Sprache. Macht. Geschlecht.

Verena Hofstätter & Jessica Albrecht

Queer Phenomenology

oder: Orientierung, Raum und "straight" lines

18.02.2026 76 min

Zusammenfassung & Show Notes

„Sexuelle Orientierung“ klingt wie eine Identitätskategorie. Aber was, wenn Orientierung wörtlich gemeint ist – als Ausrichtung im Raum? In dieser Folge denken wir mit Sara Ahmed darüber nach, wie Körper Linien folgen, wie „straight“ zur Norm wird – und warum Desorientierung politisches Potenzial hat. 

Was ist „sexuelle Orientierung“ eigentlich? Eine Identitätskategorie? Ein Label? Eine Eigenschaft?
In dieser Folge lesen wir Sara Ahmeds Queer Phenomenology: Orientations, Objects, Others als radikale Verschiebung: Weg von Orientierung als Identität – hin zu Orientierung als verkörpertem Ausgerichtetsein in der Welt.
Ausgehend von der klassischen Phänomenologie (Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty) fragen wir:
  • Wie entsteht Welt überhaupt?
  • Von wo aus erscheint sie?
  • Und wem erscheint sie als „nah“, „selbstverständlich“, „gerade“?
Husserl beschreibt den Leib als „Nullpunkt der Orientierung“ – das „Hier“, von dem aus Dinge sichtbar werden. Merleau-Ponty versteht den Körper als body-subject: als leibliche Perspektive, durch die Nähe, Ferne und Handlungsmöglichkeiten überhaupt erst Sinn bekommen. Heidegger erinnert daran, dass wir uns immer schon in einer vertrauten Welt bewegen – entlang von Gewohnheiten und Praktiken.
Ahmed nimmt diese Einsichten auf – und verschiebt sie politisch. Denn wenn Orientierung bedeutet, dass Körper auf bestimmte Dinge ausgerichtet sind, dann ist diese Ausrichtung nicht neutral. Sie folgt Linien. Historischen Linien. Sozialen Linien. Normativen Linien.
„Straight“ bedeutet dann nicht nur heterosexuell – sondern gerade. Eine Linie, die vorgibt, wie sich Körper bewegen sollen. Welche Beziehungen selbstverständlich sind. Welche Zukunft plausibel erscheint.
Queere Orientierung heißt, diese Linie nicht zu nehmen. Nicht nur im Sinne eines anderen Begehrens – sondern im Sinne eines anderen Weltbezugs. Andere Räume werden begehrbar. Andere Körper werden sichtbar. Andere Zukunft wird vorstellbar.
Wir sprechen darüber,
  • wie der Schreibtisch bei Husserl unsichtbare Räume produziert
  • wie Habitualität (Gewohnheit) Welt stabilisiert
  • wie Städte auf bestimmte Körper ausgerichtet sind
  • und warum Desorientierung kein Defizit, sondern eine Möglichkeit ist.
Queerness erscheint hier als räumliche und soziale Desorientierung: als ein anderes Wenden, Drehen, Sich-Hin-Bewegen.

Und vielleicht ist genau das politisch.

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Jessica:

Verena:

Transkript

Genau, auf jeden Fall immer, wenn ich das Buch nochmal aufschlage, werde ich wieder daran erinnert, dass Orientierung von Orientpunkt kommt. Ehrlich gesagt, Merleau-Pontis-Phänomenologie ist ja eigentlich voller queerer Effekte und queerer Körper. Jessica hat mich vorgewarnt, ich darf nicht so viel über Merleau-Pontis sprechen, aber wir müssen halt leider, wenn wir über leibliche Erfahrungen sprechen. Er als Philosoph, wo fängt man an, über die Welt nachzudenken? Bei sich. Oder beziehungsweise das, was einem am nächsten ist. Und am nächsten ist er halt erstens Philosoph, das heißt, er sitzt am Schreibtisch. Am besten noch neben einem Glas Wein, aber darüber schreibt er nicht. Aber sie sagt eben, nein, im Gegenteil. Genau dieser Moment, der eben sichtbar macht, wie Weltordnungen hergestellt werden, der ist jetzt auch politisch wichtig. Das geht um eine Linie, um eine gerade Linie und auf Englisch wäre das ja the straight line und mit straight meint sie wirklich eben auch straight im Sinne von heterosexuell und nicht queer. Okay, little John, der wird dann irgendwann wieder der große John und der große John, der hat ja eine Frau heiratet und einen little John bekommen. Und man wird quasi in diese Linie hineingezogen. Ganz schön noch ein Zitat, wo sie sagt, Moments of Disorientation are vital. They are bodily experiences that throw the world up or throw the body from its ground. Disorientation as a bodily feeling can be unsettling. It can shatter one's sense of confidence in the ground or one's belief that the ground on which we reside can support the actions that make a life feel livable. Hat geklappt, wir nehmen wieder auf. Ich bin schon wieder ganz draußen. Wie nimmt man auf? Wie nimmt man einen Podcast auf, Jessica? Ja, total. Also wenn man das nicht wöchentlich macht, dann ist die Übung raus. Das ist die Übung raus, ja. Nein, das kommt erst später. Übung kommt erst später in der Folge. Wir machen heute. Du wolltest zu schnell einsteigen. Sorry, ich konnte es nicht erwarten. Aber ich wollte auch schnell einsteigen. Das passt eigentlich eh ganz gut. Nämlich ganz nach dem Motto von unserem Folgentitel heute machen wir nicht direkt geradeaus hinein in unsere Folge, sondern machen so ein bisschen einen Detour und schauen uns an, wie wir eigentlich zu dieser Folge gekommen sind. Weil wir haben ja beim letzten Mal, worüber haben wir denn da gesprochen? Vielleicht kannst du da ein paar Worte sagen, damit wir da einen Anschluss haben. Genau, wir haben letztes Mal über ganz viele verschiedene Arten Intersektionalität zu betrachten gesprochen. Genau, und zwar angefangen bei verschiedenen Geschichten, wie intersektionales Denken entstanden ist. Und sei es über Black Feminism hin zu Queeren Feminismus oder aber auch Global South Feminism. Und dann genau über die Standardtheorie, würde ich mal sagen, von Kimberly Crenshaw, hin zu auch Kritiken daran, Weiterdenken und wie es heute produktiv immer noch genutzt wird. Und welche Probleme aber auch institutionell damit verbunden sind, zum Beispiel, dass man, wenn man quasi sagt, wir als Institution, wir sind ja intersektional, dass das dann meistens auf den Schultern von schwarzen Frauen oder halt von nicht weißen Frauen ausgetragen wird, je nachdem welchem Kontext, dass die dann quasi dafür herhalten müssen, dass die Institution wirklich intersektional ist und so ein Aussehen gestellt werden. Und das Spannende ist, das ist eigentlich eine gute Überleitung zu der Denkerin, bei der wir heute wieder gelandet sind. Weil wir hatten ja schon in der ersten Folge zu, Spoiler, Trommelwirbel, zu Sarah Ahmed, hatten wir ja kurz über institutionellen Rassismus gesprochen. Und das ist, glaube ich, auch der Linke darüber sprechen wir heute nicht, aber wir mussten letztes Mal schon wieder an Sarah Ahmed denken. Und wenn wir immer gerne an Sarah Ahmed denken, denken wir heute weiter an Sarah Ahmed. Genau, so ist es. Und wir werden also heute, also du hast jetzt gesagt, wir haben jetzt viel letztes Mal über Strukturen und Ordnungen und so weiter gesprochen mit der Intersektionalität. Und heute möchten wir eigentlich zuerst mal kurz so auf die Sprache schauen. Also eigentlich geht es nicht um Sprache heute, eigentlich geht es heute um Raum. Auch wieder ein bisschen Spoiler. Aber zuerst müssen wir ein bisschen auf die Sprache schauen, damit wir verstehen, wie wir in diesen Raum eigentlich kommen. Raum kann man noch nicht von Sprache trennen. Was redest du denn da? Genau. Okay, wir spoilern heute einfach viel zu viel. Wir können eigentlich schon wieder aufhören. Wir haben eigentlich alles Wichtige schon gesagt. Aber was ich eigentlich, worauf ich hinaus wollte, ist, dass wir ja bei Intersektionalität, haben wir, glaube ich, auch letztes Mal ein bisschen schon so erwähnt, da geht es ja im Grunde zuerst einmal immer um all diese Diskriminierungsdimensionen, sage ich jetzt mal. Also, ich weiß nicht, Geschlecht, Race, Alter, Ability und so weiter. Und wenn wir uns dann nach diesen Dimensionen beschreiben, dann können wir zum Beispiel sagen, ich bin eine Frau, ich bin weiß, ich bin Ende 30, ich bin Neurodivirgend etc. Und genauso machen wir das eigentlich auch bei Sexualität. Also, wir können sagen, ich bin bi, ich bin ace, ich bin lesbisch, ich bin hetero und so weiter. Und das nennen wir dann gemeinhin sexuelle Orientierung. Also, ich glaube, wenn ich jetzt den Begriff sexuelle Orientierung verwende, dann ist allen klar, was ich damit meine, auch weil ich jetzt ein paar Beispiele gegeben habe. Aber vielleicht sollten wir uns, bevor wir in die Folge einsteigen, uns erstmal fragen, warum sagen wir denn eigentlich sexuelle Orientierung? Also, woher kommt dieser Sprachgebrauch, dass wir bei Sexualität von Orientierung sprechen? