Digitale Teilhabe für Menschen mit geringer Literalität
Ein Gespräch mit Dr. Nicole Pöppel
08.09.2026 35 min
Zusammenfassung & Show Notes
In dieser Folge sprechen wir mit Dr. Nicole Pöppel, Geschäftsführerin des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung e. V., über geringe Literalität und digitale Teilhabe. Im Gespräch geht es um die Perspektiven von Lernbotschafter:innen, die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung sowie die Rolle von verständlicher Sprache, digitalen Hilfsmitteln und Künstlicher Intelligenz. Außerdem sprechen wir darüber, wie Menschen mit geringer Literalität erreicht werden können, warum aufsuchende Ansätze dabei eine wichtige Rolle spielen und weshalb Alphabetisierung und Grundbildung viele Bereiche des Lebens beeinflussen – von Arbeit und Gesundheit bis hin zu gesellschaftlicher und digitaler Teilhabe.
In der Podcast-Folge geht es um diese Fragen:
- Was ist geringe Literalität, wie unterscheidet sie sich von Legasthenie und welche Bedeutung hat das Thema in Deutschland?
- Welche Perspektiven bringen Lernbotschafter:innen in die Arbeit des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung ein?
- Wo erleichtern digitale Angebote den Alltag und wo entstehen neue Barrieren?
- Welche Rolle spielen verständliche Sprache, digitale Hilfsmittel und Künstliche Intelligenz für mehr Teilhabe
- Welche Zusammenhänge gibt es zwischen geringer Literalität, sozialer Ungleichheit und digitaler Teilhabe
- Welche politischen Herausforderungen bestehen aktuell mit Blick auf die Teilhabe von Menschen mit geringer Literalität?
- Was wird von Politik, Verwaltung und Wirtschaft über Menschen mit geringer Literalität noch zu wenig verstanden?
- Welche Impulse können Multiplikator:innen des Digital-Kompass in ihre Arbeit mitnehmen?
Links aus dem Podcast:
Digitale Teilhabe für Menschen mit geringer Literalität
In dieser Folge sprechen wir mit Dr. Nicole Pöppel, Geschäftsführerin des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung e. V., über geringe Literalität und digitale Teilhabe. Im Gespräch geht es um die Perspektiven von Lernbotschafter:innen, die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung sowie die Rolle von verständlicher Sprache, digitalen Hilfsmitteln und Künstlicher Intelligenz. Außerdem sprechen wir darüber, wie Menschen mit geringer Literalität erreicht werden können, warum aufsuchende Ansätze dabei eine wichtige Rolle spielen und weshalb Alphabetisierung und Grundbildung viele Bereiche des Lebens beeinflussen – von Arbeit und Gesundheit bis hin zu gesellschaftlicher und digitaler Teilhabe.
In der Podcast-Folge geht es um diese Fragen:
- Was ist geringe Literalität, wie unterscheidet sie sich von Legasthenie und welche Bedeutung hat das Thema in Deutschland?
- Welche Perspektiven bringen Lernbotschafter:innen in die Arbeit des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung ein?
- Wo erleichtern digitale Angebote den Alltag und wo entstehen neue Barrieren?
- Welche Rolle spielen verständliche Sprache, digitale Hilfsmittel und Künstliche Intelligenz für mehr Teilhabe?
· Welche Zusammenhänge gibt es zwischen geringer Literalität, sozialer Ungleichheit und digitaler Teilhabe?
· Welche politischen Herausforderungen bestehen aktuell mit Blick auf die Teilhabe von Menschen mit geringer Literalität?
· Was wird von Politik, Verwaltung und Wirtschaft über Menschen mit geringer Literalität noch zu wenig verstanden?
- Welche Impulse können Multiplikator:innen des Digital-Kompass in ihre Arbeit mitnehmen?
Links aus dem Podcast:
Transkript
Geringe Literalität bedeutet, dass man zu geringe Lese- und Schreibkenntnisse
hat für das, was in unserer Gesellschaft erwartet wird.
Das heißt, wir reden nicht vom totalen Analphabetismus, also dass jemand gar
nicht lesen und schreiben kann,
sondern wir sprechen von einer Gruppe von mehr als sechs Millionen Erwachsenen,
die Buchstaben, Wörter oder einfache Sätze lesen können, aber an Texten scheitern.
Also die Politik sollte die Alphabetisierung und Grundbildung ernster nehmen,
weil so viele Lebensumstände natürlich von Schriftsprachkompetenz abhängen.
Das prägt Familie, das prägt Beruf, das soziale Leben, die Gesundheit und so weiter.
Willkommen zum Digital Kompass Podcast. Digital einfach erklärt.
Gemeinsam gestalten wir digitale Teilhabe. Verständlich und praktisch.
Euer Moderator, Inklusator Sascha Lang.
Digital Kompass Podcast, herzlich willkommen. Das ist die Folge Nummer 4 aus
der Staffel Nummer 2. Schön, dass ihr mit dabei seid.
Dr. Nicole Pöppel ist heute mein Gast und zwar unter anderem vom Bundesverband
Alphabetisierung und Grundbildung.
Nicole, wir bleiben beim Du. Herzlich willkommen.
Hallo Sascha, herzlichen Dank für die Einladung.
Ja, wenn ich hier das lese, Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung.
Wir machen das ja immer so bei unserem Podcast, dass wir zuerst mal wissen wollen,
mit wem führen wir heute das Interview.
Das heißt, stell dich mal ganz kurz vor, aber auch natürlich die Aufgaben und
der Zweck des Bundesverbandes.
Ich bin Geschäftsführer beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung.
Und wir sind ein Verein, den gibt es seit Anfang der 80er Jahre,
das in Münster gegründet.
