Peinlicher Knutschfleck: Das Deutsche Eck in Koblenz OMG 12
Kaiser-Wilhelm-Denkmal zwischen Erinnerung und Geschichtsbild
26.06.2026 11 min
Zusammenfassung & Show Notes
Das Deutsche Eck in Koblenz gehört seit 2002 zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Bekannt ist es als Schnittpunkt von Rhein und Mosel – und als touristischer Ausgangspunkt für Schifffahrten.
Im Zentrum dieser Folge steht jedoch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das die Wahrnehmung des Ortes bis heute prägt. Es wirft Fragen nach Erinnerungskultur, historischer Symbolik und dem Umgang mit nationaler Geschichte im öffentlichen Raum auf. Eine Einordnung eines viel besuchten, aber auch kontrovers diskutierten Ortes.
Peinlicher Knutschfleck. Das Deutsche Eck in Koblenz und sein Kaiser-Wilhelm-Denkmal
Anmoderation
Das Deutsche Eck. Für die meisten Reisenden ist es Ausgangspunkt oder Endhaltestelle einer Bootsfahrt auf dem Rhein oder auf der Mosel: eine weit herausgestreckte Landzunge zwischen Rhein und Moselmündung. Die Stelle, wo Vater Rhein Mutter Mosel küsst, wie man hier in Koblenz so schön sagt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese Stelle allerdings auch als peinlicher Knutschfleck. Genau: das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. Seit 2002 gehört das Deutsche Eck als German Corner trotzdem zur UNESCO-Welterbestätte Oberes Mittelrheintal.
Beitrag
Marschmusik
Ach ja, das Deutsche Eck. Seinen Namen verdankt es übrigens dem Deutschen Orden. Dessen Ritter kamen im 13. Jahrhundert zu Pferd hierhin und gründeten eine Niederlassung: die Deutschordenskommende. Das Gebäude gibt es immer noch. Es dauerte dann aber noch rund 600 Jahre, bis die Ecke, an der Vater Rhein Mutter Mosel so romantisch küsst, zur Touristenattraktion wurde. Bis zum Jahr 1888. In dem Jahr war nämlich der deutsche Kaiser Wilhelm I. gestorben, der Vater des Vaterlandes, der vor allem auch für seine väterliche Güte verehrt wurde. Manche hielten ihn angeblich sogar für den auferstandenen Friedrich Barbarossa. Dass er wahrscheinlich bei der Niederschlagung der Freiheits- und Nationalbewegung 1848 auf seine aufständischen Kinder hat schießen lassen, hatte man irgendwie vergessen. Und so summte seither so mancher Volksmund, wenn man das so sagen darf, dieses Lied:
Musik: „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“.
In ganz Deutschland wurden nach dessen Tod über 300 Kaiser-Denkmäler errichtet. Auch am Mittelrhein sollte unbedingt eines her. Nur wohin damit? Peter Glasner ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität und außerdem in unmittelbarer Nähe von Koblenz aufgewachsen.
O-Ton Peter Glasner 1
Man suchte halt einen geografisch herausragenden Ort für dieses Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Königswinter war auch im Gespräch. Und Kaiser Wilhelm II. höchstselbst hat sich dann dafür eingesetzt, dass eben dieses Denkmal für seinen Großvater in Koblenz platziert wird.
Der Deutsche Kaiser am Deutschen Eck. Das passte für den eher säbelrasselnden Enkel Wilhelm II. wie die Faust aufs Auge. Und auch deshalb, weil der Großvater in jüngeren Jahren als Militärgouverneur in Koblenz gewirkt und bei dieser Gelegenheit der Stadt die Rheinanlagen spendiert hatte, einen Park am Rheinufer. Im Jahr 1897 wurde also auf Wunsch von allerhöchster Stelle mit dem Bau des Denkmals begonnen. Architekt war Bruno Schmitz, der auch das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen und das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig entworfen hatte:also Er war also von Hause aus Spezialist für das ganz große deutsche Kino.
Musik
Das Denkmal war dann auch ein echter Schmitz: Am Fuße dicke Steinpöller mit Löwenköpfen, dahinter eine riesige Pfeilerhalle mit einem Zitat des Dichters Max von Schenkendorf, der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte.: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn Ihr einig seid und treu.“ Das stand übrigens 1933 auch auf einem Wahlplakat der Nationalsozialisten. Auf dem Denkmalssockel schließlich obendrauf der Kaiser in Generalsuniform zu Pferde, das Ganze an die 40 Meter hoch vom Sockel bis zur Pickelhaube. Alles mindestens eine Nummer zu groß: So hat das auch Kurt Tucholsky seinerzeit empfunden. Peter Glasner zitiert.
