Werte & Wandel Podcast

WERTE.IT

#05 - KI und Barrierefreiheit

Dennis Bruder von der Pfennigparade zu Potentialen von KI, um Barrieren abzubauen

28.01.2026 12 min

Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Episode der WERTE.IT Podcasts wird die Bedeutung der Barrierefreiheit in der Informationstechnologie für Menschen mit Behinderungen erörtert. Der Gast Dennis Bruder, Berater für digitale Barrierefreiheit, diskutiert mit Detlef Girke die Rolle von Künstlicher Intelligenz (KI) und anderen Technologien, die Menschen mit Behinderungen unterstützen können. Es werden verschiedene Anwendungsbeispiele vorgestellt, wie KI und innovative Technologien wie Exoskelette und autonomes Fahren die Inklusion am Arbeitsplatz und im Alltag verbessern können.

Transkript

Detlef Girke
00:00:00
Die IT bietet einfach für Menschen mit Behinderung unglaubliche Chancen.
Wolfgang Haase
00:00:03
Damit habe ich mich noch nie beschäftigt.
Detlef Girke
00:00:05
Ich bin einerseits selbstständiger Berater. Barrierefreie IT und ein inklusiver Ansatz im Unternehmen kann dazu führen, dass man wirklich Gewinn bringt, Menschen mit Behinderungen auch im eigenen Unternehmen beschäftigen kann.
Moderator
00:00:22
Werte und Wandel, der Podcast für inklusives Management in Unternehmen.
Detlef Girke
00:00:30
Herr Haase!
Wolfgang Haase
00:00:34
Herr Girke, diesmal sind Sie zuerst!
Detlef Girke
00:00:36
Ja, diesmal bin ich zuerst. Ja, ich habe da was für Sie. Ich hatte Ihnen ja letztens den Podcast zugeschickt über Menschen mit Behinderungen am PC und Inklusion und so weiter. Haben Sie den gehört?
Wolfgang Haase
00:00:50
Den habe ich schon gehört. Sehr interessant. Auch ganz interessanter Hintergrund, den der Herr, wie hieß er, Bruder hat. Das ist interessant. Und ich habe tatsächlich mit meiner Bewerberin auch schon weitergekommen und habe da mit dem Integrationsamt Kontakt aufgenommen und da habe ich jetzt auch einen Termin gehabt. Die haben mir ein paar Sachen, ein paar Tipps gegeben. Also das geht da wohl offensichtlich weiter.
Detlef Girke
00:01:15
Das freut mich auch sehr.
Wolfgang Haase
00:01:16
Das freut mich. Deutlich geschmeidiger und unkomplizierter als ich mir das gedacht habe.
Detlef Girke
00:01:21
Ja, und dass so KI in aller Munde ist und so weiter, davon haben Sie ja auch schon gehört. KI und Inklusion, interessieren Sie sich dafür, weil das wäre jetzt das Neueste, was ich Ihnen anbieten könnte.
Wolfgang Haase
00:01:34
Das ist hochinteressant. Ja, ich habe in dem Kontext, also Barrierefreiheit am Arbeitsplatz und Stichwort auch schon, ich weiß gar nicht mehr wo, aber neulich auch irgendwas gehört und das wurde als so eine Art Wunderheilmittel gepriesen, wenn ich das mal so nennen darf. Ja, weiß ich nicht, ob KI sowas wirklich zur Verbesserung der Barrierefreiheit beitragen kann.
Detlef Girke
00:01:55
Ich würde sagen, hören Sie sich's an.
Wolfgang Haase
00:01:59
Perfekt.
Detlef Girke
00:02:00
Ich schick's Ihnen zu. Sprechen wir danach noch mal zu dem Thema.
Wolfgang Haase
00:02:03
Meine Mailadresse haben Sie, genau.
Detlef Girke
00:02:07
Auf Wiederhören.
Wolfgang Haase
00:02:08
Tschüss.
Detlef Girke
00:02:11
Herzlich willkommen zum WERTE.IT Podcast. Heute mit dem zweiten Teil zu der Thematik Menschen mit Behinderung am PC typische Probleme und Lösungsansätze. Als Gast im Studio heute, Dennis Bruder. Hallo, Dennis.
Dennis Bruder
00:02:26
Hallo, Detlef.
Detlef Girke
