#63 Der sicherste Ort im Spital?
Dr. med. Roger Lussmann erklärt moderne Intensivmedizin, Ängste, Überwachung und die Betreuung von Thoraxpatienten
20.06.2026 59 min
Zusammenfassung & Show Notes
Viele Menschen verbinden die Intensivstation mit Angst, Unsicherheit und lebensbedrohlichen Situationen. Doch was passiert dort tatsächlich? In dieser Episode des Thorax Schweiz Podcasts sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit Dr. med. Roger Franz Lussmann, Chefarzt der Intensivmedizin an der Klinik Hirslanden Zürich.
Sie erfahren, wann Thoraxpatientinnen und -patienten auf die Intensivstation kommen, welche modernen Überwachungs- und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und welche Rolle Angehörige während dieser herausfordernden Zeit spielen. Außerdem erklärt Dr. Lussmann, warum die Intensivstation oft der sicherste Ort im gesamten Spital ist.
Intensivmedizin verstehen – Ein Blick hinter die Türen der Intensivstation
Für viele Menschen ist die Intensivstation ein Ort voller Unsicherheit. Monitore piepen, zahlreiche Geräte überwachen lebenswichtige Funktionen und Angehörige sorgen sich um ihre Liebsten.
Doch was geschieht tatsächlich auf einer Intensivstation? Wann benötigen Thoraxpatientinnen und Thoraxpatienten eine intensivmedizinische Betreuung? Und welche Aufgaben übernehmen die hochspezialisierten Teams rund um die Uhr?
In dieser Folge des Thorax Schweiz Podcasts sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit
Dr. med. Roger Franz Lussmann, Chefarzt der Intensivmedizin an der Klinik Hirslanden Zürich.
Dr. med. Roger Franz Lussmann, Chefarzt der Intensivmedizin an der Klinik Hirslanden Zürich.
Wer ist Dr. Roger Franz Lussmann?
Dr. Roger Lussmann ist Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Nach seinem Medizinstudium in Bern und Basel absolvierte er zahlreiche Weiterbildungen in den Bereichen Intensivmedizin, Anästhesie, Rettungsmedizin und Healthcare Management.
Seit 2023 ist er Chefarzt der Intensivmedizin an der Klinik Hirslanden Zürich und engagiert sich zusätzlich als Präsident der Kommission für Weiter- und Fortbildung der Schweizer Gesellschaft für Intensivmedizin.
Warum kommen Thoraxpatienten auf die Intensivstation?
Ein großer Teil der Thoraxpatientinnen und Thoraxpatienten wird nach Operationen vorsorglich auf die Intensivstation verlegt.
Dr. Lussmann erklärt, dass dies häufig nicht bedeutet, dass die Betroffenen schwer krank sind. Vielmehr dient die intensivmedizinische Betreuung dazu, mögliche Komplikationen frühzeitig zu erkennen und zu verhindern.
Weitere Gründe für eine Aufnahme können sein:
- Schwere Lungenentzündungen
- Akute Atemnot
- Exazerbation einer COPD
- Akutes respiratorisches Distress-Syndrom (ARDS)
- Komplexe thoraxchirurgische Eingriffe
- Schwere Infektionen oder Organversagen
Welche Aufgaben übernimmt die Intensivmedizin?
Die moderne Intensivmedizin verfolgt drei zentrale Ziele:
1. Komplikationen verhindern
Viele Patientinnen und Patienten werden engmaschig überwacht, damit mögliche Probleme früh erkannt werden.
2. Organfunktionen unterstützen
Wenn Herz, Lunge, Nieren oder andere Organe ihre Aufgaben nicht mehr ausreichend erfüllen können, kommen spezielle Unterstützungssysteme zum Einsatz.
3. Intensive Pflege ermöglichen
Ein oft unterschätzter Aspekt: Viele Patientinnen und Patienten benötigen vor allem eine besonders intensive pflegerische Betreuung, die auf einer Normalstation nicht möglich wäre.
Welche Technologien kommen zum Einsatz?
Dr. Lussmann gibt spannende Einblicke in die moderne Intensivmedizin.
Zum Einsatz kommen unter anderem:
- Kontinuierliche Überwachung von Blutdruck und Herzfrequenz
- Sauerstoff- und Kohlendioxidmessungen
- Blutgasanalysen
- Nicht-invasive Beatmung über Masken
- Invasive Beatmung über einen Beatmungsschlauch
- Dialyseverfahren bei Nierenversagen
- Herzunterstützungssysteme
- ECMO-Systeme zur Herz- und Lungenunterstützung
Dabei betont er, dass viele thoraxchirurgische Patientinnen und Patienten nach der Operation bereits selbstständig atmen und lediglich überwacht werden müssen.
