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Bernd Geisen

Warum kommen Weltklassemusiker in eine kleine Berliner Kirche? OMG 13

Sensation nach der Eröffnung

17.07.2026 9 min

Zusammenfassung & Show Notes

Die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem wurde in den 1930er-Jahren errichtet und ist eng mit der Geschichte der Bekennenden Kirche verbunden. Gleichzeitig wurde sie durch ihre außergewöhnliche Akustik zu einem wichtigen Aufnahmeort für klassische Musik. Internationale Dirigenten und Orchester nutzen den Raum für Einspielungen. Diese Folge verbindet Architekturgeschichte, Kirchengeschichte und Musikproduktion an einem besonderen Ort.

Die weltberühmte Akustik in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem

Wer nach Berlin kommt und dabei auch den Ortsteil Dahlem besucht, wird feststellen: Es gibt hier zwei protestantische Pfarrkirchen. Einmal die kleine St. Annenkirche. Sie war lange Zeit die Kirche des alten Dorfes Dahlems und ist schon im Mittelalter gebaut worden, aus Feldsteinen und Ziegelsteinen, der Kirchturm ist sogar noch aus Holz. Und dann ist da noch die neue Jesus-Christus-Kirche, ungefähr einen Kilometer entfernt. Deren Mauern sind nur aus Backstein. Sie wurde 1931 eingeweiht und steht seither inmitten der Dahlemer Villen, ein schlichtes und schmuckloses hohes Kirchenschiff mit einem seitlich angesetzten Glockenturm plus Kreuz obendrauf.  An der Giebelfront über den Eingangstüren hängt eine Bronzefigur, ein segnender Christus. Gebaut worden sei die Kirche im Geist des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit, sagt Cornelia Kulawik. Sie ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem. Und dass sie deutlich größer ausgefallen ist als die alte Dorfkirche, sagt sie, sei damals dringend nötig gewesen. Denn Dahlem war in einem rasanten Tempo gewachsen: 100 Menschen lebten hier um das Jahr 1900, 20 Jahre später waren es schon über 7.000.

O-Ton Cornelia Kulawik
Besonders war das an Weihnachten spürbar. (…) Da kann man sich vorstellen, dass eine kleine Dorfkirche mit 200 Plätzen nicht mehr für Weihnachtsgottesdienste ausreicht. Da gab es echt zum Teil handgreifliche Szenen und Beschwerden: Wer kriegt da überhaupt einen Platz? Es war völlig klar, dass man eine größere Kirche braucht.

In die neue  Kirche kamen dann seit den frühen 1930er Jahren nicht nur einheimische Dahlemer Kirchenbesucher, sondern auch immer mehr auswärtige. Grund dafür war, dass hier Martin Niemöller der Dahlemer Gemeindepfarrer war. Er war Mitbegründer der Bekennenden Kirche, der Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die nationalsozialistischen Machthaber. Man erzählt sich, dass schon eine Stunde vor Beginn seiner Gottesdienste am Sonntagmorgen die U-Bahn Richtung Dahlem überfüllt war. Und dass der Schaffner extra durchrief: „Thielplatz! Zu Niemöllers Gottesdienst hier aussteigen!“

Zur Pilgerstätte ist die Jesus-Christus-Kirche auch für Musiker geworden. Das begann kurz nach Ende des 2. Weltkriegs. Auslöser war ein Besuch von Wilhelm Furtwängler und seinen Berliner Philharmonikern, die im zerbombten Berlin nicht wussten wohin, erzählt Jan Sören Fölster. Er ist der Kirchenmusiker der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem.

O-Ton Jan Sören Fölster 1
Die Philharmoniker suchten Proberäume und waren zunächst in unserem großen Gemeindesaal in der Thielallee und haben da lange Zeit gut geprobt und irgendwann mal als Dank ein Konzert in unserer Jesus-Christus-Kirche machen wollen. Und dabei wurde es aufgenommen. Und da fiel allen auf, wie phantastisch durchhörbar und rund diese Aufnahmen geworden sind. Das (…) haben sie sich sofort zunutze gemacht und schon unter Furtwängler angefangen, die ersten Aufnahmen hier zu machen.

Musik Furthwängler von 1945, , klingt aus

Bis heute ist die Jesus-Christus-Kirche für viele klassische Musiker weltweit begehrter als jedes professionelle Aufnahmestudio. Dabei ist die besondere Akustik  eigentlich eher durch Zufall entstanden. Bei der Planung des Kirchenbaus ging es eigentlich nur darum, dass die Besucher den Pfarrer vorn überall in der Kirche gut hören können.
 
O-Ton Jan Sören Fölster 2
Die haben einen Akustiker eingeschaltet, (…)  der gesagt hat: Gemessen an der Anzahl der Sitzplätze ist die Akustik und der Nachhall viel zu lang.
(…) Wenn der Nachhall zu lang ist, dann verschwimmt alles, und da gibt es Reflexionen überall, und dann ist es nicht gut zu verstehen
(…) Und dann hat man in diesen wahnsinnig hohen Raum, der bis zu 22 Meter in der Höhe ist, eine Holzlamellendecke eingebaut, (…) also, die sollte eigentlich einfach den Nachhall dämpfen.
 
