Thorax-Schweiz

Tariq Abu-Naaj & Dr. med. Roland Kuster

#77 Spitalhygiene: Sicherheit, die man nicht sieht

Wie Infektionen verhindert und Patientinnen und Patienten geschützt werden

09.09.2026 32 min

Zusammenfassung & Show Notes

Spitalhygiene bedeutet weit mehr als saubere Räume und regelmässige Händedesinfektion. Sie umfasst Infektionsprävention, Überwachung, Schulung, Prozessgestaltung und den Umgang mit multiresistenten Erregern.
In dieser Folge sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit Marc Friese, Leiter der Fachstelle für Spitalhygiene und Infektionsprävention der Hirslanden Kliniken Zürich. 
Er erklärt, wie im Spital erworbene Infektionen überwacht werden, welche Bedeutung Daten und Audits haben und warum sich die Spitalhygiene nicht als Kontrollinstanz, sondern als Partner der Mitarbeitenden versteht. Ausserdem erfahren Sie, weshalb niemand aus Angst vor einer Infektion auf eine notwendige Behandlung im Spital verzichten sollte.

Spitalhygiene: Sicherheit, die man nicht sieht
Wer an Spitalhygiene denkt, hat häufig zuerst Händedesinfektionsmittel, Schutzmasken und saubere Patientenzimmer vor Augen. Doch hinter einer wirksamen Infektionsprävention steckt erheblich mehr: klare Abläufe, kontinuierliche Schulungen, die Überwachung von Infektionsraten, bauliche und technische Vorgaben sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika.

Die Arbeit der Spitalhygiene findet häufig im Hintergrund statt. Ihre Wirkung betrifft jedoch alle Bereiche eines Spitals – und trägt wesentlich zur Sicherheit von Patientinnen und Patienten sowie der Mitarbeitenden bei.
In dieser Folge des Thorax-Schweiz-Podcasts sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit Marc Frieseüber die vielfältigen Aufgaben moderner Spitalhygiene.

