Orte. Menschen. Geschichten.

Bernd Geisen

Hat Siegfried den Drachen wirklich am Rhein besiegt? OMG 04

Die Nibelungensage zwischen Rhein und Rheinromantik

30.03.2026 15 min

Zusammenfassung & Show Notes

Die Sage vom Drachentöter Siegfried ist eng mit dem Rhein und insbesondere Königswinter verbunden. Diese Folge zeigt, wie sich die Erzählung aus dem Nibelungenlied entwickelte und wie sie im Zuge der Rheinromantik des 19. Jahrhunderts regional verankert wurde.

Königswinter am Rhein
Warum Siegfried den Drachen hier erschlagen hat

Anmoderation
Das malerische Königswinter am Rhein zieht von jeher viele Gäste an. Neben dem Rheinwein und dem Siebengebirge spielt dabei auch die Geschichte von Siegfried und dem Drachen eine wichtige Rolle. Dass die sich tatsächlich hier zugetragen hat, ist allerdings mehr als fragwürdig. Mit dieser Herausforderung lebt man in Königswinter aber ganz gut. Genau genommen seit der Zeit, als das Nibelungenlied ins Hochdeutsche übertragen worden war.

Atmo Pferd
 
Beitrag
Siegfried kennen Sie. Das war der strahlende Held, der seinerzeit die schöne Kriemhild geheiratet hat. Und der auf seinem Weg von seiner Heimatstadt Xanten nach Worms, wo Kriemhild wohnte, einen Drachen besiegt, und zwar mit seinem Schwert Balmung. Damals hatten die Schwerter noch Namen. Er hat dann auch noch in dessen Blut gebadet, was ihn unverletzlich gemacht hätte. Wenn ihm dabei nicht das verdammte Lindenblatt zwischen die Schultern geflattert wäre. Und so weiter und so weiter. Dass sich die Geschichte so zugetragen hat, weiß heute fast jeder. Aber nicht wo.

Musik „Es war in Königswinter“

In Königswinter am Rhein weiß man das schon. Nämlich genau hier. Davon geht man in Königswinter jedenfalls felsenfest aus: Hier dreht sich alles um den sagenhaften Drachen. Drachenburg, Drachenloch und vor allem um den Drachenfels, felsenfester geht es nicht.
Die Belege dafür, dass es hier tatsächlich einen Drachen gegeben haben könnte, den Siegfried dann getötet hat, sind dabei in keinster Weise gerichtsfest, um es mal so zu formulieren. Aber interessant sind sie schon. Da sei zunächst der Berg Drachenfels, der Königswinter überragt, sagt Dr. Peter Glasner, Privatdozent für Germanistische Mediävistik an der Bonner Universität.

O-Ton Glasner 1
Historisch gesehen gibt es natürlich einfach die mittelalterliche Burg Drachenfels und die Burggrafen vom Drachenfels, die eben auch seit dem Hochmittelalter schon den Drachen in ihrem Wappenschild führen. Das scheint für mich eine doch verlässliche Spur zu sein. Fadeout

Fragt sich nur, woher die Burggrafen ihren Uraltnamen und ihr Wappen haben. Eine Theorie ist: vom Felsgestein Trachit, das dort abgebaut worden ist, übrigens auch für den Bau des Kölner Doms. Kann nicht stimmen, sagt Peter Glasner.

O-Ton Glasner 2
So funktioniert Namensgebung im Mittelalter nicht. Außerdem ist der älteste Belegt des Wortes Trachit nicht alt genug, um die Existenz eines Drachens da zu rechtfertigen.

Woher kommt der Königswinterer Drache also dann?

O-Ton Glasner 3
Es ist doch eher eine Mythoszuschreibung aus verschiedensten Quellen des 19. Jahrhunderts.

