Energiedosis

Die Netzwerkpartner

100: Fernwärme im Realitätscheck und was wir von Schweden lernen können – Jan-Hendrik Rühmke, Die Netzwerkpartner

16.07.2026 41 min

Zusammenfassung & Show Notes

Die Wärmewende gilt als Schlüssel für das Gelingen der Energiewende. Doch obwohl das Potenzial von Fernwärme groß ist und vielerorts Wärmenetze geplant werden, kommt der Ausbau nur langsam voran. Woran liegt das

Gemeinsam mit Jan-Hendrik Rühmke, Experte für Wärme und Wasser bei den Netzwerkpartnern, werfen wir einen Blick auf die aktuelle Situation bei Stadtwerken. Aus der Zusammenarbeit mit rund 140 Versorgungsunternehmen berichtet er, welche Fragen die Branche aktuell beschäftigen und warum viele Projekte an wirtschaftlichen, organisatorischen oder vertrieblichen Herausforderungen scheitern.

Wir sprechen über die Lücke zwischen kommunaler Wärmeplanung und tatsächlicher Umsetzung, über Förderprogramme, Finanzierung und die wirtschaftlichen Herausforderungen beim Ausbau von Wärmenetzen. Außerdem diskutieren wir, warum Fernwärme trotz ihres großen Potenzials kein Selbstläufer ist, welche Hürden Stadtwerke aktuell besonders beschäftigen und weshalb viele Projekte deutlich komplexer sind als es auf den ersten Blick scheint.

Außerdem werfen wir einen Blick nach Schweden, wo die Fernwärme bereits einen Großteil des Wärmemarktes abdeckt und bereits ein zentraler Baustein der Wärmeversorgung ist. Gemeinsam schauen wir darauf, welche Rahmenbedingungen diesen Erfolg ermöglicht haben, welche Erfahrungen deutsche Stadtwerke daraus mitnehmen können und wo die Unterschiede zwischen beiden Ländern einen direkten Vergleich erschweren.

Viel Spaß beim Hören!
Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert uns und lasst eine Bewertung da – wir freuen uns über euer Feedback!

Mehr über unsere Kooperation: dienetzwerkpartner.com
Vernetzt euch mit uns: linkedin.com/company/dienetzwerkpartner

Transkript

Friedrich Stratmnann
00:00:10
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Energiedosis, dem Praxis-Podcast für Energieversorger. Heute ist nicht nur irgendeine Episode, es ist unsere hundertste Folge und gleichzeitig der Auftakt unserer fünfteiligen Jubiläumsserie anlässlich von fünf Jahren Energiedosis. Fünf Jahre Podcast, fünf Jahre Gespräche mit Macherinnen und Machern aus der Energiewirtschaft, fünf Jahre Themen, die Stadtwerke wirklich bewegen. Als wir Anfang 2021 gestartet sind, war das ehrlich gesagt alles andere als selbstverständlich. Denn die Idee entstand mitten in der Corona-Pandemie. Viele persönliche Treffen, Fachveranstaltungen und Arbeitskreise sind damals einfach weggefallen. Und genau da war unser Gedanke, wenn wir uns schon nicht mehr persönlich austauschen können, dann holen wir uns die Gespräche eben ins Audioformat. Und ganz ohne Agentur, ohne großes Setup, sind wir in Eigenregie losgestartet. Einfach mit dem Ziel, Erfahrungen sichtbar zu machen und Erfolgsprojekte aus der EVU- und Stadtwerkepraxis greifbar zu teilen. Einfach machen, war unser Mantra. Und das ist genau der Spirit, den wir auch immer wieder bei unseren Podcast-Gästen beobachten. Die ersten Folgen haben wir damals noch im Büro aufgenommen, mit mehr technischem Respekt als Podcast-Erfahrung. Und ganz ehrlich, wir waren vermutlich nervöser als unser erster Gast. Der erste Gast damals war David Lullay von der STEWAG in Aachen, nebenbei DJ und Moderator, also jemand, der deutlich mehr Routine am Mikro hatte als wir. Und trotzdem war die größte Sorge nach der Aufnahme, hört sich das hier eigentlich irgendjemand an? Heute wissen wir, ja, tut es. Und zwar mehr Menschen, als wir damals gedacht hätten. Und wenn wir heute zurückschauen, ist es sehr spannend zu sehen, dass viele Themen der ersten Stunde heute noch genauso relevant sind. Fünf Themen, die uns am meisten beschäftigt haben und uns in der Energiewirtschaft auch künftig begleiten werden, haben wir uns für die fünf Jubiläumsfolgen rausgepickt. Wir starten heute mit dem Thema Wärmewende. Es geht weiter mit Resilienz, künstlicher Intelligenz, Prosumer und wir schauen auch auf die regulatorischen Rahmenbedingungen, konkret, was die Regierung nach der Sommerpause vorhat. Und mit wem besprechen wir das? Mit unseren internen Experten und Kollegen. Unser erster Gast ist heute Jan-Hendrik Rühmke. Er ist Berater mit den Schwerpunkten Wärme und Wasser bei den Netzwerkpartnern. Und mit ihm diskutiere ich heute über die Wärmewende. Ganz konkret wollen wir darauf schauen, warum tun sich deutsche Versorger mit Wärmewende so schwer und was können wir von einem Land wie Schweden lernen, das bei der Transformation der Wärmeversorgung schon fast am Ziel ist? Am Ende dieser Folge habt ihr ein klares Lagebild, wisst, wo die eigentlichen Stolpersteine liegen und nehmt konkrete Schritte mit, die ihr in eurem Stadtwerk anstoßen könnt. Und damit wir nicht bei Null anfangen, starten wir heute mit einer These, die Jan gleich zerlegen darf. Aber bevor wir richtig losstarten, Jan, erstmal ganz herzlich willkommen im Energiedosis-Podcast. Schön, dass du heute in dieser Jubiläumsfolge mit mir am Mikro bist.
Jan-Hendrik Rühmke
00:03:38
Ja, Friedrich, vielen Dank für die nette Anmoderation und für die Vorstellung. Ich freue mich, dass ich hier bin und dass wir heute ein bisschen über das Thema Wärme und Wärmewende in Deutschland sprechen können.
Friedrich Stratmann
00:03:48
Ich hatte es ja schon so ein bisschen angeteasert. Wir wollen auch konkreter darum kreisen, warum deutsche Versorger sich mit Fernwärme so schwer tun und auf der Basis weiter diskutieren. Ja, ich würde mit einer These starten. Bist du bereit?
