Werte & Wandel Podcast

WERTE.IT

#12 - Andreas Werner der PDV GmbH über erfolgreiche Führung in IT-Projekten

Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken

06.05.2026 25 min

Zusammenfassung & Show Notes

In diesem Gespräch wird die Bedeutung der Barrierefreiheit in der IT und Softwareentwicklung erörtert. Andreas Werner von der PDV GmbH teilt seine Erfahrungen und Einsichten über die Integration von Barrierefreiheit in IT-Projekte, die Herausforderungen, die dabei auftreten, und die Notwendigkeit eines Kulturwandels in Unternehmen. Er betont, dass Barrierefreiheit nicht nur gesetzliche Anforderungen erfüllt, sondern auch einen strategischen Vorteil für Unternehmen darstellt, indem sie die Nutzerfreundlichkeit und die Qualität der Software verbessert. Zudem wird die Rolle der Teamarbeit und interdisziplinären Zusammenarbeit hervorgehoben, um Barrierefreiheit erfolgreich umzusetzen.

Andreas Werner
Leiter Produkt Justiz und Polizei
PDV GmbH * Haarbergstraße 73, D-99097 Erfurt * Deutschland
Andreas.Werner@pdv.de
www.pdv.de

Nadia David
Projektleitung WERTE.IT
david@werte.it
www.werte.it

Transkript

Detlef Girke
00:00:00
Die IT bietet für Menschen mit Behinderung unglaubliche Chancen.
Wolfgang Haase
00:00:03
Damit habe ich mich noch nie beschäftigt.
Detlef Girke
00:00:05
Ich bin einerseits selbstständiger Berater.
Wolfgang Haase
00:00:08
Ich bin Unternehmensberater für Mitarbeiter- und Kundenbindung.
Detlef Girke
00:00:10
Barrierefreie IT und ein inklusiver Ansatz im Unternehmen kann dazu führen, dass man wirklich gewinnbringend Menschen mit Behinderungen auch im eigenen Unternehmen beschäftigen kann.
Moderationsstimme
00:00:21
WERTE & WANDEL - Der Podcast zum Thema inklusives Management in Unternehmen.
Nadia David
00:00:38
Immer mehr Unternehmen erkennen: Digitale Barrierefreiheit ist kein Nischenthema mehr, sondern eine Frage von Qualität, Nutzerfreundlichkeit und Chancengleichheit. Und sie wird zunehmend auch zu einem Wettbewerbsfaktor. Wir sprechen heute mit jemandem, der das Thema ganz praktisch kennt: Andreas Werner, Prokurist der PDV GmbH, begleitet seit vielen Jahren IT-Projekte und weiß, wie wichtig Führung und Kultur für barrierefreie Software sind. Schön, dass Sie heute bei uns sind, Herr Werner. Bitte stellen Sie sich doch unseren Hörerinnen und Hörern einmal kurz vor.
Andreas Werner
00:01:10
Ja, sehr gerne. Mein Name ist Andreas Werner, ich bin Prokurist bei der PDV GmbH, seit 1994 dort im Unternehmen. Und die PDV GmbH selbst ist tätig im Bereich der öffentlichen Verwaltung, dort im Bereich der Digitalisierung. Unser Slogan heißt: "Wir digitalisieren Deutschland, bald auch mit dir." Und wir versuchen tatsächlich seit Anbeginn unserer Tätigkeit im Bereich der öffentlichen Verwaltung die E-Akte einzuführen und damit einhergehend auch Prozesse zu automatisieren. In den letzten zehn Jahren habe ich mich intensiv mit dem Zielmarkt der Justiz beschäftigt und in einem Entwicklerverbund, wo wir die E-Akte stellen, die E-Akte in einigen Landesjustizen und einigen Bundesgerichten eingeführt haben.
Moderationsstimme
00:01:54
Ja, Sie können uns sicherlich ein bisschen was erzählen darüber, welche Rolle Barrierefreiheit eigentlich in Ihrer täglichen Arbeit spielt.
