Tannine: Was sie machen, woher sie kommen
17.02.2026 30 min
Zusammenfassung & Show Notes
Das Rückgrat von Rotweinen sind Tannine, trotzdem werden sie oft missverstanden. Tobias und Michael erklären, was Gerbstoffe chemisch sind, warum sie ein pelzig-trockenes Mundgefühl erzeugen und weshalb „zu trocken“ bei Einsteigern häufig eigentlich „zu viel Tannin“ bedeutet. Es geht um Kerne, Schalen und Stiele, um phenolische Reife, Reifepotenzial und Holztannine. Zudem liefern die beiden praktische Pairing-Regeln: Fett und Protein zähmen die Wahrnehmung von Tanninen, Säure und Umami verschärfen sie. Ein ganz und gar nicht trockenes Thema.
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Transkript
Bei Anruf Wein. Der Weinfreunde-Podcast.
Ich grüße euch, liebe Weinfreunde. Mein Name ist Tobias.
Willkommen Bei Anruf Wein. In den vergangenen Folgen haben Michael und ich
bereits über Säure,
Alkohol und Süße gesprochen. Heute widmen wir uns einem Element,
das oft weniger greifbar,
aber entscheidend für Struktur, Reifepotenzial und Charakter eines Weines ist:
den Tanninen.
Gerbstoffe können einen Wein kantig wirken lassen oder ihm Tiefe verleihen,
sie können abschrecken oder faszinieren,
und nicht selten werden sie missverstanden.
Wir klären heute, was Tannine chemisch überhaupt sind,
woher sie kommen, wie sie entstehen,
warum sie für große Weine unverzichtbar sind und wie man sie sensorisch richtig
einordnet.
Richtig eingeordnet hat sich übrigens auch Bei Anruf Wein,
denn wir sind in den Charts einer der meistgehörten Weinpodcasts im
deutschsprachigen Raum. Damit das so bleibt,
abonniert uns bitte und lasst auch eine Bewertung da.
Michael und ich sagen Danke! Also bleibt mal dran.
Ich ruf den mal an!
Mein lieber Tobias, hallo. Ich sage dir und allen Zuhörerinnen und Zuhörern ein
recht herzliches Willkommen bei unserer neuen Podcastfolge.
Jawoll!
Ich hoffe, wir kommen hier bei mir ohne große Nebengeräusche aus,
denn - obgleich ich hier auf dem Dorf lebe -
hier ist ordentlich Karneval. Also, wenn im Hintergrund heitere Störgeräusche
auftauchen,
entschuldigt das bitte. So ist das Leben.
Und ich sitze hier, allerdings ohne Pappnase.
Das stelle ich mir jetzt ganz witzig vor:
Michael mit Pappnase.
So ein richtig knallrotes Ding. Und das quasi,
ohne Wein getrunken zu haben, die rote Nase.
Bei mir wird es garantiert nicht laut. Ich bin ja hier so ländlich unterwegs,
da traut sich tatsächlich kein Karnevalist hin.
Ja, und bei dir muss man ja sagen, du bist ja sogar gebürtiger Kölner.
Also eigentlich müsste man ja fragen: Warum bist du heute nicht feiern?
Ja, aber egal. Okay, auch ich sage natürlich erstmal hallo liebe Bei Anruf
Wein-Gemeinde,
willkommen zu unserer 128. Folge, in der es um -
Achtung - Tannine geht.
Also darüber, was Tannine im Wein bewirken.
Und natürlich klären wir auch: Wo kommen die eigentlich her?
So ist es. Also Tannine oder auch Gerbstoffe,
liest man auch immer wieder, haben nämlich nicht nur eine Auswirkung auf die
Textur des Weines, auf das Mundgefühl, sie spielen auch eine wichtige Rolle für
die Lebensdauer eines Weines oder für die Lagerfähigkeit.
Also Stichwort Reifepotenzial. Auf jeden Fall ist ja dir erst vor Kurzem
aufgefallen,
Tobias, warum auch immer, dass wir im Podcast nach bestem Wissen und Gewissen
schon über Säure,
Alkohol und Süße im Wein gesprochen haben,
aber zu den Tanninen haben wir bislang nur wenig gesagt.
Tauchte immer wieder auf, aber wir haben halt keine eigene Folge.
Und das holen wir jetzt nach und steigen vielleicht mal ganz allgemein ein.
Lieber Tobias - Tannine, was ist das?
