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Bernd Geisen

Der Birnbaum in Ribbeck im Havelland OMG 08

Der Birnbaum aus Fontanes Gedicht und seine Geschichte

18.04.2026 9 min

Zusammenfassung & Show Notes

Theodor Fontanes Gedicht machte Ribbeck im Havelland weltberühmt. Doch bis heute bleibt eine spannende Frage offen: Gab es den legendären Birnbaum tatsächlich? Diese Folge geht der literarischen und regionalen Geschichte nach und fragt, was Mythos und was historische Realität ist.

Der Birnbaum in Ribbeck
 
Anmoderation
Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen, weil es sie gibt. Darüber hinaus gibt es diejenigen Sehenswürdigkeiten, die es eigentlich nicht oder nicht mehr gibt, die aber geschaffen werden, weil Besucher sie unbedingt sehen wollen. Wie beispielsweise den Birnbaum des Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Beitrag
Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.

O-Ton: Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“

Gleich vorweg: In Ribbeck ist schon einiges zu sehen. Beispielsweise das sanierte Schloss derer zu Ribbeck, in dem es mittlerweile auch ein Fontanemuseum gibt. Oder die Veranstaltungen in der ehemaligen Scheune, die der Kulturverein organisiert. Das ist aber eigentlich alles nur Beiwerk zum alten Ribbecker Birnbaum. Noch bis vor zwei Jahren stand am Dorfeingang ein unübersehbares Schild „Zum Birnbaum“,. Wo das nach dem Neubau der Ortseinfahrt abgeblieben ist, weiß keine so genau. Das Schild ist weg. Und der Birnbaum auch, den ein Gedicht von Theodor Fontane unsterblich gemacht hat.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

Der Sterbende hat sich dann seinerzeit – so das Fontane-Gedicht – eine Birne mit ins Grab legen lassen. Seine Gruft lag zwar unter dem Ribbecker Kirchlein. Aber sie ragte über deren Seitenrand hinaus in den Pfarrgarten hinein. Daher soll dann dort einige Jahre später der berühmte Birnbaum gewachsen sein, aus dem der „alte Ribbeck“ immer noch den Jungen und Mädels zugeflüstert und seine Birnen angepriesen hat

Einen Hans-Georg von Ribbeck, der für seine Freundlichkeit und Kinderliebe bekannt war, hat es tatsächlich gegeben. Das ist in einem Büchlein der Ribbecks zum Fontanegedicht zu lesen. Begraben wurde der 1759 in besagter Gruft. Im Jahr 1911 soll dann der Original-Birnbaum einem Sturm zum Opfer gefallen. Er hat im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Nachfolgern gehabt. Ganz zu Beginn einen Hutzelbirnbaum, wie ihn ein ehemaliger Pfarrer mal genannt hat, der schon in den 1920er Jahren zersägt und scheibenweise verkauft wurde. Der Erlös war für die Sanierung der Dorfkirche gedacht. Der aktuelle Birnbaum wurde im Jahr 2000 gepflanzt und ist die Spende einer Baumschule aus Potsdam.

Also: Der Birnbaum ist nur ein Doppelgänger. Dennoch sind er und überhaupt Birnen die Knüller in Ribbeck, bestätigt Sonja Herrmann vom Kulturverein Ribbeck:

O-Ton Sonja Herrmann 1
Natürlich ist unser größter Marketingchef nach wie vor Fontane. Die meisten, vor allem die Bildungsbürger, kommen (...) auf den Spuren der Birnen und auf den Spuren des Gedichtes. Wir haben ja auch wieder einen Birnbaum vorm Schloss, und natürlich ist auch die ganze kleinteilige touristische Infrastruktur hier im Ort ausgerichtet auf die Birne und auf die Geschichte.

So kann man beispielsweise in der alten Schule, die heute Schulmuseum und Café in einem ist, alles Mögliche unter der Rubrik „Aus der Birne“ kaufen: Likör, Marmelade, Senf, Essig, Heißer Birnenwein, genannt Glühbirne, und nicht zuletzt Birnenbrand. Der kommt allerdings nicht aus Ribbeck, sondern aus dem Elsass. Unter der Rubrik „Für die Birne“ sind Bücher im Angebot: über Birnen, über Ribbeck und natürlich über Theodor Fontane mit seinem Ribbeck-Gedicht.

