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Bernd Geisen

Warum heißt Pitigliano in der Toskana: „Klein-Jerusalem“? OMG 01

Das jüdische Erbe der italienischen Domstadt

12.03.2026 16 min

Zusammenfassung & Show Notes


Pitigliano in der Toskana ist bekannt für seine Altstadt, seinen Weißwein und seine besondere jüdische Geschichte. Der Ort trägt den Beinamen „Klein-Jerusalem“ und verweist auf eine lange kulturelle Verbindung. Die Folge geht der Frage nach, wie dieser Beiname entstand und was heute noch an die jüdische Geschichte von Pitigliano erinnert.

Piccola Gerusalemme: Klein-Jerusalem
Der Ort Pitigliano in der Toscana und die Geschichte seiner jüdischen Gemeinde

Meine Reise in den südlichsten Toskana-Zipfel hatte eigentlich schon in Berlin begonnen: in einem Schöneberger Café, bei einem Gespräch mit Peter Petri. Er ist Maler und seit über 30Jahren bekennender Pitigliano-Verehrer. Auf einem Vernissagen-Plakat stand über ihn: Wohnt in Berlin und Pitigliano. Mittlerweile hat er Berlin verlassen und ist ganz dorthin umgezogen. Von ihm wollte ich zur Einstimmung wissen, wie Pitigliano so ist.
 
O-Ton 1 Peter Petri: Pitigliano ist eine Stadt, wie es viele in Italien gibt, die aber schöner ist als andere. Sie hat alles, was eine italienische Stadt hat. Sie hat eine Burg, sie hat diese Altstadt mit den engen Gassen, sie ist auf einem Felsen gelegen.
Es ist eine kleine Stadt, in der sich alles konzentriert. Die ist (...) weitab von allen Zentren, von allen Großstädten. (...) Sie zieht Leute an aus aller Welt (...), besonders im Sommer, im Winter ist es sehr ruhig. (...) Und die ganze Gegend drum herum ist wunderschön.
 (...) Es hat mir gleich gefallen. Und es hat mich auch an meine Heimat erinnert, die Eifel, weil, die Landschaft ist sehr ähnlich, vulkanisch, es gibt Tuff, es gibt Bergformen, es gibt Maare wie in der Eifel, der Laacher See, und ich fühlte mich gleich zuhause.

Obwohl Pitigliano schon viel spektakulärer sei, legt Peter Petri nach. Das stimmt. Vor allem dann, wenn man sich dem Ort von Nordwesten über die Serpentinen aus dem Tal des Fiora-Flusses nähert. Dann taucht er Stück für Stück auf, hoch gelegen auf einem 300 Meter hohen Tufffelsen, wie viele Orte hier in der Region, stellenweise gestützt von mächtigen Fundamten, die tief in den Tuff hineingebaut sind. Die mehrgeschossigen Häuser darüber sind am äußeren Rand dieser Empore aufgereiht wie Basaltsäulen in einem Steinbruch.
Von den Fenstern dieser Häuser geht der Blick je nachdem bis weit in die westliche Maremma oder schwindelerregend tief hinunter in die grünen Täler rundherum.

Pitigliano hat rund 2500 Einwohner. Die sind alle katholisch, versichert man mir. Bis auf einige wenige, die jüdischen Glaubens sind. Pitigliano war mal ein verschlafenes Nest, das mittlerweile doch schon ein wenig touristisch geworden sei, hatte Peter Petri mich vorgewarnt. Immer mehr Leute kommen nämlich, um den trutzigen Palazzo Orsini zu sehen. Der beherbergt außerdem zwei Museen: das eine für Archäologie – kein Wunder, wir befinden uns hier im Kernland der alten Etrusker. Das andere ist das Museum für sakrale Kunst. Kein Wunder: Eine weitere lokale Attraktion ist nämlich der Dom: Pitigliano ist immerhin Bischofssitz.