Und wir sind so eine bundesweite Anlaufstelle für das Thema Alphabetisierung
und Grundbildung. Also wenn Erwachsene zu geringe Lesung- und Schreibkompetenzen
haben oder Grundbildungsbedarf, kann man sich an uns wenden.
Ein ganz wichtiges zentrales Angebot ist unser Beratungstelefon,
das Alpha-Telefon, das jedem offen steht, der sich über das Thema informieren möchte.
Und wir bieten auch eine Reihe von fachlichen Services, Fortbildung und Schulung
an. Das heißt, wir machen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fit,
aber auch unterstützen auch Fachkräfte in dem Feld, die zum Beispiel Erwachsene
beim Lesen und Schreiben lernen unterstützen.
Geringe Literalität, was meint man damit und wie zeigt sie sich im Alltag bei den Menschen?
Geringe Literalität bedeutet, dass man zu geringe Lesen- und Schreibkenntnisse
hat für das, was in unserer Gesellschaft erwartet wird.
Das heißt, wir reden nicht vom totalen Analphabetismus, also dass jemand gar
nicht lesen und schreiben kann, sondern wir sprechen von einer Gruppe von mehr
als sechs Millionen Erwachsenen, die Buchstaben, Wörter oder einfache Sätze lesen können,
aber an Texten scheitern.
Und vieles in unserem Alltag ist ja sehr textbasiert. Also man bekommt Post,
die man bearbeiten muss, E-Mails und so weiter.
Das heißt, dass diejenigen, die das nicht so richtig können,
die gering literalisiert sind, die Schriftsprache meiden und auch bei alltäglichen
Dingen auf Unterstützung angewiesen ist.
Da kann man sich natürlich vorstellen, dass sich diese Einschränkung auf sehr
viele Lebensbereiche auswirkt, auf das Privatleben, aber auch auf den Beruf.
Und viele Betroffene schränken sich auch selber ein, weil sie Sorge haben,
zum Beispiel in bestimmten Kontexten, die sie noch nicht kennen,
mit Schrift konfrontiert zu werden.
Lese- und Schreib, geringe Lese- und Schreibmöglichkeit oder Literalität.
Wie weit und wo oder wie nah ist das mit dem Begriff Lese- und Rechtschreibschwäche
verbunden? Das ist jetzt eine Frage, die ich einfüge, weil das Thema ja oft
beginnt. Wo mache ich da den Unterschied?
Ja, genau. Es kommt oft die Frage auf, was hat das mit Legasthenie zu tun?
Und da muss man einfach unterscheiden. Legasthenie ist eine diagnostizierte
Leserechtschreibstörung. Also da gibt es tatsächlich wirklich eine Diagnose,
wenn jemand Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben lernen hat.
Das kann eine mögliche Ursache sein, dass ein Erwachsene das dann am Ende nicht richtig gelernt hat.
Aber die Gruppe der gering-literalisierten, also der mehr als sechs Millionen
Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter, die nicht richtig lesen und schreiben können,
das kann vielfältige Ursachen haben.
Also Legasthenie könnte eine ursprüngliche Ursache dafür sein,
dass ein Kind zum Beispiel im Kindesalter Schwierigkeiten beim Lernen hatte.
Und wenn es dann nicht ausreichend unterstützt wurde, kann sein,
dass am Ende die erwachsene Person dann gering-literalisiert ist.
Aber man muss eben so unterscheiden, nicht jede Legasthenikerin,
jede Legasthenikerin wird automatisch geringletralisiert und umgekehrt haben
auch nicht alle geringletralisierten eine diagnostizierte Degasthenie.
Was ich weiß ist, dass viele Erwachsene ja vielleicht also auch Schwierigkeiten
haben, zum Beispiel eine Diagnostik zu bekommen, weil es da wohl auch einen Mangel gibt.
Also bei Kindern schaut man da mittlerweile genauer hin und ermöglicht auch
Diagnostik und Therapie. Bei Erwachsenen ist das leider noch nicht unterstützt.
Und das bedeutet dann am Ende auch, dass in den Lernangeboten für Erwachsenen.
Zum Beispiel an Volkshochschulen oder bei anderen Trägern, erstmal nicht differenziert
wird, was die Ursache ist, sondern man guckt nur, wie ist die Kompetenz und
wo steht die Person und wo kann man vielleicht dann weiterarbeiten,
um die Leseschreibkenntnisse zu verbessern.
Warum wird das erst im Erwachsenenalter, diese geringe Literalität,
zum Mittelpunkt? Also warum stellt man das erst bei Erwachsenen fest?
Du sprichst hier von sechs Millionen Erwachsenen, aber jugendliche Kinder zählen da nicht dazu?
Genau, weil man davon ausgeht, dass Jugendliche und Kinder dann noch sozusagen
im Lernprozess sind und man guckt dann erst im Erwachsenenalter,
ob dann die erwarteten Lese- und Schreibkenntnisse da sind.
Das heißt, in der Kindheit oder Jugend wird natürlich auch geschaut,
also man macht ja auch zum Beispiel in Schulen Studien oder man schaut,
ob das Kind natürlich mitkommt, ob es Förderbedarf hat und so weiter,
aber der Begriff der geringen Literalität ist einfach quasi für Erwachsene vorbehalten.
Bei Kindern und Jugendlichen spricht man dann vielleicht auch eher von Lese-Rechtschreib-Schwäche
oder man guckt, ob es eine diagnostizierbare Störung gibt.
Wenn man jetzt die Zahl von 6 Millionen hört, merkt man, dass das trotzdem weit
verbreitet ist in einem doch industrialisierten Land.
Gibt es da Zielgruppen, die ganz besonders darunter leiden oder die ganz besonders,
diese geringe Literalität aufweisen?