Andreas Werner
00:02:01
Wenn man das mal so ein bisschen Revue passieren lässt, dann kann man durchaus einschätzen, dass die Rolle immer größer wird. Wir merken also sehr deutlich, dass es immer mehr nachgefragt wird. Es gibt ja auch entsprechende gesetzliche Grundlagen, und wir haben es geschafft, in den Softwareentwicklungsprozess die Belange der Barrierefreiheit zu integrieren. Es gibt natürlich solche Punkte, insbesondere wenn ein Kunde sagt, er möchte nun unbedingt eine Zertifizierung. Auch dazu würde ich das eine oder andere noch sagen. Aber es ist eigentlich eine Tätigkeit, die in den normalen Softwareentwicklungsprozess Einzug gehalten hat und immer wieder Betrachtungen findet und Aufmerksamkeit verlangt. Und dann merkt man es auch selbst. Hätte ich früher nie gedacht. Ich selber finde es mittlerweile ganz gut, dass wir zum Beispiel in unserem System durchgängig die Schriftarten vergrößern können, den Kontrast einstellen können, um, ich sag mal, doch, mit der ständigen Bildschirmarbeit das Augenlicht noch ein bisschen zu schonen. Man ist also selber durchaus auch positiv betroffen von den Funktionen, die man selber schafft.
Nadia David
00:03:08
Das ist schön. Viele denken ja bei der Barrierefreiheit zuerst mal an sowas wie gesetzliche Anforderungen. Doch das Thema hat ja doch ein paar mehr Dimensionen und Seiten. Und warum ist denn das aus Ihrer Sicht für Unternehmen, gerade im Mittelstand, wichtig, Barrierefreiheit von Anfang an in IT-Projekten mitzudenken?
Andreas Werner
00:03:26
Zunächst mal ist es natürlich in der öffentlichen Verwaltung erst mal ein gesetzliches Muss. Das muss man schon so sagen. Wir sehen das Geschäft ja generell als Ausschreibungsgeschäft. Wir gehen also nicht zu dem Kunden, wie man es vielleicht beim Autoverkauf macht, wo man dort Postwurfsendungen macht oder Kunden einfach mal anspricht. Sondern wir kommen mit unserer Software nur dann zum Zuge, wenn wir eine Ausschreibung durchsetzen können. Wir sehen seit Jahren keine Ausschreibung mehr, wo das Thema Barrierefreiheit keine Rolle spielt. Ich sage mal so, dass wir mehr und mehr an Rechnern sitzen und Bildschirmarbeit durchführen. Und was notwendig ist, auch wirklich lange durchzuhalten als Arbeitnehmer, ist eben genau dieses Thema einer ergonomischen Gestaltung des Arbeitsplatzes. Da zielt Barrierefreiheit auch ab. Das ist ein ganz, ganz wichtiges Thema. Und nicht zuletzt ist es eben auch eine Frage der Inklusion. Ich glaube, wir haben es als Gesellschaft dringend nötig, dass wir alle, die in der Gesellschaft positiv irgendwas beitragen können, wirklich integrieren. Wir profitieren sehr stark von der Vielfalt in der Gesellschaft, und da gehören auch Menschen mit Einschränkungen dazu. Und auch da ist es notwendig, gerade wenn man mit so etwas Tollem wie Software zu tun hat, wo man doch sehr flexibel ist, dass man eben auch auf diese Belange eingeht. Das halte ich für sehr wichtig.
Nadia David
00:04:47
Ja. Und im Grunde gibt es darüber hinaus ja auch eine ganze Reihe von strategischen und ja auch wirtschaftlichen Vorteilen. Da würde mich interessieren, was denn so in Bezug auf Kundenzufriedenheit, Innovation oder Fachkräftesicherung für Sie da relevant ist.
