Abenteuer Reportagefotografie – Podcast über visuelles Storytelling

Kai Behrmann: Visueller Storyteller und Fotograf

Achtsamkeit oder Intuition? Was in der Street Photography wirklich zählt

Warum starke Street-Fotografie selten nur aus Planung oder nur aus Bauchgefühl entsteht – und weshalb erst das Zusammenspiel beider Fähigkeiten wirklich gute Bilder möglich macht.

15.03.2026 56 min

Zusammenfassung & Show Notes

Viele Fotografen stellen sich die Frage: Entstehen gute Street-Fotos aus bewusstem Beobachten oder aus spontaner Intuition? Im Gespräch mit Thomas B. Jones gehe ich genau dieser Frage nach. Wir sprechen über Wahrnehmung, Erfahrung, das Lesen von Situationen und darüber, warum Intuition in der Fotografie meist nichts Mystisches ist – sondern das Ergebnis von jahrelangem Training. 

Viele Fotografen stellen sich die Frage: Entstehen gute Street-Fotos aus bewusstem Beobachten oder aus spontaner Intuition? Im Gespräch mit Thomas B. Jones gehe ich genau dieser Frage nach. Wir sprechen über Wahrnehmung, Erfahrung, das Lesen von Situationen und darüber, warum Intuition in der Fotografie meist nichts Mystisches ist – sondern das Ergebnis von jahrelangem Training.

Street Photography bewegt sich oft in einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite steht die bewusste Beobachtung einer Szene, auf der anderen Seite das schnelle, intuitive Reagieren auf einen Moment.

Diese beiden Ansätze sind keine Gegensätze. Im Gegenteil. Erst im Zusammenspiel entfalten sie ihr volles Potenzial. Achtsamkeit hilft uns, Situationen überhaupt wahrzunehmen. Intuition erlaubt uns, im richtigen Moment zu reagieren.

Hier findest du den Blogartikel, auf dem diese Podcast-Folge basiert: https://www.abenteuer-reportagefotografie.de/blog/street-photography-mit-intuition

// Kuba: Bilder, Geschichten und Infos über Workshop //

Im November und Dezember 2026 war ich wieder mehrere Wochen in Kuba unterwegs.

Entstanden sind Bilder und Begegnungen, die vom Alltag auf der Insel erzählen: Sie zeigen Brüche, Nähe, Improvisation und dieses schwer zu fassende Lebensgefühl, das Kuba so besonders macht.

Am 24. März 2026 (19 Uhr) nehme ich dich in einem Webinar bei Zoom mit auf diese Reise.

Ich zeige neue Arbeiten, erzähle die Geschichten hinter den Bildern und spreche darüber, wie sie entstanden sind. Entscheidungen vor Ort, Zufälle, Umwege – und warum manche Motive bleiben, andere nicht.

Gleichzeitig bietet das Webinar Raum für Austausch und konkrete Informationen zu einem geplanten Kuba-Workshop im Februar 2027. 

Wie werden wir vor Ort arbeiten? Für wen ist der Workshop gedacht? Was erwartet dich fotografisch – und was darüber hinaus? 

All das möchte ich offen vorstellen und gemeinsam mit dir diskutieren.

Das Webinar richtet sich an alle, die sich für Kuba, Reportage- und Street Photography interessieren, sowie an diejenigen, die darüber nachdenken, im kommenden Jahr mit mir auf die Insel zu reisen.


// Du fragst, wir antworten //

Im Podcast sollst du zu Wort kommen!

Hast du Fragen, spannende Themen oder einfach Gedanken, die du schon immer mal loswerden wolltest? Dann schreib uns!

Unser Q&A-Format lebt von deinen Beiträgen – und wir freuen uns riesig, deine Fragen zu beantworten. 
Egal, ob du Tipps brauchst, neugierig auf unsere Meinungen bist oder einfach eine lustige Anekdote erzählen möchtest – dein Feedback ist herzlich willkommen!

Schick uns deine Fragen & Feedback per Mail an: kaibehrmann@web.de und sei Teil einer unserer nächsten Folgen. 

Keine Frage ist zu klein, zu groß oder zu verrückt – wir freuen uns auf deine Ideen!

// Werbung //

Mit neuem Konzept ist der GATE7-Podcast nun der Podcast der interaktiven Lernplattform “Abenteuer Reportagefotografie”. Hier dreht sich alles um visuelles Storytelling in der Street- und Reportagefotografie.

Thomas B. Jones und ich helfen dir, mit deinen Bildern spannende Geschichten zu erzählen - ob in der Familie, in der Freizeit oder auf Reisen. Lerne, wie du die Bilder machst, die dich und andere begeistern.

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  • Live-Webinare
  • Exklusive Podcasts
  • Fotografie-Geschichte: Was du von den großen Meistern lernen kannst.
  • Regelmäßige Aufgaben mit ausführlichem Feedback 
  • Videokurse
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Aktuelle Workshop-Termine findest du hier: https://www.abenteuer-reportagefotografie.de/erlebnis-workshops

Unser Buch: "Mit Bildern Geschichten erzählen: Wie du Storytelling gezielt in deiner Fotografie einsetzt" (dPunkt-Verlag)

Du hast Fragen oder Feedback? Dann schreib uns gerne – wir freuen uns, von dir zu hören: kaibehrmann@web.de