Also ja, da habe ich jetzt extra was vorbereitet.
Also pass auf, in einem offiziellen Bewerbungsgespräch für den Job im Weingut,
da würde so ein Tannin sagen,
ja: „Schönen guten Tag, ich heiße Tannin.
Ich bin ein natürlich vorkommendes Polyphenol,
vielleicht kennen Sie mich auch unter dem Namen pflanzlicher Gerbstoff.
Und am liebsten beschäftige ich mich mit Proteinen.
Ja, und ich kann Ihnen dabei helfen, den Wein haltbarer zu machen und ihm mehr
Textur zu verleihen!".
Gut, oder? Das habe ich jetzt, also fand ich jetzt irgendwie... Aber ja,
aber jetzt mal im Ernst. Also, was Tannine eigentlich auszeichnet,
ist die Eigenschaft, mit Proteinen zu reagieren und diese Proteine
zusammenzuziehen.
Das soll jetzt nicht zu wissenschaftlich werden,
aber denk nur mal an dieses pelzige Gefühl auf der Zunge bei einem Rotwein.
Da kann man sich dieses Zusammenziehen wirklich gut vorstellen.
Das kann man richtig schmecken. Und daher eben auch dieser Begriff
„adstringierend",
das heißt nämlich nichts anderes eigentlich.
Und bildhaft beschrieben kann man sich das auch so vorstellen,
also Tannine nehmen dem Mund den Gleitfilm und plötzlich fühlt sich eben alles
rauer und trockener an.
Trocken, trocken. Das ist jetzt mein Stichwort,
denn da müssen wir jetzt mal über ein Missverständnis sprechen,
eine Fehleinschätzung. Das habe ich schon ganz oft erlebt,
insbesondere bei Weineinsteigern.
Deshalb an dieser Stelle, wenn jemand sagt:
„Also der Wein, der ist mir zu trocken",
dann meint er eben ganz oft gar nicht die fehlende Süße im Wein,
die fehlende Restsüße,
also dass der wirklich vom Wert her trocken ist,
sondern er meint meistens dieses pelzige,
zusammenziehende Gefühl, von dem du gerade gesprochen hast.
Sprich eigentlich meint er die Tannine.
Ja, absolut. Also die Erfahrung, die habe ich auch schon gemacht.
Dieses „zu trocken", ich wusste am Anfang gar nicht so genau,
was die Leute damit meinen,
weil ich gar nicht so den Eindruck hatte.
Aber es ist tatsächlich ganz, ganz häufig eigentlich synonym für zu viel
Gerbstoff.
Ja, und ich finde, daran merkt man dann auch mal wieder,
dass es eben manchmal nicht ganz so einfach ist,
über Wein zu sprechen, sich da irgendwie so auszudrücken.
Aber ja, sobald man jetzt herausgefunden hat,
was mit dem „zu trocken" gemeint ist,
dann kann man eben auch bei der Weinauswahl bestens reagieren und das
berücksichtigen.
Aber bevor wir da jetzt weiter einsteigen,
lass mich noch mal was ganz Simples ergänzen.
Also Tannine, ja, die finden sich ja jetzt nicht nur im Wein.
Also Tannine kennen wir auch aus ganz anderen Zusammenhängen,
also aus unserem Tee,
aus unserem Kaffee. Da geistern die dann meist als Bitterstoffe herum.
Also da haben wir wieder diese gedankliche Ecke.
Und ja, das sind ja jetzt nur die Produkte,
die verarbeitet sind.
Ja, die gibt es natürlich auch im Original,
nicht nur bei unserer Traube Schrägstrich Weintraube in beiden.
Die gibt es zum Beispiel auch in dunklen Beeren.
Also denk mal an Brombeeren und meinetwegen auch an Himbeeren.
Ist jetzt nicht mehr dunkel, aber da gibt es ja diese kleinen winzigen Kerne,
die kann man auch richtig sehen.
Ja, und da kann man eben auch Tannine schmecken in einer anderen Dosierung.
Und ich weiß jetzt, es gibt sogar Proxies und Sparkling Tees,
die eben mit Brombeerblättern arbeiten,
damit so ein Touch Tannine in ihre Kreation gelangt.
Ja, genau. Du hast gerade „Kerne" gesagt. Das ist ein gutes Stichwort,
Michael, vielen Dank. Denn die Kerne sind eine sehr,
sehr wichtige Quelle für Tannine in der Beere.
