Ein Denker "aus der Zukunft“ – Stuart Hall und die Suche nach Identität
Oder: Identität als Prozess – und was uns wirklich zusammenhält
27.08.2025 74 min
Zusammenfassung & Show Notes
Von Jamaika nach London, von Politik in die Wissenschaft – Stuart Halls Weg war voller Brüche und Neuerfindungen. In Teil eins dieser Doppelfolge erzählen wir euch, warum sein Denken zu Identität uns beide bis heute begeistert und bewegt. Und wir laden euch ein, mit uns darüber nachzudenken, was Identität eigentlich bedeutet.
Wer war Stuart Hall – und warum ist er bis heute so einflussreich für unser Nachdenken über Sprache, Macht und Geschlecht? In dieser ersten Folge unserer Doppelfolge werfen wir einen Blick auf Halls Biografie: von seiner Kindheit in Jamaika über die Migration nach Großbritannien, seine Erfahrungen mit Rassismus und Klassenverhältnissen bis hin zu seiner Rolle als Mitbegründer der Cultural Studies. Wir diskutieren, wie er Identität als etwas Prozesshaftes, Aushandlungsvolles und von Macht Durchzogenes gedacht hat – und was das mit unseren eigenen Erfahrungen zu tun hat. Außerdem erzählen wir von persönlichen Begegnungen mit Halls Texten, von akademischen Fangirl-Momenten bis hin zu nächtlichen Existenzkrisen über Teilchenphysik. Ein Einstieg in Stuart Halls Denken, der Lust macht auf Teil 2, in dem wir zwei seiner zentralen Texte genauer lesen.
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Folge uns gern im Netz!
Jessica:
Verena:
Transkript
Jetzt kommen wir natürlich zur wichtigen Frage, was hat denn das Ganze mit Identität zu tun, meine kleine Existenzkrise hier?
Trotz dessen, wie damals geschlechtliche Strukturen waren, noch stärker als heute,
haben die beiden es trotzdem versucht, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen.
Und zwar eine private, unakademische Beziehung auf Augenhöhe.
Und das ist für mich halt einfach dieses perfekte akademische Paar, das sich gegenseitig beeinflusst, unterstützt und aber halt auch fordert irgendwie.
Was sich dann allerdings herausgestellt hat, surprise, surprise,
Und man braucht das so, um Mensch zu sein und irgendwie Identität zu haben.
Haha, das wollte ich sagen, genau, man braucht eine Identität, um irgendjemand zu sein.
Willkommen zurück zu Sprache macht Geschlecht.
Mein Name ist Verena.
Hallo Jessica, du bist auch da.
Hallo, genau.
Hallo.
Wir sind ja mittlerweile schon bei Folge 7.
Habe ich nachgeschaut?
Ui, ui.
Und ich würde heute gerne eine Sache erwähnen.
Und zu Beginn gleich, also rein rechnerisch, wäre ja eigentlich ich wieder dran, heute eine Folge zu moderieren.
Aber, weil es diesmal ja um eine ganz besondere Person geht,
Trommel wäre wohl, steht eh schon im Folgentitel.
Es geht natürlich um Stuart Haar.
Und da habe ich schon gedacht, ich lade dich, Jessica, einfach ein, diese Folge heute gemeinsam mit mir zu gestalten.
Und deswegen haben wir aus dieser Folge gleich auch eine Doppelfolge gemacht.
Genau.
Also wir haben ja eh schon einmal überlegt, ob wir die Folgen generell ein bisschen kürzen sollen, kürzer machen sollen.
Ja, aber wir haben da irgendwie unterschiedliches Feedback von euch da draußen bekommen.
Also meine Inner-Bubble sozusagen, die hat gemeint, ja, die Folgen sind viel zu lang.
Und deine hat aber gemeint, nein, die sind vollkommen richtig.
Genau.
Kürzer wäre schlechter, ja.
Kürzer wäre schlechter eigentlich.
Also Leute, wir wissen auch nicht, was wir machen sollen.
Ich glaube, wir werden jetzt einfach jedes Mal so aufnehmen, wie es gerade passt.
Heute passt auf jeden Fall einmal mit einer, mit einer, mit einer Doppelfolge.
Genau, weil ansonsten wird die Folge nämlich bestimmt unendlich.
Ja.
Lange.
Weil es ist schon gefährlich, uns beiden die Moderation zu geben für die erste Folge.
Richtig.
Ja, ja, also ziemlich gefährlich und deswegen dachten wir, wir planen einen Cut und dann müssen
wir uns irgendwie daran auch halten, weil das, was im Skript steht, daran, so ist das
doch mit Skripten, die Performativität, die performativ durchgeführt werden, aber das
nicht.
Letzte Folge, apropos, boah, das war der perfekte Übergang, das haben wir noch nie hinbekommen.
Das war der perfekte Übergang zur letzten Folge.
Genau, letzte Folge ging es um das, in Anführungszeichen, Wörtchen Queer.
Genau, wir haben uns darüber unterhalten, ob es jetzt ein Wörtchen ist oder ein Wort.
Nein, Spaß, wir haben uns darüber unterhalten, was das für eine Geschichte hat, was überhaupt
Geschichte heißt, welche Bedeutung Queer für die Queer Studies hat und auch welche Bedeutung
Judith Butler für die Queer Studies hatte und deswegen meinen Witz mit der Performativität,
den vielleicht, hoffentlich 80 Prozent von euch da draußen witzig fanden, weil ihr sonst
diesen Podcast nicht hören würdet.
Genau, und dann haben wir uns auch noch danach, haben wir so einen Cut gemacht, oder
ich besser gesagt, das war ja meine Folge, und mir angeschaut, was denn so die Kritik
auch aus dem globalen Süden sowohl an kolonialen Sexualitätspolitiken ist, aber dann eben auch
als Reaktion auf dieses Wort Queer, das eigentlich ziemlich weiß und mittelständisch sozusagen
ist und viele intersektionale Probleme in sich noch trägt.
Und dann haben wir uns zum Beispiel auch das Wort Queer in Südamerika angeschaut, also Queer
mit C und nicht mit Q.
Ja, genau.
Sehr schön.
Das wird heute ohnehin nochmal zurückkommen, dieses Wörtchen Queer, wie du es gesagt hast.
Egal, ob mit C oder Q. Also eigentlich nicht egal, aber egal.
Vielleicht steigen wir gleich ein mit dem Thema, wollte ich jetzt schon sagen.
Eigentlich ist es heute kein Thema, sondern eher zu Beginn erstmal eine Person, mit der
wir einsteigen wollen, nämlich Stuart Hall.
Jessica ist ja das ultimativer Fangirl, für alle, die es noch nicht mitbekommen haben.
