Thorax-Schweiz

Tariq Abu-Naaj & Dr. med. Roland Kuster

#53 Dr. Theresa Schreder: Wenn die Lunge mehr braucht als ein Medikament

Biopsien, Ventile, Stents und mehr – ein offenes Gespräch über Eingriffe, die Leben verändern können

09.03.2026 44 min

Zusammenfassung & Show Notes

Eine Lungenspiegelung – aber was passiert dabei eigentlich genau? Und was können Ärzt:innen heute damit alles leisten, weit über die einfache Diagnostik hinaus?
In dieser Folge des Thorax Schweiz Podcasts sind Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj in Bern zu Gast – und zwar in der beeindruckenden AEOLUS Lungenpraxis an der PostFinance-Arena. Ihr Gespräch mit Dr. med. Theresa Schreder, Fachärztin für Pneumologie und Spezialistin für interventionelle Pneumologie, gibt einen faszinierenden Einblick in das, was heute möglich ist: von der ultraschallgesteuerten Lymphknoten-Biopsie bis zur Ventiltherapie bei Lungenemphysem. Eine Folge, die zeigt, wie präzise, wie schonend – und wie menschlich – moderne Lungenmedizin sein kann.

Interventionelle Pneumologie – was die Lunge heute kann, wenn sie Hilfe braucht
Viele Menschen wissen, dass es die Bronchoskopie gibt – die Lungenspiegelung. Aber was dahinter steckt, welche Möglichkeiten sie bietet, und was erfahrene Spezialist:innen damit heute alles leisten können, das ist für die meisten ein echtes Neuland. Diese Folge öffnet genau diese Tür.
Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj treffen Dr. med. Theresa Schreder in den neuen Räumlichkeiten der AEOLUS Lungenpraxis Bern – mitten in der PostFinance-Arena, dem Heimstadion des SC Bern. Eine Praxis, die die Hosts sichtlich beeindruckt: hell, modern, mit atemberaubendem Bergpanorama. Und dahinter: eine Ärztin, die über neun Jahre am Inselspital Bern gearbeitet hat, zuletzt als Co-Koordinatorin des Lungenkrebszentrums – und seit März 2025 ihre Erfahrung als Partnerin in dieser Praxis einbringt.
Dr. Schreder erklärt geduldig, direkt und mit echter Begeisterung für ihr Fach. Ein Gespräch, das man nicht so schnell vergisst.

🎙️ Gast & Hosts
Gast: Dr. med. Theresa Schreder Fachärztin für Pneumologie, Fähigkeitsausweis Schlafmedizin (SGSSC) Partnerin, AEOLUS Lungenpraxis Bern Spezialistin für interventionelle Pneumologie und Bronchoskopie
Hosts: Dr. med. Roland Kuster & Tariq Abu-Naaj Ort der Aufnahme: AEOLUS Lungenpraxis Bern, PostFinance-Arena

🏥 Was ist die AEOLUS Lungenpraxis?
Die AEOLUS Lungenpraxis Bern ist eine Gemeinschaftspraxis für Pneumologie an der Mingerstrasse 12 in Bern – direkt neben der PostFinance-Arena des SC Bern. Das Team um Dr. Schreder, Dr. Christoph Ninck Weber und Dr. Tabea Hutter vereint pneumologische Expertise auf höchstem Niveau mit einer persönlichen, empathischen Praxiskultur. Was die Praxis besonders macht: diagnostische Bronchoskopien werden hier direkt vor Ort angeboten – in enger Zusammenarbeit mit der benachbarten gastroenterologischen Praxis Via Riva und dem Klinikum Bosiet (Teil der Hirslanden-Gruppe) für komplexere Eingriffe.

