Thorax-Schweiz

Tariq Abu-Naaj & Dr. med. Roland Kuster

#82 Das Leben ist zu schön, um aufzugeben

Marco Winiger über COPD, Selbstwert und seinen Weg zurück zu mehr Lebensqualität

15.10.2026 26 min

Zusammenfassung & Show Notes

„Das Leben ist zu schön, um aufzugeben.“
Marco Winiger ist 55 Jahre alt und lebt seit vielen Jahren mit COPD. Lange nahm er seine Diagnose kaum ernst. Erst nach schweren gesundheitlichen Rückschlägen und zunehmender Atemnot begann er, sich intensiv mit seiner Erkrankung auseinanderzusetzen.
In Folge #82 des Thorax Schweiz Podcasts spricht er mit Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj offen über seinen Weg: von der Verdrängung über den Rauchstopp bis zur Erkenntnis, dass der eigene Wert nicht von körperlicher Leistungsfähigkeit abhängt.
Ein bewegendes Gespräch über das Leben mit COPD, die Bedeutung von Bewegung, Familie und professioneller Unterstützung – und darüber, warum es sich lohnt, niemals aufzugeben.

„Das Leben ist zu schön, um aufzugeben“ – 

Marco Winiger über sein Leben mit COPD

Was passiert, wenn ein Spaziergang von 200 Metern zur Herausforderung wird? Wenn körperliche Leistungsfähigkeit verloren geht und man plötzlich auf die Hilfe anderer angewiesen ist? Und wie findet man trotz einer chronischen Lungenerkrankung wieder Zuversicht und Lebensfreude?

In Folge #82 des Thorax Schweiz Podcasts sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit Marco Winiger, der seit vielen Jahren mit COPD lebt.

Marco ist 55 Jahre alt, gelernter Mechaniker, Vater, Grossvater und Partner. Seine COPD-Diagnose erhielt er ungefähr zwischen 2005 und 2010. Doch zunächst schenkte er der Erkrankung kaum Beachtung.
Heute spricht er offen über seine Erfahrungen, seine körperlichen Einschränkungen, die schwierige Zeit nach einem schweren Unfall und den langen Weg zu einem bewussteren Umgang mit seiner Gesundheit.
Es ist ein Gespräch über COPD – vor allem aber über Selbstwert, Akzeptanz, persönliche Veränderungen und die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht.
„COPD waren für mich nur vier Buchstaben“

Als Marco Winiger seine Diagnose erhielt, konnte er zunächst wenig damit anfangen.
Er arbeitete weiter, lebte wie zuvor und ignorierte die zunehmenden Einschränkungen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit.
Dass er schneller ausser Atem geriet oder bei bestimmten Aktivitäten nicht mehr so belastbar war, nahm er kaum ernst.

Erst nach einem schweren Unfall im Jahr 2018 und mehreren anschliessenden Operationen veränderte sich seine Situation grundlegend.
Längere Phasen mit eingeschränkter Bewegungsmöglichkeit und zunehmende Atembeschwerden führten dazu, dass er sich intensiver mit seiner Gesundheit auseinandersetzen musste.
Besonders belastend war für ihn, dass er nicht mehr arbeiten konnte und seine bisherige Leistungsfähigkeit verlor.
Wenn Leistung zum Massstab für den eigenen Wert wird
Marco beschreibt im Interview einen sehr persönlichen Konflikt.
Über viele Jahre definierte er seinen Selbstwert stark über seine Arbeit und darüber, was er für andere leisten konnte.

Er war es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen, anderen zu helfen und körperlich aktiv zu sein.
Plötzlich musste er akzeptieren, dass er selbst Unterstützung benötigte.
Diese Veränderung fiel ihm zunächst schwer.
Heute kann er Hilfe annehmen und betrachtet sich nicht mehr ausschliesslich über das, was er körperlich leisten kann.

Eine Erkenntnis, die weit über die COPD-Erkrankung hinausgeht.
Der Wendepunkt: «Besser leben mit COPD»
Ein wichtiger Wendepunkt kam für Marco im Jahr 2021.

Auf Empfehlung seines Arztes nahm er am Kurs «Besser leben mit COPD» der Lungenliga teil.
Dort verstand er nach eigenen Worten zum ersten Mal wirklich, was seine Erkrankung bedeutet, warum bestimmte Beschwerden auftreten und wie er seine Behandlung bewusster gestalten kann.
Besonders wertvoll war für ihn auch der Austausch mit anderen Betroffenen.
Die Begegnungen halfen ihm, seine eigene Situation besser einzuordnen und Entscheidungen für seine Gesundheit zu treffen.
Der Kurs war für ihn nicht einfach eine Informationsveranstaltung, sondern der Beginn einer grundlegenden Veränderung.