Ich glaube, du hast sogar schon mal, im Podcast hast du schon mal erwähnt, dass du ein Regal
voller Stuart Hall hast, der zu Hause steht.
Stimmt das?
Genau.
Ja, auf jeden Fall.
Steht da auch die Biografie von Stuart Hall drin?
Ja, die Autobiografie, also die ist posthum veröffentlicht, leider.
Der ist ja 2014, genau, wenn ich es nicht im Kopf habe, schon gestorben.
Genau.
Nee, ich habe ein Regal, das teilen, es ist ein breites Regal, sonst würde das nicht hinfahren,
aber das teilen sich Judith Butler und Stuart Hall.
Ich finde das sehr, sehr passend.
Sehr passend.
Genau, es ist genau das auf meiner Augenhöhe, wenn ich am Schreibtisch sitze, also damit
ich, wenn ich mich umdrehe und verzweifelt nach Motivation suche, die beiden denken.
Siehst du gleich die Lösung vor dir.
Genau, genau.
So war in unserer Geschichte, kommt heute noch her, genau.
Aha, okay.
Magst du uns vielleicht zum Einstieg mal für alle, für uns so ein bisschen was aus
der Autobiografie erzählen?
Also eigentlich so ein bisschen was über die Person Stuart Hall erzählen?
Genau, also ich fange vielleicht noch an einem anderen Ort an, ja Ort ist ein gutes Wort,
nämlich war ich vor, also vier Wochen vor der Aufnahme dieses Podcastes, ungefähr drei
Monate vor der Ausstrahlung dieses Podcastes, im Mai, sagen wir es so, im Mai 2025 war ich
in London, am Grab von Stuart Hall.
Ich würde jetzt nicht genau sagen, in welchem Friedhof das ist, weil das nämlich noch ein
aktives Grab ist und es nicht überrannt werden sollte.
Genau.
Es war aber auch geplant, dass wir da hingehen und wir haben da so ein bisschen gesucht und
dann war da auch eine andere Person, das habe ich ja gesagt, war ein aktiver Friedhof.
Das heißt, da war eine Person in so Mitte der 40er mit deren Mutter und die haben quasi
den verstorbenen Vater besucht und wir, also mein Partner und ich, wir haben quasi Stuart
Hall besucht, haben ihn dann auch gefunden und wollten dann gerade wieder gehen und dann
hat uns die Person angesprochen, wir hatten erst so ein, oh nein, oh nein, was passiert
denn jetzt, hätten wir gar nicht hier sein dürfen, Moment gehabt.
Und dann hat die Person aber was ganz anderes von uns wissen wollen, uns aber auch gefragt,
wen wir denn hier besucht hätten.
Und dann haben wir halt gesagt, ja Stuart Hall und haben dann nur so ein bisschen so halb
geflunkert, nicht wirklich, haben halt gesagt, das ist, genau, also a professor of us, haben
eben auf Englisch gesagt, was jetzt nicht besonders falsch war, weil gerade mich hat die Person
ja wirklich sehr stark beeinflusst und dann ist mir aber deswegen, als ich diese Geschichte
so im Kopf geblieben, was die Person, mit der wir uns unterhalten haben, gesagt haben,
diese Person kannte nämlich die Frau von Stuart Hall, also Catherine Hall, über die ich gleich
noch kurz was sagen werde und meinte dann so, ja Catherine, die kannte ich so 20 Jahre lang,
von Stuart habe ich nie kennengelernt, ich habe dann erst viel später erfahren, dass
das ja, das war ja auch noch so ein richtiges Leben, so eine richtige Person, so, ja, meistens
ist es genau andersrum, die Leute kennen Stuart Hall eher als Catherine Hall.
Ja, aber schau witzig, das ist ein gutes Beispiel dafür, dass alles immer von der Perspektive
abhängt.
Total, total, voll und genau, deswegen fange ich vielleicht auch nochmal kurz, also eigentlich
dieses, das, was auf dem Grab von Stuart Hall steht, ist für mich auch irgendwie das,
was ihn ausmacht, es steht nämlich da, ein Radical Intellectual Loving Husband und Vater,
also ein radikaler Intellektueller, ein liebender Ehemann und Vater, ich wollte schon geliebter
sagen, aber es ist ja liebend, es ist ja loving, nicht beloved, genau und genau das ist er
nämlich und deswegen finde ich ihn auch so fantastisch, also sowohl seine Persönlichkeit
als auch alles, was er über 50 Jahre lang hinweg einfach in die Geistungswissenschaften
mit hineingetragen hat.
Genau, wir haben jetzt quasi am Ende seines Lebens angefangen, ich spreche mal kurz zum
Anfang, also er ist 1932 in Jamaika in Kingston geboren und war in seiner Familie schon Teil
quasi kolonialer Widersprüche, denn seine Familie selbst war zwar Teil der gebildeten
Mittelschicht, aber sowohl in Jamaika in der Kolonie als auch später in Großbritannien
hat er natürlich sehr starke Rassismuserfahrungen, die ihm eigentlich quasi echte Gleichberechtigung
sozusagen verwehrt haben und das trotz seines Statuses in einer bestimmten Klassenhierarchie.
Und diese Ambivalenz zwischen auf der einen Seite Zugehörigkeit sein in der bestimmten Klassenhinsicht
und aber auch Ausschluss auf einer Ebene, die was mit Rassifizierung zu tun hat, diese Ambivalenz,
die hat sein Denken geprägt.
Genau, und er ist dann 1951 mit einem Stipendium nach Großbritannien gekommen und hat in Oxford
Literatur studiert und da hat sich eben sein Blick auch auf Rassismus nochmal verändert,
auch durch diesen Blick in der Diaspora sozusagen zu sein, eine Migrationsgeschichte zu haben
und quasi im Zentrum des Empires auf einmal zu sein, das er sonst nur aus der Peripherie
gekannt hat.
Das hat eben auch sein Denken über vor allem Identität, worüber wir jetzt noch ganz viel
sprechen werden, sehr stark geprägt.
Er wurde dann in den 1960ern auch direkt Teil von linker Politik.
Es gibt nämlich die sogenannte New Left in Großbritannien, also die neue Linke.
Das war quasi eine anti-stalinistische Linke, die sich dezidiert von russischer linken
Politik, so wie sie auch Mitte des 20.
Jahrhunderts in Europa in linken Kreisen propagiert wurde, hat sie sich abgewandt und
hat sozusagen auch eine Rückkehr oder auch eine Neulesart von Marx gefordert, die eben
weggeht von dieser russischen Lesart, von der stalinistischen Lesart.
Und er wurde dann auch Herausgeber einer Zeitschrift, The New Left Review, die so ein paar Jahre
lief.
Und innerhalb dieser Politiken lernte er dann eben auch Catherine Barrett, hieß sie damals
noch kennen.