Die wichtigste dieser Quellen ist das Nibelungenlied. Das schildert den Untergang des Burgunderreiches im 5.Jahrhundert  nach Christus. Geschrieben wurde es im 13.Jahrhundert. Verfasser unbekannt. Karl Simrock,  der erste Germanistikprofessor der Bonner Universität, hat es 1827 aus dem Mittelhochdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt. Deshalb ist der Held dieses Epos allgemein bekannt: besagter Siegfried, der den Drachen überwältigt.

Musik Wagner Ring des Nibelungen

Allerdings geht das Nibelungenlied nur in zwei kurzen Strophen auf dieses Thema ein. In Simrocks Übersetzung steht da beispielsweise;

Lautenmusik
 
Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:
Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.

Der Drachenfels wird hier nicht erwähnt, Königswinter schon gar nicht.  Für Karl Simrock lag der Tatort Drachenfels aber nahe. Übrigens auch im Wortsinne: Simrock wohnte sozusagen um die Ecke in Honnef, von Königswinter aus gesehen genau hinter dem Drachenfels.

O-Ton Glasner 4
Karl Simrock, hier aus unserer Gegend, hat sich einmal so geäußert: Der Stoff von Sagen und Legenden – ich zitiere den mal wörtlich – konnte geografisch versetzt werden, aber nicht beliebig. Die Wahl der Örtlichkeit musste dem Stoff gemäß sein.

So könne man, sagt Peter Glasner, wie Simrock auch durchaus auf Königswinter kommen,  wenn man die Siegfried-Geschichte auf sich wirken lasse. 

O-Ton Glasner 5
Siegfried auf dem Weg zu seiner Krimhild in Worms, kommt aus Xanten, sozusagen in einer Linie am Rheinlauf entlang, in Königswinter vorbei. Das wäre geografisch noch so eine Plausibilisierung, die wir aber nicht historisch begründen können.

In seinen späteren „Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter“ von 1836 schreibt Karl Simrock dann ganz ausdrücklich von einem Drachen am Drachenfels. Der soll hier in einer Höhle gehaust haben: dem Drachenloch, eine Felsspalte, die man auch heute noch vom Rhein aus gut sehen kann.

Lautenmusik

Noch deutlicher wird Karl Hessel, Lehrer und Heimatschriftsteller. Der schrieb 1894 in seiner Gedichtesammlung Rheinlieder:

Jung Siegfried voller Heldenfeuer
Schlug aber tot das Ungeheuer
Hat sich im Drachenblut gebadet
Dass ihm hinfort kein Schwert mehr schadet.
An einem noch der Felsenwände
Ist’s Drachenloch, sagt die Legende.
Ein Wein wächst dorten, rot und gut
Führt noch den Namen Drachenblut.

Den Wein Drachenblut gibt es übrigens in Königswinter immer noch: ein Rotwein natürlich. Name: Königswinterer Drachenblut, trocken oder auch halbtrocken.

Die letzten Ungewissheiten über den Tatort der Drachengeschichte beseitigte dann eine Neufassung des Nibelungenliedes, ebenfalls durch einen Dichter, der den Drachenfels von seinem Dichterzimmer gesehen haben dürfte.

O-Ton Glasner 6
Unweit von Königswinter, in Rheinbreitbach, residiert vor dem Ersten Weltkrieg in der niederen Burg der Dichter Rudolf Herzog, der mit seiner Neuerzählung der Nibelungen für die Jugend, so 1912, eben auch so viel verdient haben muss, dass er sich diesen Burgaufenthalt leisten konnte. Und der lokalisiert übrigens im Gegensatz zum Nibelungenlied aus der Staufferzeit ganz konkret den Drachenkampf, Siegfried, im Siebengebirge.

