Romantik pur: Malerkolonie Ferch am Schwielowsee OMG 11
Kunst zwischen Natur und Rückzug vom Großstadtleben
05.06.2026 16 min
Zusammenfassung & Show Notes
Ferch am Schwielowsee wurde vor über 100 Jahren für Künstler zu einem wichtigen Ort der Inspiration. Diese Folge erzählt die Geschichte der Havelländischen Malerkolonie in Ferch, der Suche nach Natur und die Abkehr vom hektischen Stadtleben. Eine Episode über Kunst, Naturbeobachtung und den bewussten Bruch mit Konventionen.
Die Havelländische Malerkolonie in Ferch am Schwielowsee
Atmo Vogelgezwitscher
Ungefähr 30 Kilometer westlich von Berlin und am Ende des Schwielowsees liegt der kleine Ort Ferch. Am Ortsrand weiter nach Westen erhebt sich, ein wenig jedenfalls, eine hügelige, waldreiche Moränenlandschaft Richtung Havelland, mit der höchsten Erhebung weit und breit, dem Wietkiekenberg. „Wiet kieken“ heißt „weit sehen“ auf Hochdeutsch, so weit das eben bei einer Höhe von 125 Metern möglich ist. Was man dann sieht, ist schön. Wie gemalt, könnte man sagen. Und früher war es noch schöner, erzählt Steffie Marquardt bei einem Rundgang durch den Ort. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie.
O-Ton Marquardt
Na, Ferch war ein (…) kleines, armes Fischerdorf, und die Häuser waren sehr einfach. Die (…) Gartenzäune m Teil so ein bisschen zusammengefallen. Dahinter blüht es wild durcheinander. Und das waren eben schöne Motive für die Berliner Maler, die also die Idylle auch ein bisschen gesucht haben. Also (…) im Hintergrund eben immer wieder der See. Und ja, ich sag mal, also dieses einfache, diese hoppelige Dorfstraße, ein alter Sandweg, (…) die Backöfen, wo die Leute dann gemeinsam ihr Brot gebacken haben.
Atmo
Diese Idylle zog irgendwann Maler und Malerinnen an, erst nur zwei, dann immer mehr. Es entstand das, was schon 1926 die Havelländische „Malerkolonie“ genannt wurde. Ein genaues Gründungsjahr wie bei manchen anderen Künstlerkolonien gibt es nicht. Die Kolonie war immer „nur“ eine lose Ansammlung von Künstlern. Die ersten kamen einfach irgendwann hierher, vorneweg Karl Hagemeister und sein Freund Carl Schuch. Erzählt Carola Pauly, die Fördervereins- Vorsitzende.
O-Ton Pauly
Die ersten Künstler, (…) Karl Hagemeister, Carl Schucht, die kamen 1878 hierher nach Ferch und alle anderen dann ab 1900 und verstärkt dann eben, seit es die Bahnanbindung und die Anbindung mit dem Dampfer hierher nach Ferch gab. Denn Ferch war sehr abgeschieden, war auch, wie es Karl Hagemeister beschreibt, etwas heruntergekommen. so dass es sicherlich nicht die erste Wahl war, um hier zu leben, aber die erste Wahl, um eben eine unberührte Natur zu finden.
Atmo
O-Ton Marquardt
Hagemeister ist im Grunde ein sehr bekannter Maler, der also auch schon zu Lebzeiten sehr bekannt war. Die Nationalgalerie hatte schon mein Bild von ihm schon erworben. Er war also war mit Bildern in Ausstellungen vertreten, sowohl in Berlin als auch in München im Glaspalast. Er hat aber selbst, also wenn er hier draußen war, also sehr zurückgezogen gelebt. Er wollte malen, wollte seine Ruhe haben.
Und der Enge des akademischen Kunstbetriebs entkommen, ergänzt Steffie Marquardt. An der Preußischen Akademie der Künste in Berlin herrschten nämlich feste Regeln: gemalt wurde im Atelier, und zwar hauptsächlich Historienbilder oder mythologische und religiöse Themen. Und es gab genaue technische Vorgaben für die Komposition und den Stil von B ildern. Dieses akademische Korsett war vor allem vielen junge Künstlern zu eng. Sie wollten im Wortsinne raus aus dieser Enge und an die frische Luft. Übrigens nicht nur in Berlin, überall in Europa wurde Im späten 19. Jahrhundert die Freilichtmalerei populär. Künstlerkolonien entstanden, die erste in Barbizon südlich von Paris, die erste in Deutschland in Willingshausen im hessischen Rotkäppchenland, oder später die in Worpswede am Teufelsmoor.
