Wann erwacht Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser? OMG 03
Wie ein deutscher Kaiser zum Mythos wurde
26.03.2026 17 min
Zusammenfassung & Show Notes
Unter dem Kyffhäuserdenkmal in Thüringen schläft der Sage nach Kaiser Friedrich Barbarossa, um eines Tages zurückkehren. Die Folge untersucht, wie diese Sage entstand, welche politischen Interessen dahinter stecken und warum sie im 19. Jahrhundert nationale Bedeutung erhielt.
Der Kyffhäuser-Mythos und der alte Barbarossa
Anmoderation
Der Kyffhäuser ist ein Mittelgebirge südlich des Harzes, in Thüringen.
Im Nordosten steht hier das Kyffhäuserdenkmal. Gebaut wurde der Riesenklotz zu Ehren Kaiser Wilhelms I., nach dessen Tod. Dennoch wurde es mehr und mehr zur sagenumwobenen Gedenkstätte für Kaiser Friedrich Barbarossa, der 700 Jahre vorher gestorben war. Wie ist dieser Mythos um Kaiser Barbarossa entstanden? Wie und durch wen hat er immer mehr Fahrt aufgenommen? Und was ist davon übrig geblieben, und was bis heute am Kyffhäuserdenkmal und drum herum davon zu sehen? Diesen Fragen ist Bernd Geisen nachgegangen.
Beitrag
Marschmusik
So in etwa sieht auch das Kyffhäuser-Denkmal aus: pompös, soldatisch und, ja, hochtrabend. Dieses Kyffhäuser-Denkmal, das eigentlich ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal ist, steht im Kyffhäusergebirge. Das liegt südlich vom Harz, nicht weit weg von Orten mit so schönen Namen wie Nordhausen, Sondershausen oder Sangershausen. Das Denkmal selbst sieht so aus: Oben drauf ist die Kaiserkrone, darunter gibt es ein kupfernes Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I., siehe hochtrabend. Und darunter dann eine aus Sandstein gemeißelte Figur Kaiser Friedrichs I. Der alte Kaiser auf dem Pferd wurde zu seiner Zeit gern mal Barbablanca genannt, Weißbart. Der unten auf den Sockel ist als Rotbart in die Geschichte eingegangen: der Staufer Friedrich Barbarossa.
Kaiser Wilhelm I. starb im Jahr 1888. Aus diesem Grunde wurde ihm hier ein Denkmal gebaut. Für die Gestaltung gab es ein Preisausschreiben - nur für deutsche Künstler. Darin heißt es, dass das Denkmal der weit sichtbaren Lage des Standortes entsprechen sollte. Bauplatz war der Kyffhäuserburgberg, genau auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen. Die war immerhin irgendwann einmal eine Stauferburg gewesen, das passte zumindest zu Barbarossa. Und die künstlerische Gestaltung sollte sich an einer militärischen Auffassung orientieren. Das tut sie.
Marschmusik kurz
Den Zuschlag bekam ein Spezialist für das ganz große Kino, so würde man heute dazu sagen. Auch wenn sein Name das nicht vermuten lässt: Bruno Schmitz. Der hat danach auch die Porta Westfalica und ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkriegs das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gebaut. Wie diese beiden ist auch das Kyffhäuser-Denkmal von seinen Ausmaßen her überwältigend. Allein der Turm der Anlage ist über 80 Meter hoch. Wie so oft in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II., dem Nach-Nachfolger Wilhelms I., „zeugen Gestaltung und Ausmaße auch des Kyffhäuser-Denkmals nicht unbedingt von Selbstgewissheit und Zukunftssicherheit“. Schreibt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Sie seien vielmehr „eher Ausdruck der Angst vor äußeren und vor inneren Feinden“. Gegen die sollte Barbarossa helfen. Daher kam seine Figur mit aufs Denkmal, allerdings nur ganz unten.
Dieser Friedrich I. Barbarossa war im Jahr 1155 zum deutschen Kaiser gekrönt worden, vor gut 900 Jahren also. Er war der erste in insgesamt 130 Jahren Staufer-Herrschaft über weite Teile Mittel- und Südeuropas. Und ausgerechnet dieser strahlende Kaiser Friedrich Barbarossa stirbt unerwartet auf dem dritten Kreuzzug am 10. Juni 1190, erzählt Dr. Peter Glasner. Er ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität.