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Deswegen machen wir es gleich am Anfang. Genau, weil es ja zwei Geschichten hat. Also, wir denken ja sowieso immer, dass, also wir nicht in diesem Podcast, ganz klar, und alle, die uns schon länger zuhören, auch nicht mehr. Aber in der Gesellschaft denkt man, dass von sexueller Orientierung zu sprechen schon immer so war. Ja, weil man halt, also das ist ja auch was, was einfach da ist. Und Menschen haben einen sexuellen Orientierungspunkt aus Ende. Und das war immer so und wird immer so sein. Und egal, wie man, naja, also das Phänomen beschreiben will, die Art und Weise, so darüber zu sprechen, ist relativ neu. Nämlich nicht mal aus dem 19., sondern aus dem 20. Jahrhundert. Einmal nicht das 19. Jahrhundert. Nee, einmal nicht. Aber die Art und Weise, dass man sagt, Körper orientieren sich wohin, kommt aus dem 19. Jahrhundert. Das füge ich mal ein, weil das für Sarah Ahmed auch noch wichtig ist. Nämlich woher überhaupt die Art und Weise kommt zu sagen, man orientiert sich. Weil das ist, das finde ich sehr, und vergesse ich jedes Mal wieder, wenn ich das Buch, über das, wir haben auch gar nicht gesagt, über welches Buch wir heute sprechen. Nein. Wir machen heute alles, wir machen heute alles ein bisschen queer. Schön, wie es mir gerade im Satz aufgefallen ist. Genau. Super. Über welches Buch sprechen wir denn eigentlich heute? Über Sarah Ahmeds Buch, Queer Phänomenology. Ja, genau. So, von wann ist das nochmal? Wenn ich mich richtig erinnere, war das schon 2006, ne? Ja, 2006, genau. Jo, genau, auf jeden Fall immer, wenn ich das Buch nochmal aufschlage, werde ich wieder daran erinnert, dass Orientierung von Orientpunkt kommt. Ja. Also quasi, und das ist ja total spannend, also sowohl zu sagen, okay, in unserer Sprachentwicklung haben wir, dass wir uns wohin ausrichten, immer schon mit einer bestimmten eurozentristischen Ausrichtung verbunden haben, finde ich sehr spannend. Und dass da halt wirklich dieses, die, die gerade an der Macht sind, die bestimmen, was Ausrichtung ist, ja? Ja, also die bestimmen, was ist der Orient. Das ist ja, das fand ich ja immer schon so spannend, ich weiß nicht, wem das schon mal aufgefallen ist, Orient, Occident, Morgenland, Abendland, das ist ja nur aus einer bestimmten Perspektive sinnvoll. Und zwar aus einer sehr kleinen, wenn man sich die Weltkugel anschaut. Ja. Und dass das aber zur Bezeichnung wurde und dann im Endeffekt eben auch zu einer Bezeichnung von Orientierung als Ganzes, und das ist ja was, was wir wirklich allumfassend heute im Sprachgebrauch haben, finde ich schon sehr krass. Und zeigt aber auch, welche Sprachgeschichte dann auch zum Beispiel sexuelle Orientierung mit dabei hat, nämlich halt eben auch eine kolonialistische und rassistische Sprachentwicklung, das quasi da mit drin steckt, woran man halt auch sieht, dass das, wie man über Sexualität nachdenkt, halt auch in dieses Machtgefüge immer schon eingebettet ist. Genau, und zur sexuellen Orientierung geht es dann im 20. Jahrhundert mit der aufkommenden Sexologie wirklich darum zu beschreiben, wohin orientieren sich Körper und weil man eben davon ausging damals, also genau, man muss eine Sache im 19. Jahrhundert auch neu in nämlich, dass man davon, das hatten wir ja ganz Anfang, anfangs mal kurz angesprochen, dass wir irgendwann mal im 19. Jahrhundert angefangen haben, von den Geschlechtern als zwei binäre Enten nachzudenken und nicht als, was vorher ganz häufig war, also in der westlichen Geschichte, die Frau als Abkehrung vom Mann, also dass es quasi ein Geschlecht gibt und eine Veränderung davon, sondern dass es wirklich zwei Geschlechter gibt, das ist ja sehr neu in der Geschichte der westlichen Menschheit und Orientierung kam dann quasi zu sagen, okay, es gibt diese zwei Geschlechter und die orientieren sich zueinander, weil sie ja quasi auch komplementär gedacht werden und wenn sie sich zueinander orientieren, dann ist man heterosexuell, dann orientiert man sich in Anführungszeichen richtig. Und die andere Orientierung ist auch eine Orientierung, die aber halt dann homosexuell ist. Das heißt, also was ich jetzt bei dir raushöre, ist, dass die sexuelle Orientierung eigentlich immer schon auch diese räumliche Bedeutung in sich getragen hat. Und heute, also mit Sarah Ahmed, wir haben es eh schon gesagt, wir sprechen über ihr Buch, das sie Queer Phänomenology genannt hat. Das heißt, wir wollen uns heute eben Identität nicht primär als, oder eigentlich fast gar nicht, als Identität anschauen, sexuelle Orientierung, sondern wir wollen dieses Wort Orientierung wortwörtlich nehmen quasi, also aus der Frage nach der Identität eine Frage des Raums machen. Oder eine Frage der Richtung. Und wir werden auch sehen, eine Frage der Gewohnheit. Und in diesem Buch, in der Queer Phänomenology, macht Ahmed ja eigentlich genau das, was sie in den Titeln schreibt. Also sie queert sozusagen Phänomenologie. Also sie schaut sich auf der einen Seite an, was ist denn an der Phänomenologie selbst, auch wenn es ihr vielleicht nicht bewusst ist, ist immer schon queer gewesen. Und wie kann sie dann auf der anderen Seite daraus eine dezidiert queere Phänomenologie machen? Das heißt, die bringt hier auch so ein bisschen zwei Perspektiven zusammen, die jetzt auf den ersten Blick vielleicht ja nicht unbedingt kompatibel sind, sage ich jetzt mal. Ja, also Phänomenologie und Queer Theory. Ja, also wir haben auf der einen Seite die Phänomenologie, die zwar jetzt konkrete, subjektive Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt, aber, dazu werden wir auch später noch kommen, ja, von einem mehr oder weniger, wie soll ich sagen, universellen, abstrakten Subjekt aus. Ja, also soziale Differenz, wie wir vorher angesprochen haben, ja, nach Geschlecht, Sexualität, Race und so weiter, einfach kaum berücksichtigt. Und wir haben auf der anderen Seite die Queer Theory, die genau auf diese Differenzen fokussiert, also strukturelle gesellschaftliche Ausschlüsse und Machtverhältnisse analysiert, aber dafür dann wieder diese körperliche, die leibliche Räume, die Erfahrung des Subjekts so ein bisschen vernachlässigt. Und Achmed sagt jetzt, ja, aber warum nicht? Also warum sollten wir nicht diese beiden Dinge zusammen denken? Weil, wie gesagt, die Phänomenologie für sie hat an sich schon sehr viele queere Elemente und gerade die Queer Theory, die könnte von ihrer Kritik, also für die Kritik an heteronormativen Strukturen auch so ein bisschen von mehr Subjektivität profitieren. Aber alles Drei nach, also wir haben heute zwei Teile, die wir machen. Wir schauen uns zuerst die Queer Theory, also nicht Queer Theory, die Queer Phänomenology an. Oh, ich werde durcheinander kommen heute die ganze Zeit. Erstens mal wegen Queer und zweitens wegen Phänomenologie, weil ich kann das Wort nicht aussprechen. Weder auf Englisch noch auf Deutsch. Das ist auf Deutsch einfacher als auf Englisch. Nein, das ist auch auf Deutsch nicht einfach. Also ich finde das schrecklich. Schrecklich ist das Wort einfach. Jetzt sind wir wieder zurück bei der Sprache. Okay, Teil eins heute. Queer Phänomenology. Also wir schauen uns an, was Achmed da macht. Und dann Teil zwei gehen wir konkreter ein auf Queer Orientations. Also das, was ziemlich wahrscheinlich bei uns im folgenden Titel stehen wird. Also Nummer eins, Queer Phänomenology. Was ist denn eigentlich Phänomenologie? Vielleicht fangen wir ganz vorne an. Macht ja auch Achmed im Buch, also das erste Kapitel, da geht es ja wirklich um die Grundlagen, die phänomenologischen Grundlagen, auf denen sie aufbaut. Phänomenologie. Ganz grob vielleicht lässt sich die über das definieren, was sie für gewöhnlich so macht, würde ich mal sagen. Also untersuchen, wie Welt quasi aus subjektiver Perspektive erscheint, würde ich jetzt mal sagen. Also wie Welt von Subjekten wahrgenommen wird, erlebt wird und mit Bedeutung versehen wird. Und dieses Wahrnehmen oder dieses Erleben, das wird mit Hilfe von verschiedenen Kategorien, phänomenologischen Werkzeugen sozusagen beschrieben. Und auf vier davon würde ich heute gerne eingehen, weil sie einfach auch für Achmed wichtig sind. Das sind die Intentionalität, die Nähe, beziehungsweise das Zuhandensein, werde