#76 Tuberkulose: Die unterschätzte Infektionskrankheit
Mit Frau Dr. sc. nat. Bettina SchulthessLeiterin Mykobakteriologie und Leiterin a.i. Mykologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Zürich
08.09.2026 23 min
Zusammenfassung & Show Notes
Tuberkulose verbinden viele Menschen mit einer längst vergangenen Zeit. Doch weltweit erkranken noch immer Millionen Menschen daran – und auch in der Schweiz werden jedes Jahr Fälle diagnostiziert.
In dieser Folge sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit Dr. sc. nat. Bettina Schulthess, Leiterin Mykobakteriologie und Leiterin a.i. Mykologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Zürich sowie FAMH Mikrobiologie.
Gemeinsam erklären sie, wie Tuberkulose übertragen wird, weshalb der Nachweis der Erreger so anspruchsvoll ist, welche Rolle PCR-Tests spielen und warum Antibiotikaresistenzen eine besondere Herausforderung darstellen. Ausserdem gibt Bettina Schulthess Einblicke in die Arbeit eines Hochsicherheitslabors und des Nationalen Zentrums für Mykobakterien.
Tuberkulose: Die unterschätzte Infektionskrankheit
Ein unscheinbarer Laborraum, sterile Arbeitsflächen und hoch konzentrierte Arbeit: Hier entscheidet sich, ob in einer Patientenprobe Krankheitserreger nachgewiesen werden können. Gerade bei Tuberkulose ist diese diagnostische Arbeit besonders anspruchsvoll.
Viele Menschen verbinden Tuberkulose mit vergangenen Jahrhunderten. Tatsächlich gehört sie jedoch weiterhin zu den bedeutendsten Infektionskrankheiten weltweit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation erkrankten im Jahr 2024 schätzungsweise 10,7 Millionen Menschen an Tuberkulose; rund 1,23 Millionen Menschen starben daran.
Auch in der Schweiz tritt die Erkrankung weiterhin auf – allerdings deutlich seltener als in vielen anderen Teilen der Welt. Das Bundesamt für Gesundheit spricht aktuell von rund 550 Erkrankungen pro Jahr.
Doch wie wird Tuberkulose eigentlich diagnostiziert? Warum kann es mehrere Wochen dauern, bis ein Ergebnis sicher vorliegt? Und wie hoch ist das Ansteckungsrisiko in der Schweiz?
Unsere Gästin
Darüber sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit Dr. sc. nat. Bettina Schulthess. Sie ist:
- Leiterin Mykobakteriologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Zürich
- Leiterin a.i. Mykologie
- FAMH Mikrobiologie
- Co-Leiterin des Nationalen Zentrums für Mykobakterien
Mit ihrem Team untersucht sie Proben von Patientinnen und Patienten, bei denen der Verdacht auf Tuberkulose oder eine andere Infektion mit Mykobakterien besteht. Dabei arbeitet sie an der Schnittstelle von mikrobiologischer Diagnostik, Forschung, klinischer Medizin und öffentlicher Gesundheit.
Weshalb Tuberkulose schwer nachzuweisen ist
Mykobakterien unterscheiden sich in wichtigen Eigenschaften von vielen anderen Bakterien. Sie besitzen eine besondere Zellwand und vermehren sich aussergewöhnlich langsam. Während sich manche Bakterien unter günstigen Bedingungen bereits nach etwa 20 Minuten teilen, benötigen Mykobakterien dafür ungefähr 20 bis 24 Stunden.
Das hat direkte Auswirkungen auf die Diagnostik. Beim sogenannten kulturellen Nachweis werden die Erreger im Labor vermehrt. Bis ein abschliessendes Ergebnis vorliegt, können deshalb bis zu acht Wochen vergehen.
Für Patientinnen und Patienten sowie die behandelnden Ärztinnen und Ärzte ist diese Wartezeit eine grosse Belastung. Moderne PCR-Verfahren ermöglichen heute deutlich schneller erste verlässliche Ergebnisse. Sie weisen Bestandteile des Erbguts der Bakterien nach und können teilweise bereits Hinweise darauf geben, ob wichtige Antibiotika voraussichtlich wirksam sind.
Mikroskop, PCR und kultureller Nachweis
Bei einer vermuteten Lungentuberkulose wird häufig Sputum untersucht. Damit ist Material gemeint, das aus den tieferen Atemwegen abgehustet wird.
