Energiedosis

Die Netzwerkpartner

101: Resilienz statt Reaktion: Wie Stadtwerke handlungsfähig bleiben – Lucien Lenssen, Die Netzwerkpartner

30.07.2026 29 min

Zusammenfassung & Show Notes

Während Cybersecurity längst auf der Agenda steht, geraten andere Risiken häufig aus dem Blick. Dabei nehmen geopolitische Spannungen, Extremwetter, Sabotage an kritischer Infrastruktur und neue regulatorische Anforderungen wie NIS2 oder das KRITIS-Dachgesetz gleichzeitig zu. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob die nächste Krise kommt, sondern wie handlungsfähig ein Unternehmen dann noch ist.

Gemeinsam mit Lucien Lenssen, Leiter Beratung bei den Netzwerkpartnern, sprechen wir darüber, wie Stadtwerke Resilienz ganzheitlich denken können. Aus seiner täglichen Arbeit mit zahlreichen Stadtwerken berichtet er, welche Herausforderungen die Branche aktuell besonders beschäftigen, warum Resilienz weit über IT-Sicherheit hinausgeht und weshalb ehrliche Risikoanalysen, klare Verantwortlichkeiten und funktionierende Krisenorganisationen wichtiger sind als umfangreiche Notfallhandbücher.

Außerdem werfen wir einen Blick auf konkrete Maßnahmen, mit denen Stadtwerke heute beginnen können. Wir sprechen über fehlende physische Redundanzen, den Wert regelmäßiger Krisenübungen, die Bedeutung von Kooperationen und darüber, welche Lehren sich aus Ereignissen wie der Flutkatastrophe im Ahrtal ziehen lassen.

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Transkript

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Energiedosis, dem Praxis-Podcast für Energieversorger. Wir starten heute rein in den zweiten Teil unserer fünfteiligen Jubiläumsserie anlässlich von fünf Jahren Energiedosis. In den fünf Sonderfolgen sprechen wir mit internen Experten und Kollegen über fünf Themen, die uns in den letzten Jahren beschäftigt haben und die Energiewirtschaft in den kommenden Jahren beschäftigen werden. In den vergangenen fünf Jahren waren insgesamt 109 Gäste bei Energiedosis zu hören, Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen wie Vertrieb, Marketing, IT, Netz, Unternehmensentwicklung, Personal, Recht und Geschäftsführung. Alle Gesprächspartner haben ganz unterschiedliche Perspektiven immer wieder eingebracht, aber immer mit dem gemeinsamen Ziel, Wissen weiterzugeben und andere an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Den 109 Gästen steht bei uns gegenüber ein Podcast-Team von vier Leuten, die dafür sorgen, dass ihr alle zwei Wochen auch eine neue Folge hören könnt. Meine Kollegin Hannah begleitet Energiedosis seit der ersten Folge. Ich selbst bin Anfang 2023 dazugestoßen. Und natürlich gibt es auch die Menschen hinter den Kulissen. Moritz begleitet den Podcast seit Tag 1 als Cutter und sorgt regelmäßig dafür, dass selbst spontane Änderungen noch rechtzeitig umgesetzt werden. Shoutout an dich und herzlichen Dank, Moritz, wenn du das gerade beim Schnitt hörst. Und meine Kollegin Doro ist bei uns im Newsroom verantwortlich für die gesamte Podcast-Produktion von der Gästefindung bis zur Veröffentlichung und Vermarktung läuft alles über ihren Schreibtisch. Man hört sie zwar im Podcast nie, aber ohne sie würdet ihr gar nichts hören. Deshalb auch ein großes Danke und Shoutout an dich, Doro. Wenn ich an die vergangenen Jahre zurückdenke, dann bleiben mir vor allem die Gespräche in Erinnerung, in denen Menschen mit echter Leidenschaft über ihre Themen gesprochen haben. Ein Interview ist mir dabei besonders im Kopf geblieben und zwar die Folge mit Stefan Powolny zur Landesgartenschau in Ellwangen. Wir haben nur eine Woche vor der Eröffnung der Landesgartenschau gesprochen und er war damals eigentlich im Dauerlauf zwischen Presse, Politik und den letzten Vorbereitungen unterwegs. Und