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Bernd Geisen

Einfach an die Wand geschrieben: Goethes berühmtestes Gedicht OMG 15

Wanderers Nachtlied

05.09.2026 10 min

Zusammenfassung & Show Notes

In einer Wanderherberge im Thüringer Wald hat  Wolfgang von Goethe einst sein "Wanderers Nachtlied" an die Wand geschrieben. Die Folge erzählt, wie es dazu kam und wie das Gedicht irrtümlich unter diesem Titel weltberühmt wurde.

Goethes „Wanderers Nachtlied“ auf dem Kickelhahn

Atmo Vogelgezwitscher

Der Thüringer Wald ist ein beliebtes Wandergebiet. Der Kickelhahn auch: ein Berg, 861 Meter hoch, der seinen Namen wahrscheinlich vom Auerhahn, dem Gickelhahn, geerbt hat, der früher in dieser Gegend oft vorkam. Im Thüringer Wald gibt es einen Goethe-Wanderweg, der zu einer ehemaligen Wanderherberge führt, die heute Goethehäuschen heißt und ein Museum ist. Johann Wolfgang von Goethe ist hier nämlich ebenfalls gewandert und hat in dieser Herberge mehrmals übernachtet. Auch am 6. September 1780. Das weiß Nico Debertshäuser ganz genau. Er ist Leiter des Kulturamtes in Ilmenau und damit sozusagen von Amts wegen auch Goethe-Experte. Ilmenau liegt übrigens – nicht weit weg von Weimar - am nordöstlichen Rand des Thüringer Waldes, am Fuße des Berges Kickelhahn.

O-Ton Debertshäuser 1


Goethe war 1780 das siebente Mal in Ilmenau. Die Gegend war ihm schon sehr vertraut. Er wird am Ende auch seinen letzten Geburtstag hier feiern, was er natürlich zu der damaligen Zeit noch nicht wusste. Aber er genoss einen Abend auf dem Kickelhahn und schrieb am Abend des 6. September an die Bretterwand der Schutzhütte seine Zeilen, die als „Wanderers Nachtlied“ in die Geschichte eingegangen sind.
 
Musik
 
Über allen Gipfeln Ist Ruh,
 In allen Wipfeln spürest du
 Kaum einen Hauch.

Es schweigen die Vöglein im Walde;
 Warte nur, balde
 Ruhest du auch.

 
Dass Goethe dieses Gedicht mit Bleistift tatsächlich an die Bretterwand seiner Schlafstube geschrieben hat, weil kein Papier zur Hand war, hat Johann Daniel Falk, ein Freund, bezeugt. Und dass es hier noch 45 Jahre später an der Wand geschrieben stand, hat der Berginspektor Johann Christian Mahr, der Goethe am Abend vor seinem letzten Geburtstag, am  27. August 1831, hier hin begleitete, mit eigenen Augen gesehen. In seinen Aufzeichnungen heißt es:

Musik

Beim Eintritt in das obere Zimmer sagte er: „Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube mit meinem Bedienten im Sommer acht Tage gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben. Wohl möchte ich diesen Vers nochmals sehen.“  Sogleich führte ich ihn an das südliche Fenster der Stube, an welchem links mit Bleistift geschrieben steht:

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Über allen Gipfeln Ist Ruh, und so weiter. Dieses Gedicht hat sich als „Wanderers Nachtlied“ in unser Kulturgedächtnis eingenistet. Und zwar irrtümlich. Denn in seiner ersten Veröffentlichung durch Goethe, in einer Werkausgabe 35 Jahre später, ist es anders überschrieben. „Ein Gleiches“ steht da nämlich. Damit meinte er wohl: ein Gedicht zum gleichen Thema. Das tatsächliche „Wandrers Nachtlied“, wie es korrekt heißt, steht auf der Buchseite genau darüber.

Musik

Der du von dem Himmel bist,
 Alles Leid und Schmerzen stillest,
 Den, der doppelt elend ist,
 Doppelt mit Erquickung füllest,
 Ach, ich bin des Treibens müde!
 Was soll all der Schmerz und Lust?
 Süßer Friede,
 Komm, ach komm in meine Brust!


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Warum und wie sehr er sich nach diesem süßen Frieden sehnt, hatte Goethe am selben Abend des 6. September 1780 in einem Brief an seine enge Freundin Charlotte von Stein geschrieben. Darin heißt es, dass er sich hier gebettet habe, um dem Wuste des Städtchens und der unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen. Und dass er in einer Gegend sei, so rein und ruhig wie eine große schöne Seele, wenn sie sich am wohlsten befinde.  Das hört man hier in Ilmenau sicher auch heute noch gern.

O-Ton Debertshäuser 2


Es hat dann eine ganze Weile gedauert, bis sich Goethe entschloss, dieses Gedicht auch abdrucken zu lassen.

Und zwar in der erwähnten Werkausgabe der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung.  Bei der Gelegenheit hatte er bestimmt, dass die beiden Gedichte, also das eigentliche „Wandrers Nachtlied“ und „Ein Gleiches“ nur zusammen veröffentlicht werden sollen. Allerdings war das zweite Gedicht schon vorher ohne Goethes Dazutun immer wieder gedruckt worden und wurde auf diese Weise erstens zu dem „Wanderers Nachtlied“, das heute allgemein bekannt ist, und zweitens zum wahrscheinlich berühmtesten Gedicht der deutschen Sprache. Zusätzlich Furore machte dann die eigene Veröffentlichung durch Goethe bei Cotta, 35 Jahre nach der Bleistift-Version vom Kickelhahn.

