Thorax-Schweiz

Tariq Abu-Naaj & Dr. med. Roland Kuster

#75 Pneumonie – behandeln, begleiten, entscheiden

Dr. med. Dominik Schneider über Pneumonie, Atemnot und Palliative Care

07.09.2026 28 min

Zusammenfassung & Show Notes

Eine Lungenentzündung kann sehr unterschiedlich verlaufen. Besonders ernst wird es, wenn Atemnot hinzukommt oder sich der Allgemeinzustand deutlich verschlechtert. Gleichzeitig benötigen Menschen mit schweren, nicht mehr heilbaren Lungenerkrankungen oft mehr als eine rein medizinische Behandlung.
Dr. med. Dominik Schneider, Chief Medical Officer und Chefarzt Medizin am Spital Männedorf, erklärt, wie eine Pneumonie entsteht, welche Warnzeichen ernst genommen werden sollten und warum Palliative Care nicht erst in der letzten Lebensphase wichtig ist. Ausserdem sprechen wir über Notfallmedizin, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Bedeutung einer Patientenverfügung.
Was können wir heute tun, damit in einer schwierigen Situation in unserem Sinne entschieden wird?

Pneumonie erkennen und Lebensqualität durch Palliative Care erhalten
Eine Lungenentzündung kann Menschen jeden Alters treffen. Während sie bei manchen Patientinnen und Patienten vergleichsweise mild verläuft, kann sie insbesondere bei älteren oder immungeschwächten Menschen schnell zu einer ernsten Bedrohung werden. Ein Warnzeichen sollte dabei immer besondere Aufmerksamkeit erhalten: Atemnot.

In dieser Folge des Thorax Schweiz Podcasts sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit 
Dr. med. Dominik Schneider über zwei Themen, die auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen, im klinischen Alltag jedoch eng miteinander verbunden sind: 
Pneumonie und Palliative Care.
Dr. Schneider erklärt, wie eine Lungenentzündung entsteht, welche Symptome auf einen schweren Verlauf hinweisen können und warum Antibiotika nicht bei jeder Pneumonie helfen. Anschliessend sprechen wir darüber, was Palliative Care tatsächlich bedeutet, weshalb sie nicht erst am Lebensende beginnen sollte und wie sie Menschen mit schweren Lungenerkrankungen unterstützen kann.

Podcast-Infokarte
Gast: Dr. med. Dominik Schneider
Funktion: Chief Medical Officer & Chefarzt Medizin
Fachgebiete: Innere Medizin, klinische Notfallmedizin und Palliative Care
Institution: Spital Männedorf
Hosts: Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj
Themen: Pneumonie, Atemnot, Notfallmedizin, Palliative Care und Patientenverfügung
Dauer: ca. 28 Minuten