Wie kann man das unter der Bevölkerung feststellen?
Ja, da können wir uns ganz gut auf die Leo-Studie der Uni Hamburg stützen.
Die hat herausgefunden, dass von diesen mehr als sechs Millionen Erwachsenen,
die deutschsprachig sind.
Etwas mehr als die Hälfte deutsche Herkunftssprache haben und ein bisschen weniger
als die Hälfte eine andere Herkunftssprache.
Dabei muss man aber wissen, dass in dieser Zahl noch nicht zweisprachige Personen,
die noch gar kein Deutsch sprechen, erfasst sind.
Und insgesamt, wenn man so auf den Bildungsstand guckt, dann kann man sehen,
dass eher Personen mit niedrigen Schulabschlüssen oder auch keinen Schulabschlüssen
besonders betroffen oder beferdet sind.
Es sind auch eher Ältere als Jüngere betroffen, aber es geht trotzdem durch alle Altersschichten.
Also wir haben, also die Leo-Studie bezieht sich auf Personen zwischen 18 und
64 Jahre, was wiederum auch bedeutet, dass dann die jenseits der 64,
also besonders die älteren Generationen nicht mehr erfasst sind.
Und hier wissen wir, da gerade die Eltern etwas eher betroffen sind,
dass da natürlich auch noch einige Personen sind, die jetzt in dieser Zahl nicht erfasst sind.
Das heißt, wir sprechen da wahrscheinlich noch von einer Dunkelziffer,
die viel höher liegt als das, was wir gerade festgestellt haben.
Wie wird denn in Deutschland ausreichend über geringe Literalität gesprochen
und Bewusstsein für das Thema geschaffen?
Also wir als Verband sprechen seit Jahrzehnten über das Thema und wir hatten
tatsächlich auch die ersten bundesweiten Kampagnen und Schätzungen von Zahlen.
Frühjahr, bevor die Leo-Studien der Uni Hamburg dann erstmals repräsentative
Zahlen geliefert haben.
Und wir haben auch darauf hingewirkt, dass es so eine nationale Strategie im
Bund gibt. Und am Ende ist auch eine bundesweite Initiative zustande gekommen,
das ist die Alpha-Dekade.
Alpha-Dekade 2016 bis 2026, das heißt, die läuft Ende des Jahres aus.
Und das war ein großer Fortschritt. Das heißt, im Zuge dessen hat man vom Bund
her anerkannt, das ist ein Problem, das unsere Gesellschaft betrifft.
Dessen man sich annehmen muss, das gefördert werden muss.
Deswegen wurden viele Projekte, Maßnahmen und auch Strukturen ausgebaut.
Um Literalität und Grundbildung in Deutschland bei Erwachsenen zu fördern.
Jetzt sind wir gerade an dem Endpunkt der Alpha-Dekade und man merkt auch schon,
dass da die öffentliche Aufmerksamkeit sich wieder reduziert und viele zentrale
Strukturen nicht verstetigt worden sind. Vieles läuft projektbasiert,
projektgefördert und das endet dann im Moment.
Also ein Beispiel dafür ist, dass es eine bundesweite Kampagne gab,
die Öffentlichkeitswirksam auf das Thema aufmerksam gemacht hat.
Die wurde zum Beispiel schon vor ein paar Jahren eingestellt und das merken
wir deutlich, dass dann die öffentliche Berichterstattung abnimmt und auch die
Nachfrage sinkt nach Lernangeboten und Beratung.
Wir kommen jetzt auf das Thema der Praxis zu sprechen. Ich würde gerne eine Frage da einwerfen.
Geringe Literalität oder auch Analphabetismus und so Themen sind ja prinzipiell
ein extremes Tabuthema.
Wie konntet ihr, die ja schon seit den 80er Jahren mit dem Thema arbeiten,
da unter Gegenwirkungen, dass das nicht mehr so tabuisiert wird?
Also es gibt schon auch, was ich eben angedeutet habe durch die Entwicklung
der AfD-Karte zum Beispiel, es gibt schon auch eine stärkere Sensibilisierung
jetzt von gesellschaftlichen Akteuren, Verbänden, Verwaltungen,
dass man hat viel Personal geschult und sensibilisiert.
Weil was man festgestellt hat ist, dass die Betroffenen schon auch,
also es braucht eine Ansprache und das macht man am besten an Positionen,
wo die Personen schon sind.
Nehmen wir beispielsweise das Jobcenter oder die Agentur für Arbeit oder auch,
soziale Einrichtungen, die Personen bei anderen Themen unterstützen,
dass man da eine Ansprache herstellt.
Und da haben wir sehr, sehr viele Multiplikatoren, Multiplikatoren geschult.
Das ist ein ganz wesentlicher Faktor.
Und natürlich ist auch das allgemeine Bewusstsein gestärkt worden.
Der Bundesverband arbeitet mit sogenannten Lernbotschaftern.
Ist es das, was du gerade angesprochen hast und was steckt da dahinter?
Wir hatten schon seit den Anfängen unserer Vereinsgründung immer sehr starken
Fokus, schon auch auf der Unterrichtspraxis und auf den Bedarfen von Lernenden
und Lernbotschafterinnen und Lernbotschafter sind,
ehemalige Betroffene oder auch jetzt immer noch Lernende, die als Erwachsene
besser Lesen und Schreiben gelernt haben.
Und die unterstützen unsere Schulungen, unsere aufsuchenden Aktionen und auch
ganz wichtig die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, weil sie dann sozusagen
authentisch davon berichten können. Also was hat bei ihnen dazu geführt,
dass sie es nicht richtig gelernt haben?
Wie haben sie es nochmal geschafft? Wie haben sie den Anfang gefunden?