ich das dann später nennen. Das ist die Leiblichkeit oder die gelebte Erfahrung und dann noch die Habitualität. Aber gehen wir auf der Reihe nach durch. Ich habe gesagt, der erste Punkt ist die Intentionalität. Was soll das bedeuten? Also ganz am Anfang steht immer die Intentionalität, wenn man über Phänomenologie spricht. Das ist quasi diese phänomenologische Grundidee so ein bisschen. Also Bewusstsein ist immer auf etwas gerichtet. Das soll heißen, Wahrnehmung oder wahrnehmen bedeutet, sich Dingen zuzuwenden. Also ich bin immer schon auf etwas ausgerichtet. Auf das Blatt Papier hier mit unserer Outline, auf meinen Tisch, auf das Zimmer. Und Husserl, ja, Edmund Husserl, hat das immer gerne, also diese Intentionalität, immer gern am Beispiel seines eigenen Schreibtischs beschrieben. Was hat es denn mit Husserls Schreibtisch auf sich? Kannst du da ein paar Worte dazu sagen? Naja, da hast du ziemlich gut angefangen. So wie du auf das Blatt Papier unserer Folge schaust. Und beschreibt Husserl eben auch, dass, naja, aus der philosophischen Perspektive eher als Philosoph, ne, wo fängt man an, über die Welt nachzudenken? Bei sich. Oder beziehungsweise das, was einem am nächsten ist. Ja. Und am nächsten ist er halt, er ist ein Philosoph, das heißt, er sitzt am Schreibtisch. Am besten noch neben einem Glas Wein, aber darüber schreibt er nicht. Ich stelle mir immer so eine Tasse Tee vor. Ich weiß nicht. Genau, also auf jeden Fall sitzt er am Schreibtisch, er hat einen Stift in der Hand, ein Papier vor sich, er schreibt und denkt. Und das, was um ihn rum ist, beeinflusst quasi dadurch natürlich auch, über was er schreibt und was er denkt. Weil wenn er einen Bleistift hat, macht er was anderes vielleicht, wie wenn er einen Kugelschreiber hat, sozusagen. Genau. Und das heißt, es gibt sozusagen was in der direkten Reichweite. Und das, also du hast es vorhin mit dem Blatt Papier geschrieben, das Blatt Papier schaut quasi dich an und du schaust das Blatt Papier an und deswegen entsteht eine Verbindung zwischen euch beiden. Und das ist das, was er so ein bisschen mit der Intentionalität meint. Also dass du nicht einfach im Raum bist und wahllos die Dinge, also quasi die Eindrücke auf dich eintreffen, sondern dass dein Bewusstsein auf etwas gerichtet ist. Also quasi eine Intention hat, was es sich anschaut. Und in dem Fall zum Beispiel das Blatt Papier. Und andere Dinge, keine Ahnung, zum Beispiel der Lichtschalter an der Wand ist komplett außerhalb deines Bewusstseins. Ja, weil du darauf nicht gerichtet bist. Du bist nur darauf gerichtet, wenn du das Licht anmachen willst. Ja. Genau. Soll ich das kritisieren oder machen wir da später was? Wir können vielleicht gleich kritisieren. Einfach so wie Achmed es ja auch macht im Kapitel. Weil sie sagt ja, also du hast jetzt den Lichtschalter als Beispiel gebracht für Dinge, die jetzt vielleicht nicht in seiner Intention liegen, quasi jetzt nicht bewusst angeschaut werden in seiner philosophischen Arbeit. Nicht in, aber während seiner oder weiß ich nicht. Na schon. Also für die Phänomologie ist es beides. Also nicht nur während der Arbeit, sondern es ist wirklich. Seine Arbeit besteht darin, Dinge anzuschauen und zu sagen, wie wirken die auf mich? Ja. Und was hat das für mich für eine Bedeutung? Ja. Der Lichtschalter hat in dem Beispiel eben weniger Bedeutung für ihn oder dem Lichtschalter misst er eben keine oder eben, so wie er sagt, ja nur so eine periphere Bedeutung zu. Er weiß natürlich, dass der Lichtschalter da ist, aber für seine philosophische Arbeit ist er jetzt mal nicht relevant. Und jetzt der nächste Schritt ist, er sagt das ja nicht nur über den Lichtschalter. Ja, also es sind auch andere Dinge in der Peripherie. Ja, auch zum Beispiel Bücher, die vielleicht auf seinem Schreibtisch liegen, aber die jetzt gerade mit der Tätigkeit, mit dem Denken, das er jetzt gerade tut, um es schlecht auszudrücken, nichts zu tun haben. Die sind zwar auch Teil des Schreibtisches in dem Fall, aber nicht eben seiner Tätigkeit. Und dann das ganze Mobiliar rundherum hat noch weniger zu tun mit dem. Und er sagt, natürlich weiß er das auch draußen vor dem Fenster, zum Beispiel im Garten ist, wo die Kinder spielen. Ja, er weiß, dass das alles da ist. Aber es hat für seine Arbeit quasi keine Relevanz. Und ich glaube, da ist jetzt der Punkt, wo Ahmed reinkommt und so ein bisschen sagt, ja genau, da möchte ich gerne was dazu sagen. Vielleicht haben die Leute schon rausgehört mit deinem Kinderbeispiel. Also was hat denn Ahmed zu sagen zu dieser Szene? Naja, also hauptsächlich ist das, also wie ich es gerade beschrieben habe, wenn da sitzt ja so ein Husserl mit seinem Glas Wein. Aber damit er da sitzen und denken kann, ja, damit er ein weißes Blatt Papier vor seiner Knauze hat und damit er das mit gefülltem Magen machen kann, damit er das mit einem gefüllten Glas Wein machen kann, müssen um ihn rum Dinge passiert sein. Also das Wein muss dahin gekommen sein. Er muss vielleicht alle vier Stunden muss das Essen zu ihm gelangen, damit er weiter denken kann. Und darüber denkt er natürlich nicht nach. Und warum er darüber nicht nachdenkt, ist, weil er ein weißer Mann ist. Genau, also es ist schon in der Art, wie er da sitzt und was um ihn rum liegt und welche Sachen er denken kann, ist schon abhängig davon, welche Rolle oder welche Position er in der Gesellschaft hat. Also dass er überhaupt an einem Tisch sitzen kann und denken kann, ist eine ganz andere Perspektive wie die von seiner Frau. Zum Beispiel. Die ja eben das im radikalsten Sinne nicht machen kann, aber wenn sie zum Beispiel die acht Stunden am Tag die sie irgendwie im Haushalt macht, über sowas nachdenkt, dann ist halt da nicht das Blatt Papier vor ihr oder die Bücher neben ihrem Schreibtisch, sondern da ist dann halt der Kochlöffel in der Hand, den sie sich anschaut, während er im Kopftopf rumrüllt. Genau. Also was Ahmed damit eigentlich sagt oder sagen möchte, ist, dass dieser vermeintlich neutrale Wahrnehmungsraum immer schon strukturiert ist. Ja, also bereits sozial und geschlechtlich vorstrukturiert ist eigentlich. Ja, also diese phänomenologische Szene selbst, ja, die liest sie schon als eine Orientierungsszene. Ja, also sie, also diese diese Szene privilegiert, so wie du gesagt hast, bestimmte Körper, bestimmte Tätigkeiten, bestimmte Räume und blendet andere aus. Ja. Und damit beginnt Ahmed jetzt die Phänomenologie zu queeren, ja. Indem sie einfach einen anderen Blick hat, indem sie halt schaut, okay, was liegt denn hinter, hinter, hinter diesem Hustl mit dem Weingas in der Hand, ja. Das, was er, was hinter seinem Rücken liegt, ja. Die Küche, der Waschraum, die Kinder, etc. Ja. Also da schaut sie, da schaut sie hin, eben um zu zeigen, dass auch Intentionalität und dieser Nullpunkt, von dem Hustl ja immer spricht, also dieser Nullpunkt, von dem aus sich für mich Dinge als vorne, hinten, rechts, links, nah, fern darstellen, ja, dass der auch immer schon situiert ist, ja. Und das bringt mich jetzt auch gleich so ein bisschen in den nächsten Punkt, ja, nah, fern. Es geht jetzt auch immer viel um Nähe in der Phänomenologie, um dieses Zuhandensein, wie ich das vorher genannt habe, ja, ready to hand, glaube ich, ist das immer übersetzt auf Englisch. Da denken wir jetzt an einen anderen, an einen anderen phänomenologischen Denker, ja, Heidegger, der hat darauf hingewiesen, ja, immer, dass die Dinge, ja, also wir haben jetzt vom Bleistift, vom Kuli, vom Blatt Papier gesprochen, ja, dass diese Dinge ja in erster Linie für uns, dass wir diese Dinge als Werkzeuge erleben. Also ein Tisch ist nicht ein Tisch, sondern ein Tisch kann ein S-Tisch sein, ein Arbeitstisch, ein Nähtisch, was auch immer, ja, also seine Bedeutung ergibt sich für uns aus der Tätigkeit, für die wir ihn verwenden. Und wenn wir jetzt eben etwas über seinen Werkzeugcharakter definieren, dann ist das Ding für uns nicht nur vorhanden, also existiert in der Welt quasi, sondern zu handen. Ja, und wenn uns etwas zu handen ist, sagt Heidegger, ja, dann verschwindet es beinahe aus unserem Bewusstsein. Ja, es geht quasi in unserer Tätigkeit auf, in dem Vollzug der Handlung geht das auf, ja, und erst wenn es mal nicht funktioniert, ja, wenn dieser Hammer kaputt geht, zum Beispiel, ja, dann tritt dieses Werkzeug als bloßes unter Anführungszeichen