#78 Heute entscheiden, was morgen zählt
Adina Frei-Kuster über Patientenverfügung, Selbstbestimmung und gesundheitliche Vorausplanung.
06.10.2026 23 min
Zusammenfassung & Show Notes
Wer entscheidet über unsere medizinische Behandlung, wenn wir selbst dazu nicht mehr in der Lage sind? Und wissen unsere Angehörigen wirklich, was wir uns in einer solchen Situation wünschen würden?
In dieser Folge des Thorax Schweiz Podcasts sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit Adina Frei-Kuster, Pflegefachfrau, ACP-Beraterin und Geschäftsführerin der neuvoa GmbH, über gesundheitliche Vorausplanung. Es geht um Patientenverfügungen, Vertretungspersonen, persönliche Werte und die Frage, warum gute Vorsorge nicht nur Sicherheit für uns selbst schafft, sondern auch eine große Entlastung für unsere Angehörigen sein kann.
Was soll geschehen, wenn ich selbst nicht mehr entscheiden kann?
Wir planen vieles in unserem Leben. Wir kümmern uns um Versicherungen, unsere Finanzen und vielleicht auch um einen Vorsorgeauftrag. Doch eine ganz persönliche Frage bleibt erstaunlich häufig unbeantwortet: Wie möchte ich medizinisch behandelt werden, wenn ich meinen Willen eines Tages nicht mehr selbst äußern kann?
Genau darum geht es in dieser Episode des Thorax Schweiz Podcasts.
Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj sprechen mit Adina Frei-Kuster, Pflegefachfrau, ACP-Beraterin und Geschäftsführerin der neuvoa GmbH, über Advanced Care Planning (ACP) beziehungsweise die gesundheitliche Vorausplanung.
Adina Frei-Kuster bringt langjährige Erfahrung aus der Inneren Medizin, Palliative Care sowie Onkologie und Hämatologie mit. In ihrer früheren Tätigkeit initiierte sie im Rahmen einer Pflegesprechstunde auch ein Angebot für Advanced Care Planning. Die Erfahrungen mit Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Behandlungsteams führten schließlich dazu, dass sie sich ganz diesem Bereich widmete und die neuvoa GmbH gründete.
Mehr als eine Patientenverfügung
Advanced Care Planning entstand ursprünglich aus der Palliativmedizin. Ziel war es, medizinische Behandlungen am Lebensende stärker an den individuellen Wünschen und Wertvorstellungen der Patientinnen und Patienten auszurichten.
Heute wird das Konzept breiter verstanden. Gesundheitliche Vorausplanung ist ein fortlaufender und dynamischer Prozess, der nicht nur schwer kranke Menschen betrifft. Auch gesunde Menschen können sich damit auseinandersetzen, was ihnen wichtig wäre, falls sie vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr selbst entscheiden könnten.
Die Patientenverfügung bezeichnet Adina Frei-Kuster dabei als das Herzstück der gesundheitlichen Vorausplanung. Doch ein Dokument allein genügt nicht immer. Medizinische Begriffe wie Reanimation oder Beatmung sind komplex und können unterschiedlich verstanden werden. In der Praxis erlebt sie deshalb auch Patientenverfügungen, die widersprüchlich formuliert oder in einer konkreten Situation nur schwer umsetzbar sind. Professionelle Beratung soll helfen, Wünsche so festzuhalten, dass sie verständlich und medizinisch anwendbar sind.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Eine der wichtigsten Botschaften dieser Folge lautet: Es ist eigentlich nie zu früh – aber manchmal zu spät.
Adina Frei-Kuster vergleicht gesundheitliche Vorausplanung mit unserer Wohnsituation. Was mit 20 Jahren zu unserem Leben passt, kann mit 50, 70 oder 90 völlig anders aussehen. Genauso dürfen sich auch unsere Vorstellungen über medizinische Behandlung verändern.
Statt sich in jungen Jahren vorzustellen, welche Entscheidungen man vielleicht mit 95 Jahren treffen würde, empfiehlt sie, die aktuelle Lebenssituation und einen überschaubaren Zeitraum in den Blick zu nehmen: Wer wäre heute meine geeignete Vertretungsperson? Was ist mir derzeit wichtig? Wo liegen momentan meine persönlichen Grenzen?
Es geht um die eigenen Werte
Ein wesentlicher Teil einer ACP-Beratung besteht deshalb nicht darin, einfach Formulare auszufüllen. Vielmehr geht es darum, herauszufinden, welche Werte und Wünsche einen Menschen tatsächlich leiten.
Dabei gibt es keine universell richtige Entscheidung. Adina Frei-Kuster berichtet beispielsweise von Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen, deren größte Sorge darin besteht, dass ihnen eine Behandlung zu früh vorenthalten werden könnte. Gleichzeitig begegnet sie jungen und gesunden Menschen, denen besonders wichtig ist, persönliche Grenzen medizinischer Behandlung festzuhalten.
Entscheidend ist, dass nicht die Vorstellungen der beratenden Person im Mittelpunkt stehen, sondern der individuelle Wille des Menschen.
Wer soll für mich entscheiden?