Doch wieder sich zu motivieren, erneut zu lernen, weil man blickt ja dadurch
auch eine schwierige Erfahrung auch mit dem Thema des Läden und Schreibenlernens zurück.
Und das ist uns ganz wichtig, diese authentischen Stimmen dabei zu haben und
auch für andere mögliche Betroffene dann so eine Ansprechpartner auf Augenhöhe.
Welche Erfahrungen und Perspektiven bringen diese Lernbotschafter euch in eure Arbeit?
Die Erfahrungen sind natürlich individuell, aber eine wichtige Erfahrung,
die sie schon auch oft verbinden, ist das, was es bedeutet in unserer Gesellschaft,
diese Schwierigkeit zu haben.
Dort ist das ja auch angesprochen mit dem Tabu, also dieses Geheimnis,
Man erwartet gemeinhin, dass ein Erwachsene, besonders auch wenn er deutschsprachig
ist, lesen und schreiben kann.
Bei ZweitsprachlerInnen sieht das ja immer nochmal ein bisschen anders aus.
Da ist das vielleicht offenkundiger und auch weniger tabuisiert,
dass man das noch nicht so gut kann in Deutsch.
Aber bei Deutschsprachigen ist es eben so.
Und diese Erfahrung haben sie gemeinsam und auch, was es ausmacht,
dass man nochmal mit dem Lernen begonnen hat.
Für viele ist da so ein ganz starker Zugewinn an Souveränität,
Selbstbewusstsein und auch so dem Erkenntnis, ich kann noch was dazulernen,
so eine Art von Selbstwirksamkeitserfahrung auch dabei und das können sie ganz gut transportieren,
und dann natürlich auch sowohl Multiplikatoren, Multiplikatoren.
Sensibilisieren dafür, wie kann man jemanden ansprechen, Wie kann man jemanden
vielleicht auch eine Brücke bauen und natürlich auch andere Betroffene ansprechen?
Das heißt, wenn ich jetzt aus deinen Antworten heraushöre, bedeutet geringe
Literalität nicht unbedingt, ich muss mich damit abfinden, sondern es gibt Wege,
vielleicht für jeden individuell, aber es gibt Wege, da etwas rauszukommen,
vielleicht nicht in die komplette Literalität, aber Schritte nach vorne zu bewegen.
Da gibt es Angebote und da gibt es Möglichkeiten.
Ja, ganz genau. Also ganz wichtig sind natürlich die zum einen Kursangebote,
da sind vor allem Volkshochschulen die wichtigsten Anbieter.
Es gibt zunehmend auch, wenn man gemerkt hat, naja, so formalisierte Kurse sind,
nicht immer das Richtige für alle.
Deswegen hat man auch Lerncafés, Lerntreffs eingerichtet, vor allem auch eher
in sozialen Quartieren, also eher, dass man zu den Menschen hingeht,
als dass man erwartet, dass sie zum Beispiel so einen klassischen Lernanbieter aufsuchen.
Und man hat auch digitale Lernangebote, ganz wichtig, also zum Beispiel das VHS-Lernportal.
Es gibt auch verschiedene Projekte für bestimmte Branchen, also auch für den
Beruf, Anwendungen für Personen, die da noch Nachholbedarf haben, entwickelt haben.
Es gibt Lern-Apps, mit denen man dann quasi auch ortsunahmhängig selbst lernen
kann, wenn man digital schon ausreichend fit genug ist.
Also man kann auf jeden Fall was hinzulernen und von allen, die das machen,
die zeigen auch deutlich, dass es sich für sie lohnt.
Was kann oder was könnten Politik, Verwaltung, Gesellschaft aus euren Erfahrungen
lernen und auch den Erfahrungen, die die Botschafter gemacht haben?
Ja, ich denke schon, dass das eines, was ich eben erwähnt habe,
diese Ansprache ist. Also viele Betroffene, die wir jetzt kennen,
wir kennen natürlich nur die, die dann auch den Weg in Lernangebote gefunden haben, persönlich.
Sonst ist vieles basierend natürlich auf Studien. Aber die hätten sich früher
eine Ansprache gewünscht und das ist oft für sie auch erleichternd.
Das heißt, wir müssten irgendwie schaffen, dass nicht so viele Jahre vergehen
zwischen dem Ende der Schulzeit und dem erneuten Lernen.
Und dann denke ich, dass die Lernenden ein grundsätzliches Vorbild sind für
diese Devise, dass es nie zu spät ist, weil die Erwachsenenbildung und das lebenslange
Lernen ist so wichtig und das wird in unserer hochdynamischen Gesellschaft ja auch immer wichtiger.
Das heißt, auch im Erwachsenenalter kann man noch grundlegendes Lernen oder Verbessern.
Das ist auch in gewisser Weise notwendig. Und die Erwachsenenbildung ist ja
der größte Bildungssektor und das wird leider noch viel zu wenig beachtet.
Also die Politik sollte die Alphabetisierung und Grundbildung ernster nehmen,
weil so viele Lebensumstände natürlich von Schriftsprachkompetenz abhängen.
Das prägt Familie, das prägt Beruf, das soziale Leben, die Gesundheit und so weiter. haben.
Wir kommen gleich zur Digitalisierung. Bevor wir das aber machen,
wir haben in einer unserer ersten Folgen das Thema einfach und leichte Sprache
drin gehabt. Ich stelle mir jetzt gerade die Frage, inwiefern ist das hilfreich
für Menschen mit geringer Literalität? Also einfach oder leichte Sprache,
nutzt das was, bringt das was, hilft das?
Ja, ganz entscheidend ja. Und wir würden da immer nochmal so auf diese Unterschiede hinweisen.
Leichte Sprache ist ja noch ein bisschen leichter als einfache Sprache.
Für gering literalisierte Menschen ist oft die einfache Sprache,
also eine gewisse Sprachvereinfachung ist schon sehr hilfreich.
