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90: Vom Pionierprojekt zur Praxis: Wärmewende mit Meerwasser (Update) – Dr. Mark Jahn, Stadtwerke Neustadt in Holstein

26.02.2026 22 min

Zusammenfassung & Show Notes

Seit dem Start des Meerwasser-Wärmepumpenprojekts der Stadtwerke Neustadt in Holstein vor über drei Jahren ist viel passiert. In dieser Update-Folge zieht Werkleiter und Projektverantwortlicher Dr. Mark Jahn Bilanz: Er beschreibt den Weg von der Planung über die Umsetzung bis zum heutigen Stand und ordnet ein, welche Fortschritte erreicht wurden und welche Herausforderungen geblieben sind.

Im Gespräch geht es um hohe Erwartungen, reale Hürden und die Frage, ob sich die Investitionen gelohnt haben. Dr. Jahn erklärt, wie das Wärmenetz aufgebaut wurde, warum Bürokratie eine zentrale Herausforderung war und welche Effizienz die Meerwasser-Wärmepumpe in der Praxis erreicht. Außerdem ordnet er das Projekt in die kommunale Wärmeplanung ein, spricht über weitere potenzielle Wärmequellen und skizziert die nächsten Schritte.

Viel Spaß beim Hören!

Hört auch in Folge 34 rein, da haben wir das Projekt erstmals vorgestellt und die Ausgangsidee beleuchtet.

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Transkript

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Energiedosis, dem Praxis-Podcast für Energieversorger. Mein Name ist Friedrich Stratmann. Zum Jahresauftakt knüpfen wir an ein Thema an, das viele von euch seit der Veröffentlichung der Folge 34 im März 2023 beschäftigt hat. Damals ging es um Deutschlands erste Meerwasser-Wärmepumpe in Neustadt in Holstein. Unser damaliger Gast hat uns durch die Anfänge geführt, durch mutige Ideen und die ersten Umsetzungsschritte in diesem Pionierprojekt. Und seitdem ist viel passiert. Genau deshalb gibt es heute dieses Update. Wir schauen gemeinsam darauf, was sich seit 2023 getan hat, wo das Projekt heute steht und wie nah wir dran sind an der ersten Wärmeversorgung aus Meerwasser. Bevor wir einsteigen, mein Hinweis für alle, die Energiedosis regelmäßig hören. Wenn euch dieser Podcast hilft, Themen aus der EVU-Praxis greifbarer zu machen, abonniert uns, um keine weitere Folge zu verpassen. Damit tragt ihr auch dazu bei, dass der Podcast weiter sichtbar bleibt und noch viele weitere Menschen in EVUs und Stadtwerken von den wertvollen Praxisimpulsen profitieren. Und jetzt zu meinem heutigen Gast. Ich spreche mit Dr. Mark Jahn. Er ist Werkleiter der Stadtwerke Neustadt in Holstein und verantwortet das Projekt seit vier Jahren. Er kennt die Wendungen, Hindernisse und Fortschritte der letzten Jahre aus der Praxis und auch aus der strategischen Brille. Wir haben vorab gesprochen. Ich darf du sagen, schön, dass du da bist, Mark.
Dr. Mark Jahn
00:01:44
Ja, ich freue mich auch, dass wir heute die Gelegenheit haben, den zweiten Podcast zur Meerwasser-Wärmepumpe aufzunehmen. Lass mich vorweg sagen, dass ich von Haus aus Jurist und Kaufmann bin und daher anders als Lars Arne eher den Schwerpunkt in diesem Podcast auf kaufmännische Themen, strategische Themen oder das Projektmanagement legen möchte.
Friedrich Stratmann
00:02:03
Bevor wir in das Projekt einsteigen, lass uns kurz persönlich beginnen. Du bist jetzt seit vier Jahren Werkleiter in Neustadt. Wenn du an deine ersten Tage zurückdenkst, welches Bild hattest du damals vor der Meerwasser-Wärmepumpe und wie hat sich das inzwischen verändert?