00:02:27
Magst du dich einmal kurz vorstellen? Wo arbeitest du? Wie arbeitest du? Und was sind so deine Kerngebiete?
Dennis Bruder
00:02:33
Ja, gerne. Ich habe mich ja schon in der vergangenen Folge einmal kurz vorgestellt, aber ich mach's gerne nochmal. Mein Name ist Dennis Bruder. Ich arbeite in der Stiftung Pfennigparade, wohne dort auch tatsächlich, weil ich eine Körperbehinderung habe, also eine hohe Querschnittlähmung. Und ich bin in der Pfennigparade Berater für digitale Barrierefreiheit und benutze meinen Computer auch selbst über verschiedene Hilfsmittel, also über eine Kopfmaus. zum Beispiel, also ein Spezialhilfsmittel und über die Sprachsteuerung.
Detlef Girke
00:03:07
Im letzten Teil haben wir über grundsätzliche Dinge gesprochen, wie man sozusagen die Möglichkeit der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen am PC am Arbeitsplatz verbessern könnte über Hilfsmittel. Und ein Thema darf in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht, fällt auch sicher nicht fehlen. Das ist Thema Künstliche Intelligenz, KI. Seit über drei Jahren ist das irgendwie das ganz große Ding, was überall als die Eins-Lösung-für-alles hochgehalten wird. Es haben sich mittlerweile auch eine Vielzahl richtig gut brauchbarer Sprachmodelle entwickelt. Betriebssystemhersteller haben angefangen, die KI auch in ihre Benutzeroberflächen und Anwendungen einzubauen. Und über kurz oder lang wird es die derzeitigen Suchmaschinen zum Beispiel auch zu einem großen Teil ersetzen. Und Geschäftsmodelle werden sich dadurch ändern oder ändern müssen. Werbeeinnahmen über Klicks werden nicht mehr so einfach erzeugt werden können. Aber nach deiner Ansicht am Arbeitsplatz, gerade an Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen, was wird sich dort aus deiner Sicht durch KI möglicherweise ändern? Wer profitiert davon am meisten? Außer den KI-Anbietern selbst natürlich.
Dennis Bruder
00:04:19
Ja, das wird wahrscheinlich die große Frage erst mal werden, welche Arbeitsplätze überhaupt noch bleiben und welche wegfallen. Aber aus dem Stand jetzt und wie wir jetzt KI auch schon einsetzen in der Stiftung Pfennigparade, kann das ein ganz tolles Hilfsmittel sein. Also ich mache mal ein ganz konkretes Beispiel. Wir haben jetzt eine Werkstattgruppe, die sich mit barrierefreien Medien beschäftigt und die eben Texte schreiben. Oder es sind eben Werkstattmitarbeitende. die vom Niveau ganz unterschiedlich sind, die aber vielleicht auch aus dem normalen Arbeitsleben bisschen Probleme hätten über gewisse kognitive Einschränkungen oder über sowas wie Dyslexie. Und die können eben über die Sprachmodelle, ChatGPT oder auch andere Modelle eben Texte sich korrigieren lassen oder die bekommen Unterstützung beim Schreiben. Und... könnten auch, also wird auch immer wieder eingesetzt, sich Zusammenfassungen von Inhalten in viel einfacherer Form geben lassen. Und das sind jetzt eigentlich schon Einsatzmöglichkeiten, die heute schon zur Verfügung stehen, die mit Sicherheit auch noch besser werden. Es gibt ja auch schon die Möglichkeit, zum Beispiel für blinde Menschen, sich über ChatGPT Alternativtext automatisiert ausgeben zu lassen, die jetzt vielleicht teilweise gut sind, teilweise noch verbesserungswürdig sind. Aber da gibt es jetzt schon tolle Möglichkeiten. Auf Dauer würde ich sagen, die Möglichkeiten eher noch mal größer. Gerade wenn wir so in Richtung der Arbeitsprozesse