O-Ton Peter Glasner 1
Friedrich Barbarossa ist eben ein ganz mit großer Fama versehener Kaiser. Und der ist dann auch noch auf dem Kreuzzug im Fluss Saleph ertrunken, hat also ein abruptes Ende genommen. Dadurch war auf einmal auch dieses Kreuzzugsunternehmen kopflos und eben auch die ganze Regentschaft.
Und das ist glaube ich auch ein guter Nährboden für Mythenbildung, dieses völlig unverständige plötzliche Verschwinden. Und das verbindet sich dann auch mit Sehnsüchten, Hoffnungen der Wiederkehr und vielleicht eben auch der Eignung als Projektionsfläche für eine ideale Regentschaft.
Als Vorbild für eine ideale Regentschaft hätte man Barbarossa nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 gut gebrauchen können, wenn wenigstens sein Grab in der Heimat gewesen wäre. Darum brach schon drei Jahre nach der Gründung eine Expedition deutscher Wissenschaftler in den nahen Osten auf: im Auftrag Fürst Bismarcks und unter der Leitung des Historikers Johann Nepomuk Sepp. Man vermutete nämlich die sterblichen Überreste von Friedrich Barbarossa in der Kathedrale der Hafenstadt Tyros im Libanon. Er sollte den Heldenhaften ins Deutsche Reich zurückbringen. Die Absicht dahinter war auch Sepp klar. Er schreibt im Vorwort seines Reiseberichts:
„[Die] Zurückführung der Überreste des alten Barbarossa [wird] die deutsche Nation in heilige Begeisterung versetzen. Welch ein Triumphzug, unseren größten Kaiser in den Kölner Dom zu übertragen, der als Sinnbild des längst in’s Stocken geratenen alten Reiches beim Aufbaue des neuen sich vollendet!“
Barbarossa-Lied
Die Expedition kam aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Anstelle eines Mausoleums im Kölner Dom gibt es seit 1896 im Kyffhäuser-Denkmal die schon erwähnte Barbarossa-Sandsteinfigur. Ein wilder Geselle sitzt da, auf dem Kopf die Krone, die ihm der Papst höchstpersönlich aufs Haupt gesetzt hatte, die rechte Hand umklammert ein Schwert, die linke greift in den wallenden Bart, der fast bis zu den Knien reicht. Und der Kaiser sieht aus, ist zuweilen zu lesen, als würde er gerade aufwachen. Das hätte man wohl gern gehabt.
Nebenbei: Dass Johann Nepomuk Sepp den alten Barbarossa nicht gefunden hat, wird wohl an den Gebräuchen im nahen Osten gelegen haben. Wie bei ranghohen Personen üblich, war Barbarossas Leiche nach seinem Tod nämlich gekocht worden, um das in der Hitze schnell verwesende Fleisch, mit dem man es zu keiner offiziellen Beerdigung mehr geschafft hätte, von den Knochen zu lösen. Die Knochen wiederum, so schreibt ein Barbarossa-Biograph, nahmen die Kreuzfahrer anschließend in einem Ledersack mit ins Heilige Land. Heer und Knochen kamen aber nur bis zur genannten Hafenstadt Tyrus. Darum vermutet man, wie Johann Nepomuk Sepp eben auch, dass die Gebeine hier in der Kathedrale beigesetzt wurden. Fehlanzeige. Den Deutschen muss der Barbarossa-Mythos reichen, ohne Knochen.
O-Ton Peter Glasner 2
Wenn man daran denkt, an die napoleonische Kriege, dann auch Wiener Kongress, Restauration, also die Enttäuschung auch weiter Kreise, dass mit diesen Befreiungskriegen eben nicht die Einheit und die Freiheit gekommen ist. Da kriegt auf einmal dieser Mythos, wie übrigens auch der Mythos der Nibelungen, eine unheimliche Konjunktur und unheimlichen Aufwind.