Atmo Kirchenglocken

Und natürlich die malerische Altstadt. Durch das ehemalige Stadttor stößt man erst auf die Piazza Garibaldi mit dem Rathaus. An den hohen Bögen eines ehemaligen römischen Aquädukts entlang geht es bis zur großen Piazza della Republica mit den beiden großen Brunnen an jeder Stirnseite. Der eine beplätschert eine Bar, der andere eine Osteria. In der Bar sitzen nachmittags nicht nur Einheimische und Touristen, sondern auch südamerikanische oder afrikanische Krankenschwestern aus dem Krankenhaus in der Neustadt. Als wir abends In der Osteria essen, sitzt am Nebentisch der Bischof . Wohnen tut der ein Haus weiter, im Palazzo Orsini.

Durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, die von der Piazza abgehen, führen zwei Hauptwege zum Ortsrand: die Via Roma und die Via Zucharelli. Die eine, Via Roma, ist immer schon gesäumt gewesen von Alimentari, also den italienischen Tante-Emma-Läden, und winzigen Geschäften für Haushaltswaren, Elektrobedarf, Bäckerei und Metzgerei. Neuerdings sind es ein paar mehr, für Antiquitäten, Seifen oder Reiseandenken. Alles ist umrahmt von Wäscheleinen vor den Fenstern und Stromverteilerkästen, von denen Bündel von Kabeln nach links und rechts abgehen. Eines fällt außerdem auf: Es kann noch so eng sein: Platz für ein paar Tische und Stühle ist fast immer, für eine Osteria oder Pizzeria. Hier wird gut gegessen. Das weiß nicht nur der Bischof. Getrunken wird ebenfalls vom Feinsten. Beispielsweise der bekannte Bianco di Pitigliano, den die Landwirtschaftliche Genossenschaft, die Cooperativa Sociale, produziert. Der wird auch heute noch in den Tuffstein-Höhlen unter den Häusern der Weinbauern gelagert, wie schon in etruskischen Zeiten.

Zurück auf die Via Roma. Die führt an besagtem Dom vorbei zur Chiesa die San Rocco. Hier trifft sie mit der Via Zuccarelli zusammen, über die man wieder zurück zur großen Piazza kommt, und zwar durch das ehemalige jüdische Ghetto, vorbei an der dazugehörigen Synagoge und dem Museum für Jüdische Kultur. Warum all das für den Ort etwas Besonderes ist, erklärt uns Dottoressa Claudi Elmi, die Museumskuratorin.

O-Ton 2 Claudia Elmi: Perchè il Museo Ebraico di Pitigliano è molto particolare, quasi unico al mondo, perché oltre la Sinagoga ed il museo si può fare una passeggiata in quelli che erano i locali dell'antico quartiere ebraico scavati nel tufo, quindi rimangono sottoterra, e utilizzati dalla Comunità Ebraica di Pitigliano nel momento in cui, quando questa zona venne governata dai Medici, signori di Firenze,  nel 1622 venne imposto il ghetto quindi vennero costretti a vivere in questa piccola zona di paese, dove già c'era la Sinagoga e dove già, probabilmente, la maggior parte della Comunità Ebraica viveva, gli altri venner obbligati a stare qua e quindi, siccome, il posto non era molto esteso, utilizzarono per la loro vita quotidiana e di comunità gli ambienti sotto scavati nel tufo e facendo una passeggiata sotto, infatti, si può visitare la cantina kasher, il macello, il forno, i locali della tintoria il bagno rituale di purificazione, quindi una cosa particolare, è veramente suggestiva.
 
O-Ton 2 Claudia Elmi: Weil das Jüdische Museum von Pitigliano sehr besonders ist, fast einzigartig in der Welt, sagt sie. Denn zusätzlich zu der Synagoge und dem Museum kann man einen Spaziergang in den Räumlichkeiten des alten jüdischen Viertels machen, die in den Tuffstein gegraben worden sind. Die wurden von der jüdischen Gemeinde von Pitigliano zu der Zeit benutzt, als dieses Gebiet von den Medici regiert wurde, den Herren von Florenz, die sie im Jahr 1622 ins Ghetto verbannt haben, so dass sie gezwungen waren, in diesem kleinen Bereich des Ortes zu leben. (...) Und da der Ort für ihr tägliches Leben sehr begrenzt war, haben sie ihn nach unten erweitert, in den Tuffstein, wo man heute wieder den koscheren Keller, das Schlachthaus, die Bäckerei, die Färberei und das Bad besichtigen kann.