Genau, die sind auch mehr als zehn Jahre auseinander.
Also sie war quasi noch junge Studentin und er war schon ein bisschen länger in Großbritannien,
als sie sich kennengelernt hatten.
Und nach dieser sehr politisch turbulenten Zeit wechselte er dann in die akademische
Forschung und zwar zunächst einmal in Birmingham und das ist auch das, wo seine Berühmtheit herkommt,
nämlich am Center for Contemporary Cultural Studies an der University of Birmingham wurde
er eingeladen, erst mal als Postdoc und hat dann aber nach ein paar Jahren auch dort das
Institut geleitet.
Und als Leiter dieses Center for Contemporary Cultural Studies hat er eigentlich den Begriff
der Cultural Studies geprägt.
Ich sage jetzt auch immer Cultural Studies, weil das nämlich eben nicht einfach mit Kulturwissenschaften
in Deutschland übersetzt werden kann.
Denn Cultural Studies, vor allem für Stuart Hall, ist immer politisch, hat immer eine politische
Praxis und setzt sich immer mit Macht und Widerstand und auch die Beziehung zwischen Macht, Widerstand
und Kultur auseinander.
Und das macht so eine reine, vor allem eine deutschsprachige Kulturwissenschaft erst mal
nicht.
Also es gibt natürlich Leute, die das auch fordern und auch machen, aber das Wort an sich hat das
nicht schon, trägt diese Bedeutung nicht schon mit sich.
Und er war dann eben bis 1979 in Birmingham und dann noch mal fast 20 Jahre in London an
der Open University, Professor für Soziologie.
Und das sind jetzt keine Unis, die vielleicht irgendwelche Assoziationen wecken.
Also man sieht eigentlich schon, dass er zwar unglaublich einflussreich war, aber jetzt quasi
die kein, also nicht auf einer akademischen Hinsicht, nicht so ein Star und der Horizon
in Oxford oder Harvard oder was auch immer war.
Witzigerweise war er sogar Catherine an der London School of Economics, also sozusagen eigentlich
universitär, naja, also genau an der Uni, die eigentlich auch mehr, mehr Außenwirksamkeit
sozusagen hatte.
Aber dennoch, und das ist, finde ich, immer so spannend, trotz dessen, obwohl er eigentlich
immer so on the margins von einem akademischen Wissenschaftsbetrieb war, war er trotzdem unglaublich
einflussreich und war eigentlich einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts.
Genau.
Und die Basis seines Denkens, um mal eine kurze Zusammenfassung zu geben für alle, die
immer noch, hä, von wem faselt ihr da eigentlich jetzt?
Wer ist das?
Genau, die Basis seines Denkens war eben diese Kombination aus marxistischer Klassenanalyse,
er versuchte eben diese beiden, also vor allem zuerst mal diese beiden, also Race und marxistische
Klassenanalyse, später kamen eben noch Gender und Migration hinzu, diese Sachen zusammenzudenken.
Ja.
Und für ihn waren all diese Sachen nicht natürlich oder einfach da und hatten auch nicht so eine
natürliche Verbindung zueinander, sondern sie waren immer historisch und politisch kontextuell
und auch immer ein Prozess, der nie statisch ist, sondern sich immer weiterentwickelt.
Ja.
Und dass die Mini-Zusammenfassung, die solltet ihr alle im Kopf behalten, weil ich glaube,
sie kommt immer wieder vor.
Ich hoffe, wir werden ein paar von diesen Dingen auch aufgreifen, jetzt diese Folge und
nächste Folge.
Auf jeden Fall.
Und das zeigt sich ja, deswegen haben wir, glaube ich, auch mit der Biografie angefangen,
weil warum er das macht, zeigt sich ja auch in seinem Leben.
Also ihm ist es besonders wichtig, diesen Spieß der Wissenschaften sozusagen auch umzudrehen.
Also gerade nicht einfach nur sich anzugucken, okay, wie sieht es denn in den Kolonien aus,
sondern ihm ging es spezifisch auch darum, Großbritannien zu zeigen, dass es selbst auch
nicht abseits der eigenen Kolonialgeschichte steht.
Und das auch vor allem, also sowohl durch die Geschichte, aber als auch durch andauernde Migration eben auch
Veränderungen in Großbritannien stattfindet und neue Prozesse quasi stattfinden.
Das Spannende ist ja, dass Catherine, für Leute, die die nicht kennen, Catherine Hall ist eine der bekanntesten
Geschlechterhistorikerinnen und die hat sich auch quasi mit genau diesen Fragen auseinandergesetzt,
auch mit Jamaika und auch mit Großbritannien, aber aus einer historischen Perspektive.
Also quasi alles vor 1950 und er hat alles nach 1950 gemacht.
Finde ich eine sehr gute Aufteilung.
Und vielleicht ein Zitat, das ich ganz spannend finde, der hat öfter mal gesagt, ich komme aus der Zukunft.
Also damit meinte er quasi, wenn er als Jamaika nach Großbritannien gekommen ist und da alle Menschen,
die quasi so eine Migrationsgeschichte mitbringen und dann eine Diaspora-Gemeinschaft aufbringen,
weil sie quasi nicht, er will damit zeigen, dass sie gerade nicht aus der Vergangenheit sind,
so wie normalerweise rassifizierte Menschen dargestellt sind, dass sie quasi so ein Relikt aus der Vergangenheit sind
und die Moderne, die findet nur in Europa statt, sondern nein, sie sind Teil dessen,
von dem, zu was die Moderne überhaupt gerade erst wird.
Also er ist in sich schon die Zukunft, die er sozusagen nach Großbritannien bringt.
Genau.
Und jetzt nochmal ganz kurz zu Catherine und Stuart, weil das einfach mein liebster Aspekt von beiden ist
und der sympathischste Aspekt finde ich von ihm, dass er eines der ersten Bilder,
die ich von ihm nämlich gesehen habe, ist ein Bild, wo er auf einer Konferenz ist
und auf die beiden Kinder von den beiden aufpasst, irgendwann in den 70ern, 80ern,
während Catherine eben Vorträge hält.
Und das zeigt nämlich schon, dass trotz dessen, wie damals geschlechtliche Strukturen waren,
ja noch stärker als heute und wie schlecht eigentlich auch Akademie er ist,
haben die beiden es trotzdem versucht, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen
und zwar eine private, unakademische Beziehung auf Augenhöhe.
Und das ist für mich halt einfach dieses perfekte akademische Paar,
das sich gegenseitig beeinflusst, unterstützt und aber halt auch fordert irgendwie, genau.
Also sowohl auf der akademischen Seite als auch auf der privaten Seite, ne?
Das ist ja das Schöne dran eigentlich, ja.
