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Bernd Geisen

Durch Bach heute endlich weltweit zu hören: Oboenkonzert von Marcello OMG 02

Aber erst nach langer Reise

19.03.2026 15 min

Zusammenfassung & Show Notes

Alessandro Marcello komponierte um 1700 ein Oboenkonzert, das zunächst kaum Beachtung fand. Erst Jahrhunderte später wurde es durch Bearbeitungen Johann Sebastian Bachs und spätere Wiederentdeckungen international bekannt. Diese Folge verfolgt die Reise des Konzerts von Italien nach England und Deutschland.

Wie ein Musikstück in Venedig komponiert, auf Reisen geschickt und weltberühmt wurde: das Oboenkonzert von Allessandro Marcello
 
Anmoderation
Es geht um lange und weite Reise: Reisebeginn ist ungefähr das Jahr 1700. Das Ende fast dreihundert Jahre später, wahrscheinlich in den 1980er Jahren. Unterwegs war nicht etwa eine Person, sondern ein Musikstück, ein Oboenkonzert, das ein gewisser Allessandro Marcello in Venedig komponiert hatte. Von da auch gelangte es über Amsterdam, Weimar, Schwerin und London bis nach Berlin. Dort ist Albrecht Mayer Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Er hat mir dabei geholfen, den
abenteuerlichen Weg des Konzertes zu finden. Und zu verstehen, warum dessen zweiter Satz, das Adagio, für alle Zeiten ein Hit sein wird.
 
Beitrag

Atmo Möwen

Unsere Geschichte beginnt in Venedig, im Stadtteil Santa Croce. Dort steht das Haus der Familie Marcello, der Palazzo Marcello. Wo genau der steht? Ganz einfach: Sie fahren über den Canal Grande von San Marco Richtung Rialtobrücke. Hinter der Brücke dann links rein in den Kanal Rio de la Cazziola  Auf deutsch: „Kanal des kleinen Penis“. Dann die nächste wieder links abbiegen und dann auf die linke Uferseite schauen: Dort steht der Palazzo, mit seiner großartigen gotischen Fassade, genau gegenüber der Brücke del Malcanton, übersetzt etwa „Brücke des schlechten Ecks“. Woher dieser Name kommt, ist nicht herauszufinden. Vielleicht hat es etwas mit dem kleinen Penis zu tun.

Der Palazzo Marcello war jedenfalls das Haus der wohlhabenden venezianischen Adelsfamilie Marcello, und das schon seit dem 15. Jahrhundert. Heute ist er ein Hotel. Hier wohnte von 1673 an sein Leben lang ein gewisser Allessandro Marcello. Der war damals eher unbekannt. Er wurde erst Anfang des 20.Jahrhunderts weltberühmt, als Komponist des ersten Oboenkonzerts in der Musikgeschichte. Eines der schönsten Musikstücke aller Zeiten ist dessen zweiter Satz, das Adagio.

Musik Intro Streicher

So fängt es an, dieses Adagio, wie mit einem Herzschlag. Den muss sich Marcello in Venedig erlauscht haben, sagt Albrecht Mayer. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Die Vorlage dafür habe das Wasser der Lagune geliefert, das an die Häusermauern an den Kanälen schwappt. Erzählt er im Garten eines Cafés am Rande von Berlin.

O-Ton Albrecht Mayer
Wir haben den Herzschlag, die ersten drei Takte, (…)  genau wie eine Welle, eine Welle vom Canal Grande, (…) langsam repetitiv immer wieder (…) an die Stufen, wo die Gondeln liegen, beim Markusplatz, Piazza San Marco. [singt] So kommen die Wellen.
 
Musik Intro Streicher
 
O-Ton Albrecht Mayer
(…) Man denkt, ach, kommt da jetzt was? Wann kommt denn was? Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe.
 
Musik Oboe
 
Diese Melodie der Oboe sei geradezu überirdisch schön, sagt Albrecht Mayer. So dass er sich als Musiker immer wieder frage: Wer kommt auf eine solche Melodie? Und wie?

O-Ton Albrecht Mayer
Eine überirdisch schöne Melodie ist etwas, was man sich eigentlich kaum ausdenken kann,
(…)  sondern (…) fließt dann vielleicht aus der Feder.
 
Und zwar eher dann, wenn man sich in einer äußerst entspannten finanziellen Lage befinde. Wie Allessandro Marcello. Als typischer Vertreter des Adels hatte er Geld genug und außerdem Philosophie, Mathematik, Kunst und Literatur studiert. Und auch mit dem Komponieren kannte er sich bestens aus.

O-Ton Albrecht Mayer
Ein Universalgenie, [er] hat sich (…)  mit vielen Dingen beschäftigt, musste also nicht unbedingt damit Geld verdienen. Damit fängt es erstmal an.
 