Auch die Wahl einer Vertretungsperson will gut überlegt sein.
Die Person, die einem emotional am nächsten steht, muss nicht automatisch diejenige sein, die in einer schwierigen Situation am besten Entscheidungen treffen kann. Deshalb empfiehlt Adina Frei-Kuster, nicht nur einen Namen einzutragen, sondern die Frage wirklich zu Ende zu denken: Wem vertraue ich zu, meinen Willen auch in einer emotional belastenden Situation zu vertreten?
Vorsorge endet nicht bei medizinischen Fragen
Im Gespräch geht es deshalb auch um Vorsorgeauftrag und digitalen Nachlass. Adina Frei-Kuster verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Nicht alles im Leben lässt sich planen, aber viele Situationen können durch rechtzeitige Überlegungen planbarer werden.
Ziel ist es, Lücken zu erkennen, bevor Angehörige plötzlich vor Fragen stehen, auf die niemand eine Antwort kennt.
Vorsorge kann auch Angehörige schützen
Besonders eindrücklich wird das Gespräch, als es um Angehörige geht.
Was passiert, wenn eine Ehefrau, ein Ehemann, ein Kind oder eine andere nahestehende Person plötzlich über medizinische Maßnahmen entscheiden muss, ohne zu wissen, was der betroffene Mensch gewollt hätte?
Adina Frei-Kuster beschreibt gesundheitliche Vorausplanung deshalb auch als Entlastung für die Familie. Das betrifft keineswegs nur ältere Menschen. Auch junge Eltern können beispielsweise festlegen, was geschehen soll, wenn sie nach einem Unfall vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr für ihre Kinder sorgen können.
Ihr Gedanke dazu ist ebenso einfach wie eindrücklich: Wer gesundheitliche Vorausplanung nicht für sich selbst machen möchte, kann sie auch für die Menschen machen, die einem wichtig sind.
Das Ziel: Vorsorgen – und dann leben
Zum Abschluss wünscht sich Adina Frei-Kuster vor allem eine Enttabuisierung. Gesundheitliche Vorausplanung soll nicht ausschließlich mit Sterben und Tod verbunden werden. Vielmehr kann das Wissen, wichtige Dinge geregelt zu haben, Sicherheit schaffen.
Der vielleicht schönste Gedanke dieser Folge ist deshalb: Wer für den Fall der Fälle vorgesorgt hat, darf sich anschließend wieder ganz auf das Leben konzentrieren.
Das erwartet Sie in dieser Folge
- Was Advanced Care Planning beziehungsweise gesundheitliche Vorausplanung bedeutet
- Warum das Thema auch gesunde und jüngere Menschen betrifft
- Welche Rolle eine Patientenverfügung spielt
- Warum Patientenverfügungen manchmal medizinisch nicht umsetzbar sind
- Wann der richtige Zeitpunkt für gesundheitliche Vorausplanung ist
- Wie persönliche Werte und Wünsche in die Planung einfließen
- Worauf bei der Wahl einer Vertretungsperson zu achten ist
- Warum auch Vorsorgeauftrag und digitaler Nachlass dazugehören können
- Wie Vorausplanung Angehörige in schwierigen Situationen entlasten kann
- Warum Vorsorge letztlich auch etwas mit Lebensqualität zu tun hat
Über Adina Frei-Kuster
Adina Frei-Kuster ist Pflegefachfrau HF, zertifizierte ACP-Beraterin und Geschäftsführerin der neuvoa GmbH. Zu ihren Qualifikationen gehören unter anderem Palliative Care, Gesundheitsmanagement und Pain Nursing. In ihrer langjährigen Tätigkeit in Onkologie und Hämatologie erlebte sie immer wieder, wie schwierig medizinische Entscheidungen für Betroffene, Angehörige und Behandlungsteams werden können, wenn die Wünsche eines Menschen nicht bekannt oder nicht eindeutig dokumentiert sind.
Diese Erfahrungen haben sie dazu bewegt, sich auf gesundheitliche Vorausplanung zu spezialisieren. Neben ihrer Beratungstätigkeit ist sie nach eigener Aussage im Podcast auch als Ausbildnerin für ACP Swiss an Fachhochschulen und Gesundheitseinrichtungen tätig.
Über neuvoa
Die neuvoa GmbH begleitet Menschen bei der gesundheitlichen Vorausplanung nach dem Konzept des Advanced Care Planning. Der Name „neuvoa“ stammt aus dem Finnischen und bedeutet „beraten“. Das Unternehmen setzt auf individuelle Fachberatung durch zertifizierte ACP-Beraterinnen mit pflegerischer Erfahrung. Ziel ist es, persönliche Wünsche und Entscheidungen so zu formulieren, dass sie verständlich, umsetzbar und in einer späteren medizinischen Entscheidungssituation tatsächlich hilfreich sind.
Über thorax-schweiz.ch
Ziel des von "Thorax-Schweiz" ist es, Hoffnung zu vermitteln und Chancen bei schwierigen Diagnosen aufzuzeigen. Dazu betrachten wir das Thema Thoraxerkrankungen aus einer ganzheitlichen Perspektive.
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