⏱️ Kapitelübersicht

00:00 – Begrüssung & Vorstellung Dr. Schreder stellt sich vor: Aufgewachsen in Österreich, ausgebildet in Deutschland – und seit neun Jahren in der Schweiz, zuerst am Inselspital, jetzt in der eigenen Praxis. Ihr Schwerpunkt: die interventionelle Pneumologie, die Kunst der Eingriffe an den Atemwegen.
02:06 – Was bedeutet «interventionelle Pneumologie» überhaupt? Lungenspiegelungen zur Diagnostik – das ist der Kern der Praxis. Alles, was darüber hinausgeht, passiert im Spital. Dr. Schreder erklärt, wie sie ihr Wissen aufgebaut hat: von Hannover über Bayern bis zu ihren prägenden Jahren am Inselspital Bern unter Prof. Otto und Prof. Fongernier.
03:45 – Wie läuft ein Eingriff in der Praxis ab? Diagnostische Bronchoskopien finden in den Endoskopieräumen der benachbarten Praxis Via Riva statt. Patient:innen werden vor Ort zwei Stunden nachüberwacht. Wer mehr Begleitung braucht – etwa durch eine Anästhesie – kommt ins Klinikum Bosiet. Das Team kennt sich seit Jahren: Eingespielt, vertraut, wortlos aufeinander abgestimmt.
06:41 – Diagnostik bei Lungentumoren: Was steckt dahinter? Wenn ein Tumor in der Lunge entdeckt wird, braucht es mehr als nur eine Probe aus dem Herd selbst. Entscheidend ist, ob die Lymphknoten befallen sind – das bestimmt das Tumorstadium und damit die Therapie. Der endobronchiale Ultraschall (EBUS) ist hier das Standardverfahren: eine hauchdünne Nadel punktiert unter Ultraschall-Sicht Lymphknoten, die direkt an die Atemwege angrenzen – minimal-invasiv, risikoarm, verlässlich.
09:32 – Wie funktioniert die EBUS-Untersuchung genau? Das EBUS-Gerät ist nur fünf Millimeter dünn und wird wie bei einer normalen Bronchoskopie durch Mund oder Nase eingeführt. Dr. Schreder erklärt die anatomische Logik: Man beginnt immer auf der Seite, die am weitesten vom Tumor entfernt ist – weil das Tumorstadium davon abhängt, wie weit die Lymphknoten befallen sind.
12:36 – Tumore am Rand der Lunge: Wie kommt man da ran? Hier kommt der periphere EBUS ins Spiel – eine fadendünne Sonde, die wie durch Strassen in die Lungenperipherie vorgeschoben wird. Eine Trefferquote von bis zu 70 % ist möglich. Neue Techniken wie die CT-gesteuerte Kontrolle oder robotergesteuerte Bronchoskopien könnten das in Zukunft noch präziser machen – sind aber noch nicht im Alltag angekommen.
15:41 – Wenn der Weg von innen unsicher ist: die Punktion von aussen Alternativ können Radiolog:innen von aussen CT-gesteuert punktieren – mit einer Trefferquote von über 90 %. Kein Verfahren ist automatisch besser, sagt Dr. Schreder. Es kommt auf den Einzelfall an: Wo liegt der Herd? Wie fit ist die Person? Was ist zumutbar?
17:44 – Kryobiopsie: Proben nehmen mit Kälte Die Kryobiopsie nutzt eine Sonde, die minus 70 Grad kalt wird. Gewebe friert daran fest – und so lassen sich grössere, zusammenhängende Gewebestücke entnehmen, als es mit einer einfachen Nadel möglich wäre. Das ist besonders wertvoll bei Lungenfibrosen und bei der Diagnose von Sarkoidose. Im Zeitalter der personalisierten Medizin, wo immer mehr Marker auf Tumorzellen bestimmt werden müssen, spielt die Qualität der Probe eine entscheidende Rolle.
21:14 – Das Tumorboard: Wo alle zusammenkommen Kein Befund alleine reicht aus. Im Tumorboard kommen Pneumolog:innen, Radiolog:innen, Nuklearmediziner:innen, Patholog:innen und weitere Fachpersonen zusammen – um gemeinsam das Tumorstadium festzulegen und den besten Therapieweg zu empfehlen. Leitlinien geben die Richtung vor, aber der Mensch dahinter bleibt entscheidend: Was kann die Person verkraften? Was sind ihre Wünsche?
24:00 – Therapeutische Eingriffe: Wenn Heilen möglich ist Kurativ tätig sein als Lungenspezialistin? Das ist selten – aber es gibt diese Momente. Dr. Schreder erzählt von einem Patienten, der mit hochgradigem Tumorverdacht kam. Am Ende war es ein Kirschkern, der seit langer Zeit in den Bronchien sass und eine massive Entzündungsreaktion ausgelöst hatte. Entfernt – und alles war gut. Solche Geschichten sind selten, aber sie bleiben.
26:34 – Wenn Lindern das Ziel ist: palliative Eingriffe Häufiger geht es darum, Beschwerden zu lindern. Tumore, die Atemwege verlegen, können bronchoskopisch abgetragen werden – nicht geheilt, aber erleichtert. Auch bei Fisteln(Verbindungen zwischen Luftröhre und Speiseröhre) gibt es kreative Lösungen, die Dr. Schreder aus ihrer Zeit am Inselspital mitbringt.
28:15 – Ventiltherapie beim Lungenemphysem Eines der emotionalsten Themen dieser Folge: die Einwegventile bei Lungenemphysem. Überblähte Lungenabschnitte, in denen nutzlose Luft gefangen ist, können durch kleine Ventile verschlossen werden. Die verbleibende Luft entweicht langsam – der Lappen schrumpft, das Zwerchfell befreit sich, die Atemnot lässt nach. Nicht für immer, aber für zwei bis drei Jahre – und das kann für Betroffene eine enorme Verbesserung bedeuten. Das Risiko eines Lungenkollaps ist in den ersten Tagen am grössten – deshalb bleiben Patient:innen mindestens drei Nächte zur Überwachung im Spital.
32:31 – Bronchiale Thermoplastie bei Asthma Ein Verfahren, das einst viel diskutiert wurde: die bronchiale Thermoplastie, bei der die Muskeln der Bronchien durch Strom verödet werden, um Asthmaanfälle zu reduzieren. Heute, so Dr. Schreder, ist die Indikation selten geworden – weil moderne Biologika vielen Asthma-Patient:innen wirkungsvoller helfen.
34:29 – Starre vs. flexible Bronchoskopie Früher war das starre Metallrohr Standard. Heute ist das flexible Bronchoskop der Alltag. Starre Bronchoskopien kommen noch zum Einsatz, wenn es um Atemwegssicherung geht, um Fremdkörper mit scharfen Kanten, oder um grosse Stents. Dr. Schreder erklärt auch, warum die Tumore heute häufiger in der Peripherie sitzen als früher – eine Folge der Verwendung von Zigarettenfiltern.
37:46 – Wärme- und Kältesonden für die Tumorbehandlung Tumore in den Atemwegen lassen sich mit Laser oder Strom veröden (Wärme) oder mit der Kryosonde einfrieren (Kälte). Beide Verfahren haben ihre Stärken – und heute werden sie oft kombiniert, individuell angepasst an die konkrete Situation.
39:22 – Stents in den Atemwegen: Chancen und Grenzen Stents können Engstellen in den Atemwegen überbrücken – ob durch Tumore oder durch Narbengewebe entstanden. Aber sie bringen im Vergleich zu Gefäss- oder Speiseröhren-Stents deutlich mehr Komplikationen mit sich: Hustenreiz, Verlegung durch Sekret, Folgebronchoskopien. Dr. Schreder ist ehrlich: ein Stent in der Lunge ist keine leichte Entscheidung. Aber wenn er hilft – dann wird er gelegt.
42:09 – Abschluss & Empfehlung Dr. Kuster bringt es auf den Punkt: Es braucht Respekt im Umgang mit den Atemwegen. Und Ärzt:innen wie Dr. Theresa Schreder, die das nicht nur können – sondern auch erklären können.