Aber insgesamt sind beide etwas, was sehr, sehr weiterbringt.
Genau, Sprachvereinfachung ist ein ganz wichtiger Faktor, um da Barrieren abzubauen.
Die Digitalisierung soll vieles einfacher machen.
Kommt das bei den Menschen mit geringer Literalität an? Also hilft sie wirklich, die Digitalisierung?
Ja, ich würde sagen, das kommt ganz darauf an. Also Digitalisierung ist ja nicht
in gewisser Weise so zielgerichtet, sondern sehr umfangreicher gesellschaftlicher Prozess.
Und ich denke, ob etwas einfacher wird, hängt davon ab.
Also was wir schon beobachten, ist, dass bestimmte Alltagsbewältigung in gewisser
Weise dadurch schwieriger wird, dass Dinge, die man so früher mündlich regeln
konnte, nehmen wir wie Ticketverkauf, Fahrkartenkauf,
durch die Digitalisierung jetzt in einen anderen Raum verlagert werden,
wo man dann erstmal keine Ansprechperson mehr hat.
Das heißt, das wird schon von einem mündlichen irgendwie ins schriftliche auch
wieder verlagert. Und ich hatte zum Beispiel mal eine Situation an der Schwimmbadkasse,
war eine Person vor mir, die wollte ein Ticket für einen Sportkurs kaufen.
Und da hat die Kassiererin gesagt, ja, hier ist so ein Aufsteller,
da können Sie den QR-Code einscannen und da können Sie den Kurs buchen.
Und die Person hat gesagt, ich habe gar kein Smartphone. Also das heißt,
da ist schon die erste Zugangsbarriere. Hätte die Person ein Smartphone gehabt,
müsste man natürlich das erstmal auch lesen können, den QR-Code nutzen und so
weiter. Also schließen sich viele Folgeprobleme an. Das heißt,
es kommt ein bisschen drauf an.
Und was auch noch ein Faktor ist, das hat die Leo-Studie ganz gut gezeigt,
dass Personen, die gering literalisiert sind, auch ein geringeres Zutrauen in
Kompetenzen haben, zum Beispiel auch im digitalen Bereich.
Man hat dann Sorgen, dass man Fehler macht oder Risiken ausgesetzt ist.
Das ist so die Schwierigkeit, aber gleichzeitig kann man auch sagen,
dass die Digitalisierung sehr viele nützliche Instrumente mit sich gebracht
hat, wo diese geringen Schriftbrachkompetenzen kompensiert werden können.
Das sind beispielsweise, habe ich eben schon erwähnt, digitale Lernangebote,
Apps und so weiter, aber dann natürlich auch Hilfsmittel wie Sprachassistenz, generative KI.
Also alles, was ermöglicht, die Schrift zu ersetzen, kann der Gruppe auf jeden Fall weiterhelfen.
Also du würdest sagen, es gibt auf der anderen Seite Angebote,
die das Leben erleichtern und auf der anderen Seite aber auch neue Hürden eventuell?
Ganz genau. Ich würde sagen, es ist auf jeden Fall beides. Die Digitalisierung
schafft neue Hürden oder die Digitalisierung schafft oder bietet auch neue Chancen.
Die müssen dann eben natürlich teilweise noch vermittelt werden.
Das heißt, dass man irgendeine Instanz hat, die sei es aus dem Umfeld oder sei
es dann auch durch die Erwachsenenbildung, die eben auch diese Chancen vermittelt,
weil man natürlich erstmal Zugang dazu finden muss.
Welche Zusammenhänge gibt es zwischen geringer Literalität, sozialer Ungleichheit
und digitaler Teilhabe?
Vor allem schon, welche Rolle spielt da eventuell auch finanzielle Ressourcen
oder Gerätezugang, Internetkosten und so weiter?
Ja, ich glaube, da hat sich schon in den letzten Jahren so ein bisschen was verändert.
Also wir hatten, als die Pandemie war, wo ja so ein sehr deutlicher Umbruch
war, wo man gemerkt hat, so vieles wird so schnell auch in so einen digitalen Raum verlagert.
Da haben wir gemerkt, bezogen auf unsere Zielgruppe jetzt, dass da viele noch,
keine Geräte hatten. Also Smartphones fehlten, Laptops fehlten,
WLAN zu Hause und da haben wir auch einige ausgestattet und fit gemacht in dem Bereich.
Aber grundsätzlich ist es natürlich so, dass gering-literalisierte Menschen
schon auch eher einen schwachen sozioökonomischen Status haben.
Viele arbeiten eher in gering qualifizierten Jobs, was man sich ja auch dadurch
erklären kann, dass oft ohne diese Schriftsprachkenntnisse hat man keine Ausbildung
gemacht und so weiter. Also da gibt es schon eine soziale Ungleichheit.
Und vielleicht muss man das so unterscheiden, dass es einfach gewisse Limits gibt.
Also Smartphones zum Beispiel sind sehr, sehr verbreitet und werden auch regelgenutzt.
Also die geringlitalisierten bewegen sich schon im digitalen Raum,
aber anders als die allgemeine Bevölkerung, die sehr gut oder recht gut lesen und schreiben kann.
Wenn beispielsweise Laptops, PCs auch was, was jetzt zum Beispiel große Bildschirme
hat oder sowas, ist dann weniger verbreitet und nicht alle haben unbedingt jetzt
so ein WLAN zu Hause oder so.
Also da muss man schon unterscheiden, welche Praktiken geht es.
Smartphones da, würde ich sagen, das ist schon, das ist sehr,
sehr gängig. Also es ist mehrheitlich und alles, was die bieten,
kann man dann auch sehr gut nutzen.