Jan-Hendrik Rühmke
00:04:06
Sehr gerne, wir können direkt loslegen.
Friedrich Stratmann
00:04:09
Sehr wohl. Ich behaupte, viele Wärmenetze werden geplant, bevor klar ist, ob sie wirtschaftlich, vertrieblich und organisatorisch überhaupt tragfähig sind. Stimmst du dieser These zu oder würdest du da sofort widersprechen?
Jan-Hendrik Rühmke
00:04:23
Ja, also ich würde auf jeden Fall erstmal nicht irgendwie verneinen wollen. Ich würde sagen, sie ist auch jetzt nicht zu hart formuliert oder vielleicht einen Ticken zu hart formuliert, aber tendenziell ist es schon so, dass wir sehen, dass da ein paar Dinge immer etwas zu spät betrachtet werden, gerade die von dir angesprochene Wirtschaftlichkeit, das Vertriebliche. Das wird bei vielen Wärmenetzplanungen immer hinten angestellt und das ist ja auch etwas, über das wir heute sprechen wollen, noch im weiteren Verlauf. Aber tendenziell sind da schon Punkte bei, da würde ich sagen, das passt so.
Friedrich Stratmann
00:05:00
Dann schauen wir gleich mal, ob wir da noch konkreter einsteigen können, gleich welche Punkte das unterstreichen oder wo es vielleicht auch Reibung gibt zu der These. Ich habe mir im Vorfeld dieser Folge ein paar Gedanken gemacht oder mal recherchiert. Du bist ja der Experte, kannst das gleich mal so auf den Prüfstand stellen, was ich da zusammengetragen habe, um so ein Lagebild zu zeichnen. Also wie ist so die Lage bei der Wärmewende übergeordnet? Mich würde da auch interessieren, wie schaut es da bei uns im Netzwerk aus, aus deiner Praxis. Wärme ist ja für die Energiewende zentral. Warum? Im Wärmesektor fallen in Deutschland rund 40 Prozent der CO2-Emissionen an. Gleichzeitig liegt der Fernwärmeanteil bei Wohngebäuden bisher nur bei 10 Prozent, während der Fernwärmeatlas von Prognos theoretisch Potenziale bis knapp 50 Prozent zieht. Gleichzeitig meldet der BDEW, dass der Ausbau der Wärmewende nur schleppend vorankommt. Und der Anteil Erneuerbarer Energien am Wärme-Endenergieverbrauch lag 2025 bei 19 Prozent. Und auch der erneuerbare Anteil in der Fernwärme ist zuletzt eher gefallen als gestiegen. Also hier hinkt man den Zielen auch deutlich hinterher. Was heißt dieses Lagebild für Stadtwerke ganz konkret? Und deckt sich das so auch mit deiner Wahrnehmung der Lage im Netzwerk?
Jan-Hendrik Rühmke
00:06:30
Das ist tatsächlich eine sehr spannende Frage. Also für Stadtwerke ganz konkret heißt das eigentlich, dass die Fernwärme an sich erstmal kein Selbstläufer ist. Wir sehen das auch immer wieder, insbesondere wenn es um das Thema des Neubaus geht. Also wenn wir kein vorhandenes Wärmenetz haben und wir ein Netz komplett neu bauen wollen, dass das gewisse Herausforderungen mit sich bringt. Wir haben das jetzt in den letzten Jahren auch gesehen, das ist immer eine Sache, auf die ich auch gerne hinweise, wenn ich zum Beispiel bei Aufsichtsräten unterwegs bin oder auch in den Wärmeabteilungen in den letzten Jahren, wenn wir uns anschauen, wie stark die Nachfrage nach Gasheizung abgenommen hat, wie stark die Nachfrage an Wärmepumpen zugenommen hat, dann sieht man auch immer, dass die Fernwärme zwar in den letzten Jahren zugenommen hat, in der Abfrage sozusagen oder in der Annahme der Angebote, aber in den letzten Jahren dann doch so ein paar Prozent verloren hat. Das heißt, die Fernwärme, wie ich eben gerade schon sagte, ist kein Selbstläufer. Nur weil sie angeboten wird, heißt das nicht, dass sie da komplett angenommen wird. Das heißt, wir müssen da noch ganz viel tun, dass wir da natürlich diese prognostizierten theoretischen Potenziale dann auch erreichen tatsächlich.
Friedrich Stratmann
00:07:36
Ja, du sagst es, wir müssen ganz viel tun, aber so richtig in Fahrt gekommen sind wir noch nicht. Wo siehst du aktuell die größten Bremsen?
Jan-Hendrik Rühmke
00:07:49
Die größten Bremsen, das ist ebenso eine spannende Frage. Da sehe ich mehrere Punkte tatsächlich, die wir aktuell im Kreise der Netzwerkpartner beobachten, die, sage ich mal, zu Herausforderungen führen oder die unsere Stadtwerke, zu Herausforderungen stellen. Das ist zum einen natürlich immer noch das Thema der Förderung. Die Förderpolitik in Deutschland ist immer noch so, dass sich da gewisse Zeiträume einstellen. Es müssen Anträge gestellt werden. Nicht alle Anträge werden in der Zeit bearbeitet, wie es vielleicht vormals besprochen oder versprochen worden ist. Es gibt in ländlicheren Regionen auch immer mal wieder die Probleme bei den planerischen Kapazitäten. Das heißt, wenn Ingenieurbüros gesucht werden, die Anlagen oder Netze, Netzauslegungen planen sollen. Dann natürlich auch das Thema der Fachkräfte. Ein Netz geplant, das ist das eine, aber das Netz bauen, das ist nochmal das andere. Da braucht es natürlich die Fachkräfte auch vor Ort auf den Baustellen. Und wenn es am Ende der Schweißer ist. Das heißt, da laufen wir auch in so eine Problemzone mit rein, natürlich in den nächsten Jahren. Dann haben wir natürlich die Ballungszentren, die Ballungsräume. Große Städte fragen natürlich viel mehr Kapazitäten ab. Das ist ein Hindernis für kleinere Städte mit kleineren Werken, die natürlich ebenso ihre Pläne umsetzen wollen und ihre Ausbauziele, die dann aber oftmals in die Röhre gucken, weil die Millionenmetropole um die Ecke alle Fachkräfte in der Region bündelt und das auf Jahre hinaus. Da muss man dann schon gucken, wo man bleibt. Da gibt es innovative Ansätze, sehen wir auch im Netzwerk. Da gibt es Partner, die sich da Gedanken gemacht haben, auch erfolgreiche Lösungen gefunden haben. Aber das sind so die ersten Punkte, die ich dann nennen würde. Was haben wir noch als Bremsen natürlich? Das Thema Finanzierung. Ganz zentrales Thema, ist natürlich kein allzu attraktives Thema, über das man jetzt irgendwie groß sprechen kann. Das ist ein relativ trockenes Thema, ist aber ein immens wichtiges Thema. Wärmenetze in der Finanzierung, ein ganz, ganz, ganz zentraler Baustein zum Erfolg des Wärmenetzes. Wie finanziert man das eigentlich? Mit wem mache ich das? Das ist schon mal so ein Punkt, wo so ein Projekt auch mal ordentlich ins Wanken kommen kann, haben wir auch schon erlebt. Und dann natürlich auch noch so ein Punkt, bevor es eigentlich überhaupt losgeht mit so einer Planung, beziehungsweise mit dem Bau von so einem Wärmenetz, was für uns so eine Bremse auch ist, ist so diese generelle ökonomische Betrachtung von so einer Wärmenetzplanung. Also wie lässt sich so ein Wärmenetz überhaupt rentabel betreiben oder ist es am Ende wirklich so rentabel, wie es die anderen haben vermuten lassen. Das sind auch noch so Dinge, die wir beobachtet haben, die natürlich den Ausbau, von bestehenden Wärmenetzen und den Neubau von Wärmenetzen hemmen können.