Die meisten Maler der Fercher Kolonie hatten an Akademien studiert, oft in Berlin. Sie lehnten die Ausbildung nicht komplett ab. Sie wollten nur freier arbeiten, als die Akademien es erlaubten. Dass sie dabei in Ferch landeten, hatte verschiedene Gründe: Der Schwielowsee war nicht weit weg von Berlin und bot reichlich Motive für Landschaftsmalerei: Wasserflächen mit Spiegelungen, Kiefernwälder und märkische Hügel oder kleine Fischerhäuser und das Dorfleben. Außerdem war dieses Leben im Dorf günstiger und ruhiger als in der Stadt. Und man hatte reichlich Platz zum Arbeiten. Steffie Marquardt.
O-Ton Marquardt
Und das war es eben, ne, also dieses, diese kleinen Dörfchen eben. , ne, die so, also wie,Na ja, also wie hinter den 7 Bergen, ne, nichtbei den 7 Zwergen. Also Zwerge waren es nicht, aber so, ne, dieses Abgeschiedene, wo es in Berlin ja schon, also die Industrialisierung ging voran, das boomte dort. Da wurden riesen Wohnsiedlungen gebaut, schöne Villenviertel, aber eben auch die Mietskasernen, und ja, hierher hat man sich dann auch gerne zurückgezogen.
Karl Hagemeister, wie gesagt, als erster.
O-Ton Marquardt
Also geboren ist er ja in Werder, dann hat er zwischendurch ein paar Jahre in Ferch gewohnt, hatte mit Carl Schuch also sozusagen einen, ja, Briefwechsel und hat ihn nach Ferch eingeladen. So, Carl Schuch lebte ja in Süddeutschland und war bezaubert also von diesem Ort Ferch, von dieser ganzen Umgebung hier und kam zwei Sommer und hat also Karl Hagemeister sozusagen hier in Ferch besucht.
Um mit seinem Freund ungestört und in Ruhe und gleichermaßen beseelt von der Schönheit des Ortes zu malen. Was sie malten?
O-Ton Marquardt
Na, Landschaftsbilder, vorrangig eben, ne?. Also immer wieder mit dem Wasser verbunden, auch Wald. Dann waren Viele der Maler auch haben auch figürlich gemalt. Also die haben praktisch auch die die armen Leute, die hier lebten, gemalt, porträtiert eben, ne.
Aber, wie gesagt: hauptsächlich das malerische Ambiente. Dazu gehörte immer wieder auch der Wiesensteg, eine Brücke am Ortsrand über einen feuchten Wiesengrund.
Atmo
O-Ton Marquardt
Und wenn wir uns nach links drehen, ist hier der berühmte Wiesensteg. Also ich glaube, es gibt keinen Maler, der in Ferch war, der nicht diesen Wiesensteg gemalt hat. Interessant ist natürlich, weil man sich heute fragt: Wo ist denn hier die Wiese? Also, Schüler haben mich das gefragt. Die Wiese gibt es nicht mehr, sondern man hat es irgendwann der Natur überlassen, weil, die Wiesen waren sowieso morastig, also schwer zu bewirtschaften. Ja, und die Natur holt sich im Grunde genommen dann ihr Gebiet zurück, und jetzt ist hier ein schöner Erlenbruch entstanden.
Auch schön. Weniger schön war, dass und wie die Freundschaft der Pioniere Hagemeister und Schuch den Bach runter ging. Der Grund war, dass Hagemeister angefangen hatte, sich beim Malen verstärkt den wechselnden Lichtstimmungen und Bewegungen in der Natur zu widmen. Statt mit den bisher üblichen erdigen Farbtönen arbeitete er jetzt mit lichten Farben. Das hatte nichts mehr mit Schuchs Kunstverständnis zu tun. Den beiden Pionieren folgten vor allem Landschafts-Malschüler an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin nach.
O-Ton Pauly 3
Die nächsten Generationen, das waren die Malschüler von Eugen Bracht, die sich alle untereinander kannten, die hierher kamen regelmäßig zum Malen kamen. Einige kauften sich eben ihre Häuser und ließen sich hier nieder, andere fuhren eben einfach wieder zurück nach Berlin. (…) Auch die Mitglieder des Vereins Berliner Künstler haben regelmäßig Ausflüge hierher gemacht, und natürlich kannten sie sich alle.