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Transkript

Thomas B. Jones
00:00:01
Reize bewusst auszublenden ist ganz wichtig, glaube ich. Also würde ich sagen, okay, das interessiert mich im Moment nicht. Auch mal was zu ignorieren. Auch im Blickfeld versuchen Dinge zu ignorieren.
Kai Behrmann
00:00:32
Ja, hallo und herzlich willkommen zu einer weiteren Episode des Abenteuer Reportage Fotografie Podcast. Heute sprechen Thomas und ich über das Thema Achtsamkeit, beziehungsweise was auf der anderen Seite von Achtsamkeit steht, nämlich Intuition und Bauchgefühl. Du kennst das vielleicht, manche Bilder entstehen aus einer reinen Reaktion heraus, der Moment ist einfach da und dein Finger drückt den Auslöser, bevor dein Kopf überhaupt versteht, was in diesem Moment gerade passiert. Andere Bilder wiederum wachsen aus bewusstem Beobachten, aus Achtsamkeit und einer inneren Klarheit. Genau mit dieser Frage habe ich mich neulich in einem Blogartikel beschäftigt, in dem es genau um dieses Spannungsfeld zwischen Achtsamkeit und Intuition geht. Und darum, warum beides im Zusammenspiel kein Widerspruch ist. Im Gegenteil, es kann eine sehr effektive fotografische Doppelstrategie sein, die du bewusst trainieren kannst. Den Artikel kannst du auf der Webseite unter www.abenteuer-reportagefotografie.de slash blog lesen. Bloggen ist ja etwas, was von vielen als nicht mehr zeitgemäß angesehen wird. Ich bin da ganz anderer Meinung. Mir macht es auch unheimlich viel Spaß, meine Gedanken schriftlich zu formulieren und genau deswegen habe ich den Blog vor einigen Monaten wieder aktiviert. Es sind da mittlerweile eine ganze Reihe von Artikeln erschienen. Ich versuche, das regelmäßig zu machen. Mein Ziel ist es, immer montags einen neuen Beitrag zu veröffentlichen. Das klappt nicht immer, aber das Ziel der Regelmäßigkeit bleibt bestehen. Und wenn du darüber informiert bleiben möchtest, wann ein neuer Artikel erschienen ist, dann trage dich am besten in den Newsletter ein, auf der Webseite oder in deiner Podcast-App. Dort findest du in den Shownotes den klickbaren Link. Außerdem informiere ich über diesen Newsletter immer wieder auch über Veranstaltungen, die außer der Reihe stattfinden. So zum Beispiel am 24. März um 19 Uhr findet bei Zoom ein Webinar statt, in dem ich über meine letzte Kuba-Reise im November, Dezember vergangenen Jahres berichte. Kuba ist ja ein sehr aktuelles Thema, auch in den deutschen Medien findet es immer wieder statt aufgrund der weltpolitischen Lage. Insofern ein Land, auf das es sich zu blicken lohnt. Ich habe ja auch vor, dort mal einen Workshop anzubieten bzw. In Kooperation mit Freunden vor Ort. Ob das tatsächlich im Februar 2027 stattfinden kann, hängt natürlich von vielen Faktoren ab, die wir beobachten müssen. Aber auch darüber informiere ich dich, wie so ein Workshop dann aussehen könnte. Also sei dabei, trag dich in den Newsletter ein, dann bekommst du den Zoom-Link zum Meetingraum zugeschickt vorher und ich würde mich freuen, dich dann am 24. März zu sehen. So, jetzt aber zu dem Gespräch mit Thomas über Achtsamkeit und Intuition bzw. Bauchgefühl in der Fotografie. Es kann ja vielleicht auch ein neues Format werden, in dem ich den Blog etwas enger mit dem Podcast verbinde, also Blogartikel als Basis nehme, um sie hier im Podcast mit Gesprächspartnern zu vertiefen und zu erweitern. Lass mich gerne wissen, wie dir dieses Format gefällt. So, und jetzt ab in die Folge. Viel Spaß! Ich grüße dich, Thomas. Hallo.
Thomas B. Jones
00:04:01
Guten Tag, Kai.
Kai Behrmann
00:04:04
Thomas, wie viel Erfahrung hast du mit Psychologen? Warst du schon mal auf der Couch?
Thomas B. Jones
00:04:10
Nee. Haben die überhaupt noch eine Couch?
Kai Behrmann
00:04:17
Meinst du, das ist ein überholtes Bild?
Thomas B. Jones
00:04:19
Ja, das ist ja oft so. Man muss solche Dinge ja mal prüfen. Man sagt immer, man ist beim Psychologen auf der Couch. Vielleicht haben die ja ein Chazelounge oder sowas mittlerweile, was nicht mehr so fancy ist. Einfach nur ein Behandlungsstuhl, ich weiß es nicht. Nee, aber meine größte Erfahrung mit Psychologen, die ich im Moment habe, ist, ich schaue mir auf Apple TV Shrinking an. Eine sehr unterhaltsame Serie kann ich jedem empfehlen, vor allem für Fans von Harrison Ford. Das ist mein eigener Kenntnisstand zur Psychologie.
Kai Behrmann
00:04:51
Ja, steigen wir mit einem Serientipp ein, auch immer gut. Ich habe vor einiger Zeit Freud mir angeschaut, beziehungsweise bin ich so richtig hängen geblieben. Da gibt es ja auch eine Serie über Sigmund Freud. Das bin ich über die ersten drei, vier Folgen nicht hinausgekommen.
Thomas B. Jones
00:05:13
Ja. War es zu trocken? War es nicht, was du erwartet hattest?
Kai Behrmann
00:05:20
Schwer zu sagen, schwer zu sagen. Ich weiß nicht. Manchmal braucht es ja irgendwie so ein, zwei Folgen, bis man so richtig drin ist. Aber in diesem Fall hat dieser Effekt dann nicht eingesetzt. Und ich habe das dann so langsam einschlafen lassen, obwohl ich das Thema an sich sehr, sehr spannend finde. Also Psychologie fasziniert mich, fließt ja auch viel mit in das Storytelling rein, mit dem wir uns so intensiv beschäftigen. Da gibt es ja immer wieder Querverweise. Und so bin ich auch zu dem Thema gekommen, über das ich gerne mal mit dir sprechen wollte heute. Und zwar das Verhältnis zwischen Achtsamkeit und Bauchgefühl oder Intuition in der Fotografie. Draufgekommen bin ich, ich habe neulich mal ein bisschen intensiver mir wieder meinen Lightroom-Katalog vorgenommen. Da bin ich dann mal durch ein paar Fotos gegangen und häufig waren das so Motive oder die Motive, die mir am meisten gefallen haben, waren eigentlich die Motive, wo ich im Nachhinein gar nicht so genau sagen konnte mehr, was mich da in dem Moment dazu bewegt hat, den Auslöser zu drücken. Also dieses sehr gerne hochgehaltene Achtsamkeitsprinzip in der Fotografie, also ganz bewusst sich den Moment zu suchen und dann zu warten im richtigen Moment abzudrücken. Also ein Bild als das Resultat einer Kette von bewussten Entscheidungen, all das ist nicht zutreffend gewesen. Und das hat mich dann dazu geführt, mich da mal ein bisschen das zu hinterfragen, wie diese Balance eigentlich aussieht zwischen diesen beiden Prinzipien und welche Rolle jeweils das eine und das andere spielen. Hast du deine allgemein gefragten Gedanken dazu, zu diesem Verhältnis Achtsamkeit und Intuition?
Thomas B. Jones
00:07:17
Also, wo ich direkt connecten kann, ist, dass ich hin und wieder mal meinen Capture One bei mir aufmache, die Bilder durchschaue und mir denke, was habe ich mir dabei nur gedacht, als ich auf den Ausdätser gedrückt habe. Ja, also ich glaube, was du mit Achtsamkeit und Intuition meinst, da müssen wir so eine Begriffsdefinition natürlich auch mal ein Stück weit machen. Es ist schon so, dass das eine große Rolle spielt in der Fotografie. Ich glaube, dass vieles, was in unseren Köpfen vorgeht, stark beeinflusst, wo wir unsere Kamera hinrichten und wann wir dann auf den Auslöser drücken, weil sich das einfach nicht so wirklich trennen lässt. Also klar, wenn ich jetzt hier im Studio irgendwie Klospülungen fotografiere, dann habe ich jetzt vielleicht nicht so den tiefen psychologischen Gedanken dahinter und das beeinflusst nicht unbedingt meine Bilder ganz so stark, was sich mit dem gerade im Kopf sonst so vor sich geht. Wenn ich aber an freien Projekten arbeite, wenn ich Porträts schieße, wenn ich Street-Fotografie mache oder auch wenn ich vielleicht auch in eine Reportage reingehe, beeinflusst natürlich dann die eigene Gedankenwelt definitiv, wann ich wie wo auf den Auslöser drücke. Also ich glaube, die Sachen sind auf jeden Fall nicht hundertprozentig voneinander trennbar. Man kann es ein bisschen mehr zulassen oder weniger zulassen. Das kommt vielleicht bei mir mit der beruflichen Erfahrung und dem, was ich fotografiere, muss das vielleicht ein bisschen mit reinkommen. Ich merke aber sehr wohl, dass ich es in freien Projekten auch die Zügel da lockerer lasse und mein Unterbewusstsein auch ein bisschen die Kamera bestimmen lasse.
