukturen, oder möchten wir
eine Transformation, also einen Wandel, wo wir wirklich komplett in Erneuerung gehen
und insgesamt über unsere Lernkultur, unsere Aufgabenkultur, unsere Prüfungskultur,
unser Notensystem, unser Denken in Klassenräumen, in Jahrgangsstufen, in
Schulgebäuden usw. denken. Was das auch für die Veränderung der Rolle als Lehrkraft
bedeutet, bezeichnet man sich eigentlich noch als Lehrer oder Lehrerin. Sprechen wir
noch von Unterricht? Ist es legitim, Schülerinnen und Schüler sozusagen zu
adressieren oder haben die nicht vielleicht auch eigentlich eine andere
Rolle? Und das ist natürlich viel disruptiver, viel grundsätzlicher und
grundlegender und in meiner Wahrnehmung im Augenblick ein sehr neuralgischer Punkt
an vielen Schulen, weil ich das eben teilweise erlebe dort, wo Schulleitung und
Kollegium mehr oder minder Einigkeit erlangt haben, entsteht auch ein gewisser
Drive. Oder eben nicht Drive, wenn sie sich darin einig sind, dass wir nur hier und
da sozusagen Kleinigkeiten anpassen wollen. Da wo aber Schulleitung deutlich
progressiver beispielsweise ist als das Kollegium, haben wir immer auch Fragen das
Führungsverständnis betreffend, wie viel top down, wie viel bottom up tut uns gut,
wo haben wir Partizipation, wo gibt es Delegation.
Wer trifft Entscheidungen? Wer hält sie wie verbindlich auch ein und steuert solche
Prozesse? Und auch umgekehrt, wenn wir eine vielleicht etwas konservativere oder
zurückhaltendere Schulleitung haben, aber das Kollegium sieht, wir müssen etwas
verändern. Wir kommen so mit den Schülerinnen und Schülern nicht mehr klar. Wir
werden ihnen nicht mehr gerecht, dann kann das auch ausbremsen. Also auch die
Vermittlung innerhalb der Schule, zwischen Schulleitung und Personal ist dabei ganz,
ganz wichtig, damit wir eine Vision gemeinsam entwickeln können, was für eine
Schulkultur wünschen wir uns eigentlich? Und daraus können wir dann Leitziele
entsprechend ableiten und von dort aus auch entsprechende Handlungen in die Wege
leiten. Ja, also dann lass uns schauen, wie wir tatsächlich die Transformation
voranbringen, würde ich sagen. Es ist dringend notwendig und das, ich denke, es wird
immer mehr den Stakeholders klar. Und daher jetzt, Sie haben die Chance, ein
Plädoyer auszusprechen und die Frage ist dabei, was können Lehrkräfte selbst
beeinflussen? Was liegt bei Schulleitung und Schulträger? Und was muss
bildungspolitisch entschieden werden? Also wie gesagt, Sie dürfen ein Plädoyer für
jede dieser Ebenen aussprechen.
Ja, ich glaube, dass mein Plädoyer durchaus systemisch übergreifend und
Personengruppen übergreifend eher ausgerichtet sein wird, weil es mir genau darum
auch geht, also stärker die Verbindungen und das Gemeinsame zu betonen. Natürlich
sind wir in unterschiedlichen Rollen, Funktionen, Positionen und haben damit
unterschiedliche Verantwortung, Aufgaben, Zuständigkeiten und doch sich immer wieder
vor Augen zu führen, worum geht es eigentlich im Kern. Auch diese Frage kann sehr...
streitbar diskutiert werden und muss ausgehandelt werden. Aber dafür müssen wir
miteinander ins Gespräch, in Kontakt kommen. Ich glaube, im ersten Schritt geht es
wirklich darum, wenn wir miteinander auf einer Metaebene über Bildung, über Schule,
über die Zukunft der Schule sprechen, im Kontext unserer derzeitigen Gesellschaft,
dann darf es da auch mal so ein bisschen zur Sache gehen. Aber man muss nicht immer
in allem entsprechend einer Meinung sein. Das ist auch nicht mit pädagogischer
Geschlossenheit beispielsweise gemeint. Es geht wirklich darum, dass wir gewisse
Leitlinien identifizieren, auf die wir uns verständigen können, auch ein Stück weit
als Minimalkonsens, als Ausgangsbasis, als handlungsleitender Wertkompass, wenn man
so will.
