Wenn eine Meerenge die Welt blockiert: Die unsichtbaren Folgen der Hormuz-Sperre für Wirtschaft und Anleger
Düngemittel, Helium und Kunststoffe – wie eine blockierte Meerenge Lieferketten weltweit erschüttert und warum der Ölpreis nur die Spitze des Eisbergs ist.
16.06.2026 36 min
Zusammenfassung & Show Notes
Die Sperre der Straße von Hormuz trifft die Weltwirtschaft weit tiefer, als der Ölpreis allein vermuten lässt. Durch diese Meerenge fließt nicht nur ein Fünftel des weltweiten Öls und Gases, sondern auch ein Drittel der globalen Düngemittelproduktion sowie kritische Spezialrohstoffe wie Helium für die Chipproduktion und Polyphenylether für die Elektronikindustrie. Dr. Manfred Drennig erklärt, warum selbst eine rasche politische Einigung die Krise nicht beendet – denn zerstörte Produktionsanlagen lassen sich nicht wegverhandeln. Für Anleger bedeutet das: Wer nur auf Energieaktien schaut, sieht nur einen Bruchteil der Chancen und Risiken.
In der Premierenfolge von „Was ist, wenn?" sprechen Stefan Ferstl und Investment-Experte Dr. Manfred Drennig über die Sperre der Straße von Hormuz – und warum ihre Folgen weit über steigende Spritpreise hinausreichen.
Durch diese schmale Meerenge zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel wurde bisher rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gasbedarfs transportiert. Doch Dr. Drennig macht deutlich, dass das erst der Anfang der Geschichte ist. Ebenfalls blockiert: rund ein Drittel der weltweiten Düngemittelproduktion beziehungsweise ihrer Vorprodukte wie Ammoniak und Harnstoff. Die Weltbank schätzt, dass die Düngemittelpreise um gut 30 Prozent steigen werden – mit direkten Folgen für Lebensmittelpreise weltweit und damit für das verfügbare Einkommen der Haushalte. Und das trifft am Ende Händler, Gastronomen und Konsumgüterhersteller, die mit der Krise am Golf auf den ersten Blick nichts zu tun haben.
Besonders aufschlussreich ist der Teil zu den sogenannten „verdeckten Abhängigkeiten": Helium, ein Nebenprodukt der Erdgasgewinnung und bisher maßgeblich aus Katar, ist unverzichtbar für die Chipproduktion. Ohne Helium kein Chip, ohne Chip kein KI-Boom. Ebenso betroffen ist Polyphenylether aus Saudi-Arabien, ein Isolierstoff in unzähligen Elektrogeräten – dessen Ausfall an der Börse in Südkorea schon innerhalb weniger Wochen eine Kursrally bei Ersatzlieferanten ausgelöst hat. Und selbst die leeren Containerstellplätze auf der Südautobahn bei Wiener Neudorf sind, wie Dr. Drennig zeigt, ein sichtbares Symptom dieser globalen Verstopfung.
Für Anleger ziehen die beiden daraus klare Schlüsse: Vorsicht bei Chemie- und Pharmaaktien mit undurchsichtigen Lieferketten, Skepsis gegenüber den hochgesteckten Produktionserwartungen der Chip-Industrie, und gleichzeitig Chancen bei Unternehmen, die ausgefallene Lieferanten ersetzen können – wie Düngemittelproduzenten ohne Abhängigkeit vom Nahen Osten oder Recyclingspezialisten wie Aurubis. Pauschalurteile helfen nicht. Was hilft, ist Detailarbeit.
Keypoints
- Hormuz ist mehr als Öl: Durch die Meerenge lief bisher auch ein Drittel der weltweiten Düngemittelversorgung – mit prognostizierten Preissteigerungen von rund 30 Prozent und spürbaren Folgen für Lebensmittelpreise weltweit.
- Verdeckte Abhängigkeiten: Helium aus Katar ist unverzichtbar für die Chipproduktion, Polyphenylether aus Saudi-Arabien steckt in unzähligen Elektrogeräten – Lieferausfälle treffen damit auch den KI-Sektor.Politik löst nicht alles: Eine Einigung beendet die Sperre – aber nicht die Monate dauernde Reparatur zerstörter Produktionsanlagen. Die Erholung der Lieferketten dauert länger als die Krise selbst.
- Verlierer und Gewinner: Wer Unternehmen findet, die ausgefallene Lieferanten ersetzen können, findet auch Chancen – wie das Beispiel Kolon Industries in Südkorea zeigt, deren Aktie allein im April um 30 Prozent stieg.