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Bernd Geisen

Luther und der Teufel auf der Wartburg OMG 05

Wie ein Tintenfleck zur Legende wurde

09.04.2026 4 min

Zusammenfassung & Show Notes

Auf der Wartburg bei Eisenach wird eine der bekanntesten Legenden der Reformationsgeschichte erzählt: Martin Luther soll während seiner Übersetzung des Neuen Testaments den Teufel mit einem Tintenfass vertrieben haben – zurück blieb ein Fleck an der Wand. Diese Folge geht der Frage nach, wie sich diese Erzählung entwickelt hat, warum sie bis heute präsent ist und was tatsächlich historisch belegt ist. 

Der Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg
 
Anmoderation
Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man nicht sehen kann und die trotzdem jede Menge Besucher anziehen. Beispielsweise der berühmte Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg. 
 
Beitrag
Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.
 
O-Ton: Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen. „Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts“. 
 
Ähnlich hin und weg sind seit jeher auch die Besucher der Lutherstube im thüringischen Eisenach. Diese Lutherstube befindet sich im hintersten Winkel der Wartburg, die sich weit über die Stadt und die üppigen Wälder ringsum erhebt. Viele, sagt die Museumsleitung, suchen hier an der Wand neben dem grünen Kachelofen den berühmten Tintenfleck. Der soll so entstanden sein: Als Martin Luther sich vor seinen Verfolgern auf der Wartburg versteckt hielt und hier die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, soll er vom Teufel belästigt worden sein. Luther soll nach seinem Tintenfass gegriffen und nach dem Teufel geworfen haben, um ihn zu vertreiben. So sei ein Tintenfleck neben dem Ofen entstanden. Belegt ist die Geschichte keinesfalls. Aber beliebt. Wie sehr, berichtet Dr. Dorothee Menke. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin auf der Wartburg. 
 
O-Ton Dorothee Menke
Zwar gab es wohl tatsächlich mal einen Fleck., und zwar seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, also ein gutes Jahrhundert nach Luthers Tod: Damals haben sich nämlich die Kastellane der Burg die Geschichte zunutze gemacht und tatsächlich Tinte an die Wand gespritzt. Das erwies sich als publikumswirksame Maßnahme. Und so mancher der damals schon zahlreichen Lutherverehrer und Wartburgbesucher hat ein Stück Wandputz mit Tinte aus der Lutherstube mitgehen lassen. Der Fleck wurde darum immer wieder erneuert
 
Und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Heute fehlt er ganz. Die letzte schriftliche Erwähnung einer solchen "Auffrischung" stammt aus dem Jahre 1855. Und das erste bekannte Foto der Lutherstube von 1872 zeigt schon keinen Fleck mehr. 
 
O-Ton Dorothee Menke
Die Kollegen, die vor der Lutherstube Aufsicht stehen, werden schon sehr regelmäßig gefragt, wo denn der Tintenfleck sei. Oft sogar mehrmals täglich. So gut wie alle Besucher haben schon davon gehört oder glauben sogar sich daran zu erinnern, diesen Tintenfleck schon früher mal hier gesehen zu haben. Die können dann gar nicht glauben, dass dieser Tintenfleck nur aus einer Geschichte stammt oder sogar ihrer Fantasie entsprungen ist. 
 
Wer den Tintenfleck dennoch und öfter sehen will, kann im Museumsladen der Wartburg einen Kühlschrankmagneten in Form eines schwarzen Kleckses kaufen: natürlich mit der Signatur "Martinus Luther".
 
O-Ton: „Ja aber man sieht gar nichts