Duderstedt auf Kultour

Andreas Duderstedt
Since 08/2022 35 Episoden

Der unbequeme Hanswurst

Dramatiker und Schauspieler Dario Fo

15.07.2026 10 min

Zusammenfassung & Show Notes

Der Narr, der Possenreißer, der den Mächtigen den Spiegel vorhält und sie der Lächerlichkeit preisgibt: Das war der italienische Dramatiker und Schauspieler Dario Fo.
 
Weil er „in Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wiederaufrichtet“, verlieh ihm die Schwedische Akademie 1997 den Literaturnobelpreis. Da war er 71 und hatte rund 40 Gerichtsprozesse hinter sich, auch Morddrohungen, mehrmals wurde er noch in Kostüm und Maske von der Bühne weg verhaftet: Die Macht fürchtete ihn. Das italienische Fernsehen RAI sperrte ihn 16 Jahre aus, erst der Nobelpreisträger durfte dort wieder auftreten. Dario Fo, geboren am 24. März 1926, sagte in seiner Dankesrede in Stockholm, er sei nicht zum Theater gegangen, um den Hamlet zu spielen, sondern um ein Clown zu sein, ein Hanswurst.
Als der Clown den höchsten Preis für Literatur bekam, empfanden das viele als Skandal. Diese Kritiker, sagte Fo später, sahen „eine Art Kaste von Schriftstellern, die vorgaben, das Recht zu haben, diesen Preis zu bekommen. Das Recht auf den Nobelpreis hatten nur die echten Literaten.“ Dass ihn dann ein Komödiant gewann, war für viele eine ärgerliche Störung.
Als er vor hundert Jahren im lombardischen Sangiano, nicht weit vom Lago Maggiore, zur Welt kam, war dort noch die alte mündliche Erzähltradition lebendig. Seine Familie war in der Resistenza aktiv, dem antifaschistischen Widerstand; seinem Vater, einem Eisenbahner, half er, Flüchtlinge und Deserteure illegal in die Schweiz zu bringen. Zunächst studierte er Kunst und Architektur in Mailand, arbeitete kurze Zeit als Architekt. Ab 1950 widmete er sich ganz dem Theater, improvisierte Einpersonenstücke, schrieb satirische Monologe, die bei Kirche und Staat bald Anstoß erregten. 
1954 heiratete er Franca Rame, die aus einer traditionsreichen Wanderschauspielerfamilie stammte und ein Leben lang seine kongeniale Partnerin blieb. Die Bühne der beiden war zunächst das populäre Piccolo Teatro in Mailand. Erfolge wie „Die Erzengel spielen nicht Flipper“ (1960) stellten sich ein, auch im Ausland.
1968 orientierten sich Fo und Rame radikal neu: Sie verließen die bürgerlichen Bühnen, sie wollten nicht mehr die giullari, die Spaßmacher der Bourgeoisie sein, sondern die giullari des Proletariats. Fo: „Tatsächlich akzeptierte die Bourgeoisie unsere Satire, unsere Ironie, weil sie systemimmanent war. Sie tat der Bourgeoisie gut wie ein Masseur, der einen durchknetet. Uns wurde klar, dass das so nicht bleiben konnte, wollten wir uns selbst treu bleiben.“ Eine neue Theatertruppe entstand, die „Nouva Scena“, die zunächst eng mit der Sport- und Freizeitorganisation der Italienischen Kommunistischen Partei PCI zusammenarbeitete. Fo und Rame ging es mit ihrer Kunst darum, „das Wachstum eines realen revolutionären Prozesses zu fördern, das die Arbeiterklasse tatsächlich an die Macht bringt“.
Und bald waren seine Stücke in Italien allgegenwärtig. Vor Tausenden Zuschauern spielte er nicht nur in Theatern, sondern auch in Fabriken, besetzten Häusern, in Supermärkten, an Bushaltestellen. 