Genau, also man kennt ja ganz häufig diese Geschichten von,
ah, dem Prof und seine Frau ist dann quasi seine Sekretärin und tippt seine Bücher hinten rum ab
und ich meine, in den 70ern war das noch gang und gäbe.
Also es ist ein bisschen in den Nullerjahren teilweise noch,
hat man schon Lehrstimmen, was man so hört, gang und gäbe gewesen
und da halt eine Beziehung zu haben, wo Kehrarbeit aufgeteilt wird.
Natürlich nicht perfekt, weil man ist ja trotzdem noch in viele Strukturen eingebunden,
aber wo zumindest der Versuch besteht, solche Normen zu durchbrechen,
ist einfach ein schönes Vorbild.
Ja.
Als du vorher gesagt hast, ja, wo er gesagt hat, ja, er kommt aus der Zukunft.
Ja, das finde ich so schön, weil ich finde, das sieht man auch so schön in seinen Texten,
in dem, was er schreibt.
Also ich finde ja, das, was Haul relevant macht, ist ja nicht nur das, was er gesagt hat quasi,
sondern auch, wie er es gesagt hat oft.
Ja, also alle Texte klingen irgendwie tastend, irgendwie suchend.
Ja, halt, ja, die Zukunft suchend irgendwie.
Das hat mich jetzt total erinnert, dass du es gesagt hast.
Ja, also theoretisch natürlich immer sehr präzise, aber eben nie abgeschlossen.
Ja, und vielleicht brauchen wir das, also genau das heute mehr denn je,
ja, eine Sprache, die nicht fixiert, sondern bewegt.
Ja.
Also, genau.
Hattest du noch was zu sagen zu Haul als Person?
Nö, ich bin fertig.
Weil wir haben nämlich für diese Doppelfolge, jetzt kurz mal nur zur Info,
ja, wir haben zwei Texte von Haul vorbereitet, ja, beide aus den Neunzigern,
wenn ich mich richtig erinnere, ja, also sowieso irgendwie eine ganz spannende Zeit damals,
in denen jetzt diese fragende, diese suchende Bewegung sich sehr schön zeigt, finde ich.
Ja, aber zu diesen Texten kommen wir erst im zweiten Teil.
Leider.
Sie sind abgefahren.
Heute wollen wir uns jetzt erst einmal so, ich würde sagen, so einen ersten Zugang zu Haul schaffen.
Jessica, du hast eh schon den ersten Schritt hier gemacht und uns ein bisschen aus seinem Leben erzählt.
Du hast uns auch erzählt, wie du ihm zum letzten Mal begegnet bist,
wenn ich das jetzt einmal so ausdrücken darf, ja, an seinem Grab, ja, auf deiner letzten Reise nach London.
Frage ist jetzt, kannst du dich noch erinnern, wann bist du ihm denn zum ersten Mal begegnet?
Also den genauen Moment weiß ich nicht mehr, ich weiß allerdings,
dass es in meinem ersten oder zweiten Semester in der Religionswissenschaft gewesen sein muss,
nämlich durch meinen, warte, dann muss es das zweite Semester gewesen sein,
durch meinen Doktorvater, genau, es war bestimmt in der Einführung in die Religionswissenschaft,
was ich im zweiten Semester belegt habe,
auch weil diese Vorlesung auf einem Groundbreaking-Artikel meines Doktorvaters beruht,
den bisher außerhalb Deutschlands niemand gelesen hat, leider.
Genau, nämlich zu Was ist Religion?
Und da wendet mein Doktorvater nämlich Hauls Theorien auf Religion an.
Und was er da genau macht, das kommt dann, also zwar genau diesen Text,
den ich in der zweiten Folge, in der Zeit auf der Folge, besprechen werde.
Genau, und da habe ich genau Stuart Hall das erste Mal kennengelernt.
Und das Witzige ist, dass dieser Text oder auch andere Texte,
aber irgendein Text von Stuart Hall in jedem Seminar von meinem Doktorvater vorgekommen ist
und in der Folge auch in jedem Seminar, das sowohl ich als auch meine KollegInnen
und großen Schwestern und Brüdern sozusagen gegeben haben,
weil es quasi einfach eine Einführung in das Denken ist, wie wir auf die Welt schauen.
Also eben nicht nur Religion anschauen in der Religionswissenschaft,
sondern einfach grundsätzlich vor allem auf Identität schauen,
um das Wort jetzt nochmal zu trocken.
Genau, und dann habe ich das erste Mal aber wirklich tiefer gelesen in meiner Bachelorarbeit.
Und es ist witzig, ich habe auch so eine Beziehung zu seinen Worten,
das mit diesem, so wie du es beschrieben hast, kann ich total nachvollziehen.
Hätte ich jetzt einfach so direkt nicht sagen können, was bei mir eher ist,
dass ich wirklich jedes einzelne Wort irgendwie perfekt finde.
Aber vielleicht ist es genau das, weil ich irgendwie genau merke,
er spricht genauso, wie ich irgendwie denke.
Und deswegen kann man irgendwie auch immer zu ihm zurückkommen.
Also ich habe das Gefühl, ich kann seine Texte hundertmal neu lesen
und ich lese sie anders und neu und habe nicht das Gefühl,
dass es, also natürlich liest man Texte immer neu und anders.
Aber ich habe auch, also wenn ich einen anderen Text lese,
ist es eher so, ich lese und dann denke ich,
ah, ich habe das schon mal gedacht oder das ist die Bedeutung des Textes
oder ich muss es wieder verstehen.
Und er so, nee, es geht gar nicht ums Verstehen.
Es geht ums Mit-Ihm-Denken.
Weißt du, was ich meine?
Ja, ja, ja.
Genau.
Das ist vielleicht das, was ich mit Tastentsuchend auch ausdrücken wollte.
Aber ich habe eben auch das Gefühl,
dass seine Texte trotzdem sehr klar sind.
Also, weil Tastentfühlend hört sich irgendwie so wischiwaschi an.
Aber im Gegenteil, ne?
Also, was er sagen möchte, aber eben durch diese suchende, tastende Bewegung
irgendwie dann doch auch selbst irgendwie auf neue Wege kommen kann.
Total.
Also, wenn die Sprache ist total klar, vielleicht ist das der richtige Ausdruck.
Also, dass weder irgendwelche philosophischen Verschachtelungen
noch irgendwelche stilistischen Verschönerungen,
das ist einfach ein sehr klarer, eingängiger Text,
der aber trotzdem halt nicht eindeutig sein will.
Richtig, richtig.
Ja, sehr schön.
Ja, du hast eh schon das Wort gedroppt,
den Begriff der Stunde.
Du hast den Identität angesprochen.
Genau, das war auch irgendwie so das Konzept,
über das ich zu Hause gekommen bin.