Der Rauchstopp – eine schwierige, aber wichtige Entscheidung
Marco spricht sehr offen über seine langjährige Rauchgeschichte.
Neben beruflichen Belastungen durch Metallstaub und andere Partikel sieht er insbesondere seinen früheren Rauchkonsum als wesentlichen Faktor für seine Lungenerkrankung.
Sein Rauchstopp war kein einfacher oder geradliniger Prozess.
Nach einem ersten erfolgreichen Zeitraum begann er vorübergehend wieder zu rauchen. Erst mit weiterer Unterstützung und einer intensiven persönlichen Auseinandersetzung gelang ihm der dauerhafte Ausstieg.
Zum Zeitpunkt der Aufnahme berichtet Marco, seit rund vier Jahren nicht mehr geraucht zu haben.
Dabei macht er deutlich, wie eng diese Entscheidung mit seinem veränderten Selbstwertgefühl verbunden war.
Er wollte nicht länger nur funktionieren, sondern Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Wenn 200 Meter zur Herausforderung werden
Heute gehört Atemnot zu Marcos grössten alltäglichen Einschränkungen.
Schon eine Strecke von ungefähr 200 Metern kann ihn erheblich belasten.
Früher war er häufig derjenige, der anderen half. Heute ist er manchmal darauf angewiesen, dass seine Partnerin beispielsweise Einkaufstaschen für ihn trägt.
Auch die Blicke anderer Menschen beschäftigten ihn lange.
Inzwischen hat er gelernt, solche Situationen anders zu betrachten.
Nicht mehr der Eindruck nach aussen steht im Mittelpunkt, sondern das, was ihm persönlich guttut und seinen Alltag erleichtert.

Bewegung als fester Bestandteil des Lebens
Trotz seiner Einschränkungen spielt Bewegung für Marco eine zentrale Rolle.
Er berichtet, dass er dreimal wöchentlich an einem betreuten Training teilnimmt und an weiteren Tagen bewusst spazieren geht.
Besonders wichtig ist ihm dabei auch die Zeit in der Natur.
Bewegung bedeutet für ihn nicht, frühere Leistungen wieder erreichen zu müssen.
Vielmehr möchte er seine vorhandenen körperlichen Möglichkeiten möglichst lange erhalten und gleichzeitig etwas für sein psychisches Wohlbefinden tun.
Sein persönlicher Ansatz: Die eigenen Grenzen kennen, aber innerhalb dieser Grenzen aktiv bleiben.
Die Bedeutung von Familie und professioneller Unterstützung
Ein weiterer Schwerpunkt unseres Gesprächs ist die Unterstützung durch andere Menschen.
Marco berichtet, wie wichtig seine Partnerin, seine Familie, sein Hausarzt, seine Psychologin und die Lungenliga für ihn geworden sind.
Dabei unterscheidet er deutlich zwischen Unterstützung und Mitleid.
Er möchte nicht auf seine Erkrankung reduziert werden.
Viel wichtiger ist ihm, weiterhin als vollwertiger Mensch, Vater, Grossvater und Partner wahrgenommen zu werden.
Diese Haltung hat ihm geholfen, Hilfe anzunehmen, ohne das Gefühl zu haben, dadurch an Wert zu verlieren.
«Slow down, take it easy»
Gegen Ende des Gesprächs erzählt Marco von zwei Tätowierungen, die für ihn eine besondere Bedeutung haben.
Die Worte «Slow down, take it easy» erinnern ihn daran, langsamer zu machen und sich selbst weniger unter Druck zu setzen.

Mit dem Wort «LOVE» auf seiner Hand verbindet er die Erkenntnis, dass er sich selbst mit derselben Fürsorge begegnen möchte, die er anderen Menschen entgegenbringt.
Diese sehr persönliche Geschichte zeigt, wie stark sich sein Blick auf das Leben verändert hat.
Seine Botschaft: Niemals aufgeben
Marco möchte anderen Menschen mit COPD Mut machen.
Er empfiehlt, Beschwerden frühzeitig ernst zu nehmen, medizinische Hilfe zu suchen, Unterstützungsangebote anzunehmen und sich mit der eigenen Erkrankung auseinanderzusetzen.
Seine wichtigste Botschaft ist jedoch nicht medizinischer Natur.
Es geht darum, den eigenen Wert zu erkennen, auch mit Einschränkungen am Leben teilzunehmen und sich die Freude am Leben zu bewahren.
Das Leben ist zu schön, um aufzugeben.
In dieser Folge erfahren Sie:
  • wie Marco Winiger seine COPD-Diagnose zunächst erlebte,
  • warum er die Erkrankung viele Jahre weitgehend ignorierte,
  • welche Auswirkungen ein schwerer Unfall auf sein weiteres Leben hatte,
  • wie er lernte, mit zunehmender Atemnot umzugehen,
  • warum der Verlust seiner Leistungsfähigkeit auch seinen Selbstwert erschütterte,
  • welche Bedeutung der Kurs «Besser leben mit COPD» für ihn hatte,
  • wie er den Rauchstopp schliesslich bewältigte,
  • warum Bewegung für ihn heute unverzichtbar ist,
  • welche Rolle Familie, psychologische Betreuung und die Lungenliga spielen,
  • wie er gelernt hat, Hilfe anzunehmen,
  • und warum Selbstfürsorge und Lebensfreude für ihn heute wichtiger sind als früher.
Unser Gast
Marco Winiger
COPD-Betroffener, 55 Jahre alt, gelernter Mechaniker, Vater und Grossvater.
Er erzählt von seinem persönlichen Weg mit COPD und seinen Erfahrungen mit den Unterstützungsangeboten der Lungenliga.
Hosts
Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj
Thorax Schweiz – medizinisches Wissen verständlich erklärt.


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