Darum geht es in dieser Folge
  • Was eine Pneumonie ist und welche Ursachen sie haben kann
  • Welche Symptome Patientinnen, Patienten und Angehörige ernst nehmen sollten
  • Wie bakterielle und virale Lungenentzündungen behandelt werden
  • Warum ältere und immungeschwächte Menschen besonders gefährdet sind
  • Was Palliative Care von einer rein krankheitsorientierten Behandlung unterscheidet
  • Warum Palliative Care frühzeitig einbezogen werden sollte
  • Wie Notfallmedizin, Intensivmedizin und Palliative Care zusammenarbeiten
  • Weshalb eine Patientenverfügung bereits in gesunden Zeiten sinnvoll ist
Pneumonie: eine Entzündung mit unterschiedlichen Ursachen
Eine Pneumonie ist eine Entzündung des Lungengewebes. In den meisten Fällen wird sie durch eine Infektion ausgelöst. Verantwortlich können Bakterien, Viren und – deutlich seltener – Pilze sein. Auch nicht infektiöse Ursachen sind möglich, spielen im allgemeinen Sprachgebrauch jedoch eine geringere Rolle.
Typische Beschwerden sind Fieber, Husten, Schüttelfrost, Atemnot und ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl. Allerdings treten nicht bei allen Betroffenen sämtliche Symptome gleich stark auf. Gerade deshalb ist eine Lungenentzündung nicht immer leicht zu erkennen.
Dr. Schneider betont im Gespräch, dass insbesondere Atemnot ernst genommen werden sollte. Sie kann darauf hinweisen, dass die Sauerstoffversorgung beeinträchtigt ist und eine rasche medizinische Beurteilung notwendig wird.
Warum Antibiotika nicht immer helfen
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Erkrankung. Bei bakteriellen Pneumonien können Antibiotika eingesetzt werden. Ist der Erreger bekannt, lässt sich die Therapie gezielter ausrichten. Bei viralen Lungenentzündungen steht dagegen häufig die unterstützende Behandlung im Vordergrund – beispielsweise durch Sauerstoff, Flüssigkeitszufuhr und die Linderung belastender Symptome.
Auch die Dauer einer antibiotischen Behandlung hat sich verändert. Während früher häufig zehn bis vierzehn Tage behandelt wurde, reichen heute in vielen Fällen fünf bis sieben Tage. Eine möglichst gezielte und angemessen kurze Anwendung trägt dazu bei, die Entstehung von Antibiotikaresistenzen zu begrenzen.
Ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben unter anderem Menschen über 65 Jahre, Patientinnen und Patienten nach einer Organtransplantation sowie Personen, deren Immunsystem durch Erkrankungen oder Medikamente geschwächt ist. Dazu gehören beispielsweise langfristige Kortisontherapien und bestimmte Krebsbehandlungen.

Palliative Care bedeutet mehr als Sterbebegleitung
Palliative Care wird noch immer häufig ausschliesslich mit der letzten Lebensphase verbunden. Tatsächlich kann sie jedoch bereits deutlich früher sinnvoll sein – nämlich dann, wenn eine Erkrankung nicht mehr geheilt werden kann und belastende Symptome oder schwierige Entscheidungen auftreten.
Das Ziel besteht nicht primär darin, die Lebenszeit zu verlängern. Im Mittelpunkt steht vielmehr die bestmögliche Lebensqualität. Neben körperlichen Beschwerden werden dabei auch psychische Belastungen, soziale Fragen und die Situation der Angehörigen berücksichtigt.
Bei schweren Lungenerkrankungen wie Lungenkrebs, COPD oder Lungenfibrose können Atemnot, Schmerzen und eine verstärkte Schleimbildung die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Palliative Care verbindet medizinische Massnahmen mit psychologischer, pflegerischer und sozialer Unterstützung.
Gerade bei Atemnot ist dieser ganzheitliche Ansatz wichtig: Angst kann Atemnot verstärken – und Atemnot wiederum Angst auslösen. Deshalb reicht es häufig nicht aus, ausschliesslich das körperliche Symptom zu behandeln.
Palliative Care möglichst früh einbeziehen
Früher wurden kurative und palliative Behandlung häufig als zwei getrennte Phasen betrachtet. Zunächst behandelte die Onkologie die Tumorerkrankung. Erst wenn keine tumorgerichtete Therapie mehr möglich war, wurde die Palliativmedizin hinzugezogen.
Heute arbeiten beide Bereiche zunehmend von Anfang an zusammen. Dadurch können Patientinnen und Patienten frühzeitig Vertrauen zu den beteiligten Fachpersonen aufbauen. Im Verlauf der Erkrankung kann sich der Schwerpunkt schrittweise von der Behandlung der Grunderkrankung hin zur Linderung belastender Symptome verschieben.
Palliative Care und aktive medizinische Behandlung schliessen sich somit nicht gegenseitig aus. Sie ergänzen sich mit dem gemeinsamen Ziel, die Lebensqualität während des gesamten Krankheitsverlaufs möglichst gut zu erhalten.
Wenn im Notfall jede Minute zählt