Objekt hervor. Also dann wird uns klar, okay, oh, das war ja nur ein Stück Holz und Eisen oder was auch immer, Hammer, Hämmer, was auch immer sind. Und Ahmed nutzt jetzt auch dieses Werkzeugdenken, um zu zeigen, okay, wir haben ein Beispiel nachher dafür, ja, also um zu zeigen, dass Dinge auch zu, so wie sie es nennt, ja, heterosexuellen Objekten werden können, die dann quasi so ein heterosexuelles Feld bilden, das im Hintergrund wirkt. Und das Beispiel, an das ich denke, ich weiß nicht, ob du an dasselbe Beispiel längst, ich hoffe, ich denke an Achmeds Esstisch zu Hause bei ihrer Familie. Und zwar nicht diesen alltäglichen Esstisch in der Küche, an dem die Familie jeden Tag isst, weil man essen muss, sondern diesen, den schönen Esstisch im Esszimmer. Weißt du, welchen Esstisch ich meine? Ja, ich weiß, welchen Esstisch du meinst. Kannst du uns diesen Esstisch mal beschreiben oder sagen, wie Achmed uns den beschreibt? Naja, dieser Esstische, wie du es gerade gesagt hast, ist ja ein schöner Esstisch. Das heißt, der ist, also erstmal hat der eine bestimmte Funktion, nämlich, das ist da, wo die Gäste und Gästinnen sitzen, wenn sie eingeladen werden. Und sei es irgendwie Freundinnen, Familien, die zu Besuch kommen, etc. Und deswegen ist das ja auch ein Tisch, wo halt eine bestimmte Form der, naja, der Einrichtung da ist, ja. Das heißt, der Tisch hat Stühle dann im bestimmten Ort stehen, ja. Und der ist aber auch in dem Raum drin, in dem der schön hergerichtet ist, der Deko hat, ja. Und unter Deko fallen ja zum Beispiel auch Bilder an der Wand. Und was ist auf diesen Bildern drauf? Genau, das ist eben der Punkt. In Sarah-Ahmeds Familie sind in diesen Bildern natürlich Bilder von ihr, ihrer Frau und ihren Kindern, was mit dem Raum macht, ja. Also wenn da jemand reinkommt, tritt man in einen Raum ein, der in dem halt quasi nicht die heterosexuelle Kleinfamilie abgebildet ist, was vielleicht in einem anderen Haus so wäre, ja. Und dadurch, dass da zum Beispiel auch nicht, was weiß ich, Mann und Frau, Ehefrau und Ehemann einen bestimmten Platz an dem Tisch haben, weil es keinen Ehemann gibt, ist auch der Tisch anders eingeordnet. Und fühlt sich dadurch auch anders an, wenn Leute in diesen Raum gehen, um da zu essen, ja. Das heißt, was sie ehrlich damit sagen will, ist, dass ihr Tisch, der für sie ja quasi Teil ihres Familienalltags ist, ja, auch schon sozusagen angepasst ist an ihr Leben und auch nicht neutral, ja. Genau, wäre das halt bei anderen Familien auch so. Das ist ein bisschen schwierig zu sagen, weil das ja eigentlich schon eine Verqueerung ist, deswegen tue ich mich gerade ein bisschen schönes zu beschreiben. Finde ich aber gut, dass du das jetzt erwähnt hast, weil du gesagt hast, ja, schon ein bisschen verqueeren, ja. Weil sie kontrastiert das ja mit dem Esstisch zu Hause, also in ihrer Herkunftsfamilie, sage ich jetzt mal, ja, um jetzt den Begriff zu verwenden, ja. Weil die ist schon, also da hat sie gesagt, und weil du jetzt auch gesagt hast, ihr Esstisch, ihr jetziger ist nicht neutral eingerichtet, ja, das ist ja vielleicht ein wichtiger, ein wichtiger Begriff. Der Esstisch zu Hause früher war auch, ja, so eingerichtet, es war so ein schöner Tisch, ja, an dem, an dem, an dem, an dem Leute bewirtet werden können, der, der schön hergerichtet wird, der immer eine Tischdecke hat, an dem eben auch diese Familienbille an der Wand hängen, die aber sehr anders ausgesehen haben, weil da waren natürlich, ja, die Kinder, die Töchter, aber immer dieses heterosexuelle Paar, das irgendwie so in Mittelpunkt steht. Und sie sagt deswegen Mittelpunkt, weil da nicht einfach Schnappschüsse von, weiß ich nicht, letzten Samstag hängen, sondern da hängen dann die Hochzeitsfotos. Ja, diese Familienurlaube und so weiter. Also da, wo das dieses heterosexuelle Paar, dieses Zentrum der heterosexuellen Familie ist, so, jetzt haben wir ein neues Wort, das ich nicht aussprechen kann. Okay, und dann sagt sie auch, das wäre zum Beispiel so ein heterosexuelles Objekt für sie, das quasi dort so ein bisschen, unter Anführungszeichen, im Hintergrund hängt, ja, aber diesen ganzen Esstisch quasi zum Zentrum, ja, dieser heterosexuellen Familie macht. Und dann steht auf dem Sideboard, keine Ahnung, sagt sie dann, ich weiß nicht, was das war, ein Fondue-Set oder irgendwas, was halt niemand braucht im ganzen Leben, aber was man halt typischerweise sagt. Auch wenn sie setzt da. Aber sie sagt, niemand verwendet dieses Ding, aber das steht die ganze Zeit da, weil das war mal ein Hochzeitsgeschenk, ja, quasi so ein Symbol für diese heterosexuelle Verpaarung quasi. Und sie steht da einfach so on display in diesem Esszimmer. Ja, und das Wichtige und Spannende ist ja, dass niemand in der Familie aufgefallen ist außer ihr. Und das ist ja der Punkt. Und deswegen sage ich, es ist so toll, dass du das jetzt vorher gebracht hast mit ihrem jetzigen, quasi ihrer jetzigen Erfahrung, ja, weil jetzt haben wir das Gefühl, wir müssten dazu sagen, ja, sie verqueert das ja schon so ein bisschen, diese Erfahrung, die sie gemacht hat, quasi als junges Sarah, ja. Aber das ist ja deswegen, weil ich gerade gesagt habe, ja, diese Dinge, die da an der Wand hängen in einem heterosexuellen Feld, in einem heterosexuellen Esszimmer, ja, die verschwimmen so ein bisschen als Deko in den Hintergrund und fallen normalerweise nicht auf. Außer dir fällt es auf. Ja, das ist eine springende Punkt, oder? Und das zeigt halt auch schon, dass nicht nur die, wie die Sachen angeordnet sind, jetzt bei Husserl zum Beispiel, immer schon nicht neutral sind und dann irgendwie hingekommen, sondern dass auch die Wahrnehmung total davon abhängig ist. Weil das, was bei Husserl quasi Vordergrund und Hintergrund ist, so wie bei ihm halt genauso auch, dass er halt nicht sieht, dass seine Frau im Hintergrund in der Küche steht, ja. So sehen halt heterosexuelle Paare, die halt exakt das gleiche Familienleben führen, auch nicht, dass da irgendwie halt, also denen fällt nicht besonders auf, dass da jetzt eine bestimmte Form der Heterosexualität abgebildet ist. Genau. Weil das auch in den Hintergrund der Wahrnehmung rückt, weil es normal ist. Ja, und das führt uns jetzt auch schon in diese nächsten, also diese letzten beiden Kategorien, die wir jetzt noch brauchen, um zu verstehen, was Ahmed jetzt mit Queer Phänomenology meint, ja, Erfahrung, ist in der Phänomenologie ganz eng verknüpft mit dieser Trennung, dieser klassischen Trennung eigentlich, ja, zwischen Körper und Leib. Also in der Phänomenologie wird das immer nicht nur begrifflich getrennt, ja, sondern kategorisch getrennt, also ich, wir können ja nicht im Detail heute auf diese Trennung eingehen, aber so ganz kurz zusammengefasst, ja, kurzer Merksatz, ja, der Leib, nein, fangen wir an mit dem Körper, der Körper wird verstanden als dieser biologische Körper, also als Objekt in der Welt und der Leib wird verstanden als erlebender Körper, als Subjekt in der Welt. Subjekt in der Welt, Leib, der nicht nur biologische Funktionen ausführt, also eigentlich gar nicht, das ist ja der biologische Körper, ja, also Atmen, Verdauen, etc., sondern die Welt sinnlich wahrnimmt, ja, also da kommt die Wahrnehmung ins Spiel, dieser Welt Bedeutung gibt und auch in ihr handeln kann, je nach Möglichkeit, ja, und jetzt ganz kurz Jessica, Jessica hat mich vorgewarnt, ich darf nicht über so viel über Merleau-Ponty sprechen, aber wir müssen halt leider, wenn wir über leibliche Erfahrungen sprechen, kommt Merleau-Ponty her und radikalisiert diese Trennung jetzt, ja, also eigentlich besser gesagt, er versucht diese Trennung praktisch aufzuheben, und das ist ja das, was er macht, ja, also für ihn ist der Leib jetzt kein Objekt unter Objekten im Raum, also nicht einfach ein anderes Objekt, sondern der Leib selbst ist der Zugang zu dieser Welt, ja, zu diesem Raum, quasi wie eine Schnittstelle zur Außenwelt, ja, und dadurch verschwimmt, und das ist jetzt auch ganz wichtig, dadurch verschwimmt, da muss man jetzt ein bisschen mitdenken, dadurch verschwimmt nämlich auch, indem er diesen Leibkörper verschwimmen lässt, verschwimmt bei ihm auch diese strikte Trennung zwischen Körper und Raum, also der Leib, dieser erlebende Körper, der tritt, sagt er, mit dem Raum in Kontakt, der breitet sich nach seinen Möglichkeiten und nach seinen