Musik Oboe
 
Komponisten, die mit Ihrer Musik ihr Geld verdienen mussten, gab es damals in Venedig jede Menge. Beispielsweise Antonio Vivaldi. Der war als Geigenlehrer am Waisenhaus in Venedig angestellt, am Ospedale della Pietà, wo er auch ein Mädchenorchester leitete. Außerdem bekam er Geld für das Komponieren und Aufführen von Tanzmusik. Und komponieren musste er oft unter Zeitdruck.

Ganz anders Alessandro Marcello. Geld war da, und er nutzte seine finanzielle Unabhängigkeit für ein Experiment: Die Oboe war nämlich zu der Zeit eher ein Orchesterinstrument und kam in Venedig langsam in Mode. Und da komponierte Marcello gegen die damaligen Hörgewohnheiten das erste Konzert für Oboe als Soloinstrument. Und dann auch noch ein besonders schönes. Eigentlich in Venedig kein Wunder, sagt Albrecht Mayer.

O-Ton Albrecht Mayer
Wenn man sein Leben lang da zubringen darf, wenn man dieses Glück hat, so wie er, als (…) reicher Geschäftsmann, (…) wenn man es nicht nötig hat, einfache Arbeiten zu erledigen, dann ist man wahrscheinlich ein bisschen infiziert von der Schönheit und der Einfachheit. Und nichts lenkt einen ab. Wenn er also in Dresden gewesen wäre oder wenn er in Paris gewesen wäre, in Versailles gewesen wäre, wäre er vom ständigen Geklapper der Hufe der Pferdekutschen direkt verrückt geworden. Aber das gab es da natürlich nicht. (…) 
 
Man sitzt also auf dem Balkon, guckt auf den Canal Grande und hört dann vielleicht ein bisschen Rufen, vielleicht die eine oder andere Melodie von einem Gondoliere, der singt … [singt]. Der singt irgendwas vor sich hin, und dann wird es dunkel, (…) … Über (? 8:44 Ort) geht die Sonne langsam unter und dann hören Sie nur noch dieses … [Lautmalerei] … dieses leise Wellengeräusch. Und das inspiriert dann vielleicht (…) sozusagen, diese Melodie zu schreiben.
 
Atmo Möwen

Marcellos Melodie ging dann erst einmal auf Reisen, und zwar von Venedig und seiner Lagune an die Nordseeküste, nach Amsterdam in den Niederlanden. Genauer gesagt an den Singel, die älteste Gracht in Amsterdam, und da in ein Haus in der Nähe der Driekoningenstraat. Dort residierte nämlich der renommierte Musikverlag Jeanne Roger, in einem der historischen Grachtenhäuser im Amsterdamer Stadtzentrum, einen Katzensprung entfernt vom königlichen Palais. „Dreiköniginnenstraße“: Das klingt doch schon ganz anders als „Schlechtes Eck“.

Der genannte Verlag hatte damals überall in Europa seine Agenten, die nach gut verkäuflichen Musikstücken Ausschau hielten. Auch in Venedig. Und da suchten diese Agenten vor allem Musik im Stil von Vivaldi. Die fanden sie da auch, außerdem aber auch das Oboenkonzert von Alessandro Marcello. Das landete danach 1729 in Amsterdam zunächst zwischen zwei holländischen Buchdeckeln. Und Allessandro Marcello wurde ausdrücklich als Komponist genannt. Obwohl er, wie viele Künstler aus dem Adel, die meisten seiner Werke unter einem Pseudonym geschrieben hat: als Eterio Stinfalico. Was so viel bedeutet wie „Der Geist, der aus dem Dunklen spricht“. Mit dem Dunklen war dabei nicht das „Schlechte Eck“ vor der Haustür seines Palazzo gemeint, vielmehr das alltägliche Leben im Schatten der Kunst. Im alltäglichen Leben war Marcello übrigens zeitweilig Richter edig oder auch als Diplomat im Dienste der Republik Venedig. Gefragt worden ist er nicht, ob man die Noten seines Konzerts drucken dürfe. Es war allerdings damals üblich, dass Verlage Werke ohne Genehmigung der Komponisten veröffentlichten, wenn sie sich gut verkaufen ließen.

Atmo Hufgetrappel

Gut zu verkaufen waren die Noten aus Amsterdam beispielsweise am Hof des Fürsten von Sachsen-Weimar in Weimar. Der Fürst liebte ein lebendiges kulturelles Leben und hatte Kontakte zu vielen anderen musikalischen Zentren Europas, auch in Italien und in den Niederlanden. Außerdem war seit 1708 Johann Sebastian Bach als Konzertmeister und Organist am Fürstenhof angestellt.

Über seinen kultursinnigen Dienstherrn bekam Bach Zugang zu den Veröffentlichungen des Amsterdamer Verlages Roger. Den brauchte er auch: Denn als Konzertmeister und Organist war er dafür zuständig, immer wieder neue Werke für den Hof vorzubereiten und aufzuführen. Deshalb sammelte er Noten, auch aus Italien, um sich inspirieren zu lassen, erzählt Albrecht Mayer.