Unser Gast
Marc Friese ist Leiter der Fachstelle für Spitalhygiene und Infektionsprävention der Hirslanden Kliniken Zürich
Seinen beruflichen Weg begann er in der Pflege. Nach Tätigkeiten in der Intensiv- und Notfallpflege spezialisierte er sich auf Infektionsprävention und Spitalhygiene. Heute verbindet seine Arbeit medizinische, mikrobiologische, technische, organisatorische und pädagogische Aufgaben.
Gerade diese Vielfalt macht das Fachgebiet für ihn besonders interessant: Die Spitalhygiene arbeitet mit nahezu allen Berufsgruppen eines Spitals zusammen – von der Reinigung und Pflege über die Ärzteschaft bis zur Klinikdirektion.
Spitalhygiene ist Hygienemanagement
Die Händedesinfektion bleibt eine der wirksamsten und wichtigsten Massnahmen zur Vermeidung von Erregerübertragungen. Moderne Spitalhygiene geht jedoch deutlich darüber hinaus.
Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem:
  • Entwicklung und Überwachung von Hygienerichtlinien
  • Schulung und Beratung der Mitarbeitenden
  • Erfassung und Bewertung von Infektionen
  • Überwachung und Bekämpfung multiresistenter Erreger
  • Wasser-, Umwelt- und Bauhygiene
  • Begleitung medizinischer und pflegerischer Prozesse
  • Beratung bei Bau- und Umbaumassnahmen
  • Ausbruchsmanagement
  • Erhebung und Auswertung hygienerelevanter Kennzahlen
  • Schutz von Patientinnen, Patienten und Mitarbeitenden
Die Fachstelle für Spitalhygiene der Hirslanden Kliniken Zürich erarbeitet Massnahmen zur Vermeidung von Infektionen und Erregerübertragungen, begleitet deren Umsetzung und unterstützt die Mitarbeitenden durch regelmässige Schulungen und Beratungen. 
Warum die Anforderungen im Spital besonders hoch sind
Viele stationär behandelte Patientinnen und Patienten sind älter, haben mehrere Erkrankungen oder verfügen über ein geschwächtes Immunsystem. Gleichzeitig ermöglicht die moderne Medizin immer komplexere und invasivere Behandlungen.
Bei Operationen, Kathetern, Beatmungen und anderen medizinischen Verfahren werden natürliche Schutzbarrieren des Körpers überwunden. Dadurch können zusätzliche Infektionsrisiken entstehen. Je komplexer die medizinischen Möglichkeiten werden, desto wichtiger ist deshalb eine ebenso professionell organisierte Infektionsprävention.
Was sind nosokomiale Infektionen?
Als nosokomial werden Infektionen bezeichnet, die im Zusammenhang mit einer Behandlung in einer Gesundheitseinrichtung entstehen. Dazu können beispielsweise gehören:
  • Wundinfektionen nach einem operativen Eingriff
  • Lungenentzündungen
  • Harnwegsinfektionen
  • Blutstrominfektionen
Solche Infektionen lassen sich trotz umfangreicher Schutzmassnahmen nicht vollständig verhindern. Entscheidend ist, dass sie systematisch erfasst, bewertet und möglichst früh erkannt werden.
Eine nationale Erhebung von Swissnoso aus dem Jahr 2022 zeigte, dass zum Zeitpunkt der Untersuchung 5,9 Prozent der Patientinnen und Patienten in den teilnehmenden Schweizer Spitälern von einer healthcare-assoziierten Infektion betroffen waren. 
Marc Friese betont im Gespräch deshalb einen wichtigen Punkt: Ein Spital, das offen mit Infektionsraten umgeht und diese kontinuierlich überwacht, schafft die Grundlage für gezielte Verbesserungen. Das Auftreten einzelner Infektionen bedeutet nicht automatisch, dass die Hygiene schlecht funktioniert.
Daten, Monitoring und Audits
Eine professionelle Spitalhygiene benötigt verlässliche Daten. Dazu werden unter anderem Infektionsraten und die Umsetzung der Händehygiene erfasst.
Zeigen die Daten Veränderungen oder Auffälligkeiten, kann die Fachstelle gezielt reagieren. Mögliche Massnahmen sind:
  • Beobachtung und Analyse der betreffenden Arbeitsabläufe
  • Überprüfung bestehender Hygienerichtlinien
  • zusätzliche Schulungen
  • Anpassung von Materialien und Prozessen
  • engmaschigere Überwachung bestimmter Infektionen
  • Unterstützung der betroffenen Station oder Abteilung
Audits und Beobachtungen dienen dabei nicht der Suche nach Schuldigen. Sie sollen zeigen, an welchen Stellen im Arbeitsalltag Verbesserungen möglich sind.
Partner und Coach statt „Hygienepolizei“
Spitalhygiene wird von Mitarbeitenden gelegentlich als kontrollierende Instanz wahrgenommen. Marc Friese sieht sein Team jedoch ausdrücklich in einer anderen Rolle: als Partner, Berater und Coach.
Hygienemassnahmen müssen im oft anspruchsvollen Klinikalltag zuverlässig funktionieren. Dazu reicht es nicht, Richtlinien zu schreiben oder Vorschriften zu erlassen. Die Fachpersonen müssen gemeinsam mit den Mitarbeitenden verstehen, weshalb ein Ablauf möglicherweise nicht wie vorgesehen umgesetzt wird und wie er verbessert werden kann.
Ein wichtiger Bestandteil dieser Zusammenarbeit sind regelmässige, praxisnahe Schulungen. Statt langer theoretischer Einheiten setzt das Team unter anderem auf kurze Schulungen in Rapporten und Teamsitzungen. So können aktuelle Fragen direkt aufgegriffen und konkrete Situationen aus dem Arbeitsalltag besprochen werden.
Hygiene schützt auch die Mitarbeitenden
Infektionsprävention dient nicht ausschliesslich der Patientensicherheit. Sie schützt auch Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen und alle weiteren Mitarbeitenden eines Spitals.
Neben der Händedesinfektion spielen dabei beispielsweise Stich- und Schnittverletzungen eine wichtige Rolle. Wenn sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter an einer bereits verwendeten Kanüle oder einem Instrument verletzt, wird der Vorfall systematisch erfasst und analysiert.

