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Bernd Geisen

Kann man Romeo und Julia wirklich in Verona besichtigen? OMG 07

Wie Literatur zu einer touristischern Inszenierung wurde

12.04.2026 7 min

Zusammenfassung & Show Notes

Shakespeares Tragödie „Romeo and Juliet“ hat Verona zu einem der bekanntesten literarischen Reiseziele Europas gemacht. Besonders der sogenannte Balkon der Julia zieht jährlich zahlreiche Besucher an. Doch wie viel historische Grundlage hat dieser Ort tatsächlich? Die Folge beleuchtet die Entstehung des Ortes und seine Entwicklung zum touristischen Highlight.

Der Balkon in Verona

Anmoderation
Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man nur gezeigt bekommt, weil man sie unbedingt sehen will. Wie beispielsweise den Balkon am Haus der Julia in Verona.

Beitrag
Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.

O-Ton: Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“

Genau dieses Problem hatte die Stadt Verona. Wer sie besucht, wird nämlich wahrscheinlich irgendwann in der Via Capello 23 landen. Dort steht zwischen Modeboutiquen und Eiscafés ein mittelalterliches Haus. Hier hat angeblich Julia gelebt, die Geliebte von Romeo. Die Geschichte der beiden ist durch die Tragödie von William Shakespeare weltbekannt. Es geht um die Liebe eines jungen Paares, das unglücklicherweise aus zwei verfeindeten Familien stammt. Romeo ist ein Montague, Julia eine Capulet. Die Geschichte geht, wie Tragödien es so an sich haben, nicht gut aus. Die beiden bringen sich verzweifelt selbst um. Ihre Eltern versöhnen sich zwar, aber zu spät – erst über den Gräbern ihrer Kinder.

Dass sie sich lieben, gestehen sich die beiden eines Abends im Hof des Capulet-Hauses. Romeo unten im Garten, Julia oben im ersten Stock. Eine besonders gelungene Szene, findet auch Vera Kreyer. Sie gehört zur Shakespeare Company Berlin, einem Theater, das nur Shakespeare-Stücke spielt.

O-Ton Vera Kreyer 1
Wir sehen Julia, die oben auf dem Balkon steht. Unten im Garten, verborgen in der Dämmerung, steht Romeo. Und er wird Zeuge, wie Julia über die Liebe zu ihm spricht. Er gibt sich später dann zu erkennen, und am Schluss schwingt er sich zu Julia über die Mauer hoch auf den Balkon. Ich finde das sehr romantisch, und das ist eine besondere Szene in dem Stück, mit einer besonderen Bedeutung, denn dieses Heraufschwingen zu Julia (...) erzählt quasi bildlich das Überwinden der Kluft zwischen den zwei Liebenden.

Die herzzerreißende Geschichte stammt übrigens eigentlich gar nicht von Shakespeare. Der hat sie wahrscheinlich 1562 veröffentlicht, ja. Aber gute 30 Jahre vorher ist die Novelle des Italieners Luigi Da Porto mit derselben Handlung erschienen. Verschiedene Versionen davon waren in ganz Europa bekannt, auch in England. Es stimmt natürlich: Erst die Shakespeare‘sche Fassung hat Romeo und Julia unsterblich werden lassen. Und in Verona scheut man wirklich keinen Aufwand, damit das so bleibt. Und das ist nicht einfach. Es gibt nämlich nichts.


Fangen wir mit dem Haus an. Das Haus in der Via Capello 23, das heute als "Haus von Julia" in jedem Reiseführer steht, war noch vor hundert Jahren ein Stall mit mit Herberge. Die nach einer Aussage von Charles Dickens allerdings zu den schlechtesten in Verona gehört hat. Im Jahr 1937 hatte dann Antonio Avena, der damalige Direktor der Museen von Verona, die Idee, diesen Stall zur "Casa di Giulietta" zu machen. Am Eingangsbogen zum Innenhof war das Wappen der Familie Capulet zu sehen gewesen. Immerhin ein Indiz dafür, dass eine Familie mit diesem Namen hier möglicherweise gewohnt haben könnte. Als Modell für den Umbau diente ihm dabei weitgehend die Kulisse des amerikanischen Filmknüllers Romeo and Juliet, eine Hollywood-Produktion aus dem Jahr davor. 

Und dann die Sache mit dem Balkon. In besagtem Film hatte der amerikanische Regisseur George Cukor Julia erstmalig auf einem Balkon auftreten lassen. Der Film und die Balkonszene, wie sie seither heißt, waren ein voller Erfolg. Und die Veroneser waren es irgendwann leid, Menschen aus aller Welt erklären zu müssen, dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Erstens nicht im Shakespeare‘schen Original. Hier heißt eine Regieanweisung für die erwähnte Szene nämlich: „Juliet appears above at a window. Also: Julia erscheint oben an einem Fenster. Um genau darum gebe es zweitens keinen Balkon am Haus der Julia. Weil die Nachfragen aber nicht nachließen, hat der emsige Direktor der Veroneser Museen auch noch einen Balkon am ehemaligen Stall anbringen lassen. Wir haben Vera Kreyer gefragt, ob für sie als Shakespeare-Expertin diese ganze Balkon-Geschichte nicht eine Fälschung des Originals sei.

O-Ton Vera Kreyer 2
Für mich sind inszenatorische Mittel prinzipiell keine Fälschung – kann man einfach machen, so wie man das Stück sieht.
(...) Wenn man sich ein Theaterstück oder einen Text vornimmt und den auf die Bühne bringen möchte, ist es sowieso notwendig, dass man seine eigene Sichtweise, seine eigenen Ideen, seinen eigenen künstlerischen Ausdruck benutzt, um sie auf die Bühne zu bringen, weil wir ja als Künstler nicht irgendwas kopieren oder nachspielen, sondern weil wir ausdrücken.
(...) Überhaupt sieht die Umsetzung der Stücke von Shakespeare inzwischen völlig anders aus als damals zu Shakespeares Zeiten, denn im elisabethanischen Theater durften ausschließlich Männer theaterspielen. Frauen waren gar nicht zu sehen. Also alle Mädchen, Frauen wurden ebenfalls von männlichen Schauspielern gespielt. Das ist ja heute Gott sei Dank auch anders.

Heute führen in Verona eine Schauspielerin und ein Schauspieler die berühmte Szene auf, zwei Mal pro Tag. Und gerade der Balkon kommt dabei gut weg, auch bei Vera Kreyer. 

O-Ton Vera Kreyer 3
Auf besagtem Balkon in Verona war ich sogar mal selbst gewesen. Da war ich ungefähr 18, 19, habe den natürlich aufgesucht, da ich auch das Stück Romeo und Julia kannte. Und mir war schon klar, dass das nicht der echte Balkon ist, auf dem irgendeine Julia oder Julietta mal gestanden hat. Aber ich fand es trotzdem schön, es auf mich wirken zu lassen und mir vorzustellen, wie sich die Geschichte abgespielt haben könnte. (...) Aber nicht nur ich war von der Romantik des Ortes ergriffen. Sondern unten auf dem Hof, vor dem Balkon, stand ein junger Mann, der rief: „Giulietta!“