Werte & Wandel Podcast

WERTE.IT

#10 - Digitale Barrierefreiheit im RWE-Konzern

Die Rolle von Norbert Gooßens

08.04.2026 20 min

Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Episode des Podcast „WERTE & WANDEL“ wird die Bedeutung der digitalen Barrierefreiheit im RWE-Konzern thematisiert. Norbert Gooßens, konzernweiter Ansprechpartner für digitale Barrierefreiheit, erläuterte die Herausforderungen, die vor der Etablierung seiner Rolle bestanden, und die Fortschritte, die seitdem erzielt wurden. Er gibt Einblicke in die Sensibilisierung der IT-Abteilung, die Testmethoden zur Analyse der Barrierefreiheit und bietet wertvolle Empfehlungen für Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst nehmen möchten.

Norbert Gooßens
Vertrauensperson der Mitarbeiter:innen mit Behinderung
RWE Supply & Trading GmbH
MTI-BB Back Office IT
norbert.goossens@rwe.com

Nadia David
Projektleitung WERTE.IT
david@werte.it

Materialsammlung zum Thema

Aktion Mensch / Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung
Praxisorientiert: Wie Unternehmen Mitarbeitende mit Behinderungen einstellen und integrieren können.
Link zum Download: "Wegweiser: Inklusion im Unternehmen"

Institut der deutschen Wirtschaft (IW): „Personalkompass Inklusion: Ein Leitfaden zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung“ (PDF); Speziell für KMU: erläutert Nutzen inklusiver Beschäftigung sowie Förder-/Rahmenbedingungen.

Berücksichtigung sozialer Belange bei der Vergabe öffentlicher Aufträge“ (PDF) Publications Office of the EU - Auch wenn sich der Fokus auf öffentliche Aufträge richtet — enthält viele Prinzipien, die Übertragbarkeit für Unternehmen haben.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS): „Zusammenarbeiten – Inklusion in Unternehmen und Institutionen“ (PDF); Praxis-Leitfaden mit guten Beispielen zur Inklusion in Unternehmen und Institutionen.