Das war es allerdings auch schon. Die Fercher waren ein loser Haufen Farb- und Frischluftfreunde. Es gab beispielsweise keine Gaststätte oder ein einen anderen Ort, an dem sich die Maler selbstverständlich trafen. So wie beispielsweise das Künstlerstübchen in der ersten deutschen Malerkolonie in Willinghausen. Obwohl: Einen Ort gab es irgendwann schon, der für gemeinsame Treffen wie geschaffen war: Der war auf Initiative des Malers Wilhelm Weick entstanden.
O-Ton Marquardt
Familie Weick hatte neben der Malerei (…) auch ein Restaurant betrieben. Weil, wie vorhin festgestellt, es kamen ja viele Berliner im Sommer, die Berliner fahren ja gerne ins Jrüne, So, und die kamen raus und da hat man sich gedacht, na, denen kann auch geholfen werden, so Kaffee und Kuchen, bisschen Restaurantbetrieb, also das ist schon ganz interessant, dass die oft mehrere Standbeine hatten.
Die Maler, meint Steffie Marquardt. Die hier in Ferch irgendwie finanziell über die Runden kommen mussten. Das Problem hatten sie hier wie die anderen Malerkolonien auch: nämlich die entstandenen Bilder zu verkaufen. Dabei half sozusagen die Nähe zum Publikum: Denn immer mehr Berliner Ausflügler kamen nach Ferch ins Grüne, auch um sich die Maler und ihre Bilder anzuschauen.
O-Ton Marquardt
Also das ging im Grunde genommen, ich sag mal so, um 1900 oder nach 1900 los, weil, die Eisenbahnlinie nach zwischen Berlin und Potsdam bestand ja schon, und 1908 wurde dann die Eisenbahnlinie von Potsdam nach, also heute geht sie nach Jüterbog, damals, glaube ich, ging es bis Beelitz, eröffnet, so dass man also Ferch gut erreichen konnte. Dann gab es schon im Sommer wirklich auch den Dampferverkehr. Also damals waren es ja noch richtig schöne Dampfer gewesen, so dass also die Leute aus Berlin dann kamen. Sie folgten auch den Malern nach, das hat sich rumgesprochen.
Wobei Verkäufe an Ausflügler eher die Ausnahme waren. Verlässlicher waren dann doch die Kontakte zu Galeristen in Berlin.
O-Ton Marquardt
Die Maler wollten malen. Sie waren also im Grunde genommen keine Verkäufer. Und wenn die nicht einen Galeristen in Berlin hatten, wie zum Beispiel Paul Cassirer, der dann also diese Bilder auch verkauft hat, war es schwierig. Er hat natürlich auch für die Maler das Thema vorgegeben, weil der wollte natürlich immer Bilder haben, die gut verkäuflich waren.
Dazu kam, dass der schon erwähnte Maler Wilhelm Weick, der mit dem Café, ein Glücksfall für die Kolonie wurde. Der malte und wohnte nicht nur in Ferch.
O-Ton Marquardt
Bei der Familie Weick war das Besondere, dass also der Maler Wilhelm Weick das elterliche Antiquitätengeschäft in Berlin-Schöneberg übernommen hat und dort auch Bilder aus Ferch verkauft hat, also von seinen Malerkollegen. Und das waren dann so die Quellen. Also, wo man die Bilder wirklich auch gut und sicher absetzen konnte, weil, viele Leute wollten gerne diese Idylle auch erleben und sich zu Hause ins Wohnzimmer hängen.
Atmo
Bevor sie Bilder verkaufen konnten, mussten viele der genannten Malerkollegen ans Werk gehen. Das bedeutet für die, die nicht fest im Ferch wohnte, erst einmal, ein Quartier zu finden. Und ein bezahlbares dazu. So entstand die Idee einer Malerherberge. Die kam zwar nie zustande, aber das Gebäude dafür gibt es immer noch, heute das Restaurant und Gartenlokal Haus am See.