trotzdem hat man in jeder Antwort gemerkt, wie sehr ihn das Thema Stadtentwicklung begeistert. Und nach solchen Gesprächen denke ich oft, eigentlich hätten wir das Mikro locker noch eine Stunde weiter laufen lassen können. Und genau das ist es, was Energiedosis den Praxis-Podcast für Energieversorger ausmacht. Ob Stadtentwicklung, Digitalisierung, Wärmewende, Künstliche Intelligenz oder Tiefbau – am Ende, geht es nie nur um Technik. Es geht immer um Menschen, um Führung, um Zusammenarbeit und um die Frage, wie Organisationen mit Veränderungen umgehen, und was sie daraus lernen. Und genau deshalb sprechen wir heute über ein Thema, das in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat. Resilienz. Was bedeutet Resilienz eigentlich für Stadtwerke? Warum reicht es längst nicht mehr aus, nur über IT-Sicherheit nachzudenken? Und weshalb betrifft Resilienz auch kleine und mittlere Unternehmen? Darüber spreche ich heute mit unserem internen Experten und meinem Kollegen Lucien Lenssen. Lucien ist Leiter Beratung bei den Netzwerkpartnern und in dieser Funktion auch viel unterwegs, quer durch die Republik von Stadtwerk zu Stadtwerk und berät unter anderem auch zum Thema Resilienz und Krisenmanagement. Herzlich willkommen im Energiedosis-Podcast, Lucien, schön, dass du da bist.
Lucien Lenssen
00:03:52
Danke.
Friedrich Stratmann
00:03:55
Wo erwische ich dich denn gerade? Ich glaube, du bist noch im Büro,aber schon auf dem Sprung zum nächsten Einsatz.
Lucien Lenssen
00:03:59
Ja, der Rucksack ist schon gepackt und der Laptop auch. Wir sind auf dem Weg nach Bayern diese Woche. Eine ganze Woche lang in das schöne Kaufbeuren.
Friedrich Stratmann
00:04:03
Ja, die Koffer sind gepackt, aber bevor du ins Auto steigst, freue ich mich, dass du die Zeit dir nimmst, um heute über Resilienz zu sprechen. Und ich möchte zum Start wieder mit einer These loslegen, die uns als Startschuss in die Diskussion und Klammer für die Diskussion dienen soll. Und zwar behaupte ich, viele Stadtwerke glauben, Resilienz sei ein IT-Projekt. Tatsächlich entscheidet sie darüber, ob ein Unternehmen in der nächsten Krise überhaupt noch handlungsfähig ist. Trifft das aus deiner Sicht den Kern oder ist das zu hart formuliert?
Lucien Lenssen
00:04:43
Es trifft wohl echt den Kern. Also ich komme so bei um die 30, 40 Stadtwerke im Jahr vorbei und ganz viele Menschen, Leute im Stadtwerk denken immer, Resilienz ist IT, ist Firewalls, Backups, ISMS. Das ist natürlich wichtig, aber es ist nur ein Teil der Resilienz. Am Ende geht es um eine simple Frage. Bleiben wir handlungsfähig, wenn etwas passiert, egal was passiert? Lange war auch die Idee, man könnte alle Risiken beherrschen und wir müssen nur gucken, dass wir einen Plan haben für wenn es schief läuft. Und das geht nicht mehr. Die Bandbreite an möglicher Störung ist viel zu groß. Das geht von irgendwelchen geopolitischen Gegebenheiten, die eintreten können oder einfach auch die lokale Jugend, die eine Trafo demoliert. Und es ist nicht mehr, was passiert. Die Frage ist eher, wie schnell reagieren wir als Unternehmen und wie dämmen wir das ein und was lernen wir daraus?
Friedrich Stratmann
00:05:37
Ja, finde ich spannend, was du da sagst. Und wir wollen da auch nochmal tiefer, drauf eingehen später, was Resilienz denn für dich bedeutet oder für uns als Netzwerkpartner, wenn wir auch in die Beratung gehen. Du hast schon mal so das Lagebild angerissen. Ich würde da gerne zum Start mit dir nochmal genauer drauf schauen und versuchen, mit dir so ein Lagebild zu zeichnen und zu beleuchten, warum plötzlich alle über Resilienz reden. Was ist dein Eindruck aus der Praxis und den Gesprächen mit den vielen Stadtwerken, die du so auch von innen siehst? Was beschäftigt Stadtwerke aktuell am meisten?