Transkript

Detlef Girke
00:00:00
Die IT bietet einfach für Menschen mit Behinderung unglaubliche Chancen.
Wolfgang Haase
00:00:03
Damit habe ich mich noch nie beschäftigt.
Detlef Girke
00:00:05
Ich bin einerseit selbstständiger Berater.
Wolfgang Haase
00:00:07
Ich bin Unternehmensberater für Mitarbeiter- und Kundenbindung.
Detlef Girke
00:00:10
Barrierefreie IT und ein inklusiver Ansatz im Unternehmen kann dazu führen, dass man wirklich gewinnbringend Menschen mit Behinderung auch im eigenen Unternehmen beschäftigen kann.
Moderationsstimme
00:00:21
Werte und Wandel, der Podcast zum Thema inklusives Management in Unternehmen.
Nadia David
00:00:27
Willkommen wieder, schön, dass ihr dabei seid zum Podcast Werte und Wandel des Projektes WERTE.IT. In dieser Episode tauchen wir ein. Wir sprechen heute wieder mit dem RWE-Konzern und seit einiger Zeit gibt es dort eine feste Ansprechperson, die sich genau um das Thema digitale Barrierefreiheit kümmert und zwar den Norbert Gooßens. Wir sprechen mit ihm darüber, warum es so wichtig war, diese Rolle zu schaffen in dem Konzern, welche Probleme damit gelöst wurden und wie sich dadurch die Softwareproduktion oder die Softwareprodukte des Unternehmens verändert haben. Und wir erfahren, welche Barrieren abgebaut werden konnten und welche neuen Wege sich dadurch geöffnet haben. Es gibt spannende Einblicke in die besten Testmethoden bzw. über das Vorgehen dort im Hause, die Herausforderungen und natürlich auch wieder am Ende ein paar wichtige Tipps für Unternehmen, die das Thema digitale Barrierefreiheit noch stärker in ihre Entwicklung integrieren wollen, bleibt dran. Es lohnt sich.
Norbert Gooßens
00:01:29
Vielen Dank Nadia für die Einladung auch. Dann möchte ich mich natürlich auch einmal kurz vorstellen. Ich bin der Norbert Gooßens. Ich bin 55 Jahre alt und bereits seit 24 Jahren im Konzern. Und da ich auch selber schwerbehindert bin, habe ich vor 16 Jahren auch das Amt der Schwerbehinderten-Vertretung in unserer Gesellschaft übernommen. Das war zumindest zum groben Hintergrund von mir. Vielleicht sollte man im Bezug auf unser Interview auch noch sagen, dass ich aus der IT komme. Das ist sicherlich nicht uninteressant. Wenn wir uns über die digitale Barrierefreiheit unterhalten, da habe ich sicherlich den ein oder anderen guten Hintergrund gehabt, da mitzustarken.
Nadia David
00:02:14
Das ist ein gutes Stichwort, was du mir gibst, denn du hast eine sehr spezielle Aufgabe innerhalb des Konzerns, die wir heute in diesem Podcast auch gerne vorstellen möchten. Innerhalb deines Aufgabengebietes hast du eine bestimmte Verantwortung übernommen. Du bist sozusagen Experte für Barrierefreiheit im Kontext von IT. Uns interessiert, was waren im Grunde die Hauptgründe, dich als Ansprechpartner für diese Thematik zu schaffen und Vielleicht kannst du auch bisschen was zu den Konsequenzen dazu gleich sagen. Was hat das Einführen dieser Aufgabe und die Besetzung mit dir für Konsequenzen gehabt?
Norbert Gooßens
00:02:54
Vielleicht sollen wir damit einmal starten, dass ich, als ich die Stellvertretung auch vom Guido übernommen habe, für ihn in den IT-Ausschuss entsandt worden bin. Weil ich habe ja diesen IT-Background, den der Guido an der Stelle nicht hatte. Und deswegen war ich von daher schon die geeignete Person, die das übernehmen kann. Und dort im IT-Ausschuss war ich als Schwerbehindertenvertreter etabliert und habe auch gemerkt, dass viele Sachen betrachtet werden. Der Datenschutz, die Informationssicherheit, eine gewisse Ergonomie, auch bei Softwareprodukten. Aber diese Ergonomie ist für alle Mitarbeiter wichtig. Keiner hat auf die Belange von schwerbehinderten Menschen geachtet, weil die Anforderungen sind irgendwie besonders und da hatte keiner einen Blick drauf. Das hat mich etwas gestört und deswegen habe ich mich dort auch in einem IT-Ausschuss sehr schnell gemeldet und diese Sachen auch eingefordert. Dann hatten wir