Ja, ist nicht verwunderlich.
Aber ich habe mich erst, im Gegensatz zu dir,
wirklich erst ziemlich spät zum ersten Mal mit Stuart Hall wirklich beschäftigt.
Und zwar erst, als ich meine Dissertation damals geschrieben habe.
Und da eigentlich auch nicht von Anfang an, um ehrlich zu sein.
Also, ich habe mich damals in der Dissertation,
also da ging es bei mir um Minderheitensprachen.
Also eigentlich habe ich mich beschäftigt mit der Frage,
wie Zugehörigkeit in der österreichischen Minderheitenpolitik geregelt wird.
Also, wer da als sprachliche Minderheit anerkannt wird und wer nicht.
Also im Großen und Ganzen jetzt mal ganz kurz zusammengefasst, worum es ging.
Aber konkret ging es mir um Repräsentationslogiken.
Also um eine Repräsentationslogik damals,
die diesem österreichischen Minderheitenschutz zugrunde liegt.
Und das ist eine Logik, die auf der einen Seite vorgibt,
Vielfalt zu schützen und dabei aber sehr genau bestimmt,
was überhaupt als Vielfalt gelten darf.
Also meine zentrale These war einfach,
diese Form von Anerkennung, die ist nicht neutral.
Also Sprachminderheiten werden nicht einfach gesehen,
entdeckt sozusagen und können dann geschützt werden.
Stattdessen wird in diesem Diskurs ein ganz bestimmtes Subjekt produziert.
Ein Subjekt, das sichtbar sein darf, das öffentlich sprechen darf,
das politisch anerkannt wird.
Und zwar immer nur unter ganz bestimmten Bedingungen,
nämlich nur dann, wenn es sich an bestimmte Kriterien hält.
In Österreich sind das eben zwei ganz wichtige Kriterien,
nämlich dieses Subjekt, diese Sprachminderheit muss historisch verwurzelt sein.
Also sowohl historisch als auch verwurzelt,
also vielleicht sind es zweieinhalb Kriterien.
Und dieses Subjekt muss rechtlich ordnungsfähig sein.
Also das sage ich jetzt.
Das heißt, es muss sich möglichst widerstandslos,
also Betonung auf möglichst, nicht vollkommen widerstandslos,
weil sonst wäre es keine Minderheit,
aber möglichst widerstandslos da in ein größeres Bild nationaler Identität einfügen,
einordnen lassen.
Was sich dann allerdings herausgestellt hat,
surprise, surprise,
Menschen haben Biografien, die sehr viel komplexer sind,
als sie so ein Rechtsdiskurs jemals einfangen könnte.
Shocking, I know.
What?
Also ich habe auf der einen Seite also versucht zu zeigen,
wie eben rechtliche, pararechtliche, politische, diskursive Praktiken
quasi miteinander verschränkt sind, im öffentlichen Raum jetzt,
wenn es darum geht, Zugehörigkeit zu definieren.
Und dann habe ich mich aber auf der anderen Seite,
auf der individuellen Ebene, in narrativen Interviews,
habe ich rekonstruiert, wie Menschen,
deren Identität eben jetzt nicht eins zu eins in dieses Raster passend damit umgehen.
Und genau hier an dieser Schnittstelle,
da war dann wirklich Hall für mich zentral,
dass mir dann das Licht aufgegangen quasi.
Weil ich war natürlich heillos überfordert am Anfang,
weil auf der einen Seite habe ich als Wissenschaftlerin
da Identität als Konzept theoretisch irgendwie schon aufgelöst gehabt,
echte Identität unter Anführungszeichen quasi undenkbar gemacht.
Und auf der anderen Seite spielt aber Identität im Diskurs,
sowohl im öffentlichen als auch im Privaten, eine irrsinnig wichtige Rolle.
Und da hat mir dann einfach Hall das notwendige theoretische Handwerkszeug sozusagen geliefert,
um Identität jetzt gleichzeitig radikal zu hinterfragen
und aber auch politisch anschlussfähig zu denken.
Das heißt, er hat mir einfach gezeigt, wie ich Identität denken kann,
ohne da in meiner wissenschaftlichen Argumentation irgendwie inkonsistent zu werden.
Weil genau das hat mir gefehlt.
Das war der Punkt, der mir gefehlt hat.
Ja, wie kann ich Theorie und Praxis zusammenbringen,
um einerseits jetzt nicht an der Wirklichkeit irgendwie vorbei zu theoretisieren quasi
und andererseits aber auch jetzt nicht die hegemonialen Deutungsweisen des Minderheiten-Diskurses
da einfach so zu übernehmen,
sondern trotzdem konsequent kritisch zu bleiben.
Und genau an diesem Punkt wird Hall ja eigentlich auch erst so richtig spannend, finde ich.
Also dort, wo Identität plötzlich anfängt, fraglich zu werden,
sich nicht mehr eindeutig bestimmen lässt.
Genau das habe ich dann gemacht.
Ja, und dann lief es.
Einfach gemacht.
Dann lief es.
Genau, das war so mein erster Einstieg in Hall.
Eigentlich ganz, ganz am Schluss meiner akademischen Karriere sozusagen.
Aber ja, Stichpunkt Identität.
Ja, ich würde gerne für den Rest der Folge auch noch so ein bisschen bleiben bei diesem Begriff.
Weil was ich gerne wüsste, und ich weiß, es ist eine schwierige Frage.
Ja, also alle Antworten sind erlaubt.
Aber ich würde gerne wissen, was bedeutet denn Identität für dich?
Also du darfst so eine Frage einer Kulturwissenschaftlerin einfach nicht stellen, Verena.
Nicht, wenn du nicht darauf gefasst sein wirst,
dass eine zehn Zeilen lange Fußnote irgendwo aufblauen.
Wir haben schon alle vorgewarnt, dass wir immer zu viel reden.
Also gerne her mit deinen Fußnoten.
Also ich finde es einfach so spannend, dass Identität,
es ist, wie ich schon gesagt habe,
man braucht eine zehn Zeilen lange Fußnote in jedem Text
und es wird trotzdem von allen Reviewern,
wo ich jemals einen Artikel geschrieben habe, kritisiert.
Und es ist total komisch, weil jedes andere Wort scheint man irgendwie,
oder fast jedes andere Wort scheint man irgendwie benutzen zu können,
in einem Text, in einem wissenschaftlichen Text oder auch so,
ohne ihn erklären zu müssen, also ohne das Wort zu erklären zu müssen,
nur bei Identität nicht.
Bei Identität fragen alle nach, auf welche Theoretikerin berufst du dich hier,
was verstehst du unter Identität?
Oh, ist das jetzt aber statisch?
Weil da sind sich nämlich alle einig, so wie du schon gesagt hast,
Identität ist nichts Statisches.