Friedrich Stratmann
00:10:35
Ich hatte das ja in der These auch schon so mal angedeutet, dass dieser Wirtschaftlichkeitsgedanke der Wärmenetze zu kurz kommt. Du hast das ja eben auch angesprochen, man sollte sich Gedanken machen, warum bleibt das auf der Strecke? Oder hast du da einen Gedanken oder so aus deiner Erfahrung heraus eine Idee, warum das einfach auf der Strecke bleibt?
Jan-Hendrik Rühmke
00:11:00
Ja, das ist eine ganz gute Frage, warum es auf der Strecke bleibt. Ich glaube, das können wir verknüpfen mit mehreren Punkten. Zum einen haben wir natürlich die Herausforderung, dass wir im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung oftmals Wärmenetze ausgewiesen kriegen oder Wärmenetzgebiete ausgewiesen werden, die sich dann aber so gar nicht realisieren lassen. Und dann ist es auch so, dass natürlich viele Wärmenetzgebiete nur aufgrund von Förderung überhaupt tragbar sind. Beziehungsweise wenn es da keine ausreichende Förderung gäbe, so wie wir sie in der aktuellen Förderlandschaft ja zum Glück haben, dann wären noch weniger Wärmenetze realisierbar. Und dann haben wir natürlich noch die Anforderungen an die Wärmenetze in Zukunft. Sie sollen natürlich dekarbonisiert sein. Der erneuerbare Anteil soll natürlich immens steigen. Da können wir nachher nochmal drüber sprechen, wenn wir dann beim Punkt Schweden sind. Das sind alles so diese Herausforderungen, die natürlich auch dann Geld kosten, sage ich mal, und die es nicht für umsonst gibt.
Friedrich Stratmann
00:12:11
Das kann ich gut nachvollziehen. Umsonst ist schwierig. Du hattest das Thema Finanzierung ja auch angesprochen. Ein sehr großer Baustein, ein großes Vehikel, das dann auch dafür sorgt, dass letztendlich die Umsetzung gelingt. Wir nehmen den Podcast jetzt auf, wenige Tage nach der Frist zum 30.06., die gegeben war, den Kommunen, um die Wärmepläne vorzustellen. Jetzt ist der Plan das eine, die Umsetzung, das andere. Du hast schon so ein bisschen über Bremsen gesprochen. Da ist ja eine Lücke definitiv da. Wie groß ist die in der Realität und wo siehst du da Ansätze, um da vielleicht auch die Lücke zu schließen?
Jan-Hendrik Rühmke
00:13:03
Vielleicht fangen wir mal mit der Lücke an. Die Lücke zwischen Wärmeplanung und realer Umsetzung, beziehungsweise eigentlich müsste es heißen, zwischen Wärmeplanung und, wie sagt man so schön, das, was dann in der Wirklichkeit bei rumkommt, das ist zumindest das Partner-Feedback, was wir auch erhalten. Wir hatten es jetzt auch auf den Wärmetagen, wir haben ja einmal im Jahr unsere Fachveranstaltung nur zum Thema Wärme. Über zwei Tage hinweg haben wir auch die Diskussion zu dem Thema gehabt, wie gehen Stadtwerke überhaupt mit diesen fertigen Wärmeplänen um. Du hast es gerade schon erwähnt, wir haben jetzt die erste Frist sozusagen durch. Die erste Frist für alle Kommunen, größer 100.000 Einwohner, hatten zum 30.06. die Vorgabe, die Wärmepläne vorzulegen. Da sind natürlich auch bei uns im Netzwerk schon viele Kommunen und Städte dabei, die es schon gemacht haben, auch wenn sie gar nicht in diese Größenordnung fallen, deutlich kleiner sind, die sich trotzdem schon auf den Weg gemacht haben und diese Wärmepläne vermitteln. Was wir sehen ist, dass, wie ich eben auch schon gesagt hatte, einfach bei den Wärmeplänen viele Dinge bei rumkommen, die am Ende vielleicht, wo man ein bisschen vorsichtig sein muss, was man da so liest, sag ich mal. Wir haben schon in Wärmeplänen Sanierungsraten gesehen, die in dem Prozentbereich sind, die sich sehr schwer umsetzen lassen. Dann die angesprochenen ausgewiesenen Wärmenetzbereiche bzw. Wärmenetzgebiete. Oftmals werden Wärmenetze ausgewiesen, die sich aber dann nicht tragen, weil es vor Ort zum Beispiel gar keine erneuerbaren Quellen gibt oder die Ankerkunden sich so nicht legen lassen. Wir haben ein plakatives Beispiel, ein Stadtwerk gehabt, wo im Stadtgebiet ein Wärmenetz ausgewiesen worden ist, weil es vor Ort einen riesengroßen Industriekunden gab, der immens viel Abwärme abgeworfen hat. Und dann hat man sich natürlich gefragt, baut man jetzt auf Basis dessen ein Wärmenetz? Weil was macht man, wenn der Industriebetrieb mal abwandern sollte? Das ist ja eine schon reale Fragestellung in heutigen Zeiten. Hat man sich dann dagegen entschieden, hat man kein Wärmenetz geplant, beziehungsweise den nicht mit eingebunden. Insofern sind das so die Lücken, die wir da so sehen zwischen der Werbeplanung und dann den späteren Umsetzungen.
