Die Geschichtsgreißlerei

Andreas Filipovic, Walter Szevera

Little America am Schottenring

Der Wiener Ringturm als Symbol der Nachkriegsmoderne

26.05.2026 24 min Andreas Filipovic, Walter Szevera

Zusammenfassung & Show Notes

Der Wiener Ringturm steht für eine Architektur, die zukunftsorientiert ohne provokant sein zu wollen, um eine sachte und friktionsarme Modernisierung der österreichischen Gesellschaft zu begleiten.

Der Inhalt:

Unmittelbar nach 1945 beginnt die Wiener Stadtverwaltung Konzepte für die Stadtentwicklung auszuarbeiten. Die durch Kriegsschäden hervorgerufenen Baulücken eröffnen die Chance, der Stadt ein neues und modernes Image zu geben, ohne an vergangene reaktionäre oder faschistische Bauepochen anzuschließen. Eines dieser rasch umgesetzten Bauvorhaben ist der zwischen 1953-55 errichtete Ringturm am Schottenring, der als Verwaltungszentrale der Wiener Städtischen Versicherung dienen soll. Hinter diesem Projekt stehen vor allem zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, aus deren kollegial-freundschaftlichen Verhältnis eines der architektonischen Leuchtturmprojekte der Wiener Nachkriegsmoderne entsteht. Der aus dem US-amerikanischen Exil heimgekehrte und aus prekären Verhältnissen stammende Versicherungsmanager Norbert Liebermann und der bürgerliche Architekt Erich Boltenstern stehen auch symbolisch für ein auf gesellschaftlichen Ausgleich orientiertes Nachkriegsösterreich. So präsentiert auch die Architektur des Ringturms stereotyp eine neue Gesellschaft, die von vielen gewünscht aber nur in Teilen realisiert wurde: moderat, modern und nicht zu waghalsig. 

Tipps und Tricks:

Zum Lesen: 

Adolph Stiller: Der Ringturm. 5 Jahrzehnte Baugeschichte eines Hochhauses. Wien 1998

Judith Eiblmayr, Iris Meder: Moderat Modern – Erich Boltenstern und die Baukultur nach 1945. Katalog zur Ausstellung des Wien Museums 2005/2006