O-Ton Marquardt
Also wir stehen jetzt vor einem Haus, das ist das Haus am See, heute Hotel und Restaurant und das geht auf eine Idee von Max Arenz zurück, (…)
Mehrer Maler, unter ihnen Carl Goebel, planten hier dann im Grunde genommen auch, also ein Atelierhaus, in dem also Künstler auch Ateliers sozusagen anmieten konnten und dort im Sommer malen konnten. Und wie gesagt, also er hatte das damals eben dieses (…) Haus wohl gekauft, dieses ursprüngliche Haus, und das sollte erweitert werden. Und (…) es hat dann den einen Antrag eingereicht gegeben. Der wurde aber abgelehnt in dieser Sache. Und ja, Später, 1921, hat dann Carl Goebel also im Grunde das Haus weiter ausgebaut (…) für Ausflügler, Vereins- und Familienfeiern mit einer guten Küche und großem Gastgarten. Und ja, also dass man hier dann mehr oder weniger die Gäste aus Berlin dann also versorgen konnte und damit sie hier einen schönen Nachmittag erleben.
Den kann man heute auch erleben heute bei einem Besuch des Museums der Havelländischen Malerkolonie. Eröffnet wurde das vor rund 20 Jahren, erzählt die Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie Carola Pauly:
O-Ton Pauly
Im Jahre 2002 gründete sich (…) der Förderverein Havelländische Malerkolonie mit dem Ziel, hier in Ferch ein Museum mit Kunstwerken der Künstler der Havelländischen Malerkolonie zu eröffnen. Im gleichen Jahr kaufte damals noch die Gemeinde Ferch dieses Haus (…) in sehr heruntergekommenem Zustand an und übergab es quasi dem Förderverein, um darin das Museum zu errichten.
Zu sehen ist hier u. a. auch eine eigene Sammlung des Museums, die aus Dauerleihgaben besteht, aus Schenkungen, aus eigenen Ankäufen und Bildern, die dem Museum testamentarisch hinterlassen worden sind.
O-Ton Pauly
Auf jeden Fall, sie sind alle dem deutschen Impressionismus zuzurechnen, der sich ja so ein bisschen von dem sehr na ja, abstrakteren französischen Impressionismus dadurch unterscheidet, dass man wirklich die die Landschaften noch sehr deutlich erkennen kann.
Und man erfährt etwas über die Maler und Malerkolonie selbst, die ja schon irgendwie anders war als die, die man sonst kennt.
O-Ton Pauly
Also das Besondere unserer Malerkolonie ist auch, dass sie über viele Jahrzehnte bestand. Anders als es in anderen Künstlerkolonien ist, wo es dann einen abgegrenzten Zeitraum gibt, kamen immer wieder Künstler hierher, und wir haben ja auch heute noch eine Künstlerszene hier in Schwielowsee, so dass man eben auch sagen kann: Unabhängig davon, wie viele Künstler wir hier nachweisen können, können wir sie auch über viele Jahrzehnte hier nachweisen. Und es gibt ja auch sozusagen Künstlernachwuchs, ja, natürlich. Also wir haben hier in Ferch mehrere Künstler, wir haben die Waldgalerie, wir haben in Caputh eine sehr, ja, agile Künstlerszene, (…) die gesamte Region bis nach Werder hin zieht auch heute die Künstler an. Und die Keimzelle ist natürlich Ferch, wer zweifelt daran.
Niemand. Weil Ferch so schön war und ist, wie es die Orte Worspswede oder Willingshausen oder anderer Künstlerkolonien auch waren.
O-Ton Pauly
ich denke, warum andere nicht so lange aktiv waren, liegt zum einen darin, dass sich da Künstler thematisch zusammengefunden haben. Also, wenn ich zum Beispiel an Murnau denke, an den Blauen Reiter, die wo die ja dann irgendwann die Künstler auseinander gegangen sind, weil sie eine andere Richtung eingeschlagen haben. Viele Künstlerkolonien sind auch mit dem, ich formulier es jetzt, also mit dem Deutschen Reich untergegangen, also ab 1930, (…) oder 1933, weil viele Künstler Berufsverbot hatten, die der eine oder andere ins Exil gegangen ist, oder sie sich halt einfach zurückgezogen haben. Und hier bei uns war es, glaube ich, ein bisschen anders. Dadurch, dass diese Künstlerkolonie so ein kleines bisschen unter dem Radar von denjenigen, die entscheiden wollten, was entartet ist oder nicht, gelaufen ist, konnten sich eben hier (…) Künstler einfach zurückziehen, für sich sein. Und dadurch ist sie nicht so ganz zum Erliegen gekommen. Und wahrscheinlich ist es dann auch einfach die Nähe zu Berlin, zur Akademie und zu dieser Künstlerszene, dass dann später eben die Künstler auch hierher zurückgekehrt sind. (…) Es ist weiterhin eben die Nähe zu Berlin, die die Künstler hierherzieht.