Friedrich Stratmann
00:15:18
Du hast ja eben schon ein konkretes Beispiel angesprochen. Ich würde da gerne, noch kurz dranbleiben, wenn es um die konkreten Fragestellungen geht, die dich bewegen gerade so im Netzwerk. Du hast ja die Perspektive nicht nur von einem Stadtwerk, sondern von über 140, auch ein breites Spektrum, das dir da begegnet. Welche Fragen landen bei dir denn aktuell, am häufigsten auf dem Tisch? Kann man das irgendwie beschreiben, dass es da irgendwie so einen Trend gibt oder Cluster, vielleicht auch so konkret im Bereich Fernwärme?
Jan-Hendrik Rühmke
00:15:59
Ja, also erstmal mache ich das ja zum Glück nicht alleine. Ich habe da ja Unterstützung durch meinen Kollegen, durch Leon. Und wir sind da natürlich jeden Tag unterwegs. Und das Schöne, du hast gerade schon gesagt, das Schöne ist natürlich die Größenordnung an Stadtwerken, die wir bei uns im Netzwerk haben, diese ja doch sehr diversifizierte. Das heißt, da sind alle Arten von Anfragen bei, alle Arten von Problemen, bei allen verschiedenen Größen von Stadtwerken. Wir haben natürlich die, die etwas größer sind, die sich mit ganz anderen Herausforderungen rumschlagen müssen oder mit ganz anderen Problemen konfrontiert sehen, als es vielleicht die mittleren Stadtwerke oder die ganz kleinen Stadtwerke tun. Ich würde sagen, ein ganz zentrales Thema im Bereich der Probleme, Herausforderungen und Anfragen bei uns ist auf jeden Fall immer noch das Thema Förderung. Das ist ein Thema, das begleitet uns jetzt echt schon ganz viele Jahre. Das ist nach wie vor einfach ein Thema, wo es ganz viele Fragen gibt. Das hängt zum einen damit zusammen, dass natürlich alle Stadtwerke von unterschiedlichen Punkten loslaufen und dann ein Stadtwerk eine Frage hat, wo andere schon dran vorbei sind. Wir sehen aber auch immer noch, dass zum Beispiel es zu unterschiedlichen Interpretationen kommt von Förderungen, Regularien. Jedes Werk interpretiert das ein bisschen anders. Wir hatten dazu auf den Wärmetagen auch eine intensive Diskussion zwischen zwei, drei Werken, wo jedes Werk das für sich ein bisschen anders interpretiert hat. Wir konnten es dann am Ende lösen. Also alle wissen jetzt, wie es zu laufen hat. Aber das zeigt so ein bisschen, dass natürlich jeder Gesetzestext oder jede Förderlandschaft immer ein bisschen anders verstanden wird. Das heißt, das ist immer noch ein ganz großer Punkt, wo wir nach wie vor weiterhelfen. In der Wärmewende ganz konkret ist es natürlich nach wie vor so, dass wir vor allem im dezentralen Bereich sehen, dass Stadtwerke tendenziell ein bisschen benachteiligter sind, wenn wir den Blick aufs Contracting werfen. Ist heute jetzt nicht Thema, aber gehört der Vollständigkeit halber dazu gesagt. Dann ist so die Frage, natürlich, wenn die Wärmeplanung steht, beziehungsweise wenn Gebiete ausgewiesen sind, dann kommen oftmals die Fragen, okay, wie setze ich das jetzt um? Dann gibt es Fragen zum Thema Kommunikation. Wie bringe ich das überhaupt an die Bürger? Wie erreiche ich die Anschlussziele, die ausgewiesen worden sind? Wie gehe ich da vertrieblich vor? Und dann haben wir auch immer noch, ja, immer mal wieder Stadtwerke, die sich zum ersten Mal tatsächlich Gedanken machen um das Thema Wärme, um das Thema Wärmenetz, über das Thema Fernwärme im Allgemeinen, Die jetzt sich das erste Mal mit diesen Aufgaben konfrontiert sehen, die vorher noch gar keine Berührungspunkte mit diesem Thema hatten, die jetzt aufgrund der Wärmepläne darauf, ja, ich will jetzt nicht sagen, aufmerksam gemacht werden, oder sozusagen sich damit jetzt zukünftig auseinandersetzen müssen, weil sie da die Hoheit haben, die dann natürlich sich erstmal aufschlauen wollen, die den Austausch suchen, wo Leon und ich auch dann ins Sparring gehen und so ein bisschen erzählen, versuchen darzustellen, wie es andere Stadtwerke auch machen, um da sozusagen jedem den Einstieg ein bisschen leichter zu machen.
Friedrich Stratmann
00:19:17
Was wird denn beim Einstieg in Fernwärme häufig unterschätzt oder beziehungsweise welche Annahmen sind in der Praxis oft zu optimistisch?
Jan-Hendrik Rühmke
00:19:28
Also optimistisch ist ein gutes Stichwort. Tatsächlich die Frage oder was ich immer auch beobachte, gerade beim Thema Wärme-Netz, ist, dass da so eine gewisse, das habe ich am Anfang ja auch schon gesagt, als du die Frage gestellt hattest zu dem Potenzial oder dem theoretischen Potenzial und den Ergebnissen, die der BDEW zusammengefasst hat. Es ist immer noch die Vorstellung in vielen Stadtwerken, dass Fernwärme so ein gewisser Selbstläufer ist. Also Wärmeplan kommt raus, Fernwärmenetzgebiet wird ausgewiesen, dann kündigen wir an, dass da ein Wärmenetz kommt und dann schließen sich die Leute schon an, so wie sie das früher auch mit dem Gasnetz gemacht haben. Das Gasnetz liegt in der Leitung, ich brauche ein warmes Haus. Da war das relativ klar. Heute sehen wir, das ist nicht so. Es braucht viel mehr Aufklärung und Kommunikation zum Kunden hin. Die Wärmewende als solches, als Ganzes, ganz unabhängig davon, ob es jetzt Wärmenetze sind oder auch im Bereich von zum Beispiel Anlagen wie der Wärmepumpe, sind deutlich aufwendiger in der Kommunikation, als das früher ist. Und ich sage mal, dann ist natürlich auch noch das andere, also das haben wir dann jetzt erstmal und dann ist noch das andere, dass natürlich die Ausweisung innerhalb der Wärmepläne das eine ist und auch die technische Planung, das geht oftmals auch noch ganz gut, wenn man schon Erfahrung hat im Wärmenetzbereich, man betreibt schon ein Wärmenetz über viele Jahrzehnte, Historien weg, dann geht das mit dem technischen Plan auch ganz gut. Ganz klar Dinge, die man besser betrachten sollte tatsächlich.