Die zweite große Quelle sind natürlich die Schalen der Beeren und beide liefern
eben Gerbstoffe,
aber nicht in gleicher Art. Das muss man vielleicht auch dazu sagen,
denn die Tannine aus den Schalen,
die gelten meist als strukturgebend und so ein bisschen feiner,
während die aus den Kernen stärker adstringierend wirken und dann eben auch
bitterer erscheinen können. Also wenn man jetzt mal so ans Winemaking,
an die Weinbereitung denkt,
muss man sagen, während der Maischestandzeit werden ja vor allem die
Schalentannine kontinuierlich extrahiert,
weil die Maische, der Most hat ja quasi den Kontakt mit der Schale.
Und wie viel Tannine dann aus den Schalen tatsächlich in den Most gelangen,
das hängt dann so ein bisschen von Temperatur,
natürlich der Dauer der ganzen Intensität dieser Maischearbeit ab.
Ja und okay. Also ich mache es jetzt noch mal so ein bisschen nerdiger als
ohnehin schon,
also so ein bisschen WSET-Educator-Style,
ja?
Leg los. Leg los.
Ja, pass auf. Also am Ende der Gärung kann man dann eben beim Pressen steuern,
wie viel zusätzliches Kerntannin man quasi mitnehmen möchte.
Also es muss ja immer gepresst werden, es muss ja dann irgendwie aller Saft dann
auch aus den Beeren raus.
Ja, und dann ist es einfach so, sanftes Pressen ergibt elegantere Weine,
stärkeres Pressen bringt mehr Struktur und Griff,
also mehr Tannine. Das ist ja eigentlich logisch.
Und dann muss man eben auch noch wissen -
also ich weiß nicht, ob man es wirklich wissen muss,
ich sage es trotzdem -, dass die Trauben vor der Gärung in den meisten Fällen
entrappt werden,
also von den Stielen getrennt werden. Lässt man jetzt aber die Stiele bewusst
dran,
dann spricht man von einer sogenannten Ganztraubenvergärung.
Im Englischen nennt man das dann auch „whole bunch fermentation" oder „whole
cluster fermentation".
Sage ich jetzt nur dazu, weil so was liest man ja dann auch immer wieder ganz
gerne auf Englisch.
Ja, jeden Tag.
Ja, ja. Und dabei liefern dann auch die Stiele eben zusätzliche Gerbstoffe.
Ja, allerdings nur dann in gewünschter Qualität,
wenn sie physiologisch reif, also man nennt das dann „verholzt",
sind. Weil kann man sich auch vorstellen,
so unreife, grüne Stiele, die würden dann eher so stark pflanzliche bittere
Noten in den Wein bringen. Da würde man sagen,
der ist irgendwie grün.
Und ja, obwohl sich das jetzt so wissenschaftlich anhört,
nur noch mal zur Erinnerung:
All das sind ja natürliche Phenolverbindungen aus der Traube selbst.
Ja, danke Tobias, ich habe jetzt gar nicht auf die Uhr geguckt,
aber danke für deine Ausführungen hier.
Ich will jetzt noch mal zu was ganz Einfachem zurück.
Also die Menge an diesen Phenolen, die Menge an Tanninen,
die entscheidet sich natürlich von Rebsorte zu Rebsorte.
Da gibt es wirklich große Unterschiede. Was man allgemeinhin so sagen kann,
ist:
Dunkle Rebsorten, rote Rebsorten, die haben einfach mehr Tannine als weiße
Rebsorten.
Doch es gibt dann hier auch noch so ein paar ganz spezielle Kandidaten,
die kann man sich jetzt auch noch mal merken,
für später, wenn es an die Weinauswahl geht.
Die sind bekannt dafür, dass sie sozusagen viel Tannin liefern.
Das sind so die Tanninklassiker, sage ich jetzt mal.
Ich denke da zuallererst an Cabernet Sauvignon,
dem wir ja bereits eine eigene Folge gewidmet haben.
Oder an Nebbiolo aus dem Piemont, haben wir an dieser Stelle im Podcast auch
schon besprochen.
Oder den von mir so geschätzten Mourvèdre,
in Spanien Monastrell, oder auch Petit Verdot auch bekannt dafür,
aus dem Bordeaux wiederum. Und Tempranillo habe ich jetzt vergessen.