O-Ton Albrecht Mayer
Johann Sebastian Bach (…) war alles, aber kein Reisender. Er war die meiste Zeit bei seiner Familie (…) zu Hause und hat sich Partituren schicken lassen. Unter anderem aus Venedig, ein berühmtes Konvolut, das gibt es jetzt noch. Ein Konvolut von Stücken (…) von Vivaldi, von Marcello und so weiter. (…) Bach hat erstmal sich so fasziniert gezeigt von den Stücken (…) auch von Marcello, der vollkommen unbekannt war zu diesem Zeitpunkt, und hat gesagt: Mensch, das gefällt mir so gut, das bearbeite ich für Cembalo, sein Lieblingsinstrument. Und dann hat er ganz frech einfach seinen Namen (…)  Johann Sebastian Bach darüber gesetzt.
 
Musik Marcello Cembalo
 
Irgendwann spielte das keine Rolle mehr. Denn nach seinem Tod 1750 geriet Johann Sebastian Bach allmählich in Vergessenheit, seine Kompositionen auch. Das änderte sich erst wieder, als 150 Jahre später seine Matthäuspassion wiederaufgeführt worden war, in Berlin unter Felix Mendelssohn Bartholdy. Danach kam der alte Bach wieder in Mode. Scharen von Bewunderern strömten in die Archive, in die Privatsammlungen und in die Antiquariate und suchten nach allem, was über und von Bach zu finden war.

Atmo Möwen

Einige kamen auch nach Schwerin. Die Stadt war seit dem 18. Jahrhundert Residenz der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin, mit einer berühmten Bibliothek, in der auch Noten und Libretti verwahrt wurden. Die Bibliothek ist heute Teil der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern. Gelegen am riesigen Schweriner Innensee, nicht weit vom Schloss Schwerin auf der Schlossinsel.

Hier entdeckte um das Jahr 1900 herum ein Gelehrter namens Arnold Schering die Orchesterstimmen des Oboenkonzerts aus Venedig. Als Urheber stand da nicht Antonio Vivaldi, wie man zu der Zeit noch dachte, sondern Marcello. Einfach nur Marcello. Experten feierten die Entdeckung - und den vermeintlichen endlich entdeckten Urheber: und zwar Benedetto Marcello. Das war der Bruder von Alessandro, der als Komponist der bekanntere der beiden war. Erst noch einmal 75 Jahre später präsentierte die British Library in London eine Version des Oboenkonzerts aus dem Amsterdamer Verlag Roger. Und da stand der wahre Urheber: Alessandro Marcello.

Atmo Orchester stimmt Instrumente
 
Schon lange vorher gehörte das Oboenkonzert von Alessandro Marcello zum Standartrepertoire vieler Konzerthäuser. Auch Albrecht Mayer hat es oft genug gespielt: als Oboe-Solist der Berliner Philharmoniker, weit weg vom schlechten Eck in Venedig in der berühmte Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße 1.

O-Ton Albrecht Mayer
Ich würde sagen, das ist ein One Hit Wonder. Das ist tatsächlich das einzig wirklich berühmte Stück, was Alessandro Marcello herausgebracht hat. Und dadurch, dass es geadelt wurde, das sagt man so auf Neudeutsch, von Johann Sebastian Bach, dem Größten der Großen, weil er es für sich adaptiert hat. Und witzigerweise: Er hat ja gar nichts verändert, wenn Sie so wollen. Er hat es einfach übertragen auf sein Instrument, seinen sogenannten Kielflügel, also das Cembalo.
 
Wobei der eigentlich Hit das Adagio ist.

O-Ton Albrecht Mayer
(…) Am Anfang
(…) in diesem Adagio (…)
kommen erstmal diese berühmten drei Takte Puls. (…) Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. (…)  eigentlich sehr, sehr einfach.
(…) Alles, was überirdisch schön ist, ist ja meist sehr, sehr einfach
 
Einfach heißt hier: Ohne die sonst üblichen barocken Schnörkel und Triller. In dieser einfachen Melodie, in der eine schlichte und ernste Melancholie mitschwingt, liege der Zauber des Adagios. In seiner Cembalobearbeitung hat sich Bach weitgehend an diese einfache Melodie gehalten.
 
O-Ton Albrecht Mayer
Und das bringt mich dazu … Je einfacher, desto mehr bewegt es die Menschen. Je komplizierter, desto schwieriger

Und Albrecht Mayer wagt zum Schluss eine weitreichende Prognose:
 
O-Ton Albrecht Mayer
Das sind die, in England würde man sagen, External Melodies. Die bleiben immer. Und (…) wenn wir Richard Strauss, Richard Wagner und Stockhausen und Boulez schon längst vergessen haben. Diese Melodie wird auch im Jahr 5000 immer noch gespielt werden.
 
Musik, klingt aus