Musik klingt aus
O-Ton Peter Glasner 2
„Oben jener auf einem Pferd – was? Pferd? Auf einem Ross. Auf einem riesigen Gefechtshengst, wie aus einer Wagner-Oper, joho hotteho. Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat. Er dräut in die Lande.
Dräut will sagen: Er blickt unheilvoll in die Lande.
O-Ton Peter Glasner 2
Das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgendeine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar.“
Er hat sich recht erinnert. Diese Frauenfigur ist die römische Siegesgöttin Viktoria, die dem alten Herrn womöglich etwas darbietet, vor allem aber dessen Pferd am Zügel zu führen scheint. Deswegen hatte der Fürst zu Wied bei der Einweihung des Denkmals Bedenken. Witzblätter könnten dem Kaiser oben im Sattel ja in den Mund legen: „Kind, lass mein Pferd los – ich kann allein reiten!“
Die Strömung der Mosel hinter dem Denkmal, erklärt Kurt Tucholsky noch, sei hier besonders stark, damit sie um möglichst schnell daran vorbei komme.
Das Denkmal kam aber auch an anderer Stelle nicht gut an. Vor allem auch beim sogenannten Erbfeind Frankreich. Kein Wunder: Der, Verzeihung, Pferdearsch zeigt Richtung Paris, der verlängerte Rücken des Kaisers auch. Eine Provokation. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire war schockiert. Er war eigentlich ein Rheinromantiker und 1901 auf einer Reise mit dem Zug den Rhein entlang nach Koblenz gefahren. Seine Eindrücke vom Deutschen Eck verarbeitete er in dem Gedicht Coblence.
Musik
„Die Mosel und der Rhein vereinigen sich still / unter den unschuldigen Augen der Töchter von Koblenz. / Makaber und gigantisch, ein schreckliches Denkmal / zeigt zu Ross und behandschuht den deutschen Kaiser.“
Musik klingt aus
Und auch der schon erwähnte Kurt Tucholsky kann kaum glauben, was ihn an kaiserlichem Übermaß und nationalem Theaterdonner erwartet. Er beschreibt 1930 seine Ankunft am Deutschen Eck so: „Ein freier Platz, ich sah hoch, und fiel beinah um“. Peter Glasner liest weiter.
O-Ton Peter Glasner 3
„Da stand, Tschingbumm, ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms I. Ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz.
Der, so Tucholsky weiter, jenes Deutschland repräsentiere, das am Kriege schuld gewesen ist. Er meint den 1. Weltkrieg. Schwer zu ertragen.
Dabei hatte Tucholskys Anreise zum Deutschen Eck so schön begonnen, mit der Eisenbahn, die hier Saufbähnchen genannt wird, vorbei an den Weinbergen und den Weinschenken durch das Moseltal. Er schreibt:
Musik
„Der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren (…). Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken“.
Musik klingt aus
Der Moselwein hat seinen Schrecken angesichts des Kaiserstandbildes nur wenig gemildert, wie wir gehört haben. Das Denkmal wurde dann erst kurz vor Ende des 2. Weltkrieges vom Sockel geholt, und zwar von Amerikanern.
O-Ton Peter Glasner 4
Im März 1945 kommt die 3. US-Armee von der Eifel her und beschießt mit der Artillerie Koblenz. Und dabei wurde eben auch das Reiterstandbild von einer amerikanischen Artilleriegranate beschädigt und hing dann eben an einer Seite spektakulär mit den Köpfen von Ross und Kaiser nach unten herab. Es ist unklar, ob das jetzt Absicht war, oder ob das Kollateralschaden bei der Beschießung der Stadt gewesen ist.
Wie auch immer: Das Ergebnis zählt. Die Reste des Standbildes wurden dann eingelagert und verschwanden dann spurlos. Bald machte das geflügelte Wort vom „längsten Denkmal der Welt" die Runde: Das wertvolle Metall soll nämlich, wie es gerüchteweise hieß, zu Kupferdraht verarbeitet worden sein, für die Koblenzer Straßenbahn. Nur der Kopf des Kaisers ist erhalten geblieben und heute noch im Mittelrhein-Museum in Koblenz zu sehen. Und der Rest?
