beyond kpi

Stefan Klung
Since 10/2024 53 Episoden

Wir glauben, wir wählen nach Vernunft. Dabei schlägt ein Elfmeterschießen jede Regierungserklärung – jedes Mal.

Heute am 23.06.26 haben Millionen Menschen über ihre Rente entschieden bekommen. Geredet haben heute aber alle über Fußball.

07.07.2026 72 min

Zusammenfassung & Show Notes

Wenn das nicht strange ist, oder? Ja. Aber genau hier wird's interessant.

Zum zweiten Mal war Sven Steffes-Holländer bei mir zu Gast – Chefarzt für Psychosomatik, systemischer Denker und jemand, der zwischen den Welten surft. Diesmal mit einem Begriff, den er selbst geprägt hat: Psychokratie

Die Idee dahinter: Was wir aus der Therapie über einzelne Menschen wissen, erklärt oft erstaunlich viel über ganze Gesellschaften.

Unser Aufhänger war ausgerechnet die Fußball-WM. Tag 13. Und die Frage: Warum lässt uns ein Elfmeterschießen mehr mitfiebern als die größte Rentenreform seit Jahrzehnten?

Folgende Thesen standen im Raum:
1. Aufmerksamkeit erzeugt Bedeutung. Nicht Wahrheit. Nicht Semantik. Nur Lautstärke. Und wer die Logik der Aufmerksamkeit versteht, kann sie bespielen – bis ein FIFA-Präsident plötzlich über die Zukunft des Gazastreifens diskutiert und selbst nicht mehr weiß, wo seine Expertise liegt.
2. Ambiguitätstoleranz ist tatsächlich kein reines Berater-Bullshit-Bingo-Wort. Es ist die Fähigkeit, zwei Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten, ohne sofort in den Impuls zu springen. Sven sagt es ehrlich: Er liebt Fußball, seit er denken kann – und ist gleichzeitig über den Kontext nicht glücklich (und das ist die diplomatische Erklärung). Beides. Zur selben Zeit. Genau dieser Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion ist vielleicht der wichtigste Skill unserer Zeit.
3. Zerstörung hat eine Lust in sich. Das kennt jedes Kind, das mit Genuss die Sandburg plattmacht. Zerstörung reduziert Komplexität, gibt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, definiert Rollen: Täter, Opfer, fertig. Kann helfen. Aber eben nur im Sandkasten. Und sie performt immer besser als der geduldige Aufbau scheinbar.

Denn der laute Disruptor gewinnt gegen den stillen Gärtner – weil Bedrohung länger im Gedächtnis bleibt als jede konstruktive und behutsam entwickelte Geschichte.
Denn mit jedem Konzept von Zerstörung war in der Menschheitsgeschichte immer auch ein Konzept von Erlösung verbunden. Aus der Asche wächst Neues. Nicht als Kalenderspruch, sondern als Muster. Schade eigentlich, oder, dass es scheinbar nur so funktioniert.

Erich Fromm hat es so gesagt: "Destruktivität ist die Folge ungelebten Lebens." Vielleicht auch ungelebten Liebens.
Bleibt die Frage, wie wir in Beziehung bleiben, statt den Exit zu nehmen. Und Svens Bild dafür ist so schlicht und ja eigentlich Physik: Reibung erzeugt Wärme.

Danke, Sven, erneut für die Tiefe – und für ein Gespräch, das sich anfühlte wie eine Fahrt auf der wilden Maus auf der Kirmes. Mein Dank geht auch wie immer an André Souren für die Produktion.

#BeyondKPI #Psychokratie #Ambiguitätstoleranz #Gesellschaft