Andreas Werner
00:05:02
Das Thema Fachkräftesicherung ist natürlich ein Thema. Wir merken sehr stark, dass wir am Markt bestehen, wenn wir die besten und die glücklichsten Köpfe tatsächlich an unser Unternehmen binden können. Und so geht es eben der öffentlichen Verwaltung auch. Das Thema "moderner Arbeitsplatz" spielt eine sehr übergeordnete Rolle. Man hört ja auch immer wieder von Bewerbern in der öffentlichen Verwaltung, die sich die Amtsstuben und die Ausstattung anschauen. Ich glaube aber, dass das mittlerweile ein Märchen ist, denn die Verwaltung ist viel weiter, als wir alle denken. Aber da spielt natürlich auch das Thema eine Rolle: Habe ich ein ordentliches Arbeitsumfeld? Und da gehört eben auch ordentliche Bedienbarkeit der Software dazu, also Software-Ergonomie und auch Barrierefreiheit. Es soll ja auch ein bisschen Spaß machen, der Arbeit tätig zu sein. Und wenn ich mit einer Software, die schlecht bedienbar ist, arbeite, dann wird sich das nicht positiv auf die Motivation auswirken. Was wir gelernt haben im Rahmen der Integration der Barrierefreiheit in unsere Softwareentwicklung ist, dass sie eben sehr, sehr stark hilft, die Beschäftigung mit diesem Thema auch besser strukturierte Oberflächen generell zu schaffen, auch besser bedienbare Oberflächen zu schaffen, die insgesamt auch positiv auf die Gestaltung des Arbeitsplatzes oder der Software, letzten Endes, wirkt.
Nadia David
00:06:18
Also als Treiber, insgesamt Softwarequalität und das Softwareerlebnis, letzten Endes, zu verbessern. Ich würde gerne noch so einen kleinen Blick auf Ihre Arbeitspraxis bei PDV werfen, also das Thema Umsetzung der Barrierefreiheit. Das klingt ja für viele doch häufig noch sehr abstrakt, wird aber in Projekten ganz konkret. Und welche typischen Fehler oder auch nur Missverständnisse begegnen Ihnen denn, wenn es um die barrierefreie Softwareentwicklung geht?
Andreas Werner
00:06:46
Wir haben da durchaus eine gewisse Entwicklung genommen. Kann man sich vorstellen: Wir haben in den 90er Jahren begonnen, Software zu bauen, da spielte Barrierefreiheit überhaupt keine Rolle. Und dann waren wir so in den 2010er Jahren, schätze ich, vielleicht auch schon etwas früher, mit dem Thema zum ersten Mal konfrontiert. Und wie das eben so ist, gerade im Mittelstand, ist man konfrontiert aufgrund konkreter Kundenanfragen. Und was fragt ein Kunde an? Natürlich: "Ist eure Software barrierefrei und habt ihr ein Zertifikat?" Und genau da ist dann genau das passiert, was man eigentlich nicht machen sollte, was man eben vermeiden sollte. Wir haben gesagt: "Ja, Barrierefreiheit, gibt es ja auch." "Was ist denn das eigentlich ganz konkret?" Und haben dann unsere Software angeschaut und haben gesagt: "Wo sind wir denn eigentlich nicht barrierefrei?" Und haben versucht, dort Barrierefreiheit im Nachhinein hineinzubekommen. Und das war ein ziemlich aufwendiger Prozess. Und das ist natürlich viel besser machbar, und ich sagte ja schon auch, wirkt insgesamt positiv auf die Softwarequalität, wenn man das von Grund auf betrachtet. Das war sicherlich einer der ersten Fehler, aber eben auch dem Zeitgeist damals sicherlich geschuldet. Und der zweite Fehler ist, dass man dann immer so in Phasen denkt und sagt: "Ja, okay, jetzt haben wir mal die Zertifizierung erreicht. Jetzt brauchen wir uns mal Barrierefreiheit überhaupt keine Gedanken mehr zu machen." Und dann kommt irgendwann, vielleicht läuft die Zertifizierung aus, vielleicht gibt es eine neue gesetzliche Grundlage. Und dann schaut man sich das Thema wieder an und dann stellt man fest: "Oh, ja, damals hatten wir eine schöne Tastaturbedienbarkeit, die haben wir jetzt leider gar nicht mehr, weil wir haben die letzten zwei, drei Jahre nicht dran gedacht, oder eine Tabreihenfolge." Also generell Tastaturbedienbarkeit. "Oder wir waren mal so schön bedienbar im Sinne von Kontrast, und das haben wir leider irgendwie jetzt nicht dran gedacht." Es ist also einfach dringend notwendig, die Belange der Barrierefreiheit, und da ist das vielleicht ... es gibt vielleicht mehr, und vielleicht auch gar nicht so viel, worum man sich kümmern muss, ständig bei der Softwareentwicklung zu betrachten und sich ständig Gedanken zu machen, ob man das, was man dann eben tut an Änderungen in der Software, ob das jetzt Barrierefreiheit verbessert oder überhaupt beachtet. Ja, das Ziel muss dann eben sein, wenn ich eine neue Funktion schaffe, dass ich den bestehenden Stand, den ich erreicht habe, permanent eben weiter am Leben erhalte und nach Möglichkeit sogar noch weiter verbessere.