Und genau, ich mache es mir da meistens einfach
und zitiere dann einfach Stuart Hall.
Ich sage Identität, damit meine ich Identität nach Stuart Hall.
Also doch keine Zehnzeilen.
Nee, ich mache es dann immer ein bisschen kürzer
und habe dann nur so drei, zwei, drei Stichpunkte,
nämlich, dass Identität sich ein verändernder Prozess ist.
Das hatte ich vorhin schon mal gesagt,
das ist nicht statisch, sondern prozesshaft.
Dass es eine kulturelle Aushandlung ist,
deswegen auch machtvoll und von Macht durchzogen.
Und so wie du ja auch schon gesagt hast,
bei deinem Doktorarbeit ist es weder stabil noch einfach so fluide
und irgendwie nicht greifbar.
Und das da hilft einem Stuart Hall eben,
das so ein bisschen greifbar zu machen,
weil, genau, also eigentlich könnte ich jetzt das Gleiche sagen,
wenn es was du gesagt hast, also Identität ist ja was,
also man weiß, es ist irgendwie relevant
und man braucht das so, um Mensch zu sein, ja,
und irgendwie Identität zu haben.
Haha, das wollte ich sagen, genau,
man braucht eine Identität, um irgendjemand zu sein, ja.
Und sei es das alleine oder in der Gruppe.
So meine Bachelorarbeit, um vielleicht damit nochmal kurz reinzukommen,
die ging genau um kollektive Identität
und da habe ich das, da passt Stuart Hall natürlich besser,
fast nur, weil er sich auch mit kollektiver Identität beschäftigt,
aber ja nicht nur.
Also jede Identität ist ja irgendwie so ein Bestandteil
aus verschiedenen Sachen, die in Aushandlung miteinander stehen.
Genau.
Ja, momentan habe ich direkt so einen ganz anderen Punkt im Kopf,
wenn ich Identität höre,
aber vielleicht reden wir da mal wann anders drüber.
Sollten wir wirklich, vielleicht, oder vielleicht,
nein, nehmen wir uns das vor fürs Ende der Folge,
also das Ende der Doppelfolge,
wenn wir nochmal den Bogen zu Geschlecht machen wollen,
aber wir können es ja jetzt schon mal anteasern,
damit wir es auch nicht vergessen.
Mir kommt das Wort Identität gerade immer unter
in konservativ-christlichen Kreisen,
die sich darüber beschweren,
dass queere Menschen nur eine Identität hätten
und das wäre ihre Sexualität
und Sexualität sei ja gar keine Identität.
Das können wir ja mal, ich schreibe mir das mal auf
für das Ende der Folge
und dann, ich finde das eigentlich ziemlich, ziemlich gut.
Darauf kommen wir in unserem Fazit nochmal zurück.
Ja, sehr schön.
Ja, ja.
Also das ist auch, glaube ich, ein springender Punkt,
auf den wir auch gleich
eigentlich am Anfang der nächsten Folge
vielleicht schon zurückkommen werden,
ja, dass, so wie du sagst, Identität etwas ist,
was sich, also ich sage jetzt sehr leicht,
aber das ist schon meine Perspektive,
oder?
Also diese akademische Perspektive
sehr leicht auseinandernehmen lässt
und das eben auch gemacht wird,
aber eben, ja, so präsent ist,
ja, bis heute,
dass wir nicht drum herum kommen,
drüber zu sprechen, ne?
Und das ist, glaube ich,
das Allerschwierigste in der Wissenschaft,
wenn wir theoretisch wissen,
auf wie viele Arten und Weisen
wir eigentlich den Begriff auseinandernehmen können
und was wir daran kritisieren könnten
und dann aber nicht einfach so tun können,
als wäre er nicht da,
als hätten nicht Menschen eine Vorstellung davon,
was Identität für sie ist,
auch wenn sie es nicht in Worte fassen können.
Genau, das ist ein bisschen so eine Spannung,
genau, die immer da ist
und die, und darauf werde ich jetzt nicht im Detail eingehen,
aber die, wie ich finde,
Hall eben nicht nur gesehen hat,
sondern wirklich auch in diesem Spannungsfeld,
arbeitet.
Also nicht nur sagt,
ich will das auflösen,
weil das stört mich,
da hakt es,
sondern, nein,
das ist genau der Ort,
in dem er arbeitet,
das ist genau der Ort,
wofür er seine Theorie,
wofür er seine Konzepte quasi ausgearbeitet hat,
damit man es in dieser Spannung aushält.
Ja, okay,
ich kriege gerade Gänsehaut,
deswegen kurz mal weiter,
wir gehen jetzt mal weg von Hall
für den Rest der Folge,
ein bisschen zumindest,
wir bleiben immer bei Hall,
aber wir gehen ein bisschen weg von dem,
was Hall gesagt hat.
Ich wollte noch gerne ein paar Worte
auch zur Identität sagen
und ich muss jetzt leider ganz kurz mal
die Pseudolinguistin raushängen lassen,
weil wenn man im Wörterbuch nachschaut,
dann steht ja bei Identität immer sowas wie
alles Wichtige,
was zum Wesen einer Person gehört
und diese Person dann als Gesamtheit
von allen anderen Personen unterscheidet.
Also ich paraphrasiere jetzt natürlich ein bisschen,
weil das ist so der Kern der gängigen Definitionen
und quasi als Add-on
gibt es dann immer noch die Definition
völlige Übereinstimmung
und miteinander identisch sein.
Ja, ist auch irgendwie logisch
oder weiß nicht, ob es logisch ist,
für mich ist es logisch,
also wenn ich unter Identität
all das jetzt zusammenfasse,
worüber sich eine Person eindeutig bestimmt,
dann habe ich ja praktisch das erfasst,
also das Bündel an Fakten oder Eigenschaften,
über das sich diese Person
mit anderen Personen vergleichen lässt,
um dann zu entscheiden,
ob zwei Personen miteinander identisch sind oder nicht.
So weit so klar, finde ich.
Ich meine, ich weiß nicht,
vielleicht ist das eine zirkuläre Definition,
aber das ist dann das Problem
der Wörterbücher, nicht meins.
Aber was ich schon spannend finde
an diesen Definitionen ist ja,
und da haben wir jetzt noch
gar nicht mal angefangen
zu philosophieren
oder Menschen zu lesen wie Stuart Hall.
Spannend ist ja schon,
dass hier eine Art
doppelte Bewegung angelegt ist.
Also auf der einen Seite soll
Identität etwas sein,
was uns ausmacht
und auf der anderen Seite
soll es etwas sein,
was uns von anderen unterscheidet.
Das lasse ich jetzt einfach immer so stehen,
weil darauf kommen wir
auf jeden Fall nochmal zurück.
