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Bernd Geisen

Heute geht's wieder dahin, wo der Kaiser Urlaub machte OMG 14

Das Hirschberger Tal in Niederschlesien

07.08.2026 11 min

Zusammenfassung & Show Notes

 Das „Schlesische Elysium“, das Land der Seligen: So schwärmen seit dem 19. Jahrhundert Reisende vom Hirschberger Tal in Niederschlesien. Die Folge schildert, wie die preußische Königsfamilie und der Berliner Adel hier jahrzehntelang ihre Sommerfrische verbracht haben, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Seitdem gehört Niederschlesien zu Polen. Seit einigen Jahren werden die verlassenen Schlösser wieder instandgesetzt und sind in Schlosshotels verwandelt worden. Wie beispielsweise das der Familie von Küster.

„Schlesisches Elysium“
Das Hirschberger Tal in Niederschlesien

Das Hirschberger Tal liegt gute 300 Kilometer südlich von Berlin in Polen, im ehemaligen Niederschlesien. Die Eiszeit hat hier eine sanft geschwungene Landschaft hinterlassen, mit Wiesen, Feldern, Fischteichen, dazu mäandernde Bäche, Gräben und Wege. Gerahmt ist das Ganze im Osten und im Westen von den Höhenzügen der Sudeten, im Süden vom Riesengebirge mit seinem höchsten Berg, der Schneekoppe. In der Hochzeit der Romantik, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, war das Tal deutschlandweit Sehnsuchtsort, mehr noch als der Rhein. Übrigens auch für Caspar-David-Friedrich. Der hat sich hier Motive für seine Malerei erwandert. Entstanden ist dabei eines seiner berühmtesten Bilder: „Morgen im Riesengebirge“.

Das „Schlesische Elysium“, also das Land der Seligen: So wurde das Tal bald genannt. Mit den Seligen waren dabei weniger die Einheimischen als vor allem der Berliner Adel gemeint und auch das preußische Königshaus. In Mode kam das Tal nämlich, nachdem der damalige preußische König Friedrich Wilhelm III den Grafen und die Gräfin von Reden auf ihrem Landsitz in Buchwald besucht hatte, das heißt heute Bukowiec. Erzählt Elisabeth von Küster, die im Hirschberger Tal und in Berlin lebt.

O-Ton Elisabeth von Küster
Weil sie als Erste einen Park im englischen Landschaftsstil angelegt haben. Auf einem Gut mit Blick auf die Schneekoppe, was damals den Leuten den Atem geraubt hat. Auch der preußische König hat diesen Park gesehen, und das war der Grund, warum er sich dann so spontan und bis zu seinem Lebensende in das Hirschberger Tal verliebt hat.

Der König kaufte sich also ein Schloss im Tal, in Erdmannsdorf, heute Mysłakowice. Und er blieb nicht lange der einzige Berliner Schlossherr: Um die 45 herrschaftliche Sommersitze entstanden in seiner Nachbarschaft

O-Ton Elisabeth von Küster
Es war zu dieser Zeit so, dort, wo der König weilte, wollten alle sein. Und so hat jeder, der von Stand und Rang war, versucht, sich in diesem Tal irgendwie zumindest ein kleines Plätzchen zu sichern. Es waren die großen Familien der preußischen Hocharistokratie, wie z.B. die Czartoryskis und Radziwills. Aber es waren auch ehrgeizige Menschen, wie z.B. ein junger Adliger mit dem Namen von Küster, dessen Vater gerade erst in den Adelstand versetzt worden war im Jahre 1806.