Die Havelländische Malerkolonie in Ferch am Schwielowsee
Atmo Vogelgezwitscher
Ungefähr 30 Kilometer westlich von Berlin und am Ende des Schwielowsees liegt der kleine Ort Ferch. Am Ortsrand weiter nach Westen erhebt sich, ein wenig jedenfalls, eine hügelige, waldreiche Moränenlandschaft Richtung Havelland, mit der höchsten Erhebung weit und breit, dem Wietkiekenberg. „Wiet kieken“ heißt „weit sehen“ auf Hochdeutsch, so weit das eben bei einer Höhe von 125 Metern möglich ist. Was man dann sieht, ist schön. Wie gemalt, könnte man sagen. Und früher war es noch schöner, erzählt Steffie Marquardt bei einem Rundgang durch den Ort. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie.
O-Ton Marquardt
Na, Ferch war ein (…) kleines, armes Fischerdorf, und die Häuser waren sehr einfach. Die (…) Gartenzäune m Teil so ein bisschen zusammengefallen. Dahinter blüht es wild durcheinander. Und das waren eben schöne Motive für die Berliner Maler, die also die Idylle auch ein bisschen gesucht haben. Also (…) im Hintergrund eben immer wieder der See. Und ja, ich sag mal, also dieses einfache, diese hoppelige Dorfstraße, ein alter Sandweg, (…) die Backöfen, wo die Leute dann gemeinsam ihr Brot gebacken haben.
Atmo
Diese Idylle zog irgendwann Maler und Malerinnen an, erst nur zwei, dann immer mehr. Es entstand das, was schon 1926 die Havelländische „Malerkolonie“ genannt wurde. Ein genaues Gründungsjahr wie bei manchen anderen Künstlerkolonien gibt es nicht. Die Kolonie war immer „nur“ eine lose Ansammlung von Künstlern. Die ersten kamen einfach irgendwann hierher, vorneweg Karl Hagemeister und sein Freund Carl Schuch. Erzählt Carola Pauly, die Fördervereins- Vorsitzende.
O-Ton Pauly
Die ersten Künstler, (…) Karl Hagemeister, Carl Schucht, die kamen 1878 hierher nach Ferch und alle anderen dann ab 1900 und verstärkt dann eben, seit es die Bahnanbindung und die Anbindung mit dem Dampfer hierher nach Ferch gab. Denn Ferch war sehr abgeschieden, war auch, wie es Karl Hagemeister beschreibt, etwas heruntergekommen. so dass es sicherlich nicht die erste Wahl war, um hier zu leben, aber die erste Wahl, um eben eine unberührte Natur zu finden.
Atmo
O-Ton Marquardt
Hagemeister ist im Grunde ein sehr bekannter Maler, der also auch schon zu Lebzeiten sehr bekannt war. Die Nationalgalerie hatte schon mein Bild von ihm schon erworben. Er war also war mit Bildern in Ausstellungen vertreten, sowohl in Berlin als auch in München im Glaspalast. Er hat aber selbst, also wenn er hier draußen war, also sehr zurückgezogen gelebt. Er wollte malen, wollte seine Ruhe haben.
Und der Enge des akademischen Kunstbetriebs entkommen, ergänzt Steffie Marquardt. An der Preußischen Akademie der Künste in Berlin herrschten nämlich feste Regeln: gemalt wurde im Atelier, und zwar hauptsächlich Historienbilder oder mythologische und religiöse Themen. Und es gab genaue technische Vorgaben für die Komposition und den Stil von B ildern. Dieses akademische Korsett war vor allem vielen junge Künstlern zu eng. Sie wollten im Wortsinne raus aus dieser Enge und an die frische Luft. Übrigens nicht nur in Berlin, überall in Europa wurde Im späten 19. Jahrhundert die Freilichtmalerei populär. Künstlerkolonien entstanden, die erste in Barbizon südlich von Paris, die erste in Deutschland in Willingshausen im hessischen Rotkäppchenland, oder später die in Worpswede am Teufelsmoor.