Was ich vielleicht noch zum Thema sagen möchte,
zum Thema Identität,
also zu meinem persönlichen Verständnis
von Identität,
das ist meiner Meinung nach,
und du hast es schon angedeutet,
du hast es schon angedeutet
in deinen drei Stichpunkten,
die du immer in deinen Fußnoten schreibst.
Es gibt ja noch mindestens
eine weitere Art
Identität zu verstehen.
Bei mir ist nämlich
bei der Vorbereitung
auf diese Folge
eine Geschichte eingefallen,
die mir passiert ist
vor vielen Jahren,
die eigentlich gar nichts
mit Identität zu tun gehabt hat,
beziehungsweise zu tun
haben, hätte, müssen.
Er sagt die
Schwere,
das ist ein korrekter Satz.
Okay,
also in dieser Situation
ging es damals
überhaupt nicht um Identität,
das wollte ich damit sagen,
aber
am Ende
dann halt doch,
so wie immer.
Ja, also okay,
Folgendes passiert,
wie gesagt,
vor vielen, vielen Jahren,
also kurz nach der Matura,
ich nehme an,
irgendwann im ersten Studienjahr
muss das gewesen sein oder so.
Da hat mir mein Freund
damals erzählt,
also ich sage jetzt damals,
wir sind bis heute zusammen,
also mittlerweile
vielleicht ein bisschen mehr
als Freunde,
aber gut,
damals hat er gerade
angefangen Physik
zu studieren
und da hat er mir dann
halt irgendwann
einmal um,
weiß nicht,
drei Uhr in der Früh,
frag nicht,
von den vier
fundamentalen
Wechselwirkungen
in der Physik
erzählt.
Okay,
weil ich liege da,
für ihn ist das wahrscheinlich
ein interessantes
Gesprächsthema,
habe ich gedacht,
aber wie soll ich sagen,
für mich
war das
ein bisschen so der Anfang
von einer kleinen
Sinnkrise,
die habe ich ab und zu
und damals eben auch.
Vielleicht ganz kurz
für alle,
die in Physik
genauso wenig
versiert sind wie ich,
Also in der Physik
bezeichnet man
als fundamentale
Wechselwirkungen
eben jene
vier
Kräfte,
durch die
alles,
was existiert,
überhaupt irgendwie
miteinander in Beziehung
tritt.
Das heißt,
diese Wechselwirkungen
erklären also,
warum Materie
so funktioniert,
wie sie funktioniert.
Also wir können
mit diesen Wechselwirkungen
praktisch sämtliche
physikalische
Prozesse
erklären.
Dazu zählt dann
zum Beispiel
die Gravitationskraft,
also eine Schwerkraft,
das ist die schwächste
von allen,
aber vermutlich
auch die bekannteste
von allen.
Das ist eben die Kraft,
die Planeten
in ihren Bahnen hält
und die dafür sorgt,
dass uns Äpfel
auf den Kopf fallen
und so weiter.
Dann
gibt es noch
die elektromagnetische
Wechselwirkung
und die schwache
Wechselwirkung.
Das ist kein
sehr einfallsreicher
Name.
Ja, aber die
googelt ihr jetzt
einfach einmal selber,
weil um die geht es
in der Geschichte
gar nicht.
In der Geschichte
geht es nämlich
um die vierte
dieser Kräfte,
nämlich die starke
Wechselwirkung.
Auch kein
fantastischer Name,
ja, aber
oh du liebe Güte,
die hat es in sich,
weil folgendes
wurde mir damals
um drei Jahre
früher erklärt.
Okay.
Also die starke
Wechselwirkung
sorgt dafür,
dass sich die
positiv geladenen
Protonen im Atomkern
nicht einfach
voneinander
abstoßen.
So wie wir das
normalerweise
von Teilchen
mit gleicher Ladung
erwarten würden.
That's it.
Aber
diese Kraft
wirkt nicht
einfach automatisch.
Das können wir uns
auch mal merken
für heute
oder für alle Ewigkeiten.
Nichts wirkt
automatisch.
Diese Kraft
auch nicht.
Diese Kraft
wird ständig
vermittelt
und zwar durch
sogenannte
Gluonen
nämlich,
das ist allerdings
ein besserer Name,
wie ich finde.
Also diese Gluonen,
das sind so winzige
Austauschteilchen quasi,
die da hin und her
schwirren
zwischen den
Protonen
und diese eben
dann so
zusammenhalten.
Okay.
Ihr seht schon,
an mir ist keine
Physiklehrerin
verloren gegangen,
aber mehr müssen wir
auch gar nicht wissen
über die ganze Geschichte.
Das ist es.
Okay.
Erzählte mir einfach so,
mein Freund,
damals,
ja,
schau her,
spannend oder
also für ihn wirklich,
wie gesagt,
reine Teilchenphysik,
aber für mich,
nein,
nein,
nein,
keine Teilchenphysik,
weil was diese Theorie
im Grunde ja sagt,
ist,
das,
was uns im Innersten
zusammenhält,
ist nicht
selbstverständlich.
Also das,
was wir sind,
eine Ansammlung
von Atomen nämlich,
ist quasi ein Prozess.
Es gibt eine Kraft,
die dauerhaft wirken muss,
damit überhaupt
irgendetwas bleibt,
in unseren Augen existiert,
quasi,
weil für unsere Augen
sind Atome
und alles,
was sich unterhalb von Atomen
abspielt,
halt einfach noch unsichtbar.
Ja.
Und,
und wenn diese Kraft
aufhört
zu wirken,
also wenn dieser
Austauschprozess,
von dem ich gerade
gesprochen habe,
irgendwie durch
irgendetwas
unterbrochen wird,
dann,
ja,
dann lösen wir uns auf.
Ja.
Das war mein Fazit.
Damals im 3 in der Früh.
Also es ist
so ein 3 in der Früh
Fazit.
Ja.
Ohne jetzt,
und das Schlimme
für mich dran war,
dass,
ohne
dramatischen
Special-Effekt,
weiß nicht,
Asteroiden-Einschlag
oder so.
Nein,
ja,
einfach durch
Desintegration.
Ja,
zup,
und wechseln wir.
Okay.
Ja.
Ich lasse das mal kurz
sinken jetzt bei euch.
Ich finde das
voll witzig,
weil,
de facto,
kennst du die
Theoretikerin
Karen Barrett?
Karen Barrett?
Nein.
Die hat,
also die kam,
also die hat nämlich
ihre meisten Sachen,
also die hat auch
in den Nullerjahren
schon geschrieben,
aber so richtig bekannt
jetzt erst in den letzten Jahren,
deswegen,
genau,
wahrscheinlich nicht auf
deiner akademischen
Reading-Liste gewesen.
Genau.