Aber das ist das, was wir brauchen. Wir brauchen eine Verständigung über das, worum
es geht: über pädagogische Prinzipien und Konzepte, über Bildungswerte und Ziele.
Und aus der Verständigung kann ein Verständnis erwachsen füreinander. Ich weiß, wenn
ich Akteurinnen und Akteure der unterschiedlichen systemischen Ebenen miteinander
ins Gespräch bringe und das moderiere, dann ist immer wieder die Feststellung, wir
sind ja gar nicht so weit auseinander. Eigentlich wollen wir ja das Gleiche, aber
wir haben einen anderen Blickwinkel darauf, wir befinden uns in einer anderen Rolle,
in einer anderen Position. Damit haben wir auch andere Wege, die uns dafür
vorschweben oder auch andere Einschränkungen, die uns vielleicht auch daran hindern
oder davon abhalten. Und auf diesen zwischenmenschlichen Dialog sich wirklich
einzulassen und dann vielleicht aus dem Verständnis füreinander auch punktuell mehr
ein Verständnis miteinander
erwachsen zu lassen, das finde ich übergeordnet erstmals das ganz Entscheidende und
natürlich müssen wir auf Verhältnisse und Verhalten gucken. Also es geht um das
individuelle Verhalten, weil ich als Lehrkraft, ich als Schulleitung, ich als
Bildungsdezernent, ich als Schulträger, Schulaufsicht und so weiter und so fort
natürlich einen Einflussradius habe, natürlich eine Vorbildfunktion übernehme,
natürlich etwas in Bewegung setzen kann, natürlich auch gegen Widerstände
entsprechend auch angehen kann, wenn mir etwas wenig sinnvoll oder sogar
kontraproduktiv erscheint. Das erfordert auf der einen Seite eine gewisse Zukunfts-
und Bewältigungszuversicht und auf der anderen Seite durchaus auch eine
Bescheidenheit, was die Komplexität anbetrifft. Ich glaube, wenn wir mit der Haltung
oder Meinung...
in solche Dialoge treten, dass wir relativ genau wissen, wie Schule eigentlich sein
müsste, dann kann es gut sein, dass wir auf Gleichgesinnte treffen. Die können aber
nicht die entsprechende Power entwickeln, weil es nur einige wenige sind, die sich
in ihrer eigenen Bubble bewegen. Wir müssen also auch das Conträre akzeptieren. Wir
müssen in Aushandlungsprozesse gehen. Es geht auch um Meinungsdiversität,
Meinungspluralismus, um Vielfalt. Das zusammenzubringen und das miteinander auch
wirklich konstruktiv auszuhandeln, das verlangt natürlich eine gewisse
Bescheidenheit ab, weil ich nicht mit der Haltung in den Dialog treten darf:
Ich weiß, wo der Hase langläuft, wenn ihr mir folgt, dann wird alles besser. Und ich
glaube, in solchen Zeiten befinden wir uns, dass wir nicht mehr zielsicher
Zukunftsprognosen abgeben können, wo sich unsere Gesellschaft in fünf Jahren, wo
sich die Weltpolitik in zehn Jahren befinden wird. Und es geht darum, uns zurück zu
besinnen auf das, worum es uns eigentlich geht: Demokratische Werte, humanistische
Werte. Welchen Bildungsbegriff legen wir zugrunde, welche pädagogischen Leitlinien
leiten wir für uns daraus ab? Was brauchen wir dafür, um das dann auch entsprechend
umsetzen zu können? Und ich würde sagen, da miteinander ins Gespräch zu gehen. Es
kann nur hilfreich sein, aber bitte eben auch...