Lucien Lenssen
00:06:18
Ja, es ist halt viel, was die Stadtwerke gerade umtreibt, ist dieses Gefühl, dass alles gleichzeitig kommt. Digitalisierung, Dezentralisierung, Extremwetter, Cyberangriffe, die wir auch jetzt bei uns im Verein aus kurzer Entfernung gesehen haben, Sabotage und eine unsichere geopolitische Lage und auch eine interne deutsche politische Lage, die nicht immer die Richtung vorgibt, die wir gerade brauchen. Und das wird auch nochmal begleitet von der Regulatorik. NIS2, Kritis-Dach-Gesetz. Und meistens kriegen wir die Frage, sind wir betroffen? Und wenn wir betroffen sind, wo fangen wir dann überhaupt an? Viel ist auch einfach nebulös. Man weiß einfach nicht, wo man ansetzen soll. Fange ich an bei der IT-Sicherheit? Gehe ich auf meine kritische Infrastruktur, die physisch ist, ein? Was ist wichtig? Wo priorisiere ich? Die meisten wissen schon, dass sie etwas tun sollen, aber bei tausenden Kilometer Leitung, unzählige Trafostationen und vor allem am begrenzten Budget ist, was zuerst kommt, echt schwer zu beantworten.
Friedrich Stratmann
00:07:16
Wo spürst du da die größte Unsicherheit? Ist es gerade so dieses Thema Priorisierung, wenn du merkst, es kommt von allen Ecken und ich weiß gar nicht, wo legen wir los?
Lucien Lenssen
00:07:28
Ich hatte ein Stadtwerk, die haben einfach die NIS2 versucht umzusetzen oder sind gut dabei. Und da siehst du schon, die haben eine Liste mit 100 bis 200 To-Dos. Und da zu wissen, wo du anfangen sollst, was das alles kosten wird, wie viele Ressourcen da du benötigen wirst, das ist schon echt eine Aufgabe. Und das ist dann nochmal auf der IT-Seite, wenn man dann auch nochmal die physische Infrastruktur mitnimmt, dann wird es richtig, richtig überwältigend.
Friedrich Stratmann
00:07:55
Kannst du da so aus deinem Alltag ein paar Beispielfragen hier preisgeben oder was so Anfragen sind auch von Partnern, die da häufiger auf deinem Tisch landen, neben dem, was du eben schon kurz angeteasert hast.
Lucien Lenssen
00:08:12
Was machen wir zuerst? Also die Frage, was machen wir zuerst, wo setzen wir an, kommt öfter hoch. Natürlich auch die Frage, wir haben einen Plan, ist das ein guter Plan? Und es gibt natürlich die einzelnen Fragen, die losgelöst von der Gesamtstrategie stehen, aber die eher dann auch zeigen, wo die Leute gerade drüber nachdenken.
Friedrich Stratmann
00:08:29
Das hört sich für mich so an, als ob da schon einige Fragezeichen noch sind in den Köpfen. Die Frage ist ja, was für eine Haltung gegenüber Resilienz ist auch da oder wie wird Resilienz überhaupt verstanden? Ich habe so diesen Eindruck, viele Geschäftsführer, gerade bei kleineren oder mittleren Stadtwerken, denken so in die Richtung, wir sind zurzeit kein Kritisunternehmen. Resilienz betrifft uns doch gar nicht. Was antwortest du darauf?