Na ja, egal, ich habe jetzt nur mal ein paar genannt,
aber das sind so die Rebsorten,
wo dann im Weingedächtnis so ein bisschen die Leuchte angehen sollte bei
Tannine.
Ja, genau. Und ich glaube, man kann sich dann auch immer so ein bisschen merken,
warum sind die so tanninreich?
In den allermeisten Fällen sind das Rebsorten,
wo die Beeren recht dicke Schalen haben.
Und wenn man jetzt gelernt hat, in den Schalen sind Tannine,
dann macht das irgendwie Sinn.
Aber ich möchte noch den Urvater der tanninreichen Rebsorten ergänzen:
Tannat.
Also da liegt das schon in dem Namen. Das wird vor allem in der französischen
Appellation Madiran gemacht.
Die ist dafür ganz bekannt. Und wenn man so einen Wein trinkt,
da möchte man sich wirklich spontan die Zunge rasieren,
so pelzig wird das dann, ja. Und interessant ist ja auch,
das ist überhaupt kein Zufall,
dass die Weine aus diesen Rebsorten für ihre Alterungsfähigkeit bekannt sind.
Oder anders ausgedrückt: Diese Weine brauchen eben ein paar Jahre,
bevor sie Spaß machen und noch mehr Zeit,
um dann wirklich in Bestform zu sein. Und das hat halt eben auch was mit den
Tanninen zu tun,
denn die wirken antioxidativ, also die schützen den Wein vor Sauerstoff in der
Flasche.
Und das haben wir ja auch schon gelernt,
das ist immer gut.
Und damit sind die so was wie ein natürlicher Konservierungsstoff.
Und das ist sogar nur ein Aspekt, denn mit der Zeit verändert sich auch der
Eindruck,
den die Tannine im Wein hinterlassen. Die Weine arbeiten sich quasi mit den
Jahren der Reife ab.
Sie werden geschmeidiger, vertragen sich besser mit den anderen Elementen,
also Säure,
Alkohol und auch Frucht im Wein. Und das macht den Wein natürlich insgesamt
harmonischer.
Ja, ich muss noch mal auf die Tanninquellen in der Traube zurückkommen,
also Kerne und Schalen und Beerenhaut.
Und dann muss man ja auch daran denken,
wenn wir jetzt so an das Stichwort Reife denken,
da geht es ja jetzt nicht nur um den Zucker und die Säure,
das kennen wir alle.
Es geht ja auch um die sogenannte phenolische Reife.
Und die betrifft sowohl die Schalen, ja,
die Haut, als auch die Kerne.
Und gerade die Kerne, die lassen sich immer gut beurteilen.
Also wenn man am Anfang so eine Beere öffnet,
dann sind die tatsächlich grünlich.
Und wenn man will, kann man da auch mal reinbeißen und dann schmecken die sehr,
sehr bitter.
So kann man das sagen. Und mit zunehmender Reife werden die Kerne dann brauner
und die schmecken dann nussiger,
sag ich jetzt mal, und auch deutlich weniger aggressiv.
Also die attackieren jetzt eben nicht mehr so deine Schleimhäute.
Und genau deshalb probieren dann Winzerinnen und Winzer die Beeren nicht nur
wegen der Süße,
sondern die kauen auch auf diesen Kernen mal kurz rum,
um zu prüfen, wie reif sind denn jetzt die Gerbstoffe in diesen Kernen?
Und der Begriff phenolische Reife kommt dann halt nicht von ungefähr.
Nee, du hast in deiner tollen Vorstellungsrunde auf dem Weingut für Herrn Tannin
ja schon gesagt,
dass du ein Polyphenol bist. Phenolische reife,
Polyphenol.
Es geht also tatsächlich um den Reifegrad dieser phenolischen Verbindungen.
Ja, genau. Siehst du, und jetzt hast du auch voll den Educator hier irgendwie
gebracht.
Super, super!
Reine Imitation.
Genau, ja. Und die Kerne, die spuckt man dann eigentlich nach dem Probieren
wieder aus.
Wobei ich glaube mich zu erinnern, dass du darauf irgendwie verzichtet hast.
Ja, also wie auch bei den Verkostungen du immer aufs Ausspucken verzichtest.
Aber na ja, ich ich würde ja jetzt mal sagen,
das kann man zu Hause mit Tafeltrauben einfach mal nachstellen.