O-Ton Peter Glasner 5
Der verbliebene Sockel wurde dann 1953 (…) zum Mahnmal der Deutschen Einheit erklärt, mit einem Fahnenmast und der Bundesflagge obendrauf.
Das Mahnmal gibt es tatsächlich immer noch, nur 100 Meter entfernt, auch nach der deutschen Wiedervereinigung.
O-Ton Peter Glasner
Ja, en miniature. Es gibt Versatzstücke der original Berliner Mauer (…) als Erinnerung an die deutsche Teilung.
(…). Man hätte ja auch, wie (…) die Gedächtniskirche in Berlin,
(…) übrigens derselbe Kaiser,
hätte man ja eben auch einen Torso stehen lassen können und das ausstellen können, dass hier mal was politisch Historisches passiert ist.
Hat man aber nicht. Am Deutschen Eck steht stattdessen mittlerweile ein Kaiser-Nachfolge-Denkmal, und zwar seit dem 2. September 1993. Das war exakt der Tag, an dem sich 1871 im Deutsch-französischen Krieg die französische Armee den deutschen Truppen ergeben hatte. Sedanstag. Kurz darauf wurde Wilhelm I zum Deutschen Kaiser proklamiert, in Versailles. In Koblenz am Deutschen Eck wurde an diesem 2. September ein noch einmal neu gegossenes Kaiserstandbild auf den Sockel gehoben, und zwar „vom größten fahrbaren Gittermastkran Europas“, wie die Zeitungen berichteten. Das zeugt doch von einer gewissen europäischer Weitsicht, oder etwa nicht? Obwohl der Riesen-Kaiser nach wie vor nach Osten dräut und sein Rücken und der, noch einmal Verzeihung, Pferdearsch immer noch Richtung Frankreich zeigen.
Musik
Zur Einweihung, so ist im Archiv der Berliner tageszeitung, der TAZ, vom 27. September 1993 nachzulesen, hatte der Koblenzer Oberbürgermeister Willi Hörter nach allen Seiten weltoffen gesagt, hier ins Hochdeutsche übertragen: „Wer das Denkmal sehen will, soll kommen. Wer es nicht sehen will, soll zu Hause bleiben. Und wer kommt, um sich zu ärgern, dem können wir auch nicht helfen.“ Geholfen hat es vor allem dem Tourismus: Mittlerweile besuchen jedes Jahr zwei Millionen Menschen den Kaiser am Deutschen Eck. Was schreibt die TAZ zusammenfassend zu der Angelegenheit? Kaiserschmarrn.
Musik klingt aus
Im Zentrum dieser Folge steht jedoch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das die Wahrnehmung des Ortes bis heute prägt. Es wirft Fragen nach Erinnerungskultur, historischer Symbolik und dem Umgang mit nationaler Geschichte im öffentlichen Raum auf. Eine Einordnung eines viel besuchten, aber auch kontrovers diskutierten Ortes.
Peinlicher Knutschfleck. Das Deutsche Eck in Koblenz und sein Kaiser-Wilhelm-Denkmal
Anmoderation
Das Deutsche Eck. Für die meisten Reisenden ist es Ausgangspunkt oder Endhaltestelle einer Bootsfahrt auf dem Rhein oder auf der Mosel: eine weit herausgestreckte Landzunge zwischen Rhein und Moselmündung. Die Stelle, wo Vater Rhein Mutter Mosel küsst, wie man hier in Koblenz so schön sagt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese Stelle allerdings auch als peinlicher Knutschfleck. Genau: das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. Seit 2002 gehört das Deutsche Eck als German Corner trotzdem zur UNESCO-Welterbestätte Oberes Mittelrheintal.
Beitrag
Marschmusik
Ach ja, das Deutsche Eck. Seinen Namen verdankt es übrigens dem Deutschen Orden. Dessen Ritter kamen im 13. Jahrhundert zu Pferd hierhin und gründeten eine Niederlassung: die Deutschordenskommende. Das Gebäude gibt es immer noch. Es dauerte dann aber noch rund 600 Jahre, bis die Ecke, an der Vater Rhein Mutter Mosel so romantisch küsst, zur Touristenattraktion wurde. Bis zum Jahr 1888. In dem Jahr war nämlich der deutsche Kaiser Wilhelm I. gestorben, der Vater des Vaterlandes, der vor allem auch für seine väterliche Güte verehrt wurde. Manche hielten ihn angeblich sogar für den auferstandenen Friedrich Barbarossa. Dass er wahrscheinlich bei der Niederschlagung der Freiheits- und Nationalbewegung 1848 auf seine aufständischen Kinder hat schießen lassen, hatte man irgendwie vergessen. Und so summte seither so mancher Volksmund, wenn man das so sagen darf, dieses Lied:
Musik: „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“.