Musik „Es war in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter“

Damit war die Sache für die Königswinterer klar. Obwohl ihr Siegfried einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hatte. Und zwar tatsächlich hinter Königswinter, in dem erwähnten Honnef. Da ist noch Dietrich von Bern, der eigentliche tapfere und vor allem tadellose Ritter des Nibelungenliedes. Siegfried war ja im Vergleich zu ihm ein wenig zwielichtig. So hat er für seinen Schwager Gunther dessen Heirat mit seiner umworbenen Brünhild besiegelt, indem er diese mit Hilfe seiner Tarnkappe im Zweikampf heimlich besiegt: Sie wollte nämlich nur den nehmen, der das schafft. Und er hat sie, diesmal womöglich nur mit der Tarnkappe bekleidet, sogar vergewaltigt, als sie sich nämlich Gunther in der Hochzeitsnacht nicht hingeben wollte.

Lautenmusik

Der unverdächtige Dietrich von Bern wächst als Königssohn womöglich im rheinfränkischen Verona auf, dem späteren Bonn,  vermuten einige Experten. Also nur rund 10 Kilometer von Königswinter entfernt. Auch er hat einem bemerkenswerten Sieg auf seinem Konto: Er hat nämlich in jüngeren Jahren den Riesen Ecke im Kampf mit seinem Schwert erstochen, und zwar durch einen Schlitz in dessen Rüstung, die mit Drachenblut gehärtet und eigentlich unzerstörbar war. Kommt uns bekannt vor, oder. Nebenbei: Dietrichs Schwert hieß Mimung.

Und wieder glaubte Karl Simrock an einen rheinischen Schauplatz dieser Geschichte. In seiner Nachdichtung der Dietrichsage tauchen Ortsnamen wie Köln, Bonn, Königswinter und auch das Siebengebirge mit dem Drachenfels auf. In unmittelbarer Nähe seines Landhauses am Honnefer Menzenberg stieß Simrock außerdem auf Flurstücke wie Dederichsloch oder Dederichskaule. Und zog daraus den messerscharfen Schluss:  Der Riese Ecke wurde von Dietrich am Menzenberg erschlagen, sozusagen vor Simrocks Haustür. Auch hier gibt es dann irgendwann den passenden Rotwein, von Simrock selbst angebaut und gekeltert und mit den Namen "Eckenblut" versehen. Das alles sei, trotz aller Wertschätzung für Karl Simrock, mit Vorsicht zu genießen, sagt Peter Glasner.

O-Ton Glasner 7
Simrock hatte Humor und nimmt es vielleicht gar nicht so genau mit der sogenannten historischen Realität. Simrock hatte einmal über sich selbst gesagt: Meine Kollegen, also die akademischen waren damit gemeint, trauen mir nicht recht, weil ich ein Dichter bin. Also, ein gewisses Moment der romantischen Produktivität, um es mal positiv zu formulieren, spielt bei Simrock eine sehr große Rolle.
 
Während es bei der Dietrich-von-Bern-Geschichte in Honnef beim Eckenblut-Wein und einer gepflegten Simrock-Verehrung bleibt, geht in Königswinter die Post ab. Dazu trägt bei, dass das Nibelungenlied und seine Geschichte bis ins   20. Jahrhundert zu einer Art Nationalepos geworden ist, zu einer deutschen Ilias mit Siegfried als deutschem Helden. Darum pflegt man hier die Drachentöter-Geschichte so gut man kann.
 
Besonders gut konnte das Stephan Sarter, Sohn eines Bonners Gastwirts, der an der Börse zu großem Reichtum gekommen war. Er begann 1882 mit dem Bau der Drachenburg, einer wilden Mischung aus Villa, Burg und Schloss.
 
O-Ton Glasner 8
Das ist aber eigentlich mehr ein Neuschwanstein am Rhein.
Auch ein Hort deutscher Mythen. Vor allen Dingen der Kern des Gebäudes mit dem Nibelungenzimmer, also mit der ersten Strophe des Nibelungenlides in Holz geritzt, hält dann auch quasi in der großbürgerlichen Wohnkultur den Nibelungen- und Siegfried-Mythos präsent.
 