Nadia David
00:08:54
Und welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach in diesem Zusammenhang eigentlich die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Fachbereichen, also Design, Entwicklung, Testen bei der Softwareentwicklung?
Andreas Werner
00:09:07
Ja, da haben wir es bei uns im Unternehmen eigentlich gar nicht so schwer, weil wir haben sogenannte cross-funktionale Teams gebildet. Das heißt, wir haben so eine Teamstärke, die liegt so zwischen 10 und 15 Personen, und es sind in diesem Team alle Personen, die man braucht, Software zu entwickeln. Also letzten Endes ist das Thema eigentlich gar nicht, dass die Leute sich miteinander austauschen, sondern sie arbeiten zusammen im täglichen Leben. In diesem Team haben wir tatsächlich Oberflächendesigner, wir haben richtige Entwickler, wir haben Kernentwickler, richtige Entwickler, Kernentwickler, haben Qualitätssicherer, haben Tester, wir haben Kollegen, die dokumentieren, in dem Team drin. Und an sich wird die Software funktionsbezogen, also tatsächlich für einzelne Anforderungen, in diesen cross-funktionalen Teams in gemeinsamer täglicher Arbeit vorangetrieben. So dass der Austausch zwischen den einzelnen Bereichen, also Designer und Entwickler zum Beispiel, gar nicht so das große Thema bei uns ist. Das ist also durch diese cross-funktionalen Teams, die dazu eben noch agil arbeiten, geschaffen. Das hat sich sehr positiv ausgewirkt. Früher hatten wir tatsächlich in der Entwicklungsabteilung eine Konzeptionsabteilung, eine Qualitätssicherungsabteilung, eine Dokumentationsabteilung. Da haben wir gemerkt, da geht so viel verloren, weil da doch so ein bisschen so ein Lagerdenken dann auch stattfindet. Dass wir gesagt haben: "Nein, wir müssen die Funktionalitäten, sei es auch noch so klein, immer in der Vielfalt der einzelnen Profile der Mitarbeiter zusammen vorantreiben." Und die täglich miteinander arbeiten, die Kollegen. Das hat sich sehr positiv entwickelt. Viel wichtiger aus meiner Sicht ist in dem Zusammenhang, dass man bei der Definition der Anforderungen, mit dem Kunden gemeinsam oder aus fachlicher Sicht, immer ein Augenmerk auf die Barrierefreiheit legt. Weil wenn man es dort nicht tut, dann tun es die folgenden Prozesse auch nicht oder vielleicht nur durch Zufall. Das heißt also, wir haben bei uns ein Template entwickelt, eine sogenannte Anforderungsspezifikation. Und da spielen natürlich immer die Dinge eine Rolle, was man sich gemeinhin so vorstellt. Welche Funktionalität soll denn geändert werden? Welcher Use Case soll denn abgebildet werden? Da gibt es einen Funktionsknopf und einen Dienst im Hintergrund. Das wird alles beschrieben. Das hat man auch immer. Aber wir haben auch immer nicht-funktionale Anforderungen. Zum Beispiel: "Darf die Software dadurch langsamer werden?" "Wie schnell muss sie eigentlich sein?" Und wir haben immer ein Kapitel "Barrierefreiheit". Und dieses Kapitel haben wir immer untergliedert mit den typischen Sachen, die wir einmal durch Schaffung von Infrastruktur in der Softwareentwicklung geschaffen haben, die wir auf hohem Niveau halten wollen. Also solche Fragen wie: "Gibt es ein Hotkey?" "Wie passt der in unsere Hotkey-Struktur?" "Wie sieht das Ganze mit den