Warum die Schmerztherapie so wichtig ist
Nach Eingriffen im Brustkorb spielt die Schmerzbehandlung eine zentrale Rolle.
Schmerzen können dazu führen, dass Betroffene:
- zu flach atmen
- nicht ausreichend husten
- Sekrete schlechter abhusten
- ein erhöhtes Risiko für Komplikationen entwickeln
Deshalb ist eine ausgewogene Schmerztherapie ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden, die Atmung nicht durch zu starke Medikamente zu beeinträchtigen.
Physiotherapie als Schlüssel zur Genesung
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist die Bedeutung der Physiotherapie.
Patientinnen und Patienten lernen:
- richtig zu atmen
- effektiv zu husten
- ihre Lungenfunktion zu verbessern
- möglichst früh wieder mobil zu werden
Diese Maßnahmen helfen nicht nur bei der Genesung, sondern dienen auch der Vorbeugung von Komplikationen.
Die Intensivstation – der sicherste Ort im Spital?
Eine überraschende Aussage von Dr. Lussmann lautet:
„Die Intensivstation ist wahrscheinlich der sicherste Ort im Spital.“
Warum?
- Rund-um-die-Uhr-Überwachung
- Spezialisierte Ärztinnen und Ärzte
- Hoch qualifiziertee Intensivpflege
- Modernste Medizintechnik
- Schnelles Eingreifen bei Veränderungen
Viele Menschen verbinden die Intensivstation automatisch mit Lebensgefahr. Tatsächlich werden viele Patientinnen und Patienten dort jedoch vorsorglich überwacht oder intensiv gepflegt.
Was können Angehörige tun?
Auch Angehörige stehen häufig unter enormem emotionalem Druck.
Dr. Lussmann empfiehlt:
✔ Regelmäßige Besuche
✔ Kurze, aber häufige Besuche
✔ Berührungen und persönliche Nähe
✔ Verständnis für notwendige Ruhezeiten
✔ Kurze, aber häufige Besuche
✔ Berührungen und persönliche Nähe
✔ Verständnis für notwendige Ruhezeiten
Denn Patientinnen und Patienten benötigen neben den Besuchen auch ausreichend Erholungsphasen für Therapien, Mobilisation und Regeneration.
Erinnerungen an die Intensivstation
Ein besonders faszinierender Teil des Gesprächs beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von Intensivpatienten.
Viele Menschen erinnern sich nach einem längeren Aufenthalt kaum an die Zeit auf der Intensivstation.
Andere berichten von:
- intensiven Träumen
- ungewöhnlichen Erinnerungsfragmenten
- Geräuschen oder Situationen, die später Emotionen auslösen
Dr. Lussmann schildert eindrücklich, wie selbst tief sedierte Patientinnen und Patienten bestimmte Eindrücke wahrnehmen können und wie wichtig die anschließende Aufarbeitung dieser Erfahrungen sein kann.
Pulmonale Hypertonie – eine besondere Herausforderung
Ein weiteres Thema der Episode ist die pulmonale Hypertonie, also ein erhöhter Blutdruck im Lungenkreislauf.
Dr. Lussmann erklärt:
- Warum diese Erkrankung für Intensivmediziner besonders relevant ist
- Weshalb das rechte Herz stark belastet wird
- Welche Risiken bestehen
- Welche modernen Behandlungsmöglichkeiten heute zur Verfügung stehen
Patientinnen und Patienten mit pulmonaler Hypertonie gelten auf der Intensivstation als Hochrisikopatienten und benötigen eine besonders sorgfältige Betreuung.
Teamarbeit als Erfolgsfaktor
Intensivmedizin funktioniert nur durch das Zusammenspiel vieler Berufsgruppen:
- Intensivmedizinerinnen und Intensivmediziner
- Expertinnen und Experten für Intensivpflege
- Physiotherapie
- Logopädie
- Ergotherapie
- Apotheke
- Medizintechnik
- IT und Logistik
- Fachspezialisten aus zahlreichen medizinischen Disziplinen
Gemeinsam verfolgen sie ein Ziel: die bestmögliche Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Über Thorax Schweiz
Thorax Schweiz ist ein unabhängiger Patientenratgeber rund um Erkrankungen der Lunge, des Brustkorbs und der Atemwege. Gemeinsam mit führenden Expertinnen und Experten informieren wir über moderne Diagnostik, Behandlungsmöglichkeiten, Rehabilitation, Prävention und aktuelle Entwicklungen in der Thoraxmedizin.
Über thorax-schweiz.ch
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