Die kommt nämlich
aus den,
aus der,
also die hat selbst
auch Physik studiert
und dann aber
Philosophie
und ist Professorin
in New York,
glaube ich,
und kombiniert eben
physikalische Wissenstheorie
mit Queer Studies,
also Butler,
also macht quasi genau das,
was du gerade beschrieben hast,
deswegen ist es so,
da steht doch in den Texten
vom Bible drin.
Und jetzt wisst ihr,
wie unsere Gespräche
jeden Tag
beim Esstisch
ablaufen zu Hause.
diese Kombination
haben wir zu Hause.
Und das hat eben
damals angefangen
und
ich meine,
okay,
ich habe
meinen Freund
natürlich gefragt damals,
ja,
ob das passieren kann,
ja,
dass sich diese Kraft
einfach mal ausschaltet,
weil ich meine,
crazy Gedanke
oder nicht.
Er hat dann so gemeint,
nein,
ja,
aber gut,
das habe ich ihm natürlich
nicht gelten lassen,
weil ich meine,
nix ist fix,
oder?
Ja, genau,
man kann sich das halt
nur nicht anders vorstellen,
ne?
Ich meine,
in Urkna gab es auch
ein solcher Kanzler.
Man kann sich das anders vorstellen.
Das sage ich zu ihm auch immer.
Nur weil du es dir nicht
vorstellen kannst,
heißt das doch nicht,
dass es unmöglich ist.
Naja, okay.
Also das war auf jeden Fall
diese erste Existenzkrise,
die da dieses bisschen
Teilchen für sich
damals in mir ausgelöst hat.
Also nächtliche Existenzkrisen
sind sowieso eine Katastrophe.
Also ich hoffe,
oh Gott,
ich hoffe,
niemand hört uns gerade
jetzt mitten in der Nacht zu.
Und für den Fall das doch,
Nachricht für alle da draußen,
eigentlich ganz egal,
wie spät es gerade ist,
alles ist gut.
Die Welt existiert.
Du existierst.
Zwickt es euch einfach mal
in eure Arme.
Hast du hier den Arm gezwickt, Jessica?
Ne, aber was ich mich auch sagen wollte,
oder legt ihn einfach irgendwo drauf,
weil allein,
dass wir ja,
das sagt mich Barrett auch immer,
dass wir quasi
einen anderen Stoff spüren können,
liegt ja darin,
dass diese Kräfte ja genau wirken
und so tun,
als wäre unser Körper
was anderes wie jetzt,
keine Ahnung,
das Kissen,
auf das ich meine Hand lege.
Ja, gut.
Also zwickt und legt,
was ihr wollt.
Ihr habt euch nicht aufgelöst.
Noch nicht.
Sonst könnt ihr den Podcast nicht hören.
Das wäre ziemlich schade.
Das ist das Einzige,
was schade wäre.
Nein, das wollten wir damit nicht sagen.
Aber ein sehr schadiger Teil.
Entschuldigung.
Und wir sind das in der ersten Folge, Jessica.
Ja, aber ich glaube,
wir merken schon,
vielleicht brauchen wir gleich mal eine Pause.
Genau.
Wir sind jetzt nämlich schon am Schluss,
weil jetzt kommen wir natürlich
zur wichtigen Frage.
Was hat denn das Ganze
mit Identität zu tun?
Meine kleine Existenzkrise hier.
Das werde ich gleich erklären.
Weil, was, wenn wir das jetzt weiterdenken?
Quasi Existenzkrise 2.0.
Wir schließen gleich an.
Wenn das schon auf der Ebene der Materie gilt.
Also, wir brauchen eine Kraft,
die quasi über unsichtbare Kommunikationskanäle
Verbindung herstellt,
damit wir uns nicht in Luft auflösen.
Was heißt das dann für das,
was wir Identität nennen?
Ist das nicht auch etwas,
was wir tief in uns drin suchen?
Und von dem wir ausgehen,
dass es in irgendeiner Weise
unserem inneren Wesenskern sozusagen entspricht.
Einfach so.
Nach dem, was wir jetzt aber
über die starke Wechselwirkung gehört haben,
müssten wir uns nicht eigentlich fragen,
sind wir wirklich einfach jemand?
Oder sind wir das Produkt
eines kontinuierlichen Austauschs mit anderen?
Also jetzt nicht identisch mit uns selbst,
sondern ständig vermittelt.
Wie Protonen.
Die sich eigentlich abstoßen müssten,
aber dann doch durch irgendwas Drittes
zusammengehalten werden.
Stichwort Differenz.
Und Stichwort Stuart Hall.
Also wir nähern uns,
ihr merkt, wir nähern uns,
zwar im Schneckentempel,
aber wir nähern uns dem,
auf was ich eigentlich hinaus will.
Also Stuart Hall jetzt nicht,
weil er sich für Glonen interessiert hätte,
sondern weil er eben verstanden hat,
dass das, was wir für ein Ich halten,
nicht einfach da ist,
sondern gemacht wird.
Dass Identität eben kein Zustand ist,
sondern ein Prozess,
ein Bedeutungszusammenhang,
ein Verhältnis,
könnten wir sagen,
das eben nur durch Sprache,
durch Repräsentation,
durch Beziehung stabil erscheint.
Und genau darum wird es auch
in unseren beiden Texten gehen,
die wir für euch vorbereitet haben,
also um diese Frage,
was uns eigentlich zusammenhält
und was passiert,
wenn wir anfangen daran zu rütteln.
Aber keine Angst,
keine Angst Nummer eins,
das was passiert,
ist nicht die vollkommene Auflösung
unserer selbst
und vielleicht auch
keine Angst Nummer zwei,
ihr habt noch ein bisschen Zeit
vorher,
über die starke Wechselwirkung
und die Krisen,
die sie auslösen kann,
hinwegzukommen,
weil ich denke,
wir machen jetzt mal
hier eine kleine Pause,
wir machen jetzt mal Schluss
für diese Folge,
für heute
und machen dann
mit der Lektüre von Stuart Hall
und mit dem,
was er denn so
sich gedacht hat
bei dem Begriff Identität,
dann beim nächsten Mal weiter,
oder?
Genau,
in Teil zwei
und für Teil eins,
weil wir doch
immer ein Auto brauchen,
damit ihr nicht vergesst,
was ihr tun könnt
und uns zu unterstützen
und bevor ihr es
bis zur nächsten Folge
vergesst,
genau,
alle Infos
für immer in den Shownotes,
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wir haben schon Folgenvorschläge aufgenommen
und freuen uns über noch mehr davon.
Gerne,
gerne,
sehr schön.
Super.
Das wäre es fürs Erste.
Bis zum nächsten Mal.
Danke schön.
Bis zum nächsten Mal.
Baba.