Tabreihenfolgen aus?" Die werden dann auch in Checklisten in der Qualitätssicherung geprüft. "Wie sieht generell das Design aus?" "Wie sind wir im Hochkontrastmodus?" "Können wir zoomen?" "Können wir Farben ändern?" Das sind alles solche Punkte, die dort eine Rolle spielen, um Sachen, wo man bei der Anforderung, weil man sich ja da sehr stark auf die Funktionalität bezieht, wo man dann die Barrierefreiheit ein Stück weit aus dem Blick nimmt, dann eben schon beim Überlegen, was möchte ich eigentlich an meiner Software ändern, dann auch mal diese Rolle desjenigen, der die Barrierefreiheit betrachtet, dann immer mit einnimmt. Und es gibt keine Anforderungsspezifikation, wo das nicht betrachtet wird. Es gibt sicherlich Anforderungsspezifikationen, wo wir sagen: "Da spielt das keine Rolle", wenn wir irgendwas im Backend ändern bei uns, zum Beispiel. Aber auch da wird überlegt, ob das wirklich so ist. Dann wird in die Anforderungsprozesse geschrieben, dass das nicht relevant ist. Aber immer dann, wenn es an der Oberfläche geht, wird dazu auch etwas geschrieben. Das ist aus meiner Sicht die Grundlage dafür, dass man das in der Entwicklung oder in den Folgeprozessen betrachtet, bis hin zu den Tests.
Nadia David
00:12:50
Das ist sicherlich für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer ein ganz wichtiger Hinweis, eben von Anfang an schon in den Gesprächen mit dem Kunden das alles festzuzurren und klarzustellen. Haben Sie denn vielleicht ein konkretes Beispiel oder so was wie Best Practice aus der PDV GmbH, wo Barrierefreiheit erfolgreich integriert wurde, vielleicht sogar mit unerwartet positiven Effekten?
Andreas Werner
00:13:14
Wir haben 2017 einen neuen Client entwickelt und haben dort auf neue Technologien gesetzt und haben dort Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht, anders als bei den Produkten, die vorher entstanden sind. Wir haben gemerkt, in nachfolgenden Schritten, sowohl was den Kundenerfolg angeht, als auch was die Schulung angeht – da kriegt man Feedback von den Anwendern –, als auch durchgeführte Zertifizierung, dass wir einen ganz guten Stand von vornherein hatten. Das war wirklich ein positiver Schritt. Und da wir, wie das in IT-Firmen ja immer mal wieder vorkommt, vor einem Technologiewechsel stehen – da stehen wir gerade wieder davor –, spielt das eben auch eine wesentliche Rolle. Mittlerweile sogar auch bei der Auswahl des Entwicklungswerkzeuges und der entsprechenden Bibliotheken, die man verwendet, damit man dann eben es nach Möglichkeit auch einfacher hat, die Sachen umzusetzen.
Nadia David
00:14:03
Ja, das bringt mich eigentlich schon so ein bisschen zum nächsten Themenkomplex, nämlich das Thema Führung. Wenn Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht werden soll, dann braucht es da sicherlich auch eine Art Kulturwandel innerhalb des Teams. Sie haben ja schon so ein bisschen erzählt, was sich alles geändert hat. Also es gibt keine einzelnen Abteilungen mehr, sondern es gibt ein großes Team mit allen Aufgabenbereichen, die zur Entwicklung dazugehören. Meine Frage geht eher so in die Richtung, wie sich denn die Führungsaufgaben verändert haben, wenn man jetzt die Barrierefreiheit als Qualitäts- und Innovationsfaktor begreift.