Lucien Lenssen
00:08:58
Ja, uns betrifft das nicht. Der Reflex, der kommt oft. Dann wird gesagt, wir sind ja nicht so groß und die Russen haben kein Interesse an uns. Und es ist auch schwierig.Es gibt eine Einstufung für Kritis für 500.000 versorgte Einwohner, aber die ist umstritten und die Länder können sowieso noch bei Verordnung weitere Anlagen als kritisch definieren. Also man kann morgen betroffen sein, ohne es heute zu ahnen oder sich vorbereitet zu haben. Zweitens, und das ist für mich der wichtigere Punkt, ist, wenn du die Mindestanforderungen erfüllst, dann schützt du dich zwar vor Bußgeldern, aber nicht vor einer echten Krise. Im Ernstfall fragt ja niemand, ob du compliant warst, aber eher bleibt das Licht an oder fließt das Wasser noch oder strömt das Gas noch. Also unterschätzt wird regelmäßig alles jenseits der IT. Physische Infrastruktur, OT-Systeme, Lieferketten, Personalrisiken, Wissensabgänge in der Belegschaft. Die Stromausfälle in Berlin haben genau das gezeigt. Kritische Hardware und physische Redundanzen fehlen einfach in viele Risikobetrachtungen komplett. Und wenn wir von Resilienz sprechen, meinen wir bewusst mehr als nur technische Robustheit. Es ist die Belastung abzufedern, die da auf dich zukommt. Und diese Funktionen wieder hochzufahren und systematisch aus Störungen zu lernen, das ist, was es ausmacht. Ein resilientes Stadtwerk erkennt man nicht am dicksten Notfallhandbuch, sondern daran, dass die Prozesse auch unter Stress funktionieren. Weil sie geübt wurden und nicht nur im eigenen Süppchen gekocht oder geübt wurde sozusagen, aber auch, dass mit der örtlichen Kommune, mit der Polizei diese Sachen durchdekliniert werden. Und der Nutzen ist ganz konkret, es ist eine gesicherte Handlungsfähigkeit und Vertrauen, die du da aufbaust bei Politik und Bürgern. Und wenn du das nicht machst, dann gehst du halt ein doppeltes Risiko ein. Du hast explodierende Schadenskosten im Krisenfall und eine wachsende Haftungs- und Sanktionsrisikenlandschaft. Und am Ende landet das dann schnell bei der persönlichen Verantwortung der Geschäftsführung. Stichwort Organhaftung.
Friedrich Stratmann
00:11:03
Also es ist keine Lappalie, es hat viele Dimensionen, weshalb es Sinn macht auch als Management, es als strategische Managementaufgabe zu sehen, Resilienz. Wie schätzt du in dem Kontext auch die Bedeutung von Kooperationen ein? Also wir als Netzwerkpartner sind ja auch dabei, Austausche zu organisieren rund um das Thema Resilienz. Kooperation per se ist Teil der Netzwerkpartner-DNA, aber ich glaube auch in puncto Resilienz können Kooperationen auch ein Hebel sein, um Handlungsfähigkeit dann auch im Ereignisfall zu sichern. Oder wie schaust du da drauf?
Lucien Lenssen
00:11:44
Man kann nicht immer alles alleine machen als Stadtwerke. Bei vielen Stadtwerken ist diese Philosophie noch anwesend, aber du kannst nicht 15 Notstromaggregate da stehen haben. Du kannst nicht, wenn eine Überflutung da ist, sagen, ich kümmere mich nur um mein Netzgebiet, wenn der Nachbar auch Probleme hat. Also die Ahrtal-Krise hat uns da auch gelernt, wie toll und großartig es ist, dass wir uns im Notfall auch gegenseitig beistehen. Natürlich ist es auch ein Stück Kostenteilung. Wir können ja natürlich gemeinsam vorbereiten, planen, Sicherheiten schaffen und dann können wir uns auch gemeinsam die Kosten da teilweise teilen.
Friedrich Stratmann
00:12:22
Also da steckt Potenzial drin. Du hast jetzt auch so deine Definition von Resilienz eben auch angerissen. Wenn du jetzt einen Stadtwerke-Geschäftsführer mit dieser Sichtweise auf Resilienz konfrontierst und wenn man sagt, okay, das ist eigentlich dein Job. Also wie ist da die Reaktion, die dir da typischerweise begegnet?
Lucien Lenssen
00:12:44
Das ist eine gemeine Frage, Friedrich. Natürlich bejahen alle, dass das deren Rolle ist und dass sie sich dafür einsetzen müssen, um diese Gesetze so gut wie möglich umzusetzen und ihrer kommunalen Verpflichtungen gerecht zu werden. Aber es fehlt einfach auch an Zeit und Wissen. Es ist halt auch wieder ein Thema von vielen Themen, die auf den Stadtwerken reinprasseln. Und dieser Balanceakt zwischen kümmere ich mich jetzt um kundenzentrierte Vertriebsstrategien und Finanzierung der Netze, die ich ertüchtigen muss oder das Thema Resilienz, das ist alles ein Balanceakt und das ist für viele Stadtwerke echt schwierig alleine zu bewältigen.