Die meisten Maler der Fercher Kolonie hatten an Akademien studiert, oft in Berlin. Sie lehnten die Ausbildung nicht komplett ab. Sie wollten nur freier arbeiten, als die Akademien es erlaubten. Dass sie dabei in Ferch landeten, hatte verschiedene Gründe: Der Schwielowsee war nicht weit weg von Berlin und bot reichlich Motive für Landschaftsmalerei: Wasserflächen mit Spiegelungen, Kiefernwälder und märkische Hügel oder kleine Fischerhäuser und das Dorfleben. Außerdem war dieses Leben im Dorf günstiger und ruhiger als in der Stadt. Und man hatte reichlich Platz zum Arbeiten. Steffie Marquardt.
O-Ton Marquardt
Und das war es eben, ne, also dieses, diese kleinen Dörfchen eben. , ne, die so, also wie,Na ja, also wie hinter den 7 Bergen, ne, nichtbei den 7 Zwergen. Also Zwerge waren es nicht, aber so, ne, dieses Abgeschiedene, wo es in Berlin ja schon, also die Industrialisierung ging voran, das boomte dort. Da wurden riesen Wohnsiedlungen gebaut, schöne Villenviertel, aber eben auch die Mietskasernen, und ja, hierher hat man sich dann auch gerne zurückgezogen.
Karl Hagemeister, wie gesagt, als erster.
O-Ton Marquardt
Also geboren ist er ja in Werder, dann hat er zwischendurch ein paar Jahre in Ferch gewohnt, hatte mit Carl Schuch also sozusagen einen, ja, Briefwechsel und hat ihn nach Ferch eingeladen. So, Carl Schuch lebte ja in Süddeutschland und war bezaubert also von diesem Ort Ferch, von dieser ganzen Umgebung hier und kam zwei Sommer und hat also Karl Hagemeister sozusagen hier in Ferch besucht.
Um mit seinem Freund ungestört und in Ruhe und gleichermaßen beseelt von der Schönheit des Ortes zu malen. Was sie malten?
O-Ton Marquardt
Na, Landschaftsbilder, vorrangig eben, ne?. Also immer wieder mit dem Wasser verbunden, auch Wald. Dann waren Viele der Maler auch haben auch figürlich gemalt. Also die haben praktisch auch die die armen Leute, die hier lebten, gemalt, porträtiert eben, ne.
Aber, wie gesagt: hauptsächlich das malerische Ambiente. Dazu gehörte immer wieder auch der Wiesensteg, eine Brücke am Ortsrand über einen feuchten Wiesengrund.
Atmo
O-Ton Marquardt
Und wenn wir uns nach links drehen, ist hier der berühmte Wiesensteg. Also ich glaube, es gibt keinen Maler, der in Ferch war, der nicht diesen Wiesensteg gemalt hat. Interessant ist natürlich, weil man sich heute fragt: Wo ist denn hier die Wiese? Also, Schüler haben mich das gefragt. Die Wiese gibt es nicht mehr, sondern man hat es irgendwann der Natur überlassen, weil, die Wiesen waren sowieso morastig, also schwer zu bewirtschaften. Ja, und die Natur holt sich im Grunde genommen dann ihr Gebiet zurück, und jetzt ist hier ein schöner Erlenbruch entstanden.
Auch schön. Weniger schön war, dass und wie die Freundschaft der Pioniere Hagemeister und Schuch den Bach runter ging. Der Grund war, dass Hagemeister angefangen hatte, sich beim Malen verstärkt den wechselnden Lichtstimmungen und Bewegungen in der Natur zu widmen. Statt mit den bisher üblichen erdigen Farbtönen arbeitete er jetzt mit lichten Farben. Das hatte nichts mehr mit Schuchs Kunstverständnis zu tun. Den beiden Pionieren folgten vor allem Landschafts-Malschüler an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin nach.
O-Ton Pauly 3
Die nächsten Generationen, das waren die Malschüler von Eugen Bracht, die sich alle untereinander kannten, die hierher kamen regelmäßig zum Malen kamen. Einige kauften sich eben ihre Häuser und ließen sich hier nieder, andere fuhren eben einfach wieder zurück nach Berlin. (…) Auch die Mitglieder des Vereins Berliner Künstler haben regelmäßig Ausflüge hierher gemacht, und natürlich kannten sie sich alle.