Kai Behrmann
00:09:01
Mhm. Hilfreich ist es ja, sich mal anzuschauen, was oder wie man diese Begriffe überhaupt definieren kann, wo sie herkommen. Das ist eben schon gesagt. Lass uns da mal vielleicht mit anfangen. Auch was Achtsamkeit und Intuition evolutionsbedingt für Funktionen hatten. Wenn wir mal ein paar tausend Jahre zurückgehen, als wir noch durch die Savannen gestriffen sind und überall hinter jedem Busch, der tot lauern konnte in Form von wilden Tieren und Gefahren, da war Achtsamkeit ja etwas Überlebenswichtiges. Also ein Werkzeug, was uns erstmal dazu gebracht hat, unsere Umwelt genau zu studieren, Muster zu erkennen und dann eben auch zu identifizieren, mit was für Geräuschen, mit was für Situationen Gefahren verbunden sind. Also ein sehr, sehr nützliches Werkzeug in dieser Zeit, wo wir umgeben waren von Gefahren und was uns dann eben auch im täglichen Leben damals geholfen hat, diese fokussierte Wahrnehmung.
Thomas B. Jones
00:10:11
Wobei das natürlich, ich habe das kürzlich mal gehabt, das Thema Gelegenheit. Unsere Steinzeit-Menschen-Mechanismen heute natürlich zum Teil zu wirren Ergebnissen führen. Das ist so ein bisschen wie wenn man ein Werkzeug falsch einsetzt. Also dass wir uns heute von einer E-Mail so stressen lassen, dass die Reaktion, die unser Körper und unser Kopf hat, die passiert, ist die gleiche, als würde ein Säbelzahntiger vor uns stehen. Die Gefahr von einer E-Mail ist natürlich eine ganz andere als eines Säbelzahntigers. Dass unsere psychologische und körperliche Reaktion ja dann auch zum Teil, also dass man Schweißausbrüche kriegt oder was auch immer, ist zum Teil aber immer noch die gleiche, weil wir eigentlich nicht für E-Mails gemacht sind vielleicht einfach. Das ist noch nicht genug Zeit vergangen zwischen Säbelzahntiger und E-Mail, als dass wir dann neu darauf eingestellt wären. Das kann manchmal auch zu skurrilen Ergebnissen führen.
Kai Behrmann
00:11:11
Absolut, ja. Da ist unsere Hardware, kommt der Entwicklung manchmal schwer hinterher, dass wir noch mit der Grundausstattung, die damals ihren Sinn hatte, dann heute in unserer heutigen modernen Zeit dann manchmal zu solchen Situationen führen. Wie du sie gerade eben beschrieben hast. Aber ja, ursprünglich hat das eben große Vorteile für uns gehabt, wenn wir eben genau hingeschaut haben. Das Gleiche bezieht sich ja auch auf Mimik, auf Körpersprache, auf Tonlagen, auf diese Dinge, die uns geholfen haben, im sozialen Leben miteinander klar zu kommen und auch unser Gegenüber lesen zu können. All diese kleinen Hinweise, die ja verraten, ob das jemand ist, dem ich vertrauen kann oder ob mir der nicht wohlgesonnen ist, das setzt ja auch erstmal voraus, dass ich diese Muster und diese Hinweise erstmal erkenne. Und ja, aber dann irgendwann rutschen sie auch so in dieses Unterbewusstsein rein und wir sind sehr, sehr schnell in der Lage, auch ohne diese bewussten Denkprozesse anzustellen, Situationen einordnen zu können, was uns dann wieder zur Intuition bringt. Also aus dieser Achtsamkeit, aus diesen erkannten Mustern, erwächst dann irgendwann die Intuition, die uns auch hilft, ein bisschen schneller agieren zu können, Ohne jedes Mal uns da Zeit nehmen zu müssen, um eine Situation en detail zu analysieren, auch gerade in Situationen, in denen wir diese Zeit gar nicht zur Verfügung haben.
Thomas B. Jones
00:12:54
Ja, also das Schöne ist ja, dass wir sehr gute Mustererkennungsmaschinen sind, wir Menschen und wir Muster wiedererkennen und entsprechend darauf reagieren können und ein einfaches Muster kann sein, ich habe die Beeren von dem Busch da gegessen, danach habe ich mich übergeben, das mache ich vielleicht nicht nochmal und immer wenn ich solche Beeren sehe, lasse ich es dann in Zukunft. Also, wie du sagst, simple Lerneffekte, die da bei uns eintreten, die halt in uns drinstecken, die eigentlich unser Überleben sichern sollten früher mal und uns hierher gebracht haben, dass wir heute Podcasts aufnehmen können.
Kai Behrmann
00:13:31
Ja, und dann eben aber auch, wenn wir uns dessen bewusst sind, uns helfen in der Street-Photography oder in der Reportage-Photography jetzt in unserem Fall, eben zu besseren Ergebnissen zu kommen. Also es gibt sicherlich die Art von Street-Photography, die eher von der Achtsamkeit lebt, in der ich mich eher in ruhigeren Umfelden bewege, in der ich die Zeit habe, auch eine Szene zu analysieren, das Licht zu studieren, mir Gedanken zu machen, wie möchte ich die Linienführung hinbekommen in meiner Komposition und wo nicht so viele Elemente sind, die sich schnell verändern und durcheinander laufen. Also dieses Chaos, was ich dann im Vergleich vielleicht an einer belebten Ecke im Zentrum meiner Großstadt habe, wo viele Menschen umherflitzen und dann noch vieles durcheinander geht und ich eben nicht diese Ruhe habe, mich da auf die Situation so einzulassen, wie jetzt bei eher solchen Szenen, wie ich sie gerade eben eingangs beschrieben habe. Was bist du da für ein Typ in deiner Street Photography, wenn du jetzt mal so auf die letzten Monate schaust, wo bewegst du dich dahin? Bist du eher jemand, der in dieses meditative Street Photography reingeht oder dieses hektische Durcheinander?
Thomas B. Jones
00:14:59
Also, ich bin, es gibt ja, diese Definition haben wir auch schon ein paar Mal verwendet, diese Jäger oder diese Sammler oder Angler vielleicht, also die, die eher durch die Stadt rennen, das sind diese Jäger, die wirklich ein Bild nach dem anderen mitnehmen. Bruce Gilden, der immer in Bewegung ist, der glaube ich nicht lange verweilt an der Stelle. Und es gibt die, die sich eine Bühne suchen und dann warten, bis die Protagonisten die Bühne betreten, da vielleicht analytischer rangehen. Ich versuche so einen Mix hinzubekommen. Ich versuche so ein bisschen Location Hopping zu betreiben. Also ich lasse mich treiben erstmal in der Stadt. Ich gehe ein bisschen umher, um ein Gefühl dafür zu kriegen, wie ist die Stadt heute? Also ist die Stadt heute hektisch? Ist die Stadt heute eher ruhig? Sind die Menschen dadurch eher hektisch, eher ruhig? Wie sind die Lichtsituationen? Wie fühlt sich das Ganze an? Und dann finde ich meistens so einen Spot, wo ich denke, oh, das ist jetzt interessant und bleibe dann da stehen und warte ein bisschen auf meine Protagonisten. Ich bin aber auch so, wenn sie nach zehn Minuten nichts ergibt, langweilt es mich dann manchmal auch und ich gehe dann weiter und suche mir den nächsten Spot. Also ich versuche schon nicht ganz so lange an einer Stelle zu bleiben, sondern ich sehe auch den Weg so ein bisschen als das Ziel. Also ich bin auch völlig dufte damit, von so einem Ausflug zurückzukommen, ohne ein gutes Bild heute. Das kann ich sehr gut ab, weil ich es aber auch genieße, keine Ahnung, zwei, drei Stunden einfach durch die Stadt gelaufen zu sein. Und man denkt ja nebenher auch über Sachen nach, die nicht nur Fotografie sind, kannst du ein bisschen was verarbeiten mal. Es ist auch ein Spaziergang ja gleichzeitig. Ich habe auch oft über die Fotografie nochmal ein bisschen was lernen und da diese, also wir es von den Beeren hatten, die Beeren schmecken gut, ich muss nicht davon speien, dann nehme ich mehr von den Beeren. Wenn ich Lichtsituationen finde oder, Ich nenne es mal Sozial-Situationen, die mir taugen, weiß ich, aha, da war jetzt nicht das perfekte Bild dabei, aber prinzipiell die Richtung hat vielleicht gestimmt. Ich habe eine Situation gehabt, das war Ende letzten Jahres, da war ich in der Schweiz und bin auf der Rückfahrt am Tschircher Bahnhof, hatte ich ein bisschen eine Umsteigezeit und bin zu dieser Bahnhofshalle rumgelaufen und da kam die Sonne durch eins dieser Fenster oben im Deckenbereich rein. Da war so ein kleiner Stand, wo irgendwie Würstchen gemacht wurden. Da kam immer wieder, wenn der diesen Deckel von diesen Würstchen aufgemacht hat, kam so ein Dampfschwall raus, genau in dieses Licht rein. Dieses Licht knallt in diese dunkle Bahnhofshalle rein. Mega Lichtsituation natürlich. Und weil ich halt echt eineinhalb Stunden tot zu schlagen hatte, bin ich eineinhalb Stunden an dieser Lichtsituation dran geblieben. Also das war sicherlich das Meditativste, was ich seit langem gemacht habe, weil ich auch wirklich dem Licht nachgehen musste, weil es sich in der Zeit ja schon bewegt hat die ganze Zeit, was wirklich…. Irgendwie sehr entschleunigt war. Ich habe das auch genossen, habe mich aber dann trotzdem zweimal kurz weggetraut, um was anderes zu fotografieren, was mich nicht ganz da gehalten hat.