einen Vorfall, der nicht so schön war. Eine schwerbehinderte Mitarbeiterin hatte aufgrund ihrer Sehbeeinträchtigung ein Softwareprodukt geordert. Sie hat fast ein Jahr gebraucht, bis sie die Software auch nutzen konnte. Das lag jetzt nicht nur am RWE-Konzern. Wir hatten Corona, wir hatten einen Brexit. Das alles ist in einem internationalen Konzern durchaus auch mit ausschlaggebend für diese Verzögerung. Aber am Ende haben wir uns überlegt, so was darf nicht mehr passieren. Und da ich ja schon im IT-Ausschuss als Schwerbehindertenvertreter vorhanden war oder etabliert, haben wir gesagt, das ist genau meine Aufgabe. Ich bin ab jetzt, haben wir gesagt, die erste Ansprechperson für solche Fälle. Als ich von dieser Software gehört habe und von dem Problem, dass es seit mehreren Monaten quasi nicht weitergeht, hat es mich ungefähr vier Tage gekostet, bis die Software auch einsatzfähig war. Weil ich schon die Verbindung zu den entsprechenden Stellen auch in der IT, der Konzern-IT hatte. Da gibt es den ein oder anderen Abkürzungsweg, den man einschlagen kann, aber den muss man auch kennen und das... Tue ich ja, weil ich mich in diesen Kreisen da auch bewege. Und das war mit der Grund, warum wir diese Stelle dann auch etabliert haben. Es sollte nicht mehr passieren, dass schwerbehinderte Menschen so lange auf die unterstützende Software warten müssen.
Nadia David
00:05:26
Es gab also sozusagen eine ausschlaggebende Situation, die dazu geführt hat, sich damit zu beschäftigen. Könntest du uns was sagen, was so grundsätzlich vor der Besetzung deiner Position eigentlich an Problemen und Barrieren aufgetreten oder wahrgenommen wurden, denen du dich dann noch mal explizit zugewandt hast? Kannst du das noch mal zusammenfassen?
Norbert Gooßens
00:05:46
Ja, also wir haben ein Corporate Design. Da ist viel Geld an eine Agentur gezahlt worden, damit wir einen schönen Internetauftritt auch haben und das wurde auch für die interne Kommunikation verwendet. Aber da, beim Einkauf dieser Leistung wurde noch nicht auf die digitale Barrierefreiheit geachtet. Das ist allerdings auch ein dickes Brett, was gebohrt werden muss, weil Kommunikationsabteilungen natürlich auf ihr Baby achtet, was sie quasi aus der Taufe gehoben haben. Und da haben wir große Probleme, das zu verändern. Aber so langsam sehe ich da auch ein kleines Licht am Ende des Tunnels, weil wir auch viele Menschen auch im Konzern mittlerweile darauf gebrieft haben, dass sie auch auf die digitale Barrierefreiheit achten. Das sind Sachen, die vorher nicht gut waren, die wir im kleinen Teil jetzt auch schon geändert haben, wo wir aber noch viel vor der Brust haben, das vollständig umzusetzen.
Nadia David
00:06:51
Aber das ist hochinteressant, du sagst, dass nämlich sozusagen die Schwerbehindertenvertretung oder du in deiner Aufgabe dann tatsächlich auch mit der IT-Abteilung sich direkt austauschen muss. Wurden denn die Mitarbeitenden dort in der Abteilung irgendwie sensibilisiert? Wie hat man denn versucht, sie bewusst zu machen auf die Herausforderungen, auf das Unternehmen oder den Konzern zog?
Norbert Gooßens
00:07:13
Das ist natürlich direkt auch über mich erfolgt, weil ich muss nicht nur alle neuen Anwendungen mir angucken, sondern auch die bestehenden. Und wir haben eigene IT-Abteilungen, die die Apps entwickeln für den internen Gebrauch. Auch die mussten bei mir vorbeikommen, um für mich ihre Anwendungen auf die Barrierefreiheit prüfen. Und da über diesen Weg ist das Bewusstsein auch an die Stellen gelangt. Und ich sehe immer mehr das neue Anwendungen, die wir intern bauen, immer mehr Anforderungen an die digitale Barrierefreiheit erfüllen. Und da braucht es keine externe Schulung, was sicherlich an vielen Stellen nicht mehr hilfreich wäre. Aber ich habe auch auf internen Schulungen oder Webinaren diese Informationen zur digitalen Barrierefreiheit im Konzern auch weiter verbreitet.
Nadia David
00:08:06