Dr. Mark Jahn
00:02:20
Ja, das stimmt. Ich bin jetzt fast vier Jahre Werkleiter hier in Neustadt in Holstein. Und wenn ich an meine ersten Tage zurückdenke, hatte ich von der Meerwasserwärmepumpe vor allem das Bild eines spannenden Pionierprojekts, das große Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich fand auch den ersten Podcast von Lars Arne zur Meerwasserwärmepumpe wirklich gelungen. Mir war klar, das ist etwas Besonderes, mit dem wir hier echte Vorreiterarbeit leisten. Natürlich wusste ich damals auch, dass so ein Projekt nicht ohne Herausforderungen bleibt. Wie viele Hürden letztlich auf uns zukommen würden, war mir aber zu dem Zeitpunkt noch nicht klar. Heute möchte ich sagen, wir haben gemeinsam mit einem großartigen Team viel erreicht und jede dieser Herausforderungen gemeistert. Darauf bin ich stolz.
Friedrich Stratmann
00:03:06
Dann lass uns direkt dorthin gehen, wo das Projekt heute steht. Seit der letzten Podcastaufnahme im Frühjahr 2023 ist einiges passiert. Ich habe es eingangs schon angeteasert. Und wenn du das Projekt heute beschreiben müsstest, was wurde seitdem umgesetzt und wo steht ihr jetzt konkret?
Dr. Mark Jahn
00:03:26
Ja, natürlich ist viel passiert. Wenn ich das Projekt beschreibe, würde ich sagen, wir sind jetzt auf der Zielgeraden. Die beiden großen Gebäude mit den Anlagen, also die Entnahmestation und die Energiezentrale, sind inzwischen fertig. Alle Anlagenteile sind montiert und betriebsbereit. Die Funktionsprüfung und die Inbetriebnahme haben wir erfolgreich abgeschlossen. Aktuell befinden wir uns in einer Phase, die wir Feinjustierung nennen. Das heißt, wir optimieren die Abläufe, prüfen die Regelungen und holen jetzt das Beste aus der Anlage heraus. Es ist schön zu sehen, wie das Ende des Projekts in Sicht kommt und die ganze Arbeit der letzten Jahre belohnt wird.
Friedrich Stratmann
00:04:06
Du hast im Vorgespräch schon gesagt, oder jetzt auch nochmal, so ein Projekt dauert richtig lange. Ihr seid schon einige Meter gegangen auf diesem Weg, gerade wenn man, wie ihr, Pionierarbeit leistet und es häufig keine vorgefertigten Teile oder Prozesse gibt. Welche Herausforderungen sind euch in der Umsetzung konkret begegnet und was hat dich dabei am meisten überrascht, positiv wie negativ?
Dr. Mark Jahn
00:04:33
Ja, das stimmt. Ein Projekt dieser Art braucht einfach Zeit, vor allem wenn man auf so vielen Ebenen Neuland betritt. Besonders positiv war für mich, dass sich viele der beteiligten Firmen mit dem Projekt identifiziert haben. Man hat gemerkt, alle hatten Lust, gemeinsam etwas Besonderes auf die Beine zu stellen und diese Motivation hat uns wirklich getragen. Auf der anderen Seite gab es auch Herausforderungen, vor allem was die Bürokratie und die Genehmigungsverfahren betrifft. Lars Arne hat das im ersten Podcast schon gut beschrieben. Gerade bei Themen wie der Wasserentnahme und der Wiedereinleitung mussten wir bis zuletzt formale Hürden nehmen. Das hat Zeit und auch Kraft gekostet, aber am Ende gehört das eben auch dazu, wenn man etwas so Innovatives umsetzt.
Friedrich Stratmann
00:05:20
Ein langer Atem ist gefragt bei Innovation, aber ihr seid den mutigen Schritt gegangen und bei allem, was schwierig war, schauen wir natürlich auch auf das, was funktioniert hat. Welche kleinen oder großen Erfolge möchtest du an dieser Stelle hervorheben?