Die Entstehungsbedingungen für den Barbarossa-Mythos waren dabei ideal: Erstens war der Friedrich Barbarossa sozusagen über Nacht verschwunden. Wobei man das wortwörtlich verstehen muss. Er war ja nicht nur tot. Auch sein Leichnam war weg. Und ein Grab gab es nicht. Zweitens war er viel zu früh und auf dem Höhepunkt seiner Macht gestorben. Da kommt der Wunschgedanke auf: Vielleicht kommt er ja noch mal wieder. Drittens herrschte Heldenmangel in einer Zeit, in der Napoleon auch die Deutschen Lande unaufhaltsam gedemütigt h tte. Und viertens, nicht zu vergessen: Nach dem Wiener Kongress gab es erst einmal kein Kaiserreich mehr. Und auch das spätere Deutsche Kaiserreich von 1871 hatte immer wieder mit den Rangeleien der vielen deutschen Kleinstaaten zu tun. Ein nationaler Mythos musste her.
Barbarossa-Lied
Da kam die Barbarossa-Sage gerade recht: dass der Staufer in einer Höhle des Kyffhäuserbergs nur schlafe, um eines Tages zu erwachen und das Reich wieder zu neuer Größe zu führen. In dieser Höhle sitzt er mit seiner goldenen Krone auf dem Kopf an einem Tisch, um den sein Bart schon zweimal herum gewachsen ist. Und wenn die dritte Runde beendet ist, so die Sage, beginnt das Ende der Welt. Vorher wacht Kaiser darum vorsichtshalber alle hundert Jahre auf.
Diese Höhle gibt es tatsächlich, zur Fuß gut zwei Stunden vom Denkmal entfernt. Sie wurde rein zufällig bei der Suche nach Kupfer im Kyffhäuser entdeckt. 800 Meter ist sie lang, mit hohen Gewölben und klaren Seen, “von beeindruckender Größe und Schönheit“, schreibt der Barbarossahöhle Eigenbetrieb der Gemeinde Kyffhäuserland. Im Jahr 1866 wurde die Falkenburger Höhle, wie sie zuerst hieß, darum als sogenannte Schauhöhle eröffnet. Schon kurz darauf benannte man sie in Barbarossahöhle um, also lange vor dem Bau des Kyffhäuser-Denkmals und der Gründung des Kaiserreichs. Der Mythos lebte also schon, wie gewünscht.
Barbarossa-Lied
Dabei war dieser Mythos auch vorher schon so populär und verführerisch, dass es vor allem im Mittelalter immer wieder Hochstapler gab, die sich als auferstandene Friedriche ausgaben, entweder als Friedrich II. oder eben als sein Großvater Barbarossa. Bekannt geworden ist vor allem Tile Kolup. Der hatte mit der Rolle Friedrich II. fast ein Jahr lang Erfolg, hielt Hof in der Nähe von Neuss, stellte mit einem gefälschten Siegel Urkunden aus und bestätigte sogar Privilegien, beispielsweise die der Äbtissin zu Essen. Irgendwann geriet er in die Hände des damals herrschenden Königs Rudolf von Habsburg. Der ließ ihn hinrichten.
Der Mythos lebte derweil unbehelligt weiter. So richtig bekannt machte ihn das Gedicht „Der alte Barbarossa“ von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1817. Aus dem spricht vor allem die Enttäuschung, dass es zwei Jahre nach dem Wiener Kongress das alte Kaiserreich nicht mehr gab und ein neues nicht in Sicht war, erzählt Dr. Peter Glasner.
O-Ton Peter Glasner 3
Da wird eben beschrieben, wie der dort eben da sitzt mit seinem verwachsenen Bart in dieser Tischplatte, die da eben monströs beschrieben wird. Sogleich oszilliert aber dann dieses körperliche Moment des langen, endlosen roten Bartes in etwas Feuerartiges. Und der unterhält sich dann auch mit einem mythischen Knaben und fragt ihn dann: Ziehen die Raben eben noch durch die Gegend? Und solange das der Fall ist, ist noch seine Stunde nicht gekommen.
„Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr.“
Der Dichter Max von Schenkendorf legt hier noch eine Schippe drauf. Das liegt sicher daran, dass der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon und die Franzosen teilgenommen hat. In seinem Gedicht „Das Bild in Gelnhausen“ träumt er von einem Sieg über die Franzosen.
O-Ton Peter Glasner 4
Das ist dann also auch keine harmlose Märchenerzählung, sondern eher der Versuch, auch mobil zu machen mit diesem Mythos. Und es geht natürlich um die Welschen. Das sind die Franzosen. Und die Welschen sind geschlagen und es siegt das heil’ge Kreuz. Wiederkehrt aus deinen Tagen, Lebensfülle, Lebensreiz. Also Frankreich bringt Tod und Verzweiflung. Der Sieg über Frankreich dann wieder mit dem Barbarossa-Mythos Fülle und die Freude des Lebens.
Irgendwann kommen dann aber doch Zweifel an dem Barbarossa- Volksglauben auf. Beispielsweise bei Karl Simrock, dem ersten Germanistikprofessor der Bonner Universität und sozusagen dem Vorgänger-Kollegen von Peter Glasner. Er hat die Barbarossa-Sage in einer Ausgabe seiner Volksbücher in den 1840er Jahren aus seiner Sicht nacherzählt. Also auch noch weit vor der neuen Kaiserreichsgründung.
O-Ton Peter Glasner 5
Es ist ganz bezeichnend, dass er eigentlich den Hauptbestandteil des Mythos, der plötzlich verschwundene Kaiser, der irgendwo auf seine Wiederkehr wartet, als Motiv ganz, ganz klein und ganz am Ende erzählt. Das interessierte überhaupt nicht. Er erzählt quasi am nationalen Mythos-Kern vorbei.
Weil er erstens der Mythos-Geschichte nicht traut. Dazu schreibt Karl Simrock:
O-Ton Peter Glasner 6
Also das sei irgendwie überliefert, aber eben nur von Bauern und Schwarzkünstlern – das sind glaube ich nicht besonders glaubwürdige Kandidaten. Bauern und Schwarzkünstler. Der kommt wieder.
Wer glaubt denn so was. Und außerdem, zweitens, zweifelt er an der Kompetenz des Personals, das da – im übertragenen Sinne - in der Kyffhäuserhöhle aufwachen könnte.
O-Ton Peter Glasner 7
Zitat Simrock: Welcher Kaiser das dann sein wird, das weiß Gott.
Kein gutes Haar mehr lässt dann Heinrich Heine an diesen vaterländischen Sentimentalitäten. Diese ganze Barbarossa-Sehnsüchtelei sei, schreibt er, „ein Gemisch von gotischem Wahn und modernem Lug, das weder Fleisch noch Fisch ist.“
„Das alte Heilige Römische Reich,
Stell's wieder her, das ganze,
Gib uns den modrigsten Plunder zurück
Mit allem Firlifanze.“
O-Ton Peter Glasner 8
Da ist dann der Erste 1844 Heinrich Heine mit Deutschland „Ein Wintermärchen“, der also da ganz kritisch auch rangeht mit solchen Versen wie „Geh‘, leg dich schlafen, wir werden uns auch ohne dich erlösen. Eine Absage an diesen Mythos und auch an dieses politische Programm, eine Absage an diese Deutschtümelei, die damit verbunden ist.
„Herr Rotbart - rief ich laut - du bist
Ein altes Fabelwesen.
Geh, leg dich schlafen, wir werden uns
Auch ohne dich erlösen.
Das beste wäre, du bliebest zu Haus
Hier in dem alten Kyffhäuser.
Bedenk ich die Sache ganz genau
So brauchen wir gar keinen Kaiser.“
Einen letzten Versuch, Barbarossa oder zumindest seinen Geist wieder lebendig werden zu lassen, gab es 1939: Da wurde auf dem Kyffhäuser auch noch ein Hindenburg-Denkmal errichtet. Das wurde allerdings nach dem 2. Weltkrieg von sowjetischen Soldaten vergraben. Bis heute ist nur der Oberkörper wieder freigelegt. Seither scheint es so, als habe Barbarossa auf Heinrich Heine gehört und schläft. So gut das bei 150.000 Besuchern im Jahr geht. Die deutsche Einheit hat er jedenfalls verschlafen. Vielleicht war sie ihm, der zu Lebzeiten von der Nordsee bis zum Mittelmeer herrschte, aber auch nur eine Nummer zu klein.