Das tat die erwähnte Holzlamellendecke auch, und zwar durch die vielen Holzbalken, die hoch oben von links nach rechts verlaufen und das Dach tragen: Sie dämpfen den Nachhall. Diese Konstruktion hatte aber noch einen zweiten Effekt, mit dem niemand gerechnet hatte.
 
Wir sind mittlerweile in der Kirche. Was ist das Wunderbare an dieser Akustik hier in diesem Raum?
 
O-Ton Jan Sören Fölster 3   
Sie können vielleicht mal hören, wenn ich klatsche (klatscht). Gut drei Sekunden Nachhall. Gleichzeitig ist aber durch die Konstruktion der Holzlamellendecke dafür gesorgt, dass die tiefen Frequenzen, die in anderen Räumen ähnlicher Größe alles vermulmen und unklar machen, dass just diese Frequenzen herausgefiltert werden und dadurch wunderbare, rund klingende Aufnahmen in einer unglaublichen Brillanz entstehen. Und das ist das, was alle hier Aufnehmenden lieben, von dem Sologeiger bis zum Pianisten bis zum großen Symphonieorchester oder Chor und Orchester, die hier auch aufgenommen werden.

Oboenmusik Albrecht Meyer, wird leiser  (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:10:00)

Dazu kommt, dass in der Jesus-Christus-Kirche auch die genannten Geiger und Pianisten beim Spielen in den Genuss der besonderen Akustik kommen. Das ist nicht immer so, wie Albrecht Meyer sagt. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und hier zu hören in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, und zwar in einem Film der Deutschen Grammophon, die die Jesus-Christus-Kirche seit vielen Jahren für ihre Aufnahmen nutzt..

Musik klingt aus.
 
O-Ton Albrecht Meyer (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:32:00)
Ha ha ha. Man hört schon hier etwa so 4 Sekunden Nachhall. (…) . Du brauchst für eine Aufnahme eine Resonanz. In der Philharmonie am Potsdamer Platz hast du zwar eine Resonanz. Aber du hörst sie nicht. Die hören nur die Zuhörer. Befriedigender ist natürlich, hier zu spielen.

Musik klingt aus.

Der Hall in professionellen Aufnahmestudios reicht hinten und vorn nicht aus. Und selbst in der Jesus-Christus-Kirche noch nicht. Darum müssen Musikaufnahmen auch von hier in aller Regel nachverhallt werden, wie Jan-Sören Fölster das nennt:

O-Ton Jan Sören Fölster 4
Man denkt, es wäre gar nicht nötig, weil hier eigentlich der Raum ausreichend Hall hat. Aber für ein rundes und noch angenehmeres Klanggefühl ist eine Verhallung selbst in dieser Kirche noch notwendig.
(…) Heutzutage gibt es computergenerierten sogenannten Faltungshall.
(…) Aber in früheren Zeiten, als des den noch nicht gab, hat man einfach Aufnahmen aus dieser Kirche lustigerweise hier das Treppenhaus geschafft, da abgespielt und mit dem Hall des Treppenhauses nachverhallt und dadurch noch schönere und rundere Klangergebnisse produziert.

Das heißt: Man hat eine Aufnahme im weiten Treppenhaus der Jesus-Christus-Kirche abgespielt und dort einfach noch einmal neu aufgenommen hat. Hat gereicht. Das waren noch Zeiten.

Für alles, was für Musikaufnahmen nötig ist, gibt es heute zwei moderne Tonstudios im Vorraum der Kirche, eines gehört übrigens dem Deutschlandradio. Die Deutsche Grammophon spendierte sogar eine Pausenküche für die Musiker. Und so kommt heute alles, was Rang und Namen in der klassischen Musik hat, für Tonträgeraufnahmen in die Jesus-Christus-Kirche. Einer der letzen war der chinesische Pianist Lang Lang, der hier die Bach’schen Goldberg-Variationen aufgenommen hat. Und legendär ist die frühe Zeit der 1960er und 1970er Jahre, in denen Herbert von Karajan in dieser Kirche alle seine Musikprojekte mit den Berliner Philharmonikern eingespielt hat. Nochmal ein kurzer Ausschnitt aus dem Film der Deutschen Grammophon:

Karajan Probe (aus Film der Deutschen Grammphon; Länge: 00:16:00)

Dass Karajan die protestantische Jesus-Christus-Kirche für seine Aufnahmen immer wieder nutzen wollte, hat ihr übrigens den Beinamen „Karajans Kathedrale“ eingebracht. Ob ihm das gefallen hat, ist nicht überliefert. Interessant ist dabei nur:  Karajan war praktizierender Katholik.