In ganz Deutschland wurden nach dessen Tod über 300 Kaiser-Denkmäler errichtet. Auch am Mittelrhein sollte unbedingt eines her. Nur wohin damit? Peter Glasner ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität und außerdem in unmittelbarer Nähe von Koblenz aufgewachsen.
O-Ton Peter Glasner 1
Man suchte halt einen geografisch herausragenden Ort für dieses Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Königswinter war auch im Gespräch. Und Kaiser Wilhelm II. höchstselbst hat sich dann dafür eingesetzt, dass eben dieses Denkmal für seinen Großvater in Koblenz platziert wird.
Der Deutsche Kaiser am Deutschen Eck. Das passte für den eher säbelrasselnden Enkel Wilhelm II. wie die Faust aufs Auge. Und auch deshalb, weil der Großvater in jüngeren Jahren als Militärgouverneur in Koblenz gewirkt und bei dieser Gelegenheit der Stadt die Rheinanlagen spendiert hatte, einen Park am Rheinufer. Im Jahr 1897 wurde also auf Wunsch von allerhöchster Stelle mit dem Bau des Denkmals begonnen. Architekt war Bruno Schmitz, der auch das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen und das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig entworfen hatte:
Musik
Das Denkmal war dann auch ein echter Schmitz: Am Fuße dicke Steinpöller mit Löwenköpfen, dahinter eine riesige Pfeilerhalle mit einem Zitat des Dichters Max von Schenkendorf, der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte.: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn Ihr einig seid und treu.“ Das stand übrigens 1933 auch auf einem Wahlplakat der Nationalsozialisten. Auf dem Denkmalssockel schließlich obendrauf der Kaiser in Generalsuniform zu Pferde, das Ganze an die 40 Meter hoch vom Sockel bis zur Pickelhaube. Alles mindestens eine Nummer zu groß: So hat das auch Kurt Tucholsky seinerzeit empfunden. Peter Glasner zitiert.
Musik klingt aus
O-Ton Peter Glasner 2
„Oben jener auf einem Pferd – was? Pferd? Auf einem Ross. Auf einem riesigen Gefechtshengst, wie aus einer Wagner-Oper, joho hotteho. Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat. Er dräut in die Lande.
Dräut will sagen: Er blickt unheilvoll in die Lande.
O-Ton Peter Glasner 2
Das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgendeine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar.“
Er hat sich recht erinnert. Diese Frauenfigur ist die römische Siegesgöttin Viktoria, die dem alten Herrn womöglich etwas darbietet, vor allem aber dessen Pferd am Zügel zu führen scheint. Deswegen hatte der Fürst zu Wied bei der Einweihung des Denkmals Bedenken. Witzblätter könnten dem Kaiser oben im Sattel ja in den Mund legen: „Kind, lass mein Pferd los – ich kann allein reiten!“
Die Strömung der Mosel hinter dem Denkmal, erklärt Kurt Tucholsky noch, sei hier besonders stark, damit sie um möglichst schnell daran vorbei komme.
Das Denkmal kam aber auch an anderer Stelle nicht gut an. Vor allem auch beim sogenannten Erbfeind Frankreich. Kein Wunder: Der, Verzeihung, Pferdearsch zeigt Richtung Paris, der verlängerte Rücken des Kaisers auch. Eine Provokation. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire war schockiert. Er war eigentlich ein Rheinromantiker und 1901 auf einer Reise mit dem Zug den Rhein entlang nach Koblenz gefahren. Seine Eindrücke vom Deutschen Eck verarbeitete er in dem Gedicht Coblence.
Musik
„Die Mosel und der Rhein vereinigen sich still / unter den unschuldigen Augen der Töchter von Koblenz. / Makaber und gigantisch, ein schreckliches Denkmal / zeigt zu Ross und behandschuht den deutschen Kaiser.“
Musik klingt aus
Und auch der schon erwähnte Kurt Tucholsky kann kaum glauben, was ihn an kaiserlichem Übermaß und nationalem Theaterdonner erwartet. Er beschreibt 1930 seine Ankunft am Deutschen Eck so: „Ein freier Platz, ich sah hoch, und fiel beinah um“. Peter Glasner liest weiter.