Der junge Carl Gustav Ernst von Küster, ein Vorfahr also von Elisabeth von Küster, wollte so unbedingt im Hirschberger Tal dazugehören, dass er das Schloss in Lomnitz kaufte, ohne es vorher gesehen zu haben. Dieses Lomnitz heißt heute Łomnica. Dass es für jeden Interessenten eine Sommerresidenz in der Nähe des Königs gab, lag daran, dass zu der Zeit jede Menge auf dem Markt waren. Sie hatten vorher Leinenhändlern gehört, die man hier Schleierherren nannte und die mit dem Verkauf des Leinens der schlesischen Weber zu viel Geld gekommen waren. Als dann die moderne Maschinenweberei und die Konkurrenz der Baumwolle aufkamen, verloren die Weber in Schlesien ihre Existenzgrundlage. Der berühmte Weberaufstand von 1844 war die Folge. König Friedrich Wilhelm IV, der Sohn des ins Hirschberger Tal verliebten Vaters, schickte Soldaten, um den Weberauftand niederzuschlagen. Das Schlesische Elysium war gerettet. Für die Schleierherren war das gute Geschäft allerdings vorbei.

O-Ton Elisabeth von Küster
Und wenn man keine Mittel mehr hat, kann man sich so ein Schlösschen nicht mehr leisten. Und es gibt ja  diesen Spruch, des einen Leid, des anderen Freud. So, wie diese Familien verkaufen mussten, freuten sich andere, kaufen zu können.

Die hohen Herrschaften aus Berlin ließen ihre Häuser und vor allem auch die Parks drumherum nach dem letzten Schrei der Romantik herausputzen, wie heute wieder gut zu besichtigen ist. Der König beispielsweise hatte sein Schloss im englischen Tudorstil herrichten lassen. Zu dem gehören vor allem die Zinnen, die die Dachränder der drei Gebäudeteile wie eine Bordüre abschließen. Zur eigentlichen Tudorzeit dienten solche Zinnen auf englischen Burgen dem Schutz der Bogenschützen, die Angreifer abwehren mussten. Angreifer gab es in Erdmannsdorf damals keine, nicht einmal mehr schlesische Weber.

Musik, klingt aus

Ganz tief in die romantische Werkzeugkiste hatte man beim Schloss in Schildau gegriffen, heute Wojanów. Es liegt sozusagen um die Ecke von Schloss Lomnitz: ein hoher quadratischer Bau in hellem Weiß, mit Türmen an allen vier Ecken plus leuchtend roten Dachziegeln. Wie ein Zuckerbäckerwerk aus Buttercreme und glasierten Möhrenscheiben. Ein Märchenschloss, denkt man unwillkürlich, und auch  an Dornröschen. Es war übrigens ein Geschenk des Königs an seine Tochter Luise. Wobei Luise nicht mehr wachgeküsst werden musste. Sie war beim Einzug schon verheiratet, selbstverständlich mit einem Prinzen, und zwar dem von Oranien-Nassau.

Atmo: Dampflok pfeift, klingt aus

Vergleichsweise bescheiden wirkt immer noch das Haus in Buchwald, in dem seinerzeit die von Redens wohnten, da, wo den König sich in das Tal verliebt hatte. Das war zu einem schlichten klassizistischen Landsitz umgebaut worden, der barocke Turm musste dabei dran glauben. Hier war auch einmal Caspar David Friedrich zu Gast, nachdem 1842 die Eisenbahnstrecke von Berlin nach Breslau eröffnet worden war und auch normal sterbliche Reisende ins Tal kamen. Friedrich schrieb später darüber, dass die von Redens zwar wirklich ganz allerliebst wohnen, die Zimmer allerdings etwas klein und niedrig seien, wenn auch geschmackvoll möbliert.

Musik, klingt aus

Mit der märchenhaften Seligkeit war es 1945 erst einmal vorbei. Schlesien gehörte nun zu Polen, und die preußischen Schlossherrschaften mussten das Hirschberger Tal verlassen. Aber: Viele der Adelsfamilien sind mittlerweile zurückgekehrt. Elisabeth von Küster und ihr damaliger Mann waren die ersten, sie hatten 1991 in Berlin davon erfahren, dass das Küster-Schloss verkauft werden sollte und sich auf den Weg nach Lomnitz gemacht.