Friedrich Stratmann
00:13:25
Die Frage ist, inwiefern ist das in dieser Suppe, sag ich mal, mit all diesen Transformationsanforderungen, die da noch sind, welchen Stellenwert messen wir der Resilienz bei? Ist es irgendwo auch in der Strategie verankert und mitgedacht und sind eben auch die zeitlichen oder personellen Ressourcen auch da, um Resilienz dann auch zu leben oder die entsprechenden Prozesse anzunehmen und Abläufe, Übungen auch durchzuführen. Wie nimmst du das wahr oder passiert da was oder gerade so im Blick auf operative Resilienz oder dass dort auch ein verstärkter Fokus auch auf der Umsetzbarkeit liegt?
Lucien Lenssen
00:14:05
Also ja und nein. Also hättest du mich vor zwei Jahren gefragt, steht das Thema Resilienz auf einer strategischen Grundlage im Unternehmen oder wird es strategisch mitbeachtet, würde ich sagen, ja, ab und zu. Jetzt siehst du schon, dass das Thema an Bedeutung gewinnt. Du siehst aber auch, dass die Stadtwerke, die finanziell und ressourcentechnisch gut ausgestattet sind oder wo Einzelpersonen sehr mit dem Thema sich beschäftigen, dass diese das Thema priorisieren. Für viele Stadtwerke ist es trotzdem einfach nur das Erfüllen von regulatorischen Anforderungen. Aber wir sehen auch Stadtwerke, die da weit über hinaus gehen und sich echt vorbereiten auf das, was kommen könnte.
Friedrich Stratmann
00:14:46
Ja, das ist ein gutes Stichwort. Also die Frage, was kommen könnte, kann wahrscheinlich keiner so richtig genau beantworten. Deswegen finde ich an Resilienz auch spannend, dass es ja auch nicht nur darum geht, irgendwie Vorsorge zu treffen, sondern auch in der Unsicherheit Handlungsfähigkeit zu haben, weil ich glaube, es ist eine Utopie, dass wir uns auf alle möglichen Szenarien vorbereiten können. Aber gewisse Hausaufgaben können wir machen und eben auch dieser Vernetzungsgedanke, den finde ich daran spannend, also mit anderen Unternehmen, Behörden, Versorgern in Austausch zu gehen, um dann, auch wenn es soweit ist, neben den internen Hausaufgaben auch die Vernetzung anzapfen zu können. Ob das jetzt bei den Redundanzen sind, die man beispielsweise in Kooperation oder gemeinsam vorhält oder dann auch bei Personal und personellen Ressourcen. Jetzt in den vergangenen Monaten wird ja immer häufiger auch darüber gesprochen, dass Unternehmen sich auch auf die geopolitische Krisenszenarien vorbereiten müssen. Du hast selbst auch an Austauschrunden bei uns im Netzwerk mit Bundeswehrvertretern teilgenommen, diese begleitet. Dort ging es auch um den Operationsplan Deutschland und über die aktuelle Risikolage. Warum spielt denn plötzlich das Baltikum in Gesprächen deutscher Stadtwerke eine Rolle?