Dabei geht es um Fragen wie:
  • Wie ist die Verletzung entstanden?
  • Entspricht das verwendete Material den aktuellen Sicherheitsstandards?
  • Muss ein Arbeitsablauf verändert werden?
  • Könnte eine Schulung vergleichbare Ereignisse zukünftig verhindern?
Aus einzelnen Vorfällen können so konkrete Verbesserungen für den Schutz aller Mitarbeitenden entstehen.
Multiresistente Erreger
Eine der grössten zukünftigen Herausforderungen sieht Marc Friese in der zunehmenden Verbreitung multiresistenter Erreger. Dabei handelt es sich um Bakterien, gegen die mehrere Antibiotika nicht mehr ausreichend wirken.
Patientinnen und Patienten mit bestimmten Risikofaktoren können deshalb gezielt untersucht werden. Dazu gehört beispielsweise ein vorangegangener Spitalaufenthalt im Ausland. Wird ein multiresistenter Erreger festgestellt, können zusätzliche Schutzmassnahmen erforderlich sein.
Eine sogenannte Isolation bedeutet dabei nicht automatisch eine akute Gefahr. Sie dient vor allem dazu, eine Weiterverbreitung des Erregers zu verhindern. Dazu können ein Einzelzimmer oder zusätzliche Schutzkleidung beim engen Patientenkontakt gehören.
Genauso wichtig ist ein gezielter und verantwortungsvoller Einsatz von Antibiotika. Dieses Vorgehen wird als Antimicrobial beziehungsweise Antibiotic Stewardship bezeichnet. Antibiotika sollen nur eingesetzt werden, wenn sie medizinisch notwendig sind – und dann möglichst passend zum jeweiligen Erreger.
Welche Rolle spielen Patientinnen und Patienten?
Auch Patientinnen und Patienten können zur Infektionsprävention beitragen. Sie dürfen Fragen stellen und das Behandlungsteam ansprechen, wenn sie unsicher sind.
Hilfreich ist unter anderem:
  • die Empfehlungen zur Händehygiene zu beachten
  • Veränderungen an Wunden oder Zugängen frühzeitig zu melden
  • Hygieneregeln bei einer notwendigen Isolation einzuhalten
  • Informationen zu früheren Behandlungen oder Spitalaufenthalten vollständig weiterzugeben
  • bei Unklarheiten das Behandlungsteam oder die Spitalhygiene anzusprechen
Die Hirslanden Kliniken Zürich bieten Beratung bei spitalhygienischen Fragen, Unterstützung bei Isolationen und die Beantwortung von Fragen bereits vor dem Klinikeintritt an. 
Kein Grund zur Angst vor einem Spitalaufenthalt
Nosokomiale Infektionen und multiresistente Erreger sind ernst zu nehmende Themen. Sie sollten jedoch nicht dazu führen, dass Patientinnen und Patienten aus Angst auf eine medizinisch notwendige Untersuchung oder Behandlung verzichten.
Professionelle Spitalhygiene bedeutet, Risiken zu kennen, Entwicklungen kontinuierlich zu beobachten und auf Auffälligkeiten schnell zu reagieren. Patientensicherheit entsteht dabei nicht durch eine einzelne Massnahme. Sie ist das Ergebnis des täglichen Zusammenspiels aller Berufsgruppen.

In dieser Folge erfahren Sie:
  • welche Aufgaben die moderne Spitalhygiene übernimmt
  • warum Händedesinfektion wichtig, aber nur ein Teil der Infektionsprävention ist
  • was unter einer nosokomialen Infektion verstanden wird
  • wie Infektionsraten erfasst und ausgewertet werden
  • welche Bedeutung Audits und digitale Daten haben
  • warum Spitalhygiene als Beratung und Coaching verstanden werden sollte
  • wie Mitarbeitende für Hygienemassnahmen sensibilisiert werden
  • welche Massnahmen Patientinnen, Patienten und Mitarbeitende schützen
  • wie mit multiresistenten Erregern umgegangen wird
  • warum ein verantwortungsvoller Einsatz von Antibiotika wichtig ist
  • welche Entwicklungen Marc Friese für die Zukunft erwartet
  • weshalb niemand aus Angst vor Infektionen einen notwendigen Spitalaufenthalt vermeiden sollte
Wir bedanken uns herzlich bei Marc Friese für das offene Gespräch und die verständlichen Einblicke in ein Fachgebiet, dessen Arbeit häufig unsichtbar bleibt, für die moderne Medizin aber unverzichtbar ist.
Weiterführende Informationen



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