O-Ton Elisabeth von Küster
Wir hatten das Gefühl, wir sind die Einzigen, die gen Osten fahren. Es war eine einspurige Autobahn mit Holperplatten aus der Vorkriegszeit. Ich erinnere mich noch genau, faszinierend war für mich das erste Verkehrsschild auf polnischer Seite. Da stand ein Zeichen Pferdefuhrwerke auf der Autobahn verboten. Und das fand ich irgendwie sehr berührend.

Pferdefuhrwerke auf der Autobahn gab es damals keine. Der erste Blick auf das Familienschloss war dann auch berührend: ernüchternd war er.

O-Ton Elisabeth von Küster
Das Schloss war eine totale Ruine. Es wuchsen schon die Bäume aus dem Inneren des Gebäudes in den Himmel, weil große Teile des Daches fehlten. Und vor dem Schloss war leider eine übel riechende Mülldeponie.

Die jungen von Küsters aus Berlin beschlossen erst nur, das Schloss zu kaufen, um es vor dem Abriss zu retten. Und wenig später dann, es wieder aufzubauen. Das Geld dafür hatten sie nicht, sie mussten es sich leihen.

O-Ton Elisabeth von Küster
Selbst meine Großmutter hier in Berlin-Lichterfelde hat ihr Sterbegeldkonto geräumt und hat beschlossen, sie muss jetzt mindestens 20 Jahre noch leben, damit sie wieder das Geld für ihre Beerdigung zusammengespart hat, weil sie uns das ganze Konto geschenkt hat. Und so begannen wir dann mit sehr einfachen Mitteln einen sehr provisorischen Wiederaufbau, der sich dann im Laufe der Jahre immer mehr verbesserte und professioneller wurde, weil auch Vereine, Stiftungen und viele Privatpersonen, die große Sympathie für unser Unternehmen hatten, sich uns angeschlossen haben und gespendet haben. 

Bis das Schloss wieder vorzeigbar war und ein Schlosshotel Lomnitz seine Türen öffnete, hat es allerdings ein wenig gedauert. Auch, bis sie die ersten Einnahmen verbuchen konnten.
 
O-Ton Elisabeth von Küster
Aus einer mehr als provisorischen Gastronomie. Wir haben einfach mit Sperrmüllmobiliar und einfachsten Ausstattungen ein kleines Café eröffnet und dieses Café systematisch immer weiter aufgebaut, sodass dann immer wieder eine kleine finanzielle Spritze kam, die das Ganze vorangebracht hat. Ab 1998/99 gab es ein kleines Hotel mit einem Zimmer am Anfang – Hotel Schloss Lomnitz. Es regnete auch gleich prompt beim ersten Gast in der ersten Nacht in das Zimmer hinein. Das war schrecklich, unser Anfang. Aber trotzdem haben wir uns nicht kleinkriegen lassen und immer weitergemacht.
 
Heute steht Schloss Lomnitz wieder da wie zur Zeit des jungen von Küster vor gut 200 Jahren: eine elegante zweigeschossige Erscheinung in strahlendem Habsburgergelb, der Eingang mit je einer Säule links und rechts, darüber viele hohe Fenster. Ein fast schon neu-sachlicher Baustil nach dem angeblich bräsigen Barock des Vorgängerhauses. Keine hundert Meter weiter im selben Baustil das sogenannte Witwenhaus, heute das Schlosshotel.
 
Musik

Schloss und Schlosshotel Lomnitz sind mittlerweile gut besucht. Genauso wie die allermeisten der anderen Schlösser im Hirschberger Tal, die ein ähnliches Schicksal hinter sich haben und heute als Schlosshotels wieder in altem Glanz strahlen. Vor allem deutsche Touristen kommen, wegen der schlesischen Vergangenheit und der guten schlesischen und polnischen Küche - und wegen der Landschaft natürlich: Das Schlesische Elysium ist wieder zum Leben erwacht. Und, ach ja: Auf der Autobahn muss auch heute nicht mehr mit Pferdefuhrwerken gerechnet werden. 

Musik klingt aus