Fähigkeiten in den Raum aus, ja, also der richtet sich den Raum ein, bewohnt den Raum, macht den Raum quasi unter Anführungszeichen zu Hause durch seine Bewegungen, durch sein Berühren und auch sein Berührtwerden, ja, weil der Leib ist ja immer beides, ja, also ich kann, also ich kann Körperleib, ja, ich kann damit etwas berühren und werde aber auch selbst berührt dadurch, ja, durch die Ausrichtung meines, meines Leibes, das heißt, bei das Bild der Welt, sondern wirklich ein aktives in der Welt sein, ja, also der Leib ist das Subjekt der Wahrnehmung und nicht nur ein Objekt, das passiv, quasi Eindrücke, Sinneseindrücke empfängt, ja, und dieser Gedanke, der hat jetzt großen Einfluss auf, auf, auf Ahmed auch, weil er eben unser Verständnis von Orientierung eigentlich fundamental erweitert, aber wenn wir uns das so überlegen, ja, ähm, was passiert hier? Orientierung ist jetzt nicht mehr bloß Position und Richtung, sondern Richtung und Bewegung, also nicht mehr nur Ausrichtung quasi, sondern wirklich Praxis, ja, weil wenn, wenn, wenn Orientierung, wie gesagt, ja, dann wird ja Welt in diesem Kontakt im Vollzug quasi hergestellt und nicht einfach nur vorgefunden, so wie bei Huston, der sein Glas Wein vorfindet, ja, und Subjekte und Räume, soll es heißen, entstehen einfach gemeinsam, ja, durch ihre wechselseitige Ausrichtung. Darauf kommen wir gleich nochmal zurück, ja, jetzt ist noch ganz wichtig dieser vierte, dieser vierte Punkt, ja, auf den, auf den Ahmed auch noch äh, eingeht, weil es ist ja jetzt nicht so, dass diese Ausrichtung, von der wir die ganze Zeit hier sprechen, ja, jedes Mal aufs Neue, äh, in bewusst ausgeführten Handlungen entsteht, das heißt, ich muss mich nicht jedes Mal angestrengt ähm, drauf fokussieren oder drüber nachdenken, wie ich, äh, weiß auch nicht, ja, nach meiner Wasserflasche greife und, und, und, und trinke oder wie ich von zu Hause zum Kindergarten komme und wieder zurück, ja, also bestimmte Weisen, sich zu bewegen, zu greifen, zu begreifen, zu sitzen, zu wohnen, so, dass sich bestimmte Bewegungen, bestimmte Haltungen, bestimmte Ausrichtungen über die Zeit verfestigen und in der phänomenologischen Tradition wird das für gewöhnlich Sedimentierung genannt, als Sedimentierung beschrieben, ja, also der Leib entwickelt quasi sowas wie ein Körperschema, äh, jetzt in der von euch auch unter dem Begriff Habitus, ja, so hat das Baudieu damals theoretisiert, also dieses verkörperte Wissen soll das sein, ein verkörpertes Wissen darum, wie man sich in der Welt bewegt, welche Wege man geht, wie weit man greift, welche Objekte für einen erreichbar sind, ja, und dabei geht's immer um Wiederholungen, also wie wird etwas selbstverständlich für uns, über ganz viele Wiederholungen, also wer eine Bewegung oft ausführt, ja, sei es jetzt das Schreiben oder das Fahrradfahren oder das Treppensteigen oder keine Ahnung, diese Bewegungen müssen dann nicht mehr bewusst reflektiert werden, die Handlungen werden quasi wie so eine zweite Natur unter Anführungszeichen und bei Achmed geht's jetzt nicht mehr nur um diese körperlichen Gewohnheiten, Fahrradfahren, habe ich gesagt, sondern auch um sozial vermittelte Gewohnheiten, also es sagt Räume, Arbeitsabläufe, familiäre Strukturen, wir hatten das schon mit dem Esstisch, ja, institutionelle Erwartungen, die trainieren unter Anführungszeichen den Körper in bestimmte Richtungen, ja, also manche Wege werden dadurch selbstverständlich und andere praktisch unzugänglich, ja, oder müssen erst erschlossen werden, ja, wie gesagt, wir haben das am Esstisch schon ein bisschen gesehen, ein bisschen angedeutet und es gibt jetzt noch ein anderes Beispiel, das sie zwar erst ein bisschen später im Buch anspricht, aber wo ich denke, dass das jetzt auch ganz gut hier hineinpasst, um das noch einmal zu erklären, ja, das ist auch, das ist auch, hat auch mit der Familie zu tun, spielt auch am Esstisch, alles, es geht immer um Tische, aber ich meine da das Beispiel, von dem sie erzählt, wo ihre beiden Schwestern zu Besuch sind oder sie auf Besuch, jetzt weiß ich nicht, auf jeden Fall spielt sich die ganze Szene und die Großeltern sind auch da, das glaube ich, die Szene, Familientreffen halt, Familientreffen, ja, und da vielleicht, wenn du eh weißt, worüber ich spreche, vielleicht kannst du das wieder erklären, also worum geht es da in dieser Szene. Genau, ich würde noch einmal kurz das eine Wort, das wir jetzt, oder das sind wir weggelassen, das nochmal reinbringen, weil das doch irgendwie wichtig ist, nämlich das mit der Orientierung. Das ist heute wichtig, sprechen wir über Orientierung? Ja, weil genau das, was du gerade gesagt hast, mit der Habitualität, also mit dem Habitualität, orientiert uns ja in der Welt, das ist ja der Punkt, weil sonst macht das Beispiel nämlich keinen Sinn, weil ja bei Acht mit dieser Orientierung, ich meine, das kommt später nochmal, aber das, die Dinge lassen sich halt nicht einfach trennen, aber diese Orientierung ist ja, also lässt sich die nicht dass dann quasi wer setzt sich wohin irgendwie damit verbunden ist, was wie halt Heterosexualität zum Beispiel wirkt. Und hier ist es eben dieses Beispiel, wie ich schon gesagt habe, mit der Großfamilie und die treffen sich irgendwie alle bei, ich weiß nicht, ist ja egal, auf jeden Fall treffen sie alle irgendwo und da sind die Großeltern und da sind halt Achmeds Geschwister und Neffen, und dann sitzen die alle am Tisch und dann sagen die Großeltern über ihr Enkelkind, also das sind nämlich zwei Jungs und die sagen, hey, das ist ja wie Little, also genau, von anderen Kindern, Little John und Little Mark so und dieses Little bezeichnet eigentlich, dass sie quasi der Sohn von John und der Sohn von Mark sind. Ja, und das ist ja was, das kennen wir aus verschiedenen Familien, so, ah, oh, die ist ja, die ist ja, was weiß ich, ne kleine, was weiß ich, ne kleine Jessica, ja, also wenn ich jetzt ein Kind hätte, so, ja, und in der Familie, die in dieser, in dieser Art, wie sie da sitzt, halt so ist, wie man sich halt einen perfekten Stammbaum vorstellt, nennt man halt so die Großeltern, aus denen kommen dann Kinder und aus denen kommen dann Enkelkinder mit so Strichen dazwischen, ja, das wird durch diese Aussprüche, ey, this is a little, what a cute little John oder what a cute little Mark, ja, wird das zementiert, also diese Linie wird gezogen, na ja, und das sage ich deswegen, weil, sie sagt ja wirklich, das geht um eine Linie, um eine gerade Linie und auf Englisch wäre das ja the straight line und mit straight meint sie wirklich eben auch straight im Sinne von heterosexuell, also nicht queer. Das heißt, es wird nicht nur gesagt, das ist quasi eine direkte Linie zwischen Vater und Sohn, was ja, was, was sich zum Beispiel bei Maskulinität wichtig wäre, sondern aber auch, es wird gesagt, oh okay, little John, der wird dann irgendwann wieder große John und der große John, der hat ja eine Frau heiratet und ein little John bekommen und man wird quasi in diese Linie der Familie in der Reproduktion und Weitergeben und Wiederholen von dem, was schon war, eine bestimmte Rolle spielt, hineingezogen, ja, das heißt, wie man dann quasi wird und wohin man sich orientiert, wo man sich auf dieser Linie wiederfindet, ist auch nicht einfach da, sondern ist eine gewachsene Art und Weise, sich zu orientieren. Genau. Und sie hat da, oder Sarah Ahmed benutzt da eben diesen, oder er verändert den bekannten Satz von Simone de Beauvoir, der ja ist, one is not born, but becomes a woman, also man wird nicht als Frau geworden, sondern man wird zu ihr, sagt Ahmed, one is not born, but becomes straight. Also man ist nicht, man ist nicht so geboren, sondern man wird vergeradet. Also man wird auf diese Linie gezogen, in die Linie getrimmt. Ja, sehr gut. Also sie nennt das dann auch, sie nennt das im Buch Alignment, oder? Also dieses, sie spricht ja auch, also ich glaube, das Unterkapitel heißt sogar becoming straight, oder? Also wo sie dann sagt, im Anschluss an diese Szene, mit dem Little John und Little Mark, da sagt sie, one can think of such an utterance as performing the work of alignment. Ja. Und sie sagt dann, through the utterance, these not yet, but to be subjects, are brought into line by being given a future that is in line with the family. Also genau das, was du gesagt hast, ja, with the