Andreas Werner
00:14:37
Das Thema ist vielgestaltig. Und zunächst einmal hat es einen strategischen Punkt. Man muss sich als Firma, aus unserer Sicht, positionieren in so etwas wie Visionen, Missionen. Was möchte man eigentlich erreichen? Wir wollen Software tatsächlich gestalten, die die öffentliche Verwaltung effektiver macht und eben auch mit dem demografischen Wandel gut umgehen kann, also letzten Endes auch gut eingesetzt werden kann. Wir möchten, dass wir einen täglichen Mehrwert mit unserer Software bei unseren Kunden erreichen können. Diese strategische Positionierung heißt, dass wir nach Möglichkeit sehr inklusiv vorgehen, weil wir wissen, dass die Arbeitswelt positiv davon lebt. Auch das ist eine Positionierung, die man als Firma treffen muss. Wir sind eine Firma, die sehr stark auf große Diversität setzt, auch wenn wir vielleicht gar nicht in unserem Bereich so divers aufgestellt sind. Wir sind ja in Thüringen, an unserem Hauptsitz kein international tätiges Unternehmen. Nichtsdestotrotz haben wir tatsächlich aus mehreren Ländern Personen bei uns, und wir empfinden das eben sehr als Bereicherung. Wenn man das eben als Grundlage dann auch sieht, dann heißt das eben auch, dass inklusive Software dann eben auch ein Wert an sich schon mal ist. Das ist so, glaube ich, das eine, die generelle Positionierung. Wo möchte ich eigentlich hin? Was möchte ich eigentlich erreichen mit meiner Tätigkeit? Dann geht es natürlich darum, dass man das auch im täglichen Leben umsetzt. Da gehört sicherlich dazu, dass man überhaupt erst mal Informationen bereitstellt, also so was wie Schulung zum Thema Barrierefreiheit. Wir haben bei uns ein Schulungsprogramm entwickelt, wo jeder Mitarbeiter, der bei uns in die Firma kommt, zwei Wochen lang ein Trainingsprogramm durchmacht. Da versuchen wir nicht nur die Werte und die Inhalte, was wir bei uns in der Firma tun, zu vermitteln, sondern eben auch Grundlagen der Barrierefreiheit. Was ist das eigentlich? Was gibt es für rechtliche Grundlagen? Worauf muss man bei der Softwareentwicklung oder auch generell bei der Einführung von Software achten, wenn es in Richtung Barrierefreiheit geht? Dass jeder erst mal ein bisschen Basiswissen hat. Dann heißt es aber auch, dass wir in der Softwareentwicklung entsprechende Infrastruktur bereitstellen und dann eben auch am Leben erhalten. Also so was wie Checklisten, so was wie Listen von Tastaturbedienungen, so was, das man auch einfordert. Bei jeder Softwareentwicklung – wir haben eine ganze Reihe von Produkten – wird das in gleicher Art und Weise gemacht. Das, was ich manchmal Infrastruktur nenne. Und dann halt immer wieder die Sensibilisierung darauf. Wie wir das mit Infrastruktur befördern, indem man so in ein Template reinschreibt, man Anforderungen aufnimmt. Aber auch, dass man immer wieder darauf sensibilisieren muss und sagen muss: "Denkt bitte schön auch an die Barrierefreiheit." Also von der Strategie bis zum täglichen Arbeiten muss das immer wieder eine Rolle spielen. Nur so kann es, glaube ich, gehen. Wenn man nur die Strategie verfolgt und dann aber eben das nicht auf das Tagesgeschäft herunterbricht, dann bringt das nichts. Und wenn man eben nur im Tagesgeschäft im kleinen Kleinen tätig ist, ohne die Anbindung an die Strategie zu haben, dann ist das, glaube ich, auch nicht optimal.
Nadia David
00:17:41
Können Sie vielleicht noch in kurzen Worten sagen, ob Sie einschätzen, dass bestimmte Kompetenzen bei Projektleiterinnen und Projektleitern oder Führungskräften sehr hilfreich sind, barrierefreie Projekte erfolgreich zu steuern?