Lucien Lenssen
00:16:18
Ja, das Baltikum und die geopolitische Lage da tauchen auch bei uns jetzt im Stadtwerk auf, weil klar geworden ist, dass Angriffe und Sabotageakte auf Infrastruktur keine ferne Theorie mehr sind, sondern Teil der realen Risikolage. Und speziell für Deutschland kommt uns eine besondere Rolle zu. Wir sind das zentrale Transit- und Aufmarschland der NATO. Das heißt, wenn das Bündnis die baltischen Staaten und unsere Verbündeten in Polen und Osteuropa unterstützen sollte, läuft ein großer Teil der Truppen- und Materialbewegung durch Deutschland in diese Richtung Sowalki-Korridor. Das ist eine schmale Landverbindung zwischen Weißrussland und Kaliningrad, also das frühere Königsberg. Und die verbindet Polen da mit dem Baltikum. Und das macht uns zum logistischen Drehkreuz. Und ein solcher Hub ist auch ein Angriffsziel. Gerade die Infrastruktur in Deutschland, Strom, Wasser, Verkehrswege, Eisenbahn, Kommunikation. Und wir haben ja eine sehr offene Umgangsweise gehabt mit der Bereitstellung von Informationen. Also du konntest oder kannst noch immer gucken, wo die Trafos liegen, wo irgendwelche Verbindungen im Netz sind. Und das macht uns natürlich auch extremst gefährdet. Und ein Blick in die Ukraine zeigt einfach, dass im Extremfall trotz massiver Raketen- und Drohnenangriffe auf Umspannwerke, Erzeugungsanlagen und Leitungen die Stromversorgung doch nicht komplett zusammengebrochen ist. Und das müssten wir eigentlich in Deutschland auch auf diese Art und Weise gewährleisten als Stadtwerke. Die Netzbetreiber halten das System durch schnelle Reparaturen, flexible Netzführung und enge Kooperation mit den anderen europäischen Übertragungsnetzbetreibern stabil. Und für kommunale Unternehmen heißt das nicht, dass wir jetzt hier den Krieg ausmalen. Es geht um Vorsorge oder sinngemäß im Geist des Operationenplans Deutschland. Resilienz heißt nicht, dass wir den Krieg herbei wünschen oder vorhersagen, aber dass wir handlungsfähig bleiben. Und egal, ob das jetzt durch geopolitische Spannung ist oder durch kriminelle Fälle in der Cybersecurity oder einfach auch nur Naturereignisse.
Friedrich Stratmann
00:18:25
Siehst du, dass Stadtwerke sich mit solchen konkreten Szenarien dann auch beschäftigen? Oder auf welcher Ebene finden dann die Diskussionen statt, jetzt gerade, wenn es so um diesen geopolitischen Kontext geht?
Lucien Lenssen
00:18:39
Also man sieht schon, dass die Notfallhandbücher aus der Vergangenheit wieder von Staub befreit werden und dass sie erneuert werden. Es wird wieder geübt. Was man auch sieht, ist die Nachfrage nach Beratungsdienstleistungen, wo es darum geht, physische Infrastruktur zu verbessern oder, lass mal sagen, zu befestigen sogar, hat zugenommen. Also wir haben mehrere Stadtwerke, die gefragt haben, wie sichere ich meine Trafos? Wie bereite ich mich vor auf Ausfall des Internets? Wie kriege ich meine GIS-Daten, wenn ich kein Internet mehr habe, vor Ort zu den Kunden, wenn da was los sein sollte? Also ja, das nimmt zu und es gab eine Tagung in Berlin im November 2025, wo Stadtwerke aus ganz Deutschland eigentlich zeigten, was sie gerade machen. Und man merkt schon, dass manche relativ martialisch an ihre eigene physische Infrastruktur rangehen.Da wurde gesprochen über Graben ausheben, um Trafos herum oder so eine Art Käfig zu bauen oder die Zäune zu erhöhen. Also man denkt schon ein bisschen, wie soll ich mal sagen, verteidigungsbewusster über die Sicherung der Infrastruktur. Und natürlich ist es auch eine Frage, wer kann sich das alles leisten und was soll ich alles prioritär sichern?
Friedrich Stratmann
00:19:53
Ja, das ist am Ende dann auch eine Frage des Geldes, der finanziellen Ressourcen. Also kann ich mir vorstellen, gerade vor dem aktuellen Kontext, Investitionen in die Transformation der Energie- und Wärmewende, Mobilitätswende, auf der einen Seite dort diese großen Geldtöpfe, die es braucht und auf der anderen Seite die Frage, wie viel investiere ich dann in Resilienz, in etwas, was kommen kann, aber ich nicht weiß, dass es kommen muss. Und auf der anderen Seite habe ich diese Vorgaben, die kommen müssen. Also das ist so diese Abwägung. Lass uns noch einmal konkret werden. Am Ende geht es auch bei Resilienz um Entscheidungen und Prioritäten, wie jetzt glaube ich schon an einigen Stellen durchgeklungen ist. In deinem Gastbeitrag im ET-Magazin im April auch davon geschrieben, Resilienz ist eine Führungsaufgabe, in dem Artikel skizzierst du fünf zentrale Entscheidungsfelder aus Geschäftsführungssicht wie kritische Prozesse, Restrisiko, Governance, Finanzen und Strategie. Also wie verzahnen wir NIS-2 und Kritis-Vorgaben mit unserer Strategie? Mich würde jetzt interessieren, was Stadtwerke konkret beim Thema Resilienz als nächstes tun oder auch lassen sollten. Und zwar würde ich das gerne wieder anhand der Ampellogik mit dir durchspielen. Grün bedeutet, was sollte ein Stadtwerk jetzt sofort angehen? Gelb, was nur beobachten und rot, was lieber lassen. Also lass uns da gerne Schritt für Schritt einmal durchgehen. Wir starten mit grün. Was sollte jedes Stadtwerk morgen angehen beim Thema Resilienz?