family line. Und dann sagt sie, but what intrigues me here is how they are kept in line, often through force, such that any non-alignment produces a queer effect. Und das ist quasi dann ihr Punkt, wo sie dann übergeht und sagt, weil dieser Little John oder dieser Little Mark muss ja quasi ein Begehrensobjekt finden, das es ihm erlaubt, in der horizontalen Linie ein Objekt finden, das es ihm erlaubt, diese vertikale Linie fortzuführen. Also selbst dann ein großer John oder ein großer Mark zu werden, der dann wieder weitere Little Johns und Little Marks produzieren kann. Genau. Und wenn er das nicht machen würde, wenn er dieses Begehrensobjekt nicht finden kann, dann produziert er quasi so einen Queeren-Effekt. Das ist das, was Ahmed sagt. Also, diese Familienszene zeigt auch noch einmal, dass Orientierung, so verstanden, eben nicht nur so ein momentanes Zuwenden ist, sondern wirklich eine historisch gewordene Disposition des Körpers. Also der Leib trägt quasi die Spuren dessen, was er tun durfte, was er tun sollte, was er immer schon getan hat, auch wenn dieses Tun eigentlich schon Generationen vor uns stattgefunden hat. Nochmal kurz zusammengefasst, Ahmed beschäftigt sich also mit Phänomenologie, weil sie sagt, politisch betrachten, immer schon ein bisschen queer. Dieser vermeintlich neutrale Blick auf Phänomene, auf Welt, wie wir sie wahrnehmen, wie sie uns subjektiv erscheint, wie sie bei Husserls Schreibtisch erschienen ist, ihm selbst, ist selbst schon eine Orientierung. Eine bestimmte leibliche Erfahrung von Welt, in der manche Dinge, manche Haltungen, manche Handlungen zu handeln sind, quasi in die Nähe rücken, gerade weil wir aus Gewohnheit eben vergessen haben, wie sie überhaupt in diese Welt gekommen sind. Also die historischen und sozialen Bedingungen dieser Ausrichtung zu diesen Dingen und zur Orientierung quasi unsichtbar geworden ist. Das wäre jetzt so ganz grob ihre kritische Lektüre der phänomenologischen Methode und auch ein bisschen so gleichzeitiger Verständnis von Orientierung. So weit, so kompliziert. Sorry. Now to the fun part. Vielleicht wird es ein bisschen klarer, wenn wir jetzt auch mit nächster Frage übergehen. Was heißt das jetzt für sexuelle Orientierung? Wie kann uns dieses queer phänomenologische Verständnis von Orientierung helfen, Sexualität als Phänomen von Ausschluss und Normierung und Gewohnheit zu verstehen? Also wenn wir nochmal zurückdenken an das, was wir am Anfang über sexuelle Orientierung gesagt haben. Wir haben gesagt, queer zu sein, eine queere sexuelle Orientierung zu haben, bedeutet zuerst einmal im Sprachgebrauch nicht heterosexuell zu sein oder auf Englisch nicht straight zu sein und nicht heterosexuell zu sein bedeutet in unserem modernen Sexualitätsdiskurs eben schief zu liegen. Quer oder queer zu dem, was als gerade gilt. Diese geraden Stammbaumlinien vertikal und horizontal. Als hätte man da quasi kurz die Balance verloren, sage ich jetzt mal, die Orientierung verloren. Also queerness quasi als queerer Effekt des Sexualitätsdiskurses. Denken wir jetzt vielleicht nochmal zurück an den letzten Satz aus dieser Anekdote mit Little John und Little Mark, mit diesen beiden Söhnen. Sie hat gesagt, Ahmed, what intrigues me is how they are kept in line such that any non-alignment produces a queer effect. Diese queeren Effekte, und das ist jetzt spannend, die finden wir nämlich auch in der Phänomenologie selbst. Also, um ehrlich zu sein, Merleau-Pontis-Phänomenologie ist ja eigentlich voller queerer Effekte und queerer Körper, queerer Erfahrungen. Er hat da ein berühmtes Gedankenexperiment, wo man sich vorstellen soll, wir stellen uns vor, wir stehen im Raum und dann ist ein Spiegel vor uns, der in der Vertikalen so um 45 Grad gekippt ist. Also, eine Versuchsperson, wenn wir in den Spiegel schauen, dann haben wir das Gefühl einer Desorientierung. Alles steht ein bisschen schief, die Wände neigen sich, die Gegenstände, die man fallen lässt, die fallen schräg halt. Aber, und das ist jetzt das Spannende, Merleau-Pontis sagt, der Körper, irgendwann, nach ein paar Minuten, korrigiert der Körper diese Abweichung, richtet die Welt quasi wieder auf, damit sie handhabbar bleibt, damit wir wieder agieren können, handeln können. Er nennt das Becoming Vertical, wenn ich mich richtig erinnere. Also, dieses Wiederaufrichten, wo dieser Queere-Effekt wieder reguliert oder korrigiert wird. Und Ahmed liest jetzt dieses Experiment oder liest jetzt quasi diesen Queeren-Effekt, weil er einfach sichtbar macht, dass Geradheit, also dieses Being Vertical, kein Being Vertical, sondern Becoming Vertical ist. Also, dass Geradheit kein natürlicher Zustand ist, sondern einfach eine Leistung des Körpers. Also, Orientierung wird aktiv hergestellt, sagt sie. Und das Abweichende wird, wenn möglich, korrigiert. Und auch wenn das jetzt bei könnten ja diese beiden Dinge miteinander in Verbindung bringen, weil das ist genau der Moment, dieses Becoming Vertical, Becoming Straight, das ist bei ihr der Moment, wo Orientierung politisch wird. Weil wenn die Wahrnehmung das Schiefe automatisch gerade richtet, unter Anführungszeichen, dann tun das ja auch soziale Ordnungen. Die tun das selber, die stabilisieren bestimmte Linien und korrigieren dann das, was nicht in die Linien passt. Und deswegen fragt sie sich eben, was passiert, wenn ein Körper sich jetzt anders ausrichtet als erwartet? Was, wenn das Begehren nicht entlang dieser heteronormativen Linien verläuft? Und genau diese Fragen beantwortet sie dann im zweiten Kapitel in ihrem Buch. Ich habe mir gedacht, für heute, kurz, im Schnelldurchlauf, ich greife einfach vier Punkte heraus, die ich persönlich aus ihrer Analyse mitgenommen habe und gerne mitnehmen würde. Ich habe ja schon zu Jessica gesagt, ich hatte total einen Knoten im Kopf die letzte Woche bei der Vorbereitung, weil diese Dinge so viele andere Dinge, so viele andere Wege wieder aufmachen. Aber das sind jetzt so diese vier Formulierungen, die ich gefunden habe. Also Nummer eins, was sagt Ahmed in diesem Kapitel? Sie sagt, Orientierung ist keine Identität, sondern eine Richtung. Ja, ich glaube, über das haben wir jetzt eh schon lang und breit gesprochen. Sie sagt, Nummer zwei, heteronormative Welten entstehen durch das Ziehen von Straight Lines. Das ist das, was wir jetzt am Schluss angesprochen haben. Also diese Raummetapher quasi, beschreibt Ahmed, dann heterosexuelle Normativität als Straight Line. Also diese vertikalen, horizontalen Linien quasi in unserem Stammraum, das ist die heterosexuelle Normativität. Also wie wir es bei Little John und Little Mark gesehen haben. Die werden da, also diese Ausrichtung, die wird ihnen quasi schon vererbt. Also indem sie hineingeboren werden in diese heterosexuelle Familie, indem diese Bemerkungen gemacht werden immer wieder von rechts und links, die werden in den Stammbaum hineingeboren, indem es eben nur vertikale und horizontale Linien gibt. Sie stammen quasi in vertikaler Linie von ihren Vätern ab, müssen also in horizontaler Linie eben Körper finden, mit denen sie diese vertikale Linie wieder fortführen können. Und Orientierung ist damit auch eben eine Form der Weltherstellung. Also sie prägt, welche Möglichkeiten sichtbar werden und welche dann in dieser Welt nicht auftauchen. Also Orientierung ist in diesem Sinne kein Merkmal, das man einfach besitzt, im Sinne von ich bin oder in diesem Fall eben du bist, weil das ist ja das, was den Söhnen gesagt wird, du bist heterosexuell, sondern es ist ein Muster der Ausrichtung, das bestimmt, welche Körper für uns in Frage kommen und welche Lebensformen oder Formen dann naheliegend erscheinen. Und wenn sich jetzt einer von den beiden, also der Little John oder der Little Mark entschließen würde, unter Anführungszeichen, diese Linie nicht weiterzugehen, also sich ein Begehrensobjekt zu suchen, das nicht in dieser horizontalen Linie liegt, dann wäre ihre sexuelle Orientierung in dieser Logik eben out of line. Und dann fragt sich eben Ahmed, ja okay, aber was bedeutet das? Was bedeutet das jetzt für queere Subjekte out of line zu sein? Sie sagt nämlich, und das ist der dritte Punkt, den ich mitnehme, Melo-Bonti, also sie beschreibt ja ihre eigene queere Orientierung als einen Prozess der unter Anführungszeichen Umorientierung. Also nicht im Sinne jetzt von