Kai Behrmann
00:18:06
Mhm, ja. Aber ja, gerade auch dieses Beispiel. Es gibt ja die Street-Fotografen, die sehr, sehr schnell agieren, sich sehr schnell durch die Stadt bewegen und relativ wenig Zeit so an einer Szene verwenden. William Eggleston hat, glaube ich, mal von sich erzählt, dass er jemand ist, der von jeder Szene nur ein Bild macht, also nur einmal auf den Auslöser drückt und dann weitergeht, weil er weiß, dass schon hinter der nächsten Ecke das nächste Motiv wartet, also dass das schier unendlich ist, die Möglichkeiten und verliert sich daher nicht, sich an einer Situation festzubeißen und da aus unterschiedlichen Perspektiven das Ganze fotografiert. Jetzt habe ich dazu neulich ein sehr schönes Zitat gefunden in meinem Interview mit Richard Calver, einem Magnum-Fotograf, der die Gegenposition dazu bezogen hat. Und er hat gesagt, Learn that a chance of taking one picture and having it to be a good picture is very slim. One picture is just the beginning. Maybe by some miracle you happen to be in the right place at the right moment and you press the button and it works. Good luck. Ich beginne mit einer kleinen Sache, die mir aufhört, aber das kleine Sache ist nicht genug, um eine Fotografie zu machen. Es ist nur genug, um mich zu denken, dass wenn ich hier oder die Hintergrund verändern kann, etwas passieren könnte. Also dieser Gedanke, dass es einen Funken, einen Auslöser braucht, um uns aufmerksam zu machen auf etwas, aber es dann darum geht, auch diese Szene auf ihr Potenzial hin zu untersuchen. Dadurch, dass ich mich drumherum bewege, zu schauen, ist vielleicht eine andere Perspektive, die bessere, jetzt in dieser Szene, die du beschrieben hast, mit dem Dampf, wenn ich mich einmal darum bewege, vielleicht kreiert dieser Dampf einen anderen Effekt, je nachdem aus welchem Blickwinkel ich ihn fotografiere. Also sich dann schon ein Stück weit auch verbeißen an so einer Situation, um das ganze Potenzial zu fördern. Und das ist so ein Ansatz, den ich für mich jetzt ja auch immer stärker nutze und wo eben gerade diese Kombination aus Achtsamkeit und dann Intuition sehr, sehr stark zum Tragen kommt. Dass es diesen initialen Auslöser braucht, um aufmerksam zu werden, aber dann eben auch so ein bisschen der Autopilot einsetzt und ich da Wissen, was ich irgendwie mir mal angeeignet habe, auf eine unterbewusste Art und Weise zum Einsatz bringe.
Thomas B. Jones
00:20:52
Ja. Ich glaube, es schließt sich gar nicht gegenseitig aus. Also ich mag den Eggleston-Ansatz und ich habe das ja auch schon ein paar Mal gesagt, dass ich auch versuche, wenn ich mein Bild habe, dann bin ich auch fertig. Das gilt zum Beispiel für diese 10-Minuten-Inseln, die ich mir da einrichte auch. Also wenn ich irgendwo stehen bleibe und sage, okay, das ist das Bild, das hatte ich im Kopf, das war mein Ziel, dann gehe ich auch, dann lasse ich auch los an der Stelle. Bei Eggleston ist es natürlich so, ein Backblech, das halb aus dem Backofen raushängt, davon 20 Bilder zu machen, ist auch reichlich übertrieben. Ich glaube, da kann man es auch wirklich hinkriegen. Er hat ja sehr viele. Nicht stillleben, aber ruhige Bilder, wo wenig passiert, in Anführungszeichen. Da sind viele Bilder zu machen, glaube ich, auch der falsche Ansatz. Da kann man sich nicht dann daran abarbeiten und man kommt, glaube ich, nur minimal vorwärts. Da bin ich genauso. Ich habe ja auch in meiner Street-Photographie gerne mal so menschenleere Situationen, und da versuche ich mit dem Ansatz ranzugehen, sehr viel bewusster zu fotografieren. Also das finale Bild wirklich zu visualisieren und wirklich durch den Sucher zu schauen und wenn ich im Sucher sehe, das ist es nicht, dann drücke ich auch nicht mehr ab, weil früher war ich auch so, ich mache mal so eins und so eins und so eins und so, dann gucke ich es mir nochmal an. Ich sehe es ja eigentlich im Sucher schon, was ich bekomme. Also dieses Overshooting da so ein bisschen zu verhindern, wenn sich daran nichts ändert, außer dass ich mich ändere durch Perspektive, Position und so weiter. Dann versuche ich es bei möglichst wenig zu belasten. Und wenn ich Szenen fotografiere, wo mehr los ist, wo was passiert, dann warte ich halt auf den richtigen Moment, um dann abzudrücken. Ich mache meine paar Übungsbilder, die mache ich gerne mal, um zu sehen, passt Licht und so weiter, alles. Aber das sind die Übungsbilder. Und dann kann die eigentliche Szene kommen. Als wir zwei in Kuba waren, sind wir jeden Tag zusammen durch die Gegend gelaufen und logischerweise fängt man an, einander zu beobachten. Ich fand es ganz interessant, dass wir da ganz ähnlich unterwegs waren. Wir haben ja oftmals, wir haben ja meistens die gleiche Situation gesehen, also die, wie soll man sagen, die absolute Situation, die sich da ergibt. Das ist die Straßenkreuzung, hier kommt die Sonne rein, da kommen die Leute her, die sehen wir ja beide gleich erstmal. Was wir dann mit unseren Kameras draus machen, war ja aber wiederum was anderes. Ich fände es immer total interessant, dich zu beobachten. Was siehst du eigentlich? Was fotografierst du eigentlich? Was mache ich eigentlich hier an der Stelle? Interessant fand ich, dass wir meistens relativ zeitgleich zu dem Punkt kamen, hier kommt nichts mehr raus, wir können weiter. Wie ging es dir, so in einem Duo oder einem Triple mit Dani unterwegs zu sein?
Kai Behrmann
00:23:39
Ja, das ist schon spannend, dann auch die anderen zu beobachten. Es ist ja gemeinsam loszugehen, immer die Frage, welches Ziel verfolgt man da? Also ich glaube, bei uns hat das sehr, sehr gut geklappt, weil wir ja da nicht, wir haben uns zwar auch unterhalten, aber wenn wir unterwegs waren, war uns schon auch klar, dass wir fotografieren. Insofern haben wir, wenn wir was gesehen haben, auch uns dann abgesetzt, sind auch mal mitten im Satz irgendwie rausgegangen und gesagt, Mensch, sorry, ich muss mal hier kurz, ich sehe was.
Thomas B. Jones
00:24:14
Meistens hat es ja nicht mehr dafür gerecht, wir laufen einfach wortlos weg, aber wir wissen ja, was los ist.
Kai Behrmann
00:24:19