✨ Die wichtigsten Erkenntnisse dieser Folge
✅ Der EBUS (endobronchialer Ultraschall) ist der Standard für die Lymphknoten-Biopsie bei Lungentumoren – risikoarm und verlässlich ✅ Diagnostische Bronchoskopien sind heute auch in der Praxis möglich – mit dem richtigen Team und der richtigen Infrastruktur ✅ Die Kryobiopsie liefert grössere, aussagekräftigere Gewebeproben – besonders wichtig für personalisierte Tumortherapien ✅ Das Tumorboard sichert die Qualität – kein Befund alleine entscheidet über die Therapie ✅ Ventiltherapie beim Emphysem ist kein Allheilmittel, kann aber für zwei bis drei Jahre echte Erleichterung bringen ✅ Bronchiale Thermoplastie wird heute kaum mehr eingesetzt – Biologika haben sie weitgehend abgelöst ✅ Stents in den Atemwegen sind möglich, aber nicht leichtfertig zu setzen – sie brauchen konsequente Nachsorge

🌐 Weiterführende Links
Zur Website der AEOLUS Lungenpraxis Bern: www.aeolus-lungenpraxis.ch Zur Webseite von Thorax Schweiz: www.thorax-schweiz.ch Zur Facebook-Community: facebook.com/ThoraxSchweiz Thorax Schweiz auf LinkedIn: linkedin.com/company/thorax-schweiz

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