Dabei gibt es das Museum noch nicht allzu lange. Die Synagoge schon. Sie war allerdings nach dem zweiten Weltkrieg verwaist und ist irgendwann zur Hälfte ins Tal gerutscht. Anfang der neunziger Jahre hat die Gemeinde Pitigliano sie endlich wieder aufgebaut. Damals beschlossen die letzten verbliebenen Juden, hier einen Verein zu gründen, um an das jahrhundertelange jüdische Leben in Pitigliano zu erinnern. Neben der Synagoge ist das Museum für Jüdische Kultur, das der Verein ins Leben gerufen hat. Vereinsmitglieder gibt es nicht nur in Pitigliano, sondern  in ganz Italien und sogar in den USA.  Der Verein wurde La Piccola Gerusalemme, Klein-Jerusalem, genannt. Diesen Beinamen erhielt nämlich Pitigliano um 1850, erzählt Claudia Elmi.
 
O-Ton 3 Claudia Elmi: La denominazione Piccola Gerusalemme fu data a Pitigliano quando la Comunità Ebraica raggiunse il suo massimo splendore. Siamo intorno alla prima metà del 1800. Questo nome fu dato dai correligionari di Livorno perché a Pitigliano c'era una Comunità Ebraica molto viva, florida che aveva un impatto molto importante sulla Comunità Cattolica.

O-Ton 3 Claudia Elmi: Den Namen Piccola Gerusalemme hat man Pitigliano in seiner Glanzzeit gegeben. Das war etwa in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es waren Glaubensbrüder und -schwestern aus Livorno, die auf diesen Namen gekommen sind. Weil es in Pitigliano eine sehr lebendige, blühende jüdische Gemeinde gab, die auch einen sehr wichtigen Einfluss auf die katholische Gemeinde hatte.

Dass es hier diese große, lebendige und blühende Gemeinschaft gab, liegt vor allem an der Lage Pitiglianos nur fünf Kilometer von der Grenze zu Latium und 150 Kilometer von Rom entfernt. Weil sie aus dem Vatikanstaat vertrieben wurden, zogen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts immer mehr Juden nach Norden in die Toskana. Hier waren sie willkommen. Langsam erhöhte sich ihre Zahl auch in Pitigliano, bis sie Anfang des 18. Jahrhunderts ihren Höchststand erreicht hatte: mit über 300, das waren damals mehr als 10 Prozent der Bevölkerung des Ortes.  So entwickelte sich im Lauf der Zeit ein umtriebiges jüdisches Kulturleben hier, das so aktiv war, dass man Pitigliano den Beinamen Piccola Gerusalemme gab.

Die massive antisemitische Propaganda in den1930er-Jahren und die Einführung der Rassengesetze 1938 in Italien bedeuteten das Ende der jüdischen Gemeinde in Pitigliano. Wer konnte, emigrierte, andere wurden deportiert. Nicht zuletzt durch die Hilfe von katholischen Italienern haben aber offenbar alle Juden, die in dieser Zeit noch in Pitigliano geblieben waren, die Zeit der Verfolgungen überlebt. Dazu gehört auch Elena Servi. 

O-Ton 4 Elena Servi: Alcune famiglie che avevano, lavoravano nelle strutture pubbliche, c’era per esempio l'ingegnere comunale, ebreo, che andò via , andò a Roma perse il posto; c'era il direttore del Monte die Paschi di Siena che dovette lasciare il posto quindi andò a  Firenze. Alcune famiglie si trasferirono chi a Roma chi a Firenze. Rimasero qui quelle poche famiglie che, come mio padre, avevano un‘attività privata, avevano un negozio c’era chi aveva un negozio di alimentari  e mio padre come ho già detto di tessuti
(...) Poi, una brutta sera, chiamarono alla Casa del Fascio i capifamiglia, quelli che erano rimasti, perché alcuni se ne erano andati via, e dissero che avrebbero dovuto lasciare  Pitigliano.  Ora, naturalmente,  non era facile, mio padre avere tre figli, la moglie e la mamma molto anziana, cercò di andare a Firenze ma non gli riuscì e quindi rimarremo qui.
 