Genau, genau, da muss man sich dann hinterher auch nicht entschuldigen und setzt dann da wieder an. Insofern ist da dieses Grundverständnis auch da gewesen. Das ist jetzt anders als ein Fotowalk, wo man vielleicht mit anderen Fotofreunden in der Stadt loszieht und in einer Gruppe von fünf, sechs Leuten ist. Also war da schon auch konzentriertes Fotografieren möglich. Und ja, ich fand es dann auch, oder erst im Nachhinein dann auch häufig zu sehen. Also im Moment hat man schon diese Nuancen gesehen, wie jetzt jeder doch dann ein Stück weit anders rangeht an die Sache, vielleicht auch was die Distanz angeht, welche Position ich dazu einnehme zu einer Szene. Aber dann eben auch im Nachhinein beim Blick auf die Bilder nochmal zu vergleichen, wie unterschiedlich da die Interpretation war. Das ist immer wieder bereichernd, dann auch den anderen Blickwinkel zu bekommen oder für sich selber auch zu erkennen, welche Möglichkeiten es in der Situation noch gegeben hat. Das erweitert dann auch so die Vorstellung des Kraft, vielleicht was Gedanken, den man selber nicht gehabt hat und den du umgesetzt hast. Das waren schon immer sehr, sehr spannende Dinge im Nachhinein. Ja, aber es ist ja so, jeder Ansatz führt auch zu anderen Ergebnissen, beziehungsweise dieser Achtsamkeitsansatz hat seine Berechtigung in der ruhigen Situation und da, wo es ein bisschen hektischer wird, dann ist vielleicht die Intuition, ich habe mal irgendwo den Satz gehört, Intuition ist trainiertes Sehen, was es für mich ganz gut auf den Punkt bringt. Weil es ist ja, wenn wir uns daran erinnern, die erste Fahrstunde, uns da ins Auto setzen, da ist alles noch nicht trainiert. Da ist Kupplung, ist ein bewusster Denkprozess. Wie trete ich die Kupplung durch? Wie lege ich den Gang ein? Das muss ja erstmal erlernt werden. Und genau so ist es auch bei der Fotografie, bis diese Prozesse dann irgendwie so eingeschliffen sind und in Fleisch und Blut übergegangen sind, das dauert ein bisschen. Aber idealerweise kommen wir dann irgendwann auch da an diesen Punkt, wo wir uns über Blende ISO-Zeit keine Gedanken mehr machen müssen, wo wir intuitiv wissen, Wann ich einen Schritt zurückgehen muss, wann es sich lohnt, vielleicht auch in die Szene reinzugehen, um eine größere Komplexität auch reinzubringen durch Staffelungen von Ebenen und wo eine Chance besteht, vielleicht auch, dass eine Person mal reinläuft und mit einer Geste zum Beispiel. I-Tüpfelchen auf dem Bild führt. Also all diese Dinge, dieses trainierte Sehen, finde ich da schon Und sehr spannend und neulich in dem Online-Kurs, den ich gerade zu Street Photography mache, kam eben auch die Frage, wie kommt man da hin, wie schafft man es, diese Bilder zu machen? Wir haben uns das ja auch schon mal gefragt in der Analyse von den Meistern in unserer Podcast-Serie, zum Beispiel bei Alex Webb. Diese unheimlich komplexen Bilder, die arrangiert aussehen, ja aber auch aus der Situation heraus entstanden sind. Also sicherlich auch wieder dieses Zusammenspiel aus Achtsamkeit, er hat eine Situation gesehen, aber dann auch sehr, sehr viele Elemente, die für ihn in dem Moment auch nicht planbar waren, wo dieses intuitive, dieses trainierte Sehen zum Tragen kommt. Wie erklärst du dir das oder was würdest du jemandem raten, der diese Art von Bildern machen möchte und gerade diese Portion Intuition da mit ins Spiel bringen möchte?
Thomas B. Jones
00:28:15
Die Antwort ist halt so einfach und so oft gegeben, wie sie halt auch oftmals frustrierend ist. Üben, üben, üben. Also diese Intuition für solche Situationen, dieses schnelle Reaktionsvermögen, was man damit dann ja oft in Verbindung bringt, ist einfach erlernt und geübtes Wissen. Wenn ich eine gewisse Situation x-mal schon fotografiert habe, x-mal erfolgreich fotografiert habe, wird das nächste Mal leichter fallen, die Situation zu fotografieren. Und am Anfang werde ich es nicht so leicht hinbekommen. Ich glaube, das beste Beispiel dafür ist auch wieder aus in Kuba gewesen. Bei mir, wo abends zurückgelaufen sind, tiefstehende Sonne, wir waren fertig mit dem Tag und ich habe dieses Bild gemacht von dem Mann mit der Mülltüte, in dem dieses Bild von Che Guevara drin ist. Das Bild ist, wenn ich es objektiv betrachte, mit ganz viel Abstand und es ist nicht mein Bild für den Moment mal angenommen, ist es ja kein schwieriges Bild. Da läuft ein Mann die Straße runter, man hält die Kamera drauf und drückt ab und das Licht war halt gut. So viel dazu. Der Trick ist da nicht so sehr, dass ich jetzt eine höchst komplexe Straßenszene fein seziert hätte, wie ein Alex Webb und das in Ebenen strukturiert hätte und so weiter. Der Trick oder die Schwierigkeit an dem Bild war, so schnell reagieren zu können. Nachher von einem Sekundenbruchteil den Mann zu erkennen. Die Lichtsituation zu erkennen, den Hintergrund zu erkennen, die Perspektive zu erkennen, zu wissen, aha, mit meinen 35 mm werde ich hier gut beraten, die Kamera hoffentlich so eingestellt noch haben von gerade eben oder wissen, was ich noch eingestellt habe oder zu wissen, okay, ich war gerade im Schatten, jetzt geht es um die Sonne, also vier Blenden hoch das Ding, und dann Kamera hochreißen, schnell komponieren das Bild und abdrücken. Ich habe zweimal ausgelöst, das zweite Bild davon ist es dann. Das hätte ich vor fünf Jahren nicht hinbekommen, das Bild. Das hätte ich vor zehn Jahren auf gar keinen Fall hinbekommen, das Bild, weil mir die Erfahrung gefehlt hätte. Weil ich einfach die Erfahrung oder die Jahre aufgebaut habe. Solche Situationen schnell lesen zu können. Und das ist, weil ich sie oft gesehen habe. Wenn ich meine Bilder anschaue, ich bin gerade für ein Projekt dran, alte Bilder durchzusichten. Ich habe jetzt Street-Bilder von mir von vor fünf Jahren zum Beispiel mal wieder in der Hand gehabt. Dann denke ich mir schon so, da hat sich schon einiges getan nochmal in den fünf Jahren. Da ist schon ein Unterschied erkennbar. Ich weiß schon, ich sehe schon die Richtungen, die ich wollte, aber damals war es halt noch nicht so gut. Die Bilder sind, die kann man auch zeigen, das ist nicht die Frage. Aber ich sehe, das würde ich mit meiner heutigen Erfahrung anders machen. Auch wenn ich gleich reagiere, das ist ja auch ein Teil dieser Intuition, ah, das ist interessant, aber dann ist es auch, okay, wie mache ich es jetzt dann? Das Umsetzen ist dann ja genauso ein Teil der Geschichte an so einem Bild. Nicht nur zu sagen, ach, das wäre aber ein schönes Motiv gewesen.
Kai Behrmann
00:31:13
So eine Situation zu lesen ist ein gutes Stichwort. Was war es jetzt konkret in dieser Situation mit dem Mann und dem Che-Poster, was da deine Aufmerksamkeit geweckt hat?
Thomas B. Jones
00:31:26
Naja, das Bild, das können wir gerne in die Show Notes reinpacken, damit die Leute wissen, über was wir reden. Da kommt uns ein Mann die Straße runter entgegen. Das Licht im Rücken, das ist ein Gegenlicht. Das ist per se erstmal ein interessantes Licht. So. Dass er in einer, ich sag mal, typisch kubanischen Umgebung steht, also so ein Handkarren im Hintergrund, ein Haus, das patina hat, man erkennt gerade noch so einen alten Straßenkreuz irgendwie in der Ecke, ist für mich dann, aha, Licht ist gut, Kontext ist gut, der Mann sieht semi-spannend aus, aber der Rest hat hohe Punktseiten bekommen in meiner internen Bewertung, sag ich mal. Heißt, das ist schon mal nicht ganz schlecht. Ich drücke mal ab, vielleicht ist es einfach nur ein Bild für die Schublade, wo ich jetzt sagen kann, ah, habe ich in der schnellen Reaktion jetzt richtig das Bild komponiert? Habe ich Ihnen ein Bild an der richtigen Stelle gehabt, damit es an sich ein stimmiges Bild gibt? Was noch dazu beigetragen hat, zu meiner Entscheidung, die Kamera überhaupt hochzureißen, war diese Tüte, die ich an der Hand hatte. Ich habe nicht gesehen, was drin war, aber ich habe sehr wohl die Tüte gesehen. Und wenn ihr so eine Mülltüte, so einen Plastikbeutel irgendwie schon mal in der Hand hattet und denen das Licht haltet, dann, die ist ja so leicht milchig, dann leuchten die ja, wenn die von hinten Licht abkriegen. Und die sagen, oh, das ist bestimmt interessant, wenn das Ding dann auch noch so leuchtet. Das macht das Bild schon mehr als, man geht die Straße runter. Man geht die Straße runter, das ist voll langweilig. Man geht die Straße runter mit Tüte in der Hand, das könnte man vielleicht mal irgendwo zeigen als kleines Leerobjekt. Dass dann dieses