Der große Komödiant Dario Fo schrieb Komödien, die turbulent und chaotisch, derb und vulgär, temporeich und verrückt sind – und von umwerfender Komik, die sich oft in nächster Nähe zum Grausam-Tragischen bewegt. Zum Beispiel in „Einer für alle, alle für einen! Verzeihung, wer ist hier eigentlich der Boss?“ (1971). Dort versteckt sich ein kommunistischer Arbeiter, der auf einer Demonstration eine Schusswunde im Gesäß abbekommen hat, in einer Schneiderei, wo seine Verlobte als Schneiderpuppe dienen muss und sich deshalb nicht bewegen darf. Ihre Kolleginnen verarzten den Verletzten („Der Arsch ist die Achillesferse der Staatsfeinde!“), der sich vor dem Chef als Witwe tarnt, um nicht entdeckt zu werden. Das Stück handelt von der Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung von 1911 bis zur Machtergreifung des Faschismus 1922 und wurde vom Autor zusammen mit seinem Theaterkollektiv entwickelt. Grundlage waren Archive, Gerichtsprotokolle, Zeitschriftenartikel, Memoiren und mündliche Berichte von alten Arbeitern. Fo nannte das in Anlehnung an Brechts Lehrstücke „teatro didattico“.
1969 sterben bei einem Bombenattentat in Mailand 16 Menschen. Polizei und die meisten Medien gehen sofort von linksradikalen, anarchistischen Tätern aus. Der Hauptverdächtige Giuseppe Pinelli stürzt bei einem Verhör unter unklaren Umständen aus einem Fenster des Mailänder Polizeipräsidiums und ist sofort tot. Erst drei Jahre später kommt ans Licht, dass Neofaschisten die Täter sind. In dem Stück „Zufälliger Tod eines Anarchisten“, uraufgeführt 1970, greift Fo den Fall Pinelli auf. „Der Verrückte“ (matto) spielt ein aberwitziges Verwechslungsspiel, indem er sich als Richter, aber auch als psychisch Kranker, Psychiater und Bischof ausgibt – und er sagt die Wahrheit. Am Ende fällt er aus dem Fenster.
1978 entsteht gemeinsam mit Franca Rame das Monologstück „Nur Kinder, Küche, Kirche“. Drei Stunden wirbelt und tobt eine Frau in verschiedenen Rollen und Zusammenhängen über die Bühne. Es geht um den stressigen Alltag einer Arbeiterin mit kleinem Kind, es geht um Misshandlung und sexuelle Gewalt durch den Ehemann. Ob als verfolgte Kommunistin oder als Nutte in der Heilanstalt – das feministische Theater von Rame und Fo wird sofort ein Publikumsmagnet. „Wir haben den Schlüssel der Groteske gewählt, weil wir der Überzeugung sind, dass es nichts hilft, sich zu beweinen“, erklärt Franca Rame. „Sondern wir wollten ein Stück darüber, was es heißt, Frau zu sein, in komisch-grotesker Weise präsentieren.“
Auch die Tragikomödie „Offene Zweierbeziehung“ (1983) ist ein gemeinsames Werk des Ehepaars. Die Frau leidet unter den Seitensprüngen ihres Mannes, der daraufhin eine Öffnung ihrer Ehe vorschlägt. Aber als sich die Frau dann neue Ziele setzt, nimmt er sich das Leben.
In „Bezahlt wird nicht!“ rauben Frauen, weil alles so teuer ist, einen Supermarkt aus. Thema der Polit-Farce von 1974 ist ziviler Ungehorsam angesichts eines brutalen Kapitalismus. Leonardo Raab hat das Stück 2025 im Staatstheater Mainz inszeniert. Ist der klassenkämpferische Ansatz von Dario Fo heute noch aktuell? Die Kritikerin Hannegret Kullmann vom Südwestrundfunk meint dazu, der soziale Sprengstoff von 1974 wolle heute nicht zünden, „nicht, weil wir keine Probleme mehr hätten, sondern weil Gesellschaft und Zeitgeist heute andere sind“. Dazu Regisseur Raab: „Sicherlich zündet der Stoff heute nicht mehr so unmittelbar wie in den 1970er-Jahren. Die politischen Fronten haben sich ausdifferenziert, viele Themen der Arbeiter*innenklasse werden im Turbokapitalismus überlagert oder individualisiert.“ Umso wichtiger bleibe es, sie auf der Bühne zu verhandeln. „Was den Stoff jedoch zeitlos macht, ist die Frage nach Solidarität und Zusammenhalt: nach einer Gemeinschaft, die zumindest versucht, sich nicht alles gefallen zu lassen“, so Leonardo Raab.
Der Marxist Dario Fo war alles andere als dogmatisch, sein Verhältnis zur PCI durchaus spannungsreich. Mit über 80 Jahren engagierte er sich in der kurzfristig erfolgreichen Fünf-Sterne-Bewegung. Ob dieser Einsatz für die Partei seines Komiker-Kollegen Beppe Grillo ernst gemeint war oder eine Clownerie, steht dahin. Die Verbindung hielt jedenfalls nicht lange.