O-Ton Debertshäuser 3


Die dann aber wiederum ganz neue Fragen aufwarf, nämlich: Welche Variante ist denn die, die er eigentlich niedergeschrieben hat? Denn Wanderer Nachtlied war ja weiterhin im Goethehäuschen, in dem dann so genannten Goethehäuschen, auch 1815  schon sichtbar. Aber bei  Cotta zum Beispiel ersetzte er die Vögel im Gedicht durch Vögelein.

Nun weiß man, dass Goethe selbst an seinen Gedichten immer wieder gefeilt hat. Dazu kommen jetzt Änderungen in nicht autorisierten Nachdichtungen. Zum Beispiel „keinen Laut“ statt „keinen Hauch“. Oder „schlafen“ statt „ruhen“. Heinrich von Kleist hat eine Version veröffentlicht, die so beginnt: „Unter allen Zweigen ist Ruh“. Unklar ist bei ihm, ob es sich um eine bewundernde Nachschrift handelt oder um eine Polemik gegen Goethe. So könne man die Worte „Warte nur, balde schläfest du auch!“ als Todesdrohung gegen Goethe verstehen, heißt es. Goethe hatte nämlich Kleists Uraufführung seines „Zerbrochenen Krugs“ am Weimarer Theater durchfallen lassen. Unklar ist auch, woher Kleist die Goethe-Verse kannte. Möglicherweise aus der von August von Kotzebue herausgegebenen Zeitschrift „Der Freimüthige - Berlinische Zeitschrift für gebildete, unbefangene Leser“. Die giftete, so ist zu lesen, in jedem Heft gegen Goethe.

O-Ton Debertshäuser 4


Es gab viele Spekulationen darüber, wie er es wirklich geschrieben haben soll, und ob er es wirklich am 6. September 1780 an die Wand geschrieben hat oder doch an einem anderen Tag. Man sieht also, die ganze Geschichte um Wanderers Nachtlied war durchaus etwas, was lange und in großen breiten Kreisen auch diskutiert wurde.
 
So entstand eine gewisse Begehrlichkeit nach diesem Gedicht, nicht nur für Nachdichtungen, sondern auch nach dem Original, das sich ja immer noch an der Wand der Herberge auf dem Kickelhahn befand. Das führte dazu, dass das Gedicht sollte entführt werden.

 O-Ton Debertshäuser 5


Es war so begehrt, dass man sogar versuchte, dieses Gedicht aus der Bretterwand herauszusägen.  Das war im Jahr 1869, als der Forstaufseher Kilian Merten einen Gast dabei beobachtete, wie er also zur Säge griff und versuchte, dieses Gedicht aus der Bretterwand zu sägen. Das wiederum hat ihn veranlasst, den Gothaer Fotografen August Linde zu beauftragen, doch eine Fotografie von Wanderers Nachtlied im Goethehäuschen anzufertigen.

Das Foto wurde gemacht. Glücklicherweise. Denn kurz darauf verschwand das Gedicht tatsächlich. Das heutige Goethehäuschen ist nämlich nicht das Original. Das war eines Morgens weg. Abgebrannt.

O-Ton Debertshäuser 6


1870, schon ein Jahr später, brannte dieses Bretterhäuschen nieder. Überliefert ist, dass unachtsame Beerensammler – so erzählt man sich die Geschichte – schuld am Abbrennen dieses Häuschens waren.
1874 dann wurde das Goethe-Häuschen originalgetreu wieder aufgebaut, und auch noch heute erinnern wir natürlich vor Ort an „Wanderers Nachtlied“.
 
Genau an der Stelle, wo es damals an der Wand geschrieben stand, am südlichen Fenster der Stube, hängt heute ein Faksimile des „Wanderers Nachtlied“, und zwar dem Original. Gefertigt nach der damals gemachten Fotografie.
 
O-Ton Debertshäuser 7


So zeigen wir an der damaligen Publikationsstelle eine Abbildung der Fotografie von 1869.  Und das, was man auf besondere Weise auf der Fotografie sieht, nämlich die beiden Schnitte der Säge. In der Rückschau muss es im Grunde genommen ein Segen gewesen sein, dass Kilian Merten entdeckt hatte, dass jemand „Wanderers Nachtlied“ aus der Bretterwand heraussägen wollte.
 
Außerdem sind im neuen Goethehäuschen 15 Übersetzungen von „Wanderers Nachtlied“ zu lesen. Wanderer‘s Evening Song. Autre chant du voyageur la nuit. Canto del viandante notturno. 52 Übersetzungen gibt es mittlerweile insgesamt. Und natürlich auch die deutsche Fassung, sagt Nico Debertshäuser.
 
O-Ton Debertshäuser 8
Mit der deutschen Fassung  ist dabei die gemeint, die Goethe 1815 in seine Werkausgabe aufgenommen hatte: Mit Vögel statt Vöglein. Ein wenig gesetzter halt, bei aller Wehmut.

Ein Museum für ein Gedicht. Wo gibt es das schon? Und Wehmut. Ja. Apropos: Wie schon erwähnt, war der Berginspektor Johann Christian Mahr damals, am Vorabend von Goethes 82. Geburtstag
, auf dessen Wunsch mit ihm auf den Kickelhahn gefahren, weil er sich noch einmal sein Gedicht anschauen wollte. Der Berginspektor hat darüber aufgeschrieben:

Musik

Goethe überlas diese wenigen Verse, und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock , trocknete sich die Tränen und sprach in einem sanften, wehmütigen Tone: Ja, warte nur, balde ruhest du auch. Schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düsteren Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: Nun wollen wir wieder gehen.

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