Che-Bild drin war, gebe ich zu, habe ich nicht gesehen. Das ist der Bonus, der einfach hochkommt, der dazukommt, der das Bild für mich zu eines meiner besten Bilder macht, am Ende des Tages, die ich je geschossen habe. Vor allem streetmäßig. Aber, Das kann nicht entstehen, also dass der Che dann in der Tüte nach vorne kommt, das passiert nicht, wenn ich nicht alles andere vorher schon erfüllt habe. Also ich kann das Glück nicht haben, dass der Che nach vorne kommt, wenn ich mich entschieden habe, das Bild nicht zu machen. Wenn ich mir einfach nur dachte, ist nett, aber ist langweilig. Nehme ich keine Kamera hoch, Che kommt nach vorne, Kamera in der Tasche. Ganz blöd. Aber diese Entscheidungsabfolge, zu sagen, ah, das ist gut, das ist gut, ich drücke mal ab, dann kann ich hin und wieder, aber das Glück noch in die Karten spielen, dass sowas dann wie mit dem Che passiert. Dass vielleicht in der zweiten Ebene dahinter was passiert, was ich vorher gar nicht gesehen habe. Dass der Gesichtsausdruck sich bei einem Menschen plötzlich ändert. Aber diese Intuition zu wissen, wie das Licht sein wird, wie die Situation sein wird, wie die Geometrie im Bild sein wird. Ich muss es ja antizipieren, weil wenn ich den Mann sehe, bis ich die Kamera oben habe, ist die Situation eine andere. Aber ich weiß, wenn ein Mensch auf der Straße nach vorne geht, geht der auch noch ein paar Schritte weiter. Und das kann ich antizipieren. Und das weiß ich eben, weil ich es gelernt habe, weil ich genug Menschen habe gehen sehen irgendwann. Und all die Punkte führen dazu, dass ich sage, sagt, okay, hier nehme ich die Kamera hoch und dann kann dieses Quäntchen extra dazu führen, dass ein Bild grandios wird. Also nehmen wir ein anderes Bild, was vielleicht ähnlich entstanden ist von Cartier-Bresson, der Mann, der über diese Pfütze springt. Bresson wusste nicht exakt, wie der drüber springen wird. Bresson wusste aber sehr wohl, da ist eine Pfütze und der Mann hat keine Lust, da reinzutreten. Der wird jetzt irgendeine Verrenkung machen, um über diese Pfütze rüber zu kommen. Und glücklicherweise ist er dann genauso rübergesprungen und hat er den so erwischt.
Kai Behrmann
00:34:55
Mhm. Ja, ein tolles Beispiel, was das genau zeigt, also diesen Prozess, der zu solchen Bildern führt, dieser Analyseprozess, der einsetzt, wenn ich initial irgendetwas sehe, was ich interessant finde, damit beginnt es ja. Aber wenn du diesen Prozess zum Ende hättest laufen lassen und gewartet hättest, okay, jetzt kommt mir der Mann entgegen, ich sehe die Tüte, jetzt warte ich noch ein bisschen, was ist in der Tüte drin, dann wäre der Moment vorbei gewesen. Du musst genau diesen Moment abpassen, Aufmerksamkeit, dein fotografisches Denken setzt ein und dann abzudrücken. Und dann haben wir eben das Glück, bei einigen Bildern, nicht bei allen, aber dieses i-Tüpfelchen zu finden, wie dieser Che in der Tüte, den wir erst dann später sehen. Oder eben dieser genau Moment des Absprings, dieses Mannes in der Pfütze, Wie Kadri Bresson ihn da eingefangen hat. Und das zeigt eben ja dieses komplexe Zusammenspiel, eben zu erahnen, was kann sich in einer Situation alles ergeben, ohne genau zu wissen, wie es eben letztendlich sein wird. Und es wird ja auch immer wieder gesagt, wie hoch da auch der Ausschuss ist. Und das muss man ja auch sagen. Also das sind mal Glückstreffer, die man hat. Die passieren aber auch nicht jetzt bei jedem Mal. Aber bei jedem Fotobock kann man eben trainieren, dieses Glück ein Stück weit zuvor. Und zu fordern und die Möglichkeit zu schaffen, dass man sich eben dieses Glück erarbeitet über dieses Bauchgefühl. Ich bin jetzt viel in der Bildbearbeitung drin, schaue mir alte Bilder an, auch jetzt von der letzten Kuba-Reise. Und die Domino-Spieler ist ja ein beliebtes Motiv, die es immer wieder gibt, wo ich auch immer hinschaue, was ergibt sich dort. Und es war jetzt auch eine Konstellation, wo ein sehr, sehr lebhafter Tisch war, wo es hoch herging, einmal Diskussionen zwischen den Spielern, aber auch drumherum standen dann Menschen, die zugeschaut haben und wild diskutiert haben. Also da war auch so der Auslöser. Ich habe irgendwie gespürt, da ist Dynamik drin. Das sind nicht einfach nur vier Leute, die am Tisch rumsitzen und da ganz ruhig die Steine hin und her schieben, sondern da passiert irgendwas. Und da habe ich mich auch in diese Situation begeben, ohne zu wissen, was es jetzt wird. Und letztendlich ist da eines meiner Lieblingsbilder aktuell auch rausgekommen, wo so viel passiert an Emotionen, wo sich über den Tisch hinweg die beiden fast an die Gurgel gegangen wären, drumherum lachen die Menschen, es sind Gesten mit drin. Also ein Bild, was diese ganze Lebendigkeit und diese Impulsivität der Kubaner dann ausdrückt. Und das Bild wäre auch nicht entstanden, wenn ich da nicht stehen geblieben wäre, weil irgendetwas mir gesagt hat, da lohnt es sich genauer hinzuschauen.
Thomas B. Jones
00:37:52
Ja, das hat viel damit zu tun, wie man auch, also mit Wahrnehmung auch, also Achtsamkeit und Wahrnehmung, also die Dinge tatsächlich um sich herum wahrzunehmen, ist ganz wichtig. Ich habe das in Workshops, wenn es um die Repertagefotografie geht und das Beispiel der Hochzeitsfotografie aufkommt, erwähne ich das immer wieder, dass ich mittlerweile auf einem, Auf einem Erfahrungsniveau bin, was Hochzeiten angeht, dass ich einfach schon viele Dinge natürlich vorhersehen kann ein Stück weit. Ich weiß schon ungefähr ja, was passiert, wenn ich auf so einer Hochzeit unterwegs bin. Aber trotzdem muss man meiner Meinung nach auch die Fähigkeit entwickeln, fast schon an zwei Stellen gleichzeitig zu sein. Wir fotografieren primär natürlich mal mit unseren Augen. Du hast eine Situation vor dir, bei so einer Hochzeit passiert irgendwas, da ist die Braut gerade, die spricht mit jemandem und das könnte interessant sein, du bist mit der Kamera da drauf und die Augen sind da drauf fixiert, am besten du guckst durch die Kamera durch. Aber es wäre jetzt schade, alle Sinne, alle anderen Sinne dann auszuschalten in dem Moment. Und ich sage immer, mit den Ohren kann ich nach hinten fotografieren. Ich höre ja den Rest vom Raum. Wenn ich irgendwo den Rest vom Raum mitkriege, ah, da ist Zumult, da lachen ganz viele. Der Bräutigam redet gerade mit seinen Freunden. Das kriegst du ja schon. Also man muss sich ein bisschen konzentriert, kann man in zwei Richtungen arbeiten. Das kriegt man ja irgendwie mit. und dann eben auch entscheiden zu können, okay, das Fromme ist jetzt langweilig, aber ich habe gehört, hier hinten ist irgendwas und dann reagieren zu können und nach hinten zu schauen und das nächste Motiv zu suchen. Also mit den Ohren schon das nächste Motiv zu suchen, was sich nicht in deinem Sichtfeld unbedingt aufhält oder bewegt. Da wirklich möglichst alle Sinne einsetzen, vielleicht auch mal den Geruchssinn im Zweifelsfall, um zu schauen, was ist denn um mich herum noch so los? Was könnte denn als nächstes passieren? In der Street Photography sind es ja auch oftmals Geräusche, die dich darüber informieren, was mir da der Szene gleich passieren wird. Also wenn wir vor allem in Kuba die lauten Autos hören, dann können wir davon ausgehen, wenn es lauter wird, dass es näher kommt und dass es dann auch in unseren Frame vielleicht reinkommt, wenn wir gerade eine Straße im Blick haben oder so. Also ich glaube schon, dass man gut daran tut, alle Sinne zu benutzen auch, wenn man unterwegs ist und möglichst alle Eindrücke mitzunehmen und die ein Stück weit auch zu verarbeiten, um manchmal auch an ganz besondere Bilder ranzukommen.
Kai Behrmann
00:40:16