denken, dass vielleicht eine KI auch Menschen mit Einschränkungen am Arbeitsplatz wirklich unterstützen kann. Dass eine KI merkt über die Kamera, wenn jemand müde wird und dann vielleicht, ja, dort unterstützen kann, dass die Person wieder konzentrierter arbeiten kann. Oder Aufgaben, die jetzt vielleicht komplexer sind. in einfacherer Arbeitsschritte unterteilen kann. Also ich denke, die Möglichkeiten sind da vielfältig und es geht jetzt vor allem darum, gute Einsatzmöglichkeiten auch zu finden und auch vielleicht als Arbeitgeber ein bisschen kreativ zu denken, wie man vielleicht verschiedene Personengruppen über KI auch ins Arbeitsleben holen kann.
Detlef Girke
00:06:28
Du hast gerade wirklich aus meiner Sicht super Beispiele genannt, weil häufig wird KI so als Zwischenschicht gesehen, die zwischen zum Beispiel der eigentlichen Internetseite und mir als Anwender steht. Und du hast es gerade wirklich Anwendungsbeispiele genannt, die wirklich unterstützend sind und super nützlich. Das finde ich klasse, weil auf die Art und Weise verliert KI vielleicht auch für manche Menschen so bisschen ihren Schrecken. KI klingt im ersten Moment halt doch sehr kompliziert, aber genau das soll es ja eigentlich nicht sein.
Dennis Bruder
00:06:55
Und das ist, ich, auch der große Vorteil von KI, dass es eben ganz anwenderfreundlich sein kann. Dass man, auch wenn man komplexen Sachverhalt rauskriegen will, als Mensch mit einer kognitiven Einschränkung beispielsweise, dass ich ja wie in so einem Chat arbeiten kann. Dass ich ganz konkret meine Fragen stellen kann und bekomme dann da die Lösungen für. Also da ist eben genau, dass man die Angst einfach verliert und sich einfach mal ranwagt auch.
Detlef Girke
00:07:20
Es gibt da noch eine Reihe weiterer Technologien, die momentan in unsere Wirklichkeit eindringen oder dort ankommen. Das sind zum Beispiel Exoskelette, die benutzt werden können, Menschen, die bestimmte Bewegungen muskelbedingt nicht mehr ausführen können, motorisch zu unterstützen. Oder der große Bereich des autonomen Fahrens, selbstfahrende Autos. Viele blinde Menschen, das habe ich schon oft gehört, in privaten, träumen ja auch schon davon. Ich selber habe ja auch keinen Führerschein, konnte ich nie machen, aufgrund meiner Sehbehinderung. Ich träume jetzt lustigerweise nicht davon, ein eigenes Auto einzusteigen und das Fahrziel auszusprechen und automatisch dorthin gebracht zu werden, ohne dass ich am Steuer sitzen muss. Manchmal tatsächlich für Dienstreisen, Taxifahrer und so weiter. Das wäre dann alles nicht unbedingt nötig und ganz ohne Komplikation teilweise auch möglich, beziehungsweise in meinem Fall dann eben im Notfall. Und welche Auswirkungen haben solche Technologien deiner Ansicht nach? auch auf die Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen.
Dennis Bruder
00:08:21
Also da gibt es verschiedene Beispiele, denke ich, dafür. Das eine, man kann ja zu Elon Musk stehen, wie man will, aber der hat ja zum Beispiel auch über Neuralink ein Unternehmen, das so einen Chip ins Hirn pflanzt und darüber Menschen, die eben wie ich oder vielleicht auch ganz andere Einschränkungen haben, die gar nicht am Computer arbeiten können, über diese spezielle Möglichkeit, dass man wirklich nur an Dinge denkt. dann Menschen am Computer arbeitsfähig machen kann. Da denke ich jetzt an z.B. Behinderungen wie Muskeldystrophie, die vielleicht irgendwann