O-Ton 4 Elena Servi: Einige Familien, erzählt sie, arbeiteten in öffentlichen Einrichtungen. Da war zum Beispiel der jüdische Stadtingenieur. Der verlor seine Arbeit und ging nach Rom. Oder der Direktor der Bank Monte di Paschi di Siena, der seine Arbeitsstelle verlassen musste. Also ging er nach Florenz.
Die wenigen Familien, die hier geblieben sind, wie mein Vater mit uns, hatten ein privates Geschäft, die einen einen Lebensmittelladen, mein Vater hatte ein Textilgeschäft. Wie konnten nicht einfach weg.
Dann, eines schlimmen Abends, wurden die Familienoberhäupter, also der Familien, die übrig geblieben waren, in die Casa del Fascio, die lokale Zentrale der Faschisten, gerufen. Und man sagte ihnen, sie müssten Pitigliano verlassen.  Nun war das natürlich nicht einfach, mein Vater hatte drei Kinder, seine Frau, und seine Mutter war sehr alt. Er versuchte, mit uns nach Florenz zu gehen. Aber das klappte nicht.
 
Also blieb die Familie in Pitigliano.  Glück im Unglück war das gute Verhältnis zu den katholischen Nachbarn.
 
O-Ton 5 Elena Servi: Tant'èvero che quando nel 1943 i tedeschi occuparono granparte dell‘Italia e quindi cominciò la caccia all'ebreo noi scappammo dalla nostra casa e trovammo rifugio presso i contadini della zona, prima nel Comune di Pitigliano poi in quello di Farnese poi in quello di Valentano
(...) per alcuni mesi fummo presso i  contadini, anche se dovevamo cambiare posto ogni tanto,
(...) poi gli ultimi tre mesi da Marzo a Giugno li passammo in una grotta, sempre però aiutati dai contadini.
 
O-Ton 5 Elena Servi: Das war so gut, dass wir, als 1943 die Deutschen den größten Teil Italiens besetzten und damit die Jagd auf Juden begann, aus unserem Haus flohen und bei den Bauern der Gegend Zuflucht fanden. (...) Auch wenn wir ab und zu den Ort wechseln mussten (...). Die letzten drei Monate von März bis Juni 1945 verbrachten wir in einer Höhle. Aber die Bauern haben uns immer geholfen.

Zum Gedenken an die, die ihr eigenes Leben riskierten, um andere zu retten, wurde die Gemeinde Pitigliano und deren Synagoge von der Internationalen Raoul-Wallenberg-Stiftung zu einem „Haus des Lebens“ erklärt.

Elena Servi hat überlebt und lebt heute immer noch in Pitigliano. Mit ihr zusammen und ihrem Sohn und ihrer Schwester gibt es hier noch drei jüdische Mitbewohner.
Eine vierte Mitbewohnerin ist vor wenigen Jahren erst gestorben. Ihre letzte Ruhestätte hat sie als vorerst letzte Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof am Fuß des Ortes gefunden. Er erinnert mehr an einen Garten als an einen Friedhof, mit Zypressen und hohem Gras mit Wiesenblumen bewachsen, über drei Terrassen den Hang hinunter, mit vielen Grabplatten oder Sarkophag-artigen Grabstellen. Viele tragen die Namen Sedun, Paggi oder auch Servi. Alle sind schlicht und ohne Grabschmuck, wie es die jüdische Tradition verlangt. Nur ein paar der neueren Gräber haben sich ganz offensichtlich an der katholischen Umgebung orientiert: beispielsweise mit einer großen Engelfigur. Oder einer schneeweißen kleinen Mädchenskulptur auf einem Kindergrab.

Als erste beigesetzt wurde hier übrigens Mitte des 16. Jahrhunderts die Ehefrau des jüdischen Arztes in Pitigliano. Er war der Leibarzt des damaligen Grafen Orsini. Auch er, der Arzt, war wegen der Vertreibung der Juden aus dem Vatikanstaat nach Pitigliano gekommen. Das Land für den neuen Friedhof hat der damalige Graf Orsini der jüdischen Gemeinde geschenkt.