Das war es allerdings auch schon. Die Fercher waren ein loser Haufen Farb- und Frischluftfreunde. Es gab beispielsweise keine Gaststätte oder ein einen anderen Ort, an dem sich die Maler selbstverständlich trafen. So wie beispielsweise das Künstlerstübchen in der ersten deutschen Malerkolonie in Willinghausen. Obwohl: Einen Ort gab es irgendwann schon, der für gemeinsame Treffen wie geschaffen war: Der war auf Initiative des Malers Wilhelm Weick entstanden.
O-Ton Marquardt
Familie Weick hatte neben der Malerei (…) auch ein Restaurant betrieben. Weil, wie vorhin festgestellt, es kamen ja viele Berliner im Sommer, die Berliner fahren ja gerne ins Jrüne, So, und die kamen raus und da hat man sich gedacht, na, denen kann auch geholfen werden, so Kaffee und Kuchen, bisschen Restaurantbetrieb, also das ist schon ganz interessant, dass die oft mehrere Standbeine hatten.
Die Maler, meint Steffie Marquardt. Die hier in Ferch irgendwie finanziell über die Runden kommen mussten. Das Problem hatten sie hier wie die anderen Malerkolonien auch: nämlich die entstandenen Bilder zu verkaufen. Dabei half sozusagen die Nähe zum Publikum: Denn immer mehr Berliner Ausflügler kamen nach Ferch ins Grüne, auch um sich die Maler und ihre Bilder anzuschauen.
O-Ton Marquardt
Also das ging im Grunde genommen, ich sag mal so, um 1900 oder nach 1900 los, weil, die Eisenbahnlinie nach zwischen Berlin und Potsdam bestand ja schon, und 1908 wurde dann die Eisenbahnlinie von Potsdam nach, also heute geht sie nach Jüterbog, damals, glaube ich, ging es bis Beelitz, eröffnet, so dass man also Ferch gut erreichen konnte. Dann gab es schon im Sommer wirklich auch den Dampferverkehr. Also damals waren es ja noch richtig schöne Dampfer gewesen, so dass also die Leute aus Berlin dann kamen. Sie folgten auch den Malern nach, das hat sich rumgesprochen.
Wobei Verkäufe an Ausflügler eher die Ausnahme waren. Verlässlicher waren dann doch die Kontakte zu Galeristen in Berlin.
O-Ton Marquardt
Die Maler wollten malen. Sie waren also im Grunde genommen keine Verkäufer. Und wenn die nicht einen Galeristen in Berlin hatten, wie zum Beispiel Paul Cassirer, der dann also diese Bilder auch verkauft hat, war es schwierig. Er hat natürlich auch für die Maler das Thema vorgegeben, weil der wollte natürlich immer Bilder haben, die gut verkäuflich waren.
Dazu kam, dass der schon erwähnte Maler Wilhelm Weick, der mit dem Café, ein Glücksfall für die Kolonie wurde. Der malte und wohnte nicht nur in Ferch.
O-Ton Marquardt
Bei der Familie Weick war das Besondere, dass also der Maler Wilhelm Weick das elterliche Antiquitätengeschäft in Berlin-Schöneberg übernommen hat und dort auch Bilder aus Ferch verkauft hat, also von seinen Malerkollegen. Und das waren dann so die Quellen. Also, wo man die Bilder wirklich auch gut und sicher absetzen konnte, weil, viele Leute wollten gerne diese Idylle auch erleben und sich zu Hause ins Wohnzimmer hängen.
Atmo
Bevor sie Bilder verkaufen konnten, mussten viele der genannten Malerkollegen ans Werk gehen. Das bedeutet für die, die nicht fest im Ferch wohnte, erst einmal, ein Quartier zu finden. Und ein bezahlbares dazu. So entstand die Idee einer Malerherberge. Die kam zwar nie zustande, aber das Gebäude dafür gibt es immer noch, heute das Restaurant und Gartenlokal Haus am See.
O-Ton Marquardt
Also wir stehen jetzt vor einem Haus, das ist das Haus am See, heute Hotel und Restaurant und das geht auf eine Idee von Max Arenz zurück, (…)
Mehrer Maler, unter ihnen Carl Goebel, planten hier dann im Grunde genommen auch, also ein Atelierhaus, in dem also Künstler auch Ateliers sozusagen anmieten konnten und dort im Sommer malen konnten. Und wie gesagt, also er hatte das damals eben dieses (…) Haus wohl gekauft, dieses ursprüngliche Haus, und das sollte erweitert werden. Und (…) es hat dann den einen Antrag eingereicht gegeben. Der wurde aber abgelehnt in dieser Sache. Und ja, Später, 1921, hat dann Carl Goebel also im Grunde das Haus weiter ausgebaut (…) für Ausflügler, Vereins- und Familienfeiern mit einer guten Küche und großem Gastgarten. Und ja, also dass man hier dann mehr oder weniger die Gäste aus Berlin dann also versorgen konnte und damit sie hier einen schönen Nachmittag erleben.