Kann Digitalisierung bestehende Ungleichheiten verstärken?
Ich würde sagen, ja. Das liegt vor allem daran, dass ja auch Digitalisierung
eine gewisse Art von Grundbildung erfordert, die sich auf dieses Digitale bezieht.
Also digitale Grundbildung ist nochmal ein eigener Bereich.
Und wenn jetzt jemand schon geringe Grundbildung hat im Puncto Lesen und Schreiben,
für den ist das natürlich auch eher schwierig, sich Neues anzueignen.
Und das gehört auch dazu, sich den digitalen Raum zu erschließen.
Also mit der Informationssuche fängt es an, aber damit endet es ja nicht.
Digitale Kompetenzen bedeuten ja am Ende schon auch, dass man souverän vielleicht
auch irgendwie Beiträge macht und mitgestaltet. Also da gibt es ja verschiedene
Ebenen von Digitalkompetenzen. Und.
Ich würde sagen, ja, die Ungleichheiten verstärken sich in gewisser Weise.
Aber da müssen wir innerhalb der Gruppe der geringen Literalisierten auch nochmal
unterscheiden, Weil es ist nicht eine homogene Gruppe, sondern es gibt da auch
Personen, die sind eher digital angeschlossen.
Vielleicht schreiben die ein bisschen schlechter als andere,
die weniger angeschlossen sind digital. Also es sind unterschiedliche Kompetenzen.
Aber grundsätzlich ist der digitale Raum nicht schriftsfrei,
sondern ich glaube schon noch recht schriftbasiert.
Und dadurch ist es eine gewisse Ungleichheit, die verstärkt wird zunächst.
Euer Verband kommt aus dem analogen Zeitraum?
Ist mit der Entwicklung der Gesellschaft in die Digitalisierung gerutscht?
Digitalisierung für dich aus deiner Perspektive eine positive Sache oder eher
etwas Kritisches für Menschen mit geringer Literalität?
Du sprichst da einen guten Punkt an, nämlich, dass wir uns natürlich auch sowohl
als VermittlerInnen als auch als Lehrende da total selber anpassen müssen und
selbst ganz viel hinzulernen müssen.
Insgesamt würde ich sagen, also meine Bilanz ist insgesamt gemischt.
Es gibt viele Vorteile und Hilfsmittel für Menschen mit geringlesen Schreibkenntnissen
oder auch mit geringen Sprachkenntnissen.
Und da würde ich hoffen oder mir wünschen, dass die noch mehr genutzt werden können.
Und das ist dann wiederum, denke ich, ein Aspekt der Vermittlung.
Also, dass man in die Vermittlung investiert und damit bestehende Möglichkeiten
auch mehr genutzt werden können. Deswegen ist das auch so wichtig,
dass man vor Ort präsent ist, zum Beispiel auch wie mit dem Digitalkompass oder dass man aufsuchende.
Angebote macht, die nah an den Menschen sind und auch auf die zugehen,
um denen auch die Chancen zu vermitteln.
Und natürlich auch so gewisse Sorgen und Reserven abbauen zu können,
damit diese Selbstausschlüsse, die ich eben erwähnt habe, dass jemand sich irgendwas
nicht zutraut oder Ängste hat, dass das auch abgebaut wird.
Aber ich glaube, jetzt, wo wir heute sind, ist die Schriftsprache noch sehr
wichtig und es gibt eine Zugangsbarriere.
Aber da, wo der digitale Raum zum Beispiel ermöglicht, dass vieles über,
Audio zum Beispiel funktioniert oder vielleicht auch über Bild,
da ist dann für bestimmte Gruppen natürlich eine Zugangsbarriere abgebaut.
Also da hilft es auf jeden Fall weiter.
Wir haben schon kurz angesprochen, die digitalen Hilfsmittel sind ein interessanter
Bestandteil, können viel bewegen, können sehr positiv sein.
Welche Voraussetzungen müssen denn erfüllt sein, damit Menschen mit geringer
Literalität diese Angebote, die da gegeben werden, überhaupt nutzen können? Mhm.
Ja, so ein bisschen habe ich das schon, denke ich, angedeutet,
dass man eben diese Verfügbarkeit hat der technischen Hilfsmittel.
Da gehen wir jetzt erstmal davon aus, und das wissen wir auch schon aus Studien,
dass das schon der Fall ist, dass viele zumindest eben Smartphone haben,
dann auch ein gewisses Datenvolumen.
Aber das ist ein grundlegendes Problem, dass viele Angebote geschaffen werden,
Hilfsangebote oder Bildungsangebote, und dass die immer der Haken ist dann schon,
dass die an die Personen auch rankommen. Also wir müssen uns schon auch stark auf die.
Vermittlung konzentrieren und für die Personen, die.
Da geringletralisiert sind zum Beispiel, ist es auch immer eine Herausforderung,
dass stetige Neuentwicklungen stattfinden und stetige Veränderungen und so weiter.
Und das ist genau auch eine gewisse Hürde.
Die KI, unser größter Kollege seit einiger Zeit, wir benutzen sie teilweise
schon seit längerem. Sie ist auf dem Vormarsch, sie ist wichtig,
sie bietet große Chancen.
Die werden so beschrieben. Welche Chancen siehst du und wo liegen aber auch
die Grenzen oder aber auch die Risiken? Mhm.
Ja, wir haben schon auch aus dem Umfeld zum Beispiel von Lernenden,
mit denen wir Kontakt haben, da sehr unterschiedliche Einschätzungen für die
einen sind, das ist sehr, sehr große,
Chancen und auch Möglichkeiten, autonom, besonders durch generative KI hat man
ja die Möglichkeit, dass man selbst, wenn man nicht so gut schreibt,
eben einfach sehr, sehr viel kompensieren kann und Unterstützung erfährt.