Mhm. Alle Sinne öffnen, die Wahrnehmung sacken zu lassen, aufzunehmen und dann aber auch wieder ein Stück weit ins Unterbewusstsein rutschen zu lassen. Ich glaube, Achtsamkeit ist eben auch so ein zweischneidiges Schwert. Wenn ich immer bemüht bin, auf alles zu achten, laufe ich auch die Gefahr, von Reizen überflutet zu werden. Das ist ja der Vorteil auch von Intuition, dass es mir eben ermöglicht, nicht alles analysieren zu müssen, weil das mich total überfordern würde. Wenn ich mich auf der Straße bewege, da prasselt so viel auf mich ein, so viele Dinge, die ich analysieren könnte. Wenn ich das alles machen würde, würde ich ja verrückt werden. Und deswegen tut es manchmal auch ganz gut, da eben einige Prozesse automatisch ablaufen zu lassen, aber dann immer wieder auch diesen Wechsel zu schaffen, auf Dinge zu achten, die es wert sind, beachtet zu werden. Also es ist immer so ein Balance, so ein Pendel, was hin und her schwingt und ich finde eine wunderbare Doppelstrategie, die man da einsetzen kann. Das ist nicht ein entweder oder, beides hat seine Berechtigung, aber man muss eben auch wissen, in welchen Situationen hilft mir das eine und in welchen eher das andere.
Thomas B. Jones
00:41:38
Ja, also Reize bewusst auszublenden ist ganz wichtig, glaube ich. Also wirklich zu sagen, okay, das interessiert mich im Moment nicht. Auch mal was zu ignorieren, auch im Blickfeld versuchen, Dinge zu ignorieren, ist manchmal ganz wichtig. Also man muss, glaube ich, mit der Wahrnehmung hier ein Stück weit spielen. Was aber auch dann manchmal, also du kennst es von mir, man muss auch sich selbst ein bisschen ignorieren. Also nicht, was würde ich hier jetzt gut finden, sondern was findet vielleicht auch derjenige gut, der das Bild betrachtet oder in meinem Fall das Bild kauft, spielt da schon auch eine Rolle. Es hat viel in der Porträtfotografie mit dem Eigenbild der Menschen zu tun. Also was sehe ich? Wie sieht die porträtierte Person sich? Was nehme ich wahr? Was sind offensichtliche Dinge, die ich wahrnehme? Was ist was, was die Person vielleicht aber von sich weiß, was ich noch gar nicht wahrgenommen habe? Eine Lehre, die ich sehr früh gemacht habe zum Beispiel in diesem Lesen von Menschen ist, wie lachen die? Also wenn jemand für ein Porträt zu mir kommt, sei es in meinem Studio oder ich fotografiere irgendwo einen Mitarbeiter, ich fotografiere einen Geschäftsführer, einen Politiker, ganz egal. Diese ersten paar Sekunden, wenn man sich begegnet, sind die, wo ich hyperaufmerksam bin. Also ich hoffe immer, ich weiß den Namen schon vorher, weil den vergesse ich sofort, weil das ist das Einzige, worauf ich will ich überhaupt nicht achten im Moment, weil ich aber auf ganz andere Dinge in dem Moment meine Sinne geschärft sind. Zum Beispiel, wie lächelt die Person? Also jemand kommt rein, ich sage, hallo, ich bin der Thomas, mein Gegenüber sagt, hallo, ich bin der Max, keine Ahnung und dann steht mir kurz vor und dann sage ich, ja, bringe ich halt irgendeinen komischen Spruch von wegen wir fotografieren jetzt und super und hast du nicht gesehen, rät irgendwas. Und ich beobachte in dem Moment aber ganz viel. Wie reagiert mein Gegenüber? Weil, also Business-Porträt ist es oft so, man lächelt ja irgendwie auf dem Bild und es ist so in uns reingeprügelt worden in viele, man lächelt mit, indem man die Zähne zeigt, so ein offenes Lachen. Und wenn man die Sekunden, wo noch keine Kamera im Spiel ist, wenn man die richtig beobachtet, den anderen Menschen, kann man feststellen, wie lächelt der gerne? Wie ist sein Selbstbild von seinem Lächeln? Und dann kommen sie vor die Kamera und dann fangen sie nicht an, sich zu verstellen. Weil dann sind sie in dieser Fotosituation. Dann stellt man sich hin und da ist der Fotograf, dann dreht man sich ein bisschen und lächelt nett und hi hi hi, hallo, hier bin ich. Das ist aber meistens nicht das Lächeln, das ich haben will. Das sieht vielleicht auf dem Bild manchmal noch okay aus, für mich, für Dritte, aber nicht für die Person, die ich porträtiere. Bei dieser Begegnung vorher bekomme ich meistens aber ein ehrliches, echtes Lächeln, so wie die Person nach außen wahrgenommen werden will. Lachen die mit offenem Mund, mit geschlossenem Mund? Sind die eher verschlossen? Sind die eher offen? Und die Information nehme ich nachher wieder, um sie wieder in die Situation zu kriegen, sie die Ruhe zu kriegen. und ich sage dann zum Beispiel auch ganz gerne mal, dass ich auch herzlich gerne und viel und laut lache mit offenem Mund. Ich mag es bei mir selber aber auch nicht, wenn mein Mund offen ist auf Bildern. So, entsprechend schließe ich den Mund auf den Bildern wieder. Und dann kann es mein Gegenüber genauso tun. Weil ich gebe denen dann den Freifahrtschein, mit geschlossenem Mund zu lächeln. Das sind meistens die, die halt das andere Lächeln erst versuchen. Das weiß ich aber schon von vorher noch, von vor fünf Minuten, als die Person reinkam. Weil ich sie da gelesen habe und da gesehen habe, Wie lächelt sie denn tatsächlich, wenn sie mir gegenübersteht? Und ich kann ihnen dann nachher die Hand reichen ein Stück weit. Aber wenn ich erst auf die Person schaue, wenn sie vor der Kamera steht, da habe ich wichtige Informationen eigentlich verschenkt. Nämlich, wie steht sie eigentlich vor mir, wenn keine Kamera auf sie gerichtet ist? und das hat manchmal auch mit diesem Achtsamkeitsding zu tun, dass ich darauf achte, wie sind die anderen Menschen? Fühlen die sich gerade wohl, fühlen die sich nicht wohl? Sind die schon in einer Stresssituation? Sehen die schon eine Säbelzahn in meiner Kamera oder nicht? Wie sind die gerade drauf? Und das alles zu lesen, Ich brauche eine gewisse Menschenkenntnis und auch Erfahrung und vor allem eine große, große Routine im Umgang mit deinem restlichen Kram. Also über Licht, Blende, Zeit, ISO und sonstigen Krempel kann ich mir da keine Gedanken mehr machen, weil das lenkt mich komplett von dem ab, was ich gerade eigentlich versuche zu tun, nämlich den Menschen vor mir zu lesen. Da kann ich nicht über Blende Zeit ISO nachdenken. Das muss dann erledigt sein. Entweder ich muss es ausblenden für den Moment oder es muss alles halt schon eingestellt sein quasi, dass ich mir darüber keine Gedanken machen muss.
Kai Behrmann
00:46:13
Wie bist du da hingekommen zu diesem Wissen, dass du, weil viele Fotografen, denke ich mal, werden dann eher so vorgehen, dass sie erst in dem Moment, wo die Person vor der Kamera steht, anfangen zu überlegen oder die Person zu lesen und sich Gedanken darüber zu machen, auf welche Art und Weise sie diese Person porträtieren wollen. Aber du setzt da ja schon weit davor an. Nimm uns mal ein bisschen mit, wie kommt man dahin? Weil das sind gerade so wichtige Erfahrungen, die gesammelt werden, die genau das beschreiben, wie man dieses intuitive Sehen sich langsam erarbeitet.
Thomas B. Jones
00:46:54