Das ist hochinteressant. Ich habe eine Frage an dich, Norbert. Worauf hast du denn, wenn du auch sogar Seminare gegeben hast, kannst du kurz sagen, auf welche Barrieren du im Kontext Software dabei hingewiesen hast? Du hattest ein paar Stichworte schon genannt und von Guido wiederholt, Farbkontraste. Was gibt es denn noch, worauf du insbesondere hingewiesen hast? Es gibt ja auch internationale Richtlinien.
Norbert Gooßens
00:08:30
Die WCAG, die Web Content Accessibility Guideline, ist ja eine internationale Richtlinie, die sich um die Barrierefreiheit, zumindest von Web-Anwendungen kümmert. Und ich habe auch große Teile aus dieser Richtlinie, die ich bei der internen Prüfung auch immer zu Rate ziehe. Da ist die Vergrößerung von Softwareprodukten ein wichtiger Punkt. Meistens sind zum Beispiel Menüeinträge von Anwendungen immer sehr klein. Die Hauptfenster lassen sich vielleicht vergrößern, aber die Menüeinträge sind immer so klein, dass man sie, wenn man nicht mehr gut sehen kann, kaum erkennen kann. Aber da gibt es auch wenig Möglichkeiten bei Desktop-Applikationen. Da muss man mit Hilfsmitteln arbeiten, die ja jeder auch an seinem Windows-Rechner hat. Zum Beispiel die Bildschirmlupe oder die Desktop-Einstellung, die man ändern kann. Man kann größeren Monitor nehmen. Aber auf jeden Fall ist das ein Punkt, der immer betrachtet wird. Der zweite Punkt, wie gesagt, sehr wichtig ist auch der Kontrast. Wenn wir weiße Schrift auf gelben Hintergründen oder wie es bei unserem Design auf hellgrünen Hintergründen haben, dann kann man das sehr schlecht erkennen. Der weitere Punkt ist, dass ich mir auch angucke, ob Menschen, die eine Farbschwäche haben, Probleme haben. Der wichtigste Punkt oder die häufigste Einschränkung ist vielleicht die Rot-Grün-Schwäche, die sehr viele Menschen haben. Wenn man zum Beispiel eine Ampel in einer Anwendung simuliert. Das war bei uns in der Kantinen-Anwendung, in der Kantinen-App, wo die Protagonisten gerne vorab sagen wollten, das ist gut und das ist vielleicht weniger gut für eine gesunde Ernährung. Das haben sie mit einem Ampelsystem gemacht, aber immer nur mit einem Lichtzeichen. Das heißt entweder war da ein roter Punkt, das ist nicht so gut, oder ein grüner Punkt, das ist gut. Aber wer jetzt wirklich Probleme mit dem Farbe erkennen hat, konnte nie erkennen, ist das jetzt ein gutes Lebensmittel oder vielleicht schlage ich mal heute über die Stränge. Und deswegen gucke ich mir diese Farbschwächen auch immer an bei dem Thema mit dem Ampelsystem. Wenn man dieses Ampelsystem wie wir es kennen, mit einer Ampel auch darstellt, wo oben rot ist, in der Mitte gelb und unten grün. Wenn dann nur ein Licht an ist, dann können auch die Menschen, die die Farben nicht erkennen können, sehen, oben ist rot, wenn da der Kreis jetzt leuchtet, dann ist es ein ungünstiges Lebensmittel. Also es gibt Möglichkeiten, diese Probleme auch zu beheben. Was an der Stelle dann noch dazu kommt, ist die Sache, ob Menschen, ein Hörproblem haben, vielleicht bei den Applikationen, die verwenden, Probleme haben. Es gibt WBT, das war ein katastrophales Beispiel, was ich hatte. Dort wurden Videos verwendet, allerdings keine Untertitel. Wer also wirklich Probleme hat, das verstehen konnte dieses WBT zum Allgemeinen Gleichstellungsgesetz, AGG, dann nicht machen. Und an der Stelle muss man natürlich sagen, das sind nicht nur die Menschen, die nicht gut hören können, sondern auch Menschen, die vielleicht in einer lauten Umgebung sich das Ganze anhören wollen. Auch da ist es besser, wenn man dann eine Unterstützung durch Untertitel oder eine Transkription an der Stelle hat. Damit zusammen mit der Betrachtung von Applikationen kommt jetzt ein wichtiger Punkt und das ist auch die Tastaturbedienbarkeit. Wenn wir uns überlegen, wie denn zum Beispiel blinde Menschen eine Web-Oberfläche bedienen. Sie haben einen Screenreader, aber der Screenreader muss natürlich in einer logischen Funktion die Sachen auch vorlesen. Und das gelingt nur, an der Stelle die Tastaturreihenfolge richtig definiert ist, dass man von links oben bis nach rechts unten durch das Dokument navigieren kann. Ein wichtiger Punkt an der Stelle ist auch der Kontrast des Fokus, wenn wir, also der Tastaturfokus, wenn wir mit der Tastatur über eine Webseite gehen, aber nie sehen können, wo ist denn der Fokus gerade. Das ist natürlich auch immer problematisch. Das sind so die Hauptpunkte, die ich anlege, wenn ich mir eine Anwendung oder eine Web-Applikation auf die digitale Barrierefreiheit untersuche.