nicht so tun, wie man das häufig dann auch auf Podien erlebt, als wären wir doch
sowieso eigentlich alle gut befreundet und gleicher Meinung und so weiter. Sondern
lasst uns auch da reingehen, wo es uns unbequem wird, wo es wehtut, wo es ins Detail
geht, wo es um Machbarkeitsfragen geht. Lasst uns da gemeinsam draufgucken, das
ausleuchten, denn es ist leicht nur all zu abstrakt zu bleiben. Aber wenn wir
konkret werden, dann wird es halt auch verbindlich. Und das erlebe ich häufig, wenn
ich Schulen beispielsweise im Rahmen von Leitbildentwicklungsprozessen begleiten
darf, solange wir auf einer Mataebene,
auf einer hohen Flughöhe unterwegs sind, ist alles noch ganz geschmeidig, wenn es
dann aber darum geht, was bedeutet das jetzt eigentlich in der Konsequenz? Was von
dem, was wir in Schule tun, behalten wir bei? Was müssen wir unbedingt verbessern?
Was brauchen wir neu? Und vor allen Dingen, was lassen wir weg? Was schaffen wir ab?
Und wer macht das im Endeffekt? Dann geht es wirklich ans Eingemachte und da ist es
oft hilfreich, das in einem moderierten Dialog zu bringen, um eben auch, ich sag
mal, Gemüter zu regulieren, aber trotzdem eben auch ein Stück weit bewusst den
Konflikt auch zu akzeptieren, weil in dem Konflikt eben auch ganz viel
Veränderungskraft, Veränderungspotenzial steckt. Das wäre so mein Plädoyer im
Endeffekt an alle Beteiligten. Ja, wunderschön.
Sie haben wirklich geschafft, die Komplexität der Schule als Kosmos darzustellen und
eigentlich unsere Realität. Und wenn ich es richtig verstehe, die Kernbotschaft ist,
diese Komplexität ernst zu nehmen, sowohl unserer Gesellschaft, unserer Realität als
auch der Schule und diese dialogische Fähigkeit und Willigkeit, die Wille,
dialogisch zu sein, diese Kompetenz, das wirklich zu sein und auszuleben, zu nutzen
und zu entwickeln, damit wir immer flexible Lösungen finden können und für jeden
Kontext dann die Fähigkeit haben, passend zu reagieren und zu handeln und sich immer
wieder neu zu entwickeln und zu denken. Sie haben vorhin auch darüber gesprochen,
wie wichtig es ist, dass wir lernen, auch zu teilen. Und Sie haben sehr viel geteilt
von Ihren Erfahrungen, von Ihrem Wissen. Deswegen möchte ich mich für Ihre Teilnahme
an unserem Podcast und für das Teilen Ihrer Perspektive sehr bedanken. Sehr sehr
gerne!
Vielen Dank auch an alle Zuhörenden. Und gerne können Sie sich auch die EduCasts von
StrateDie anschauen und am besten mit einem Buddy StrateDies interaktiven
Trainingseinheiten durchgehen. Diese sind auf der EU e-Learning-Plattform KIDS4ALLL
zugänglich. Eine weitere Plattform, die ich Ihnen empfehle, ist der ReDICo-Hub. Sie
stellt eine Möglichkeit der Vernetzung für alle, die sich für die Themen unseres
Podcasts interessieren, sowie daran angrenzende Themen. Die Webseite ist
hub.redico.eu. Wenn Sie mehr über das ReDICo Centre fallen möchten, besuchen Sie
gerne unsere Webseite redico.eu oder folgen Sie uns auf YouTube, LinkedIn, Blue Sky
oder Mastodon. Also dann bis bald, zumindest digital.