Lucien Lenssen
00:21:40
Das Wichtigste wäre erstmal die Verantwortlichkeit zu klären. Wer trägt die gesamte Verantwortung und entscheidet im Ernstfall? Weil nichts ist schlimmer als eine Krise und keiner trifft die Entscheidung oder mehrere treffen die Entscheidung. Und dann gehen wir auch eigentlich zum nächsten Punkt über, wo ich sage, das musst du unbedingt machen, ist, eine schlanke Krisenorganisation aufzubauen und eine ehrliche Risikoanalyse zu fahren über deine gesamte Organisation, also nicht nur die IT. Die Geschäftsführung muss natürlich da im Lead sein, die muss nicht operativ alles ausklüngeln, aber das Wichtigste wäre schon, dass die fest eingebunden werden und dass das Stadtwerk übt. Das wäre eigentlich eines der wichtigsten Punkte, weil Papier ist geduldig und nur die Übung bringt eine gewisse Routine rein. Und man muss auch nicht sofort Krisenszenarien ausmalen. Es reicht einfach mal 60 Minuten lang, eine Tabletop-Übung zu machen mit der Führungsebene. Das hat viel mehr Impact als wieder so ein Konzeptpapier für, wie gehen wir mit Krisen um.
Friedrich Stratmann
00:22:48
Dann machen wir weiter mit dem gelben Punkt. Was würdest du eher beobachten als sofort umsetzen?
Lucien Lenssen
00:22:52
Also tatsächlich würde ich beobachten, statt sofort in purer Aktionismus zu verfallen. Also was wir sehen können ist, es gibt viele Stadtwerke, die gucken sich das Ganze an und setzen nach und nach um, auch natürlich budgetär. Eine schlaue Entscheidung. Es gibt aber auch welche, die sofort sagen, ich muss all meine Trafos jetzt hier befestigen. Und da sage ich, das ist nicht die richtige Herangehensweise. Priorisiere diese Trafos. Guck, wo du wirklich Schwachstellen hast und mach dir Gedanken zu, was du dir leisten kannst, damit du resilient wirst. Damit du ein Minimum an operativer Aktivität im Notfall abbilden kannst. Also nicht sofort Millionen für Berater ausgeben, Zäune zu bauen und Kamerasysteme auf jeden einzelnen Masten zu tackern. Das ist es nicht.
Friedrich Stratmann
00:23:41
Ja, danke dir für deine Punkte zum gelben Bereich. Dann last but not least, wo siehst du rot? Wovon würdest du aktuell explizit abraten?
Lucien Lenssen
00:23:53
Die Resilienz komplett an die IT-Delegierende. Also das ist eine ganzheitliche Aufgabe im Stadtwerk. Das soll gelebt werden in allen Bereichen von allen Mitarbeitern, inklusive die Geschäftsführung. Und das ist nicht eine neue NIS-2-Verordnung oder eine Cyber-Security-Verordnung, die man mal eben so in einen bestimmten Bereich droppen kann. Also da geht es echt darum, ganzheitlich zu denken und alle mit zu involvieren, die involviert werden sollen. Und wovon ich komplett abrate, ist, den dicken Krisenplan zu machen und dann nicht zu üben. Also das war auch ein grüner Punkt, aber üben, üben, üben, üben und am liebsten auf verschiedene Arten und Weisen mit verschiedenen Playern, also mit der Kommune, mit dem Kreis, mit der Feuerwehr, mit der Polizei, wenn es geht mit dem Bundesheer, genau.