O-Ton Peter Glasner 3
„Da stand, Tschingbumm, ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms I. Ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz.
Der, so Tucholsky weiter, jenes Deutschland repräsentiere, das am Kriege schuld gewesen ist. Er meint den 1. Weltkrieg. Schwer zu ertragen.
Dabei hatte Tucholskys Anreise zum Deutschen Eck so schön begonnen, mit der Eisenbahn, die hier Saufbähnchen genannt wird, vorbei an den Weinbergen und den Weinschenken durch das Moseltal. Er schreibt:
Musik
„Der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren (…). Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken“.
Musik klingt aus
Der Moselwein hat seinen Schrecken angesichts des Kaiserstandbildes nur wenig gemildert, wie wir gehört haben. Das Denkmal wurde dann erst kurz vor Ende des 2. Weltkrieges vom Sockel geholt, und zwar von Amerikanern.
O-Ton Peter Glasner 4
Im März 1945 kommt die 3. US-Armee von der Eifel her und beschießt mit der Artillerie Koblenz. Und dabei wurde eben auch das Reiterstandbild von einer amerikanischen Artilleriegranate beschädigt und hing dann eben an einer Seite spektakulär mit den Köpfen von Ross und Kaiser nach unten herab. Es ist unklar, ob das jetzt Absicht war, oder ob das Kollateralschaden bei der Beschießung der Stadt gewesen ist.
Wie auch immer: Das Ergebnis zählt. Die Reste des Standbildes wurden dann eingelagert und verschwanden dann spurlos. Bald machte das geflügelte Wort vom „längsten Denkmal der Welt" die Runde: Das wertvolle Metall soll nämlich, wie es gerüchteweise hieß, zu Kupferdraht verarbeitet worden sein, für die Koblenzer Straßenbahn. Nur der Kopf des Kaisers ist erhalten geblieben und heute noch im Mittelrhein-Museum in Koblenz zu sehen. Und der Rest?
O-Ton Peter Glasner 5
Der verbliebene Sockel wurde dann 1953 (…) zum Mahnmal der Deutschen Einheit erklärt, mit einem Fahnenmast und der Bundesflagge obendrauf.
Das Mahnmal gibt es tatsächlich immer noch, nur 100 Meter entfernt, auch nach der deutschen Wiedervereinigung.
O-Ton Peter Glasner
Ja, en miniature. Es gibt Versatzstücke der original Berliner Mauer (…) als Erinnerung an die deutsche Teilung.
(…). Man hätte ja auch, wie (…) die Gedächtniskirche in Berlin,
(…) übrigens derselbe Kaiser,
hätte man ja eben auch einen Torso stehen lassen können und das ausstellen können, dass hier mal was politisch Historisches passiert ist.
Hat man aber nicht. Am Deutschen Eck steht stattdessen mittlerweile ein Kaiser-Nachfolge-Denkmal, und zwar seit dem 2. September 1993. Das war exakt der Tag, an dem sich 1871 im Deutsch-französischen Krieg die französische Armee den deutschen Truppen ergeben hatte. Sedanstag. Kurz darauf wurde Wilhelm I zum Deutschen Kaiser proklamiert, in Versailles. In Koblenz am Deutschen Eck wurde an diesem 2. September ein noch einmal neu gegossenes Kaiserstandbild auf den Sockel gehoben, und zwar „vom größten fahrbaren Gittermastkran Europas“, wie die Zeitungen berichteten. Das zeugt doch von einer gewissen europäischer Weitsicht, oder etwa nicht? Obwohl der Riesen-Kaiser nach wie vor nach Osten dräut und sein Rücken und der, noch einmal Verzeihung, Pferdearsch immer noch Richtung Frankreich zeigen.
Musik
Zur Einweihung, so ist im Archiv der Berliner tageszeitung, der TAZ, vom 27. September 1993 nachzulesen, hatte der Koblenzer Oberbürgermeister Willi Hörter nach allen Seiten weltoffen gesagt, hier ins Hochdeutsche übertragen: „Wer das Denkmal sehen will, soll kommen. Wer es nicht sehen will, soll zu Hause bleiben. Und wer kommt, um sich zu ärgern, dem können wir auch nicht helfen.“ Geholfen hat es vor allem dem Tourismus: Mittlerweile besuchen jedes Jahr zwei Millionen Menschen den Kaiser am Deutschen Eck. Was schreibt die TAZ zusammenfassend zu der Angelegenheit? Kaiserschmarrn.
Musik klingt aus