Friedrich Stratmann
00:21:19
Ja, finde ich spannend. Also das ist kein Selbstläufer. Das leuchtet ein. Und auch der kommunikative, aufklärerische Aufwand dahinter, um das an den Bürger und die Bürgerin zu bringen, ist nicht zu unterschätzen, sollte bedacht werden. Jetzt, wenn du ins Netzwerk schaust, wie viele der Stadtwerke, mit denen du arbeitest, haben eine echte Vertriebsstrategie für Fernwärme?
Jan-Hendrik Rühmke
00:21:46
Das ist auch eine spannende Frage. Da muss man immer so ein bisschen schauen. Also es gibt natürlich einige Stadtwerke, die sich wirklich viele umfangreiche, umfassende Gedanken machen dazu, wie sie ihre Fernwärme platziert kriegen, wie sie die Kunden erreichen, wie sie Anschlussquoten erzielen oder wie sie die Anschlussdichte erreichen. Aber es ist schon so, dass da viele Stadtwerke auf jeden Fall einen großen Nachholbedarf haben, weil man nach wie vor halt davon ausgeht, der Kunde, der kommt schon von alleine, wenn ich dem sage, ich lege in seine Straße dann eine Fernwärmetrasse oder eine Wärmenetztrasse. Aber das Problem, und das kann man auch noch ergänzend zum Einstieg oder zur Frage eben nochmal anbringen, dass natürlich der Kunde da auch gewisse Sorgen mitbringt, die wir einfach kommunikativ lösen müssen. Wir wissen heute, dass grüne Wärme so ein bisschen auch untereinander konkurriert, muss man ja leider sagen. Weil es ist ja so, selbst wenn ich als Versorger jetzt sage, lieber Kunde, ich lege innerhalb der nächsten sechs Jahre irgendwann mal eine Wärmetrasse in deine Straße und dann bitte, bitte schließ dich doch einfach an, dann hat der Kunde natürlich die berechtigte Sorge, ja, das ist ja schön, aber was mache ich denn, wenn jetzt in vier Jahren meine Heizung kaputt geht ? Welche Alternative bietet ihr mir denn an? Welche Heizung kann ich dann überhaupt noch einbauen? Da spielt dann auch die Gesetzeslage eine Rolle. Die wird sich vermutlich nach Ausstrahlung dieses Podcasts nochmal verändern. Da warten wir mal ganz gespannt ab. Aber das sind natürlich die Sorgen der Kunden. Und dann sagen die sich halt manchmal, okay, liebes Stadtwerk, wenn ihr da keine Antwort drauf habt, dann hole ich mir halt eine Wärmepumpe. Und dann sind diese Kunden erstmal weg vom möglichen Kundenkreis für so einen Wärmenetzanschluss. Und das ist natürlich eine Sache, der man dann irgendwie begegnen muss. Es braucht da kluge Lösungen und Antworten von Stadtwerken. Wir haben oder wir sehen das auch innerhalb vom Netzwerk. Da gibt es auch ganz tolle Beispiele, wie man das lösen kann. Aber das sind auf jeden Fall Dinge, die man da mit beachten sollte, wenn man sich in der Fernwärme vertriebstechnisch so ein bisschen aufstellt und da versucht, Anschlüsse zu generieren, dass das so die Fragen sein können, die einem da dann begegnen.
Friedrich Stratmann
00:24:11
Hast du denn da gerade ein konkretes Beispiel im Kopf mit Vorbildcharakter vielleicht aus deiner Arbeit, wenn du das gerade so ansprichst? Was unterscheidet die Guten in Anführungszeichen vielleicht von den anderen?
Jan-Hendrik Rühmke
00:24:25
Genau, also jetzt nochmal bezogen auf dieses Thema, die Sorgen der Kunden, da gibt es natürlich dann Stadtwerke, die sich dann zum Beispiel, eine Sache, die man da machen kann, sind so Mietmodelle, sag ich mal, wenn dem Kunden die Heizung kaputt geht, dass man sozusagen alternative Systeme anbietet, die eine Übergangslösung darstellen und natürlich dann den Kunden dann sozusagen die Sorge nehmen, dass er ohne Heizung dasteht, wenn die irgendwie kaputt geht, bevor die Fernwärmeleitung vor der Tür liegt. Dass man dem dann da schon mal aushilft. Das ist allerdings natürlich eine Lösung, die muss man auch kalkulieren oder die muss man auch anbieten. Das muss man ausarbeiten, das ist ja auch ein Angebot. Aber das wäre zum Beispiel so eine Sache, die es durchaus gibt. Ansonsten, was unterscheidet die guten Stadtwerke von anderen? Ein gutes Stadtwerk auf jeden Fall hat sich alle ausgewiesenen Wärmenetzgebiete angeschaut, hat vielleicht selber schon den Überblick vom eigenen Versorgungsgebiet, wo sich ein Wärmenetz lohnen kann und wo nicht. Das macht sich auf jeden Fall Gedanken um die Art der Finanzierung oder um die Finanzierung in Gänze und setzt sich natürlich entsprechend kommunikativ ein. Ich habe es ja eben schon gesagt, Wärmewende ist deutlich kommunikativer, als das Wärmegeschäft vor vielleicht 15 oder 20 Jahren gewesen ist. Das ist einfach ein ganz anderes Umfeld. Wir haben auch jetzt eine ganz andere Art von Wettbewerber, die wir sehen. Das unterscheidet die Guten auf jeden Fall von denen, die da vielleicht noch ein bisschen Nachholbedarf haben.