Synagoge und Museum und die jüdische Geschichte des Ortes haben hat sich mittlerweile zum Publikumsmagneten entwickelt. Mehr als 30.000 Besucher aus der ganzen Welt kommen jedes Jahr in die Via Zuccarelli, vor allem auch aus Deutschland.

O-Ton 6 Claudia Elmi :Lei pensi che all'inizio, quando cominciai a lavorare qua, nel 2003, la via Zuccarelli che è questa del ghetto che porta alla Sinagoga era abbandonata, non c'era un negozio non c'era niente e piano piano invece, siccome, da lì, dalla piazza si prende via Zuccarelli e si arriva al museo ebraico e alla Sinagoga, hanno cominciato ad aprire piccoli negozi e se lei ha visto  sono tutti artigiani, poi c'è un ristorante, ma gli altri sono tutti negozi, quindi, abbiamo dato vita, secondo me, cioè l'apertura della Sinagoga e del museo ebraico ha dato vita  a via Zuccarelli che era completamente deserta e era tutto concentrato nella paralella che è via del Corso, la via principale di Pitigliano, via Roma (...) Quindi un impulso forte.

O-Ton 6 Claudia Elmi: Am Anfang, erzählt Claudi Elmi, als sie hier angefangen habe zu arbeiten, im Jahr 2003, war die Via Zuccarelli, die durch das Ghetto zur Synagoge führt, verlassen. Es gab keinen Laden, es gab nichts.  Aber mittlerweile haben die Leute auch hier angefangen, kleine Läden zu eröffnen. Alles Kunsthandwerker, wie man sehen könne, dann gibt es mittlerweile auch ein Restaurant. Das heißt: Die Wiedereröffnung der Synagoge und das jüdische Museum haben der Via Zuccarelli zu dem Leben verholfen, das sich bisher nur auf die Hauptstraße von Pitigliano, die Via Roma, konzentriert hatte. Die Restaurierung der Synagoge und das Museum sind ein starker Impuls für den Tourismus gewesen.

Atmo draußen Leute in der Gasse

Trotz der Aufmerksamkeit aus der ganzen Welt hat sich Pitigliano viel von seiner liebenswürdigen Abgeschiedenheit bewahrt. Zum Beispiel auf den winzigen Piazza Antoni Becherini, zu der man kommt, wenn man nach dem Zusammentreffen der beiden Hauptstraßen noch knapp einhundert Meter weitergeht, bis zu einer hüfthohen Mauer: Hier ist der Ort zu Ende. Und hier ist übrigens auch das Atelier von Peter Petri zu finden.

Als ich an meinem letzten Abend vom Essen aus der Osteria, wo auch der Bischof speist, hierher zu meiner Wohnung zurückkomme, ist mächtig was los. Eine Nachbarin, Francesca, hat Geburtstag. Die Feier findet draußen auf der Gasse zwischen den Häusern statt. An den Häuserwänden hängen ein paar Luftballons. Es wird laut durcheinander geredet, ab und zu singt der ein oder anderen der männlichen Gäste etwas, das sich immer nach einer Opern-Arie anhört. Dann ganz plötzlich heißt es „Buna notte, gute Nacht zusammen, schlaf gut Francesca, bis morgen, ciao, ciao.“ Ein paar Holztüren werden rumpelnd geschlossen. Und dann ist es ganz sehr still. Nur der Wind pfeift ganz leise über den Mauerrand am Gassenende. Und ganz weit weg, irgendwo auf der anderen Talseite, quält sich ein Weilchen noch ein Moped knödelnd den Berg hoch. Dann ist Ruhe.  


Der Ort Pitigliano in der italienischen Toskana ist bekannt für seine romantische Altstadt und den berühmten Weißwein, den Bianco di Pitigliano. Und auch für seinen Dom: Pitigliano ist nämlich Bischofssitz, obwohl es so klein ist. Immer mehr Besucher kommen mittlerweile aber wegen seiner Synagoge und der jüdischen Geschichte Pitiglianos. Die hat dem Ort einst den Beinamen Piccola Gerusalemme eingebracht, also Klein Jerusalem.