Andreas Werner
00:17:54
Genau genommen ist es gar nicht so viel. Und leider ist es eben so, dass man glaube ich es nicht damit getan ist, indem man einfach mal die Gesetze irgendwie zur Verfügung stellt und jeder muss sich das selber durchlesen. Man muss es plakativ machen. Es geht immer wieder dasselbe. Es geht um eine multimodale Bedienung. Mit der Maus, mit der Tastatur, vielleicht mit einer Bildzeile, mit vielleicht einem alternativen Eingabegerät, einer Maus, die man vielleicht mit dem Mund bewegt, weil wir ja unterschiedliche Bedürfnisse haben. Es geht darum, auf verschiedene Sehfähigkeiten zu reagieren, z.B. die Bildschirmdarstellung, die Farbeinstellungen. Es gibt nicht nur eine Möglichkeit, mit dem System umzugehen, mit der bestehenden Schriftart, mit der bestehenden Größe, mit der Maus und mit der Tastatur. Es gibt viele Möglichkeiten, es zu tun. Das muss man ein Stück weit rüberbringen. Wenn man diese Punkte auf eine ganz große Folie oder vielleicht auch im Büro an einer Pinwand hängt, hat man schon sehr viel gewonnen. Das wäre aus meiner Sicht der Punkt, den ich auch darüber bringe.
Nadia David
00:19:07
Vielen Dank. Jetzt bin ich neugierig, ob Sie uns, ja, im Grunde für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer aus dem Bereich der mittelständischen Unternehmen vielleicht drei Ratschläge geben könnten, worauf sie achten müssten, wenn sie starten mit der Entwicklung barrierefreier Software.
Andreas Werner
00:19:27
Man muss sich zunächst mal Gedanken machen, wo man hin möchte und wo man steht. Das Ziel sollte immer sein, es in den Entwicklungsprozess reinzubringen. Und ich glaube, im Mittelstand hat man dort sehr gute Möglichkeiten, weil man viele Möglichkeiten hat, nicht so starren Strukturen zu verändern. Was uns aufgefallen ist – ich weiß nicht, ob das typisch ist für Mittelständler, ich glaube, ist generell auch in der Softwareentwicklung –, dass wir ja heutzutage alle auf den Schultern von Riesen stehen. Also keiner entwickelt Software von Grund auf, sondern es werden sehr viele Bibliotheken, Fremdprodukte auch teilweise benutzt. Und gerade in so einer Querschnittsanwendung wie der E-Akte ist es halt so, dass wir zum Beispiel keine Bearbeitungswerkzeuge haben. Das ist eben das Wort oder das Thema "Viewer" ist keine Geschichte, die wir selber bauen, sondern die wir tatsächlich einkaufen. Es ist ganz wichtig, wenn die Gesamtsoftware barrierefrei sein soll, dass man bei der Auswahl dieser Produkte auf Barrierefreiheit setzt. Das haben wir lange Jahre nicht getan oder nur so spät getan, beziehungsweise sind die Möglichkeiten am Markt auch nicht so 100 % gut. Damit muss man von vornherein rechnen, dass man dann ein gewisses Level an Erfüllung der Barrierefreiheit nicht überschreiten kann. Das ist extrem wichtig. Wenn man eine kleine Anwendung selbst vom Grund auf baut, ein Urlaubsantrag, dann ist das kein Problem. Aber wenn man eine große Anwendung, wie wir in unserem Dokumentenmanagementsystem haben, mit einem eigenen Viewer für spezielle Formate, dann kommt man mit Formatwandlungen in solche Themen rein. Wir merken mehr und mehr, dass dieses Thema "Wie sind denn die integrierten Bibliotheken barrierefrei und wie entwickeln sie sich weiter?" doch ein kritischer Erfolgsfaktor ist. Also da braucht man auch ein glückliches Händchen, um diese entsprechenden Software auszuwählen. Und wichtig ist eben auch, ähnlich wie es unsere Kunden tun, dass man eben bei der Beschaffung solcher Elemente eben auch nicht nur auf die Funktionalität und den Preis schaut. Das macht man vielleicht ständig noch häufig, sondern eben auch auf solche nicht-funktionalen Geschichten wie eben die Barrierefreiheit. Da hat man es dann einfach an. Ja, und alles andere hatte ich schon gesagt, natürlich. Konsequent von der Strategie bis hin ins tägliche Doing. Das Thema Barrierefreiheit nicht als Hauptpunkt zu nehmen, aber immer wieder ein bisschen Schwerpunkt draufzulegen, dann ist man, glaube ich, schon ganz gut aufgestellt.