Barbarossa-Lied
Der Kyffhäuser-Mythos und der alte Barbarossa
Anmoderation
Der Kyffhäuser ist ein Mittelgebirge südlich des Harzes, in Thüringen.
Im Nordosten steht hier das Kyffhäuserdenkmal. Gebaut wurde der Riesenklotz zu Ehren Kaiser Wilhelms I., nach dessen Tod. Dennoch wurde es mehr und mehr zur sagenumwobenen Gedenkstätte für Kaiser Friedrich Barbarossa, der 700 Jahre vorher gestorben war. Wie ist dieser Mythos um Kaiser Barbarossa entstanden? Wie und durch wen hat er immer mehr Fahrt aufgenommen? Und was ist davon übrig geblieben, und was bis heute am Kyffhäuserdenkmal und drum herum davon zu sehen? Diesen Fragen ist Bernd Geisen nachgegangen.
Beitrag
Marschmusik
So in etwa sieht auch das Kyffhäuser-Denkmal aus: pompös, soldatisch und, ja, hochtrabend. Dieses Kyffhäuser-Denkmal, das eigentlich ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal ist, steht im Kyffhäusergebirge. Das liegt südlich vom Harz, nicht weit weg von Orten mit so schönen Namen wie Nordhausen, Sondershausen oder Sangershausen. Das Denkmal selbst sieht so aus: Oben drauf ist die Kaiserkrone, darunter gibt es ein kupfernes Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I., siehe hochtrabend. Und darunter dann eine aus Sandstein gemeißelte Figur Kaiser Friedrichs I. Der alte Kaiser auf dem Pferd wurde zu seiner Zeit gern mal Barbablanca genannt, Weißbart. Der unten auf den Sockel ist als Rotbart in die Geschichte eingegangen: der Staufer Friedrich Barbarossa.
Kaiser Wilhelm I. starb im Jahr 1888. Aus diesem Grunde wurde ihm hier ein Denkmal gebaut. Für die Gestaltung gab es ein Preisausschreiben - nur für deutsche Künstler. Darin heißt es, dass das Denkmal der weit sichtbaren Lage des Standortes entsprechen sollte. Bauplatz war der Kyffhäuserburgberg, genau auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen. Die war immerhin irgendwann einmal eine Stauferburg gewesen, das passte zumindest zu Barbarossa. Und die künstlerische Gestaltung sollte sich an einer militärischen Auffassung orientieren. Das tut sie.
Marschmusik kurz
Den Zuschlag bekam ein Spezialist für das ganz große Kino, so würde man heute dazu sagen. Auch wenn sein Name das nicht vermuten lässt: Bruno Schmitz. Der hat danach auch die Porta Westfalica und ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkriegs das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gebaut. Wie diese beiden ist auch das Kyffhäuser-Denkmal von seinen Ausmaßen her überwältigend. Allein der Turm der Anlage ist über 80 Meter hoch. Wie so oft in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II., dem Nach-Nachfolger Wilhelms I., „zeugen Gestaltung und Ausmaße auch des Kyffhäuser-Denkmals nicht unbedingt von Selbstgewissheit und Zukunftssicherheit“. Schreibt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Sie seien vielmehr „eher Ausdruck der Angst vor äußeren und vor inneren Feinden“. Gegen die sollte Barbarossa helfen. Daher kam seine Figur mit aufs Denkmal, allerdings nur ganz unten.
Dieser Friedrich I. Barbarossa war im Jahr 1155 zum deutschen Kaiser gekrönt worden, vor gut 900 Jahren also. Er war der erste in insgesamt 130 Jahren Staufer-Herrschaft über weite Teile Mittel- und Südeuropas. Und ausgerechnet dieser strahlende Kaiser Friedrich Barbarossa stirbt unerwartet auf dem dritten Kreuzzug am 10. Juni 1190, erzählt Dr. Peter Glasner. Er ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität.