eigentlich einen Computer gar nicht mehr über die Arme bedienen können, die dann auf einmal doch wieder eine Möglichkeit haben. Dann hast du Exoskelette genannt. Das ist natürlich vielleicht im Arbeitsleben am Computer nicht so, aber wenn ich jetzt an Menschen denke, und die fallen ja auch unter... schwerbehinderte Menschen, die vielleicht am Bau gearbeitet haben oder in der Pflege gearbeitet haben und aufgrund von Kreuzschmerzen das nicht mehr so gut leisten können. Die könnten auch Unterstützung über ein Exoskelett haben. Der letzte Punkt, den du noch genannt hast, mit dem autonomen Fahren, das ist natürlich, also da kann ich auch ganz persönlich drüber erzählen, das wäre natürlich auch für mich mit meiner Einschränkung eine tolle Sache, wenn ich eben nicht mehr einen Spezialfahrdienst brauche mit Ampel, der mich von A nach B fährt. sondern wenn ich über Carshare oder mein eigenes autonomes Auto hätte, in das ich vielleicht auch selber reinfahren könnte mit meinem Rollstuhl, werde dann dort festgemacht und kann eben auch von A nach B fahren selbstständig. Das wäre natürlich für meine Freizeit eine tolle Sache, aber auch für das Arbeitsleben, dass ich dann auch einen Termin auswärtig selbstständig wahrnehmen kann und nicht eben auf Hilfe angewiesen bin. Hat natürlich auch manchmal seine Grenzen, weil ich habe natürlich aufgrund meiner Behinderung brauche ich dann auch teilweise Pflege und Hilfe und kann dann vielleicht auch nicht alles machen. Aber gerade für blinde Menschen kann ich es mir auch sehr gut vorstellen, dass man dadurch auch von profitieren kann.
Detlef Girke
00:10:21
Ja, das kann ich mir auch gut vorstellen. Und wie ist dein Gefühl dazu? Mich beschleicht dabei, wenn ich daran denke, in ein Auto einzusteigen, das mich dann autonom von A nach B bringt, beschleicht dann so ein gewisses Misstrauen. Funktioniert das auch wirklich? Bekomme ich wirklich das, was ich brauche? Wie geht es dir dabei?
Dennis Bruder
00:10:39
Prinzipiell bin ich immer sehr technikbegeistert und offen. Und deswegen denke ich, dass wir in 10, 15 Jahren, naja, vielleicht eher 15 Jahren, über diese Themen gar nicht mehr reden, sondern dass man eher die Gefahr umgekehrt sieht, dass Menschen überhaupt am Straßenverkehr teilnehmen. Also ich glaube, das wird auf uns zukommen. Ich nehme an, dass diese Themen irgendwann so gut sein werden, dass sich die Fragen nicht mehr stellen. Und ich bin da auch sehr offen. Ich glaube nur nicht, dass wir momentan auch nur annähernd an dem Stand sind. sondern dass das einfach noch länger dauern wird. Das sehe ich auch noch nicht.
Detlef Girke
00:11:13
Da bin ich ganz bei dir. Gut, Dennis, ganz, ganz herzlichen Dank für das Gespräch. Das war wirklich sehr aufschlussreich und ja, ganz herzlichen Dank dafür.
Dennis Bruder
00:11:21
Ja, gerne. Danke.
Moderator
00:11:24
Werte und Wandel, der Podcast der Inklusion in der Informationstechnologie in den Mittelpunkt stellt. Gemeinsam beleuchten wir, wie Unternehmen durch Inklusion nicht nur soziale Verantwortung übernehmen, sondern auch zukunftssicher und erfolgreich agieren können. Lassen Sie sich inspirieren von spannenden Gesprächen, Experteninterviews und praxisnahen Einblicken. Ein Podcast des Projekts WERTE.IT, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter der Federführung des Blinden- und Sehbehinderten Vereins Hamburg e.V., wissenschaftlich begleitet von der Universität Siegen.