Nadia David
00:21:58
Zum Abschluss unseres Gesprächs: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der barrierefreien IT-Projekte aus? Was sollten Unternehmen jetzt tun, um nicht den Anschluss zu verlieren?
Andreas Werner
00:22:08
Man muss begreifen, dass barrierefreie Software einfach ein Must-have ist. Dass man am Markt nicht bestehen kann, wenn man sich diesem Thema nicht stellt. Da kann man auch nicht versuchen zu tricksen oder das Thema zu umgehen. Es gehört einfach heutzutage mit dazu. Das ist so wie, als man in den 70er, 80er Jahren noch nichts von fensterbasierten Anwendungen wissen wollte, weil das alles viel zu kompliziert war. Kommandozeilen-Programme gibt es heute auch noch, aber die sind doch nicht mehr so weit verbreitet. Und so ähnlich werden wir es mit der barrierefreien Software auch sehen. Wer dort nicht entsprechende Möglichkeiten schafft, beziehungsweise das betrachtet, der wird schlicht und einfach vom Markt ausgesondert werden. Ich glaube im Übrigen und hoffe das auch sehr stark, dass wir von diesen Spezialanwendungen zur Bedienung wegkommen. Wir haben ja doch sehr häufig reine Vorleseprogramme, reine Programme zum vergrößerten Darstellen. Ich merke mehr und mehr, dass das in die Infrastruktur, die wir generell haben, mit reingeht und halte das für sehr positiv. Also so was wie ein Betriebssystem, ja, das hat das schon integriert. Wir merken auch, dass eben Software, gerade solche Basissoftware, die das schon von vornherein mitdenkt – Beispiel Apple-Produkte –, dass die auch sehr viel weiterkommen, weil sie eben Grundlagen schaffen und auch jeder Entwickler von alleine darüber stolpert, beziehungsweise sich schon sehr viel mitbringt, als vielleicht bei den Althergebrachten Betriebssystemen, mit denen wir auch heute noch an den Rechnern häufig sitzen. Ich will ja keine Namen nennen, wo das erst im Nachhinein geht, und ich merke aber, dass es auch mehr und mehr dort reingeht. Und das ist halt eine tolle Entwicklung. Ich glaube, da sollte man auch Wert darauf legen, dass man eben von diesen Spezialanwendungen oder auch manchmal Speziallösungen, die man der eigenen Software schaffen muss, schlicht und einfach wegkommt. Dass es eben schlicht und einfach auch gar nicht mehr anders geht. Dass man, wenn man einen Button baut, dass man eben darauf hingewiesen wird, dass es da eben auch entsprechend unterschiedliche Auszeichnungen in unterschiedlichen Farben und Größen und Kontrastgeschichten gibt und dass es in ordentlichen Orten gibt. Das würde ich mir sehr wünschen, weil dann merken wir mehr und mehr, dass eben dann diese Software eben auch schon vom Grund auf, alleine aufgrund der geschaffenen Softwarearchitektur oder Infrastruktur, die man als Entwickler so benutzt, eben bessere Barrierefreiheitsfunktionen beinhaltet.
Nadia David
00:24:19
Herr Werner, ich danke Ihnen für die tiefen Einblicke und die praxisnahen Tipps, die sicherlich hoch interessant sind für unsere Hörerinnen und Hörer. Und ich freue mich, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben und uns gegenseitig auf dem aktuellsten Stand unserer Entwicklung halten.
Andreas Werner
00:24:34
Ja, ich fand das Gespräch auch sehr interessant und bleibe gerne in Kontakt.
Moderationsstimme
00:24:41
WERTE & WANDEL. Der Podcast, der Inklusion in der Informationstechnologie in den Mittelpunkt stellt. Gemeinsam beleuchten wir, wie Unternehmen durch Inklusion nicht nur soziale Verantwortung übernehmen, sondern auch zukunftssicher und erfolgreich agieren können. Lassen Sie sich inspirieren von spannenden Gesprächen, Expert*inneninterviews und praxisnahen Einblicken. Ein Podcast des Projekts WERTE.IT, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, unter der Federführung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg e.V., wissenschaftlich begleitet von der Universität Siegen.