Im Labor stehen mehrere diagnostische Verfahren zur Verfügung:
- Mikroskopischer Nachweis der Bakterien
- Nachweis des bakteriellen Erbguts mittels PCR
- Vermehrung und kultureller Nachweis der Erreger
- Untersuchung der Empfindlichkeit gegenüber verschiedenen Antibiotika
- Genetischer Vergleich von Erregern zur Abklärung möglicher Infektionsketten
Die verschiedenen Methoden ergänzen einander. Während PCR-Tests schnelle Ergebnisse liefern, bleibt der kulturelle Nachweis unter anderem für weiterführende Untersuchungen und eine umfassende Resistenzbestimmung wichtig.
Wie ansteckend ist Tuberkulose?
Tuberkulose wird über die Luft übertragen. Ein relevantes Ansteckungsrisiko besteht vor allem bei längerem und engem Kontakt mit einer Person, die an einer ansteckenden Lungentuberkulose erkrankt ist.
Besonders betroffen können deshalb Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld sein – beispielsweise Familienangehörige, enge Freundinnen und Freunde oder Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Eine kurze Begegnung bedeutet hingegen in der Regel noch kein hohes Ansteckungsrisiko.
Da Tuberkulose in der Schweiz selten ist und die Beschwerden häufig unspezifisch sind, steht sie bei Husten oder allgemeinem Unwohlsein meist nicht an erster Stelle der möglichen Ursachen. Dennoch ist es wichtig, bei länger anhaltenden, ungewöhnlichen oder sich verschlechternden Beschwerden ärztlichen Rat einzuholen.
Antibiotikaresistenzen frühzeitig erkennen
Die Behandlung einer Tuberkulose umfasst normalerweise mehrere Antibiotika und dauert häufig mindestens sechs Monate. Diese lange Behandlungsdauer ist notwendig, weil Mykobakterien langsam wachsen und zeitweise in eine Art Ruhezustand übergehen können.
Eine besondere Herausforderung sind multiresistente Tuberkuloseerreger. Bei ihnen wirken wichtige Standardmedikamente nicht mehr ausreichend. Deshalb müssen Resistenzen möglichst früh erkannt und die eingesetzten Medikamente gezielt auf den jeweiligen Erreger abgestimmt werden.
In der Schweiz treten resistente Formen vergleichsweise selten auf. Weltweit stellen sie jedoch ein erhebliches medizinisches Problem dar. Neue Antibiotika haben die Behandlungsmöglichkeiten verbessert. Damit diese Medikamente langfristig wirksam bleiben, müssen sie kontrolliert und resistenzgerecht eingesetzt werden.
Arbeiten im Hochsicherheitslabor
Da im Labor mit ansteckenden Krankheitserregern gearbeitet wird, gelten umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen. Der Zugang ist streng geregelt, die Räume stehen unter Unterdruck und die Raumluft wird über spezielle Filter gereinigt.
Die Mitarbeitenden tragen zusätzliche Schutzkleidung, Handschuhe und – abhängig von der jeweiligen Tätigkeit – Schutzmasken. Diese Massnahmen schützen sowohl das Laborpersonal als auch die Umgebung.
Wie Bettina Schulthess erklärt, ist der Arbeitsalltag zwar stark strukturiert und reguliert, jedoch deutlich weniger dramatisch, als Hochsicherheitslabore häufig in Filmen dargestellt werden.
In dieser Folge erfahren Sie:
- weshalb Tuberkulose auch heute noch relevant ist
- wie häufig die Erkrankung in der Schweiz vorkommt
- welche Menschen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben können
- wann eine Tuberkulose ansteckend ist
- warum Mykobakterien diagnostisch besonders anspruchsvoll sind
- wie Mikroskopie, PCR und kultureller Nachweis funktionieren
- weshalb eine endgültige Diagnose mehrere Wochen dauern kann
- welche Aufgaben das Nationale Zentrum für Mykobakterien übernimmt
- warum Antibiotikaresistenzen frühzeitig erkannt werden müssen
- wie die Behandlung einer Tuberkulose erfolgt
- wie der Alltag in einem Hochsicherheitslabor aussieht
- welche Fortschritte in Diagnostik und Therapie Hoffnung geben
Ein Gespräch über eine Erkrankung, die in der Schweiz selten geworden ist, weltweit aber weiterhin Millionen Menschen betrifft – und über die wichtige Arbeit, die meist im Hintergrund stattfindet, bevor aus einem Verdacht eine gesicherte Diagnose wird.
Wir bedanken uns herzlich bei Dr. sc. nat. Bettina Schulthess für die verständlichen Erklärungen und die Einblicke in ihre Arbeit.
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