Musik Wagner Ring des Nibelungen

Das tut auch die Nibelungenhalle. Die wurde 1913 zum 100. Geburtstag Richard Wagners eröffnet. In diesem Kuppelbau in Später-Jugendstil-Optik sind  Gemälde zum Opernzyklus „Der Ring“  zu besichtigen, das Ganze zu leisen Wagner-Klängen. Unter den Bildern findet sich übrigens auch ein besonders beeindruckender Versuch, die Nibelungen-Geschichte in den Bergen um Königswinter herum spielen zu lassen, ein Versuch des damals beauftragten Kunstmalers Herman Hendrich, …
 
O-Ton Glasner 9
…der zum Beispiel einen weiblichen Frauenakt der liegenden Brunhild so ins Bild zu setzen verstanden hat, dass die Spitzen der Füße und anderer Körperteile die sieben Bergkuppen des Siebengebirges bildeten.
 
Zu Wagners 50. Todestag, im Jahre 1933, kam dann noch die Drachenhöhle dazu, ein dämmriger Gang, der um die Nibelungenhalle herum führt. Und schon vorher, in der Zeit des 1. Weltkriegs, war im Arkadengang des Rathauses in Königswinter ein Notnagel-Siegfried entstanden.

O-Ton Glasner 10
Eine überlebensgroße Holzfigur von Siegfried und dem Drachen, gestiftet vom Frauen-Kriegsverein, wo man eben gegen Kriegsanleihe eiserne Nägel einschlagen sollte, eben auch um den patriotischen Geist zu schüren. Und das Kuriose ist: Siegfried gilt ja nach dem Bad im Drachenblut als unverwundbar. Also kriegen Sie da auch gegen Kriegsspende eigentlich keinen Nagel eingeschlagen. Das hat irgendjemand dann mal bemerkt. Es gibt noch einen Nagel in der Kniescheibe, und dann nagelte man den Drachen, um dem Mythos keinen Schaden zuzufügen.
 
Diese geballte Ladung Romantik, mit Rheintal, Drache und Siegfried plus Rheinwein blieb nicht ohne Folgen. Die Touristen kamen. Sollten sie auch. Klar war, sagt Peter Glasner, …

O-Ton Glasner 11
…dass Siegfried das überregionale Ausstrahlungspotenzial hat. Mit Siegfried könnte man von Xanten bis Worms Reklame machen.
Und das interessiert dann irgendwann Engländer und Franzosen ganz genauso. Lord Byron ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Werbeträger in Anführungszeichen für die Attraktivität des Mittelalters am Rhein. Also, die Tradition der Grand Tours für den englischen Adel ist eigentlich die Erfindungsquelle der Rheinromantik.
 
Mit und nach Lord Byron kamen und kommen viele Touristen. Bis heute. Und was  dieses Nibelungen-Image angeht: Da hatte Königswinter - trotz der ja nicht ganz wasserdichten Beweislage – auch Glück. Die Konkurrenz ist nämlich beträchtlich. Erstens existiert ein zweiter Drachenfels, bei Bad Dürkheim, mit Drachenkammer und Drachenhöhle und einem "Siegfriedsbrunnen“.  Und zweitens gibt es rund zehn Ortschaften, die einen solchen Brunnen vorzuweisen haben, an dem Siegfried getrunken haben soll, als Hagen von Tronje ihn hinterrücks erstochen hat. Stichwort Lindenblatt, Sie erinnern sich. Diese Orte liegen übrigens alle im Odenwald oder nicht weit davon entfernt.

Dass Königswinter und das Siebengebirge das Rennen um den Drachen gegen den Odenwald gewonnen haben, soll angeblich auch daran liegen, dass der Odenwald nicht das richtige Ambiente für Drachen sei, wird scherzhaft gemunkelt.. Im Vergleich zum Siebengebirge sei der Odenwald nämlich viel zu klein. Er soll sogar der kleinste Wald Deutschlands sein. Den Beweis liefere dieses Volkslied:

Musik: Im Odenwald da steht ein Baum…