Friedrich Stratmann
00:25:56
Ja, danke dir für diese Einblicke bis hierhin an dieser Stelle. Ich glaube, das passt gerade ganz gut, wenn wir über die Wirtschaftlichkeit von Fernwärme sprechen, über die Akzeptanz oder wie, wie bringe ich es zum Laufen, dass wir mal so einen Blick über den Tellerrand wagen. Und in der Einleitung habe ich es schon anteasern lassen, wir wollen nach Schweden schauen. Du hast dich im Studium auch intensiver mit dem schwedischen Versorgungsmarkt auseinandergesetzt. Schweden ist im Wärmesektor deutlich weiter. Die Fernwärme deckt dort fast 60 Prozent des Marktes ab und das System ist historisch viel stärker auf fossilfreie und erneuerbare Wärmequellen ausgerichtet. Wie kam es in Schweden zu dieser Entwicklung, ganz ohne Anschlusszwang?
Jan-Hendrik Rühmke
00:26:48
Das ist wahrlich eine interessante Fragestellung, vor allen Dingen vor den Zahlen, die du eben gerade schon genannt hattest. Eine sehr große Marktabdeckung, fast 60 oder über 60 Prozent mittlerweile schon. In den urbanen Regionen hat die Fernwärme nahezu eine hundertprozentige Abdeckung, also in den größeren städtischen Regionen. Die sind in Schweden meist im Süden verortet, wenn wir das ein bisschen geografisch einfangen wollen. Jetzt ist natürlich die Frage, wie haben die das geschafft? Ich glaube, da müssen wir das ein bisschen einordnen. Das gehört fairnesshalber dazu. In Schweden ist es einfach so, dass die relativ frühzeitig festgestellt haben, dass sie regulatorisch da ein bisschen was tun müssen. Da müssen wir in der Zeit ein bisschen zurückspringen. So nach der Ölkrise ging das da ungefähr los. Schweden ist ein Land, was schon sehr früh auf eine CO2-Bepreisung gesetzt hat. Die haben dadurch einfach sehr viel früher angefangen, fossilfreie Energieträger zu fördern. Wir binden sehr viel Biomasse ein, innerhalb der Fernwärme zum Beispiel. Das hat zur Folge gehabt, dass so fossile Energieträger wie zum Beispiel Gas eigentlich gar nicht so eine große Chance hatten, sich auszubreiten. Es gibt so gut wie gar kein Gasnetz in Schweden. Ich bin der Meinung, es sind ungefähr 600 Kilometer Gasnetz. Das ist natürlich, wenn wir das jetzt mit deutschen Zahlen vergleichen, ist natürlich überhaupt kein Vergleich. Und es gab am Anfang eine relativ hohe Anzahl an öffentlichen Anbietern und es ist dann sukzessive auch in private Hand gegeben worden. Wir haben heutzutage, ich glaube, ein bisschen mehr als 40 Prozent aller Wärmenetze in Schweden sind auch in privater Hand. Das heißt, es ist deutlich liberalisierter und die Fernwärme ist auf jeden Fall eine Wärmeversorgungsart, die in Schweden sehr gut zu funktionieren scheint.
Friedrich Stratmann
00:28:36
Ist Schweden dann für dich eher ein Beispiel für mehr Markt oder für bessere Regulierung?
Jan-Hendrik Rühmke
00:28:42
Ich glaube, die Frage, die kann man jetzt nicht entweder oder beantworten. Da muss man beide Punkte so ein bisschen in den Blickpunkt nehmen. Ich habe es ja eben gerade schon angesprochen, die haben in Schweden relativ frühzeitig begriffen, dass sie sich regulatorisch da ein bisschen anders aufstellen müssen. Das heißt auf jeden Fall schon mal ein Beispiel vielleicht für gute Regulierung. Es gab einen recht früh oder recht schnellen klaren Rahmen. Es wurde sich frühzeitig Gedanken darum gemacht, wie das Ganze ausgearbeitet werden soll. Nochmal angesprochen auf die CO2-Bepreisung, die natürlich dafür gesorgt hat, dass relativ frühzeitig fossilfreie Wärmeträger oder Wärmeenergieträger preiswerter im Angebot waren. Und dann natürlich der Marktaspekt. Der Wärmemarkt in Schweden oder der Wärmenetzmarkt in Schweden ist da deutlich liberalisierter aufgestellt. Die Preise in der Fernwärme sind auch konkurrenzfähig mit denen zur Wärmepumpe, was natürlich einerseits auch darin liegt, dass relativ viel Biomasse eingesetzt werden kann, man denke an die ganzen Wälder, die Schweden so hat. Insofern, ja, sowohl ein Beispiel für vielleicht etwas mehr Markt und allerdings auch für einen klaren Regulierungsrahmen kann das schon sein, auf jeden Fall, ja.
Friedrich Stratmann
00:30:04
Ja, jetzt hört das vielleicht der eine oder andere und denkt sich, ja, schön und gut, was die Schweden da machen. Aber die Frage ist ja, was haben wir jetzt davon? Was können wir davon lernen als deutsche Stadtwerke vom schwedischen Modell? Also was lässt sich wirklich übertragen und wo hört die Vergleichbarkeit auf?
Jan-Hendrik Rühmke
00:30:24
Also wir fangen vielleicht mal an, damit aufzuräumen, wo die Vergleichbarkeit aufhört. Jetzt haben wir ein bisschen ganz viele tolle Sachen erzählt zu Schweden. Vielleicht ein bisschen mehr Nüchternheit der Sache. Natürlich, wo können wir uns nicht vergleichen mit Schweden? Das eine ganz klar Bevölkerungsdichte, Schweden hat ein bisschen mehr als 10,5 Millionen Einwohner, Deutschland über 83. Schweden ist viel, viel, viel dünner besiedelt, hat natürlich deutlich mehr Biomasse-Potenziale. Schweden als Land als solches ist natürlich auch viel größer und im Gegensatz zu Deutschland hatten fossile Heizsysteme wie Gas nie so richtig die Chance, sich überhaupt durchzusetzen. Das heißt, der Grundaufbau vom System ist ja schon mal ein bisschen was anderes. Aber ich denke dennoch, dass das schwedische Modell durchaus auch eins ist, wo wir von lernen können und wo wir von Erfahrung auch einfach profitieren können. Denn Schweden hat sich halt schon viel, viel früher mit den Themen auseinandergesetzt, die jetzt für uns die Ziele für die kommenden Jahre sind oder die Aufgaben für die kommenden Jahre, viel besser gesagt. Man hat dort viel früher auf erneuerbare Energieträger umgestellt. Man hat viel früher verschiedene Techniken ausprobiert. Die Schweden sind unheimlich divers in der Einbindung verschiedenster Wärmequellen innerhalb ihrer Wärmenetze. Ein gutes Beispiel ist zum Beispiel, dass fast 10 Prozent der Fernwärme durch Großwärmepumpen bereitgestellt wird. Das ist zum Beispiel so eine Technik, da fangen wir in Deutschland aktuell gerade mal erst mit an. Das heißt, da ist etwas, da sind die Schweden uns schon deutlich weit voraus. Da kann man sich bestimmt das eine oder andere Mal mit abgucken. Und dann besteht die Fernwärme dort natürlich, wir hatten es ja eben schon, einen großen Anteil vom Markt auch neben solchen Angeboten wie der Wärmepumpe. Das heißt, sind da auch, was das Markt oder preisliche angeht, die Marktperspektive, haben die natürlich auch schon ein paar Jahre Erfahrung auf dem Buckel. Auch das sicherlich Inputs, die man da sich gut abholen kann, wo wir als Versorgerbranche definitiv vielleicht das eine oder andere mitnehmen können. Können wir das alles eins zu eins umsetzen? Das vermutlich nicht, aber sie können vielleicht Anregung sein, neue Ideen umzusetzen und neue Dinge auszuprobieren und vielleicht dann auch weiterzukommen.