Conversion, Therapy, etc., sondern räumlich. Also sie sagt, für sie, also es ist jetzt nicht so, dass sie quasi vorher heterosexuell gewesen wäre und dann lesbisch gewesen ist, sondern weil eben für sie Lesbesein nicht nur ihr Begehren betrifft, sondern ihre gesamte Erfahrung des öffentlichen Raums. Und ich würde da gern einen kurzen Abschnitt auch nochmal vorlesen aus dem Kapitel. Also sie erzählt da, wie sie früher eben mit einem Mann ohne Nachdenken in der Öffentlichkeit Händchen gehalten hat, zum Beispiel. Es war selbstverständlich, weil es unmarkiert war. Und als sie aber dasselbe dann mit einer Frau gemacht hat, hat sie die Wahrnehmung verschoben. Plötzlich hat sie Blicke gespürt, Situationen analysiert, Risiken abgeschätzt. Also die Orte, die vorher einfach da waren, in der sie sich als Paar einfach ausbreiten hat können, sind zu Orten geworden, in denen plötzlich alles unheimlich präsent war, spürbar war, weil sie nicht mehr reingepasst hat, nicht mehr so wahr wie die anderen. Und sie schreibt dann da, for me, this has felt like inhabiting a new body, as it puts something out of reach, that I didn't even notice when they were in reach. In a way my body now extends less easily into space. I hesitate as I notice what is in front of me. And the hesitation does not stop there, but has redirected my bodily relation to the world and has even given the world a new shape. Also sie beschreibt hier, dass ihre queere Orientierung eben nicht nur die Richtung ihres Begehrens verändert hat. Also sie hat jetzt ein anderes Begehrensobjekt sozusagen, sondern damit gleichzeitig auch der ganze Raum um sie herum, in dem sie sich neu orientiert und dann eben dazu führt, dass sie diesen Raum ganz anders erlebt, was dann wiederum dazu führt, wieder zurück an mehr Lupunti denken, dass auch sie selbst sich anders wahrnimmt. Also wir interagieren mit Räumen und diese Räume wirken auf uns zurück. Ich will nur nochmal, weil ich selber ja auch immer verwirrend finde, man wird ja jetzt ja super viel kürzer machen, als es in 80 Seiten im Kapitel beschrieben ist oder was das ist. Nur damit nochmal, weil du es ja auch gesagt hast, da geht es nicht um Conversion, damit wir das vielleicht nochmal aufdröseln, dass es bei Ahmed halt eigentlich darum geht zu verstehen, wie können wir eben nicht essentialistisch über die Verbindung zwischen Begehren und Identität nachdenken. Und zwar eben nicht dieses, ja okay, du begehrst halt der Effekt von all dem ist, was du gerade beschrieben hast. Also weil ich etwas Bestimmtes begehre, verändert sich mein Handeln und weil sich mein Handeln verändert, zum Beispiel ich laufe dann mit einer Frau Hähnzchenhalten durch die Stadt, werde ich anders wahrgenommen, sehe die Stadt anders, werde dann zu jemand anders. und das ist eben nicht einfach, weil mein Begehren anders ist, also ich bin nicht anders als du, also ich bin nicht anders als du, weil ich anderes Begehren habe, sondern ich bin anders als du, weil die Mischung aus Begehren, aus Handeln, aus eigener Wahrnehmung und wahrgenommen werden in jedem Kontext anders ist und mich zu einer anderen Person macht und halt auch wieder, und da kommen wir noch so ein bisschen zu dem, was wir bei Butler schon hatten, weil Achmed ist natürlich auch ganz nah bei Butler dran, dass die wiederholte Handlung ja auch entscheidend ist, es geht nicht, na klar, dieses das erste Mal mit einer Frau Hähnzchenhalten durch die Stadt laufen, ist natürlich eine krasse andere veränderte Wahrnehmung, aber das wirkliche Veränderung von einem selbst und also quasi das, was Achmed als Becoming Lesbian bezeichnet, ist ja eine wiederholte Handlung, immer wieder eine Erfahrung, die auf eine andere Erfahrung folgt, wodurch dann eine bestimmte, eine Vorstellung von Identität einen jetzt umerziehen kann, sondern das ist genau dieser Punkt, den sie sagt, ja natürlich gibt es diese Straight Lines und der Versuch der Gesellschaft ist ja immer da, einen Straight zu machen, aber es gibt eben Körper und Menschen und Subjekte und Aspekte vom Leben, die da nicht reinpassen, was daraus folgt und dass das dann aber als auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen wird, es eben nicht einfach, weil Menschen so sind, wie sie sind, im Sinne von essenzialistische Identität, sondern weil der Raum, in dem sie sind, bestimmte Linien zulässt, nicht zulässt und dann bestimmte Lesarten dieser Linien zulässt oder nicht zulässt. Das bringt mich auch jetzt super in diesen vierten Punkt, den ich mitnehme, also die Verbindung zwischen quasi Identität und Raum oder Körper und Raum eben erlebt er. Zurück bei Melup und ich darf nicht über, ich darf nicht sprechen, hast du gesagt. Deswegen kürze ich das jetzt mal ab. Also das, was ich mitnehme hier ist nämlich das, was sie dann am Schluss so stark betont und was wir auch, glaube ich, jetzt in der Folge am Schluss noch stark betonen möchten, ja, nämlich diese queere Desorientierung nennt sie das, ja. Also was passiert, wenn man aus der Linie fällt? Ja, man ist mal desorientiert, ja. Sie macht das vielleicht auch ganz kurz, weil man das dann besser versteht, an einem, an einer Anekdote beschreibt sie das. schon wieder am Esstisch, zurück bei den Tischen. Alles dreht sich ums Echen, ich verstehe das, aber das ist natürlich auch eine Orientierung. Aber diesmal steht der Esstisch, außerdem ist es nicht nur einer, es sind ganz viele Esstische, damals, also sie erzählt, als sie auf Urlaub war mal in so einem, wie heißt das auf Deutsch eigentlich, Holiday Resort? Ferienressort. Ferienressort? Aha, sagt man eh Ferienressort. Also Familienressort, ja. Also auf jeden Fall ist sie mit ihrer Partnerin, All-Inclusive-Family-Ressort. So stelle ich mir das jetzt auch vor, also es sind keine Details über dieses Ressort, nur über den Esssaal, also diesen Esssaal, sagt man Esssaal? Okay, abends, ja, beschreibt sie so eine Situation der Desorientierung. Ja, also da, weißt du, welche Szene ich meine? Ja. Ja. Magst du sie erzählen? Darf ich? Ja, genau. Genau, also man muss sich das vorstellen, man kommt in so einen Raum rein und da stehen, weiß ich nicht, 20, 50 Tische, schön angeordnet und was weiß ich, 80% der Tische sind schon voll und da sitzt halt Mann und Frau sich einander gegenüber mit Googly Eyes, essen, sind sie über jeden Essen? Also schauen sich an den Googly Eyes und vielleicht auch das Essen, aber auf jeden Fall, ja, aber auf jeden Fall ist da so eine Anordnung, man kommt rein und da sitzen die ganzen Männer und gegenüber sitzen die ganzen Frauen und erst mal das ist irgendwie, also das ist, der eine Satz ist richtig schön, da sagt Sarah Ahmed, das ist ja was, das sie immer wieder erlebt und trotzdem ist es immer wieder aufs Neue verwirrend, wie kann es so sein, dass das einfach so eine Ordnung hat? Also darf ich kurz, darf ich kurz vorlesen, was sie schreibt, weil ich finde das so toll, ja, sie schreibt, ich weiß genau, was du meinst, diesen Satz, of course I know this image, sagt sie, is a familiar one, after all, but I am shocked by the sheer force of the irregularity of that, which is familiar. Ja, das schreibt sie. Also diese Familiarität, also dieses gewohnte, dieser gewohnte Anblick, der schockt sie quasi mit einer force, ja, also sie beschreibt das, sie beschreibt das sehr schön. Genau, ich lese da schon den nächsten Satz, fand ich auch so schön, how is it possible, also wie ist es möglich, with all that is possible, also mit allem, was möglich ist, that the same form is repeated again and again, dass es trotzdem immer das gleiche ist. Und das ist ja auch spannend, wie ist es möglich, und daher kommt ja diese, die Frage dann eben auch nach Politik und macht mit dran, wie ist es möglich, dass, nachdem alle eigentlich, rein theoretisch, alles möglich ist, dass immer das gleiche da ist. Ja, und das Spannende ist dann eben, also sie beschreibt am Ende, wie sie sich dann halt hinsetzen, und diese Mischung ist, natürlich sind sie ein Pärchen, und deswegen passt es irgendwie, weil sie sind jetzt nicht drei Leute oder so, die dann befehlten Stuhl, also das ist ja nicht der Fall, aber es ist das falsche Pärchen, und sie unterbrechen damit die Regelmäßigkeit. Wenn jemand jetzt in den Raum kommt, fallen sie sofort auf, eben weil sie nicht in genau der gleichen Linie da sitzen, wie alle anderen, auch