Aber das ist mittlerweile ein Riesenproblem geworden. Das weiß ich eben auch von
meinen WSET-Weinkursen,
da nehmen wir nämlich Beeren auseinander,
wie du das auch gerade schon beschrieben hast,
um die Komponenten kennenzulernen, sozusagen.
Und das ist wirklich im Grunde genommen unmöglich geworden,
weil man keine Trauben mit Kernen mehr kaufen kann.
Also das ist für mich immer die größte Hürde,
dieser Seedless-Trend, der hat sich einfach komplett durchgesetzt und das ist
eigentlich wirklich, wirklich schade. Und ich erinnere dich ja mal an unsere,
ja,
das war die 6. Folge erst, „ohne Kerne aus der Pfalz und den Zilpzalp gäbe es in
Baden keinen Grauburgunder!".
Ja, also das nur mal so zum Thema Kerne und was die so für Aufgaben haben.
Aber lassen wir das. Wir gehen wieder zurück zu den Tanninen und von denen hat
ein Grauburgunder natürlich nicht mehr wirklich viel.
Ja, wir haben grundsätzlich gesagt, weiße Trauben haben weniger Tannine.
Aber denk doch jetzt mal an Orange Wines.
Ja, also das ist ja ein Weißwein, der im Prinzip wie ein Rotwein gemacht wird
mit einer längeren Zeit,
wo alles im Most schön zusammenhängt, Schalen und Kerne und alles,
worüber wir gesprochen haben.
Also da gibt es einen längeren Kontakt. Und das Ergebnis ist jetzt nicht nur in
der Farbe anders,
ein orangefarbener Wein, weil dieser Prozess der Farbstoffe rausholen genauso
funktioniert wie das mit den Tanninen,
hat er eben auch mehr Tannine. Ja, und die spielen dann an der Wahrnehmung,
am Gaumen von so einem Wein auch tatsächlich eine Rolle.
Also ja, wir reden wieder über diese adstringierende Wirkung von Tanninen,
also pelzige Zunge und all sowas.
Ja, aber gelernt haben wir ja auch, mit der Zeit und mit der Reife schleifen
sich diese unangenehmen Eindrücke dann ab.
Und entscheidend ist jetzt eben auch, ob du diesen Wein solo trinkst oder ob es
ein Essen dazu gibt,
das diesen Wein begleitet. Der reagiert dann natürlich auf der Zunge mit diesem
Essen.
Und da kann man einfach sagen, gerade so eiweiß-
und fettreiche Speisen, also ich denke jetzt mal an so einen leckeren Hartkäse
oder eine Salami, eine italienische Salami,
ja, also die mildern dann eben diese adstringierende Wirkung ab.
Ja, weil Tannine mit diesen Proteinen in den fettigen Dingen reagieren.
Also deshalb wirken dann plötzlich junge,
rebellische, tanninreiche Weine deutlich weicher mit dieser
Speisebegleitung. Und das passt dann einfach super zusammen.
Und das gilt nicht nur für die jungen Weine mit tanninreichen Rebsorten,
sondern es gilt natürlich auch oder gilt noch mehr für die gereiften Exemplare.
Ja, genau. Und wenn du jetzt sagst Speisebegleitung,
Salami usw., da komme ich natürlich auch sofort auf Grillgedanken sozusagen,
ja. Dabei darf man das jetzt nicht allein auf die gereiften Tannine reduzieren.
Da gehört natürlich viel mehr dazu. Aber so ein gereifter Bordeaux und ein eher
zartes,
nur kurz gegrilltes Stück Fleisch, ja, das ist dann doch schon ganz nach meinem
Geschmack.
Ja, und um jetzt sozusagen beim Pairing zu bleiben:
Mit Säure im Essen verträgt sich ein tanninreicher Wein überhaupt nicht.
Also das kann man sich auch mal merken. Das macht es dann eher zu so einer sehr
bitteren Erfahrung.
Und auch Umami, also das, was man so in gereiftem Käse findet oder auch in
Sojasoße,
ist ja so durch diesen Trend des asiatischen Essens auch bei uns hier in
Deutschland aufgekommen,
da kann auch Bitterkeit entstehen, weil einfach Umami sich mit den Tanninen
nicht wirklich verträgt.
Ja, Fett und Protein, du hast es gesagt,
die wirken im Grunde genommen wie so eine Art Puffer und machen die Struktur des
Weins einfach weicher.
Weicher ist gut.
Und so Regeln, die helfen einfach, finde ich,
eine Menge.