O-Ton Peter Glasner 1
Friedrich Barbarossa ist eben ein ganz mit großer Fama versehener Kaiser. Und der ist dann auch noch auf dem Kreuzzug im Fluss Saleph ertrunken, hat also ein abruptes Ende genommen. Dadurch war auf einmal auch dieses Kreuzzugsunternehmen kopflos und eben auch die ganze Regentschaft.
Und das ist glaube ich auch ein guter Nährboden für Mythenbildung, dieses völlig unverständige plötzliche Verschwinden. Und das verbindet sich dann auch mit Sehnsüchten, Hoffnungen der Wiederkehr und vielleicht eben auch der Eignung als Projektionsfläche für eine ideale Regentschaft.
Als Vorbild für eine ideale Regentschaft hätte man Barbarossa nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 gut gebrauchen können, wenn wenigstens sein Grab in der Heimat gewesen wäre. Darum brach schon drei Jahre nach der Gründung eine Expedition deutscher Wissenschaftler in den nahen Osten auf: im Auftrag Fürst Bismarcks und unter der Leitung des Historikers Johann Nepomuk Sepp. Man vermutete nämlich die sterblichen Überreste von Friedrich Barbarossa in der Kathedrale der Hafenstadt Tyros im Libanon. Er sollte den Heldenhaften ins Deutsche Reich zurückbringen. Die Absicht dahinter war auch Sepp klar. Er schreibt im Vorwort seines Reiseberichts:
„[Die] Zurückführung der Überreste des alten Barbarossa [wird] die deutsche Nation in heilige Begeisterung versetzen. Welch ein Triumphzug, unseren größten Kaiser in den Kölner Dom zu übertragen, der als Sinnbild des längst in’s Stocken geratenen alten Reiches beim Aufbaue des neuen sich vollendet!“
Barbarossa-Lied
Die Expedition kam aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Anstelle eines Mausoleums im Kölner Dom gibt es seit 1896 im Kyffhäuser-Denkmal die schon erwähnte Barbarossa-Sandsteinfigur. Ein wilder Geselle sitzt da, auf dem Kopf die Krone, die ihm der Papst höchstpersönlich aufs Haupt gesetzt hatte, die rechte Hand umklammert ein Schwert, die linke greift in den wallenden Bart, der fast bis zu den Knien reicht. Und der Kaiser sieht aus, ist zuweilen zu lesen, als würde er gerade aufwachen. Das hätte man wohl gern gehabt.
Nebenbei: Dass Johann Nepomuk Sepp den alten Barbarossa nicht gefunden hat, wird wohl an den Gebräuchen im nahen Osten gelegen haben. Wie bei ranghohen Personen üblich, war Barbarossas Leiche nach seinem Tod nämlich gekocht worden, um das in der Hitze schnell verwesende Fleisch, mit dem man es zu keiner offiziellen Beerdigung mehr geschafft hätte, von den Knochen zu lösen. Die Knochen wiederum, so schreibt ein Barbarossa-Biograph, nahmen die Kreuzfahrer anschließend in einem Ledersack mit ins Heilige Land. Heer und Knochen kamen aber nur bis zur genannten Hafenstadt Tyrus. Darum vermutet man, wie Johann Nepomuk Sepp eben auch, dass die Gebeine hier in der Kathedrale beigesetzt wurden. Fehlanzeige. Den Deutschen muss der Barbarossa-Mythos reichen, ohne Knochen.
O-Ton Peter Glasner 2
Wenn man daran denkt, an die napoleonische Kriege, dann auch Wiener Kongress, Restauration, also die Enttäuschung auch weiter Kreise, dass mit diesen Befreiungskriegen eben nicht die Einheit und die Freiheit gekommen ist. Da kriegt auf einmal dieser Mythos, wie übrigens auch der Mythos der Nibelungen, eine unheimliche Konjunktur und unheimlichen Aufwind.