Dr. Mark Jahn
00:05:35
Ich sagte ja schon, dass wir stolz sind auf das, was wir erreicht haben. Mir ist es auch wichtig, das immer wieder zu betonen, denn es war viel Arbeit und wir haben viel erreicht. Trotz aller Widrigkeiten und der langen Genehmigungsprozesse haben wir alle notwendigen Freigaben letztlich erhalten. Und das Beste, unser Wärmenetz ist inzwischen tatsächlich in Betrieb. Von der Meerwasserentnahmestation zur Energiezentrale sind die Druckrohrleitungen und die Revisionsschächte in Betrieb gegangen und die ersten Mehrfamilienhäuser werden bereits mit Wärme versorgt. Das ist einfach ein großartiges Gefühl. Nach all der Planungs-, Bau- und Abstimmungsarbeit endlich zu sehen, dass die Meerwasserwärmepumpe mit dem neu gebauten Wärmenetz in Betrieb ist und die Nahwärmeversorgung anläuft, das macht uns im Team schon zutiefst zufrieden.
Friedrich Stratmann
00:06:22
Ja, das kann ich mir vorstellen, dass die Früchte der langjährigen Arbeit zu ernten, dass das ein tolles Gefühl ist, jetzt wirklich auf der Ziegeraden zu sein. Die kommunale Wärmeplanung ist ja auch im größeren Kontext kein Sprint, sondern auch ein Marathon bzw. die Umsetzung dann auch der Wärmewende. Wie sieht das bei euch in Neustadt in Holstein aus?
Dr. Mark Jahn
00:06:47
Die Meerwasserwärmepumpe ist ja auch eine potenzielle Wärmequelle als Teil der kommunalen Wärmeplanung, die effizient und wirtschaftlich ist im Vergleich zu anderen Technologien. Vielleicht erst einmal zur kommunalen Wärmeplanung. Ich bin stolz auf die Stadt, dass sie die kommunale Wärmeplanung schon abgeschlossen hat, wir insoweit einen relativ guten Planungsrahmen haben. Wenn wir jetzt über Effizienz und Wirtschaftlichkeit sprechen, dann haben wir natürlich Vorgaben aus den Planungsunterlagen, die wir jetzt im Betrieb der Anlage überprüfen. Das Projekt ist aktuell in der Feinjustierung. Das heißt, so richtig vergleichbare Zahlen liegen uns noch nicht vor. Effizienz und Wirtschaftlichkeit der Meerwasser-Wärmepumpe wäre vielleicht ein gutes Thema für den dritten Podcast in zwei, drei Jahren.
Friedrich Stratmann
00:07:33
Ja, die Pionierarbeit geht weiter. Wir können ja mal schauen, welche anderen Wärmequellen sind Teil eures Technologiemixes?
Dr. Mark Jahn
00:07:43
Neben der Meerwasserwärmepumpe schauen wir natürlich auf weitere erneuerbare Wärmequellen. Dazu gehört zum Beispiel die Nutzung von Wärme aus dem Müllheizkraftwerk. Wir haben zudem eine Machbarkeitsstudie zur Nutzung von Abwasserwärme auf der Hafenostseite erstellt. Ich gehe aber auch davon aus, dass Luftwärmepumpen als Wärmequellen eine gute wirtschaftliche Lösung sein werden. Letztlich wird man wohl verschiedene Technologien sinnvoll miteinander kombinieren, um eine stabile, nachhaltige Wärmeversorgung für die Stadt Neustadt in Holstein zu schaffen.
Friedrich Stratmann
00:08:16
Wenn wir jetzt so auf die letzten konkreten Meilensteine schauen, die Erstversorgung mit Wärme aus der Meerwasser-Wärmepumpe war ja ein solcher Meilenstein für euch im Jahr 2025. Was heißt das genau? Wer profitiert als erstes? Und gibt es Leuchtturmkunden oder Quartiere, die angeschlossen werden?