Birnbaum und Birnen sorgen für reichlich Besucher im Ort. Sonja Hermann erzählt,..

O-Ton Sonja Herrmann 2
...dass diese Birnen-Tourismus oder Gedichts-Tourismus, je nachdem, wie man ihn nennen möchte, tatsächlich schon in den Achtzigerjahren hier angefangen hat. Und der Nukleus ist eigentlich so eine kleine Bude neben der Kirche, die damals der alte Pastor hier aus dem Ort, der seit den Siebzigerjahren hier Pastor war, aufgestellt hat und von dort eben Leute, die sich – (...) es lag an der Transitstrecke – interessiert haben für den Birnbaum und das Gedicht, die sich da Informationen holen konnten. Das heißt, schon in den Achtzigerjahren, also vor der Wende, gab es hier zarte Pflänzchen des Tourismus. Und dann natürlich mit Fall der Mauer und Öffnung der Grenzen sind immer mehr Leute hierhergekommen.

Heute sind es vor allem Besucher aus Westdeutschland, aus dem Ostteil der Republik immer weniger. Das liegt nicht daran, ist in einer Rede des ehemaligen brandenburgischen Innenministers Schönbohm nachzulesen, dass man Fontane in der DDR nicht gekannt und geschätzt hätte. Das schon. Nicht aber das Bild des herzensguten alten Gutsherrn von Ribbeck. Der Klassenfeind konnte und durfte kein netter älterer Herr mit sympathischem Dialekt und einem großen Herz für Kinder sein. Also kam er in der Schule nicht vor. Im sanierten Schloss übrigens, das bis in die Neunzigerjahre als Altenheim genutzt wurde, ist ein Wandrelief aus DDR-Zeiten erhalten, in Erinnerung an Fontane und den „alten Ribbeck“. Anstelle des üblichen liebenswürdigen weißhaarigen Großvatertyps ist hier auf der linken Seite ein feister Gutsherr zu sehen, der sich selbst eine Birne zu Gemüte führt, während dünne Kinder vor ihm knieen und die Hände aufhalten. Was sie erhalten haben, geben sie auf der rechten Seite selbstlos an Bedürftige weiter.

Warum machen sich nun gerade die vielen westdeutschen Besucher auf den weiten Weg nach Ribbeck, obwohl der Birnbaum fast neu ist und der Birnenschnaps aus dem Elsass stammt? Darauf hat sich Sonja Herrmann ihren eigenen Reim gemacht.

O-Ton Sonja Herrmann 3
Ich hatte mal ein denkwürdiges Erlebnis hier. Und zwar war ich auch im Schloss aktiv. Ich habe da mitgeholfen, das als touristisches Zentrum zu eröffnen. Da kam eine Delegation aus Amerika. (...) Und ich habe ihnen dann auf Englisch – das Gedicht ist vertont in verschiedenen Sprachen, unter anderem natürlich auch in Englisch – ... und ich habe ihnen das vorgelesen und versucht zu erklären, wo das herkommt. Es war ganz klar ablesebar, das verstehen sie nicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie eben dieses Gedicht so viel Wirkung hat für den Ort und so viel Bedeutung. Und dann ist mir klargeworden, das hat ganz viel damit zu tun, dass viele Menschen das einfach als Kind lernen, dieses Gedicht, oder hören. Und Leute, die das als Erwachsene Hören, die legen das auch wieder beiseite. Die können vielleicht kurz drüber nachdenken, wie das ist mit dem Alten und dem Jungen und der Großzügigkeit und dem Geiz (...) Aber es bleibt auf einer abstrakten Ebene. Und wer das als Kind hört, der hat diese Bilder im Kopf. Und das sind diese Sehnsuchtsbilder, die den Menschen, wenn sie älter werden und reisen, ... diese Bilder der Welt, die noch in Ordnung ist, ... das haben die im Kopf, und das suchen die. Und deswegen kommen die. 

Und zwar in normalen Jahren etwa 50.000 Besucher. Sehr zur Freude der Ribbecker, und ganz im Sinne des letzten Verses aus dem Fontane Gedicht:

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.