Das heißt, dass man jetzt mittlerweile dank KI viel einfacher schreiben,
formulieren, korrigieren kann. Das heißt, schriftliche Teilhabe zum Beispiel,
Kommunikation wird dadurch sehr, sehr stark erleichtert.
Natürlich auch durch Rolllisemöglichkeiten und so weiter kann sehr,
sehr viel kompensiert werden und das ist erstmal ein ganz, ganz großer Gewinn.
Und da sehen wir auch, dass die Partizipation auch an Diskussionen,
also vor allem jetzt im digitalen Raum, über Social Media einfach bei denjenigen,
die wir jetzt kennen, aus unserem Bereich steigt.
Und gleichzeitig ein anderes Risiko ist natürlich,
dass man für diese digitale souveräne Kompetenz natürlich noch auch bestimmte
Risikofaktoren kennen muss und dass man auch selber die Inhalte,
die man so produziert, natürlich auch nochmal irgendwie kritisch prüfen muss.
Dafür braucht man so ein gewisses Bewusstsein, aber wenn man das jetzt mit dem
Vorlesen nicht macht, eine gewisse Lesekompetenz auch.
Das heißt, man muss zusätzlich zu den Hilfsmitteln dann nochmal eben auch eine
gewisse Digitalkompetenz aufbauen und ja, um sozusagen die Risiken.
Nicht den Risiken ausgesetzt zu sein.
Lass uns mal nach vorne blicken, an welchen Themen und Vorhaben arbeitet ihr gerade aktuell?
Wir haben im Moment einen starken Fokus schon auch auf der Professionalisierung
von Fachkräften und auf Personen, die mit Menschen mit Grundbildungsbedarf arbeiten.
Das heißt, wir entwickeln Fortbildung und vor allem auch noch nach wie vor die
Schulung von Sensibilisierung, also die Sensibilisierung von Multiplikatoren,
Multiplikatoren, weil wir eben immer merken, es ist so.
Dadurch, dass es ja jetzt auch keine allgemeinen Kampagnen und eine übergeordnete
Art von Ansprache gibt, muss man das eben besonders vor Ort machen,
dass man die Unterstützung anbietet, wo die Personen sind.
Das sind Themen. Dann ist vor allem uns noch wichtig, unsere Lernbotschafter
nach wie vor weiter zu stärken und in die Öffentlichkeitsarbeit einzubinden.
Das finden wir sehr, sehr wirksam.
Und wir hoffen, wir arbeiten schon darauf hin, dass wir die Kampagnenarbeit
wieder aufziehen können.
Weil wir merken, dass sobald das Thema nicht mehr öffentlich besprochen diskutiert
wird, Es ist zwar mittlerweile in mehr Strukturen eingeseckert, aber gleichzeitig,
wird die Nachfrage nach Lernen oder auch das Medieninteresse zum Beispiel sehr
viel geringer und das macht dann sehr viel aus.
Also es tritt so ein bisschen aus dem Bewusstsein. Man denkt,
okay, das Problem hat sich jetzt erledigt.
Wir hatten eine Alpha-Dekanne und deswegen wollen wir da auch besonders wieder
darauf hinwirken, dieses öffentliche Bewusstsein wachzuhalten.
Und ganz konkret, wir hatten ein aufsuchendes Beratungsprojekt,
das Alpha-Mobil, das bundesweit in Deutschland an belebten Plätzen öffentlich,
stand und Menschen aktiv angesprochen hat auf das Thema.
Und das versuchen wir auch wieder zu beleben, weil da die Förderung eingestellt wurde.
Wo siehst du derzeit die größten politischen Baustellen, Herausforderungen,
wenn es um digitale Teilhabe von Menschen mit geringer Literalität geht?
Wir sprechen da auch nach der Frage, wie werden Menschen ausreichend mitgedacht?
Welche Verantwortung geht da an die Behörden, die Anbieter, die Unternehmen?
Also wo sind da gerade die Herausforderungen?
Das ist schon auch eine recht große Frage. Also ich würde das erstmal so grundsätzlich
allgemein bezogen auf unsere Zielgruppe,
sagen, dass sie nicht ausreichend mitgedacht wird, also dass gering literalisierte
Menschen auch wie Menschen mit anderen Einschränkungen nie ausreichend mitgedacht
werden, sondern dass man immer von der Norm ausgeht und dann.
Das gibt natürlich bestimmte rechtliche Regelungen, die Weichen stellen und
auch Teilhabe versuchen zu ermöglichen, Barrieren abzubauen und so.
Du hattest eben auch schon angesprochen, bezogen auf unsere Zielgruppe jetzt
den Einsatz leichter Sprache oder auch dann eben einfacher Sprache.
Das sind schon rechtliche Weichenstellungen, die sehr, sehr wichtig sind,
damit auch wirklich Teilhabe verbessert werden kann, jetzt auf Ebene von Politik,
Verwaltung und dem öffentlichen Raum.
Ja, also Sprachvereinfachung ist auf jeden Fall ein wichtiger Faktor.
Aber ja, insgesamt ist es, ich finde die Frage schon sehr komplex,
weil es geht ja um digitale Teilhabe,
ist ja so vielfältig, du hattest jetzt auch angesprochen, Unternehmen,
da würde ich sagen, da muss man unterscheiden zwischen denjenigen,
also geht es jetzt um die Mitarbeitenden oder geht es eher um Kundinnen und
Kunden, weil vieles ist ja schon auch in dem Bereich,
der Kundenorientierung, macht man sich ja manchmal vielleicht auch auf mehr Mühe,
Zielgruppen einzubinden, Aber in Unternehmen ist ein wichtiger Faktor,
was die Digitalisierung angeht, schreiten sehr viel,
es gibt sehr viel Veränderung auch in dem beruflichen Alltag und das stellt
Gering-Gestralisierte vor Hürden und da müsste man denke ich auch noch mehr,
investieren und tun, dass man schafft,
die Personen im Unternehmen auch zu schulen und fortzubilden.