Dr. Mark Jahn
00:08:36
Ja, die Erstversorgung mit Wärme aus der Meerwasserwärmepumpe, das war im Herbst 2025. Wir haben konkret drei Mehrfamilienhäuser angeschlossen und dann das sogenannte Hospitalquartier der S-Immobiliengruppe Holstein mit Bauwärme versorgt. Ich habe heute im Auto noch einmal den Podcast von Lars Arne gehört. Er hat die Erstversorgung schon vor einem Jahr in der Heizperiode 2024-2025 gesehen. Ich glaube, darin drückt sich aus, wenn wir jetzt ein Jahr im Verzug sind, was für Herausforderungen wir auch meistern mussten. Hier sieht man eben, dass es auch nicht nur an der Anlage liegt, wenn wir jetzt im Verzug sind, sondern eben auch die geplanten Neubauten im Sanierungsgebiet sich verzögert haben. Insgesamt ein richtig spannender Moment. Endlich sehen wir jetzt, dass unsere Arbeit direkt bei den Kunden, bei den Menschen ankommt und einen echten Unterschied macht. Du hast zudem nach Leuchtturmkunden gefragt oder welche Quartiere noch angeschlossen werden. Es gibt schon einige Leuchtturmkunden. Wir bewegen uns auf der Hafenwestseite in einem städtebaulichen Sanierungsgebiet, wo richtig etwas passiert. Dazu zählt zum Beispiel das von mir schon genannte Hospitalquartier und der sogenannte Petersenspeicher. Auch das bestehende Haus der Manufakturen am Hafen soll angeschlossen werden. Daneben entsteht ein B&B-Hotel in Holzmodulbauweise. Das ist für sich schon ein Leuchtturmprojekt für schnelles, nachhaltiges und zukunftsfähiges Bauen und passt perfekt zu unseren Zielen. Ich finde gerade, dass man am B&B Hotel erkennen kann, dass eine vorbildliche, nachhaltige Wärmeversorgung auch zu nachhaltigem Handeln motiviert. Im Übrigen zeichnet sich das Gebiet durch den Erhalt der historischen Substanz und des charakterprägenden Erscheinungsbildes am Hafen aus, was ich auch echt großartig finde.
Friedrich Stratmann
00:10:30
Ja, finde ich total spannend, was du beschreibst, diese Abstrahleffekte, die das mit sich bringt, selbst als Pionier, als Leuchtturmprojekt vorzugehen, was es dann auch in anderen Bereichen bewirkt. Passt, glaube ich, ganz gut zur nächsten Frage, wenn du diesen Moment größer denkst, über die Anschlüsse hinaus. Welche Bedeutung hat dieser Startschuss für Neustadt in Holstein und für die Stadtwerke selbst im Rahmen der Wärmewende?
Dr. Mark Jahn
00:10:59
Also Friedrich, wenn ich da einmal zurückgehe, das Projekt selbst ist in 2012, 2013 gestartet. Wir mit der Wärmeversorgung sind dann einen Tick später dazu gekommen. Das heißt, im Grunde muss ich den Menschen danken, die bereits vor Jahren die Zeichen der Zeit erkannt haben. Während andere noch planen, haben wir einen ersten großen Schritt in Richtung Wärmewende gemacht. Allerdings ist sicherlich klar, dass es der erste Schritt ist. Vor uns liegen auf Basis der kommunalen Wärmeplanung noch sechs weitere Gebiete und die Transformation unserer zwei Bestandsnetze.
Friedrich Stratmann
00:11:34
Ja, es wird auf jeden Fall nicht langweilig mit der Wärmewende. Und wenn man ein Projekt dieser Größenordnung begleitet, sammelt man viele Erfahrungen. Du hast schon einige davon geteilt. Stell dir vor, du würdest noch einmal am Startpunkt stehen. Was würdest du heute anders machen?