Die Entstehungsbedingungen für den Barbarossa-Mythos waren dabei ideal: Erstens war der Friedrich Barbarossa sozusagen über Nacht verschwunden. Wobei man das wortwörtlich verstehen muss. Er war ja nicht nur tot. Auch sein Leichnam war weg. Und ein Grab gab es nicht. Zweitens war er viel zu früh und auf dem Höhepunkt seiner Macht gestorben. Da kommt der Wunschgedanke auf: Vielleicht kommt er ja noch mal wieder. Drittens herrschte Heldenmangel in einer Zeit, in der Napoleon auch die Deutschen Lande unaufhaltsam gedemütigt h tte. Und viertens, nicht zu vergessen: Nach dem Wiener Kongress gab es erst einmal kein Kaiserreich mehr. Und auch das spätere Deutsche Kaiserreich von 1871 hatte immer wieder mit den Rangeleien der vielen deutschen Kleinstaaten zu tun. Ein nationaler Mythos musste her.
Barbarossa-Lied
Da kam die Barbarossa-Sage gerade recht: dass der Staufer in einer Höhle des Kyffhäuserbergs nur schlafe, um eines Tages zu erwachen und das Reich wieder zu neuer Größe zu führen. In dieser Höhle sitzt er mit seiner goldenen Krone auf dem Kopf an einem Tisch, um den sein Bart schon zweimal herum gewachsen ist. Und wenn die dritte Runde beendet ist, so die Sage, beginnt das Ende der Welt. Vorher wacht Kaiser darum vorsichtshalber alle hundert Jahre auf.
Diese Höhle gibt es tatsächlich, zur Fuß gut zwei Stunden vom Denkmal entfernt. Sie wurde rein zufällig bei der Suche nach Kupfer im Kyffhäuser entdeckt. 800 Meter ist sie lang, mit hohen Gewölben und klaren Seen, “von beeindruckender Größe und Schönheit“, schreibt der Barbarossahöhle Eigenbetrieb der Gemeinde Kyffhäuserland. Im Jahr 1866 wurde die Falkenburger Höhle, wie sie zuerst hieß, darum als sogenannte Schauhöhle eröffnet. Schon kurz darauf benannte man sie in Barbarossahöhle um, also lange vor dem Bau des Kyffhäuser-Denkmals und der Gründung des Kaiserreichs. Der Mythos lebte also schon, wie gewünscht.
Barbarossa-Lied
Dabei war dieser Mythos auch vorher schon so populär und verführerisch, dass es vor allem im Mittelalter immer wieder Hochstapler gab, die sich als auferstandene Friedriche ausgaben, entweder als Friedrich II. oder eben als sein Großvater Barbarossa. Bekannt geworden ist vor allem Tile Kolup. Der hatte mit der Rolle Friedrich II. fast ein Jahr lang Erfolg, hielt Hof in der Nähe von Neuss, stellte mit einem gefälschten Siegel Urkunden aus und bestätigte sogar Privilegien, beispielsweise die der Äbtissin zu Essen. Irgendwann geriet er in die Hände des damals herrschenden Königs Rudolf von Habsburg. Der ließ ihn hinrichten.
Der Mythos lebte derweil unbehelligt weiter. So richtig bekannt machte ihn das Gedicht „Der alte Barbarossa“ von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1817. Aus dem spricht vor allem die Enttäuschung, dass es zwei Jahre nach dem Wiener Kongress das alte Kaiserreich nicht mehr gab und ein neues nicht in Sicht war, erzählt Dr. Peter Glasner.
O-Ton Peter Glasner 3
Da wird eben beschrieben, wie der dort eben da sitzt mit seinem verwachsenen Bart in dieser Tischplatte, die da eben monströs beschrieben wird. Sogleich oszilliert aber dann dieses körperliche Moment des langen, endlosen roten Bartes in etwas Feuerartiges. Und der unterhält sich dann auch mit einem mythischen Knaben und fragt ihn dann: Ziehen die Raben eben noch durch die Gegend? Und solange das der Fall ist, ist noch seine Stunde nicht gekommen.
„Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr.“
Der Dichter Max von Schenkendorf legt hier noch eine Schippe drauf. Das liegt sicher daran, dass der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon und die Franzosen teilgenommen hat. In seinem Gedicht „Das Bild in Gelnhausen“ träumt er von einem Sieg über die Franzosen.
