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Bernd Geisen

Radchampion Gino Bartali: Held oder nicht? OMG 09

Der Radprofi, der im Krieg heimlich Leben rettete

02.05.2026 11 min

Zusammenfassung & Show Notes

Gino Bartali war ein gefeierter Radsportheld. Während des Zweiten Weltkriegs half er heimlich dabei, jüdische Menschen zu retten und riskierte dabei sein eigenes Leben. Eine Geschichte über Mut, Risiko und Zivilcourage.

Diese Geschichte hatte ich für den Deutschlandfunk erzählt. Link auf den Beitrag im Deutschlandfunk-Archiv:
https://www.deutschlandfunk.de/radrennfahrer-und-fluchthelfer-gino-bartali-held-oder-erfindung-dlf-256f7012-100.html

War Gino Bartali ein Held oder nicht?
 
Anmoderation
Gino Bartali war ein berühmter italienischer Radrennfahrer. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs hatte er schon zweimal die Tour de France und einmal den Giro d’Italia gewonnen. Nach seinem Tod im Jahr 2000 wurde er noch berühmter. Man erfuhr, dass Bartali In der Zeit der deutschen Besatzung Mitglied einer katholischen Widerstandsgruppe war, die verfolgten Juden zur Flucht verhalf. 13 Jahre nach seinem Tod wurde er dafür von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „ Gerechter unter den Völkern“ geehrt. 2018 startete der Giro d’Italia erstmals in seiner 101-jährigen Geschichte außerhalb Europas: Die erste Etappe fand in Jerusalem statt und war Bartali gewidmet. Bei dieser Gelegenheit wurde Bartali posthum die israelische Staatsbürgerschaft verliehen. Seit wenigen Jahren halten italienische Historiker den Bartali-Mythos aber für erfunden. Ein Beitrag von Bernd Geisen.
 
Beitrag
Gino Bartali ist in Italien eine Legende. Das war er schon in seiner aktiven Zeit im letzten Jahrhundert. Warum man den Radrennfahrer in Italien so verehrt, könne man nur verstehen, wenn man wisse, wie Italiener in Sachen Sport ticken. Sagt Alberto Tenan. Er ist  promovierter Historiker und Italienisch-Lehrer in Berlin. Und Bartaliano, wie er sagt, also Bartali-Fan.

O-Ton Alberto Tenan 1
Radsport war in den Dreißiger-, Vierziger-, Fünfzigerjahren populär in Italien wie Fußball.
 
Wie Fußball HEUTE, meint er. Und das muss man erst mal schaffen. Gino Bartali war aber nicht nur ein populärer Sportsmann. Er war auch ein mutiger Katholik in der Zeit des Faschismus in Italien. Als er 1938 die Tour des France gewonnen hatte und auf dem Siegertreppchen in Paris stand, erwartete man vom ihm auch eine Grußadresse an den Duce Benito Mussolini.

O-Ton Alberto Tenan 2
Bartali kam (…) dann am Ende vor die Leute, er sagt: Ich muss eine sehr wichtige Person grüßen. Alle haben gedacht, dass er jetzt sagt Mussolini. Und er hat angefangen und gesagt: Sei gegrüßt Maria.

Der gläubige Radrennfahrer kam irgendwann in Kontakt mit dem katholischen Widerstand in der Toskana. Der Erzbischof von Florenz, Elia Dalla Costa, und der Rabbiner von Florenz, Nathan Cassuto, hatten ein Rettungsnetz geschaffen, um verfolgten Juden zu helfen. Erzbischof Dalla Costa war es dann, so heißt es, der Gino Bartali dazu brachte, dieses Rettungsnetz als Kurier zu unterstützen. 

O-Ton Alberto Tenan 3
 (…) Mit der Ausrede, sich z u trainieren, hat er zum Beispiel Dokumente (…) durch Italien gebracht mit dem Fahrrad.
(…) Damit die Juden Nord- und Mittelitalien verlassen und Süditalien erreichen, wo die Alliierten schon da waren.

Bei seinen Kurierfahren mit dem Rad hat er Passfotos, gefälschte Ausweise oder Passagierscheine transportiert, um Juden zu einer neuen Identität und zur Flucht zu verhelfen. Versteckt waren alle Dokumente in der Sattelstange seines Rads. Damit fuhr Bartali durch die von der Wehrmacht besetzte Toskana hin und her, zwischen Florenz, wo er wohnte, und Genua, Lucca, Certosa. Und immer wieder zwischen Florenz und Assisi, das fast 180 Kilometer von Florenz entfernt ist.