Also dass man mitdenkt, dass das eben eine Hürde darstellt und da auch noch
mehr investiert, Bildungsfortbildungsangebote zu stärken.
Hat so ein Barrierefreiheitsstärkungsgesetz aus deiner Sicht auch eine Auswirkung
auf Menschen mit geringer Literalität? Also kann das auch diesen Menschen dienen?
Ich kann das nicht ganz genau sagen, aber ich würde hoffen, ja.
Also das würde ich schon hoffen. Also es sind auf jeden Fall wichtige Weichenstellungen
in die richtige Richtung.
Was wird aus deiner Sicht von Politik, Verwaltung und Wirtschaft über Menschen
mit geringer Literalität noch zu wenig verstanden oder falsch verstanden oder
nicht richtig eingeschätzt?
Also was immer schwer zu vermitteln ist, dass es nicht um Personen geht,
die gar keine Kenntnisse haben, sondern einfach zu geringe.
Aber das wird mittlerweile schon sehr viel besser verstanden als früher.
Also mittlerweile hat sich schon so ein stabiles Bewusstsein in der politischen
Ebene durchgesetzt und auch in der Verwaltung, dass es um eine Zielgruppe geht,
die eben diverser ist und breiter aufgestellt. dass es einfach um einen zu geringen
und zu wenig Kenntnisse geht und nicht um gar keine.
Und dann ist ein zweiter Punkt, dass man nicht so gut versteht,
warum die Menschen ihre Kenntnisse sich nicht einfach in Anführungszeichen verbessern
wollen, sondern dass es viel Einsatzbedarf, auch
von Akteuren wie uns jetzt zum Beispiel, dass man Menschen fürs Lernen begeistert,
dass man die anspricht, dass man denen überhaupt vermittelt,
dass es noch Angebote gibt, weil sie hatten bisher ja keine guten Erfahrungen
mit dem Lernen oder sie hatten auch einfach, wenn sie zum Beispiel zugewandert sind, nicht die
ausreichende Chance, das zu lernen.
Und ja, was wir jetzt aktuell beobachten, ist, dass der Einsatz für Grundbildung
jetzt aus Ressourcenknappheit immer stärker auf den Arbeitsmarkt zugeschnitten wird.
Das ist natürlich sinnvoll, dass man auch die berufliche Integration stärkt
und die Teilhabe, aber gleichzeitig hat geringe Grundbildung ja so weitreichende
grundlegende Auswirkungen auf Gesundheit, auf Familie, auf das soziale Leben.
Und deswegen finde ich es wichtig, dass man den Fokus wieder erweitert und dass
man mehr auf die ganzheitliche Teilhabe in allen Domänen guckt und nicht nur auf den Arbeitsmarkt.
Nicole, zum Schluss. Welche Botschaft möchtest du den Multibligatorinnen vom
Digitalkompass gerne mit auf den Weg geben?
Also jede Person, die sich da jetzt einsetzt im Rechtsdigitalkompass und schon
mal davon gehört hat, wie viele Menschen gering neutralisiert sind, hilft weiter.
Und da so eine wichtige Botschaft ist, dass man dadurch einfach auch unterstützen
kann, dass man weiß, dass es sehr viele Menschen in Deutschland gibt.
Auch Deutschsprachige, die zu geringe Kenntnisse haben.
Und dann ist es, wenn man zum Beispiel auf jemanden trifft, der im Supermarkt
einem nach Produkt fragt oder auf dem Bahnsteig nach der Zuginfo,
das ist dann sehr freundlich und hilfreich, wenn man nicht sagt,
steht doch da oder sowas.
Sondern dass man eben einfach die Hilfestellung gibt und die Informationen freundlich
gibt und natürlich gerade auch die, die in Berufen arbeiten,
wo sie dann auch professionellen Kontakt mit möglichen Betroffenen haben, ist es total,
hilfreich, wenn man zum Beispiel auch Unterstützung anbietet,
Dinge mal vorliest oder sowas und man kann sich da auch fit machen.
Wir haben zum Beispiel Sensibilisierungsschulungen, die wir kostenfrei anbieten
und da kann man dann eben auch nochmal als Multiplikatorin sich ein bisschen
fitter machen für die Ansprache.
Vor allem ist geringe Literalität etwas, was nicht sichtbar ist.
Deshalb ist es immer gut, wenn ein Mann gefragt wird, einfach die Hilfeleistung
zu geben. Weil ich glaube, wenn ein Mensch, egal wo er Hilfe braucht,
nach Hilfe fragt, überlegt er sich das ganz gut, bevor er die Hilfe fragt.
Und er fragt sie nicht einfach so.
Das ist, glaube ich, eine Botschaft, die du jetzt gerade gegeben hast,
die an unsere gesamte Gesellschaft gibt, für alle Menschen, die mal um Hilfe fragen.
Danke, das hast du sehr schön zusammengefasst.
Dr. Nicole Pöppel, Geschäftsführerin vom Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung.
Vielen Dank für deine Zeit, vielen Dank für diese interessanten Informationen
und ich drücke die Daumen, dass eure Kampagnen dann doch noch verlängert werden
oder neu aufgelegt werden oder ihr neue Ideen entwickeln könnt,
um dieses Thema in die Gesellschaft zu bringen. Ganz herzlichen Dank.
Digital Kompass Podcast – digital einfach erklärt,
Ein Projekt von Deutschland sicher im Netz und der Bundesarbeitsgemeinschaft
der Seniorenorganisationen Gefördert vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz,
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