Friedrich Stratmann
00:24:40
Ja, Resilienz ist Teamleistung, höre ich da raus. Also kein EVU wird alleine resilient und ja, da braucht es Vernetzung, Kommunikation, Kooperation mit anderen Versorgern und Unternehmen, Behörden, um im Krisenfall handlungsfähig zu sein. Letzte Frage an dich, Lucien. Dann schließen wir auch so ein bisschen den Kreis zur These. Ich hatte am Anfang in den Raum gestellt, Resilienz ist kein IT-Projekt. Ich glaube, das ist jetzt deutlich geworden. Es braucht mehr, um im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben. Stell dir vor, du sitzt morgen mit der Geschäftsführung eines mittelgroßen Stadtwerks zusammen und du hast genau zwei Minuten Zeit. Was würdest du der Geschäftsführung als erstes sagen?
Lucien Lenssen
00:25:31
Also ja, wir hatten den Satz schon mal beim Partner und da haben wir einfach die Frage gestellt, geh mal davon aus, dass du als Stadtwerk betroffen bist von irgendeinem Krisenszenario. Du weißt nicht, wann es passiert, du weißt nicht, was passiert und du weißt nicht, wie hart es dich trifft. Aber die Frage, die du dir in dem Moment stellen musst, ist, was haben wir als Stadtwerk gemacht, damit wir den operativen Betrieb sicherstellen können, damit unsere Mitarbeiter geschützt sind, damit die Kommune und die Bürger drin ihren Strom, Gas oder Wasser bekommen.
Friedrich Stratmann
00:26:06
Tja, diese Frage geben wir einfach mal mit, mit Raum zum Nachdenken und zum Überlegen, welche Antwort man selber finden würde dann fürs eigene Stadtwerk. Lucien, damit sind wir am Ende angekommen oder hast du noch was zu ergänzen? Liegt dir noch was auf dem Herzen zu dem Thema, was bisher noch nicht angesprochen wurde? Dann feuerfrei.
Lucien Lenssen
00:26:26
Alles wurde angesprochen, aber ich würde es trotzdem nochmal einmal sagen. Also klärt, wer im Ernstfall entscheidet. Also wer hat den Hut auf und welche Hüte gibt es? Übt das alles durch und alles weitere kommt danach. Dann wird sich herausstellen, ob die eine Trafo beschützt werden muss oder ob der Kundenservice schutzsichere Glaswände braucht oder ob die IT vielleicht dann doch mal lieber ein bisschen mehr On-Prem geht oder gerade das Umgekehrte. Einfach machen. Anfangen, umsetzen, büben.
Friedrich Stratmann
00:26:59
Super, ich danke dir, Lucien, für das Gespräch und deine Einblicke aus der Praxis heute. Ich habe für mich auch einiges wieder mitgenommen und für mich ist deutlich geworden, ja, es braucht ein neues Verständnis von Resilienz. Resilienz beginnt nicht erst in der Krise, sie entsteht schon lange vorher durch gute Führung, durch klare Verantwortlichkeiten und Prozesse, die auch unter Druck tragfähig sind und damit Handlungsfähigkeit in Unsicherheit sichern. Und genau deshalb betrifft das Thema eben nicht nur große Kritisunternehmen, sondern jedes Stadtwerk. Ja, danke dir, Lucien, für deine Einblicke. Danke dir und immer wieder. Danke auch an euch da draußen fürs Zuhören. Das war der zweite Teil unserer Jubiläums-Serie zu fünf Jahren Energiedosis. Im dritten Teil in zwei Wochen geht es dann um künstliche Intelligenz. Gemeinsam schauen wir darauf, wie Stadtwerke den Schritt von ersten Pilotprojekten in die praktische Umsetzung schaffen, was KI-Agenten wirklich leisten können und wie KI jenseits des Hypes echten Mehrwert im Arbeitsalltag schafft. Wenn ihr die Folge nicht verpassen wollt, dann abonniert Energiedosis auf eurer Podcast-Plattform des Vertrauens. Bis dahin wünsche ich euch alles Gute und bleibt neugierig.