Wenn man halt einfach auch den passenden Wein zum Essen sucht,
dann kann man teilweise vielleicht einfach eher einen Weißwein nehmen oder eben
einen ganz leichten Rotwein nehmen. Ja,
und vielleicht ansonsten auch einfach mal den Wein ganz weglassen.
Ja, aber ich denke immer noch an dieses Steak auf dem Grill und jetzt habe ich
irgendwie,
ja, irgendwie Hunger.
Ja, hat er Hunger. Okay, Hunger. Hunger ist ein gutes Stichwort. Oder Hunger und
gefressen werden,
sage ich jetzt mal so. Wusstest du - doch,
pass auf - wusstest du, dass die Gerbstoffe von den Pflanzen einfach entwickelt
wurden, so im Rahmen der Evolution, um Fressfeinde abzuhalten?
Also...
Ah! Nee, wusste ich nicht, aber macht ja Sinn.
Ja, also dieses Bittere schmeckt auch nicht allen Tieren.
Und die sagen dann, ach, lass ich mal die Pflanze oder auch die Früchte,
lasse ich die einfach mal stehen.
Also das ist die Ursprungsintention von dem Ganzen.
Und tatsächlich glaube ich persönlich ja,
dass dieses Sich-Wehren der Pflanze ja bei manchen weinen,
wenn die so mit jungen, rebellischen habe ich eben gesagt,
Tanninen daherkommen,
da kannst du dieses Sich-Wehren auch noch so ein bisschen schmecken.
Ja, die wollen das nicht, die wollen nicht jetzt schon getrunken werden.
Ja, das ist ein guter Vergleich.
Ja, aber egal. Du hast ja schon erklärt,
mit den Jahren lässt dann der Widerstand nach,
sage ich mal, und alles wird gut. Lassen wir jetzt mal Reben und Trauben hinter
uns,
haben wir jetzt viel drüber geredet, und wenden uns mal dem Holz und dem Fass
zu.
Denn noch mal simpel gesprochen, gereifte Weine,
Tannine und Holzfass, das ist einfach ein Dreiklang
in unserer Weinwelt, ne? Den hört man so oft.
Ja, stimmt. Und viele berühmte Rotweine schlagen diesen Dreiklang eben auch an.
Denn das Holzfass, das ist ganz, ganz wichtig,
ist eine weitere Quelle für Tannine im Wein.
Da denken die meisten Leute gar nicht drüber nach.
Das sind nämlich dann die sogenannten Holztannine,
die sind halt einfach im Holz drin.
Und darüber hinaus kann man sich dann gut merken,
dass das neue Holzfass intensiver auf den Wein einwirkt als das bereits mehrfach
verwendete Holzfass. Also das gilt nicht nur für die Aromatik,
sondern auch für die Holztannine.
Und ja, dann kann man sich natürlich auch gleichzeitig mit der gleichen Logik
auch merken,
kleine Fässer wie ein Barrique, also 225 bzw.
223 Liter, haben dann eben auch noch mal einen größeren Effekt als ein Fuder
oder oder ein Stückfass oder ein französisches Tonneau,
also diese größeren Formate. Das hat dann einfach etwas mit dem Verhältnis von
Inhalt,
sprich Menge, zu Innenfläche des Fasses zu tun.
Und ja, dann natürlich nicht zu vergessen der Faktor Zeit.
Also wenn man das jetzt einfach mal so auf ein konkretes Beispiel bringt:
Zurückhaltende 6 Monate im gebrauchten großen Fass sind was völlig anderes als
zum Beispiel die vorgeschriebenen mindestens 24 Monate im kleinen Holzfass für
einen roten Gran Reserva aus der Rioja.
Also es ist ja irgendwie total logisch. Und ja,
um sich den Unterschied vorzustellen,
braucht es dann wirklich nicht viel Fantasie.
Ja, und apropos, also meine Fantasie in Sachen Tannine läuft dann jetzt auch
langsam leer.
Ich hätte gar nicht gedacht, dass wir sowieso schon so viel zusammentragen
können.
Ja, finde ich auch. Also ich finde auch,
wir haben viel zusammengetragen.
Das geht mir genauso. Und meine Assoziation geht jetzt so in andere Folgen.
Wir haben schon eine Folge über Rioja gemacht und über den Einfluss von Holz bei
der Reife von Weinen.