Das ist jetzt die schöne Information, die aber vielleicht auch nicht alle freut, durchs Scheitern. Ganz einfach, weil ich ganz oft gescheitert bin mit meinen Bildern. Wenn ich die Zeit 15 Jahre zurückdrehe oder so, habe ich auch oftmals einfach Bilder gemacht von Menschen, ich weiß, ich glaube, denen... Der wichtigste Moment war irgendwann mal ein Bewerbungsbild. Ich könnte nicht mehr sagen, welches es war, aber es war irgendein Bewerbungsbild, das ich von jemandem gemacht habe. Und ich habe die Bilder, ich habe das gemacht. Ich bin ja immer nett und freundlich und spreche mit den Leuten und dann haben wir ein schönes Bild gemacht und jada, jada, jada. Am Ende kamen da Bilder raus, dann habe ich die ausgeliefert, die Bilder. Und als ich die Bilder dann, als die Person schon Tage weg war, angesehen habe, dachte ich mir, die Person dann wieder versucht zu lächeln mit offenem Mund. Aber ich habe ja während dem Shooting eigentlich angemerkt, dass es nicht mag. Und jetzt sehe ich es auf dem Bild und habe jetzt aber das Ergebnis vor mir. Und jetzt kann ich es aber nicht mehr korrigieren. Was ich für mich festgestellt habe, ist, ich bin in dem Moment zu freundlich, zu höflich. Ich will die nicht irgendwie noch mehr verunsichern mit irgendwas. Und dann, wenn ich jetzt noch was darüber sage, wie sie lächeln, oh Gott, dann sind die ja völlig verunsichert. Und deswegen, und das war meine Ausrede für mich, es nicht anzusprechen. Und dann sehe ich hinterher die Bilder und denke mir, Bild ist halt nicht gut. So, das ist jetzt das andere Ergebnis. Klar bin ich jetzt denen irgendwie nicht beim Fotografieren auf den Schlips getreten, sage ich mal. oder habe es irgendwie in eine noch schwierigere Situation gebracht. Aber das Bild ist halt auch nicht gut geworden. Also habe ich ja eigentlich nichts gewonnen in dem Moment. Und da habe ich für mich einfach beschlossen und gesagt, ich sage jetzt was. Also was soll im schlimmsten Fall passieren? Und dann ist mir... Habe ich überlegt, okay, was könnte ich denn sagen? Dann bin ich mir selbst eingefallen. Und das, was ich gerade eben gesagt habe, ich mag meinen Mund auf Bildern geschlossen. Warum? Und das sage ich dann im Gespräch mit den Leuten auch dazu. Warum ist mein Mund zu? Weil meine Nase krumm ist. Meine Nase geht ganz leicht nach rechts. Das sieht kein Mensch, ihr wisst es jetzt. Man sieht es aber sehr wohl, wenn man mich von vorne anschaut und meine Zähne sieht. Weil dann weißt du nämlich, wo die Mitte im Kiefer ist und da ist nicht die Mitte der Nase. Und das sage ich den Leuten, dann lächeln die kurz. Und dann haben sie auch von mir diese Erlaubnis, du musst nicht mit offenem Mund lächeln. Ich mache es auch nicht. Und es sieht trotzdem gut aus. Und es ist völlig okay. Und dann, als ich das das erste Mal gemacht habe mit jemandem, habe ich richtig gemerkt, da hat es richtig einen Schlag getan, wie ein Gewicht von denen abgefallen ist. Weil diese Last, ich muss lächeln, war weg. Ich kann auch mit dem geschlossenen Mund lächeln. Und dann waren die völlig locker. Und es war ein natürliches Lachen. Die Augen sind mitgegangen. Du guckst dir hinterher das Bild an und denkst dir, ich hätte schon früher was sagen sollen. Und seitdem habe ich diese Scheu und diese falsche Höflichkeit vielleicht in dem Moment abgelegt, dass ich die Menschen auf ihr Lächeln anspreche. Ich bin immer noch davon überzeugt, ich mache erst mal ein paar Bilder. Ich lasse die erst mal machen, auch wenn ich weiß, die wollen eigentlich gar nicht so lächeln. Warum? Ich gebe ihnen das Gefühl, dass das, was sie tun, erst mal richtig ist. Niemand will schon vor dem ersten Bild hören, dass er was falsch macht. Das ruiniert es komplett. Erst mal machen wir ein paar Sachen. Und dann zeige ich das denen und dann kommt auch mal schon so ein Spruch von denen vielleicht und dann nehme ich den Ball auf. Und dann gehe ich mit meinem Sprüchle da rein, nehme denen da ein bisschen die Angst, Ich gebe ihnen die Erlaubnis, dann da anders zu lächeln. Aber es ist, weil ich davor viele Bilder gemacht habe, die nicht funktioniert haben. Weil ich viele Bilder gemacht habe, auf denen die Leute... Auf denen ich den Leuten nicht geholfen habe. Das ist das, was mir hinterher, glaube ich, so leidgetan hat, auch ein Stück weit. Ich hätte es ja besser gewusst, aber ich habe ihnen nicht geholfen. Das ist eigentlich voll dumm von mir. Und wie gesagt, schon über 15 Jahre her war ich froh, dass ich die Realisation hatte und seitdem ist das kein Problem mehr. Aber man muss sich das halt selber eingestehen und halt auch mal versuchen, okay, wie kann ich es jetzt ändern? Also mit welchen Worten kann ich so einem besseren Ergebnis kommen?
Kai Behrmann
00:50:56
Mhm, ja. Ja, ganz wichtig, Bilder auch darauf hin zu untersuchen, was nicht funktioniert. Also nicht sofort irgendwie löschen, wenn ich merke, okay, nee, das ist ein Bild, das passt jetzt in diesem Kontext nicht oder auch mit der Intention, mit der es gemacht wurde, sondern sich nochmal diesen Moment zu nehmen und zu analysieren, warum funktioniert das Bild nicht. Was dich letztendlich dann zu der Erkenntnis gebracht hat und zu dem Wissen, was du jetzt heute mit einsetzt, dass du diesen Moment, bevor das Bild gemacht wird, schon nutzt, um da wertvolle Informationen zu sammeln. Das, finde ich, lohnt sich immer und aus eigenen Bildern, aus eigenen Fehlern lernt man so viel und das ist verschenktes Potenzial, wenn man sich da nicht diese Mühe macht, auch Bilder darauf hin zu untersuchen, warum sie nicht funktionieren.
Thomas B. Jones
00:51:55
Und sich auch eingestehen, warum sie nicht funktionieren. Also wir hatten es kürzlich in einer Episode von diesen Dutch Angles, also diese bewusst schräge Bilder. Ein Bild, das leicht schräg ist, dann nicht zu sagen, ihr kennt mich, wenn man schon eine Bildbesprechung mit mir hat, dann wisst ihr es, ich bin da echt penibel, was Horizonte angeht. Aber es dann nicht zu korrigieren und hinterher zu sagen, ah nee, mir gefällt es so, aber besser, obwohl man es eigentlich besser weiß, also sich den Fehler dann auch nicht einzugestehen, dann wird man auch nicht besser. Und das sind ja oftmals, ich verstehe mich nicht falsch, ich habe auch einen Knick in der Optik, meine Bilder sind auch grum, aber ich korrigiere sie halt hinterher. Aber ich mache mir die Mühe. Ich habe mir auch die Mühe gemacht zu schauen, okay, wie korrigiere ich Bilder korrekt? Weil es gibt nicht nur einen Regler, an dem man da drehen muss, Spoiler Alert, um ein Bild gerade hinzubekommen. Aber sich da wirklich auch in der, wenn Kritik kommt, von den richtigen Stellen, also, macht eine Bildbesprechung mit uns, hey, Aber wenn gute, gut gemachte Kritik kommt, die auch Elemente enthält, die ich umsetzen kann, dann muss ich das auch annehmen und annehmen wollen. Und ich habe auch schon ein paar Mal meine Bilder verrissen bekommen, habe aber selbst dann, wenn mir niemand gesagt hat, was ich jetzt anders machen soll in Zukunft, musste ich zumindest die Kritik annehmen und sagen, okay, irgendwas stimmt oder das stimmt nicht am Bild, aber wie kann ich es jetzt anders machen? Und daraus dann meine Lehren zu ziehen und mich zu verbessern.
Kai Behrmann
00:53:27
Ja, ein breites Feld. Achtsamkeit, Wahrnehmung und Bauchgefühl. Ich habe da auch einen Artikel zugeschrieben. Schaut gerne auch mal in den Blog vorbei. Auf der Webseite Abenteuer Reportage Fotografie findet ihr im Wochenrhythmus. Ich habe mir mal vorgenommen, jetzt regelmäßiger wieder zu blocken. Immer montags sollte da ein neuer Beitrag sein. Manchmal schaffe ich es nicht, aber in der Regel immer montags. Schaut da gerne mal vorbei. Einer der letzten Artikel beschäftigt sich eben genau mit diesem Thema, was wir heute hier nochmal im Podcast behandelt haben. Finde ich immer wieder, ja, lohnenswert, sich mal zu fragen, welche psychologischen Aspekte kann man mit in die Fotografie reintragen. Es gibt ein wunderbares Buch zu dem Thema auch von Daniel Kahneman. Ich weiß nicht, ob du das kennst, Thomas, schnelles Denken, langsames Denken, israelischer Psychologe, war auch lange auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Also wer mal so im Bahnhofskiosk oder Buchhandlungen gestöbert hat, der wird das Buch wahrscheinlich da schon mal gesehen haben, im Bestseller. Sehr, sehr dickes Werk, aber lohnt sich da mal reinzutauchen, sind viele Konzepte drin, die es eben verdeutlichen, wie dieses Zusammenspiel aus Achtsamkeit und Intuition funktioniert. Und ja, wie gesagt, man kann daraus auch viel für die eigene Fotografie lernen. Und dann, Thomas, machen wir heute Schluss. Die Sitzung ist vorbei. Wir stehen wieder auf, runter von der Couch und ja, vielen Dank.
Thomas B. Jones
00:55:12
Ich danke. War mir eine Freude. Bis zum nächsten Mal.
Kai Behrmann
00:55:16
Bis dann. Tschüss.