Friedrich Stratmann
00:32:42
Ja, wer jetzt neugierig geworden ist und Lust darauf hat, sich vor Ort Anregungen einzuholen und einen Perspektivwechsel zu wagen, der hat auch die Möglichkeit, das zu tun. Also wenn ihr Netzwerkpartner-Mitglied seid, gibt es im Oktober, vom 6. bis 8. Oktober, eine Studienreise, wettbewerbsfähige und zukunftssichere Fernwärmesysteme nach Südschweden, die du, Jan, mit aufgegleist hast oder halt zur Verfügung gestellt hast mit den Veranstaltern in Schweden. Für wen ist die Reise interessant und warum lohnt sich die Teilnahme aus deiner Sicht?
Jan-Hendrik Rühmke
00:33:23
Ja, genau. Die Reise findet im Oktober statt. Die ist jetzt in den letzten Monaten entstanden. Das haben wir versucht möglich zu machen für das Netzwerk, dass auch deutschen Versorgern oder Mitarbeitern von deutschen Versorgern die Möglichkeit gegeben wird, sich auch einmal andere Märkte anzuschauen, sich Ideen einzuholen, ein bisschen frischen Wind sozusagen mal abzubekommen und mal aus diesem deutschen Wärmewende-Thema, mal zu gucken, wie es andere Länder schon gemacht haben. Schweden ist ja schon deutlich weiter, fast komplett fossilfreie Wärmeversorgung. Das Ganze haben wir zusammen gemacht mit Sustainable Heating and Cooling by Sweden und Business Sweden. Und die Frage natürlich, für wen lohnt sich die Reise? Natürlich für alle, die irgendwo irgendwas mit dem Thema Wärmenetz zu tun haben, also planen, bauen, erweitern und die natürlich die Karbonisierung vorantreiben wollen und sich bei dem Thema aufschlauen wollen, sei es Großländerpumpen, sei es Abwärme, sei es Industrie und Co. Und inhaltlich natürlich so zentrale Themen neben den Exkursionen, die dort geplant sind, die wir uns angucken werden oder vor Ort, wo wir uns Versorgung auch angucken werden, sind natürlich solche Themen, wie wirtschaftlich erfolgreiche Fernwärmesysteme funktionieren können. Welche Geschäftsmodelle haben die in Schweden ausprobiert, welche sind erfolgreich, welche nicht. Das sind alles so Dinge, die dort stattfinden werden. Es wird Workshops geben, es wird Exkursionen vor Ort geben und uns natürlich für alle, die in den Wärmeabteilungen der Stadtwerke arbeiten, recht spannend und herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.
Friedrich Stratmann
00:35:02
Ja, ich danke dir für die Einblicke. Wer da noch mehr erfahren möchte, schaut gerne mal bei uns im Extranet vorbei. Als Mitglied der Netzwerkpartner findet ihr dort auch weitere Infos. Lass uns abschließend nochmal zurück nach Deutschland blicken und dabei den Blick nach vorne richten, was Stadtwerke jetzt konkret tun sollten und was vielleicht auch nicht, wenn wir die Lage nüchtern betrachten, dann geht es am Ende ja auch bei der Wärmewende, um Entscheidungen und Prioritäten. Ich würde das gerne mal mit dir in eine einfache Ampellogik übersetzen. Also lass uns das gerne mal durchspielen. Grün, gelb, rot. Grün, was sollte ein Stadtwerk jetzt sofort angehen? Gelb, was nur beobachten und rot ist, was lieber lassen? Starten wir mal mit Grün. Was sollte hier das Stadtwerk jetzt sofort angehen?
Jan-Hendrik Rühmke
00:35:56
Ja, auch da natürlich müssen wir ein bisschen schauen. Das Netzwerk ist divers. Wir haben verschiedene Stadtwerke oder viele Stadtwerke, die an verschiedenen Punkten innerhalb der Wärmewende stehen. Bei grün natürlich, wenn das noch nicht getan worden ist, sich mit der Strategie beschäftigen. Wo will ich mich strategisch hin entwickeln innerhalb der Wärmewende? Das gilt für alle Bereiche, sowohl für die zentrale als auch für die dezentrale Wärme. Da sollte man loslegen, wenn man es auf jeden Fall noch nicht getan hat, wie man sich da in Zukunft aufstellen will, weil da einfach viele Impulse von außen kommen können, konkurrenzseitig sowieso. Das ist vielleicht so eine Sache, die man angehen kann, wenn man es denn noch nicht getan hat, auf jeden Fall.
Friedrich Stratmann
00:36:42
Und wie sieht es im gelben Bereich aus? Was würdest du eher beobachten als sofort umsetzen?
Jan-Hendrik Rühmke
00:36:49
Das, was ich auch schon angesprochen hatte, und was wir auch schon rege im Netzwerk diskutiert haben: die Kluft sozusagen zwischen ausgewiesenen oder zwischen Wärmenetzen, die innerhalb von Wärmeplänen ausgewiesen werden und die, die dann wirklich identifiziert werden zur Umsetzung. Da würde ich auf jeden Fall beobachten, ganz konkret schauen, welches Wärmenetz macht wirklich Sinn. Sind die Bedingungen gegeben, die ich benötige, um erfolgreich ein Wärmenetz rentabel auch betreiben zu können und die dann umsetzen? Das wäre für mich so eine Sache, da würde ich einen stärkeren Punkt auf Beobachtung legen.