In der Notfallmedizin muss zwischen Situationen unterschieden werden, in denen eine sofortige Behandlung erforderlich ist, und Fällen, in denen zunächst eine sorgfältige Diagnostik möglich ist.
Bei starker Atemnot, Sauerstoffmangel, Kreislaufproblemen oder Anzeichen einer Sepsis können jede Stunde und mitunter jede Minute entscheidend sein. Dann müssen unterstützende Massnahmen, Antibiotika oder eine intensivmedizinische Behandlung rasch eingeleitet werden.
Ist eine Patientin oder ein Patient stabil, bleibt dagegen Zeit, Untersuchungsergebnisse abzuwarten und beispielsweise zwischen einer viralen und einer bakteriellen Infektion zu unterscheiden. Diese Abklärung ist wichtig, weil sich die Behandlungen deutlich voneinander unterscheiden.
Gemeinsame Entscheidungen für den einzelnen Menschen
Eine enge Zusammenarbeit zwischen Notfallmedizin, Intensivmedizin und Palliative Care ist besonders dann erforderlich, wenn schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen. Nicht für jeden schwer erkrankten Menschen ist eine Behandlung auf der Intensivstation oder eine künstliche Beatmung die passende Massnahme.
Entscheidend sind die individuelle Situation, die medizinischen Möglichkeiten und vor allem die Wünsche der betroffenen Person. Damit diese berücksichtigt werden können, sollte möglichst früh darüber gesprochen werden.
Dr. Schneider empfiehlt deshalb, sich bereits in gesunden Zeiten mit den eigenen Vorstellungen auseinanderzusetzen: Welche medizinischen Behandlungen wünsche ich mir? Wo liegen für mich persönliche Grenzen? Wer soll entscheiden, wenn ich mich selbst nicht mehr äussern kann?
Eine Patientenverfügung kann dabei helfen, den eigenen Willen schriftlich festzuhalten. Ebenso wichtig ist das offene Gespräch mit Angehörigen und der Hausärztin oder dem Hausarzt.
Fünf zentrale Erkenntnisse
  1. Eine Pneumonie kann durch Bakterien, Viren und in seltenen Fällen durch Pilze verursacht werden.
  2. Atemnot ist ein Warnzeichen und sollte zeitnah medizinisch abgeklärt werden.
  3. Palliative Care kann bereits früh im Verlauf einer nicht heilbaren Erkrankung sinnvoll sein.
  4. Lebensqualität umfasst körperliche, psychische und soziale Bedürfnisse.
  5. Eine Patientenverfügung und Gespräche mit Angehörigen können in Notfallsituationen wichtige Orientierung geben.
Kapitel
00:00 Begrüssung und Einführung
00:57 Vorstellung von Dr. med. Dominik Schneider
02:33 Was ist eine Pneumonie und wie entsteht sie?
03:28 Symptome und wichtige Warnzeichen
04:48 Behandlung viraler und bakterieller Pneumonien
06:47 Kürzere Antibiotikatherapien und gefährdete Personengruppen
09:44 Was bedeutet Palliative Care?
11:30 Palliative Care bei schweren Lungenerkrankungen
12:58 Warum eine frühe Begleitung sinnvoll ist
15:54 Der Alltag in der klinischen Notfallmedizin
17:30 Atemnot, Sepsis und schnelle Entscheidungen
19:31 Zusammenarbeit von Notfall-, Intensiv- und Palliativmedizin
21:30 Herausforderungen für die kommenden Jahre
24:36 Patientenverfügung und Gespräche mit Angehörigen
26:47 Verabschiedung

Unser Gast
Dr. med. Dominik Schneider ist Facharzt FMH für Innere Medizin sowie Chief Medical Officer und Chefarzt Medizin am Spital Männedorf. Er verfügt über Zusatzqualifikationen in klinischer Notfallmedizin, Schmerztherapie und Palliativmedizin. Seit 2020 leitet er die Medizinische Klinik des Spitals Männedorf und gehört zur ärztlichen Leitung des dortigen Kompetenzzentrums Palliative Care.
Über das Spital Männedorf
Das Spital Männedorf stellt die medizinische Versorgung der Bevölkerung am rechten Zürichseeufer sicher. Die Klinik Medizin verbindet eine umfassende internistische Versorgung mit verschiedenen spezialisierten Fachbereichen. Das interprofessionelle Kompetenzzentrum Palliative Care begleitet Menschen mit fortgeschrittenen, nicht heilbaren Erkrankungen und bezieht dabei auch Angehörige und das persönliche Unterstützungsnetzwerk ein.
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