O-Ton Peter Glasner 4
Das ist dann also auch keine harmlose Märchenerzählung, sondern eher der Versuch, auch mobil zu machen mit diesem Mythos. Und es geht natürlich um die Welschen. Das sind die Franzosen. Und die Welschen sind geschlagen und es siegt das heil’ge Kreuz. Wiederkehrt aus deinen Tagen, Lebensfülle, Lebensreiz. Also Frankreich bringt Tod und Verzweiflung. Der Sieg über Frankreich dann wieder mit dem Barbarossa-Mythos Fülle und die Freude des Lebens.
Irgendwann kommen dann aber doch Zweifel an dem Barbarossa- Volksglauben auf. Beispielsweise bei Karl Simrock, dem ersten Germanistikprofessor der Bonner Universität und sozusagen dem Vorgänger-Kollegen von Peter Glasner. Er hat die Barbarossa-Sage in einer Ausgabe seiner Volksbücher in den 1840er Jahren aus seiner Sicht nacherzählt. Also auch noch weit vor der neuen Kaiserreichsgründung.
O-Ton Peter Glasner 5
Es ist ganz bezeichnend, dass er eigentlich den Hauptbestandteil des Mythos, der plötzlich verschwundene Kaiser, der irgendwo auf seine Wiederkehr wartet, als Motiv ganz, ganz klein und ganz am Ende erzählt. Das interessierte überhaupt nicht. Er erzählt quasi am nationalen Mythos-Kern vorbei.
Weil er erstens der Mythos-Geschichte nicht traut. Dazu schreibt Karl Simrock:
O-Ton Peter Glasner 6
Also das sei irgendwie überliefert, aber eben nur von Bauern und Schwarzkünstlern – das sind glaube ich nicht besonders glaubwürdige Kandidaten. Bauern und Schwarzkünstler. Der kommt wieder.
Wer glaubt denn so was. Und außerdem, zweitens, zweifelt er an der Kompetenz des Personals, das da – im übertragenen Sinne - in der Kyffhäuserhöhle aufwachen könnte.
O-Ton Peter Glasner 7
Zitat Simrock: Welcher Kaiser das dann sein wird, das weiß Gott.
Kein gutes Haar mehr lässt dann Heinrich Heine an diesen vaterländischen Sentimentalitäten. Diese ganze Barbarossa-Sehnsüchtelei sei, schreibt er, „ein Gemisch von gotischem Wahn und modernem Lug, das weder Fleisch noch Fisch ist.“
„Das alte Heilige Römische Reich,
Stell's wieder her, das ganze,
Gib uns den modrigsten Plunder zurück
Mit allem Firlifanze.“
O-Ton Peter Glasner 8
Da ist dann der Erste 1844 Heinrich Heine mit Deutschland „Ein Wintermärchen“, der also da ganz kritisch auch rangeht mit solchen Versen wie „Geh‘, leg dich schlafen, wir werden uns auch ohne dich erlösen. Eine Absage an diesen Mythos und auch an dieses politische Programm, eine Absage an diese Deutschtümelei, die damit verbunden ist.
„Herr Rotbart - rief ich laut - du bist
Ein altes Fabelwesen.
Geh, leg dich schlafen, wir werden uns
Auch ohne dich erlösen.
Das beste wäre, du bliebest zu Haus
Hier in dem alten Kyffhäuser.
Bedenk ich die Sache ganz genau
So brauchen wir gar keinen Kaiser.“
Einen letzten Versuch, Barbarossa oder zumindest seinen Geist wieder lebendig werden zu lassen, gab es 1939: Da wurde auf dem Kyffhäuser auch noch ein Hindenburg-Denkmal errichtet. Das wurde allerdings nach dem 2. Weltkrieg von sowjetischen Soldaten vergraben. Bis heute ist nur der Oberkörper wieder freigelegt. Seither scheint es so, als habe Barbarossa auf Heinrich Heine gehört und schläft. So gut das bei 150.000 Besuchern im Jahr geht. Die deutsche Einheit hat er jedenfalls verschlafen. Vielleicht war sie ihm, der zu Lebzeiten von der Nordsee bis zum Mittelmeer herrschte, aber auch nur eine Nummer zu klein.
Barbarossa-Lied