Nadia David
00:12:55
Das sind tolle Beispiele, da fällt mir auch das Stichwort ein. Das Thema betrifft eben auch nicht nur tatsächlich Menschen mit Behinderung, sondern das zu berücksichtigen hat einen Vorteil eigentlich für alle Menschen, die diese Software benutzen, denn das ist für alle hilfreich. Dass ein Tastaturfokus wahrnehmbar ist, dass man von den Farbkontrasten her etwas gut erkennen kann. Das heißt, wenn man sich das so bisschen auf die Fahne schreibt, ist das ja sozusagen im Interesse aller Anwenderinnen. Das ist ein wichtiger Punkt. Ich vermute, dass du deshalb auch auf keine großen Widerstände in der Entwicklungsabteilung für diese Anwendung gestoßen bist. Trotzdem wird es natürlich Herausforderungen gegeben haben, das umzusetzen, denn es ist unserer Erfahrung nach einfacher, etwas, was neu entwickelt wird, dann barrierefrei gleich zu entwickeln, als etwas, was schon eine Zeit lang Bestand hat, dann anzupassen. Da seid ihr auf dem Weg. So habe ich das verstanden. Ist das richtig?
Norbert Gooßens
00:13:50
Das ist an der Stelle richtig. Am Anfang hatte ich natürlich Probleme, als ich von der digitalen Barrierefreiheit sprach. Keiner konnte sich wirklich vorstellen, dass eine Barrierefreiheit mit IT zu tun haben kann. Aber wenn man sich überlegt, dass Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen die Anwendungen auch bedienen möchte, dann sieht man, dass die Barrierefreiheit nicht nur für den Rollstuhlfahrer wichtig ist, der ein Gebäude vielleicht erreichen soll, sondern auch für alle Menschen, einen Computer bedienen. Und das war am Anfang natürlich etwas problematisch, weil keiner das hören wollte. Aber durch die Kontinuität ist es mittlerweile auch an der Stelle dann soweit vorgedrungen, dass man das schon bei der Entwicklung auch betrachtet. Oder mich auch frühzeitig bei der Entwicklung miteinbezieht und meine Expertise dort auch noch weiter zu.
Nadia David
00:14:41
Ja, das ist gutes Stichwort, was du mir an dieser Stelle gibst, weil das eine ist natürlich Barrierefreiheit von Anfang an mitzudenken und dann die Expertise sozusagen einzuholen. Innerhalb von RWE kann man dich als Ansprechpartner dahin zuziehen. Wenn du dich jetzt mit einer Software auseinandersetzt, dann würde uns interessieren, mit welchen Testmethoden gehst du denn an die Analyse der Barrierefreiheit heran, beziehungsweise was hat sich für dich in der Praxis als sehr nützlich herausgestellt.
Norbert Gooßens
00:15:12
Also die Richtlinien, nach denen ich das mache, das ist ja zum einen die WCAG, aber auch BITV sind die Richtlinien, auf die ich achte. Aber für unser Unternehmen habe ich dort nur Teilbereiche rausgenommen. Mittlerweile habe ich mir in den Jahren, in denen ich das mache, bereits über 1000 Programme mir diesbezüglich angekuckt. Ich kann keine vollständige Prüfung der Barrierefreiheit nach WCAG machen. Zum einen, weil dort dann keine Anwendung mehr im Unternehmen einsatzbar wäre, wenn ich das wirklich fordern würde. Aber dafür bin ich auch Mitarbeiter des Konzerns und möchte natürlich, dass auch das Geschäft des Konzerns weiterläuft. Allein das Erhöhung des Bewusstseins für die digitale Barrierefreiheit reicht an der Stelle aus und deswegen habe ich auch nur einen begrenzten Katalog, den ich bei der Bewertung der Anwendungen mir dann vornehme.
Nadia David
00:16:14