Dr. Mark Jahn
00:11:54
Wenn ich heute zurückblicke, würde ich sagen, einige Dinge hätten wir sicherlich anders planen können. Die örtlichen Gegebenheiten sind nicht einfach. Wir mussten agile immer neue Lösungen finden. Die Gebäude und die Technik haben uns an manchen Stellen vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Zum Beispiel sollte die Wärmepumpe ursprünglich in die historischen Speicher. Und auch vieles andere musste umgeplant werden. Wir hatten eine Power-to-Heat-Anlage geplant, zum Beispiel. Das machen wir vielleicht später. Insgesamt bin ich aber zufrieden damit, wie wir das Projekt gemeistert haben. Großer Dank an die Kolleginnen und Kollegen aus der Technik. Kritisch sehe ich die Höhe der Investitionskosten. Klar, wir wollten Neuland betreten und Pionierarbeit leisten, Vorbild sein für nachhaltiges Handeln. Ich sehe aber das Spannungsverhältnis zu einem sozialverträglichen Wärmepreis. Gott sei Dank können wir jetzt sehen, dass auch andere Transformationsprojekte zu ähnlichen oder sogar noch höheren Wärmepreisen führen. Da entspanne ich mich wieder etwas.
Friedrich Stratmann
00:12:50
Und umgekehrt, wenn wir auf das schauen, was, funktioniert hat, was vielleicht auch Vorbildcharakter hat. Welche Prozesse oder Vorgehensweisen haben sich bewährt, sodass du sagst, das sollten andere Stadtwerke unbedingt übernehmen?
Dr. Mark Jahn
00:13:09
Für uns war ein klarer Vorteil, dass wir als Eigenbetrieb der Stadt arbeiten. Das bedeutet kurze Dienstwege und schnelle Abstimmungsprozesse. Das hat vieles erleichtert. Außerdem haben wir das Wärmenetz mit eigenen Monteuren aufgebaut, was das Handling deutlich einfacher gemacht hat. Solche internen Strukturen und kurze Entscheidungswege sind definitiv ein Erfolgsfaktor. Wir haben zudem einiges funktional ausgeschrieben. Das hat sicherlich die Identifikation der beteiligten Firmen mit dem Projekt erhöht, aber auch die Kosten getrieben. Hier ist Fingerspitzengefühl für das richtige Ausschreibungsverfahren nötig. Letztlich betont unsere technische Leiterin immer wieder die Flexibilität, die bei der Realisierung nötig war. Immer wieder umdenken und umplanen. Infolge der Energiekrise durch den Ukraine-Krieg musste zum Beispiel das Konzept komplett umgeplant werden und es mussten Alternativen zur Spitzenlastabdeckung durch den Entfall der fossilen Brennstoffe gefunden werden. Lars Arne hat im letzten Podcast noch von einem BHKW und Biomethan berichtet. Das gibt es jetzt nicht mehr. Als Alternative wird die nicht vermeidbare Abwärme vom MHKW mit ins Wärmenetz eingespeist. Zudem wurden Vorbereitungen getroffen, um, ich hatte es schon gesagt, die Power-to-Heat-Anlage noch zu realisieren.
Friedrich Stratmann
00:14:24
Ja, das Stichwort Agilität, Flexibilität ist jetzt schon ein paar Mal gefallen. Ich glaube, das ist auch etwas, was man lernt in so einem Innovationsprojekt, das nicht immer nach Plan läuft, flexibel zu bleiben, agil zu sein. Und ich kann mir vorstellen, dass das ja auch sich in der Organisation verankert und neue Haltungen, neue Prozesse, neues Denken für die Zukunft auch mit sich bringt und viele Vorteile neben dem Kostenaspekt natürlich auch immer abzuwägen ist. Wenn du nun auf andere Versorger schaust, die vielleicht ähnliche Projekte planen, wo sollten sie besonders genau hinschauen, bevor sie loslegen?
Dr. Mark Jahn
00:14:59
Ja, ich hatte ja schon gesagt, ganz wichtig ist die Standortbestimmung und die Planung der Ausbauflächen. Außerdem sollte man sich Gedanken über das Wärmenetz machen. Zum Beispiel eine gute Mischung aus großen Objekten und Gewerbe. Wer das frühzeitig und sorgfältig planen, kann später viel Zeit, Aufwand und Ärger sparen. Bei einem Quartiersprojekt wie diesem, also in historischer Bausubstanz auf einem ehemaligen Hafengelände, lohnt es sich wirklich, hier gründlich vorzugehen. Wichtig ist meiner Meinung nach auch, noch dichter an den Investoren zu sein. Stichwort Stakeholder-Management aus dem ersten Podcast. Es ist entscheidend, dass Ankerkunden mit bereits unterzeichneten Wärmelieferverträgen eingebunden werden. Außerdem müssen die Genehmigungsanträge frühzeitig gestellt und genehmigt sein, damit klare Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Friedrich Stratmann
00:15:48
Wenn wir nach vorne blicken, nach der Erstversorgung ist das Projekt ja nicht beendet. Wie geht es bei euch weiter? Welche Ausbaupläne habt ihr mittel- und langfristig?