Friedrich Stratmann
00:37:28
Und last but not least, wo siehst du rot? Wovon würdest du aktuell explizit abraten?
Jan-Hendrik Rühmke
00:37:38
Ja, wovon würde ich abraten? Ganz klar von dem Punkt oder von der Einstellung gar nichts machen. Es gibt es ja auch, dass man dann sagt, auch vor Hintergrund der Diskussion und den Schwierigkeiten, die es vielleicht so geben kann, dass man dann erstmal sagt, okay, das ist mir irgendwie alles zu viel, Überforderung und Co., da will ich erstmal gar nichts machen. Ich lehne mich da erstmal nicht zurück, aber ich halte erstmal die Füße still, warte erstmal ab. Das halte ich eher für einen Fehler. Ich glaube, das ist nichts, was ein Stadtwerk glücklich machen sollte. Man muss sich Gedanken machen, wie man sich in der Wärme aufstellen will. Egal, ob es jetzt in Form von Wärmenetzen ist oder in Form von dezentraler Wärme, über Angebote, die man da anbieten will. Man muss schon sich Gedanken machen und gar nichts machen, kann nicht die Lösung sein, definitiv nicht.
Friedrich Stratmann
00:38:27
Letzte Frage, Jan. Ich möchte damit auch den Kreis schließen zur These vom Anfang. Ich hatte ja in den Raum geworfen, dass viele Netze geplant werden, bevor klar ist, ob sie wirtschaftlich, vertrieblich oder organisatorisch überhaupt tragfähig sind. Wir haben jetzt auch viel darüber gesprochen, was es vielleicht braucht, was machen gute Stadtwerke anders, um das Vertriebliche auch direkt mitzudenken. Wenn du jetzt einem Stadtwerk nur eine einzige Sache mitgeben dürftest, die es sofort verändern sollte, welche wäre das?
Jan-Hendrik Rühmke
00:39:07
Ja, also ich glaube, was man da gut machen könnte oder sollte, wäre auf jeden Fall, sich mehr Vertrieb, mehr vertriebliche Aktivitäten im Wärmebereich zu tätigen. Beziehungsweise ist es einfach so, der Markt ist umkämpfter als früher, gerade dann braucht es einfach mehr Kommunikation, mehr Aufklärung und da kann mehr Vertrieb, Vertriebsstrategie auch im Bereich der Fernwärme natürlich hilfreich sein. Und das sollte vielleicht von Anfang an direkt mitgedacht werden, wo hänge ich das Thema intern an, wie gestalte ich das aus und so weiter und so fort. Das wäre so eine Sache, die würde ich vielleicht als Tipp, sage ich mal, mitgeben, weil das sehen wir auch in Anfragen, dass oftmals dann die Frage nach Vertrieb und Co. kommt, wenn hinten raus schon das Technische und so weiter schon steht. Ich denke, da kann man mit dem Punkt auch schon ein Ticken früher mit anfangen.
Friedrich Stratmann
00:40:12
Es lohnt sich, das früh mitzudenken und strategisch anzugehen. Und ich glaube, wer da Unterstützungsbedarf hat, darf gerne auch auf dich zugehen, Jan, oder?
Jan-Hendrik Rühmke
00:40:23
Sehr, sehr, sehr gerne. Wir stehen da immer gerne bereit für alle Herausforderungen, für alle Fragen, für alle Probleme. Diese Vertriebsthemen beschäftigen uns auch natürlich intern, wie wir da noch mehr Unterstützungsleistungen bringen können. Auch in Zukunft. Die Wärme wird uns ja weiterhin beschäftigen. Aktuell ist ja noch der GmodG-Entwurf in Arbeit und es sind noch weitere Gesetzänderungen zu erwarten. Insofern wird uns das Thema weiterhin beschäftigen. Wir bleiben da dran und stehen jederzeit bereit für Austausch und Co., wenn das gewünscht ist.
Friedrich Stratmann
00:41:04
Ja, apropos Austausch. Danke dir, Jan, für den Austausch. Heute hat es Spaß gemacht, mit dir über die Wärmewende zu diskutieren und konkret das Licht, den Scheinwerfer auf die Fernwärme zu legen. Also danke dir für deinen Einsatz heute, für die Einordnung und den Klartext, zu diesem Thema, das ja gerade auch an Dynamik gewinnt. Du hast angesprochen, die Gesetzesthemen, die auch gerade in dieser Woche, in der wir aufnehmen, diskutiert werden. Wenn ihr das hört, seid ihr wahrscheinlich auch an diesem Ende schlauer. Also ich glaube, Jan, der Gesprächsstoff geht uns nicht aus. Vielleicht hast du ja Lust, nochmal eine Folge zu machen.
Jan-Hendrik Rühmke
00:41:42
Ja, vielen Dank, dass ich hier sein durfte, dass ich dabei sein durfte. Er hat mir auch riesigen Spaß gemacht. Und wie du schon treffend gesagt hattest, der Gesprächsstoff wird uns definitiv nicht ausgehen. Es wird immer wieder genügend Kontaktpunkte geben, wo wir die Chance bestimmt haben, nochmal über die Wärme zu sprechen. Ich glaube, da gibt es genug Themen auch aus dem Netzwerk heraus, über die wir da gerne nochmal sprechen können.
Friedrich Stratmann
00:42:05
Super. Ja, danke auch euch da draußen, liebe Hörerinnen und Hörer, fürs Zuhören bei dieser besonderen Jubiläumsfolge. Wenn euch da ein bestimmtes Thema interessiert, jetzt aus dem Gespräch mit Jan, worüber ihr noch mehr erfahren wollt, schreibt es uns gerne in die Kommentare. Das war der Auftakt für unsere fünfteilige Serie zu fünf Jahren Energiedosis-Podcast. In zwei Wochen geht es weiter mit Teil 2, dann zum Thema Resilienz kritischer Infrastrukturen. Und wenn euch diese Folge gefallen hat, bleibt unbedingt dran und abonniert den Podcast, um keine weitere Folge mehr zu verpassen. Denn eins hat sich in den letzten fünf Jahren nicht geändert. Im Gegenteil, die Energiewirtschaft entwickelt sich schneller denn je. Und genau deshalb führen wir diese Gespräche am Puls der Praxis weiter. Das war's für heute. Wir hören uns beim nächsten Mal und bis dahin bleibt energiegeladen.