Hast du eine ungefähre Zahl an Aspekten, die du da überprüfst?
Norbert Gooßens
00:16:18
Ich habe es ja eben schon einmal erwähnt, das waren die Punkte, die ich gucke. Das sind die Hauptpunkte auch, die man in der WCAG findet. Ich bin natürlich immer gerne bereit, da auch weitere Punkte mit aufzunehmen, wenn ich das gut umsetzen kann. Und das letzte waren jetzt die im Browser, diese Shortcuts-Listen, die wir haben, um vielleicht die Menüs zu überspringen, wenn man mit der Tastatur tippelt. Das das, glaube ich, an der Stelle. Und diese Prüfung habe ich bisher nicht gemacht, aber mittlerweile ist sie auch bei mir ein Standardpunkt, der betrachtet wird. Ich habe für den Browser auch ein Hilfsmittel. Das ist ein Browser Plugin, kostenloses. Das ist das ARC Toolkit, mit dem ich diese Prüfungen auch zum Teil durchführen, weil mir dieses Plug-in zum Beispiel die Tastaturreihenfolge symbolisiert. Sie macht für mich eine durchgehende Linie über alle Elemente, die in der Tabulator-Reihenfolge sind und zeigt das auf dem Bildschirm. Da kann man allein optisch gut sehen, welche Elemente nicht in dieser Tastaturreihenfolge drin sind. Und das hilft an der Stelle natürlich ungesagt.
Nadia David
00:17:36
Das nehmen wir in die Show Notes zu der Episode auf. Da können die Zuhörerinnen und Zuhörer sich dann noch weitere Informationen holen. Vielen Dank für den Tipp. Du hast eine, ich würde schon fast sagen, Historie hinter dir im Unternehmen, eine Position, die von den Inhalten her und von der Detailgestaltung her, so höre ich das heraus, einer ständigen Weiterentwicklung unterliegt. Und was würdest du, und das ist die Bitte, ich sozusagen am Abschluss unseres Gesprächs habe. Was empfiehlst du anderen Unternehmen, die Barrierefreiheit in ihrer Softwareentwicklung ernst nehmen möchten? Welche ersten Schritte sollten diese Unternehmen gehen, die eben auch noch keinen Barrierefreiheitsexperten im Team haben?
Norbert Gooßens
00:18:17
Also was ich da auf jeden Fall sagen kann, ist, dass man Mitstreiter braucht. Bei mir war es so, ich bin in den IT-Ausschuss des Konzernbetriebsrates entsandt worden. Dort sind die Betriebsräte aus allen Gesellschaften. Ich habe das in diesem IT-Ausschuss präsentiert, auch Schulungen dort gemacht und die haben das in ihre Gesellschaften transportiert. Wir haben in der KSV, in der Konzernschwerbehindertenvertretung, auch alle Inklusionsbeauftragte enthalten. Und auch die haben dort meine Präsentationen mitbekommen. Und auch von denen habe ich eine große Unterstützung erfahren. Also das ist auf jeden Fall sind wichtige Mitstreiter, die man auf jeden Fall ins Boot holen soll, damit man solche Sachen auch umsetzen kann.
Nadia David
00:19:05
Ein wertvoller Tipp, den wir gerne weitergeben. Ich bedanke mich besonders bei dir, Norbert, für diesen Einblick in deinen Aufgabenbereich, deinen Werdegang und die wertvollen Tipps, du uns gegeben hast. Und freue mich, dass wir das Interview mit dir führen durften. Ganz, ganz herzlichen Dank.
Norbert Gooßens
00:19:23
Vielen Dank auch, Nadia, dass ich an der Stelle einmal so hier vor einem breiteren Publikum auch präsentieren konnte. Ich weiß, wie wichtig die digitale Barrierefreiheit ist und deswegen stehe ich dafür auch im RWE-Konzern ein und werde das auch weiterhin beraten.
Nadia David
00:19:41
Und dabei ganz viel Erfolg.
Moderationsstimme
00:19:44
Werte und Wandel. Der Podcast, Inklusion in der Informationstechnologie in den Mittelpunkt stellt. Gemeinsam beleuchten wir, wir Unternehmen durch Inklusion nicht nur soziale Verantwortung übernehmen, sondern auch zukunftssicher und erfolgreich reagieren können. Lassen Sie sich inspirieren von spannenden Gesprächen, Experten in Interviews und praxisnahen Einblicken. Ein Podcast des Projekts WERTE.IT, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, unter der Federführung des Blinden- und Sehbehinderten Vereins Hamburg, wissenschaftlich begleitet von der Universität Siegen.