Dr. Mark Jahn
00:15:59
Ja, wir machen natürlich nahtlos weiter. Die Gebäude an der Hafenwestseite entstehen in den nächsten zwei bis drei Jahren. Es kommen auch noch weitere neue dazu. Für die sogenannte Hafenspitze liegt bereits ein Bauantrag vor. Das ist nochmal ein wirklich spannender Gebäudekomplex. So können wir das Netz dann Stück für Stück erweitern und noch mehr Menschen mit nachhaltiger Wärme versorgen. Das Wärmenetz selbst wächst zudem nach Norden in Richtung der großen Marina. Dort entsteht ein weiteres Quartier, das wir gerne anschließen möchten. Es ist ein langfristiger Prozess, aber wir gehen ihn Schritt für Schritt un jedes weitere Gebäude, das wir anschließen, ist ein sichtbarer Fortschritt in Richtung Wärmewende.
Friedrich Stratmann
00:16:42
Ja, wenn du das Gesamtbild nochmal betrachtest, siehst du die Meerwasser-Wärmepumpe ja als ein Leuchtturmprojekt für Neustadt oder als Blaupause für andere Küstenorte?
Dr. Mark Jahn
00:16:55
Beides trifft ein Stück weit zu. Für Neustadt in Holstein ist es auf jeden Fall ein Leuchtturmprojekt. Etwas, das hier vor Ort die Energiewende sichtbar macht. Gleichzeitig bekommen wir viele Anfragen von anderen Städten und Gemeinden an der Küste und auch anderen Gewässern, die neugierig sind, wie wir das so umgesetzt haben. Wir sagen dann schon ehrlich, dass die Meerwasserentnahme nicht trivial ist. Der Wartungsaufwand wird größer sein als bei anderen Wärmeerzeugungsanlagen. Wichtig ist meiner Meinung nach auch, die Meerwasserwärmepumpe ist immer nur so ein Puzzleteil der Energie- oder der Wärmewende. Sie zeigt, was möglich ist, aber es braucht viele verschiedene Bausteine, um die Gesamtstrategie erfolgreich umzusetzen. Ich denke, es ist einfach ein wichtiges Signal. Es gibt Alternativen. Aber dass man sich auch nicht versteifen muss auf nur diese eine Alternative, sondern du hast vorhin auch von dem Technologiemix gesprochen im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung. Es ist ein Mix und so wird das Puzzle letztendlich komplett.
Friedrich Stratmann
00:18:00
Ihr habt Nachhaltigkeit als zentralen Wert klar in eurer Unternehmensstrategie auch verankert. Welche Rolle spielt das Projekt in diesem größeren Rahmen?
Dr. Mark Jahn
00:18:11
Bereits durch meine Vorgängerin wurde Nachhaltigkeit zum Markenkern. Ich führe das fort. Mit Projekten wie der Meerwasser-Wärmepumpe zeigen wir unseren Kunden, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine Floskel ist, sondern dass wir gezielt die Wärmewende vorantreiben und klare Zeichen setzen. Wir wollen regenerative Energie nutzen und unsere Stadt auf einen zukunftsfähigen Kurs halten. Die Meerwasser-Wärme-Probe ist also nicht nur ein großartiges technisches Projekt, sondern auch ein echtes Statement für die Verantwortung, die wir als Unternehmen ausfüllen wollen.