Den kann man heute auch erleben heute bei einem Besuch des Museums der Havelländischen Malerkolonie. Eröffnet wurde das vor rund 20 Jahren, erzählt die Vorsitzende des Fördervereins Havelländische Malerkolonie Carola Pauly:
O-Ton Pauly
Im Jahre 2002 gründete sich (…) der Förderverein Havelländische Malerkolonie mit dem Ziel, hier in Ferch ein Museum mit Kunstwerken der Künstler der Havelländischen Malerkolonie zu eröffnen. Im gleichen Jahr kaufte damals noch die Gemeinde Ferch dieses Haus (…) in sehr heruntergekommenem Zustand an und übergab es quasi dem Förderverein, um darin das Museum zu errichten.
Zu sehen ist hier u. a. auch eine eigene Sammlung des Museums, die aus Dauerleihgaben besteht, aus Schenkungen, aus eigenen Ankäufen und Bildern, die dem Museum testamentarisch hinterlassen worden sind.
O-Ton Pauly
Auf jeden Fall, sie sind alle dem deutschen Impressionismus zuzurechnen, der sich ja so ein bisschen von dem sehr na ja, abstrakteren französischen Impressionismus dadurch unterscheidet, dass man wirklich die die Landschaften noch sehr deutlich erkennen kann.
Und man erfährt etwas über die Maler und Malerkolonie selbst, die ja schon irgendwie anders war als die, die man sonst kennt.
O-Ton Pauly
Also das Besondere unserer Malerkolonie ist auch, dass sie über viele Jahrzehnte bestand. Anders als es in anderen Künstlerkolonien ist, wo es dann einen abgegrenzten Zeitraum gibt, kamen immer wieder Künstler hierher, und wir haben ja auch heute noch eine Künstlerszene hier in Schwielowsee, so dass man eben auch sagen kann: Unabhängig davon, wie viele Künstler wir hier nachweisen können, können wir sie auch über viele Jahrzehnte hier nachweisen. Und es gibt ja auch sozusagen Künstlernachwuchs, ja, natürlich. Also wir haben hier in Ferch mehrere Künstler, wir haben die Waldgalerie, wir haben in Caputh eine sehr, ja, agile Künstlerszene, (…) die gesamte Region bis nach Werder hin zieht auch heute die Künstler an. Und die Keimzelle ist natürlich Ferch, wer zweifelt daran.
Niemand. Weil Ferch so schön war und ist, wie es die Orte Worspswede oder Willingshausen oder anderer Künstlerkolonien auch waren.
O-Ton Pauly
ich denke, warum andere nicht so lange aktiv waren, liegt zum einen darin, dass sich da Künstler thematisch zusammengefunden haben. Also, wenn ich zum Beispiel an Murnau denke, an den Blauen Reiter, die wo die ja dann irgendwann die Künstler auseinander gegangen sind, weil sie eine andere Richtung eingeschlagen haben. Viele Künstlerkolonien sind auch mit dem, ich formulier es jetzt, also mit dem Deutschen Reich untergegangen, also ab 1930, (…) oder 1933, weil viele Künstler Berufsverbot hatten, die der eine oder andere ins Exil gegangen ist, oder sie sich halt einfach zurückgezogen haben. Und hier bei uns war es, glaube ich, ein bisschen anders. Dadurch, dass diese Künstlerkolonie so ein kleines bisschen unter dem Radar von denjenigen, die entscheiden wollten, was entartet ist oder nicht, gelaufen ist, konnten sich eben hier (…) Künstler einfach zurückziehen, für sich sein. Und dadurch ist sie nicht so ganz zum Erliegen gekommen. Und wahrscheinlich ist es dann auch einfach die Nähe zu Berlin, zur Akademie und zu dieser Künstlerszene, dass dann später eben die Künstler auch hierher zurückgekehrt sind. (…) Es ist weiterhin eben die Nähe zu Berlin, die die Künstler hierherzieht.