O-Ton Alberto Tenan 5
 (…) Für einen Sieger, einen Meister, der einen Giro d’Italia und zweimal die Tour de France gewonnen hat, war das kein Problem, Florenz–Assisi zu machen in einem Tag.
Assisi hat mehrere Gründe. Nicht nur in Rom, aber in ganz Mittelitalien hatte der Vatikan und die Katholische Kirche in Netz organisiert, um die Juden zu retten.
 (…) In Assisi war der Bischof Monsignore Nicolini, (…)  ein Freund von Bartali, und konnte sehr gut Juden verstecken. Es waren viele Klöster in Assisi. Und Assisi hatte eine gute Lage, weil, da konnte die Schmuggler aus den Abruzzen kommen und dann die Juden nach Süditalien begleiten.

Es wird geschätzt, dass Bartali durch seine Fahrten mindestens 800 Juden vor der Deportation und Ermordung gerettet hat. Nach seinem Tod im Jahr 2000 verlieh ihm der italienische Staatspräsident Carlo Ciampi 2005 posthum die goldene Ehrenmedaille für seinen humanitären Einsatz. 2013 wurde er von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt, für seine Beteiligung an der Rettung verfolgter italienischer Juden während des 2.  Weltkriegs. Seine Rettungsfahrten haben Gino Bartali in Italien den Beinamen „Radelnder Oskar Schindler“ eingebracht.

Musik

Im Jahr 2020 veröffentlichte dann Michele Sfarlatti, damals Direktor des Dokumentationszentrums zu jüdischer Zeitgeschichte in Mailand, seine Zweifel an der Legende vom radelnden Oskar Schindler. Bartalis Heldengeschichte stamme aus einem Buch aus dem Jahr 1978. Geschrieben hatte das Alexander Ramati, ein international tätiger Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent. Das Ganze war ein Bericht über die Hilfe für verfolgte Juden aus der Sicht eines Paters aus Assisi, Rufino Niccacci. Den hat es tatsächlich gegeben. In diesem Bericht seien Bartalis Name und seine Rettungsfahrten das erste Mal erwähnt worden. Außerdem enthalte er viele historische Fehler. Drittens deuteten die Aussagen ehemaliger Protagonisten des katholischen Widerstands in der Toskana eher auf einen gewissen Mario Finzi hin: Der soll als Kurier unterwegs gewesen sein. Finzi wurde im April 1944 in Bologna verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort getötet. Und nicht zu vergessen habe auch Aldo Brunacci, der in Assisi dafür zuständig gewesen war, Verstecke für Juden in den Klöstern der Stadt einzurichten und gefälschte Dokumente zu organisieren, abgewunken, so Sfarlatti,. Das Buch von Ramati sei ein Roman. Der Autor habe sicherlich ein Drehbuch für einen Film im Sinn gehabt und die Rolle von Bartali als Kurier einfach erfunden.

Musik

Dieser Meinung sind auch Marco Pivato, Historiker, und sein Sohn Stefano Pivato, Wissenschaftsjournalist. Der Titel ihres Buches aus dem Jahr 2021 bringt ihre Einschätzung auf den Punkt: „Die Besessenheit von der Erinnerung. Bartali und die Rettung der Juden: eine erfundene Geschichte.“ Dabei stoßen sich die Pivatos wie auch Sfarlatti vor allem daran, dass es keine schriftlichen Belege für Bartalis Rettungstaten gibt. Was nicht verwunderlich ist: Bartali hat angeblich nicht einmal über seine Aktivitäten GESPROCHEN. Auf eine Frage seiner Enkelin soll er dazu später gesagt haben: „Gutes tut man und spricht nicht darüber“. Niemand habe deshalb zu seiner Zeit etwas von seinen Rettungsfahrten gewusst: Davon ist auch Alberto Tenan überzeugt:

O-Ton Alberto Tenan 6
In seiner Familie niemand. Sogar die Frau nicht, in der Zeit.

Grund dafür ist für Alberto Tenan dabei nicht allein das, was man vielleicht mit „Bescheidenheit“ oder „Anstand“ umschreiben könnte.

O-Ton Alberto Tenan 7
Auch aufgrund der Sicherheitsgründe. Niemand musste das wissen. Je weniger Leute, desto besser.
 
Heute kennt jeder die Geschichte von Gino Bartali. Vor allem auch deswegen, weil es Zeitzeugen gibt, die Bartalis Rettungstaten betätigen. Beispielsweise Giorgio  Goldenberg. Dessen Zeugenaussage hat die US-amerikanische Stiftung zur Aufarbeitung der Rolle Italiens bei der Judenverfolgung aufgezeichnet. Sie ist im Internet zu sehen.