Aber ich würde jetzt gern noch mal auf eine andere Folge zurückkommen,
denn ich hatte es ja am Anfang auch nur mal so ganz kurz erwähnt.
Tannine gibt es ja auch im Tee und manch einer nennt das ja auch Teein,
aber eigentlich ist es genau das Gleiche.
Lassen wir jetzt mal weg. Und du erinnerst dich doch sicherlich -
also ich hoffe zumindest -,
dass wir schon mal darüber ganz ausführlich im Podcast gesprochen haben,
nämlich in unserer Folge,
ich habe es extra nachgeguckt, wo steht es,
in unserer Folge Nummer 41 über Tee und Wein.
Also damals hat uns der Einkäufer von TeeGschwendner erzählt,
dass Tannine im Tee in China eine ganz
eigene Wissenschaft sind. Also dort spricht man nicht einfach nur von dem Tannin
oder den Tanninen wie wir so und unterscheidet so ein bisschen nach jung und
Alt. Nee, also die haben ganz differenzierte Begriffe für das,
was da passiert im Mund und wie das zuerst schmeckt,
welche Wirkung das hat. Also ganz danach,
wie sich diese Gerbstoffe eben im Mund anfühlen.
Eine ganz andere Nummer.
Ja, ja, ja, genau. Ich erinnere mich natürlich sehr,
sehr gut daran, denn das war wirklich noch mal auch für uns komplett neu.
Denn in China, und ich denke mal, auch in den anderen Ländern,
da geht es halt dann eben nicht nur um bitter oder nicht bitter oder
adstringierend oder nicht adstringierend,
sondern es geht eben um so Dinge wie Textur,
Trockenheit, Griffigkeit, sogar um so etwas wie Kühle oder Wärme im Mund.
Ja, ja, also in der chinesischen Teekultur unterscheidet man eben verschiedene
Qualitäten von,
wie haben wir das genannt, Adstringenz,
also Bitterkeit, Pelzigkeit auf der Zunge.
Und bei den Chinesen gelten dann manche Tannine als rau und austrocknende,
andere sind dann eher fein und samtig.
Und gerade bei so hochwertigen Grüntees und dem berühmten gereiften Pu-Erh-Tees
wird sehr genau darauf
geachtet, ob diese Gerbstoffe hart jetzt auf dich eintreffen oder ob die eher
langsam wirken,
ob die sich gut wieder abbauen, also wie lange die einfach spürbar sind.
Und das ist letztendlich gar nicht so weit weg von dem,
was wir beim Wein als reife oder unreife Tannine beschreiben.
Deutlich differenzierter, ja, aber letztendlich ist es ja dieselbe Sensorik,
nur eine andere Sprache und ein
paar mehr Begriffe, ja.
Ja, genau. Ja, so kann man es sagen. Finde ich einen schönen,
schönen Vergleich.
Und so, wie wir beim Wein eben auch von körnigen,
seidigen oder trockenen Tanninen unterscheiden,
liest man ja immer mal wieder in Verkostungsnotizen,
gibt es dann eben beim Tee ganz viele Begriffe für unterschiedliche Formen von
Adstringenz. Es ist fast so ein bisschen wie die vielen Wörter für Schnee bei
den Inuit.
Ja, also ich finde, da hinken die Weinleute sozusagen jetzt bei der Beschreibung
von Tanninen im Wein ganz klar dem Tee hinterher.
Das muss man doch mal sagen.
Okay, dann fragen wir auch noch mal nach.
Und vielleicht sagen uns ja die Zuhörerinnen und Zuhörer was dazu.
Ich glaube jetzt, Tobias, wir sind tatsächlich durch mit unserem tanninreichen
Thema.
Also wir haben über die Herkunft gesprochen,
über die Wirkung der Tannine.
Jetzt noch diesen Tee-Experten gemimt hier an dieser Stelle,
haben über die Reife im Fass gesprochen.
Ich glaube, wir sind jetzt fertig, oder?
Also, ich weiß nicht. Wobei, eine Randbemerkung hätte ich dann noch.
Ach, jetzt auf einmal?
Säure und Zuckergehalt, wir haben ja vorhin gesprochen als Elemente für den
Wein,
die werden normalerweise in so einem technischen Stammblatt für einen Wein
aufgeführt.
Die werden da ganz ordentlich genannt in Gramm pro Liter.
Stimmt.
Von Tanninen, da steht gar nichts. Null,
niente.