Friedrich Stratmann
00:18:41
Was mich zum Schluss noch interessieren würde, jetzt noch an dich persönlich gerichtet. Du hast von diesem Projekt berichtet, jetzt in den letzten Minuten, das sich über eine unheimlich lange Zeit zieht, das sehr viele Nerven auch kostet, auch Anlass zum Feiern natürlich gegeben hat und uns hoffentlich in Zukunft auch weitergibt. Was motiviert dich denn persönlich, so ein Vorhaben trotz aller Hürden voranzutreiben?
Dr. Mark Jahn
00:19:08
Mich ganz persönlich motiviert es, so etwas mit den Menschen zusammen zu realisieren. Es haben sich so viele Menschen für dieses Projekt engagiert. Dieses Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein, finde ich wirklich inspirierend. Wir sehen auch, dass jetzt ganz unterschiedliche Menschen den Weg in unser Unternehmen finden, weil sie den Sinn hinter so einem Projekt sehen und auf Wiederholung hoffen. Besonders ist auch, wenn man die Chance hat, etwas wirklich Neues zu schaffen, etwas, das einen Unterschied macht. Es ist ein technisches Pionierprojekt, bei dem nicht alles schon vorgefertigt oder standardisiert ist. Und genau das macht für die beteiligten Mitarbeitenden und Firmen das Projekt so spannend.
Friedrich Stratmann
00:19:46
Wenn du abschließend deine drei wichtigsten Learnings aus dem Projekt für andere Entscheiderinnen und Entscheider in der Branche zusammenfassen müsstest, welche wären das?
Dr. Mark Jahn
00:19:59
Das ist nicht einfach. Aber ich würde sagen, die drei Punkte sind sicherlich wichtig. Die Planungen und Ausschreibungen sind komplexer, als man denkt. Hier lohnt es sich, gründlich vorzugehen und auf flexible, erfahrene Partner zu setzen, die den Weg gemeinsam mit einem gehen. Das ist uns Gott sei Dank gelungen. Die Standortwahl ist entscheidend. Aus Abwicklungs- und Kostensicht ist es sinnvoller, Energiezentrale und Entnahmestationen zusammenzulegen, statt sie getrennt zu betreiben. Man sollte sich genau überlegen, wo die Anlagen stehen sollen und welche Rahmenbedingungen vor Ort herrschen. Dazu gehört auch die Wahl der Netztemperatur. Je geringer diese ist, desto wirtschaftlicher kann die Anlage betrieben werden. Das legt letztlich den Grundstein für den späteren Erfolg, da sonst mehr Kosten entstehen können. Und letztlich, die Genehmigungsprozesse können sehr herausfordernd sein. Man sollte frühzeitig einplanen, dass diese Prozesse Zeit und Geduld erfordern, und ausreichend Zeit für die Abstimmungen einplanen. Ja, ich denke, wenn man diese drei Punkte beherzigt und das, was Lars Arne im letzten Podcast gesagt hat, ist man gut vorbereitet, um ein innovatives Projekt wie die Meerwasserwärmepumpe erfolgreich umzusetzen.
Friedrich Stratmann
00:21:11
Ja, das war doch ein wunderbares Schlusswort, Mark. Vielen Dank für den offenen Einblick in eure Pionierarbeit und in das, was ihr für die Wärmewende vor Ort, in Neustadt in Holstein bewegt. Danke für das inspirierende Gespräch.
Dr. Mark Jahn
00:21:25
Ja, Friedrich, vielen Dank auch von meiner Seite. Vielleicht noch ein Hinweis, unter www.mehrwärme.de bieten wir noch mehr Informationen an. Und gern stehen wir natürlich auch weiterhin allen, die es interessiert, für Nachfragen zur Verfügung.
Friedrich Stratmann
00:21:38
Und für alle, die zuhören, schön, dass ihr wieder dabei wart. Schreibt uns gerne in die Kommentare bei Spotify, was eure Aha-Momente oder wertvollsten Learnings aus dieser Folge waren. Und wenn ihr die erste Folge zur Meerwasser-Wärmepumpe verpasst habt, dann lege ich euch die Folge 34 nochmal wärmstens ans Herz. Das war's für heute bei Energiedosis. Bis zum nächsten Mal und bleibt energiegeladen.