Männern, Weiblein. Genau, genau, ja. Also, für sie ist, also sie ist sich dessen bewusst, ganz genau bewusst, sagt sie, und für sie ist eben auch dieses Queer-Sein, eben diese leichte Schiefstellung. Die eigene Präsenz wird einfach so stark gespürt in einem so ausgerichteten Raum, und das kann, ja, dieses Bewusstsein, sagt sie, das Bewusstsein, dass da Dinge, dass da Raum ist, der sich auf eine bestimmte Art und Weise anordnet, ja, das kann eine Form von Unbehagen auslösen, ja, und da steigt sie dann ein und sagt, dieses Unbehagen, das sie ja mit der Desorientierung verknüpft, ja, das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Also diese Abweichung, weil das ist es ja schon, ja, also in dem Sprachgebrauch muss man schon dazu sagen, also dadurch, dass sie immer von Queer und Abweichung und Schiefstehen und Schrägstehen spricht, ja, wird auch ein bisschen so reproduziert, dieser Gedanke, dass das quasi etwas ist, was eben nicht normal ist, oder? Ja, aber sie sagt eben, nein, im Gegenteil, ja, genau dieser Moment, der eben sichtbar macht, wie Weltordnungen hergestellt werden, der ist wichtig, der ist jetzt auch politisch wichtig, ja, also der Moment, wo eben diese gewohnten Linien nicht greifen, wenn der spürbar wird, dass Orientierung sozial gemacht ist, hergestellt wird, ja, und da sagt sie dann am Schluss, ja, ich finde das einfach, so als Abschluss vielleicht auch noch ganz schön noch ein Zitat, ja, wo sie sagt, Moments of Disorientation are vital, ja, they are bodily experience that throw the world up or throw the body from its ground. Disorientation as a bodily feeling can be unsettling and it can shatter one's sense of confidence in the ground or one's belief that the ground on which we reside can support the actions that make a life feel livable. Genau, also ich würde das nochmal, damit es auch wirklich deutlich wird, nochmal kurz in Deutsch drüber sprechen mit dir. Genau, also es geht ja sowohl darum, woher kommt die Urge, also der Druck, der Push, anders zu leben und Dinge zu verändern, ja, nämlich, weil man quasi desorientiert ist, also weil man merkt, irgendwas stimmt hier nicht, daraus herkommt das Verlangen, Verlangen ist ein gutes Wort, da kommt das Verlangen her, Dinge zu verändern, was weiß ich, und sei es anders zu leben oder auf die Straße zu gehen oder sich in eine einsame Hürde zurückzuziehen, ja, aber irgendwas zu verändern. Und auf der anderen Seite zeigt es auch, dass diese immer wiedererkehrenden Momente der Desorientierung auch Bestätigung sind davon, dass es gut ist, dass man versucht, Dinge für sich zu verändern, dass man sein Leben ein gutes Leben für sich herzustellen und dass es quasi die Bestätigung und damit auch so eine Form von Empowerment sein kann, dass man diese Desorientierung spürt, weil man merkt dabei, dass das ist gut, weil ich bin auf dem richtigen Weg für mich, ich mache das Richtige für mich und für meine Gruppe oder was auch immer. Genau. Also sie sagt, also das ist dann eben das, was sie sagt, wo queer Phenomenology einfach auch für queer Politics nutzbar gemacht werden kann, weil man, so wie du gesagt hast, also erstens mal, weil man, weil dadurch einfach theoretisch auch fassbar wird oder greifbar wird, dass Desorientierung diese normativen Linien durchbricht, unterbricht, ja, dass auf der anderen Seite, so wie du auch gesagt hast, diese queer Objects, ja, neue Linien des Begehrens und der Zugehörigkeit ermöglichen können, aber vor allem, ja, dass eben Desorientierung nicht repariert werden muss oder eigentlich sollte, ja, sondern genutzt werden sollte. Ja, also dass man nicht quasi die Welt wieder gerade richten soll, sofort, ja, und nur wenn man in dieser Schieflage quasi bleibt, ja, ist queere Politik eigentlich auch, auch, auch möglich, ja, also das ist vielleicht auch der Grund, warum viele Dinge, auch wie sie, also manchmal, okay, manchmal hat sie konkrete Beispiele, Anekdoten von, von, von früher, aber viele Beispiele, die sie bringt für, ja, aber wie funktioniert das denn jetzt, was sind denn solche queeren Objekte, was sind denn, da hat sie nicht viel, also eigentlich keine konkreten Beispiele und das ist aber, glaube ich, Absicht, ne, weil so, sobald ich, sobald ich versuchen würde, das an Beispielen zu erklären, dann, dann, dann, dann, dann, dann grenze ich ja wieder ein, dann, dann, dann, dann richte ich mich ja wieder auf bestimmte Dinge aus, wo, das möchte sie eben genau nicht machen, ne, das möchte sie ja, genau, da möchte sie hinaus, ja, ja, also spannender wäre mal, aber wir haben heute nicht mehr so viel Zeit, aber da könnt ihr drüber nachdenken, wie man mit dieser Theorie von Sarah Ahmed zum Beispiel über, ähm, äh, die Homo-Ehe, oh ja, ich wollte, sag ich das Wort, sag ich das nicht, nachdenken könnte, weil das ist ja dieses gerade richten, nicht gerade richten, dieses ständige wechseln, ähm, und man kann, glaube ich, es ist aus sehr vielen Perspektiven ganz unterschiedlich darüber nachdenken, mit Sarah Ahmed im Hinterkopf, ja, es ist eben nicht so einfach, wie man denken würde, ja, weil ja, also nur ein Minigedanke dazu, weil man denken könnte ja, okay, Heirat von homosexuellen Paaren ist ja quasi eine Straightening, weil Heirat sich quasi dich in die Bahn bringt, aber gleichzeitig ja doch nicht, weil du nie die richtige Bahn bist, das ist wie das Beispiel mit dem Family Resort, wo du halt zwar in der Linie sitzt, aber du unterbrichst die Linie irgendwie, ja, und das ist quasi dieses, dieses Hin und Her, und dann halt eben auch eine Frage, okay, dann halt, dann kommt es quasi auf die Details an, wie lebst du dieses Leben, wie bist du wahrgenommen, was ist dein Kontext, drumherum, etc., und zeigt eigentlich, dass man diese ganze politische Frage eben nicht so einfach beantworten kann. Sehr gut. Denkaufgabe, haben wir das genannt. Ja, Hausaufgabe. In einer der früheren Folgen. Es gibt bei uns in der Schule, bei unseren Kindern, es gibt zwei, es gibt beides, es gibt Hausaufgabe, oder Hausübung heißt das bei uns in Österreich, und Denkaufgabe, also die Hausaufgabe muss man, und ich glaube, der Unterschied ist, die Hausaufgabe muss man schriftlich machen, und die Denkaufgabe ist nur zum Denken im Kopf, und dann muss man sagen, also ihr könnt das gerne beides machen, also wer uns gerne, Überleitung zum Outro, das ist perfekt. Ich wollte gerade sagen, sag mal gerne, wie man uns diese schriftliche Aufgabe zukommen lassen kann, wenn man möchte. Genau. Das ist perfekt, das hat man jetzt geplant. Genau. Ja, genau, also ihr könnt das entweder als Denk- oder als Hausaufgabe sehen. Wenn ihr es als Hausaufgabe machen wollt, und was verschriftlichen wollt, dann könnt ihr uns das sehr gerne mitteilen, und darüber diskutieren, und zwar gerne am besten unter dem Post zur Folge, zur Sendung wollte ich schon sagen, aber so weit sind wir ja noch nicht. Unter dem Post zur Folge, den wir dann schon gepostet haben werden, wenn ihr den Podcast hier neu hört, dann freuen wir uns auch sehr, wenn ihr uns auf Social Media folgt, davon schreibt verschiedene Kanäle, die sind immer verlinkt in den Shownotes, und wir freuen uns natürlich auch außerhalb von Social Media über jeglichen Support, und sei es, weil ihr einfach eurer besten Freundin oder eurer Schwester oder so diesen Podcast schickt, damit sie ihn direkt hören können. Alle Leute, von denen ihr denkt, dass sie ihn hören müssten, den könnt ihr ihn gerne schicken. Und abseits von der Hausaufgabe freuen wir uns natürlich auch ansonsten über Feedback, und was auch immer hilft, den Podcast sichtbarer zu machen, sind Bewertungen, sowohl auf Spotify als auch auf Apple Podcasts, oder auch Kommentare auf Spotify helfen auch. Genau. Sehr gut. Jo, das war's. Das war's, wir haben's. Super. Jetzt haben wir nicht gesagt, was wir das nächste Mal machen, das wird jetzt Surprise, oder? Ja, Surprise, aber es ist ja noch nicht ganz sicher, glaube ich. Ja, genau. Die Frage ist, desorientieren wir uns oder orientieren wir uns? Das ist jetzt die Frage. Das ist die Frage. Egal, was wir machen. Wir erfahrt das beim nächsten Mal. Genau, egal, was wir machen beim nächsten Mal. Wir machen irgendwas beim nächsten Mal. Also, wir freuen uns, wenn ihr wieder einschaltet. Super. Bis dahin, habt eine schöne Zeit. Du auch, Jessica. Ich freue mich schon auf die nächste Aufnahme. Tschüss, bye-bye. Bis dann. Tschüss.