O-Ton Giorgio Goldenstein
When I went to school that day I saw my teacher telling the principal that I am a Jew. This child he's a Jew. And then the principal came to me together with a policeman. And they told me that from that moment, I am expelled from the school and I have to go home. (...) My father was a friend of Gino Bartali. And he told Bartali that he is looking for a place to hide. And Bartali hid my father, my mother and my sister in the basement in his house. Inspite of knowing that the Germans were killing everybody who was hiding a Jew.

Voiceover
Als ich an einem Tag zur Schule ging, sah ich, wie meine Lehrerin dem Direktor sagte, dass ich Jude sei. Und dann kam der Direktor zusammen mit einem Polizisten zu mir. Und sie sagten mir, dass ich von diesem Moment an von der Schule verwiesen werde und nach Hause gehen muss. Mein Vater war ein Freund von Gino Bartali. Und er sagte Bartali, dass er ein Versteck sucht. Und Bartali versteckte meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester in einem Keller seines Hauses. Obwohl er wusste, dass die Deutschen jeden töteten, der einen Juden versteckte.
 
Eine ganze Reihe von Zeitzeugen haben die Gedenkstätte Yad Vashem davon überzeugt, dass die Rettungstaten von Gino Bartali tatsächlich stattgefunden haben. Auf die Nachfrage, was man von der Einschätzung der italienischen Historiker halte, kam von Yad Vashem folgende Antwort: Man beurteile andere Forschungsinstitute nicht. Yad Vashem stütze sich bei allen Entscheidungen stets auf die Aussagen von Überlebenden und nicht auf akademische Werke. Und man habe festgestellt. dass Bartali sehr stark in die Rettungsbemühungen des Netzwerks von Kardinal Dalla Costa in Florenz involviert war. Das belegten Zeugenaussagen von Personen, die seine Hilfe in Anspruch nahmen.
 
Zeitzeugen seinen zwar wichtig, räumt Michele Sfarlatti ein, reichten aber – auch  im Fall Bartali - nicht aus. Erinnerungen seien ein lebendiger Organismus, der sich mit der Zeit verändere und trügerisch sein könne. Auch sein Nachfolger im Amt als Direktor des Dokumentationszentrums jüdischer Zeitgeschichte in Mailand, Gadii Luzzatto Voghera, sieht das so.

O-Ton Gadi Luzzatto Voghera
Le considerazioni di Michele Sarfatti, sia le tesi proposte dal libro di Stefano privato e Marco privato l'ossessione della memoria ci sembrano molto attendibili, avendo documentato altre testimonianze di seconda o di terza mano, non sembrano supportate da sufficiente documentazione.

Voiceover
Die Überlegungen von Michele Sarfatti als auch die Thesen in dem Buch von Stefano Pivato und Marco Pivato scheinen sehr zuverlässig und gut dokumentiert zu sein. Andere Berichte aus zweiter und dritter Hand scheinen nicht ausreichend dokumentiert zu sein.

Was er denn von den Rechercheergebnissen von Yad Vashem halte? Dazu wollte sich Gadi Luzzatto Voghera ebenfalls nicht äußern. Ob er persönlich denn glaube, dass die Rettungsgeschichte von Gino Bartali tatsächlich erfunden ist?

O-Ton Gadi Luzzatto Voghera
Non concordo con la parola inventata un'invenzione prevede un atto cosciente e creativo di uno o più persone che a tavolino si mettono a costruire qualcosa di completamente nuovo e inedito. Nel caso di Bartali credo più semplicemente che si tratti di un racconto che si è formato nel tempo arricchendosi di particolari, una narrazione che è diventata reale già solo per il fatto che è stata raccontata.

Voiceover
Ich bin mit dem Wort "erfunden" nicht einverstanden. Eine Erfindung ist ein bewusster und schöpferischer Akt. Im Fall von Bartali glaube ich eher, dass es sich um eine Erzählung handelt, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet und mit Details angereichert hat, eine Erzählung, die allein durch die Tatsache, dass sie erzählt wurde, real geworden ist.

Was ist denn nun die Realität? Mehr als wahrscheinlich ist, dass Gino Bartali tatsächlich ein Retter verfolgter Juden war und darum „Gerechter unter den Völkern“ ist. Wobei man möglicherweise einige Details der Geschichte, die man sich über ihn erzählt, dazugedichtet hat. Könnte sein. Wie auch immer: Das Magazin Der Spiegel hat die Person Gino Bartali einmal sehr kurz und sehr schön beschrieben: Beine aus Stahl, Herz aus Gold.