Ja, also, und das ist für mich so ein bisschen wie vorhin.
Wir haben ja schon mal über die Reife und den optimalen Lesezeitpunkt gesprochen
und über die Winzer,
die dann auf die Trauben beißen. Auch da werden Säure und Süße gemessen,
mit einer Zahl.
Das Tannin wird nur geschmeckt. Ja, also,
ist doch eine tolle Analogie.
Es gibt halt keine Maßeinheit für Tannin und für Aroma ja auch nicht.
Also keine schlechte Verwandtschaft.
Ja, exakt. Aber ja, genau. Dein Nachtrag in allen Ehren.
Jetzt geht ja fast die Fantasie mit uns durch.
Ja, also ich würde sagen, wir schwenken jetzt mal auf unsere Merkpunkte für
diese Folge.
Michael, gib uns die 1.
Tannine sind natürliche Stoffe in den Stielen der Traube sowie in Schale und den
Kernen der Beeren.
Beim Pressen und während der Maischestandzeit gelangen sie in den Most.
Tannine, auch pflanzliche Gerbstoffe genannt,
sind chemisch betrachtet Polyphenole.
Sie reagieren mit Proteinen und wirken antioxidativ und aseptisch.
Sie machen den Wein stabiler und ermöglichen eine längere Lebensdauer und Reife
des Weins.
Besonders wichtig bei hochwertigen Wein,
etwa aus dem Bordeaux oder dem Piemont.
Tannin im Wein kommt auch aus der Reife im Holzfass.
Neue Fässer geben mehr Tannin ab als gebrauchte,
kleine Fässer haben mehr Einfluss als große.
Alles mal dem Faktor Zeit.
Pairing: Tanninreiche Weine passen ausgezeichnet zu Speisen,
die Fett enthalten.
Die Gerbstoffe erscheinen weicher und weniger intensiv.
Hingegen sollten säure- und umamihaltige Speisen zu viel Tannin aus dem Weg
gehen.
Die Kombi schmeckt leicht bitter.
Sehr schön. Bitter, aber trotzdem sehr schön.
Tobias, wir sind durch. Mir hat es wieder mal ungeheuer viel Spaß gemacht und
ich hoffe,
den Zuhörerinnen und Zuhörern auch. War zwar heute so ein adstringierendes
Unternehmen,
ich hatte bis zum Schluss irgendwie Schwierigkeiten,
immer die richtige Aussprache zu finden.
Aber ich glaube, wir haben wichtige Sachen gesagt,
um ein bisschen mehr über Wein zu verstehen.
Ja, absolut. Also adstringierend durfte das Thema ruhig sein,
Hauptsache nicht trocken.
Also ja, also bitte, wir haben Bei Anruf Wein doch nur wichtige Themen.
Oder seid ihr da draußen vielleicht anderer Meinung?
Dann schreibt uns das einfach an podcast@weinfreunde.de,
wie es zum Beispiel der Andreas aus Württemberg anlässlich unserer Folge über
Genossenschaften gemacht hat. Der hat uns seinen nochmals,
muss man dazu sagen,
viel kritischeren Blick auf die Situation in seiner Heimat geschickt.
Aber auch solche Stellungnahmen sind natürlich total willkommen,
denn auch wir können nur noch dazulernen.
Ja lernen. Ja, selbst in meinem Alter. Tobias,
du wirst staunen.
Aber was alle treuen Zuhörerinnen und Zuhörer bestimmt schon gelernt haben,
jetzt kommt der Moment,
wo Tobias und ich uns einfach ungeheuer darauf freuen,
dass es schon bald wieder heißt.
Bei Anruf.
Wein.
Tobias
00:00:09
Michael
00:01:11
Tobias
00:01:19
Michael
00:01:20
Tobias
00:01:40
Michael
00:02:24
Tobias
00:03:10
Michael
00:04:26
Tobias
00:05:01
Michael
00:05:37
Tobias
00:06:37
Michael
00:07:48
Tobias
00:07:49
Michael
00:08:42
Tobias
00:08:44
Michael
00:09:18
Tobias
00:10:37
Michael
00:12:12
Tobias
00:13:48
Michael
00:13:54
Tobias
00:13:56
Michael
00:15:10
Tobias
00:17:10
Michael
00:18:19
Tobias
00:18:21
Michael
00:18:44
Tobias
00:19:02
Michael
00:19:05
Tobias
00:19:39
Michael
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